DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
Alle Premieren 17.18
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-((
Der OF-Stern * :-)))
HUMOR & Musikerwitze
Bilsing in Gefahr
Herausgeber Seite
----
KINO Seite
CD DVD BluRay
Buchkritik aktuell
Kliers Discografie
-----
Oper und Konzert
Pr-Termine 2016.17
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Basel
Basel Musicaltheater
Basel - Casino
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Bayreuth Festspiele
Belogradchik
Bergamo
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstige
Bern
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bozen
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Musikfest 2016
Bremerhaven
Breslau
Brünn Janacek Theate
Brüssel
Budapest
Budap. Erkel Theater
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Duisburg
Düsseldorf
Düsseldorf Tonhalle
Schumann Hochschule
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl Festspiele 2015
Erl Festspiele 2014
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Philharmonie
Essen Folkwang
Eutin
Fano
Fermo
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Gelsenkirchen MiR
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Giessen
Glyndebourne
Görlitz
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte
Graz Sonstiges
Hagen NEU
Hagen alt
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Bad Ischl
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Köln Staatenhaus
Köln Wiederaufnahmen
Köln Kinderoper
Köln Kammeroper
Köln Philharmonie
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
London ENO
London ROH
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Lyon
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim WA
Mannheim
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Minden
Minsk
Miskolc
Mönchengladbach
Mörbisch
Hamburg
Monte Carlo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neuss RLT
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oldenburg
Ölbronn
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Parma
Passau
Pesaro
St. Petersburg
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Bad Reichenhall
Remscheid
Rendsburg
Riga
Rosenheim
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
San Francisco
San Marino
Sarzana
Sassari
Savonlinna
St. Gallen
St. Petersburg
Bad Reichenhall
Oper Schenkenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spoleto
Stockholm
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Weimar
Wels
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Konzert
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
In Memoriam
Musical
Jubiläen 2016
Essay
Nationalhymnen
Doku im TV
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Unsitten i.d. Oper
---
CD Kritiken Archiv

(c) Peter Eberts

 

Jakub Hrusa & Bamberger Symphoniker

Werke von Ives, Wagner, Martinu, Cage, Brahms

Konzerthalle Bamberg  am 21.1.17

Es scheint, dass der frisch gebackene Chefdirigent der Bamberger Symphoniker den kauzigen Eigenbrötler Charles Ives ins Herz geschlossen hat. Dieser Musikrevolutionär suchte ja den schillernden Kosmos des amerikanischen Lebens auf so pittoresk kongeniale Weise einzufangen. Als orchestral vertracktes Showpiece, als ausgesprochener Reißen, gilt „The Unanswered Question“ - die „Jagd nach der unsichtbaren Antwort“. Hrusa und der fabelhaft vom Rang der Konzerthalle immer drängender die „ewige Seinsfrage“ blasende Solotrompeter des Orchesters brachten  das visionäre Stück zu suggestiver Wirkung. Friedvolle Abschnitte prallen hier  mit dissonantem Aufschreien von zwei Flöten, Oboe, Klarinette und Klangband von Streichern aufeinander. 

Subtil, ätherisch, bedächtig geht es in der voll besetzten Bamberger Regnitzhalle weiter mit dem Vorspiel zum ersten Akt von Richard Wagners schwärzestem und traurigstem Werk, der Oper Lohengrin. Es spricht für den Feinschliff der Bamberger Symphoniker, dass die Farben aufleuchten und ausgetüftelte Übergänge den musikalischen Fluss adeln.

Animierendes beschert Hrusa anschließend aus seiner Heimat. Dass sich Bohuslav Martinu auf rhythmisch vibrierende sinfonische Werke versteht, macht die sechste Sinfonie (Fantaisies) zur reizvollen Hörerfahrung. Das für Charles Munch komponierte Werk bewegt sich abseits der Folie von klassischer Form. Kritische Geister bezichtigen Martinu ja oft als Vielschreiber, dem angeblich wenig Spezifisches aus der Feder geflossen sei. Das mag unter Umständen auf seine ersten fünf auf der Folie der klassischen Form entstanden Sinfonien zutreffen. Doch  zeigt sich bei der für seinen großen Förderer Charles Munch geschriebenen Sechsten eine gegenläufige Tendenz, und zwar eine Abkehr von der geometrischen Anlage hin zu einer freien Form der Fantasie, die auf der Suche nach einem Gleichgewicht, dem „Sinn des Lebens“, in mehr oder weniger deutlicher Ausprägung im gesamten späteren Schaffen dominieren sollte. Von Hrusas sensibler Steuerung inspiriert, geizen die Symphoniker nicht nur mit vibrierender Rhythmik, sondern adeln das zerklüftete effektvoll instrumentierte virtuos sperrige Geschehen ganz im Sinn von Martinus „Fortspinnungstechnik“ mit kleinzellig klangsprachlichen Motiven.

Für Stille in einer radikalen Form sorgt das Orchester mit 4’33 von John Cage – eine geradezu provozierende Stille in einem klanglosen Stück – „tacet for any instrument“, in der die Spieler gänzlich pausieren sollen. Damit wollte Cage („Papst der modernen Musik“) mit Nachdruck seine Auffassung von „Stille“ als der Abwesenheit absichtlich erzeugter Klänge mit der Zielsetzung dokumentieren, einen Zustand der Befreiung von der Befangenheit in Vorlieben und Abneigungen herzustellen. 

Mit einer kompositionstechnischer Krönung, der 4. Sinfonie von Brahms, ein Meisterstück gelehrt altmodischer Polyphonie, geht der dramaturgisch schlüssig aufgezogene Konzertabend zu Ende. Die Dispositionskunst  des gestenreich werkelnden Dirigenten macht die ausgetüftelte Vielstimmigkeit zu einem Erlebnis im Raum. Man staunt, wie akkurat Hrusa im Kopfsatz die Alla-breve-Vorschrift nimmt, womit sich die Kantilenen der Holzbläser eindringlich in leuchtenden Farben abheben. Intelligent waltet ökonomisches Kalkül von der ersten bis zu letzten Note. Klangschön vollzieht sich das Andante – homogen in den Holzbläsern, mit der gebotenen Hymnik in den Streichern. Das Beschleunigen und Verzögern entwickelt sich folgerichtig aus dem kompositorischen Sinn. So finden, wie bei Brahms ja stilbestimmend, Konstruktion und Gefühl auf schlüssige Weise zusammen. Keine Spur von elegischer Resignation oder herbstlicher Rückblende. Vorbildlich klar erscheinen das dicht gesponnene thematische Gewirr und die rhythmischen Verschiebungen. So lauscht man einer expressiv durchpulsten Vierten, die nie den Eindruck erweckt, als zöge ein auf Effekt abzielendes Werk vorüber. Dieser vehement aufgezogene Brahms-Stil gibt der Musik beschwingte Rhythmik und Transparenz im stimmlichen Gefüge. Mit einem opulenten Orchesterspiel führen die Blechbläser vor, wie sich Wucht mit rundem Ansatz verbinden lässt. Das Publikum applaudierte begeistert.

Egon Bezold 23.1.2017

Foto (c) Andreas Herzau

 

 

The Mahler Competition 2016

13.5.2016

Dirigentische Kür

Wer würde schon bestreiten, dass ein Wettbewerbssieg, wenn er dazu noch im Leistungsmessen vor den Bamberger Symphoniker anlässlich der „Mahler Competition“ errungen wird, karrierefördernde Wirkungen auslöst? Für die künstlerische Entfaltung gehören ganz einfach Impulse von außen dazu, um die berühmte Kettenreaktion des Aufsehens auszulösen. Davon können Sieger der bisher ausgetragenen Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbe, vor allem der Venezolaner Gustavo Dudamel, ein Lied singen. Welch fulminante Karriere hat der zum Chefdirigenten des Los Angeles Symphony Orchestra ernannte Pultstratege doch durchgemacht. Weltweite Aufmerksamkeit wurde dem Feuerkopf seit 2004 beim Sieg des ersten Wettbewerbs zuteil. Mehr als 1200 Jungdirigenten aus allen Herren Länder haben sich bislang um eine Teilnahme beworben. Nur gut 50 Bewerber wurden nach Bamberg eingeladen. Zehn von ihnen gelang der Einzug ins Finale. Maßstäbe hat der Wettbewerb in seiner inhaltlich wie künstlerischen Ausrichtung gesetzt, denkt man an den Israeli Lahav Shani, der nach seinem Bamberger Triumph beim Israel Philharmonic Orchestra debütierte und weitere attraktive Einladungen erhielt. Hochkarätige Positionen nahm auch Lette Ainärs Rubikis, Gewinner von 2010, ein souverän am Pult namhafter Orchester lenkender Könner.

Am vergangenen Freitag ging die fünfte Edition des Wettbewerbs nach vorausgegangen Haupt- und Semi-Runden sowie finalen Dirigaten in der Konzerthalle zu Bamberg zu Ende. Einzigartige musikalische Talente zu entdecken und zu fördern, nicht den nächsten Dirigenten-Superstar, sondern jemanden, von dem wir glauben, dass er wachsen und zukünftig zur Musik Wesentliches beitragen wird, so sieht der scheidende Chefdirigent der Symphoniker und Juryvorsitzende Jonathan Nott das Anliegen des Wettbewerbs. So gesehen kann sich der Jahrgang 2016 durchaus hören lassen. 381 junge Musikerinnen und Musiker aus insgesamt 64 Nationen hatten sich beworben. 14 Kandidaten (darunter drei Damen) durften nach Bamberg anreisen. Sie kamen aus Venezuela, Rumänien, Chile, China, Polen, Japan, Deutschland, Russland, Neuseeland, Südkorea, Singapur und den USA.

Man braucht schon eine Portion an Standvermögen, um vor prominent besetzter Jury (Vorsitz Chefdirigent Jonathan Nott, Ehrenmitglied Marina Mahler, mitentscheidend Jiri Belohlavek, John Carawe, Sir Neville Marriner, ferner Dirigentin und Sängerin Barbara Hannigan und  Jörg Widmann) im nervenauftreibenden musikalische Leistungsmessen Farbe zu bekennen. Die Messlatte lag wie immer hoch, umspannte Werke von Gustav Mahler, Joseph Haydn, Henri Dutilleux, Anton Webern, bis hin zu den Avantgardisten Jörg Widmann und von Georg Friedrich Haas. Auf einer großen Leinwand am Rande des Podiums konnten die Zuhörer die Kandidaten aus der Perspektive des Orchesters erleben und via Lautsprecher die Dialoge zwischen Dirigent und Orchester verfolgen. Da konnte das Publikum so richtig mit fiebern.

Aus der vor stattlicher Zuhörerkulisse ausgetragenen Finalrunde gingen am letzten Donnerstag drei Sieger hervor: Gold verdiente sich Kahchun Wong (29)

aus Singapur. Silber durfte der Russe Sergey Neller (33) mit nach Hause nehmen, und Bronze konnte sich der Ukrainer Valentin Uryupin (31) umhängen. Ein Preisgeld von € 20.000 für den ersten Sieger – das ist fürwahr kein Pappenstil, ganz zu schweigen von all den karriereträchtigen Perspektiven, die nun mal ein solch hoch angesehener Wettbewerb zu öffnen vermag.  

 Zum großen Showdown, zur dirigentischen Kür, trat am Freitag der souverän am Pult der Bamberger Symphonikern den Stab führende Kahchun Wong an. Im monströsen Kopfsatz von Mahlers dritter Sinfonie reiben sich im schroffen Nebeneinander die Klangfelsen: eine streckenweise durch überzogene dynamische Register wild aufschäumende Wiedergabe, in der sich eingebaute Risse scharf heraus schälen. Freilich: ein wenig subtiler, fein geschliffener, hätte man sich die Klanglichkeit schon vorgestellt, ebenso nuancierter die vielen Tempoübergänge.  

Dass Wong beim Umgang mit zeitgenössischer Musik ein geschicktes Händchen zeigt, mag nicht überraschen, wird er doch als künstlerischer Leiter und Chefdirigent des Asian Contemporary Ensemble ja laufend mit den Errungenschaften der Avantgarde konfrontiert. Aus der Feder von Georg Friedrich Haas stammt die eigens für den Wettbewerb ausgewählte Komposition, die Spezifika seiner kompositorischen Feder signalisiert - eine Kreation aus dem sog. „encore“-Projekt für die Bamberger Symphoniker, betitelt mit „Zugabe“. Was Haas als minimalästhetisches Exerzitium mit stampfenden Tonrastern ausstaffiert, erhält durch Wongs prägnante Führung klare Gestalt.

 Magisch wirkt auch die Erzählkraft von Henri Dutilleux in den 2003 in Paris auf die Konzertbühne gebrachten „Correspondances“ – viel gespielt, ein Schatz des französischen Kompositionsmeisters. Da leuchten die klanglichen Farben, die Dutilleux, inspiriert durch Briefe verschiedener Verfasser (von Rilke bis van Gogh), als „Briefwechsel“ imaginiert. Jurymitglied Barbara Hannigan erweist sich in den fantasiereich ausgeschriebenen Sätzen als kongeniale Interpretin.

Deftiges Profil, bei voluminöser Instrumentierung, gibt Wong schlussendlich den bayerisch-babylonischen Marsch. Der ruft die 2012 an der Bayerischen Staatsoper aus der Taufe gehobene Oper „Babylon“ ins Gedächtnis.

Mit Schwung und Stil waren die Bamberger Symphoniker bei der Sache. Wong weiß Präzision und Temperament eindrücklich zu vereinen. Beim abschließenden Gang des Dirigenten durch die einzelnen Instrumentalgruppen prasselt den Interpreten begeisterter Applaus entgegen.

Der nächste Wettbewerb wird 2019 ausgelobt.

Egon Bezold 14.5.16

 

 

 

 

Tu Gutes – aber nur mit Musik

DIE DREI TENÖRE

laufen in der Konzerthalle Bamberg am 27.09.15 zur großen Form auf

Der Wirtschaftsclub Bamberg lädt zum Galakonzert und begeistert die Besucher

Der Vorstandsvorsitzende des Wirtschaftsclub Bamberg Wilfried Kämper, wollte mit seinen Freunden die tiergestützte Therapie in der Sozialstiftung Bamberg unterstützen. Dabei kam ihm die Idee, die Spendengelder durch ein einmaliges Galakonzert herein zu bekommen. Gutes tun und sich gleichzeitig exzellent unterhalten lassen, dieses Konzept ging in der Konzerthalle Bamberg voll auf und der Vorstandsvorsitzende kündigte an, dass es bald wieder einmal einen solchen musikalischen Ausflug mit Spendenwirkung geben wird. Können wir nur hoffen, dass wir nicht zulange darauf warten müssen. Jedenfalls gingen die Besucher in er fast ausverkauften Halle mit einem fröhlichen Lächeln auf dem Gesicht aus der Konzerthalle – und was kann man schöneres von einem solchen Konzert sagen.

Das Opern- und Operettenkonzert wurde von fünf Künstlern bestritten. Da war einmal die hervorragende Pianistin Beate Roux, die gekonnt, stil- und gefühlvoll und in jeder Sekunde sensibel auf die Sänger eingehend, die Arien begleitete. Zu Recht bekam sie tosenden Applaus für ihre vorzügliche, einfühlsame, mitunter auch leidenschaftliche und stets präsente Begleitung. Ebenso großen Applaus bekam Patrick L. Schmitz, der gekonnt durch das Programm führte. Mit launigen Worten, gepaart mit viel musikalischem Sachverstand und vor allem einer riesengroßen Portion Humor, kündige er auf seine ihm eigene Art die einzelnen Darbietungen an. Durch ihn wurde das gesamte Konzert auf eine wundervolle Art belebt und die gespannten Bögen transparent. Eine exzellente Leistung, die hoffen lässt, dass man den gelernten Schauspieler und Sänger öfter in einer solchen bombigen Moderation erleben kann.

Drei vom Stimmtyp sehr unterschiedliche Tenöre waren dann die Hauptprotagonisten des Spätnachmittags. Zum einen der lyrische Tenor Noriyuki Sawubu aus Japan. Sein Soloeinstieg „Una furtiva lagrima“ aus dem „Liebestrank“ kam etwas zurückhaltend über die Rampe, man hatte immer ein bisschen Angst, ob er die Arie bis zum Schluss durchhält. Der sehr stilsichere und auch sympathische Künstler schien an diesem Tag mit einer kleinen Indisposition zu kämpfen. So war auch sein „Immer nur lächeln“ von Franz Lehár, obwohl er dazu eigentlich geradezu prädestiniert erscheint, nicht das Erlebnis, was man sich eigentlich erhoffte. Das Lied „Koja no Tsuki“ gelang ihm schon etwas besser. Nach der Pause schien es, als wenn ein neuer Künstler auf der Bühne steht. „Pourquoi me reveiller“ aus „Werther“ gelang ihm zu einem wahren Meisterstück. Gefühlvoll, vollmundig mit herrlichem lyrischem Material steigerte er sich hier enorm und auch mit „Dein ist mein ganzes Herz“ konnte er ebenfalls – vor allem beim zahlreich anwesenden weiblichen Publikum - punkten. Viel Beifall, vor allem für seine Darbietungen nach der Pause. Der deutsche Tenor Martin Fösel, der in Bamberg geboren wurde, begann mit „Per la gloria“ aus der Oper „Griselda“. Mit viel Gefühl, heldentenoralen Ansätzen und viel betörendem Schmelz konnte er die Herzen der Zuhörer für sich gewinnen. Beeindruckend auch seine Interpretation des Freddy aus „My Fair Lady“  mit „Weil ich weiß, in der Straße wohnst Du“. Auch „Ich bin nur ein armer Wandergesell“ aus „Vetter aus Dingsda“ wusste zu gefallen und das Publikum zu überzeugen. Nach der Pause ein sehr gefühlvolles und überzeugendes „Kuda, Kuda“ aus „Eugen Onegin“ sowie das Auftrittslied des Danilo aus der „Lustigen Witwe“, welches er mit der notwendigen Nonchalance auf die Bretter brachte. Der dritte im Bunde war der südafrikanische Tenor Pieter Roux. Begonnen hatte er mit dem Lied „Torna a Surriento“. Und was für eine Stimme setzte er ein, mit zupackender Dramatik, gepaart mit einer bombigen Höhe und einer Intensität, die alles überstrahlte. Kraftvoll, robust und ausdauernd und vor allem nie angestrengt wirkend, überstrahlte sein Tenor alles. Im Lied „Heimwee“ aus seiner südafrikanischen Heimat konnte er punkten und bei seinem „Nessun dorma“ aus der Oper „Turandot“ sein Publikum verzaubern.

Fast könnte man annehmen, dass alles den Atem angehalten hatte bis hin zum letzten kraftvollen Spitzenton. Nach der Pause ließ er aus „Toska“ die Sterne blitzen, und auch stimmlich blitzte es hier, ebenso wie bei seiner Liebeserklärung aus „Paganini“, „Gern hab ich die Frau‘n geküsst“. Manche Dame im Publikum hätte sich hier gerne in die Rolle der Anna Elisa gesehen. Alle drei Tenöre zusammen brachten im Verlauf des Konzertes das Lied „O sole mio“, ebenso wie „Mamma“. Nach der Pause wurde dann noch die Volksweise „Funiculi Funicula“ und „Santa Lucia“ dargeboten und als krönender Abschluss erklang ein gemeinsames Medley aus der „West Side Story“. So unterschiedlich die Stimmen der drei Tenöre waren, so wunderbare ergänzten sie sich gegenseitig in den gemeinsam gesungenen Arien. Fast nicht endendwollender Applaus für die drei Tenöre aber auch für die gefühlvolle Begleiterin Beate Roux und den charmanten Moderator Patrick L. Schmitz. Man wollte die Künstler gar nicht von der Bühne lassen und so mussten sie eine entsprechende Zugabe bringen, dies taten sie mit einem leidenschaftlich gesungenen „La donna é mobile“ aus „Rigoletto“. Als letzte Zugabe wurden es dann gar vier Tenöre, denn Patrick L. Schmitz durfte bei „My Way“ von Frank Sinatra eine Strophe beisteuern und er tat dies unter donnerndem Applaus. Man kann nur hoffen, dass der Wirtschaftsclub Bamberg diese Veranstaltungsreihe weiterführt, der Erfolg jedenfalls hat ihm Recht gegeben. Herrliche Musik zum Schwärmen und Träumen und gleichzeitig Gutes tun im Zeichen der Musik. Was will man mehr von einem Abend wie diesem verlangen.

Manfred Drescher 2.10.2015          

Bilder 1/3: Eigenaufnahmen, Bild 2: Wirtschaftsclub Bamberg

 

 

 

 

 

 

Ein Heldenleben zum Abschied

Jonathan Nott spielt seine letzte Saison

bei den Bamberger Symphonikern

70 Jahre Bamberger Symphoniker

Zum Ende der Saison 2015/16 wird der Chefdirigent von Bambergs Symphonikern, der Brite Jonathan Nott, Abschied nehmen. Er wird künftig das legendäre „Orchestre de la Suisse romande“ in Genf unter seine Fittiche nehmen. Sechzehn Jahre drehte Nott an der Schraube musikalischer Gestaltungskunst. 656 Mal stand er am Pult der Symphoniker. Das ist ein Rekord, weil Nott sogar den Gründungsdirigenten Josef Keilberth übertrifft. Ob Nott die Traumstraßen des Repertoires, die Klassiker und Romantiker bediente, großsinfonische Landschaften Anton Bruckners durchstreifte, aufwühlende sinfonische Dramen von Dmitri Schostakowitsch inszenierte oder den kompletten Sinfoniker Gustav Mahler live zu Gehör brachte und ihn sogar in die Rillen bannte – Nott spielte die Rolle eines souverän den Stab führenden Chefdirigenten, der sich nicht scheute, den Hörern auch mal weniger die Ohren ergötzende Moderne vorzusetzen. Dabei haben die Konzertgänger ja nicht gehört, wie Nott auf Konzertreisen etwa beim „Acht-Brücken-Festival“ in Köln oder bei  den Berliner Festspielen in avantgardistische Gewässer abdriftete. Nürnberg freut sich jedenfalls, dass der risikofreudige Maestro sein Konzert mit den Symphonikern anlässlich der Internationalen Orgelwoche Nürnberg mit György Ligetis „Poème Symphonie“ in St. Sebald eröffnet.

Nun steht den Konzertfreunden in Bamberg eine ereignisreiche Saison bevor. Zum Abschied spielt Nott im letzten Abo-Konzert eine „Carte blanche“ aus, ein Programm ganz nach seinem Gusto: „Ein Heldenleben“ von Richard Strauss sowie Henry Purcell und  Görgy Ligeti – sozusagen alte und moderne Polyphonie.

Ihr siebzigjähriges Jubiläum feiern die Bamberger Symphoniker am 20. März 2016. Das Orchester gastierte in 60 Ländern, spielte in 500 Städten „eine Million Minuten Musik“,reiste per Bus sechsmal um die Erde, mit dem Flugzeug einmal zum Mond.“ Unermüdliche Konzertgänger in Nürnberg erinnern sich, wie die Symphoniker mit Josef Keilberth in der akustisch fürchterlichen alten Messehalle am Stadtpark gastierten. Lange Jahre war aber auch der Dominikanerbau in Bamberg ein ungeliebtes Ausweichquartier, alles andere als ein Eldorado für ein anheimelndes Konzert-Ambiente.

Das Festkonzert zum Jubiläum am 20.3. lässt als „Tag der offenen Tür“ die Funken in einem breitgefächerten Programm stieben – von der Tiefgarage bis hinauf ins Intendanten Büro. Am Vorabend dirigiert Jonathan Nott das Benefizkonzert des Bundespräsidenten. Das Programm schlägt den Bogen zu den böhmischen Wurzeln der Bamberger Symphoniker, zu Smetana, Mozart bis zu Mahlers 7. Sinfonie. Die wurde in Prag 1908 von der Tschechischen Philharmonie und Musikern des neuen Deutschen Theaters, den unmittelbaren Vorläufern der Bamberger Symphoniker, aus der Taufe gehoben wurde. Für die Abonnenten hebt Nott das letzte Mal im Juni 2016 den Taktstock, und am 2. Juli wird er im freiverkäuflichen Konzert Anton Bruckners 8. Sinfonie im Bamberger Dom dirigieren.  

Spannung ist in der Tat für die nächste Saison angesagt. Erstaufgeführt wird eine Reihe von zeitgenössischen Werken. Das Motto der Saison „Künstler-Leben“ spiegelt Leben und Schicksal von Berlioz, Bruckner, Sibelius, Schumann und Tschaikowsky. Im Mai 2016 wird der fünfte Gustav-Mahler-Wettbewerb  („The Mahler Competition“) ausgetragen. Prominent ist die Jury besetzt mit Chefdirigent Jonathan Nott und „composer in residence“ Jörg Widmann, der Portrait-Künstlerin Barbara Hannigan sowie den Dirigenten Jiri Belohlávek, Neville Marriner, David Zinman und Intendantin Deborah Borda von der Los Angeles Philharmonic. Zu den Dirigenten und Solisten, die in der kommenden Saison mit den Bambergers kooperieren werden, gehören neben Chefdirigent Jonathan Nott und Ehrendirigent Herbert Blomstedt u.a. Christop Eschenbach, Daniele Gatti, Daniel Harding, Manfred Honeck, Jakub Hrusa, Pietari Inkinen, Marek Janowski, Rudolf Buchbinder, Isabelle Faust, Julia Fischer, Sol Gabetta und Truls Mork. Tourneen führen die Bamberger Symphoniker nach Oman, Südamerika, Spanien, Österreich sowie in die Musikmetropolen Deutschlands.

Wer wird der nächste Chefdirigent am Pult der Bamberger Symphoniker stehen?  Noch ist alles geheimnisumwittert.  Auf einer illustren „short-list“ sollen vier heiße Namen stehen.

Egon Bezold 14.5.15

Foto: Bamberger Symphoniker

 

 

 

 

FALSTAFF

zum Zweiten

am 15.02.15

Bombenstimmen und ein Bombenorchester begeistern die Bamberger

Eine Oper konzertant aufzuführen ist immer ein zweischneidiges Schwert. So auch die Aufführung im wunderschönen Josef-Keilberth-Saal der Bamberger Konzert- und Kongresshalle. Auf der einen Seite der berechtigte Stolz der Bamberger in einem der schönsten Konzertsäle Deutschlands ein Weltklasseorchester zu hören, dazu ausnehmend wunderbare rollendeckende Stimmen und einen Weltklassedirigenten, auf der anderen Seite aber eine Oper, die man eigentlich überwiegend nur hört, wenn man so will, eine Radioaufzeichnung live. Und doch hat sich das Wagnis gelohnt, denn in dieser Klasse wäre eine solche opulente Oper in Bamberg sicher nicht aufführbar gewesen. Und wenn man ab und zu die Augen schloss, dann sah man auch den dicken Falstaff in einem Wäschekorb verschwinden. Die 1400 Plätze des Josef-Keilberth-Saales waren fast ausverkauft und vor wenigen Tagen hatte man in der Zeitung erst lesen können, dass der Bamberger Konzertsaal zu den besten in Deutschland zählt, vor allem auch was seine ausgezeichnete Akustik angeht. 1993 wurde der Konzertsaal eingeweiht und 2008/09 renoviert und vor allem akustisch optimiert und ständig neu angepasst und verbessert. Für ein Weltklasseorchester braucht man auch einen Weltklassesaal und den hat man hier in Bamberg. Ja – und ebenfalls vor einigen Tagen wurde bekannt, dass der Chefdirigent der Bamberger Symphoniker Jonathan Nott nach 16 Jahren Dirigat in Bamberg im nächsten Jahr „sein“ Orchester verlässt und das Orchestre de la Suisse Romande in Genf übernimmt. Also schwang auch schon ein kleiner Hauch von Abschiedsschmerz in der Aufführung mit. Dem Publikum jedenfalls hat die Aufführung ausnehmend gut gefallen. Die, die sonst immer recht zurückhaltend und nie besonders euphorisch applaudieren, waren am Schluss der Aufführung fast aus dem Häuschen. Bravorufe, stehende Ovationen, grelle Pfiffe und vor allem langanhaltender Applaus belohnte eine Aufführung, die im Prinzip keinen Ausfall aufzuweisen hatte. Das lag im Großen und Ganzen an zwei Besonderheiten, einmal an einem ausgezeichnet aufgelegten Superorchester mit einem ebensolchen Dirigenten und zum zweiten an exzellenten Sängerdarstellern, die auch ohne Kulisse und große Maske das Beste aus ihren Rollen herausholen konnten.

Jonathan Nott bewies an diesem Spätnachmittag, was man mit ihm in Bamberg verlieren wird. Die Musik steht bei ihm im Vordergrund und da es keinen Orchestergraben gibt, diese Musik sich also ohne jegliche Art von Störungen entfalten kann, ist dies eine ganz besondere Form des „Falstaff“. Nott hat seine Symphoniker „im Griff“, er führt sie an der langen Leine, lässt sie jeden Ton auskosten und keinen einzigen unter den Tisch fallen. Das Orchester kann mit Feinheiten der Partitur brillieren, die bei einer szenischen Aufführung in dieser Art sicher nicht möglich gewesen wäre. Nott gab den Falstaff mit großen Gesten und mit kleinsten Feinheiten, er ließ die Orchesterwogen strömen, dass es einem fast den Atem nahm, er nahm genau dieses Orchester aber auch zart zurück um den Sängern die Möglichkeit zu geben, ohne Zwang und ohne Kraftanstrengung Höchstleistungen zu bringen. Die Sänger sangen mit dem Orchester und nicht gegen es, sie wurden in ihren Arien umschmeichelt und geführt. Nott zeigte dass draufgängerische orchestrale Fülle ohne Probleme mit feinster Zurückhaltung in entsprechenden Passagen einhergehen kann. Ausgezeichnet auch die Mitglieder des Staatsopernchores Stuttgart, die sich stimmgewaltig im gesamten Rund der Konzerthalle bewegten und entsprechend beeindruckten. Die Spielleitung bei diesem nicht alltäglichen „Falstaff“ hatte Doris Sophia Heinrichsen, die auch, und dies freut mich besonders, die Regie bei der Sommeroper 2015 in Bamberg „Die Zauberflöte“ übernehmen wird. Natürlich kann man diese Spielleitung nicht mit einer vollwertigen Regierarbeit gleichsetzen, aber es gehört doch schon eine entsprechende Portion Verständnis und Einfühlungsvermögen in die Oper dazu, ebenso eine große Musikalität – und diese besitzt Doris Sophia Heinrichsen in großem Maße. Es ist natürlich nicht so einfach in einem Konzert-saal den Hauch einer Opernbühne herbeizuzaubern und manchmal verpuffen etliche gute Ideen der Spielleiterin einfach in den langen Antrittswegen der Sänger, aber im Große und Ganzen ist das Erlebnis dieses Spätwerks Verdis zu hören und in gewisser Weise auch zu sehen gelungen.

Zu den Sängern gibt es fast nur positives zu berichten und dies beginnt mit dem einnehmenden Wesen des Sir John Falstaff, der in Nicola Alaimo einem aus Palermo stammenden kongenialen Sängerdarsteller eine rollendeckende Gestaltung erfährt. Schon rein figürlich, groß, fast möchte man sagen gewaltig, mit einem ebensolchen Bauch versehen – und gerade dieser Bauch ist ja eines der Markenzeichen des John Falstaff, erobert er den schmalen Bereich der „Bühne“ vor dem Orchester und macht ihn sich zu Eigen. Der aus Palermo stammende Bariton spielte auf der Klaviatur der Gefühle und riss die Zuschauer sowohl mit seiner Gestaltung des aufgeblasenen Sir John Falstaff, als auch mit seiner mächtigen klangschönen Stimme zu Beifallsstürmen hin. Sein Bariton, der voluminös, kraftvoll daherkommt ist auch zu leiseren Tönen fähig und er berührt in jedem Moment. Man kann verstehen, dass die Rolle des Falstaffs zu seinen Lieblingsrollen zählt. Mit dem italienischen Bariton Fabio Maria Capitanucci wird die Rolle des Ford ausgezeichnet besetzt. Sein warmer, sicherer und einschmeichelnder Bariton gewinnt der Rolle etliche zusätzliche Varianten ab und kann auf der ganzen Linie überzeugen. Als Fenton steht der ebenfalls aus Palermo stammende Tenor Paolo Fanale auf der Bühne und auch er bietet eine überaus überzeugende Leistung. Kraftvoll mit einem höhensicheren hellen glanzvollen Tenor versehen bringt er den lyrischen Teil gemeinsam mit seiner Nanetta. Diese Nanetta ist Carolina Ullrich und die aus Chile stammende Sopranistin besticht mit einer sauberen feinen, klaren und höhensicheren Stimme, die sich auch ohne Probleme ins Ensemble einordnet. So wie insgesamt gesagt werden muss, dass alle Sänger zusammenpassen und miteinander harmonieren. Auch dies trägt sicher zum Gelingen der Oper im Wesentlichen mit bei. Als Dr. Cajus weiß der Tenor Emanuele Giannino seine stimmlichen Vorzüge in den Vordergrund zu schieben, wobei der Tenor Jean-Paul Fouchecourt in erster Linie durch ein umwerfendes Spiel überzeugen kann. Der Bassbariton Federico Sacchi komplettiert die Männerriege auf vortrefflichste, wobei diese Rollen vom Umfang ja nicht unbedingt ungeheuer groß sind. Als Alice Ford brilliert Eva Mei. Und sie, der mitunter ein zu kleines dünnes Stimmchen nachgesagt wird, zeigt mit jeder Note dass dies wirklich nur Gerüchte sind. Sie hält alle Fäden in der Hand, lässt Sir John an ihren Fäden tanzen, ebenso wie ihren Gatten. Mit der slowakischen Mezzosopranistin Jana Kurucová, als Meg Page lässt sie die Puppen tanzen und die beiden Stimmer schweben gleichermaßen über dem Orchester. Als Mrs. Quickly weiß die amerikanische Mezzosopranistin Tichina Vaughn die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Als alles verstehende Kupplerin versteht sie es mit ihrem prächtigem tiefliegendem Mezzosopran die Zuhörer für sich einzunehmen. Standing Ovation, rhythmische Beifallsstürme zeigten am Ende, dass das Experiment mit Sicherheit geglückt ist. Oper in dieser Reinform auf höchstem Niveau dargeboten wird immer seine Freunde finden. Und jetzt freue ich mich demnächst auf „Die Zauberflöte“ bei der Sommeroper Bamberg.

Manfred Drescher 24.02.2015          

Bild: Eigenaufnahme

 

FALSTAFF

Joseph-Keilberth-Saal, Konzerthalle Bamberg 15.2.15

Geschmeidig abblitzende Rhetorik

Oper konzertant auf das Podium gehoben? Ist das nicht wie ein torloses Fussballmatch oder schmeckt gar wie die Suppe ohne Salz? Doch bezogen auf musikalische Aspekte ließe sich da schon einiges relativieren. Man denke nur an die „Opera rara“. Wie oft schlummert unschuldig Vergessenes in der Ecke. Mag sein, dass man zur Wiedererweckung aus Etatgründen fürs erste eine konzertante Lösung bevorzugt. Es scheint, dass Bambergs Symphoniker so ihre eigenen Gründe ins Feld führen, wenn Sie jetzt nach ihren viel applaudierten „Konzertanten Opernzyklen“ (Wagners Ring, Mozarts Cosi) zu einer konzertanten Aufführung von Giuseppe Verdis bitterem Weltabschiedswerk „Falstaff“ in die Konzerthalle laden. Was steht dagegen? Es könnte ja sein, dass so mancher Opernfreund des Getöses um das zeitgenössisch moderne „Regisseur-Theater“  überdrüssig ist. Denn bei Verdis „Falstaff“ schlagen die Bühnenmacher ungeniert Kapriolen. So inszenierte im steirischen Graz  Peter Konwitschny „Liebesspiele im Container“, Salzburgs Festspiele bevorzugen als Aktionsfeld das Seniorenheim, und in München rotierte Falstaff mit seinem privaten Weltenspektakel gar auf einer Drehscheibe.

Wie auch immer: Um all dies brauchen sich in Bamberg die Hörer nicht zu scheren. Denn hier gilt „prima la musica“, und man befindet sich bei Jonathan Nott, dem designierten Chefdirigenten des Orchestre de la Suisse Romande in Genf, mit der fantasiereich auskomponierten Musik des 80-jährigen Verdi in besten Händen. Hier wird in gefälligen Semi-Stage-Movements auf beengtem Streifen des Podiums das komödiantische Getriebe um den Dickwanst vitalisiert. Gesungen wird in der Originalsprache. Zur Orientierung werden deutsche Übertitel eingeblendet.  

Nichts lenkt hier von der Musik ab. Instrumentale Feinheiten, die sonst im Graben bei szenischen Aufführungen oft genug vernuscheln, sind hier in lobenswerter Deutlichkeit zu hören. Was die Konzertbühne herüberbringt, das zeugt von vibrierender Machart. Im differenzierten Klang der Instrumente funkeln im kontinuierlichen Fluss die kurzen melodischen Einwürfe und die vielen deklamatorischen Pointen. Das verlangt dem blendend disponierten Orchester atemberaubende Virtuosität ab. Es bereitet schon Vergnügen zu hören, wie geschmeidig die zynischen Parlandi flitzen und sensibel aufgefächert in den Holzbläsern die Nuancen leuchten – ein feinkörniger, gar nicht großflächiger Orchesterton, den die mimisch auskomponierten Gesten federnd rhythmisiert in die geniale Schlussfuge tragen. Dieses Spiel mit Witz und Tempo, in das auch melancholische Züge einfließen, verrät musikalische Feinarbeit. Dem Ensemble – alles Verdi-erprobte Könner mit vielen Auftritten in renommierten, bevorzugt italienischen Häusern – gebührt großes Lob. In Sir John Falstaff, ein mehr oder weniger gutmütiger komödiantisch aufgezogener Typ mit  kugelrund ausgewuchtetem Bauch, rumoren weder tragischer Zorn noch aristokratisch aufgezogene Noblesse. Wie Nicola Alaimo zielgerichtet, eine Portion singdarstellerischen Pfeffer verstreuend, seine Verführungskünste bei den Angebeteten ausprobiert, macht Eindruck. Mit aufbrausenden Eifersüchteleien bietet Fabio Capitanucci als Ford dem Sir John ordentlich Paroli. Und Eva Mei versteht die Rolle der drahtziehenden Alice Ford als Kabinettstückchhen. Launig beschwingt ziehen die „Weiber von Windsor“ ihre Fäden: Jana Kurocová als Meg Page, Carolina Ullrich gibt die kokette Nannetta. Und die virtuos auftrumpfende Tichina Vaughn als Mrs. Quickly versteht sich prächtig auf komödiantisches Tändeln mit ihren Mitstreiterinnen. Lyrisch schwärmerisch, stimmfrisch, schlüpft Paolo Fanale in die Rolle des Fenton. An kraftvollen Auftritten mangelt es Jean-Paul Fouchécourt in der Rolle des Badolfo kaum, während die Kapriolen des Pistola in Federico Sacchi den klugen Sachwalter finden. An Präzision und rhythmischer Akkuratesse lässt das mit flexiblen schönen Stimmen besetzte Ensemble in der Tat nichts zu wünschen übrig.

Die Schlussfuge zieht mit vollmundig abblitzender Rhetorik, schmerzhaft geschärft in der Moral des „Alles auf der Welt ist Schurkerei“, eine bittere Bilanz. Jonathan Nott am Pult des reaktionsschnell agierenden Orchesters modelliert die subtil gewirkte Partitur im prägnanten Tonfall. Die konzertante Aufführung fand beim Publikum begeisterten Zuspruch. Genf darf sich auch auf den Operndirigenten Jonathan Nott freuen.

Egon Bezold 17.2.15

 

 

Konzerthalle Bamberg, Joseph- Keilberth-Saal am 19.03.2014

Bamberger Symphoniker - Bayerische Staatsphilharmonie,

Richard Strauss: Metamorphosen; Franz Liszt: Totentanz;                                 Anton Bruckner Symphonie Nr. 7

Alexander Krichel, Klavier; ML: Jonathan Nott 

Die Bamberger Symphoniker Bayerische Staatsphilharmonie     Foto: Peter Eberts

Die hochgeliebte Siebte  -  Bruckners „schönste“ Symphonie 

Töne der Trauer, der Klage und des Zorns ziehen sich wie ein roter Faden durch das Konzert der Bamberger Symphoniker im Joseph-Keilberth-Saal. Themengerecht steht als finaler Vorführbrocken Anton Bruckners siebte Sinfonie auf dem Programm – die „schönste“, kantabelste und in der melodischen Erfindung auch eingängigste unter den Zehn des Meisters aus St. Florian. Schon das mehr als zwanzig Takte währende Hauptthema öffnet das Grundkonzept von Jonathan Nott: eine vor allem im ersten und zweiten Satz mehr episch breite und nur abschnittweise dramatische Anlage, die aus meditativem Beginn zur eigentlichen Befreiung führt. Doch ein wenig geheimnisvoller hätte man sich das Entrée schon vorgestellt. Klangschön intonieren zwar die Celli die aufsteigende Kantilene, dolce kommt der gesammelte erste Einsatz der Bläser, gut abgemischt intonieren sie ihre „Natur-Choräle“. Mitunter entsteht aber der Eindruck, dass Nott ein wenig der melodischen Verführung unterliegt, was aber keinesfalls das strukturelle Gefüge verwässert, geschweige denn dem schönen Orchesterklang die für Anton Bruckner typische Fülle nimmt. Chefdirigent Nott setzt auf lang gezogene Bögen, gibt den Musikern Zeit zum Ein-und Ausschwingen und gönnt sich in den lyrischen Oasen Strecken der Langsamkeit – recht gemütlich diese Gangart, die auf idyllischen konfliktkosen Wegen durch die musikalische Landschaft lotst. So spiegelt der auszelebrierte Kopfsatz auch ein wenig die auf Feierlichkeit ausgerichtete blockhafte Symphonik, wie sie abschnittweise dem früheren orthodoxen Bruckner-Bild entspricht. Die Phrasierung wirkt durchwegs deutlich, der Rhythmus, vor allem in den punktierten Notenwerten des knappen Finalsatzes, klar profiliert.  

Notts Sinn für sensible Lyrik bildet das feierliche Adagio als trostspendende innere Einkehr.  Die Bamberger Symphoniker erweisen sich als ein Ensemble von gepflegter Aggressivität und fabelhafter Reaktionsfähigkeit. Die Holzbläser spielen kammermusikalisch geschliffen, ihre Einwürfe und tragen so die Homogenität des Klangs. Hell timbriert stößt das Blech zu, mitunter auch geschärft im Klang und ein wenig spitz herausstechend in der Gruppe der Trompeten. Schließlich wird beim Hochtürmen des sinfonischen Geschehens am Ende des Kopfsatzes und im finalen vierten Satz die Dynamik bis zum Anschlag aufgedreht, so dass die dröhnenden Tutti-Eskapaden, die überbordenden klanglichen Eruptionen, nicht immer  Durchsicht auf die motivischen Verflechtungen gewähren. Da scheinen auch die Grenzen der akustischen Belastbarkeit des Saals erreicht zu sein.  

 

Jonathan Nott  (Foto: Paul Yates)

Keine Frage: Bambergs Symphoniker sind ein gewieftes Orchester in Sachen Anton Bruckner. Dank flexibler Gangart löst sich nichts in wohlige Uniformität auf. Und Jonathan Notts analytische Ader und seine Werktreue sind Garanten für eine Interpretation, die gezielt die Binnenstrukturen durch klangliche Kontrapunktik in Bewegung hält. Wenn es gelänge, den Klang dynamisch noch geschmeidiger zu staffeln und die Temponahme organischer zu formen, käme dies dem Brucknerschen Idiom nur zu gute. So gleicht die allenthalben geliebte Siebte eher einer lyrisch vielfältig changierenden Gesangsszene in allen ihren Verflechtungen und Ausblicken. Das weckt bei den Zuhörern viel Sympathie. Nicht zuletzt gebührt der Präzision des Spiels hohes Lob. 

In tragischer Stimmung beginnt das Konzert mit „Metamorphosen“ für dreiundzwanzig Solostreicher, die Richard Strauss 1945 in düsterer Welt- und Seelenlage kreierte. Die bayerische Staatsphilharmonie bleibt der kunstvollen Webart nichts an klanglicher Kraft und spieltechnischer Akkuratesse schuldig, mögen auch einige Ungereimtheiten der Intonation bei den tiefen Streichern (Celli, Bratschen) den Beginn des Werks trüben. Trotz hymnischer Aufschwünge enthüllt das expressive Melos prägnant die innewohnende Trauer, wenn Strauss das Trauermarsch-Thema aus Beethovens „Eroica“ zitiert. So macht der Zeitbezug (Trauer um München) die Komposition zum Abgesang einer zu Ende gehenden Epoche der Musikgeschichte.  

Franz Liszts „Totentanz“, Paraphrase über „Dies irae“ für Klavier und Orchester – ein ausgeklügelter Variationensatz – macht Alexander Krichel (25) zur hochwirbelnden pianistischen Karikatur. Eine durch und durch dämonische Angelegenheit – bizarr und gespenstisch farbig variiert. Der in nationalen und internationalen Wettbewerben erfolgreiche Künstler (exklusiv bei Sony Classical gebunden) verbindet staunenswerte Virtuosität mit superbem musikalischem Gespür. Das Zusammenspiel mit den Symphonikern wirkt im schlanken, transparenten Klangbild wie aus einem Guss. Bravi für dieses mächtig zupackende, mit scharf ausgestochenen Akkorden angereicherte Spiel.

Egon Bezold/19.3.14

 

 

 

 

 

Konzerthalle Bamberg Joseph-Keilberth-Saal, 16.2.2014

Bamberger Symponiker  -  Bayerische Staatsphilharmonie

ML Osmo Vänskä, Martin Fröst, Klarinette

Kalevi Aho: Klarinettenkonzert,    Carl Nielsen: Symphonie Nr. 4 

Exzessiver perkussiver Schlagabtausch

Seine Popularitätskurve steigt in der Tat unentwegt. Im kommenden Mai soll ihm die hohe Ehre des prestigeträchtigen „Léonie Sonning Music Prize“ zu teil werden. Es ist schon so: Martin Fröst zählt zu den profiliertesten Klarinettisten, der seine Visitenkarte auf den wichtigsten Podien der Musikwelt präsentiert. Als Gast der Bayerischen Staatsphilharmonie war seine fabelhafte Virtuosität an zwei Abenden in der Konzerthalle Bamberg zu bewundern. 

 

Kalevi Aho

(Foto: Maarit Kytöharju/Fimic)

 

Was der aus dem südfinnischen Forssa mit Standort in der Hauptstadt Helsinki stammende Komponist Kalevi Aho seinem halbstündigen fünfsätzigen ohne Pause zu spielenden Klarinettenkonzert an satztechnischem Raffinement, an virtuosen Gemeinheiten und rhythmischen Vertracktheiten mit auf dem Weg gab, macht Martin Fröst zu einer atemnehmenden Präsentation. Dieses Werk gilt nicht nur als eine Bereicherung der Klarinetten-Literatur, sondern auch als ein Bravourstück des zeitgenössischen Komponierhandwerks. Fröst beauftragte nach Auszeichnung mit dem renommierten „Borletti-Buitoni Preis“ den Finnen Kalevi Aho (65), ihm ein Konzert zu schreiben, das auf die technischen Eigenheiten des Instruments, die Emotionalität und Virtuosität auf verstärkende Weise zugeschnitten sein sollte. Und mit welcher Souveränität versteht Fröst die ganze Palette instrumentaler Möglichkeiten auszubreiten: den turbulenten Speed auf der Achterbahn der Figuren in der technisch vertrackten Kadenz, den jähen Wechsel vom höchsten bis zu den tiefsten Registern – eine dynamische Flexibilität und Schattierungen zwischen warmtönender Klanggebung und Staccato-Eleganz. Auch von der Fülle an elegischen Schönheiten darf geschwärmt werden, etwa im klanglich leuchtenden Mittelteil des ersten Satzes und der voller Geheimnisse steckenden Atmosphäre des letzten Satzes, der nach Sequenzen von gebrochenen Klängen ruhevoll ausklingt. 

 

Martin Fröst

(Foto:  Mats Böcker)

 

Was Fröst zwischen piano und mezzoforte aus seinem Rohr zaubert - auch jazzige Episoden - wie er ein hochschäumendes Forte ebenso wie geheimnisvolle Tremoli auf eine Riesen-Atemlänge nimmt, verdient uneingeschränkte Bewunderung. Der Dirigent des Abends, der Finne Osmo Vänskä, erweist sich als ein inspirierender Dialogpartner. Die glänzend vorbereiteten Staatsphilharmoniker meistern souverän die rhythmisch diffizilen rhythmischen Hürden, während die ganze Fraktion der Bläser auf die Vorlagen der Soloklarinette situationsgewandt weiterführend ihre  Kommentare formulieren. Das Publikum war begeistert, geriet noch mehr aus dem Häuschen als Martin Fröst als Zugabe mit dem begleitenden Orchester mit umwerfender Musikalität Klezmer Klänge zauberte.  

Es ist längst kein Geheimnis mehr, dass musikalische Arroganz nordische Musik, sofern es nicht gerade die von den Majors bevorzugten „Best of…“  des Mainstreams sind (Finlandia, Valse triste, Peer Gynt) mehr oder weniger in die Außenbezirke der Musikgeschichte verbannt.  Christoph von Donanyi hat das einmal so ausgedrückt: „Sibelius dürfte seiner Meinung nach nicht einmal fünf Prozent der Konzerthörer in Deutschland kennen“. Mag sein, dass er etwas übertrieben hat, doch im Tenor liegt er wohl auf der richtigen Welle. Keinesfalls besser als dem Säulenheiligen Jean Sibelius ergeht es dem immerhin bedeutendsten dänischen Komponisten Carl Nielsen, der fürwahr nicht zu den Rennern der Konzertsäle gehört. Seine Musiksprache wirkt aggressiver, weniger kontemplativ als die des Finnen Sibelius. Sie nimmt harte Konfrontationen in Kauf, scheut keinesfalls entlegenere Tonarten, auch nicht abrupt hereinbrechende dynamische Kontraste. So wird unter der Stabführung von Osmo Vänskä seine vierte Sinfonie op. 29 („Unauslöschliche) in der geschärften Diktion und staunenswerten Modernität zu einem leidenschaftlichen Plädoyer. Nicht zuletzt reflektiert die von rhythmischen Widerhaken durchsetzte Lesart in den blechgepanzert dissonanten Abschnitten bewundernswert gesteuerte Steigerungen. Vänskä lotst mit bannendem Dirigat in eine Klangwelt, in der der Aufbruch zur Moderne bereits heftig wetterleuchtet. 

 Eine Art von nordischer Brahms-Welt entfaltet sich in den vier ineinander übergehenden Sätzen. Dass auch der Kirchenmusiker Nielsen zu Wort kommt, wird in weit ausholenden kirchentonalen melodischen Bögen und chorisch auftrumpfenden Instrumentengruppen hörbar. Furios geht es zum Schluss zu: zuerst im notenreichen Fugato, dann mit beträchtlicher Entfaltung der sinfonischen Energien durch Blechgeschmettere. Dann schlägt die große Stunde der zwei Pauker, die in einem riesigen perkussiven Schlagabtausch den Titel von Nielsens vierter Sinfonie „Det Uudslukkelige“ („das Unauslöschliche“) auf das Nachhaltigste geradezu hymnisch explodieren lassen. Die Welt ist zwar bedroht, aber „unauslöschlich“. Elementar sei der Wille zum Leben. 

Langanhaltender Beifall für eine expressiv ausgelotete Interpretation, die Bayerns Staatsphilharmoniker mit perfekt ausbalanciertem Klangbild adeln.

Egon Bezold/16.2.14

 

 

 

 

Sonderkonzert der Bamberger Symphoniker

Lahav Shani, J.S.Bach und Gustav Mahlers Erste

 

 

Glutvoller Mahler

 

Ein Ereignis

 

Groß war die Vorfreude auf die beiden Konzerte, gewaltig der Andrang nach Karten. Viele wollten ihn erleben, den Pultlöwen Gustavo Dudamel, die 1981 in Venezuela geborene musikalische Urbegabung. Für die Vitalität seines Musizierens und seiner Gestaltungskunst wurde ihm die Siegespalme beim ersten Gustav Mahler Wettbewerb zuerkannt.

 

Foto: Yossi Zwecker

 

Leider machte  höhere Gewalt den Konzertplanern einen Strich durch die Rechnung: Gustavo Dudamel konnte krankheitshalber seine beiden Termine bei den Bamberger Symphonikern nicht wahrnehmen. Zu gerne wäre er an die Stätte zurückgekehrt, von der er aus 2004 seine atemberaubende Karriere ihren Lauf nahm. Fabelhaft wie er hat sich im heiß umkämpften Dirigiergeschäft positioniert hat. Er trat im Herbst 2009 das Amt des Music Directors beim Los Angeles Orchestra in direkter Nachfolge von Esa-Pekka Salonen an. Steil stieg er auf die Karriereleiter nach oben, fuchtelte als wegkundiger Lotse vor Orchestern der Welt wie den Philharmonikern aus Berlin und Wien. Er präsentierte seine Visitenkarte bei den Salzburger Festspielen, dirigierte im Vatikan vor Papst Bededikt XVI. und wagte den Vergleich mit der legendären Richard Strauss Koryphäe Herbert von Karajan. Eine Dudamel CD mit Schlachtrössern von Richard Strauss erschien mit den Berliner Philharmonikern bei der Deutschen Grammophon, dem Hauslabel Karajans. 

 Pech für die Bamberger Symphoniker. Doch in arger zeitlicher Not sprang kurzentschlossen ein weiterer  erster als Sieger des vierten Mahler-Wettbewerbs 2012 in die Bresche - der 24jährige der Israeli Lahav Shani begeisterte in der Konzerthalle Bamberg.  Dem mag bewusst sein, was Einspringer-Konzerte an karrierefördernden Wirkungen für die weitere künstlerische Entfaltung bedeuten können. Reicht interpretatorische Qualität zu frühem Ruhm? Da vermögen Impulse von außen durchaus die bekannten Kettenreaktionen des Aufsehens auslösen. Immerhin finden sich in der künstlerischen Vita von Lahav Shani markante Wegmarken, wenn man bedenkt, dass er auf diversen musikalischen Hochzeiten tanzt. Er gibt bei Orchestern sein Stelldichein, pflegt das Kontrabasspiel, dirigiert das Israel Philharmonic Orchestra, tritt als Solopianist aufs Podium, und er freut sich natürlich über die Einladungen des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin und der Kammerphilharmonie Bremen . Hut ab vor diesem musikalischen Allrounder, der Zubin Mehta und Daniel Barenboim zu den Mentoren zählen darf, denen die Förderung des musikalischen Nachwuchses ja schon immer am Herzen liegt. 

Knapp bemessen war die Probezeit. Da greift man natürlich gerne auf Bekanntes aus dem Repertoire des Dirigenten zurück, zumal die Programmfolge genau dem von ihm dirigierten Saisoneröffnungskonzert des Israel Symphony Orchestra entspricht. So taucht der vehement zupackende Shani als Solist Johann Sebastian Bachs d-Moll Konzert BWV 1052 in einen romantisierenden Tonfall und gönnt sich agogische Freiheiten, wenn Figurenläufe aufgelockert und durch Beschleunigen wieder egalisiert werden. Das Adagio gerät zu einer recht gefühlsbeladenen mit Ritardando gedehnter Rhetorik, was sich freilich von historisierender Aufführungspraxis weit entfernt. 

Nach der Pause beglückte die Zuhörer Gustav Mahlers erste Sinfonie. Schon der Beginn lässt aufhorchen. Statt ein undefinierbares Flimmern vorzuführen, erhalten die Ereignisse klare Konturen, werden in den polyphonen Strukturen verdeutlicht. In der Bloßlegung der kompositorischen Linien geraten die Symphoniker in Wallung. Sie stemmen sich in den Ländler, katapultieren feuerwerksartige Phrasen heraus und musizieren den „Frère-Jacques-Trauermarsch in zwielichtigen Farben. Große Leuchtkraft verrät der dritte Satz. Kammermusikalisch aufgelichtete Stellen wie die Lied-Episode „Auf der Straße stand ein Lindenbaum“ klingen in aller Zartheit wie aus einer anderen Welt. Es fasziniert schon, wie der Israeli den Nebenstimmen Leben einhaucht, dabei geschmackvoll Handküsse zur U-Musik verteilt und stets die Proportionen mustergültig wahrt. Dieser prächtig klingende Mahler reibt sich an Ecken und Kanten, schmiert sich an einer zwielichtigen Klangaura. Nur verständlich, wenn Shanis Mahler – darin gleicht die Lesart auch der Zubin Mehtas – auch im wienerisch-böhmischen Tonfall spricht und der Trauermarsch sich auf süßlichem Parkett bewegt. Shani ist ein durch und durch cool berechnender Stratege, der heikle Tempoübergänge nuanciert und abgefeimt zu präsentieren vermag. Übertriebenes Espressivo unterbleibt. Trotz stabiler schlüssiger Tempi werden im dritten Satz Abschnitte immer wieder beschleunigt, dann wieder abgebremst, was das Satzgefüge kontrastreich erscheinen lässt.   Dass der Dirigent die Ironie hinter dem vorgespielten Ernst ebenso wie die tragische Note im Heiteren hörbar macht, berechtigt zu großen Hoffnungen.  

 

Foto: Peter Eberts

 

 

 

Die fabelhaft disponierten Bamberger Symphoniker glänzen in puncto Reaktionsvermögen und Präzision. Die Blechbläser, das Prunkstück des Teams, sind auch im kräftigsten Fortissimo im Finalschluss noch zu einer wohl gerundeten Klanggebung fähig. Zum Schluss jubelt das Publikum über den elegant den Taktstock führenden Dirigenten und die grandiose Spielkultur des Orchesters.

Egon Bezold 21.11.13   

 

 

 

 

 

Konzert Bamberger Symphoniker

MESSIAEN u.a.

13.3.2013

Das springt unmittelbar ab

Wenn das Orchestergastpiel der Bamberger Symphoniker abseits der Pfade des routinierten Konzertbetriebes läuft, dann kommt das dem Geschmack der nach Abwechslung dürstenden Besucher sehr entgegen. Im Theater Fürth stand am Pult Lothar Zagrosek, zu dessen Handschrift die Dramaturgie des selten Gespielten und wenig Bekannten  gehört. Schon der Beginn des Konzertes lässt aufhorchen: die von Harold Byrns eingerichtete Suite zur visionären Gulag-Oper „Aus einem Totenhaus“ von Leos Janácek springt einen unmittelbar an: Totenhaus-Klänge wie aus einem musikalischen Steinbruch, eckig in der knappen sprechmelodischen Motivik, widerborstig, blockhaft und geräuschhaften Affekten wie Fußketten der Häftlinge.  

Auf emotionsträchtiger Welle geht es weiter mit angstvollen Gefühlen. Vom Leid afroamerikanischer Sklaven kündet das einsätzige Trompetenkonzert von Bernd Alois Zimmermann „Nobody knows the trouble I see“, das unter dem Eindruck des in den l950er Jahren noch verbreiteten Rassismus steht und scheinbar disparate Musikstile bündelt. Startrompeter Hákan Hardenberger bläst auf einer „Amerikanischen“ Trompete lupenrein alle Passagen einer dicht geflochtenen Partitur, die in freier Form Episoden von afrikanisch-amerikanischen Spirituals, freejazzige Gesten und strawinskyhaft Neoklassisches mit Elementen der Kunstmusik bündelt. Was da physisch vom Solisten abverlangt wird, enorme expressive Energien, angetrieben durch das groß besetzte Orchester, wird durch Hardenbergers hell timbrierte Blaskünste suggestiv zur Wirkung gebracht.

Anschließend weckt Olivier Messiaen, der katholische Mystiker, in „Couleurs de la cité céleste“ (Farben der himmlischen Stadt) apokalyptische Farbvisionen des Johannes in Jerusalem. In einer kleingliedrig statisch geprägten Mosaikform werden religiöse Botschaften anschaulich in Klänge gesetzt und von Klaviersoli des Messiaen-Experten Roger Muraro getragen. Die Sendboten Gottes, die Gesänge der Vögel, spielen dabei eine tragende Rolle.

Ihre klanglichen Qualitäten kann das Orchester schlussendlich effektvoll in einem Wunderwerk unter Beweis stellen: in Claude Debussys spanischen Imaginationen „Images“. Es bereitet Hörvergnügen, wie sich in der Sektion „Ibéria“ die Effekte eines glitzernden Orchesterkolorits entfalten.

Egon Bezold

 

 

Bamberger Symphoniker in der Konzerthalle Bamberg

DIE GÖTTERDÄMMERUNG (konzertant)

mit Jonathan Nott

4. Februar 2013 

Welch befreiendes Gefühl, einmal unbelastet von allem Regiegetöse Richard Wagners Ring musikalisch pur (konzertant) zu erleben. Ob old fashionend gestylt, modernistisch intellektuell aufgezogen, mit ironischem Pfeffer bestreut, wild Kapriolen schlagend oder die Tetralogie gar zertrümmert erscheinen zu lassen: für eine konzertant auf das Podium gestellt Version gilt exklusiv die Devise „prima la musica“. Und hier lenkt nichts von der Musik ab. Wer dem Ruf der konzertanten Aufführungen folgte, die tageweise in einzelnen Aufzügen oder einmal zusammenhängend auf der Marathonstrecke am Sonntag in der Konzerthalle in Bamberg zu erleben war, konnte sich ganz auf musikalische Trouvaillen konzentrieren. Die ereigneten sich in vielfältigen instrumentalen Verwinkelungen, in leitmotivischen Verknüpfungen und Orchestrierungseffekten – staunenswert transparent. Wie oft werden Details bei szenischen Aufführungen, bei Druck und Dauer-Emphase, von massigen Klängen übertönt. Seit drei Jahren berichtet Jonathan Nott am Pult der glänzend präparierten Bamberger Symphoniker und handverlesenen auf den Wagner-Gesang geeichten Solisten vom Spiel und Kampf um die Macht in der Tetralogie – einer Story reich an Intrigen - bei konzertanter Aufführung bleibt jegliche Sozio- und Ökokritik außer Ansatz, geschweige denn Versuche von Um- oder Neudeutungen. Alleine die Substanz der Partitur soll ans Licht gebracht werden. Und reichhaltig fällt auch die musikalische Ernte in Jonathan Notts Version aus. Wagner made in Bambergs Konzerthalle: Wie nähert sich der Brite Jonathan Nott diesem ehrgeizigen Tetralogie-Projekt? Da erscheint über weite Strecken alles wohl getan, atmet viel atmosphärischen Reiz. „Semi-stage-Movements“ lassen die knappen Räumlichkeiten in Anbetracht großdimensionierter Orchesterbesetzung auf der Konzertbühne leider nicht zu. Anstelle eines sinnstiftenden Inszenierungsprofils können die Protagonisten nur mit gemessenem Schreiten, sparsamen Gesten und Blicken optisch einiges von dem vermitteln, was sie an Beklemmungen und Konflikten musikalisch differenziert in ihren dramatischen Disputen zu kommunizieren verstehen.Die Ring-Musik von Jonathan Nott gibt sich erfreulich anti-teutonisch. Sie ist im Grunde genommen Furtwängler-fern. Mit schlüssigen Tempi trifft Nott den Nerv der Musik und inszeniert eine mitreißende „Götterdämmerungs-Sinfonie“ im schlanken, transparenten hellen Klangtimbre, das die Symphoniker (Bayerische Staatsphilharmonie) mit glühender Intensität ausleuchten. Respekt, wie es dem Symphoniker-Chef gelingt, meditative Stimmungen herauszufiltern, auch Pausen zu setzen und den Pianissimi nachzuhören, wenn sich Brünnhilde und ihre Schwester „Auf dem Walkürefelsen“ begegnen. Dass schwere Brecher selten im Blech dröhnend zusammenschlagen, verrät den metierkundigen Klangregisseur, der nur im zweiten Aufzug bei Hagens gewaltigen Rufen nach den „Gibichsmannen“ – der von Eberhard Friedrich einstudierte Rundfunkchor Berlin gruppierte sich hinter dem Orchester – die dynamische Schraube großzügig bis zum Anschlag aufdreht und so einen recht dicken Orchesterzwirn flicht. Letztendlich überzeugen aber Bläser mit viel Kern im Ton, und von der Fraktion der Holzbläser hört man fein austarierte Valeurs. Prunkstücke sind spannungsgeladene orchestrale Schilderungen wie „Siegfrieds Rheinfahrt“ im Vorspiel oder im dritten Aufzug ein martialisch tönender Trauermarsch. Der sinfonisch geprägte Wagner von Nott klingt geschmeidig ausgeformt, so dass auch komplizierte Kontrapunkte in prägnanten Konturen erscheinen.

Und wie wird auf dieser Stehparty an der Rampe gesungen? Durchwegs auf respektgebietendem Niveau. So gestaltete Petra Lang die Rolle der Brünnhilde mit viel Intimität, feinen stimmlichen Nuancen und leuchtkräftigen Höhen. Souverän gab sie die bewegenden Verzweiflungsausbrüche. Sie durfte in der Tat die Siegespalme nach Hause tragen. Atemstark, stimmlich gepflegt, erscheint der Götterdämmerungs-Siegfried von Christian Voigt. Er meisterte auch die Strapazen in höheren Regionen.

In der Rolle der Waltraute, der Schwester Brünnhildes, hinterließ Elisabeth Kulman mit dramatischer Verve einen taufrischen Eindruck. Dem neurotischen Schwächling Gunther, dem ja durchaus sympathische Züge abzugewinnen sind, gab Michael Nagy prägnantes Profil. Gut disponiert identifizierte sich Jutta Maria Böhnert mit der Rolle der Gutrune. Hinterhältig trieb es der Hagen von Alexei Tanovitski – eine stimmkräftige Erscheinung, nur ereignete sich der Abstieg in die Tiefen mit allerhand knödeligen Beigaben. Mit der Textverständlichkeit war es da gar nicht gut bestellt. Trefflich einstudiert hinterließen die Chöre einen glänzenden Eindruck.

Fazit: Kantige, dynamisch trefflich austarierte Aktionen wurden von den Zuhörern begeistert applaudiert. Die Vorzüge von Jonathan Notts Interpretation waren weiträumig disponierte Steigerungen und durchwegs flexible Zurücknahmen nach den Eruptionen. Die vokale Bilanz konnte sich wirklich hören lassen.

Egon Bezold

 

 

 

Bamberger Symphoniker

SCHOSTAKOWITSCH Zwölfte.

22.09.2012

Die lärmende Zwölfte & der unwiderstehliche Charme von Sol Gabetta

Die bohrend intensiv ausgelotete vierte Sinfonie mit Jonathan Nott, ein aufwühlendes, angst- und schmerzerfülltes  Seelendrama, grub sich tief ins Gedächtnis ein. Jetzt ließen Bambergs Symphoniker, die Bayerische Staatsphilharmonie, zu Beginn der Saison 2012/2013 Dmitri Schostako-witsch erneut mit einem heroisch musikalischen Denkmal zu Wort kommen: der zwölften Sinfonie (Das Jahr l917) op.112. Mstislav Rostropovich hat es schon richtig gesehen: „Schostakowitsch…hat eine Lenin gewidmete Symphonie geschrieben…Schade, dass sein Genie damit so viel Zeit vergeudete“. Hier sind weniger die „modernen“ Doppelbödigkeiten und die Ambivalenzen eines neuen sich in den späten l970er Jahren  durchsetzende Bild vom Komponisten gefragt, sondern in der musikalischen Rhetorik eine eher  plakative Schwarzweißmalerei - die Huldigung an den sozialistischen Realismus, die Betonung des Affirmativen. Das Werk wurde l960/61 komponiert und am 1. Oktober 1961 aus Anlass des 22. Parteitages der KPdSU aus der Taufe gehoben. Am Pult stand damals Jewgeni Mrawinski. In Bamberg dirigierte der polnische Dirigent Krzysztof Urbanski (30), der elegant sein Stöckchen schwingt und sich als Chefdirigent in Indianapolis und Trondheim  einen glänzenden Ruf erwarb. Sein Engagement bei hoch- karätigen Orchestern kann sich sehen lassen. Wie er in der zwölften Schostakowitsch Sinfonie Ausdrucksgegensätze markant zuspitzte und darauf bedacht war, auch nach Zwischen- und Untertönen in diesem die Ohren folternden Werk zu fahnden, macht Eindruck. Da offenbart sich das ausgeprägte Gespür für große Spannungsbögen, signalisiert einen körper-haft-plastischen Klang bis hin zum Anschlag. Eine atemversetzende Schöpfung ist das Werk sicherlich nicht, vor allem nicht, wenn Fortissimi (Beckenschläge!) ungebremst ihre martialische Schärfe entfalten. Die Schwächen des Werkes liegen auf der Hand: recht banal klingen die melodischen Einfälle, und ein plakativer Zug wälzt sich durch das Geschehen als drehe sich eine glamourös aufgezogene Maschinerie permanent im Leerlauf. Was eher linienkonform klingt, dem Komponisten auch den Vorwurf eines „Parteikomponisten“ vor allem vom westlichen in der Rhetorik des Kalten Krieges befangenen Publikum einbrachte, ließ Urbanski in den exponierten Stellen pur durch die Konzerthalle brausen. Bernstein hätte das nicht expressiver ausgeformt, vielleicht noch mit einigen athletischen Hochsprüngen angereichert.  Im ersten Satz, im „revolutio- nären Petersburg“, schießt die Staatsphilharmonie aus allen Rohren. Dabei wird vorausgegangenes thematisches Material nicht enden wollend breit gewalzt. Ob man will oder nicht: viel fehlte nicht, um die Niederungen in „Aurora“ in den knatternden Entladungen (der Name des Kanonenschiffs, das die ersten revolutionären Schüsse abfeuerte) und in den finalen auf- dringlich jubelnden Triumph „The Dawn of Humanity“ zu einem bomba-stisch hohl klingenden filmmusikalischen Schinken vorkommen zu lassen. Ohne Pausen geht es vorbei an  quälend sich hinziehende  Rezitative bis hin zum bombastisch-optimistisch getönten  Finale.  Expressiv feiert das Werk den Sieg des sozialistischen Realismus. Schostakowitsch diente musikalisch dem Vaterland. Den musikalischen Hintersinn erfährt man denn schon eher im Finale der Fünften, ganz zu schweigen von der depressiven fünfzehnten Sinfonie. Dass Urbanski das pathetische Rubato stellenweise an die Kandare zu nehmen sucht, ehrt den nervig gespannt lotsenden Dirigenten. Das mag auch seiner rückhaltlosen Identifikation mit dem bekenntnishaften Werk geschuldet sein. Die exzellent aufspielenden strahlkräftigen Blechbläser und die punktgenau zuschlagende Perkussion arbeiten auf Hochdruck. Man staunt immer wieder, welche Könner doch an den Pulten der Holzbläser brillieren – der erste Fagottist ist fürwahr ein bläserischer Hochkaräter. Geschmackvoll und wohlgezügelt spielen die hohen Streicher und die nach amerikanischer Orchester Aufstellung nach vorne gerückten Celli die weit ausholenden Bögen. Keine Frage: Schostako-witsch zählt zu den großen Symphonikern des vergangenen Jahrhunderts, wenn gleich das lärmig hohl klingende Dokument zu seinen schwächeren sinfonischen Kreationen zählt. Das Publikum zollte dem sinfonischen Brocken großen Beifall.

Der Senkrechtstart war exorbitant: Tschaikowsky-Wettbewerb in Moskau, Natalia-Gutman-Preis, ARD-Wettbewerbssieg, Auszeichnung beim renom-mierten Lucerne Festival mit dem „Crédit Suisse Young Artist Award“. Dann wurden 2007 und 2009 zwei Echopreise abgeräumt. Ihre zweite CD mit Vivaldi-Konzerten, erschienen im September 2007, hielt sich sogar über ein halbes Jahr in den deutschen Klassik-Charts. Die Rede ist von der argenti-nischen Cellistin Sol Gabetta, die sich längst auf den vorderen Plätzen in der „Premiere League“ der Cellisten-Garde etablierte. Im Saisoneröffnungs-konzert in der Konzerthalle Bamberg war sie vor der Pause zu erleben. Wie die Cellistin mit traumwandlerischen Sicherheit und lockerem, völlig ent- spannt wirkenden Ton das Gemüt der Zuhörer entzückte, d verdient großes Lob. Zu erleben war sie mit einer cellistischen Goldmine, mit dem anspruchsvollen, introvertiert melancholischen, von sehnsüchtigen Grund-stimmungen geprägten Cellokonzert e-Moll op. 85 des britischen „Staatsmusikers“ Edward Elgar. Wie lustvoll mit reich schattiertem Ton und akkurat artikulierten Passagen bis hinauf in höchste Lagen werden doch die Spielräume ausgelotet, der Schlagabtausch im Scherzo mit prächtig leicht gängiger Bogenbehandlung inszeniert. Empfindsam, geschmackvoll, ohne aufdringliche Herzensergießung in den verdämmernden Stellen im Pianis- simo, formt die Gabetta den dritten Satz, das ausdrucksvolle berührende Adagio, das eine Vorahnung des depressiven Lebensabends des Kompo- nisten reflektiert. In Bambergs Symphonikern findet sie mit Krzysztof Urbanski einen hellhörigen Begleiter. Vom Beifall überschüttet ließ Sol Gabetta mit dem begleitenden Symphoniker in der Zugabe den melodischen mit Folklore getränkten Wohlklang nochmals hochleben.

Egon Bezold

 

Bamberger Symphoniker

22.09.2012

Schostakowitsch 4.

Was für ein Monster ist doch diese vierte Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch: Vollendet im Mai l936 zu einer Zeit, als der sozialistische Realis- mus den Kulturschaffenden das abverlangte, was der Staatsraison, dem Diktator Stalin, dienlich war. Wer dem staatlich verordneten Optimismus widersprach, musste im Zeichen stalinistischer Säuberungsaktionen um sein Leben bangen. Wie schwer die ideologischen Repressalien auf Schostakowitsch lasteten, spiegelt eindringlich der Kosmos seiner fünfzehn Sinfonien.

Die Vierte signalisiert genau das Gegenteil von dem was die Politik der Sowjetunion der 30er Jahre forderte. Anstatt einfach, fasslich, leicht verständlich zu komponieren, machte Schostakowitsch aus seinem den Mahlerschen Einfluss keinesfalls leugnenden Werk einen doppelbödigen mit deftigen „Querschlägen“ durchwirkten sinfonischen Brocken, der den Zuhörern das Durchhören nicht leicht macht. Unaufhörlich jagen sich die Turbulenzen. Hier einen logischen Aufbau zu erkennen - einfach ist das wahrlich nicht, zumal der Komponist in kunterbunter Collage, oft bizarr und gespenstisch belichtet, mit laut plärrenden Marschmusiken und ironisch verbrämten Tanzeinlagen seine wahren Absichten wie hinter einer Maske verbirgt. Um dem Schicksal seiner Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ zu entgehen, blieb die vierte Sinfonie zunächst in der Versenkung. Erst zu Zeiten des späteren Tauwetters in der Ära Chruschtschow (1961) wagte Kyrill Kondraschin die Uraufführung – für Schostakowitsch bedeutete das einen Triumph.

Vor begeistert applaudierendem Publikum war das Werk in der Konzerthalle Bamberg zu erleben. Jonathan Nott ist ein risikobewusster, die Strukturen hellhörig durchleuchtender Pultlenker mit dem sechsten Sinn für die enormen Spannungs-momente dieser unter die Haut gehenden sinfonischen Bekenntnisse, die sich dynamisch in extremen Lautstärken mitteilen. Empfindlichen Ohren wird hier eine Menge zugemutet, letztlich auch jenen Musikern, die entgegen der EU Verordnung Ohrenstöpsel im Gepäck lassen. Präzise in den Einsätzen, drahtig im Rhythmischen, lotst Jonathan Nott die Bamberger Symphoniker durch den üppig besetzten schicksalsträchtigen Diskurs. Wie eindrucksvoll teilen sich doch die Potenziale dieses fabelhaft geschlossenen Klangkörpers mit - der erwärmende in den einzelnen instrumentalen Registern farbreiche Ton, die einheitlich phrasierenden  Holzbläser und das klangrund intonierende, selten schmetternd hervor- stechende Blech . Die Interpretation besitzt hohen Rang, ganz besonders im ausladenden Finalsatz, der in knappen einundzwanzig Minuten über einem grotesk sich anhörenden Trauermarsch, einem voll Sarkasmus steckenden Walzer mit anschließendem Galopp und nicht enden wollenden Akkorden im Zusammenbruch endet.

Eigentlich sollte Frank Peter Zimmermann vor der Konzertpause in das Horrorszenarium von Arnold Schoenbergs gefürchtetem Violinkonzert eintauchen. Daraus wurde leider nichts. Wurde der Boden zu heiß? Kaum zu glauben, wer bedenkt, über welch eminente geigerische Qualitäten Zimmermann gebietet. So war ersatzweise das aus barocken Modellen in die Klangsprache des 20. Jahrhunderts überführte Violinkonzert von Igor Strawinsky zu hören. Zimmermann verblüfft hier durch prägnante Artiku-lation und schlafwandlerische Sicherheit im Spagat der Intervalle. Mit Nob- lesse adelt der Geiger die kantablen barock verzierten Abschnitte in den beiden Mittelsätzen. Sein rhythmischer Biss sorgt dafür, dass in  Monologen nichts spröde klingt. Das leichtfüßige Spiel des Orchesters leuchtet in lichter Klangfarbenskala. BR-Klassik sendet einen Mitschnitt am 27. Juni um 19.03 Uhr.

Was bringt die kommende Spielzeit in Bamberg? Die Symphoniker beenden Ende Januar und Anfang Februar ihren Ringzyklus mit Richard Wagners „Götterdämmerung“ (Brünnhilde Petra Lang). Werke von Mozart und Beethoven spielen eine wichtige Rolle im Programm. Ein Schwerpunkt bleibt auch das Schaffen Gustav Mahlers, und Igor Strawinskys „Sacre du printemps“ wird auf den Tag genau einhundert Jahre nach der Uraufführung in Bamberg zu hören sein.  Mit Oper konzertant, Mozarts „Così fan tutte“, geht es bereits im Juli während der Biennale weiter. Im Juni 2013 kommt es zu einer Wiederauflage des Gustav-Mahler-Dirigentenwettbewerbs. Als Bamberger Erstaufführung wird der 85-jährige Ehrendirigent Herbert Blomstedt Carl Nielsens Symphonie Nr. 5 dirigieren und das Orchester in der 13. Japan-Tournee begleiten. Die weit gereisten Kulturbotschafter Bayerns machen auch Station in Spanien und Österreich und erscheinen zu Gastspielen in der Region u.a. in Schweinfurt, Erlangen, Bayreuth, Fürth, leider nur einmal in Nürnberg. Als Artist-in-residence fungiert die Bratscherin Tabea Zimmermann solistisch und im kammermusikalischen Zusammenspiel.

Egon Bezold

DER OPERNFREUND  | Opernfreund.Contact@t-online.de