DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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„Wer „La Manzel“ noch nicht zu Füßen liegt, wird es spätestens nach diesem Buch tun“, droht die Rückseite der „Autobiographie“ der Schauspielerin und Sängerin dem potentiellen Leser, dessen Neugierde natürlich auch darauf gereizt wird, ob er dieser verheißenden Versuchung widerstehen kann. Eine Autobiographie, auch eine, wie angekündigt, „in Gesprächen“ ist dieses Buch allerdings nicht, diese müsste neben den vielen anderen Anlagen auch eine mit den Lebensdaten der Künstlerin haben, die dem Leser aber vorenthalten werden wie die Namen der beiden (?) Gatten, den Vätern ihrer beiden Kinder. An die Stelle von präzisen Daten und der Schilderung prägender Ereignisse tritt allzu oft nur die von Seelenzuständen, die der Vereinigung von Gegensätzen in einer anbetungswürdigen Person, die dominant und kollegial zugleich, witzig und melancholisch, selbstsicher und schüchtern, in ihrem Spiel östlich brechtorientiert und westlich sich identifizierend, zart und schnoddrig, harmoniesüchtig und kämpferisch, mutig und selbstzweifelnd, mithin alles ist. Bereits im Vorwort des Gesprächspartners fallen diesem bei einem Spaziergang mit der auch perfekten Gärtnerin viele, viele lobende Attribute ein, eine Art Einführung, die immer misslich ist, weil sie den Leser, ist er der darzustellenden Person nicht ohnehin verfallen, auf Widerstand bürstet, so wie es auch seine Nachteile hat, wenn Frager und Antworterin sich privat zu gut kennen wie der Filmjournalist Knut Elstermann seine Gesprächspartnerin.

Trotz dieser Nähe oder vielleicht auch wegen derselben verläuft das Frage- und Antwortspiel oft nach dem Schema: Er versucht ihr Präzises auch aus dem privaten Bereich zu entlocken, sie antwortet mit Elogen auf Rollen, Regisseure, Kollegen und das Familienleben, auf das Glück, das sie selbst im Unglück hatte, was alles legitim und verständlich ist, aber dann sollte man kein Buch über sich schreiben lassen. Immer wieder wird das Interview durch Intermezzi unterbrochen, in denen sich Familienangehörige, Kollegen und ganz zuletzt Barrie Kosky, der sie zum Operettenstar an der Komischen Oper Berlin machte und gar nicht glauben mag, dass sie bei all ihren Talenten keine jüdischen Wurzeln habe, äußern. 

„Menschenskind“ heißt das Werk wie bereits ein Hollaender-Abend, den die Manzel gestaltete, und viel zutreffender als das vorangestellte Bobrowski-Gedicht wird dieser Ausdruck interpretiert als das unschuldige Neugeborene, aber auch die damit zurechtzuweisende Berliner Göre. Nicht streng, aber doch in etwa chronologisch wird die Karriere nachvollzogen, von Dresden nach Berlin ans Deutsche Theater und Berliner Ensemble führend, zum Film und zum Fernsehen und schließlich an die Komische Oper, für deren Operettenaufführungen sie zwar keine Opern-, aber eine ausgebildete Stimme prädestiniert.

Auch wer weder an Theater noch an Oper und Operette interessiert ist, könnte wissen wollen, warum der Vater nach fünfjähriger Kriegsgefangenschaft in der Sowjetunion ausgerechnet als Kommunist zurückgekehrt ist und die Tochter dazu animierte, ebenfalls in die SED einzutreten. Davon erfährt man leider nichts, auch nur wenig über die Einflussnahme des Staates auf die Theater in der DDR. Dagmar Manzel scheint unter einer Glasglocke der Unberührbarkeit nur ihrem Beruf nachgegangen zu sein, wollte auch nach der Wende nicht ihre Stasiakte einsehen und ein erklärter Schnüffler blieb trotzdem ihr Freund. Zu beiläufig klingt da ein :“Natürlich sind auch furchtbare, unverzeihliche Dinge geschehen“, aber „ich hatte in der DDR eine schöne Zeit“. Dafür wird aber hart und undifferenziert mit der Treuhand ins Gericht gegangen, ihr der Untergang der DDR-Betriebe und das Unglück der arbeitslos Gewordenen angelastet, nicht der Misswirtschaft des Regimes, das auch den Verfall der ostdeutschen Städte, deren Wiederauferstehung dank westdeutschen Geldes ihr nicht entgangen sein sollte, zu verantworten hatte. Die Gängelung der Menschen, denen Paris und Venedig, Spiegel und Stern und vieles andere zumindest bis zum Rentenalter verboten wurden, scheint da gar nicht erst zur Kenntnis genommen zu werden, oder ein Nachdenken darüber verbot sich, weil man doch nichts ändern konnte, dies zumindest glaubte. Dass für sie persönlich die Maueröffnung ein großes Glück war, wird wiederholt betont. Geliebäugelt wird aber auch mit einem eigenständigen Staat als Nachfolger der DDR mit eigener Brecht-Eisler-Kinderhymne, die nach Meinung des Interviewers doch viel schöner sei als die von Einigkeit und Recht und Freiheit.

Interessant ist, dass Dagmar Manzel, wohl auch durch den Einfluss einer Tante, gläubig und nach der Wende Katholikin wurde, aber wieder aus der Kirche austrat, als ein (!) Priester ihr Vorhaltungen wegen ihres Umgangs mit Schwulen und Lesben machte. Aber Papst Francesco verehrt sie, was aber wohl keinen Wiedereintritt in die Kirche bewirken wird.

Es gibt auch eine ganze Reihe nachdenkenswerter Passagen in dem Buch, so die über die Heilsamkeit des Abschiednehmens, über die Besonderheit der Anforderungen beim Filmen im Vergleich zum Theater, über Rollen wie Anna I und Anna II, Maria Stuart, Tatortkommissarin im Franken-Tatort, und man nimmt es ihr ab, wenn sie meint: „Ich muss einfach auf die Bühne springen und mich verschenken“.        

240 Seiten, Aufbau-Verlag 2017

ISBN 978 3 351 03649 2

Ingrid Wanja 12.5.2017

 

 

Herbert Blomstedt

MISSION MUSIK

„Mission Musik“ nennt sich das gerade erschienene Buch, das Gespräche des schwedischen Dirigenten Herbert Blomstedt mit Julia Spinola wiedergibt, ergänzt durch ein Vorwort und eine Einleitung sowie durch einen umfangreichen Anhang. Mutet der Begriff „Mission“ zunächst in Verbindung mit „Musik“ etwas befremdlich an, so wird dem Leser zunehmend klarer, dass das, was dem Vater noch Missionierung zum adventistischen Glauben bedeutete, für den Sohn, zwar auch tief gläubig, einen ganz anderen Sinn hat: Musik so aufzuführen, wie der Komponist sie geschrieben hat, und sie in einer Welt, die zunehmend den Versuchungen leichter konsumierbarer Popmusik verfällt, vor dem zunehmenden Vergessenwerden zu bewahren.

Im Vorwort berichtet Julia Spinola sachlich darüber, wie es zum Entstehen des Buches kam , und gibt einen Überblick über den Inhalt der einzelnen, in Gesprächsform gehaltenen Kapitel. In der Einleitung dann verfällt sie einer überschwänglichen Schwärmerei, entfernt sich damit vom Charakter der Persönlichkeit, die sich später im Verlaufe der Gespräche in einer ganz anderen, klareren und sachlicheren Art und Weise darstellt und nimmt dem Leser damit fast die Möglichkeit, sich unbefangen selbst ein Bild von dem Portraitierten zu machen. „Alles Theatralische und Kostümierte ist ihm wesensfremd“, schreibt sie, wählt aber selbst eine Darstellungsweise, der das gar nicht fremd ist und die sich quasi vor den Dirigenten drängt. Es ist dem Leser also zu empfehlen, erst die Gespräche zu lesen und sie dann an dem in der Einleitung entworfenen Bild zu messen. Man kann dann durchaus zu einem ähnlichen Urteil kommen, aber es wird dem Leser nicht im voraus aufoktroyiert.

Die einzelnen Kapitel beginnen jeweils mit einem Motto, einem Zitat des Dirigenten, der in so schlichter wie überzeugender Weise zunächst seine Jahre in Dresden schildert, den Zwiespalt zwischen der Liebe für die Besonderheiten der Staatskapelle, deren „existenzielle Unbedingtheit“, und der Abneigung gegenüber einem Staat, der seine Bürger gefangen hält. Besonders sympathisch berührt nicht nur die Ehrlichkeit, die man in jedem Satz vermutet, so das Geständnis, dass zunächst Vorbehalte gegenüber der Musik von Richard Strauss bestanden. Es folgen Berichte über die Jahre in San Francisco, Hamburg und Leipzig, und man erfährt Interessantes über das Verhältnis von Kurt Masur zum Gewandhausorchester, über die unterschiedlichen Sitzordnungen innerhalb des Orchesters, so die von Blomstedt durchgesetzte „deutsche“, über den vielbeschworenen „deutschen Klang“ und fühlt sich so gut unterrichtet wie bisher noch nie zuvor, wie auch über die grundsätzlich unterschiedliche Herangehensweise an Kompositionen à la Mendelssohn oder Wagner. 

Ein weiterer Gesprächskomplex ist Kindheit, Ausbildung und ersten Engagements gewidmet, den Konflikten, die durch den arbeitsfreien Sonnabend der Adventisten entstehen. Neben vielen anderen wird Bernstein erwähnt und einiges weniger oder gar nicht Bekanntes über ihn berichtet, wobei wie auch bei den Passagen über Furtwängler Respekt und Zuneigung auch dort unübersehbar sind, wo Blomstedt nicht mit allem einverstanden ist.

Wie sehr der Dirigent sich selbst weniger wichtig als die Musik, die er dirigiert, nimmt, zeigt sich darin, dass er weniger über sich selbst als über diese berichtet und so ein umfangreiches Kapitel über „Werkanalyse, Interpretation und den Umgang mit dem Orchester“ beiträgt. Sehr überzeugend klingt, dass das Orchester weniger temperamentvolle Zeichengebung als „geistige Energie“ als Hilfestellung braucht, dass sein künstlerisches Ethos mit seinem Glauben zusammenhängt.

Auch wenn Blomstedt am 17. Juli seinen 90. Geburtstag feiern wird, hat er bisher unerfüllte Wünsche wie den, den schwedischen Komponisten Stenhammar bekannter zu machen. Appetit darauf bekommt der Leser durch das, was der Dirigent über den Musiker zu sagen hat.

Bei einem Besuch in Göteborg kann Julia Spinola erleben, dass Blomstedt seine umfangreiche Bibliothek der Allgemeinheit zugänglich gemacht hat. Ein Kapitel über Bach und besonders dessen H-Moll-Messe und über Beethoven und besonders dessen Tempovorstellungen beschließen die Gespräche, die man mit großem Gewinn lesen kann und die den Wunsch provozieren, der Dirigent möge noch recht lange als Anwalt der Komponisten tätig sein, auch den Plan ausführen, gemeinsam mit Barenboim Furtwänglers Klavierkonzert aufzuführen.

Henschel Verlag 2017

ISBN 978 3 89487 950 1

Ingrid Wanja

 

 

Kloiber / Konold / Maschka

HANDBUCH DER OPER

Das Maß der Dinge für den normalen Operngänger

Neuauflage 2016 - gebunden 958 Seiten - 29,95 Euro

Als ich vor rund 40 Jahren anfing mich intensiver mit Oper zu beschäftigen und auch darüber zu schreiben, kaufte ich Rudolf Kloibers "Handbuch der Oper" (als DTV Taschenbuch in zwei Bänden). Es bleibt für mich bis heute auf dem Sektor der Opernführer für den normalen Opernbesucher immer noch das Maß der Dinge - sehen wir mal vom "Opernführer für Fortgeschrittene" von Ulrich Schreiber ab, der aber eher ein Opernführer für den Kritiker oder Opern-Freak ist. (hier braucht man - auch wg. der vielen Verzweigungen - mindestens 1,5 Stunden... und bekommt allerdings auch Informationen, die für einen Vortrag durchaus reichen könnten - ein Wahnsinnswerk)

Doch zurück zum aktuellen "Kloiber" (Grundlegend überarbeitete 14. Auflage in einem Band - gebunden), wobei es sich heute als das Werk dreier Autoren darbietet, weil rund ein Drittel des Textbestandes ausgetauscht wurden und das schöne Buch nun mit hundert neuen Texten erstrahlt.

324 Opern von 135 Komponisten brauchen natürlich Platz und so ist es ein Wälzer von fast 1000 Seiten geworden - doch keine Angst verehrte Opernfreunde und gelegentliche Bettleser, das Buch ist durchaus noch trag- und haltefähig (24 x 18 x 4,5 cm) und lohnt auch die Platzierung als Betthupferl - nicht nur bevor es in die Oper geht! Das ging etwas auf Kosten der Lesbarkeit gerade für die Älteren - Stichwort: Textgröße - ist aber mit Lesebrille noch gut lesbar; immerhin dieselbe Schriftgröße, wie die bewährten alten Taschenbücher.

Hier lernt der Opernfreund- und Besucher die wunderbare Vielfalt der Opernwelt kennen, denn was das Autoren-Trio (Kloiber, Konold, Maschka) hier zusammengestellt hat, sind alles Werke, denen eigentlich ein fester Platz im Repertoire unserer hochsubventionierten Opernhäuser zustehen müsste! Man könnte sagen "geprüfte Qualität".

Hallo, Ihr Intendanten und Kulturverantwortlichen! Es gibt verdammt viele gute Opern, die weit über euer Standart-Angebot des üblichen Aida-Boheme-Cosi-Zauberflöten-Repertoires hinaus, spielens- und entdeckenswert sind! Auch da hilft Euch der neue "Kloiber" enorm...

Pars pro toto nur einige rare Komponisten (nach denen ist das Werk natürlich alphabetisvch geordnet): Adès, Dallapiccola, Bialas, Cornelius, Pizetto, Saariaho, Tan Dun, Tippett, Ullmann... Fragen Sie doch einmal in ihrem Heimopernhaus bei einer Spielplanvorstellung danach ;-)

So spannt sich der Bogen dieses (wie man heute sagt) "Must-Have-Books" vom Frühbarock bis in die Gegenwart, wobei sich die klassische Registereinteilung bei jedem besprochenen Werk bis heute gehalten hat: Rollenbesetzungen, Spieldauer, Libretto, Textdichtung, Handlung, historischer Hintergrund und stilistische Stellung.

Für knapp 40 Euro (zehnmal aufs oft überflüssige Programmheft verzichtet!) ist der kleine Schinken unbedingt lohnenswert, und durch die klassische gebundene, solide Fertigung ein Buch für eine halbe Ewigkeit, welches nicht gleich zerfleddert oder auseinanderfällt, wenn man es intensiv nutzt. Und glauben Sie mir, verehrte Leser, Sie werden es lieben, wenn Sie weiter regelmäßig gut informiert in die Oper (heute sprechen wir besser von "Musiktheater") gehen wollen. Auch können Sie ihren Enkeln und Kindern damit ggf. mal ein wirklich nachhaltiges Geschenk fürs Leben machen. Bei den 10 Büchern, die ich mit auf die einsame Inseln nehmen würde, wäre der "Kloiber" garantiert dabei - wer Oper liebt, muß ihn mögen...

Peter Bilsing

 

 

Christian Merlin

DIE WIENER PHILHARMONIKER

Ein vielleicht ungewolltes Geburtstaggeschenk

Sie erscheinen haargenau zum 175. Geburtstag des berühmten Orchesters und sollen wohl doch kein Geschenk zu diesem Ehrentag sein, denn das Cover von  Christian Merlins  Die Wiener Philharmoniker, zwei umfangreiche Bände in einem Schuber, zeigt zwar den Untertitel Das Orchester und seine Geschichte von 1842 bis heute, aber der Leser muss sich schon selbst ausrechnen, dass mit 2017 ein runder Geburtstag erreicht wurde, und kann sich dann noch zusammenreimen, warum von einer Hommage nicht die Rede sein kann. Knapp sechs Zeilen finden sich dort, wo sonst viel ausführlicher über einen Autor berichtet wird, aber in der Widmung für den Großvater des Autors, Charles Bernard, wird klar, warum dem Enkel das Feiern nicht leicht fallen dürfte. Als Bukowiener bezeichnete der Großvater sich selbst, war Jude und gehörte offensichtlich zu den Glücklicheren, die das 1938 angeschlossene Österreich rechtzeitig verlassen konnten. In der Einführung erläutert der Autor nicht nur, dass er die Geschichte des Orchesters als die seiner Mitglieder (Prosopografie) erzählt, sondern weist auch darauf hin, dass Österreich sich immer schwertat, sich nicht als Opfer, sondern als Täter zu verstehen, dass erst 1992 Clemens Hellsberg, Archivar der Philharmoniker, auf das Unrecht hinwies, dass den Juden unter den Musikern nach 1938 angetan wurde.

Das große Interesse an dem Orchester erklärt sich der Verfasser aus der Popularität der Neujahrskonzerte und der Aura einer Geheimgesellschaft, die den Klangkörper umgibt, was allerdings auf die Berliner ähnlich zutreffen dürfte. Seinen Werdegang sieht er im Durchschreiten der Etappen multiethnisch-chauvinistisch-multiethnisch, die Annahme eines „genetisch bedingten Spielstils“ würde in die Irre führen.

Der erste Band schildert chronologisch die Geschichte der Philharmoniker als Konzertorchester seit dessen Gründung durch Otto Nicolai, der zweite ist zunächst auf ca. 200 Seiten ein Namenslexikon aller jemals dem Orchester gedient habenden und noch dienenden Musiker, denen je nach Bedeutung seitenlange oder zeilenkurze Artikel gewidmet wurden. dazu kommen spezielle Übersichten, so über verwandtschaftliche Beziehungen innerhalb des Orchesters. Daneben vermittelt der Anhang weitere wichtige Kenntnisse.

Merlin sieht die Epoche Nicolai geprägt durch den Kampf um Disziplin und das typische dynastische Denken, die des Nachfolgers Holbein durch den um soziale Maßnahmen und die Selbstverwaltung. Es wird dem Leser leicht gemacht, zu erkennen, worin die Verdienste der einzelnen Direktoren bestanden, so die von Cornet und Eckert in der Gründung von Kammermusikensembles und der Einrichtung der Abonnementskonzerte sowie der Einrichtung eines Archivs.

1869 wird das neue Opernhaus eingeweiht, und Franz von Dingelstedt sorgt für feste Gehälter und Pensionen; Erhebungen zeigen, dass prozentual mehr Juden Mitglieder sind als der entsprechende Prozentsatz in der Bevölkerung erwarten ließe, was aber für den Leser keine Überraschung sein dürfte, eher schon die auch erwähnten 63% der Anwälte oder 63% der Journalisten zu Mahlers Zeit.

Immer wieder kommt Merlin auf die sogenannte „Wiener Schule“ zu sprechen, mokiert sich darüber, dass sie durch einen Italiener über einen Franzosen nach Wien gebracht wurde und häufig als Kontrast zu den präziseren, aber gefühlsarm spielenden Berlinern gesehen wurde. Am Schluss des ersten Bandes verrät der Autor dem Leser dankenswerter Weise, was er selbst unter dem Wiener Stil versteht: Flexibilität und Reaktionsfähigkeit, Tanz und Verzögerung und die Bevorzugung des Ausdrucks gegenüber der Genauigkeit. Auch durchbricht er den alten Gegensatz Wien-Berlin mit dem Hinweis auf die neue Konfrontation Alte gegen Neue Welt und deren Orchester.

Der Konzertsaal des Musikvereins bietet eine neue Spielstätte neben dem Opernhaus. Interessant ist, dass sich der Spielplan der Staatsoper nach den Plänen der Philharmoniker als Konzertorchester richtet. Seine Vielseitigkeit beweist der Verfasser, indem er sich auch Themen widmet wie der Einführungen neuer Instrumente wie der Zugposaune oder Lustiges zu berichten weiß wie den Einsatz des Cellos als Sänger der Gralserzählung.

Von 1997 bis 2007 dauert die Direktion von Gustav Mahler, die durch einen großen Reformeifer geprägt ist, während derer es zum ersten Auslandsgastspiel kommt und die auch die Souveränität des Orchesters bei der Neubesetzung vakanter Stellen in Frage stellt. Es spricht für das Geschick von Merlin, dass er den Leser trotz des Faktenreichtums nie ermüdet, sondern auch trockenere Fakten spannungsreich darzubieten weiß. Das gilt auch für die Epochen Weingartner, Gregor und Schalk.

1918 wird aus der Hofoper die Staatsoper, bei den Philharmonikern ist 1 Gefallener zu beklagen, das Radio beginnt seinen Siegeszug und wird immer wichtiger auch für die Orchester. Bereits Mahler hatte neue Stellen geschaffen, Richard Strauss lässt das Orchester auf 134 wachsen. Clemens Kraus wird der letzte Chefdirigent sein, ab 1933 gibt es nur noch Gastdirigenten und damit noch mehr Selbständigkeit.

Zwei Ungenauigkeiten unterlaufen dem Verfasser, wenn er Seyss-Inquart auch nach 1938 noch als Bundeskanzler bezeichnet, sein Titel war nach dem Anschluss „Reichsstatthalter“, und die Pension nach dem letzten Gehalt zu berechnen, war nicht nur „damals im öffentlichen Dienst gang und gäbe“.

Sehr genau aufgelistet ist das Zahlenmaterial über die Opfer der Rassenpolitik: 13 Entlassene, davon 4 Pensionäre und 9 in den Ruhestand versetzt, neun Emigranten und fünf Ermordete. Sehr ausgewogen schildert Merlin das Verhalten der glücklicheren Kollegen gegenüber den Ausgestoßenen, erwähnt auch, dass zur Hundertjahrfeier auch die Namen der jüdischen Mitglieder in der Festschrift erscheinen und dass es wie Schindlers List auch eine Liste Furtwänglers gab, auf der sämtliche „jüdisch Versippten“ aufgeführt waren und als unverzichtbar für das Orchester bezeichnet wurden. Überhaupt verhält sich der Autor sehr nachsichtig gegenüber selbst Altnazis, deren einer (Wilhelm Gerger) sogar für seinen Einsatz für ehemalige Philharmoniker lobend erwähnt wird- und kein böses Wort über Karajan. Auch der Zweite Weltkrieg kostet die Philharmoniker einen Gefallenen, sie waren bis 1944 uk. Von den zahlreichen Neueinstellungen ab 38 war nur eine politisch motiviert, wie der Verfasser erforscht hat.

Am 12.3.1945 wurde das Opernhaus bombardiert, Wien wird Viersektorenstadt, die Russen wollen schnell wieder ein Kulturleben auf die Beine stellen, die Entnazifizierung wird lasch betrieben, zwei Philharmoniker werden für immer, drei bis 1951 entlassen, dabei waren allein zwei Drittel der Hörner Parteimitglieder. Und bereits 1947 geht es wieder nach Frankreich und England, was Merlin alles mit kaum bemerkbarem ironischem Unterton berichtet. Eine halb komische, halb Zorn erregende Lektüre ist die der Rechtfertigungen von Philharmonikern für ihre Parteizugehörigkeit, geradezu widerlich das Bestreben, den verjagten Juden ihre Pensionen vorzuenthalten.

Ab 1939 gab es die Neujahrskonzerte, die ab 1954 bis 79 der legendäre Boskovsky als Stehgeiger leitete. Dass es heutzutage genauso dämliche Leute gibt wie damals zeigt der Versuch eines Grünen, die Konzerte an sich deswegen (1939 eingeführt!) zu diskreditieren.

Durchgehend hebt der Autor hervor, wie jung Philharmonikern in den erlauchten Kreis eintreten konnten, so während des Krieges ein Vierzehnjähriger, aber Achtzehnjährige waren auch in Friedenszeiten keine Seltenheit.

Das unglückliche Interview Böhms auf dem Bahnhof, Höhen und Tiefen der Arbeit mit Karajan werden dem Leser nicht vorenthalten, auch nicht die Intervention des DECCA wegen der alt und unsicher gewordenen Stimmführer.

Was es mit dem Streit um Theres oder Marie oder mit dem Ring Baldur von Schirachs auf sich hat, sollte der Leser selbst herausfinden, er wird noch mit den neuen Dirigenten Mehta, Maazel, Muti und vor allem Bernstein und seinem Kampf um Mahler bekannt gemacht. 1997 zieht die erste Frau wegen des Mangels an Harfenisten in das Orchester ein, auch die Internationalisierung ist nicht aufzuhalten, wenn auch geringer als bei den Berlinern.

Ein Überblick vom Januar 1991 über die Verpflichtungen der Philharmoniker lässt den Durchschnittsarbeiter erschaudern. Anerkannt wird vom Verfasser der sich allmählich dokumentierende gute Wille zur Aufarbeitung von Unrecht, wie einige von ihm genannte Beispiele zeigen.

Für ganz Faule gibt es ein „Fazit“ am Ende des ersten Bandes, aber sie würden sich um viele Stunden einer so interessanten wie das Wissen bereichernden Lektüre bringen.

Amalthea Verlag Wien 2017

ISBN 978 3 99050 081 1

Ingrid Wanja

 

 

Andràs Schiff

MUSIK KOMMT AUS DER STILLE

Wie schön, dass nicht nur die ins Rampenlicht Strebenden, sondern auch die Nachdenklichen, eher in sich Gekehrten unter den Musikern das Bedürfnis haben, sich der Mit- und Nachwelt mitzuteilen, ihre künstlerischen Grundsätze zu offenbaren und dem Leser einen Einblick in ihr Leben und Wirken zu gestatten. Zu diesen gehört zweifelsfrei András Schiff, und bereits das Cover seines Buches offenbart wie der Titel, „Musik kommt aus der Stille“, etwas von seinem Verhältnis zu seiner Kunst: Wie entrückt, mit geschlossenen Augen und einem Lächeln sitzt er am Flügel, ganz hingegeben an die Musik.

Martin Meyer hat mit dem Pianisten Gespräche geführt, die etwa 50 Seiten des Buches einnehmen, der Rest besteht aus Essays über musikalische Themen, die Arbeit an einzelnen Musikstücken, die Beziehung zu anderen Künstlern oder über Unsitten, die sich im kulturellen Leben ausgebreitet haben. So entsteht eine weite Spanne zwischen dem Thema Musik, die an das Göttliche heranreicht, und den Zuschauern, denen er Verhaltensmaßregeln bis hin zum Verbot des Bonbonauswickelns im Konzertsaal mitgibt.

Generell lässt sich ein gewisser Kulturpessimismus nicht übersehen, wenn Schiff die Geschichte der Musik als eine solche in Zyklen sieht, wenn er der Ansicht ist, dass sie seit dem Zweiten Weltkrieg auf einer Talsohle verharrt, dass es zudem der Jugend an „Ehr-Furcht“ fehlt. Die abendländische Musik wird seiner Ansicht nach überall auf der Welt verstanden, auch wenn jeder Komponist in seiner Sprache denkt und komponiert.

Der Pianist und Dirigent, über die letztere Funktion berichtet er wenig, erzählt von seinem Repertoire, darüber welche Komponisten ihm früh, welche wie Beethoven ihm später zugänglich waren.

Immer wieder zeigt sich Schiff als Patriot, so wenn er György Kurtág als den größten lebenden Komponisten ansieht, in den Essays dann auch vor allem ungarische Pianisten wie Annie Fischer besonders würdigt.

Auch an Geschichte, vor allem Zeitgeschichte interessierte Leser kommen auf ihre Kosten, denn Schiff berichtet ausführlich über die ungarische Geschichte nach der Trennung des Landes von Österreich und weiß Erschreckendes zu berichten über die Judenfeindlichkeit auch der heutigen Ungarn, so sich beim Abspielen der israelischen Nationalhymne vor einem Fußballspiel dokumentierend. Neu dürfte auch für viele westliche Leser sein, dass im Ungarnaufstand von 1956 nicht nur edle Patrioten, sondern auch Nazis am Werk waren.

Technisches wie die Behauptung, die linke Hand solle immer der rechten etwas voraus sein, ist natürlich auch von allgemeinem Interesse und zugleich verblüffend. Feministinnen, falls sie das Buch lesen, könnten sich herausgefordert sehen, wenn sie lesen, dass es wenige gute Beethovenspielerinnen gebe. 

Schiff bekennt, dass er keinen Zugang zu Schönberg habe, aber offensichtlich einen ganz besonders guten zu Bartok, äußert sich zum Gebrauch des Pedals und sieht die Aufgabe eines Lehrers im „Wachküssen“ dessen, was an Musikalität in einem Schüler schlummert.

Sehr bewegend ist, was Schiff über seine Eltern berichtet, die beide ihren ersten Ehepartner durch die Nazis verloren. Das lässt auch verstehen, dass er sehr heftig auf den Wahlerfolg von Jörg Haider in Österreich reagierte. In den Essays wird auf viele interessante Themen eingegangen, auch auf die Verschandelung (so empfindet er es) der Klassiker durch Regisseure, die sich selbst, nicht aber das Werk darstellen. Theaterbesuche in Berlin, dessen Kulturleben er ansonsten bewundert, führten zu den schlimmsten, sogar die Flucht aus dem Zuschauerraum provozierenden Erfahrungen. Auch Wettbewerbe kommen nicht viel besser weg, und es ist interessant zu lesen, wie er diese seine Meinung begründet.

Scherzhaft fragt der Autor nach dem Lebenslauf eines gewissen Andrea Barca- doch der Leser weiß natürlich längst, dass es sich dabei um ein Kammermusikensemble, von ihm unter seinem italienisierten Namen gegründet, handelt, und so lernt er András Schiff auch von der humorvollen Seite nach so vielen anderen kennen, und danach auch noch als Praktiker, wenn es darum geht, wann und wie viele Zugaben man zugestehen solle.

Bärenreiter/Henschel 2017 255 Seiten

ISBN 978 3 7618 2287 6 (Bärenreiter)

Ingrid Wanja

 

 

Thomas Ulrich

Stockhausens Zyklus LICHT

„Der Kerl hatte doch einen an der Klatsche.“ Natürlich war und ist es immer leicht gewesen, Karlheinz Stockhausen eine Meise im Oberstübchen zu attestieren, wie es der Rezensent erst kürzlich wieder aus dem Mund eines Opernfreundes vernahm. Auf der anderen Seite fanden und finden sich immer wieder Verehrer, die in gleicher radikaler Weise die Kunst des Komponisten für unantastbar und ihn selbst für einen spirituellen Großmeister hielten und halten. Für beide Positionen finden sich – je nach natürlich subjektiver Weltanschauung - Anhaltspunkte in der Biographie, im Werk und im Denken (und es ist ein Denken) des Musikers, der tatsächlich zu den wichtigsten Neutönern des 20. Jahrhunderts gehört. Von seinem Ruhm zeugt nicht zuletzt sein Porträt auf dem Cover einer legendären Beatles-LP, was als Anekdote betrachtet werden könnte, hätte Stockhausen nicht bis dicht vor seinem Tod am umfangreichsten vorliegenden Musiktheaterstück gearbeitet, gegen den der Ring des Nibelungen, rein zeitlich betrachtet, mit der halben Spieldauer geradezu schwach wirkt.

Dass Stockhausen, bei allen esoterischen Idealismen, weder kompositorisch noch geistig einen „an der Klatsche“ hatte, belegt nun ein außerordentliches Buch über den außerordentlichen, bekanntlich aus sieben Stücken bestehenden Licht-Zyklus. Es ist dies die erste Monographie, die dem gesamten Zyklus gewidmet wurde, und es ist das mit nicht weniger als 480 Seiten umfangreichste und gründlichste Buch zum Zyklus. Der Autor Thomas Ulrich gehört zu jenen Apologeten, die Stockhausen in jedem Falle folgen. Er tut dies aus einer theologischen Position heraus, die die Lektüre so spannend, gelegentlich so beglückend wie schwierig machen. Er schreibt über die sieben Werke, die der Autor als „Opern“ bezeichnet, obwohl er immer wieder darauf hinzuweisen scheint, dass der neutrale Begriff „Musiktheater“ für die Charakterisierung geeigneter wäre, dezidiert als evangelischer Theologe, der freilich, wie der Waschzettel verkündet, sich „als Autor und Organisator bereits langjährig mit Neuer Musik, u.a. als Dramaturg zweier Stockhausen-Produktionen beschäftigt“ hat. Der Anklage einer „ideologischen Fatalität einer messianischen Selbstüberhebung“, wie Gerhard R. Koch anlässlich der Uraufführung von „Donnerstag aus LICHT“ schrieb, setzt er eine (sprachlich relativ einfache wie angenehm zu lesende) Erläuterung des gesamten Zyklus entgegen, die die Theologie, die Kompositionstechnik und die Intentionen Stockhausens, soweit sie sich aus dem Libretto und den Eigenaussagen des Dichterkomponisten erschließen lassen, ineins setzt. Skeptiker seien gewarnt: wer nicht an etwas glaubt, das traditionell mit dem Begriff „Gott“ belegt wird, wird Ulrich mitunter nicht folgen wollen – doch wer die Ideen Stockhausens und die so simpel gestrickten wie gleichzeitig komplexen Teile des Zyklus' zunächst einmal verstehen will, erhält ein Vademecum in die Hand, das Lust macht auf die nächste Aufführung eines Teils von Licht. Trockenübungen und -Lektüren wie diese können allerdings „nur“ vorbereitenden Charakter haben. Mehr kann und muss ein „Opernführer“ nicht leisten; dem Leser sei daher empfohlen, mit Hilfe von Youtube jene 27 der insgesamt 29 Stunden zu hören, gelegentlich auch zu sehen, die das Kunstwerk erst anschaulich machen. Ohne die Lektüre sind allerdings jene 27 Stunden tatsächlich kaum verständlich. Wer sich allein mit den Werkartikeln in Pipers Enzyklopädie des Musiktheaters die dramaturgische und musikalische Struktur der seinerzeit vorliegenden fünf Teile vergegenwärtigen will, kommt schnell an Grenzen, die der vorliegende Opernführer gewaltig erweitert. Der Rezensent hat sich übrigens dafür entschieden, die Interpretation der einzelnen Tage in ihrem natürlichen Wochenverlauf von Montag bis Sonntag zu lesen, aber auch andere Abfolgen – zunächst die der Entstehungszeiten der einzelnen Teile, wie sie Ulrich mit guten Gründen aneinanderreiht – wäre möglich.

Ulrich bietet zunächst einen Überblick über die Grundlagen des Zyklus, bevor er, in der Abfolge der Komposition der einzelnen Teile, die Tage selbst präzis und ausführlich erläutert. Für Librettoforscher interessant ist der Verweis auf die Beziehung zwischen Text und Musik, die bei Stockhausen keinen traditionellen Mustern folgt. Da die „Superformel“, die aus den Formeln der drei zugleich allegorischen und realistischen Protagonisten Michael, Eva und Luzifer besteht, die gesamte Komposition (mit allerdings bedeutenden Ausnahmen wie dem 1. Akt von Dienstag: Jahreslauf) bestimmt, wird die geistige Deutung aus der Musik heraus geradezu provoziert. Stockhausen verwendet seine Formeln bzw. Fragmente jener durch Intervalle, Pausen und Verläufe sehr genau konzipierten Formeln, die er in einzelne Tagessegmente aufgeteilt hat, gleichsam als Leitmotive; zumindest begegnen gelegentlich Varianten von Formelsegmenten, die den umstrittenen Terminus legitimieren. Unabhängig davon, ob der Leser und/oder Hörer „geistige Kräfte“ in Stockhausens Musik und der differenzierten Verwendung seiner Formeln zu erspüren vermag, bleibt als Grundlage der Deutung die These haften, dass die Musik bei Stockhausen stets die absolute Grundlage der Bedeutung jener „geistigen Inhalte“ ist, daher auch „Opernhaftes“ nur sehr selten – wie im Donnerstag – auf die allegorische Bühne des Neuen Geistlichen Musikdramas kommt. Was auf den ersten Blick trivial klingt, weil Musik stets die Intentionen einer musikdramatischen Handlung dominiert, wird bei Ulrich zum Spezifikum des Zyklus: „Das, was auf der Bühne erscheint, ist nicht für sich die Hauptsache – darin zeigt sich bloß, worum es eigentlich geht: die musikalischen Formeln“ (S. 40). Der Text dominiert nur selten die Struktur einer Szene: so etwa in der Vision-Szene des dritten Donnerstag-Akts.

Tatsächlich zeigt sich bei Stockhausen, mehr noch bei seinem Analytiker, ein eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen Musik und Text, Formelkonstruktion und Handlung. So wie die drei Protagonisten zugleich geistige Prinzipien und real handelnde Personen repräsentieren, changiert Stockhausens Musikdramaturgie zwischen größter Anschaulichkeit und kühlster Abstraktion. Dass die 29 Stunden, rein musikalisch betrachtet, nicht auseinander brechen, liegt, so betrachtet, auch an ihrer Vielgestaltigkeit. Ulrich beschreibt sehr genau, wie die einzelnen Akte, Szenen und Ensembles formelmäßig und klanglich zwischen den einzelnen rituellen „Grüßen“ und den sehr vielgestaltigen „Abschieden“ mit Stockhausens spezifischem „Orchester“, reinen Synthesizer-Verläufen, kammermusikalischen Gustostücken, reinen Chorstücken, Klavierwerken, solistischen Bläsernummern, vergleichsweise traditionellem Orchester und Fanfaren organisiert sind. Er deutet die Komplexität der einzelnen Tage nach ihrem übergeordneten Gehalt (der Mittwoch ist beispielsweise, als Merkur-Tag, der Tag der Luft) und ihren besonderen Szenen (das umstrittene wie beliebte wie äußerst exzentrische Helikopter-Quartett hat, als Luft-Musik interpretiert, natürlich seinen völlig logischen Platz im Mittwoch-Segment des Licht-Zyklus). Ulrich räumt übrigens ein, dass er vielleicht gelegentlich zu viel des Guten bei der Integration und Interpretation einzelner Momente des Zyklus in einen übergeordneten Zusammenhang tut – und er weist immer wieder darauf hin, dass es in dieser kosmologisch und „göttlich“ ausgerichteten Musik auch spielerische und improvisatorische Elemente gibt. Tatsächlich gelingt es ihm, dem Werk in seinen Spaltungen zwischen Radikalität und Ridikülität, Intuition und Infantilismus, Philosophie und Spekulation, Größe und Grausen, inhaltlich nah zu kommen. Für orthodoxe Librettoforscher stellt Stockhausens Großwerk ein (reizvolles) Problem dar, da die musikalischen Formeln Sprachcharakter annehmen und ein ganzer Akt auch mal nicht gesungen werden kann; das Trompetenkonzert von Michaels Reise um die Erde bringt beispielsweise den ganzen möglichen Inhalt dieser realen wie spirituellen Weltreise auf den textlosen Punkt.

Ulrich aber, und dies wird bleiben, hat einen beispiellosen und beispiellos genauen Durchgang durch den inkommensurablen Zyklus vorgelegt, der – mit allen skeptischen Vorbehalten gegen das Gottesbild Stockhausens und Ulrichs – über die wesentlichen Eigenheiten des samt Düften und Gesten und Tanzschritte und Farben und Klängen gesamtkunstwerklich durchstrukturierten, damit auf die Klassische Moderne sich beziehenden Werks unterrichtet, ohne im musikalischen Bereich das Niveau zu unterschreiten. Für den Atheisten und Agnostiker bleibt immerhin – es ist wahrlich nicht wenig – die Erkenntnis, dass Stockhausen mit komplexen, übrigens auch mit humoristischen Mitteln, allgemeingültige Belange aller Menschen auf die Bühne gebracht hat: die Auseinandersetzungen zwischen den Gewalten Michael, Eva und Luzifer bezeichnen Grundkonflikte, denen sich bislang jeder Mensch auf dieser Welt ausgesetzt sah. Auch in dieser Hinsicht ist Ulrichs Opus magnum wertvoll: weil es das Bleibende von Stockhausens Weltsicht – immer mit dem Blick auf das besondere Verhältnis von Musik, Handlung, Text und möglicher Intention des Autors - klar genug herausarbeitet. Vielleicht war ja Stockhausens gewiss eigentümliche Welt- und Eigensicht erst die Voraussetzung dafür, dass es ihm gelungen ist, zugleich ein wabernd subjektives, mit biographischen Elementen angereichertes Musikdrama über die „göttliche“ Aufgabe des Musikers und ein objektiv interessantes Musiktheater zu konzipieren, dem mit dem Wort von der „Klatsche“ denn doch nicht beizukommen ist. Ob die zuweilen anstrengende, zuweilen schöne, zuweilen vertrackt-interessante Musik nun jedermann gefällt oder nicht: dies ist unwichtiger als die Frage, wann der Zyklus endlich in Gänze auf die Bühne gebracht wird. Erst dann nämlich wird man die Relevanz des Werks des Dichterkomponisten Karlheinz Stockhausen (vielleicht) beantworten können.

P.s. Im Juni 2016 erlebte Donnerstag im Theater Basel seine dortige Erstaufführung. Die Produktion fand nicht die Zustimmung der Stockhausen-Nachlassverwalter, weil sie die szenischen und damit inhaltlichen Vorgaben des Schöpfers teilweise ignoriert hat. Der Streit lässt ahnen, dass die Frage, wie mit dem Werk real zu verfahren sei, auch die Intentionen Stockhausens berührt, der sich hierzu nicht mehr melden kann: Wie viel Freiheit verträgt ein Kunstwerk, das im Zeichen der Versöhnung zwischen den Konfliktparteien - des himmlischen (Musikers!) Michael, der lebengebärenden Eva und des kriegerischen Luzifer – ein Modell von Weltfrieden entworfen hat?

481 Seiten, 42 Abbildungen. Böhlau Verlag, 2017.

Frank Piontek

 

 

Sabine Henze-Döring & Sieghart Döring

OPER - DIE 101 WICHTIGSTEN FRAGEN

Umfassende Information auf kleinem Raum

Vor allem der Opernneulinge hat sich das Ehepaar Sabine Henze-Döhring und Sieghart Döhring mit seinem Buch Oper- Die 101 wichtigsten Fragen angenommen, aber auch dem „Kenner“ wird allerlei Interessantes, was er noch nicht wusste, angeboten. Ca. 140 Seiten nehmen die Antworten auf die 101 Fragen ein, und das bedeutet Artikel von durchschnittlich jeweils eineinhalb Seiten, was erfreulich knapp ist und zugleich erstaunlich viel bietet, da Ausschweifendes vermieden und damit kein Opernanfänger verschreckt wird. Allerdings heißt Oper nun einmal auch Sehen und vor allem Hören, und deshalb wäre eine CD mit Tonbeispielen sehr hilfreich gewesen, und die wenigen kleinen Fotos, oft nur vom Format einer Briefmarke, sind nicht sehr anregend.

Ansonsten aber ist an dem Buch nichts auszusetzen, m Gegenteil, selten findet man auf so geringem Raum so viele Informationen, die zudem noch so gut verständlich dargeboten werden. Das Buch gliedert sich in neun Kapitel, wobei sich das erste „Basisfragen“ nennt und sich mit Fragen wie „Wann, wo und wie wurde die Oper erfunden?“ bis hin zu „Sind Opern elitär“ befasst. Es geht danach um „Erscheinungsbild-Erscheinungsform“ mit Fragen zum Beispiel „Was ist ein Libretto“ oder „Was ist ein Musikdrama“, um Stoffe und Handlungen, Meisterwerke und Opernmeister, Sänger, Bühne, Medien Organisation und Finanzen und schließlich um das Publikum.

Besonders angenehm fallen die vom Autorenpaar gewählten Zitate auf, werden die Verdienste Wagners knapp, aber einleuchtend herausgestellt, das ewige Thema prima la musica, poi le parole in seinen Grundzügen behandelt, und natürlich werden dabei weder Salieri noch Richard Strauss vergessen. Das Verhältnis von Rezitativ und Arie, von Librettist und Komponist, von Hofoper und Bürgeroper werden nicht vergessen, auch die jeweilige Finanzierung findet den ihr gebührenden Platz. Die Oper als Prestigeobjekt, die Architektur der Opernhäuser, der Wandel von Sitz- und Kleiderordnung fehlen nicht, und nur zweimal runzelt man die Stirn, so beim Lesen von „Unterhaltsam erscheint die Oper auch durch die Musik“ und bei der Zuweisung von Mozarts Cherubino zu den Sopranen.

Die Operngattungen und deren Entstehung wie die Auflösung der Gattungen, die Entwicklung des Opernorchesters, der Begriff Partitur finden Beachtung, und vieles wird auch demjenigen neu sein, der sich bereits mit Oper beschäftigt hat, so der Unterschied zwischen Ouvertüre und Sinfonia, die Regelung des Opernwesens durch Napoleon im Jahre 1807.

Die beiden Verfasser stellen fest, dass Verdi und Wagner keine Antipoden sind, dass an der politischen Wirkung der Oper eher Zweifel anzumelden sind als an der auf das Gefühl des Zuhörers. Die Bedeutung von Kurt Weill für die Entwicklung der Gattung wird hervorgehoben, den Gründen für die Wirkung von Caruso und Callas nachgegangen und die einzelnen Stimmfächer dem Leser vorgestellt. Dass der Begriff „Regietheater“ heute „obsolet“ ist, mag man bezweifeln, weisen doch die Verfasser selbst auf die unrühmliche „Entführung aus dem Serail“ der Deutschen Oper Berlin in der vergangenen Spielzeit hin. Impresario und Agent, Claque und Buhrufer, selbst Tiere auf der Opernbühne finden Beachtung durch das Autorenpaar, und nach dem Lesen des Buches meint man nun wirklich fast alles über Oper zu wissen und nicht nur über die 101 wichtigsten Fragen unterrichtet worden zu sein. Wer nicht der Meinung ist, findet im Anhang weiterführende Literatur verzeichnet.  

C. H. Beck Verlag, 2017

ISBN 978 3 406 70667 7

Ingrid Wanja

 

SIEGFRIED WAGNER

Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste

Zur Ausstellung des Schwulenmuseums in Berlin über Siegfried Wagner, die vom 17.2. bis zum 26. 6. 2017 stattfindet, gibt es einen stattlichen Katalog von mehr als 200 Seiten, der, bei einem Schwulenmuseum nicht erstaunlich, sich in besonderem Maße der sexuellen Orientierung Siegfried Wagners widmet, aber auch allgemeineren Themen wie seinem Schaffen als Komponist, Regisseur und Dirigent und nicht zuletzt dem Festspielleiter seine Aufmerksamkeit zuteilwerden lässt. Ganz auf der Höhe der Zeit zeigt man sich mit der Wendung an die lieben Leser_innen, manchem Liebhaber der deutschen Sprache bis heute ein Gräuel, und die Offenbarung, das Andersens Kleine Meerjungfrau ein verschlüsseltes Schwulenmärchen sei, ruft einiges Erstaunen hervor.

Die Tatsache, dass nach Siegfrieds Tod ein Teil seines (vielleicht kompromittierenden) Nachlasses vernichtet, ein weiterer von einem Zweig der Wagner-Familie noch immer unter Verschluss gehalten wird, zwingt dazu, wie im Katalog erwähnt, aus dem Fehlen bestimmter Zeugnisse den Forscher wie den Leser seine Schlüsse ziehen zu lassen.

In einem Artikel lüftet Peter P. Pahl das Geheimnis, wie der Titel von Ausstellung und Katalog, Bayreuths Erbe aus andersfarbiger Kiste, zustande kam. Er bezieht sich auf ein Zitat des berüchtigten Schwulenjägers der wilhelminischen Zeit, Maximilian Hardens, für die Eulenburg-Affäre verantwortlich und auch Siegfried Wagner im Visier habend. Hier und auch im folgenden Artikel von Kevin Clarke geht es, weil klare Beweise, abgesehen von den Reaktionen auf Erpresserbriefe, fehlen, mehr um das schwule Leben in Deutschland, ganz besonders in der Schwulenhochburg Berlin, wobei manchmal die Schlussfolgerungen recht kühn sind, wenn zum Beispiel bereits das Übernachten in Hotels an der Friedrichstraße als erwähnenswert angesehen wird.

Generell scheinen einige Verfasser den Wunsch zu haben, dass Siegfrieds Homosexualität zum Dogma erhoben wird, nur ein Autor spricht von Bisexualität, die bei immerhin vier ehelichen und einem unehelichen Kind nicht auszuschließen sein dürfte. Mit zwei Kindern, darunter der Erbe von Bayreuth, dürfte das Soll erfüllt gewesen sein, und die Liebschaft ausgerechnet mit einer Pfarrersgattin spricht eigentlich auch nicht dafür, dass S.W. nur habe etwas „beweisen“ wollen. Da hätte es wohl weniger komplizierte Möglichkeiten gegeben.

In einem weiteren Beitrag schreibt Nikolai Enders über die Vorliebe von Homosexuellen für Richards Opern (was auch von Juden und Franzosen gesagt wird), über allerlei „Verdachtsmomente“ wie Nacktbaden (tat auch Goethe mit seinem Herzog), das Motiv der verbotenen Liebe in Siegfrieds Opern (wie in unzähligen anderen Opern)- und verband Orest und Pylades eine schwule Liebe? Es dürfte kaum jemand bezweifeln, dass S.W. schwul, zumindest bisexuell war, aber manche „Beweise“ fordern doch zum Widerspruch heraus.

Da überzeugt schon eher ein Brief an den jungen Freund Werner Franz in Peter P. Pahls Aufsatz „Briefe an einen jungen Lover“.

Sehr aufschlussreich ist Sven Friedrichs Artikel über S.W. als Festspielleiter, den Zwang zur Ahnenpflege, die Erziehung nur durch Frauen, den Einfluss Humperdincks oder die vorsichtigen ästhetischen Neuerungen nach dem 1. Weltkrieg., die drei Phasen der Festspielleitung, darunter die Abkehr vom historischen Naturalismus. Immer wieder wird der Erwartungsdruck erwähnt, der auf dem Erben lastet. Erwähnt werden auch Hitlers Besuch 1923 und das Bedauern der Wagner-Familie über das Scheitern des Putsches in München.

Dem Komponisten S.W. , dem „Verdikt des Epigonentums“, wendet sich Eckart Kröplin zu, der Hinwendung zur Spieloper, dem abnehmenden Erfolg seiner zahlreichen Opern nach dem Bärenhäuter, dem Verdienst Peter P.Pachels, der zahlreiche Uraufführungen in unserer Zeit ermöglichte. Der Autor weist nach, dass es sich nicht um Märchenopern, sondern um doppelsinnige Zeitkritik bei S.s Werken handelt, dass eines ihrer hervorstechendsten Merkmale die zahlreichen Synästhesien sind, was an vielen überzeugenden Beispielen demonstriert wird.

Zurück zur Homosexualität geht es wieder mit Clarkes „Das queere diskographische Vermächtnis“ mit der Auflistung zahlreicher Sängernamen, wobei nähere Ausführungen zu Max Lorenz im Mittelpunkt stehen, aber auch ein Furunkel am After Erwähnung findet und Tannhäuser als Schwulenoper interpretiert wird. Es wird bedauert, dass Autoren und Verlage auch heute noch Siegfrieds Homosexualität totschweigen (aber vielleicht auch der Meinung sind, das sei genau so wenig erwähnenswert wie Heterosexualität). Und kann man mit Bestimmtheit behaupten, Tschaikowski sei zum Selbstmord gezwungen worden?

Es folgen noch Artikel über S.W. und Oscar Wilde, die sich allerdings nur einmal in London sahen, und über den „Dandy“ S.W. welcher auf den beigefügten Fotos nicht unbedingt als solcher zu identifizieren ist, selbst wenn er den Spazierstock über der linken Schulter trug, und der Schwimmgürtel als „homosoziales Schwimmerlebnis“ gibt auch Rätsel auf.

Roland H. Dippel befasst sich mit der Frage, ob die Opernfiguren in S.s Werken „Lichtgestalten für Schwule“ seien und kann das wegen ihrer Zerrissenheit, die man aber auch bei anderen Opernfiguren der Zeit findet, bejahen. Achim Bahr schließlich will in einer Sessellehne (?) auf einem Bühnenbildfoto ein phallisches Symbol erkennen und im Regenbogen (damals noch nicht für Schwule stehend, wie er selbst bekennt) ebenfalls etwas dahin Deutendes. Überzeugender wirkt da schon der Vers

„Einmal mindest der Genuss, einmal eines Burschen Lieb‘ und Kuss? Schau! Das wäre das Paradies.“

2.Band der Neuen Schriftenreihe der Internationalen Siegfried Wagner Gesellschaft e.V., 2017

ISBN 978 3 924522 69 8

Ingrid Wanja

 

 

Peter Brem

EIN LEBEN LANG ERSTE GEIGE

Eher ein Trachtenjanker als der feierliche Frack scheint zu dem freundlich-verschmitzt lächelnden Gesicht auf der Titelseite des Buches von Peter Brem, Ein Leben lang Erste Geige, zu passen, und so kontrastreich wie das Cover ist auch der Inhalt des Buches, das sich mit den höchsten und letzten Dingen der Musik in einer Art und Weise befasst, dass man es lesen kann wie einen spannenden Roman. 46 Jahre lang war der Münchner Mitglied der Berliner Philharmoniker, Teil einiger berühmter Kammerensembles und für einige Semester auch Lehrer an der Berliner Hochschule für Musik.

Wie ein Musikstück gegliedert ist die Autobiographie mit Kapiteln wie „Vorspiel“, „Auftakt“ oder „Punktierung“, nicht durchweg chronologisch aufgebaut, sondern dem Leser auch „Intermezzi“ anbietend und vor allem jedem, der eine Karriere als Musiker anstrebt, wertvolle Einsichten und Ratschläge vermittelnd. So mag es manchem Leser nicht schmecken, wenn er kategorisch erklärt: “Eine andere Methode funktioniert nicht“, und damit das kontinuierliche, von Vorlieben und Launen unabhängige ständige Üben und noch einmal Üben meint. Bei Brem führte das sogar so weit, dass er zunächst auf den Besuch des Gymnasiums verzichtete, um die Geige nicht zu kurz kommen zu lassen. Und seine Karriere wäre vielleicht anders verlaufen, wenn er sich nicht so vehement gegen ein Studium in der SU gewehrt hätte, denn an anderer Stelle stellt er fest, dass von dort vor allem zum Solisten ausgebildete, aber nicht Orchestermusiker kamen und kommen.

Höchst aufschlussreich ist der Bericht über das Vorspielen bei den Berlinern, deren besondere Organisationsform dem Leser ausführlich und nachvollziehbar geschildert wird, interessant sind die musikalischen Charakterbilder der Konzertmeister, so Michael Schwalbés, von Brandis, in dessen Quartett er jahrelang mitspielte, und von Spierer - Berliner Konzertbesuchern der letzten Jahrzehnte bestens bekannt. Brem scheut nicht vor gewagten Vergleichen zurück, wenn er schildert, dass ihm Karajan als Gott, Schwalbé als Petrus und der Rest des Orchesters als Engel vorkamen.

Der spezielle Klang der Berliner wird erwähnt, die Findung der Chefdirigenten Abbado und Rattle beschrieben und nicht nur deren spezielle Arbeitsweisen analysiert, sondern auch die von Maazel, Muti, Bernstein, Celibidache, Thielemann und vieler anderer Dirigenten, die mit dem Orchester arbeiteten. Dabei weist Brem mehrfach drauf hin, dass eigentlich bei der Wahl Abbados wie der Rattles eigentlich Daniel Barenboim sein Favorit war. Die Probenarbeit und Aufführungspraxis der drei Chefdirigenten, die er erlebte, wird miteinander verglichen, so die an Brahms‘ 3. Sinfonie. Ab und zu gibt es auch einen Einblick in Privates, so das gemeinsame Kind von Abbado und Mullova betreffend.

Als jahrelanger Geschäftsführer kann Brem natürlich auch über Nichtkünstlerisches berichten, so darüber, dass die Philharmoniker eigentlich, wer hätte das gedacht, zu schlecht bezahlt wurden oder dass es feine Unterschiede zwischen dem Berliner Philharmonischen Orchester und den Berliner Philharmonikern gibt. Besonders hervorgehoben wird die Jugendarbeit von Rattle, der der Verfasser zunächst recht skeptisch gegenüber stand, und ein leiser Tadel schwingt in der Feststellung mit, dass der britische Dirigent trotz angeblichen Thomas-Mann-Lesens im Original die Proben nie auf Deutsch stattfinden ließ. Er befasst sich auch aufschlussreich mit der Frage, was einen „Superdirigenten“ ausmache, schildert die Aktivitäten der Philharmoniker anlässlich des Mauerfalls und setzt sich mit den atmosphärischen Strömungen im Publikum der Philharmonie auseinander. Als Revolutionär zeigt er sich in der Zusammenarbeit seines Orchesters mit den Scorpions unter Klaus Meine (gegen Abbados Meinung dazu), ebenso in seiner Bejahung der Einrichtung der Digital Concert Hall, die weit weniger umstritten war.

Aber nicht nur musikalische Höhenflüge, sondern auch ganz „Gewöhnliches“ beschäftigt ihn, so die Hustengeräusche aus dem Publikum und die einheitliche Kleidung für nichtabendliche Auftritte, dunkelblaue Anzüge von Joop, die sich zu seinem Leidwesen bis heute bei den Damen im Orchester nicht durchsetzte.

Zu denken geben sollte manchem Musiker, wie strikt Brem persönliche Beziehungen zwischen z.B. Angehörigen eines Kammermusikensembles ablehnt, welche Schwierigkeiten die Aufführung von Opern, insbesondere des Rosenkavaliers, einem Orchester bereiten können. Nicht überraschend ist für den Leser, wie eng hingegen die Beziehung eines Musikers, vor allem eines Geigers zu seinem Instrument ist, und mit viel Anteilnahme wird er lesen, welche Bedeutung die vier Geigen Brems für ihren Besitzer hatten. Auch Niederlagen wie das vergebliche Bemühen um die Stelle des Konzertmeisters werden nicht verschwiegen, und manch kritischer Blick wird u.a. auf die Auswüchse des Artenschutzgesetzes geworfen, das die Mitnahme uralter Instrumente z.B. in die USA verhindert. So pessimistisch der Blick auf die Zukunft der zu zahlreichen Musikstudenten ausfällt, so optimistisch ist dieser, wenn der Verfasser auf seine nun nicht mehr beruflich, aber privat geübte Beschäftigung mit Musik richtet und damit den Leser in einer gar nicht pessimistischen Stimmung zurücklässt.

rororo 2016 / 260 Seiten / ISBN 978 3 499 63141 2

Ingrid Wanja

 

 

Peter Sommeregger

WIR KÜNSTLER SIND ANDERE NATUREN

Dem Sänger ficht die Nachwelt immerhin einige Kränze

„Ihr Ruhm wirkt bis heute nach“, behauptet der letzte Satz von Peter Sommereggers Buch „Wir Künstler sind andere Naturen“- Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems. Auch die meisten regelmäßigen Opernbesucher werden das nicht unterschreiben können, wohl aber nach Lesen des knappen Werks der Meinung sein, dass die Sängerin es zumindest verdient hat, dass an sie erinnert wird. Bereits 1903 wurden von ihrer Stimme Aufnahmen gemacht. Bei Youtube ist einiges von ihr zu hören, aber in so schlechter technischer Qualität, dass man sich kaum ein Bild von ihrer Stimme machen kann, die immerhin drei Strauss-Figuren, Chrysothemis, Marschallin und Zerbinetta, in Dresden und Stuttgart zum Leben erweckte. Darüber, auch über die Arbeit mit dem Komponisten, erfährt man wegen der prekären Quellenlage leider nur wenig.

Im Vorwort kommt es zu einem Rundumschlag gegen die heutige Gesangsausbildung, die den Schülern nicht einmal zur korrekten Ausübung des Trillers verhilft, gegen den Verzicht auf Ensembles an den Opernbühnen und das allein dem Profit verpflichtete Wirken der Sängeragenten. Der Beweis für eine andere Behauptung folgt dieser allerdings auf dem Fuße mit den zahlreichen Veröffentlichungen von Kritiken, die Sommeregger zu der Behauptung berechtigen, es handle sich um einen „Ausflug in eine verlorene Sprache, die Gesangskunst auch noch verbal zu würdigen wusste“. Von diesen Zeitungsausschnitten macht das Buch auch deswegen häufigen Gebrauch, weil andere Zeugnisse von Leben und Schaffen der Sängerin, die in Breslau geboren wurde und vor allem in Prag und Dresden künstlerisch tätig war, aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr verfügbar waren. Heutige Kritiken, die die Regie in den Mittelpunkt stellen und Sänger nur noch, wenn überhaupt, pauschal beurteilen, sind damit allerdings nicht zu vergleichen.

Aus dem Vergessensein geholt wird auch die Lehrerin von Siems, Aglaja Orgeni, eine Schülerin ihrerseits von Pauline Garcia Viardot, und erstaunlich, aber für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich ist, dass Margarethe Siems bereits mit 22 Jahren und nach nur dreijähriger Ausbildung debütierte, dass sie acht Rollendebüts in acht Monaten schaffte und fast zeitgleich Lucia und Waltraute, Waldvogel und Carmen sang. So bekommt der Leser mehr noch als Informationen über die Siems solche über damalige Gepflogenheiten an Opernhäusern vermittelt. Wertvoll sind auch die knappen Hinweise auf das Opernleben in den Städten, in denen die Siems wirkte, also in Prag mit seinen drei Häusern oder in Dresden, wo sie zur Hofopernsängerin, später Kammersängerin ernannt wurde.

Neidisch werden können heutige Sänger bei der Aufzählung der Präsente, die Margarethe Siems bei ihrem Abschied aus Prag gemacht wurden, nicht nur offensichtlich herrliche Blumengestecke, sondern auch Juwelen. Froh können sie sein, sollten sie homophobe Neigungen haben, denn der Siems war es wegen der damaligen Prüderie erst nach der Künstlerkarriere vergönnt, relativ offen eine lesbische Beziehung zu führen. Und schaudern kann es den Leser, wenn er vernimmt, dass Mozarts Musik zu „Così fan tutte“ zum Text der moralisch einwandfreieren „Dame Kobold“ gespielt wurde. So erfährt man trotz schwieriger Quellenlage doch einiges über die Sängerin, mehr noch über die Zeit, in der sie lebte, so auch über die Oper in schwierigen Zeiten, so den beiden Weltkriegen.

Relativ früh, auch weil sie zunehmend korpulent wurde, wird aus der Sängerin eine Gesangslehrerin, und Sigrid Onegin, eine ihrer Schülerinnen, berichtet darüber nicht ohne Humor.

Einige Briefe, so an die Familie Richard Strauss und an ihre Geliebte, sind in dem Buch abgedruckt; ob sie das gefreut hätte, weiß man natürlich nicht.   

Zwei Einwände sind zu machen: Das Foto mit ihrer Adoptivtochter zeigt nicht sie, sondern wohl ihre Mutter und Gounods Oper rangierte in Deutschland unter „Margarete“, nicht unter „Faust und Margarete“. 

Eine Bibliographie und ein Namensregister beschließen die 164 Seiten. 

2016 Seifert Verlag Wien

ISBN 978 3 902924 64 3

Ingrid Wanja

 

 

 

Peter Matic

ICH SAG´S HALT

So aufschlußreich wie sympathisch

„Ihr Ruhm wirkt bis heute nach“, behauptet der letzte Satz von Peter Sommereggers Buch „Wir Künstler sind andere Naturen“- Das Leben der Sächsischen Hofopernsängerin Margarethe Siems. Auch die meisten regelmäßigen Opernbesucher werden das nicht unterschreiben können, wohl aber nach Lesen des knappen Werks der Meinung sein, dass die Sängerin es zumindest verdient hat, dass an sie erinnert wird. Bereits 1903 wurden von ihrer Stimme Aufnahmen gemacht. Bei Youtube ist einiges von ihr zu hören, aber in so schlechter technischer Qualität, dass man sich kaum ein Bild von ihrer Stimme machen kann, die immerhin drei Strauss-Figuren, Chrysothemis, Marschallin und Zerbinetta, in Dresden und Stuttgart zum Leben erweckte. Darüber, auch über die Arbeit mit dem Komponisten, erfährt man wegen der prekären Quellenlage leider nur wenig.

Im Vorwort kommt es zu einem Rundumschlag gegen die heutige Gesangsausbildung, die den Schülern nicht einmal zur korrekten Ausübung des Trillers verhilft, gegen den Verzicht auf Ensembles an den Opernbühnen und das allein dem Profit verpflichtete Wirken der Sängeragenten. Der Beweis für eine andere Behauptung folgt dieser allerdings auf dem Fuße mit den zahlreichen Veröffentlichungen von Kritiken, die Sommeregger zu der Behauptung berechtigen, es handle sich um einen „Ausflug in eine verlorene Sprache, die Gesangskunst auch noch verbal zu würdigen wusste“. Von diesen Zeitungsausschnitten macht das Buch auch deswegen häufigen Gebrauch, weil andere Zeugnisse von Leben und Schaffen der Sängerin, die in Breslau geboren wurde und vor allem in Prag und Dresden künstlerisch tätig war, aus nachvollziehbaren Gründen nicht mehr verfügbar waren. Heutige Kritiken, die die Regie in den Mittelpunkt stellen und Sänger nur noch, wenn überhaupt, pauschal beurteilen, sind damit allerdings nicht zu vergleichen.

Aus dem Vergessensein geholt wird auch die Lehrerin von Siems, Aglaja Orgeni, eine Schülerin ihrerseits von Pauline Garcia Viardot, und erstaunlich, aber für die damalige Zeit nicht ungewöhnlich ist, dass Margarethe Siems bereits mit 22 Jahren und nach nur dreijähriger Ausbildung debütierte, dass sie acht Rollendebüts in acht Monaten schaffte und fast zeitgleich Lucia und Waltraute, Waldvogel und Carmen sang. So bekommt der Leser mehr noch als Informationen über die Siems solche über damalige Gepflogenheiten an Opernhäusern vermittelt. Wertvoll sind auch die knappen Hinweise auf das Opernleben in den Städten, in denen die Siems wirkte, also in Prag mit seinen drei Häusern oder in Dresden, wo sie zur Hofopernsängerin, später Kammersängerin ernannt wurde.

Neidisch werden können heutige Sänger bei der Aufzählung der Präsente, die Margarethe Siems bei ihrem Abschied aus Prag gemacht wurden, nicht nur offensichtlich herrliche Blumengestecke, sondern auch Juwelen. Froh können sie sein, sollten sie homophobe Neigungen haben, denn der Siems war es wegen der damaligen Prüderie erst nach der Künstlerkarriere vergönnt, relativ offen eine lesbische Beziehung zu führen. Und schaudern kann es den Leser, wenn er vernimmt, dass Mozarts Musik zu „Così fan tutte“ zum Text der moralisch einwandfreieren „Dame Kobold“ gespielt wurde. So erfährt man trotz schwieriger Quellenlage doch einiges über die Sängerin, mehr noch über die Zeit, in der sie lebte, so auch über die Oper in schwierigen Zeiten, so den beiden Weltkriegen.

Relativ früh, auch weil sie zunehmend korpulent wurde, wird aus der Sängerin eine Gesangslehrerin, und Sigrid Onegin, eine ihrer Schülerinnen, berichtet darüber nicht ohne Humor.

Einige Briefe, so an die Familie Richard Strauss und an ihre Geliebte, sind in dem Buch abgedruckt; ob sie das gefreut hätte, weiß man natürlich nicht.   

Zwei Einwände sind zu machen: Das Foto mit ihrer Adoptivtochter zeigt nicht sie, sondern wohl ihre Mutter und Gounods Oper rangierte in Deutschland unter „Margarete“, nicht unter „Faust und Margarete“. 

Eine Bibliographie und ein Namensregister beschließen die 164 Seiten. 

2016 Seifert Verlag Wien

ISBN 978 3 902924 64 3

Ingrid Wanja

 

 

Erik Hoevels

DIE OPER AUF DEM PROKRUSTESBETT

Arme Oper !

Das mit Abstand Beste am Buch mit dem Titel Die Oper auf dem Prokrustesbett ist das Titelbild, das einen weiblichen Lohengrin in SS-Uniform und mit Laserschwert auf einem von einem erschöpften Schwan gezogenen Trabbi zeigt und auch sonst noch einige gern in modernen Opernproduktionen verwendete Utensilien wie Müllsack, Klorolle und an die Wand gekritzelte Slogans wie „Deutschland braucht Einwanderer“ oder“ Gegen Massentierhaltung“.

Enttäuscht wird man allerdings, wenn man Texte erwartet, die sich ausführlich und vielleicht sogar noch humorvoll mit den Umwandlungen befassen, die Regisseure heutzutage Opern angedeihen lassen, und die nach den Gründen dafür suchen, warum Regisseure einander zu übertrumpfen versuchen, was Unglaubwürdigkeit , Lächerlichkeit, Blasphemie oder sexuelle Freizügigkeit auf der Bühne angeht. Beispiele gibt es in Hülle und Fülle, und man könnte in der politischen Ausrichtung (meistens links), den persönlichen psychischen Problemen, dem Wunsch, das Publikum zu schockieren oder das Feuilleton für sich zu interessieren viele Motive für diesen Umgang mit den Werken der Opernliteratur suchen und würde fündig werden.

Richtig wird von den Verfassern Fritz Erik Hoevels, Peter Priskil und Ralph MacRae zwar erkannt, dass der Verzicht auf die Dimension des Historischen, die Aktualisierung, das Hauptmerkmal „moderner“ Regie ist, aber der Grund, warum das so ist, wird allein in dem Bestreben der Herrschenden gesehen, dem Opernbesucher weiszumachen, jedes Auflehnen gegen die herrschenden, natürlich schrecklichen Zustände sei zwecklos. Der „Haß des nachbürgerlichen US-abhängigen monopolistischen Staats“, das Wirken der „Lügenpresse“ sei schuld daran, dass „grobe und tagesbezogene Propagandafetzen“ dem Publikum um die Ohren gehauen würden.

Bei dem Hauptautoren Hoevels weiß man zunächst nicht, ob die Ablehnung der modernen Regie von rechts oder links kommt, wenn er sich zunächst zum Anwalt der Pegida-Demonstranten von Dresden macht, bald aber wird deutlich, dass alle drei Autoren, die DDR für „den besseren deutschen Staat“ halten und sie als vom schlechteren als „annektiert“ ansehen. 

Es geht in den einzelnen Kapiteln um Aufführungen von Mathis der Maler, Tosca, La Juive, Iwan Sussanin und Der feurige Engel, aber der größte Anteil des Textes befasst sich weniger mit den Werken oder ihrer jeweiligen Aufführung, sondern ist ein Gift- und Gallespeien gegen unsere Gesellschaft. Auffallend ist die Inkonsequenz, wenn einerseits gegen jede Verlegung der Handlung in eine andere als die vom Libretto festgelegte Zeit aufs schärfste verdammt wird, aber die Verfasser selbst die Bauern im Mathis mit der KPD vergleichen oder eine Verlegung von Iwan Sussanin in den russischen Bürgerkrieg nach 1918 geradezu gefordert, die in den Zweiten Weltkrieg jedoch verdammt wird. Dazu kommen als unangenehme Begleiterscheinung Kraftausdrücke aus der Fäkalsprache und machen die Argumentation nicht überzeugender.

Besonders abgesehen hat man es auf den Regisseur David Pountney, dessen Namen nicht genannt wird, aber erschlossen werden kann, und seine Tosca in Bregenz und La Juive in Zürich, wo die Dreyfus-Affäre anstelle des ausgehenden Mittelalters auf die Bühne gebracht wurde, was zur Benennung des Regisseurs als „umtriebiger Propagandist des klerikal verseuchten Neo-Byzantismus“ führt. Und was hat es noch mit Oper zu tun, wenn über den „Viagra-befeuerten libyschen Massenvergewaltiger“ geschimpft wird.

Auch Wels und seine Wagner-Aufführungen kommen nicht ungeschoren davon, weil zu „zahm“ und keine Kampfansage gegen die „Verhunzer“. Und die Verwendung der Originalsprache schließlich wird angeblich als Mittel dazu benutzt, das Publikum im Unklaren über den Gehalt der Oper zu lassen.

Kurz und gut: Selbst wer es bedauert, dass Opernaufführungen heutzutage sehr oft die historische Dimension fehlt, Aktualisierungen und damit oft verbundene Semplifizierungen das Publikum für dumm verkaufen und manche Werke zur Karikatur ihrer selbst werden lassen, möchte sich wohl kaum jemand auf eine Stufe mit diesen Autoren stellen, denen es offensichtlich eher um die Verbreitung abstruser politischer Ideen als um die Oper geht.

ISBN 978 3 89484 832 3

Ingrid Wanja

 

 

Otto Schenk

ICH KANN´S NICHT LASSEN

Weiter so !

„Ich bleib noch ein bissl“- Flüssiges und Überflüssiges hieß das vorläufig vorletzte Buch von Otto Schenk, nun hat er mit 86 Jahren sein vorläufig letztes auf den Markt gebracht, und es heißt beinahe schon entschuldigend „Ich kann’s nicht lassen“- Rührendes und Gerührtes“, schon im Titel den Sinn für Ironie und Zweideutigkeit unter Beweis stellend, die Formulierungssucht, als Alterserscheinung klassifizierend. Der Anhang zählt noch einmal die unerhört große Zahl von Schauspielrollen, die Regiearbeiten, die Schauspiel und Oper umfassten, auf, und in der im Buch abgedruckten Laudatio von Michael Niavarani zur Verleihung der Platin-Romy wird besonders betont, dass die Met ihn siebzehnmal nach New York rief, damit er dort vorwiegend Wagner, so auch den Ring, inszenierte.

Beim Lesen der vielen kurzen Kapitel des neuen Buches, die teilweise nur wenige Zeilen, teilweise mehrere Seiten umfassen, meint man den Meister der geschliffenen Worte quasi vor sich auf der Bühne stehen zu sehen. Kleine Episoden oder Betrachtungen allgemeiner oder spezieller Art, sogar einzelne Witze sind durchweg unterhaltsam, angefangen vom widerspenstigen Kindegartenkind, über den Eislaufbegeisterten bis hin zum im Duett mit Niavarani Kabarett Machenden, deren Auftritte stets „auf Wochen im Voraus“ ausverkauft sind.

Viel Österreichisches wird wie immer bei Schenk vermittelt, seien es einzelne Ausdrücke, so auch für den Geschlechtsverkehr, seien es Einblicke in die Veränderungen, die ein Land oder eine Stadt wie Wien im Verlauf der letzten achtzig Jahre durchgemacht haben, einschließlich der oft zitierten Straßenbahn. Sogar eigentlich Unappetitliches, die Verdauung betreffend, wird in Schenks Darstellung lustig und damit akzeptabel. Für Schauspieler und Sänger dürfte das Buch eine nützliche Handreichung sein, wenn Fragen beantwortet werden wie die, wie man „Gerührtsein“ spielen könne. Nicht nur wenn als Zeuge der Freund Marcel Prawy zitiert wird, erkennt der Leser, dass heutige Regiearbeiten nicht den Beifall von Otto Schenk finden können, der noch 2014 an der Wiener Staatsoper „Das schlaue Füchslein“ inszenierte und von dem einige Produktionen vergangener Jahre noch heute das Publikum erfreuen. Schließlich hat kaum ein Zweiter so wie er erkannt, dass in der Oper vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt ist, und hat sich das für viele seiner Sketche zunutze gemacht.

Galgenhumor kennzeichnet Sätze wie „Früher ist man gestorben (zwischen 60 und 80), heute geht man halt ins Philharmonische“, bezogen auf das hohe Alter der Konzert- und Opernbesucher und daraus erwachsenen Gefahren für die Gattung. Sehr bildhaft und humorvoll äußert sich Schenk über die „Zwidrigkeit“ der Klassikhelden, über den Rückzug der Kultur aus den Fernsehprogrammen des ORF, die unterschiedliche Aufnahme von Kunst durch den Laien und den Kritiker, über jüdischen Humor, das Regieführen und vieles mehr, was mit Theater und Oper zu tun hat, nicht zuletzt die Wichtigkeit angemessener Schuhe auf der Bühne beachtend. Manchmal ist es nur ein Wort, so „ausdekoriert“ in Anlehnung an das schreckliche „austherapiert“, das aufmerken lässt und amüsiert, wenn er es dafür benützt mitzuteilen, dass er bereits sämtliche denkbaren Orden erhalten hat. Und er kann auch ganz ernst werden, wenn er über die Einsamkeit des Erfolgreichen berichtet. Zwar „ausdekoriert“, aber nicht „ausgequetscht“, was neue Ideen angeht, zeigt sich Otto Schenk, der, das würde man ihm zutrauen, bereits an einem neuen Buch schreiben wird.

Das jetzige Buch kann man sich auf den Nachttisch legen, vor dem Einschlafen ein paar Absätze daraus lesen und lächelnd einschlafen. 

255 Seiten Amalthea Verlag 2016

ISBN 978 3 99050 055 2

Ingrid Wanja

 

 

Clemens Unterreiner

EIN BARITON FÜR ALLE FÄLLE

Rückblick oder Werbung ?

Was veranlasst einen noch nicht einmal 40 jährigen Sänger, seine Biographie zu schreiben bzw. ( von Michaela Brenneis ) schreiben zu lassen? Im Falle des Baritons Clemens Unterreiter scheint es die Tatsache gewesen zu sein, dass er im Jahre 2015 auf zehn Jahre Mitgliedschaft zum Ensemble der Wiener Staatsoper zurückblicken konnte, ein Jubiläum, das er offensichtlich nicht hat unbemerkt von der Welt hat verstreichen lassen wollen. Davon zeugen die über das gesamte Buch verstreuten Glückwünsche anderer, berühmterer Sänger und Sängerinnen, die irgendwann einmal seinen Weg gekreuzt und sicherlich nicht in ihrem Kalender diesen Termin angestrichen hatten. Der Bariton selbst singt an der Staatsoper eher kleinere als mittlere Rollen, bei Festivals und anderen Veranstaltungen, die sämtlich als „renommiert“ apostrophiert werden, auch Partien wie Wolfram, Telramund oder Tonio. Und Agenten wie Opernhäuser werden aufmerken, wenn sie die Wünsche des Sängers, der sich für einen Kavaliers- und Heldenbariton hält, für die Zukunft zur Kenntnis nehmen: Wotan, Rigoletto, Scarpia, Rodrigo, Mandryka, Conte Almaviva. „Sie sind mit ihren Höhen und Tiefen genau mein Fach.“ Ehe es so weit ist, beteuert Unterreiner immer wieder, wie wichtig es ist, auch kleine Partien sehr ernst zu nehmen und ihnen alle Kraft und Aufmerksamkeit zu widmen.

Das Buch hat einige Schwächen, die es mit anderen teilt, so das vorgetäuschte Schreiben in der Ich-Form, das eigentlich (Eigenlob!) Bescheidenheit voraus setzt. Vom eigene „ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“ zu schwärmen oder „immer ein Liedchen auf den Lippen“ zu haben, klingt peinlich. Unangenehm berührt auch, dass seine „Höhepunkte“ in der Begegnung mit berühmten Sängern bestehen, angefangen von Eva Marton, die in derselben Straße in Wien wohnte, über Edita Gruberova, die sich für Hilfestellung beim Überklettern einer Barriere „mit keckem Lächeln“ bedankte, bis hin zu Natalie Dessay, die er in „Die Regimentstochter“ am Arm festhalten durfte.

Neben der Tätigkeit als Sänger, und die an der Wiener Staatsoper ist sicherlich eine höchst erstrebens- und achtenswerte, um die ihn viele Berufskollegen beneiden, widmet sich der Bariton noch vielem anderen, so der Veranstaltung eines Gesangswettbewerbs (Opera Mania), der augenblicklich aber wohl nicht stattfindet, einem Wohltätigkeitsverein, der Konzerte zugunsten Hilfsbedürftiger organisiert, dem Management, dem Vizevorsitz des Wiener Wagner-Vereins (wohl augenblicklich nicht mehr), auch mal der Veranstaltung „Wandern mit Clemens“ in Anlehnung an Hansi Hintermeier.

Die Kollegen, die nach Aussage Unterreiners kritisieren, er suche zu oft und gern die Präsenz in den Medien, dürfte das Buch ein weiterer Stein des Anstoßes sein und Stoff zu weiterem Lästern geben. Aber auch Nichtsänger stört vielleicht eine Aussage wie „Arzt oder Jurist kann man immer noch werden“ und das offensichtliche Gieren nach dem Titel „Kammersänger“ oder „Divo“, auch wenn entsprechende Episoden „humorvoll“ geschildert werden. Bemerkenswert ist immerhin, dass sich der Sänger, der mit fünf Jahren erblindete und erst allmählich das Augenlicht, wenn auch ein eingeschränktes, zurückgewann, durch keinerlei Rückschläge davon abbringen ließ, den Sängerberuf anzustreben , auch deswegen zehn Jahre lang als Statist an der Wiener Staatsoper tätig war, um seine Ausbildung zu finanzieren. Aber immer wieder stören längst bekannte Gemeinplätze über die Anforderungen des Sängerlebens und Aussagen wie „wenn man mich besetzt, wird die Vorstellung auch abseits der großen Arien der Hauptrollen keine schwachen Momente haben“, was allerdings auch dazu führen kann, dass man ihm vorwirft, in Nebenrollen „zu sehr aufzufallen“.

Wird der Bariton originell, dann oft auch anfechtbar, wenn er meint, wegen ihrer „wunderschönen Arien“ könne die Königin der Nacht doch gar nicht schlecht sein, was angesichts der Aufforderung an die Tochter zu morden, kaum nachzuvollziehen ist.

Insgesamt wird der Leser den Eindruck nicht los, dass das Buch weniger ein Rückblick auf eine große Karriere als eine Werbung dafür ist, dass dem Sänger bisher unerfüllt gebliebene Wünsche doch noch erfüllt werden, und dass es keinen Anhang mit Angaben über die bisherige Tätigkeit gibt, lässt den leser auch stutzig werden.

Amalthea Verlag 2016 / 250 Seiten

Ingrid Wanja

 

 

Teresa Hrdlicka

HUGO REICHENBERGER

Kapellmeister der Wiener Oper

Wahrscheinlich wäre es ihm eine Genugtuung gewesen, zu wissen, dass seine Enkelin einst ein Buch über ihn schreiben würde, das wissenschaftliches und Liebes-Werk zugleich ist, denn Hugo Reichenberger- Kapellmeister der Wiener Oper- fühlte sich zumindest in seinen letzten (zu Recht), aber auch den früheren Lebensjahren (teilweise zu Recht) ungerecht behandelt von seinem langjährigen Arbeitgeber, der Wiener Hof- und danach Staatsoper. Teresa Hrdlicka sah sich, so die Einleitung zu ihrem Buch, durch zweierlei Entdeckungen zum Schreiben veranlasst: die der handschriftlichen Eintragungen ihres Großvaters in das deutschsprachige Opernlibretto Max Brods von Janáčeks Jenufa und der des Skandals einer Liebschaft nicht ohne Folgen zwischen ihm und einer Primadonna, damals ein unerhörter Vorgang.

Die Autorin setzt einige Kenntnisse bei ihrem Leser voraus, wenn sie behauptet, ihr Großvater sei einer der letzten Kapellmeister überhaupt gewesen, ohne zu beschreiben, worin dessen besondere Qualitäten zu bestehen haben. Besser sind es um die Voraussetzungen für ein Verstehen des Buches bestellt, wenn von Hugo Reichenberger als einer Art musikalischem Wunderkind berichtet wird, das in zartem Alter bereits komponierte, mit siebzehn Jahren ein Schülerorchester leitete.

Das Buch zeichnet akribisch, durch viele Quellenzitate gestützt, die einzelnen Karrierestationen des Dirigenten nach von Bad Kissingen über Breslau (damals die drittgrößte Stadt Deutschlands), Aachen, Bremen und Stuttgart, wo die Liebschaft mit der Haussoubrette zur Entlassung führte. Viele Zitate aus Kritiken, Briefen und anderen Quellen sind nicht nur als Zeugnisse des Biographie eines Künstlers interessant, sondern mehr noch, weil sie viel über Zeit und Ort seines Wirkens verraten, so darüber, wie reich das Repertoire der damaligen Opernhäuser war und wie viele Uraufführungen man wagte. Auch Begriffe wie der des „Kavaliersintendanten“ werden dem Leser vertraut und die Tatsache, wie patriotisch, heute würde man es nationalistisch nennen, viele Juden wie Reichenberger fühlten, sichtlich stolz Uniform trugen, egal ob sie ihren Glauben beibehielten oder wie der Dirigent (aus Liebe zu seiner katholischen Frau) konvertierten.

Interessant ist Reichenberger für den heutigen Leser auch durch seine Nähe zu Richard Strauss und Gustav Mahler, durch die Gäste, die er nach den Stationen München und Frankfurt in Wien zu betreuen hatte, so Caruso, oder deren Ensemblemitglieder wie die Jeritza oder zeitweise Slezak. Das Ringen um die endgültige Fassung der Ariadne auf Naxos gehört zu den aufschlussreichsten Kapiteln des Buches, und wer wusste schon, dass die Ensemblemitglieder zur Traviata, damals als Violetta auf dem Spielplan, ihre eigenen Abendgarderoben mitbringen mussten. Zu den Aufgaben des Dirigenten gehörte auch die Beurteilung von neu eingereichten Opern, wobei sich Reichenberger in Bezug auf Puccinis Fanciulla ein krasses Fehlurteil leistete. Übrigens gab es bereits vor dem 1. Weltkrieg in Wien den Merker, aus dem die Verfasserin zitiert, ebenso aus den Artikeln von Julius Korngold, Vater des Komponisten, der Reichenberger nicht besonders wohlgesonnen war.

Die Entdeckung Janáčeks für Wien und die erfolgreiche Aufführung von Jenufa trotz der Spannungen zwischen Österreich und seinen von ihm abfallenden Satellitenstaaten in Wien sind Reichenberger tatsächlich hoch anzurechnen, und wichtig ist, was die Autorin darüber zu berichten weiß.

Das Buch gliedert sich im zweiten Teil nach den Intendanzen der Wiener Oper, von Weingarten bis 1911, danach Gregor bis 1918, Schalk/Strauss bis 1924, danach nur Schalk bis 1929 und schließlich Clemens Kraus bis 1934, Weingartner bis 1936. Durchgehend ist Reichenberger der übermäßig Beschäftigte, der immer willig Einspringende, der auf Proben verzichten Müssende, der im Februar 1935 erfährt, dass er pensioniert wird. Berührend ist sein Protestbrief dagegen, erstaunlich, dass er nach München, schließlich die „Hauptstadt der Bewegung“, zurückkehrt und auch in den kommenden Jahren wie zuvor nach Tegernsee, besonders judenfeindlich, in Urlaub fährt; beinahe schon für Erleichterung des Lesers sorgend, dass er vor der „Reichskristallnacht“ tot am Klavier zusammenbricht, Frau und Sohn den Krieg unbeschadet überstehen. Auch der Leser, der vielleicht zunächst distanziert an das Buch herangegangen ist, wurde inzwischen durch die Lektüre zum Anteilnehmenden am privaten wie beruflichen Geschick eines Künstlers, dessen Bedeutung sich durch dieses Buch erschließt.

Wien 2016 Edition Steinbauer / 264 Seiten

ISBN 978 3 902494 77 1

Ingrid Wanja

 

 

 

Marina Garaventa

UNA VITA DA TENORE

Biografia di Ottavio Garaventa

Schon vor Jahren munkelte man in italienischen Opernkreisen davon, die Tochter des Tenors Ottavio Garaventa habe einen Schlüsselroman über das Ambiente ihres Vaters geschrieben und jedermann forschte nach, ob er wohl darin vorkäme. Jetzt, zwei Jahre nach dem Tod des Fast-Genovesers, braucht niemand mehr zu rätseln, denn das neue, fünfte Buch von Marina Garaventa mit dem Titel „Una Vta di Tenore“ nennt die Personen beim richtigen Namen, sich selbst auch „Biografia“, und außer der Autorin haben in einem Vorwort und in einem Ricordo auch noch Roberto Iovino und Daniele Rubboli ihren Beitrag geleistet.  

Das Buch ist eingeteilt in Atti und Scene wie eine Oper, die Verfasserin schreibt nicht in der Ich-Form, sondern in der dritten Person von sich selbst, so dass das Ganze doch rein formal wie ein Roman wirkt. Auch dass seine Tante, die Sängerin Rosetta Noli, bei seinem ersten Schrei gerufen haben soll:“ Tu diventerai un gran tenore“, hört sich eher wie der Beginn eines Romans als der eines Sachbuchs an.

In seinem Vorwort beklagt Roberto Iovino, wie schwer es heute Journalisten wie er haben, Artikel über klassische Musik in Tageszeitungen unterzubringen, was man als Leser des Corriere della Sera eigentlich nicht bestätigen kann. Er lobt die Bodenständigkeit seines Freundes Garaventa, dessen 80. Geburtstag nicht genügend gewürdigt wurde und der zu gut dafür war, eine erfolgreiche politische Karriere zu machen. Als Sänger hingegen gelang es ihm, zunächst als Bariton, später als Tenor den Concorso Aslico zweimal zu gewinnen, in Busseto der Beste von 380 Bewerbern um den Ersten Preis gewesen zu sein.

Vor dem Kapitel über Abschied und Tod gibt es den Ricordo von Daniele Rubboli, der gewohnt ausschweifend und –ufernd wenig zur Sache selbst kommt und den Leser mit Ermüdung straft.

Marina Garaventa, deren Überleben gleich nach ihrer Geburt bezweifelt wurde, die von klein an einem Syndrom litt, das es ihr nicht erlaubte, sich normal zu bewegen, und die inzwischen bettlägerig und auf eine Atemhilfe angewiesen ist, hat sich, das zeigt ihre Art des Schreibens, Humor und besonders ihren Sinn für Ironie bewahrt, was das Lesen ihres Buches sehr angenehm macht. Dabei umfasst die eigentliche Biographie 137 Seiten, die restlichen ca. 190 Seiten sind einem umfangreichen Anhang vorbehalten: den Kollegen, den Rollen als Bariton und als Tenor, den Debuts, der musica sacra, den CDs und DVDs, der Anwesenheit im Web und dem Namensregister.

Nicht nur die Karriere des Tenors bildet den Inhalt des Buches, man erfährt auch etwas über das Leben in Ligurien während des Krieges, den Kampf zwischen Partisanen und Mussolini-Anhängern, über das wirtschaftlich aufstrebende Nachkriegsitalien.

Wie viele Sänger seiner Zeit debütiert Garaventa in einer Wagnerpartie (Bruson mit Telramund und Vinco mit Klingsor), nämlich dem Heerrufer. In einer Vorstellung, in der er Rossinis Figaro singt, versagt ihm die Stimme, und es wird entdeckt, dass er eigentlich Tenor ist. Die Zeit des Umsattelns verbringt er als Kranführer im Hafen von Genua.

Das Bucht ist anekdotenreich, schildert die Sutherland von einer ganz neuen Seite, Corelli von der bekannten als Angsthasen vor dem Auftritt, die Rivalität mit Pavarotti und die fruchtbare Emilia, was das Hervorbringen von Tenören betrifft. Salvare la recita scheint eine Spezialität von Garaventa gewesen zu sein, davon werden viele auch komisch wirkende Beispiele genannt, sehr humorvoll wird die Staatsoper Wien als Ort staunenswerter Ordnung beschrieben. Erstaunt kann man darüber sein, dass Fabio Armiliato, gefördert von Garaventa, bei dessen Estate Sanvignonese den Capitano in Simon Boccanegra und den Wagner in Boitos Faust sang, Regie Ken Russel und nach seiner drogensüchtigen Mimi in Macerata ein weiterer Skandal. Auch aus der Arena di Verona gibt es Lustiges zu berichten, wenn Garaventa das Orchester rettet, indem er den falsch fallenden Kopf des Götzenbildes in Nabucco mit dem Fuß wieder in die richtige Bahn lenkt.

Übrigens staunt man, wie vielfältig das Repertoire in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts in Italien noch war, so sang Garvanta u.a. in Donizettis Il diluvio universale, in Catalanis Dejanice und in Mascagnis I Rantzau. In das Kapitel über den Tod des geliebten Vaters flicht Marina Garaventa die letzten Worte von Boitos Faust:“ Giunto sul passo estremo“- ein sehr bewegender Abschied.

ISBN 9788899137779

Ingrid Wanja

 

 

Elisabeth Heresch / Wilhelm Sinkovicz

DIE WELT DER RUSSISCHEN MUSIK

Plädoyer für die klassische, nicht nur die russische Musik

Der russische Dirigent Vladimir Fedojesev „entführt in die spannende Welt der russischen Musik“, wie die „Übersetzerin und Gestalterin“ Elisabeth Heresch dem Leser des Buches „Die Welt der russischen Musik“ in ihrem Vorwort vermittelt, aber mindestens ebenso interessant wie die Lebensbilder der einzelnen Komponisten und die Analyse ihrer Werke sind die Kapitel, die sich allgemeinen, über die russische Musik hinausgehenden Problemen widmen.

Da geht es um Interpretation, die nach Meinung des Dirigenten die Ausführung des Willens des Komponisten plus die Intuition des Interpreten sein sollte, die ihrerseits wieder von der Zeit, in der dieser lebt, geprägt sein wird. Es geht um das Problem der unterschiedlichen Fassungen eines Werks, insbesondere am Beispiel des Boris Godunov, den beiden von Musorgskij selbst stammenden und denen von Rimski-Korsakov und Schostakowitsch nachgewiesen, und um die Tatsache, dass ein Komponist nicht unbedingt ein guter Interpret seines Werkes sein muss, was ebenfalls mit Beispielen belegt wird. Beklagt wird das allmähliche Verschwinden der klassischen Musik aus dem gesellschaftlichen Leben, besonders des Russlands, seiner Amerikanisierung, der fehlende Musikunterricht, das Vorherrschen einer „Pop- und Eventkultur“. Diktatoren wie Stalin und Hitler wird zugute gehalten, dass sie trotz aller Repressalien doch für eine Blüte der Kultur in ihren Ländern sorgten. Die schwindende Bedeutung der Religion bedeutet nach Fedosejev auch einen Verlust an Kultur, „eine Verarmung der Seele“. Kritisiert werden die Vertreter der Hochkultur, die ihren Erfolg der Tatsache verdanken, dass sie sich „attraktiv (zu) präsentieren“ verstehen. Ob damit etwa ein deutscher Geiger und ein deutscher Tenor gemeint sind?

Sehr lesenswert ist auch das Kapitel über „das Wesen der russischen Musik“, nicht zu verwechseln mit „russischer Interpretation“, wie sie in der Stalinzeit und danach „schwermütig“ und „pompös“ auftrat oder auch sich schwerfällig und lautstark gab. Für den Dirigenten zeichnet sich russische Musik durch eine besondere Tiefe aus, hat „mehr Lyrik in der Seele“ als die anderer Völker. Auch das Einfühlungsvermögen in andere Stile, so des orientalischen, zählt der Autor zu den Besonderheiten russischer Musik, und das kann bis zur Selbstaufgabe führen. Die Weite des Landes bedingt auch weitgespannte Melodien, die gesellschaftliche Situation einen zum Zynismus neigenden Humor.

Neben den biographischen Skizzen der bekannteren Komponisten gibt es ein Kapitel über „verborgene Schätze“, zu denen der Verfasser Wladimir Rubin, Roman Ledenjow, Anton Wiskow und Alexej Rybnikow zählt. Auch die Emigranten dürften nicht vergessen werden.

Den Hauptteil des Buches nehmen die Ausführungen über die einzelnen Komponisten ein, angefangen mit Michail Glinka und endend mit Dmitrij Schostakowitsch. Dazwischen geht es um Dargomyschskij, Balakirew, Borodin, Swiridow, Tschaikowsky, Rubinstein, Musorgskij,, Rismskij-Korsakow, Glasunow und Strawinsky, Skjrabin, Rachmaninow und Prokofjew. Dabei werden Entstehungsgeschichte, Analyse, Interpreten, die von ganz besonderem Interesse sind, geschildert. Natürlich spielt „Das mächtige Häuflein“ eine große Rolle, auch der Kampf sowjetischer Komponisten um ihre Kunst, ihr Lavieren zwischen Gulag-Gefahr und Ehrung als einer Art Verdienter Komponist des Volkes. Eine Ehrenrettung der oft verpönten, weil zu populären Werke geschieht mit dem Hinweis, sie würden lediglich immer zu laut und zu schnell gespielt.

Den Leser entlässt das Buch mit einem sehr viel Mehr an Wissen, als er bisher sein Eigen nannte, und mit viel Nachdenklichkeit über die Zukunft der klassischen Musik, nicht nur der russischen.

192 Seiten, Edition Steinbauer

ISBN 978 3 902494 64 1

Ingrid Wanja

 

 

Ludvik Glazer Naudé

DIE ZAUBERFLÖTE

Ein Cappricio über Mozart Themen

Es gibt ein berühmtes wie amüsantes Aquarell, dessen Original lange Zeit im Schloss Tiefurt hing, also in unmittelbarer Nähe des Weimarer Musenhofes, an dem sich der Operndirektor und Librettist Johann Wolfgang von Goethe besonders um Mozart gekümmert hat. Dieses entzückende Aquarell zeigt eine Kostümprobe zur Zauberflöte, die 1794 im Weimarer Hoftheater auf die Bühne kam. Man sieht also die Knaben, die sich gerade die Gewänder der verschiedenen Tiere anpassen lassen, man sieht die drei Damen und den Mohren, man sieht den Sarastro und einige seiner Priesterkollegen. Von der Decke hängt der Vogelkäfig des Mannes, der, direkt unter dem Requisit, in die berühmte Flöte bläst.

Ein wenig erinnert diese durchaus realistische Ansicht einer Probensituation an ein Bild, das der Leser und Betrachter eines neuen Kinder- und Jugendbuchs zur Zauberflöte von 1791 entdecken kann. Wir schauen da in eine Theaterwerkstatt des Theaters auf der Wieden, in dem gerade das gewaltige Gewand der Königin der Nacht mit Hunderten von Glassteinchen bestickt wird. Monostatos' Kostüm hängt über einer Schneiderpuppe, zwei Männer bewegen die riesige Schlange mit Stangen, und in der hinteren Tür klettert gerade ein kleiner Schimpanse am Rahmen entlang. Zwei Giraffen und ein buntgefiederter Vogel ergänzen das Bestiarium, während vor dem Fenster ein weiterer bunter Vogel entlang fliegt.

So begegnen sich die Wirklichkeit und die Fantasie: in einem Kinder- und Jugendbuch des Genres „Opernbuch“. Ludvik Glazer-Naudés und Ingrid Leser-Matthesius' Zauberflöten-Buch ist, natürlich, nicht das erste Buch zu Mozarts Oper, denn keine Oper wurde so oft ins Kinder- und Jugendbuch transportiert wie diese. Im Unterschied aber zu den zahlreichen anderen, optisch meist sehr schön gestalteten Versionen, die seit Jahrzehnten auf dem Markt zu haben sind, hat die Nacherzählung dieser Oper eine Ouvertüre. Das Theater beginnt hier vor dem Theater. Soferl, die wir uns als sechs- bis siebenjähriges Mädchen vorstellen müssen, ist das Medium, durch deren Augen wir die Vorbereitungen zur Uraufführung und schließlich die Aufführung selbst betrachten. Die zufällige Begegnung mit dem Komponisten vor dem Freihaustheater verschafft ihr auch den Anblick des Vertreters einer Gattung, die in Opernbücher für Kinder und Jugendliche ansonsten (mit Ausnahme des vergleichslosen Richard Wagner) nicht die geringste Rolle spielt - aber auch hier markiert der Librettist als Darsteller der kindgerechtesten Rolle der Zauberflöte eine Ausnahme von der Regel. Wir sehen also Emanuel Schikaneder, der seinen Komponisten zwei Monate vor der Uraufführung auffordert, doch endlich „noch wichtige Teile der Musik“ zu schreiben. Auch so kann die Reflexion auf die bekannten Legenden der Produktionsgeschichte im Kinderbuch aussehen; nein, man benötigt nicht immer ein Zauberflötenhäuschen. Unter dem Arm trägt der Librettist indes bereits eine große Papierrolle, die den Papageno zeigt: es ist eines von vielen genau ausgemalten Details, die auf jeder Seite dieser etwas anderen Zauberflöten-Geschichte entdeckt werden können. Die Noten von „Das klinget so herrlich“, die am Ende auf dem Hammerklavier stehen, könnte man fehlerfrei nachspielen.

Anders sieht auch das Freihaustheater hier aus, das mit der historischen Topographie des gewaltigen Wiener Baukomplexes nichts gemein hat, sondern wie ein „normales“ kleines und freistehendes Theater des 18. Jahrhunderts anmutet. So erlaubt sich der Zeichner des feinen Strichs etliche Freiheiten, die nicht mit der Lupe der exakten Wissenschaft betrachtet werden dürfen. Es genügt, dass das Innere des Theaterraums mit seinen Rängen und Logen dem jugendlichen Betrachter einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck eines Theaterraums der Mozartzeit verschafft und der Blick in den Probenraum des Flötisten ein nichtauthentisches Jugendporträt Mozarts, eine der berühmten Kugeln und das frühe Bild der musizierenden Kleinfamilie enthält, dazu einen kleinen Hund, den man für Mozarts Zamperl halten könnte. So wird das Suchbild zu einem Cappriccio über Mozart-Themen, die das beliebte Thema „Mozart für Kinder“ in detaillierte Ansichten bringen.

Was der Leser und die jugendliche Leserin über Mozarts Oper lernen, geht indes nicht über eine Nacherzählung hinaus, die den bekanntlich kontrovers diskutierten Gehalt der Oper und die Definition von „gut“ und „böse“ nicht problematisiert. Sie soll und braucht es nicht – es genügt zunächst, dass mit Hilfe der Theateransichten die Fabel genau nacherzählt wird. Diese Ansichten sind paradox und ahistorisch, aber ästhetisch schön, indem sie - die überlieferten Abbildungen der ersten Zauberflöten-Aufführungen des späten 18. Jahrhunderts hinter sich lassend - zwischen der Ägyptenmode des 19. Jahrhunderts und, besonders in den Prüfungsbildern mit ihren schwebenden Gruselmasken und Fischen, einem sanften Surrealismus vermitteln. Gespiegelt werden diese Bühnenbilder in den kindlichen Augen und Ansichten der kleinen Uraufführungsbesucherin, die unversehens zu einem extrem guten Sichtplatz kommt. Das Nachspiel aber machen nicht der Untergang der dunklen Gewalten und die Feier des Hohen Paares, sondern der Besuch „Soferls“ in der Theatergarderobe, wo sie wieder auf Mozart, seinen Librettisten – und ein weiteres Wesen des Zauberflöten-Kosmos trifft.

Mag auch die Entstehungsgeschichte der Zauberflöte nur derart angerissen werden, dass es einen „anständigen“ Librettoforscher gruseln mag, so kann der Rezensent nicht verhehlen, dass er große Freude an dieser liebevollen Zauberflöten-Variation hatte, weil sie wenigstens ansatzweise mit liebe- wie fantasievollen Details in die Theaterwirklichkeit von 1791 ein- und entführt. Ein Kinderbuch, auch eines im Opernbereich, gehorcht anderen Regeln als eine wissenschaftliche Studie. Die Welt der Zauberflöte zwischen dem späten 18. Jahrhundert und der Ägyptenmode des Historismus, zwischen dem Probenalltag und der Aufführung mächtig und doch zart ins Bild gesetzt zu haben, ist eine sehr schöne Leistung. Ganz abgesehen davon, einmal einen echten Librettisten in einem Kinder- und Jugendbuch zu erblicken.

48 Seiten. Mit zahlreichen Bildern und einer Audio-CD mit 14 Stücken.

München: ars Edition 2014.

Frank Piontek, 13.3. 2016

 

 

Johann Hofer

CARL GOLDMARK

Interessant für Laien und Kenner

Deutschkreutz im Burgenland betrachtete der Komponist Carl Goldmark als seinen Heimatort, obwohl er in Keszthely geboren wurde, hier wurde 1980 der einzige Carl Goldmark Verein gegründet, und Johann Hofer, der Autor des Buches Carl Goldmark- Komponist der Ringstraßenzeit, stammt ebenfalls aus Deutschkreutz, welches leicht übertreibend als „jüdische Gemeinde“ bezeichnet wird. Aber immerhin war mehr als ein Drittel der Einwohner zu Goldmarks Zeiten jüdischer Abstammung

Da Carl Goldmark Sohn eines jüdischen Kantors war, erfährt der Leser viel über das Gemeindeleben dieser Bevölkerungsgruppe, u.a. auch, dass man als ihr Angehöriger das Wort „Kreuz“ nicht in den Mund nehmen durfte, dass ein Großteil der auch als Mäzene tätigen Mitglieder des Wiener Großbürgertums mosaischen Glaubens oder konvertiert zum Christentum war, dass viele Familienmitglieder, auch Geschwister Goldmarks auswanderten und bedeutende Karrieren auf vielen Gebieten machten, im Ausland die Karriere des Verwandten unterstützten.

Der Untertitel   „Komponist der Ringstraßenzeit“ mag den nicht österreichischen Leser zunächst befremden, für einen deutschen Komponisten wäre der eines „Komponisten der Gründerzeit“ wohl das Entsprechende, einer Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs, der Blüte auch der Kultur durch die Sponsorentätigkeit eines reich gewordenen, selbstbewussten Bürgertums. Im Titel deutet sich an, dass der Autor über die sehr ausführliche Lebensbeschreibung- und die der Kompositionstätigkeit Goldmarks weit hinausgeht und ihn als Kind seiner Zeit und eines emanzipierten Judentums sieht, der seine ungarische Herkunft nie verleugnet, in Budapest besonders große Triumphe feiert, aber zugleich durch und durch Bürger des Vielvölkerstaat Österreich-Ungarns ist, von dem niemand ahnen kann, dass sein Untergang in wenigen Jahrzehnten bevorsteht. Inwieweit der Historismus, der die Architektur der Ringstraße mit ihren Prachtbauten wie dem Hotel „Imperial“ kennzeichnet, auch die Musik Goldmarks und seiner Zeitgenossen prägt, wird immer wieder bei der Analyse der einzelnen Werke erläutert, ebenso die Vorliebe für Orientalisches, insbesondere im Hauptwerk Goldmarks, „Die Königin von Saba“, präsent.

Das Buch wirkt lebendig durch die Vielzahl von ausführlichen Zitaten, seien es die Erinnerungen des Komponisten oder die seiner Verwandten und Freunde. Auch viele zeitgenössische Kritiken, dabei natürlich reichlich Hanslick, machen das Lesen zum Vergnügen.

Immer wieder betont der Verfasser die Bescheidenheit und Schüchternheit des Komponisten, der zunächst als Geiger und Musiklehrer, erst ab Mitte der Fünfziger des 19. Jahrhunderts als Komponist sein Geld verdiente, der auch Chorleiter war und Chormusik schrieb wie auch viele Lieder. Die starke Spannung die durch das Gegeneinander von der Dominanz der Juden in der Wiener Moderne und dem stärker werdenden Antisemitismus herrschte, zeigt sich nicht zuletzt darin, dass zwei prominente jüdische Musiker, Mahler und Goldmark Gründungsmitglieder des Wiener Wagnervereins waren.

Natürlich gehört der „Königin von Saba“, die in Wien bis 1937 275 Mal auf dem Spielplan stand, ein eigenes Kapitel des Buchs, aber auch viele der anderen fünf, nicht so erfolgreichen Opern und der sinfonischen Werke wie „Penteisilea“, „“Ländliche Hochzeit“,“Sappho“ oder „Prometheus“ und das Violinkonzert werden eingehend gewürdigt , ebenso wie die reiche Orchestrierung die ihr gebührende Beachtung findet. Bedeutende Künstler wie Bruno Walter, der „Ein Wintermärchen“ zur Uraufführung brachte, oder Enrico Caruso, der eine Arie aus „Die Königin von Saba“ aufnahm, widmeten sich dem Schaffen Goldmarks, und ab Ende des zwanzigsten Jahrhunderts bis in unsere Tage gab und gibt es eine wenn auch bescheidene Renaissance seiner Werke, so in Annaberg und Freiburg.

Zuvor aber und wohl nicht durch das Verbot der Nazis, Werke jüdischer Komponisten aufzuführen, geriet Goldmark nach seinem Tod außerhalb Wiens und Budapests schnell mehr oder weniger in Vergessenheit. Das Buch könnte dem entgegenwirken, denn wenn man es zunächst als eines nur für Kenner gedachtes ansieht, zieht es auch den unbefangenen Leser schnell in seinen Bann und lässt ihn auf das Werk Goldmarks gespannt werden. Dabei stört der streng wissenschaftliche Charakter mit einem umfangreichen kritischen Apparat nicht und auch nicht der aus immerhin vierzehn Posten bestehende Anhang von Werksverzeichnis bis Stammbaum und vielem anderen.

285 Seiten, Steinbauer Verlag Wien

ISBN 978-3-902494-72-6

Ingrid Wanja

 

 

Gerd Uecker

PUCCHINIS OPER

Informationsreich mit kleinen Irrtümern

In der Reihe WISSEN des Beck-Verlags, zu der auch die zahlreichen Musikalischen Werkführer gehören, geht als Mann der Praxis, er war u.a. Direktor der Bayerischen Staatsoper und Intendant der Dresdner Semperoper, Gerd Uecker gleich in medias res, indem er ohne Einleitung und Vorwort mit dem vokalen Erstlingswerk Puccinis „Le Villi“ beginnt. In der Folge kann sich der Leser darauf verlassen, dass jedem Kapitel, d.h. jeder Oper ein kleingedruckter Absatz vorangestellt wird, in dem jeweils Textvorlage(n), Librettist(en), Ort und Datum der Uraufführung, unterschiedliche Fassungen und der Inhalt, nach Akten unterteilt, zur Information bereit gestellt werden.

Von diesem Informationsteil hebt sich durch ein anderes Buchstabenformat der interpretatorische Teil ab, der über die Entstehung der Oper berichtet, eine kritische Einschätzung bietet, auch ein Verhältnis zu den anderen Werken des Komponisten herstellt und sogar zu der Musik der zeitgenössischen Kollegen.

Interessant ist bei der Ballett-Oper „Le Villi“ der Hinweis auf die damalige Beliebtheit deutscher Stoffe, etwas rätselhaft die Behauptung einer sogenannten „artifiziellen Meisterschaft“, die erreicht worden sein soll. Mehr als aus einem gewöhnlichen Opernführer erfährt man in vielen Kapiteln des Buches. So gibt es in dem über „Edgar“ den Verweis auf Verdis „Otello“, der zur Verunsicherung Puccinis geführt haben soll, was überzeugend dargestellt wird. Interessant ist auch, was der Autor bei der Gegenüberstellung der beiden großen Frauenpartien Fidelia und Tigrana (Puccinis einzige große Mezzo-Rolle) mitzuteilen hat, besonders weil auch Allgemeines über den von Puccini in seinen Opern bevorzugten Frauentyp vermittelt wird.

Bei „Manon Lescaut“ (der Autor geht chronologisch vor) ist der Leser erfreut über den Vergleich des Librettos mit der Romanvorlage und der etwa gleichzeitig entstandenen Oper Massenets, hätte im Absatz über Puccinis Manon aber wohl gern noch mehr über deren Besonderheiten erfahren. Dass nur geringe Gemeinsamkeiten mit Wagners Musik aufgespürt werden können, überrascht nicht, wichtig ist der Hinweis auf den Bruch mit der bis dahin verbindlichen Libretto-Ästhetik und die Hinwendung zum Ausdrucksrealismus. Im Kapitel über „La Bohéme“ gibt es eine Begriffsbestimmung des schillernden Wortes Bohéme, einen Vergleich mit Murgers Roman (was „Tosca“ betrifft mit Sardou und „Butterfly“ mit Belasco), und auch die Konkurrenz mit Leoncavallo bei der Vertonung des Stoffes wird dem Leser nahe gebracht, ebenso der Episodencharakter, der nicht mehr Akte, sondern Bilder auseinander folgen lässt.

So wertvoll die Erkenntnisse wie die die musikalische Struktur betreffenden sind, so unverständlich sind einige Ungenauigkeiten bei der Schilderung der Handlung. So verlässt Rodolfo Mimi nicht aus Bequemlichkeit, verhandelt Tosca nicht während der Folterung Cavaradossis mit Scarpia, wird nach der Sopran- und den beiden Tenorarien in „Tosca“ durchaus geklatscht. Bliebe der Beifall nach „Vissi d’Arte“ aus, wäre das eine Katastrophe für die Diva.

Da der Verfasser sich dankenswerterweise sehr ausführlich mit dem Vergleich verschiedener Fassungen der einzelnen Opern befasst, hätte auch der Ersatz der patriotischen Hymne durch das von Puccini selbst verfasste „E lucevan le stelle“, die nachträgliche Einfügung von „Addio, mio fiorito asil“ in „Madama Butterfly“ erwähnt werden können. Mit „Tosca“ übrigens sieht der Autor das Ende der heroischen Epoche in der Oper gekommen, da nun alles dem Zufall (der Fächer der Atavanti) überlassen sei. Das regt zum Nachdenken an, allerdings auch darüber, dass auch il fazoletto durch einen Zufall aus den Händen Desdemonas in die Jagos gekommen ist.

Es ist erstaunlich, wieviel Material das doch eigentlich recht schmale Büchlein enthält, so wenn eine kurze Geschichte Japans dem Kapitel „Butterfly“ vorangestellt werden kann, ausführlich über die Quellen und das Hin und Her zwischen 3, 2 und schließlich wieder 3 Akten und das Scheitern der Uraufführung an der Scala geschrieben wird. Etwas schwierig ist es, nachzuvollziehen, dass die Oper ihre Heldin zu einem „Kunstgeschöpf“ macht, das aus seiner realen Umwelt gelöst wurde, denn die meldet sich doch mit Onkel Bonze oder Goro recht nachdrücklich zu Wort. Lesenswert sind auch die Bemerkungen über den Einfluss japanischer Musik auf die Oper.

Im Kapitel über „La Fanciulla del West“ erläutert der Verfasser ausführlich, warum man in Bezug auf diese Musik von einem „Puccini nuovo“ sprechen kann, die harte Kritik an der Sentimentalität wird nicht jeder sich zu Eigen machen mögen. Das Ringen um den Schluss von „La Rondine“, die historischen Ereignisse, die die vorgesehene Uraufführung verhinderten, die Aufdeckung der Schwächen des Werks dürften für jeden aufschlussreich sein.

Beim „Trittico“ ist sicherlich jedem neu, dass Dantes Gattin selbst eine Betroffene bei der Erbschleicherei in „Gianni Schicchi“ war. Im „Turandot“ gewidmeten Kapitel werden wie die Quellen (Persien, Gozzi, Schiller, dessen Übertragung ins Italienische) die Schwierigkeiten mit dem Schluss der Oper ( 6 unterschiedliche Text-Versionen), der Versuch der Psychologisierung der Figur der Prinzessin, die Vollendung durch Alfano und Berio dem Leser nahe gebracht.

Insgesamt liest man das Buch selbst als Opernkenner mit Gewinn, macht das Wissen um vieles, was bis dahin unbekannt war, den Genuss der jeweiligen Oper noch vollkommener.

ISBN 978 3 406 69842 2

Ingrid Wanja

 

 

Helen Geyer / Michael Pauser

LUIGI CHERUBINI

Kongressbereicht Weimar 2010

2010 fand anlässlich des 250. Geburtstags des Komponisten in Weimar ein Kongress über Luigi Cherubini statt, nun, sechs Jahre später erscheint als erster Band der Cherubini Studies ein Buch mit dem Untertitel Vielzitiert, bewundert, unbekannt, das Beiträge der auf der Tagung zu Wort gekommenen Musikologen in drei Sprachen, deutsch, englisch und italienisch, daneben auch viele Zitate in Französisch, enthält. Auch das erste Kapitel, von den Herausgebern Helen Geyer und von Michael Pauser stammend, trägt diesen etwas missverständlichen Titel, denn vielzitiert und bewundert dürfte der Komponist auch nur von einer kleineren Gruppe Musikinteressierter sein, einer wenn auch darauf beschränkten Popularität dürfte er sich nur innerhalb eines recht kleinen Kreises erfreuen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war das ganz anders, erfreute sich doch zum Beispiel in Deutschland besonders seine Oper „Der Wasserträger“ großer Beliebtheit.  

Außer in Weimar, so berichtet das Eingangskapitel, fand zum Jubiläum auch in Florenz ein Kongress statt, der in Weimar befasste sich mit der Quellenlage, besonders was die Opern des Komponisten betrifft, einige Kapitel sind seiner Kirchenmusik, kaum etwas der Kammermusik gewidmet, dem Vergleich zwischen seinen italienischen und seinen französischen Opern, der Rezeptionsgeschichte und der Literatur oder den zeitgenössischen Kritiken über ihn. Ein reicher kritischer Apparat unterstreicht den wissenschaftlichen Anspruch der Arbeiten, ebenso Abbildungen, vergleichende Tabellen und Notenbeispiele.

Etwas verwirrend ist der schwer auffindbare Grund für die Überschrift „Augenblicke der Freiheit“, die Norbert Miller für die Darstellung von Cherubinis Aufenthalt in Wien, wo seine Oper „Fanista“, ein der bekannteren „Lodoiska“ sehr ähnliches Werk, uraufgeführt wurde, wählt. Es geht zunächst vor allem um Beethovens „Fidelio“, generell um Rettungsopern, um die Begegnungen mit Haydn und Beethoven, das Vorbild Mozart. Eine dramaturgische und musikalische Interpretation der Fanista schließt sich an.

Berthold Over fragt sich in seinem Beitrag, was Cherubini von Mozart gelernt habe, sieht dies vor allem im Requiem, das Cherubini in Paris zur dortigen Erstaufführung brachte. Dem sehr leserfreundlich übersichtlich gestalteten Artikel kann man entnehmen, welchen Einfluss das Requiem Mozarts auf die beiden von Cherubini hatte, außerdem wird das von Nicolò Jommelli zum Vergleich herangezogen.

Svend Bach widmet sich der Oper „Demophon“ als Werk des Übergangs von der italienischen zur französischen Oper, vermittelt dem Leser zeitgenössische Urteile über das Werk, das Gianluigi Gelmetti einspielte. Ausführlich werden die Quellen des Librettos (von Metastasio zu Marmontel) befragt, wird die versuchte Synthese zwischen italienischer und französischer Oper vom Autor positiver gesehen als von den Zeitgenossen Cherubinis und werden Überlegungen zu Aufführungsmöglichkeiten heutzutage angestellt.

Arnold Jacobshagen interessierte die Bedeutung des Chors in Cherubinis französischen Opern, und er gestattet interessante Einblicke in das damalige französische Opernleben, als es nur der Pariser Oper erlaubt war, einen Chor einzusetzen. Erst zu Lebzeiten Cherubinis wurde das Gesetz geändert, konnte auch die Opéra Comique diesen wichtigen Bestandteil auch französischer Opern unterhalten. Die Struktur der damaligen Ensembles erschließt sich durch einige Tabellen.

Christine Siegert schreibt über die Entstehung der Arie „O toi, victime de l’honneur“ aus „Les deux journées“ (Wasserträger) und kommt zu dem Schluss, dass ihr Fehlen im Werkverzeichnis darauf zurückzuführen ist, dass sie erst 42 Jahre nach der Uraufführung der Oper entstand.

Über die polnischen Elemente in den beiden Opern „Lodoiska“ und „Faniska“ schreibt Giada Viviani und führt ihr Vorhandensein u.a. darauf zurück, dass ein großes Interesse an Polen bestand, seitdem 1573 Henri de Valois zum König von Polen berufen worden war. Ein Vergleich der beiden Opern in Tabellenform macht den Artikel vollständig.

Markus Oppeneiger steuert „Anmerkungen zur Idalide-Thematik bei Sarti und Cherubini“ bei, vermittelt den Inhalt des Inka-Dramas, das sieben Libretti und elf Vertonungen provozierte, des Librettos von Ferdinando Moretti bedienten sich vier Komponisten, neben Cherubini auch Sarti, und auch Cimarosa erlag der Verführung durch den sentimentalen Stoff.

Eine Diskussion über den Wert der italienischen Opern Cherubinis stellt der Artikel von Karl Traugott Goldbach dar. „Ifigenia“ bietet den Anlass dazu, fordert zu einem Vergleich mit Gluck heraus und diskutiert den Zwang zum lieto fine. Generell wird erläutert, ob Fortschritt gleichzusetzen sei mit höherem musikalischem Wert, und der Beitrag befasst sich mit Grundsätzlichem im Vergleich italienischer mit französischen Opern.

Angesichts jüngster Aufführungen ist der Aufsatz Heiko Kullmanns Von „Médée zu Medea“   besonders interessant. Wie bei Carmen geht es um die Frage Dialog- oder Rezitativfassung (von Lachner für die Frankfurter Aufführung 1855), die Veränderungen an der Partitur durch fremde oder die Hand des Komponisten, die verhängnisvolle Rolle, die Maria Callas spielte, indem sie die italienische Rezitativfassung als ausschließlich würdige ansah. Erst 1997 gab es in New York konzertant die Urfassung, 1998 in Gießen- womit der Bann gebrochen scheint.

Gianluca Ferrari befasst sich mit der Ballettoper „Anacréon“, 1973 von der RAI aufgenommen und 1983 von Gavazzeni an der Scala herausgebracht, und stellt die Entwicklung des Textes dar.

Einfach „Beobachtungen“ stellt Axel Schröter über „Les abencérages ou l’étendard de Grenade“ an, über den umstrittenen Zeitpunkt der Uraufführung und die Frage, ob die Geschichte um den Verlust einer Standarte tatsächlich, wie vermutet, auf ein Vorkommnis zwischen dem napoleonischen Marschall Soult und Napoleons Bruder Joseph, König von Spanien, zurückzuführen ist. Ein wesentlicher Teil des Beitrags ist der ungewöhnlichen Instrumentierung des Werks gewidmet.  

Den Band mit der Ordnungszahl 1 zu versehen, spricht von einem gewissen Optimismus der Herausgeber, die hoffentlich nicht wieder einen ganz runden Jahrestag abwarten müssen, ehe sie den zweiten erscheinen lassen können.

350 Seiten - Studio.verlag 2016

Ingrid Wanja

 

 

Menahem Pressler / Holger Noltze

DIESES VERLANGEN NACH SCHÖNHEIT

Gespräche über Musik

Das musikalische Ereignis der Jahreswende von 2014 zu 2015 in Berlin war das Konzert der Philharmoniker unter Sir Simon Rattle mit dem über neunzigjährigen Pianisten Menahem Pressler, 1924 als Max Pressler in Magdeburg geboren, 1939 mit dem letzten Schiff mit seinen Eltern von Triest aus nach Palästina gelangt, vor allem als Komponente des Beaus Arts Trio berühmt geworden und noch in hohem Alter als Solist Karriere machend.

Wer mehr über den erstaunlichen Musiker wissen möchte, sollte sich mit dem Buch „Dieses Verlangen nach Schönheit- Gespräche über Musik“ befassen, in dem der Pianist Fragen des Musikjournalisten Holger Noltze beantwortet, an drei Tagen und jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Eine Reihe von Fotos spiegelt das wider, was man aus den Gesprächen erschließen kann; dass man es als Leser mit einem freundlichen, gütig und kritisch zugleich in die Welt blickendem Menschen zu tun hat. Anmerkungen und ein Register ergänzen das Buch, das nach den drei Gesprächskapiteln noch ein viertes, allein von Noltze verfasstes über den Menschen und Musiker Pressler zur Folge hat.

Am ersten Tag ihrer Gespräche befassen sich die beiden Autoren mit der Bedeutung der Musik im Leben Presslers, die ihm zugleich die Angst vor den Geschehnissen in Nazideutschland nahm, ihn aber auch so vereinnahmte, dass er nicht mehr essen konnte, fast zu schwach zum Musizieren wurde. Sympathisch berührt immer wieder, dass er offen zugibt, wenn er etwas nicht weiß, ohne jede Larmoyanz berichtet und nie apodiktisch auftritt, sondern eher zu bescheiden. Beeindruckend ist auch die Aufgeschlossenheit für Neues in hohem Alter, so wenn er begeistert von der Aufnahme von Schumannliedern mit Matthias Goerne berichtet, die Ehrfurcht vor den Komponisten und ihrer Musik.

Der zweite Tag ist der Kammermusik gewidmet, die mit wechselnden Partnern eine bedeutende Rolle für Pressler gespielt hat. Der Leser erfährt Interessantes über die Rolle des Klaviers in einem Trio, über die Besonderheiten einzelner Komponisten, so Beethovens, und kann Erkenntnisse teilen wie „Wahrheit kann sich als Schönheit entfalten“. Eine Einschätzung Adornos wie die berühmter Pianisten ist ebenfalls Gegenstand des Gesprächs.

Der dritte Tag gilt dem Hören von Musik, das für Pressler wie das Üben höchstes Glück bedeutet. Das Phänomen des musikliebenden KZ-Kommandeurs wird ebenso beleuchtet wie die Wichtigkeit einer musikalischen Erziehung, der Erhalt der noch reichen Orchesterlandschaft Deutschlands oder der besondere Genuss, den das Hören von Kammermusik bereitet. Immer wieder wird dabei der Leser von der Bescheidenheit, der Freundlichkeit und der Unvoreingenommenheit des Musikers angenehm überrascht, der sich als ewig Suchender sieht.

194 Seiten / Edition Körberstiftung 2016 / ISBN 978 3 89684 177 3

Ingrid Wanja

 

 

 

Achim Schneider

ANGELIKA KIRCHSCHLAGER

"Ich erfinde mich jeden tag neu"

Kurz vor ihrem 48. Geburtstag hat die österreichische Mezzosopranistin Angelika Kirchschlager begonnen, ihre Erinnerungen mit Hilfe von Achim Schneyder aufzuzeichnen und verblüfft den Leser von der ersten Seite an mit dem ganz besonderen Stil ihres Buches, das den Untertitel „Ich erfinde mich jeden Tag neu“ trägt. Die Biographie hat den Charakter eines intimen Zwiegesprächs mit dem Leser, lotet eine weite Spanne zwischen weltanschaulichen Betrachtungen bis zum „Ausmisten“ von weniger hochfliegenden Erinnerungen aus und gibt dem Leser das Gefühl, direkt von der mitteilungsfreudigen Künstlerin angesprochen zu werden, deren Konterfei zwischen „Göttin“ und „stinknormal“, so Konstantin Wecker im Vorwort, eine Vielzahl von Schattierungen aufweist,

Ungewöhnlich ist auch die Aufteilung in Kapitel und Untertitel, die verblüffen sollen, wenn zum Beispiel in einer Überschrift sich Papst, Riccardo Muti und eine Besenkammer als seltsames Trio vereint finden und, wie nach dem gleichen Muster auch die anderen Kapitel, die Neugier des Lesers wecken sollen und dies auch tun. Nicht im Unklaren darüber gelassen, warum das Buch just zu diesem Zeitpunkt entstand, wird der Leser mit dem Bekenntnis der Autorin, dass sie von nun an nur noch das in ihrem künstlerischen und privaten Leben machen tun werde, was sie wirklich wolle, was ihr gut tue.

In einem steten Wechsel aus mehr oder weniger chronologischer Darstellung von Leben und Karriere und nachdenklichem Reflektieren über das Geschehene erfährt der Leser sehr viel über die innere Verfasstheit der Sängerin, weniger, und das ist schade, über ihre künstlerische Arbeit, so wenn sie meint, bei der Arbeit mit ihrem ersten Rosenkavalier-Regisseur in Graz habe sich ihre endgültige Auffassung vom Octavian herausgebildet, man aber nicht erfährt, was diese an Besonderem ausmacht. Ausführlicher wird Angelika Kirchschlager in dieser Hinsicht bei ihren Ausführungen über die Mélisande. Im Kapitel über Liedgesang sind die Abschnitte über die unterschiedlichen Vertonungen bekannter Gedichte aufschlussreich.

Sympathisch berührt den Leser, in welch herzlicher Art die Künstlerin verstorbener Freunde wie Walter Berrys gedenkt oder sich zu lebenden Freunden bekennt. Auch scheut sie sich nicht, eine Beschreibung des gewesenen und des jetzigen Intendanten der Wiener Staatsoper zu liefern, beweist Humor wenn sie die Frage nach der richtigen Zeit für das Kinderkriegen einer Sängerin mit Nie beantwortet. Auch die Liebe zu Wein und Zigaretten wird spaßig beschrieben, und der Leser ist beinahe versucht, daran zu glauben, dass es das Süße Wiener Mädel tatsächlich und nicht nur in verlogenen Heurigen-Liedern gibt. Dessen niedliche Koketterie ist im Buch der Kirchschlager nicht zu überlesen, so wenn sie sich als Anti-Operngängerin outet, über ihr Chaotentum schreibt oder durch Wiederholung eine Auffassung noch einmal zu bekräftigen versucht. So entsteht auch der Eindruck des Unmittelbaren, der die Biographie auszeichnet. Der untreue Cellist und der mit seinem Blut Liebesbriefe schreibende Regisseur werden insofern geschont, als ihre Namen nicht preisgegeben werden. Anders sieht es da mit den Salzburger Festspielen aus, über die die Autorin zu so harten wie sicherlich begründeten Vorwürfen findet.

Der Leser wird gut unterhalten von diesem sehr freimütigen, aber nie indiskreten, ehrlich erscheinenden Buch mit erheiternd österreichischem Touch.

Amalthea Verlag Wien

ISBN 978 3 85002 847 9

Ingrid Wanja 30.5.16

 

DER OPERNFREUND  | Opernfreund.Contact@t-online.de