DER OPERNFREUND - 49.Jahrgang - Europas Nr. 1
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Jürgen Drese & Andreas Greve

FERTIG oder:

Hokuspokus Hokusai

Fokus Richtung Sandtorkai!

 

Seenot mitten in der Stadt:

Bei dem Ding ging gar nichts glatt.

Sturmumtost war das Projekt.

Ungerührt der Architekt.

„Jetzt gibt es sie also doch: die Elbphilharmonie in Hamburg – unsere Elphi!“, schreibt der Hamburger Maler Jürgen Drese im Vorwort zu seinem einzigartigen Bildband über Idee und Geschichte, Wahn und Wirklichkeit des auf dem schütteren Fundament der Hybris erbauten Hamburger Klangtempels. Nach „gefühlten 1001 Jahren Bauzeit“ und der schamlosen Verzehnfachung der ursprünglich angesetzten Baukosten sei das den Schönen Künsten gewidmete Konzerthaus nun fertig und könne in Kürze in Betrieb gehen, vermeldeten mit gedämpften Trompetenstößen Sender und Gazetten, und Hamburgs Bürgermeister Olaf Scholz nahm vor den Kameras den letzten Ziegelstein mit irgendwie doch etwas betretener, ja verschämter Miene entgegen. „FERTIG!“ hatte man in maßloser Bescheidenheit in diesen Stein hineingeprägt, und „FERTIG!“ prangte es in riesiger Leuchtschrift an der schimmernden Fassade dieses Zeugnisses planerischen Unvermögens, das um ein Haar dem Berliner Flughafen BER den Rang in Sachen Lächerlichkeit abgelaufen hätte. Jetzt protzen und strahlen sie, die Bauherren, zumal die beteiligten Unternehmer - können sie ja auch, denn ihre Taschen sind prall gefüllt mit dem Geld der Steuerzahler. Eigentlich müßte aus diesem Grund für Hamburger Bürger der Eintritt für immer und ewig frei sein.

Ein Punkt, ein Strich, ein Federstreich,

schon steht sie da von jetzt auf gleich!

Aber zum eigentlichen Anlaß dieses kleinen Artikels, zu „Tausendundeine ELPHI“ einem Buch, das dem Betrachter und Leser Seite für Seite mehr Vergnügen bereitet als die neun Jahre Bauzeit des gigantomanen Musentempels. Und das im Vergleich zu seinem Gegenstand mit seinem nachgerade lächerlichen Preis von 18,- € (der während des Druckens, Bindens und Auslieferns nicht gestiegen ist) spottbillig ist. Das unterscheidet den Verlag KJM markant von Hochtief.

Jürgen Drese hat unter dem nicht einmal geleugneten Einfluß von Heroen der Bildenden Künste die Elbphilharmonie, liebevoll „Elphi“ (oder von Andreas Greve trefflich „Port Monet“) genannt, kongenial in allerlei historische Gewänder gehüllt und in Kulissen von Kunst und Geschichte gestellt. Von der Sandburg am Elbestrand bis Trutzburg des Mittelalters bieten sich Vergleiche ebenso an wie mit dem gläsernen Schneewittchensarg und der sinkenden Titanic, mit Kino-Schinken wie „Cloese Encounters…“ und „Avatar“, mit den Ruinen von DElphi und Michelangelos „Adam“ ja irgendwie fast von selbst an. Jürgen Drese hat in die Vollen gegriffen und kenntnisreich mit Witz und feinem Pinsel das zugegeben augenfällige Gebäude von Herzog & de Meuron in die Welt von Kunst, Architektur und Dichtung getragen. Wir begegnen der Elphi in Venedig und Utah, in tosender See und im Hochgebirge. Christo wird ebenso beteiligt wie Leni Riefenstahl, Franz Sacher, Max Ernst, Bob Kane, Philipp Otto Runge und Salvador Dali.

Zum Glück ist Batman Milliardär - und stemmt den Bau auch pekuniär.

Der Vorentwurf aus Schweizer Käse

geriet in Hamburg zur Malaise

Apropos Dichtung: hier kommt Andreas Greve ins Spiel, ich habe ihn ja oben bereits kurz erwähnt. Der Hamburger Lyriker, nicht nur in der Hansestadt durch seine Librette und seine hintergründig humorvolle Lyrik, sondern auch als Kolumnist nicht zuletzt der Musenblätter allfällig bekannt, wurde – ein kluger Schachzug – gebeten, die Bilder Jürgen Dreses mit Versen zu begleiten. Das Ergebnis gibt der Idee Recht.

Das Vergnügen an den Bildwerken potenziert sich bei der Lektüre, was können Leser, Verleger und Autoren mehr verlangen? Da blättert man vor und zurück, genießt wieder und wieder die zu einer Einheit verschmolzenen Bilder/Verse wie:

Der stinknormale Shinto-Schrein

will heute gern Konzerthaus sein.

beschreibt Andreas Greve Jürgen Dresens Adaption von Utagawa Hiroshiges winterlichem Tempel und Katsushika Hokusais „Unter der Welle im Meer vor Kanagawa“: „Hokuspokus Hokusai - Fokus Richtung Sandtorkai!“

Wie schön, daß - wenn das Schiff auch sinkt - die Klassik stilvoll weiterklingt.

Eine bessere Wahl für die Texte hätte man nicht treffen können. So wird aus einem ironisch-kunstfertigen Bilderbuch ein süffisantes Gesamtkunstwerk. (Alle hier auch in den Zwischenüberschriften, Ein- und Ausleitung einigermaßen gereimten Verse stammen aus der unvergleichlichen Feder Andreas Greves.)

Unser zweites (ausnahmsweise) Buch des Monats und allemal unser feinstes Prädikat wert: den Musenkuß!

Sei´n wir dankbar und zufrieden,

bis der erste Riß sich zeigt.

Uns ist reichlich Zeit beschieden,

bis der Glaspalast sich neigt.

Frank Becker 14.1.2017

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Jürgen Drese & Andreas Greve - „Tausendundeine Elphi“

55 Bilder und 55 Gedichte

© 2016 KJM Verlag, Hardcover, 94 Seiten, 20 x 18,7 cm

ISBN 978-3-945465-25-7   € 18,00

Weitere Informationen: http://www.hamburgparadies.de

 

 

 

Aus der Presse noch originalverpackt frisch auf den Tisch

Das Maß der Dinge für den normalen Operngänger

Neuauflage 2016 - gebunden 958 Seiten - 29,95 Euro

Als ich vor rund 40 Jahren anfing mich intensiver mit Oper zu beschäftigen und auch darüber zu schreiben, kaufte ich Rudolf Kloibers "Handbuch der Oper" (als DTV Taschenbuch in zwei Bänden). Es bleibt für mich bis heute auf dem Sektor der Opernführer für den normalen Opernbesucher immer noch das Maß der Dinge - sehen wir mal vom "Opernführer für Fortgeschrittene" von Ulrich Schreiber ab, der aber eher ein Opernführer für den Kritiker oder Opern-Freak ist. (hier braucht man - auch wg. der vielen Verzweigungen - mindestens 1,5 Stunden... und bekommt allerdings auch Informationen, die für einen Vortrag durchaus reichen könnten - ein Wahnsinnswerk)

Doch zurück zum aktuellen "Kloiber" (Grundlegend überarbeitete 14. Auflage in einem Band - gebunden), wobei es sich heute als das Werk dreier Autoren darbietet, weil rund ein Drittel des Textbestandes ausgetauscht wurden und das schöne Buch nun mit hundert neuen Texten erstrahlt.

324 Opern von 135 Komponisten brauchen natürlich Platz und so ist es ein Wälzer von fast 1000 Seiten geworden - doch keine Angst verehrte Opernfreunde und gelegentliche Bettleser, das Buch ist durchaus noch trag- und haltefähig (24 x 18 x 4,5 cm) und lohnt auch die Platzierung als Betthupferl - nicht nur bevor es in die Oper geht! Das ging etwas auf Kosten der Lesbarkeit gerade für die Älteren - Stichwort: Textgröße - ist aber mit Lesebrille noch gut lesbar; immerhin dieselbe Schriftgröße, wie die bewährten alten Taschenbücher.

Hier lernt der Opernfreund- und Besucher die wunderbare Vielfalt der Opernwelt kennen, denn was das Autoren-Trio (Kloiber, Konold, Maschka) hier zusammengestellt hat, sind alles Werke, denen eigentlich ein fester Platz im Repertoire unserer hochsubventionierten Opernhäuser zustehen müsste! Man könnte sagen "geprüfte Qualität".

Hallo, Ihr Intendanten und Kulturverantwortlichen! Es gibt verdammt viele gute Opern, die weit über euer Standart-Angebot des üblichen Aida-Boheme-Cosi-Zauberflöten-Repertoires hinaus, spielens- und entdeckenswert sind! Auch da hilft Euch der neue "Kloiber" enorm...

Pars pro toto nur einige rare Komponisten (nach denen ist das Werk natürlich alphabetisvch geordnet): Adès, Dallapiccola, Bialas, Cornelius, Pizetto, Saariaho, Tan Dun, Tippett, Ullmann... Fragen Sie doch einmal in ihrem Heimopernhaus bei einer Spielplanvorstellung danach ;-)

So spannt sich der Bogen dieses (wie man heute sagt) "Must-Have-Books" vom Frühbarock bis in die Gegenwart, wobei sich die klassische Registereinteilung bei jedem besprochenen Werk bis heute gehalten hat: Rollenbesetzungen, Spieldauer, Libretto, Textdichtung, Handlung, historischer Hintergrund und stilistische Stellung.

Für knapp 40 Euro (zehnmal aufs oft überflüssige Programmheft verzichtet!) ist der kleine Schinken unbedingt lohnenswert, und durch die klassische gebundene, solide Fertigung ein Buch für eine halbe Ewigkeit, welches nicht gleich zerfleddert oder auseinanderfällt, wenn man es intensiv nutzt. Und glauben Sie mir, verehrte Leser, Sie werden es lieben, wenn Sie weiter regelmäßig gut informiert in die Oper (heute sprechen wir besser von "Musiktheater") gehen wollen. Auch können Sie ihren Enkeln und Kindern damit ggf. mal ein wirklich nachhaltiges Geschenk fürs Leben machen. Bei den 10 Büchern, die ich mit auf die einsame Inseln nehmen würde, wäre der "Kloiber" garantiert dabei - wer Oper liebt, muß ihn mögen...

Peter Bilsing 3.10.16

 

P.S. Antiquariat - ab 1 Cent !!!

Ich mache das ja ungern - gerade bei der Besprechung eines neuen Buches - aber für nicht ganz so betuchte Opernfreunde, die nicht unbedingt Wert auf zeitgenössische Aktualisierung legen, gebe ich einen Geheimtipp: Sie sollten mal im Internet wühlen. Wie ich, zu meiner absoluten Verblüffung gerade sehe, gibt es bei einem großen Netz-Anbieter die zweibändige Taschenbuchausgabe dieses Meisterwerkes schon aktuell ab einem! Cent (plus Porto, versteht sich) - na wer da nicht zuschlägt...

 

 

 

– ISBN: 9783981669725

Wie jedes Jahr hat die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth auch zu den diesjährigen Festspielen wieder einen Almanach herausgebracht. Und erneut handelt es sich dabei um eine beachtliche Leistung. Die Beiträge sind insgesamt in leicht verständlicher Sprache gehalten, gut lesbar und recht informativ.

Den Beginn macht ein von Jens Laurson mit Klaus Florian Vogt, dem Parsifal der diesjährigen Neuinszenierung von Wagners Bühnenweihfestspiel, geführtes Interview. In diesem Gespräch geht es indes nicht um den reinen Toren, sondern um Erik und die Vorliebe des Sängers neben Wagner für Janacek, Zemlinsky und Schreker, deren Partien eine ähnliche Tiefe aufweisen wie diejenigen des Bayreuther Meisters. Einen guten Überblick über ihre Karriere und wichtige Stationen ihres bisherigen Sängerlebens gibt Elena Pankratova im Interview mit Klaus Kalchschmid. Neben ihrer Bayreuther Kundry geht es hier in erster Linie um die Färberin und die Turandot in München und die ebenfalls dort geplante Rosalinde. Es folgt ein interessant zu lesender Aufsatz von Stephan Jöris über die Entstehung der „Parsifalglocken“ bis zur Uraufführung. Das Fazit des Essays ist, dass die richtigen „Parsifalglocken“ bis heute nicht gefunden seien. Lesenswert ist auch Gavin Plumleys Aufsatz „Kulte und Gedenkkulturen“.

Zu Beginn des „Ring“-Abschnitts steht das Interview „Unerschrockener Recke“, das Klaus Kalchschmid mit dem diesjährigen Sänger des Siegfried Stefan Vinke führte. Bereitwillig gibt der Tenor über den Beginn seiner Wagner-Karriere in Mannheim Auskunft, spricht über seine Eindrücke von Bayreuth, die beiden Siegfried-Partien, wichtige Einspringen sowie die Schwierigkeiten der Menelas-Partie in Strauss’ Oper „Die ägyptische Helena“. Auch seine Anfänge als Kirchenmusiker bleiben nicht unerwähnt. Im Gespräch mit Klaus Kalchschmid und Jens Laurson gibt Mime-Sänger Andreas Conrad seiner Begeisterung über Patrice Chéreau und seiner Vorliebe für die Rolle des Aaron in Arnold Schönbergs „Moses und Aaron“ Ausdruck. Im „Die Magie eines Schweden“ betitelten Interview von Klaus Kalchschmid mit John Lundgren geht es u. a. um den Holländer - Lundgren hat diesen dann aber doch nicht dieses Jahr in Bayreuth gesungen -, den Wotan und Thomas Adès’ Shakespeare-Vertonung „The Tempest“. Zu Beginn des „Holländer“-Teils wird die diesjährige Senta Ricard Merbeth einfühlsam von Klaus Kalchschmid interviewt. Über seinen Weg von der Operette zu Wagner gibt der diesjährige Bayreuth-Debütant Andreas Schager (Erik) im Gespräch mit demselben Interviewer beredt Auskunft.

Sachkundig sprechen die Klarinettisten des Bayreuther Festspielorchesters mit Christian Schütte über ihr Instrument und dessen Situation speziell im Bayreuther Orchestergraben. Ein sehr interessanter und farbig geschriebener Essay von Stephanie Grossmann befasst sich mit Richard Wagner und der Filmmusik. Für den anschließenden Vergleich der verschiedenen Kostüme der Ortrud von den Festspielen 1967 bis 2010 sollte man eine Schneiderlehre gemacht haben, um die oft sehr detaillierten, fachspezifischen Ausführungen von Hans Ellensohn zu verstehen. Im letzten Interview berichtet die Ausstattungsleiterin für Kostüm, Maske und Requisite Monika Gora Hans Ellensohn, wie es nicht nur während der Festspiele, sondern das ganze Jahr über in der Kostümabteilung zugeht. Sehr informativ blickt Museumsdirektor Sven Friedrich hinter die Kulissen des neuen Richard Wagner-Museums und präsentiert obendrein einige anschauliche Ausstellungsstücke und Einrichtungen. Zum Schluss werden wie immer einzelne Mitglieder der Gesellschaft der Freunde von Bayreuth vorgestellt.

Ludwig Steinbach, 2.9.2016

 

 

Heiter geht’s weiter

OPERNMOUTH mit neuen Auftritten

Wie viel Vergnügen Opern mit und durch die Opernmaus (Verzeihung: Opernmouth) Petra Sprengers mit ihren kurzweiligen Erläuterungen machen können, durften wir Ihnen ja bereits in zwei Beiträgen über diese brillante kleine Buchreihe „Opern einfach erklärt“ versichern. Nun hat die Autorin gewohnt pfiffig und kundig nachgelegt. Die wieder äußerst liebevoll gestalteten Bände 4 und 5 der mittlerweile für uns unverzichtbar gewordenen Reihe sind da und widmen sich zwei weiteren Klassikern der Opernbühne: Wolfgang Amadeus Mozarts „Die Zauberflöte“ (1791), die vorletzte vor seinem frühen Tod mit 35 Jahren und Gioacchino Rossinis „Der Barbier von Sevilla“ (1816). Mozarts Friseurkollege des Barbiers muß noch ein wenig warten, bis er drankommt – aber er kommt, da sind wir uns sicher.

Die wie alle Illustrationen ebenfalls von Petra Sprenger köstlich gezeichnete Maus, assistiert von ihrer Freundin der Raupe, erzählt ohne den aus vielen anderen Opernführern gewohnten Bierernst von den Machtspielen, Ränken und der Magie zwischen der Königin der Nacht und dem Zauberer Sarastro, bis in Mozarts beliebter dramatischer Oper Tamino und Pamina nach etlichen schweren Prüfungen und Lügengeschichten endlich zusammenfinden. Emanuel Schikaneder hat das vielschichtige Libretto dazu geschrieben.

Daß Rossinis in nur drei Wochen als Auftragsarbeit des Teatro Argentina in Rom für den Karneval blitzkomponierter „Barbier“ zunächst einmal ein ordentlicher Reinfall war, mag man heute angesichts seiner Berühmtheit gar nicht mehr glauben. Cesare Sterbini hat nach dem Roman von Pierre Augustin Caron de Beaumarchais das Libretto geliefert. Vielleicht war ja das wahrlich äußerst verwirrende Durcheinander mit Verkleidungen, Rollentausch und vielfachen Intrigen schuld daran, daß die Uraufführung zum Eklat wurde. Na ja, schließlich werden Rosina und Graf Almaviva dank der Hilfe des schlauen Barbiers doch noch ein Paar und alle, auch der eifersüchtige (und geldgierige) Vormund Bartolo sind zufrieden.

Wir sehen, in beiden Opern siegt die Liebe über Mißgunst, Macht und Miesepeter. Ach wenn das doch auch im wirklichen Leben einfach mit herrlichen Arien und Liedern wie „Dies Bildnis ist bezaubernd schön“, „In diesen heil´gen Hallen“, „Ich bin das Faktotum der schönen Welt“ oder „Ah qual colpo inaspettato!“ so gelänge. Die Opernmouth liebt Opern – und auch der Laie kann das nach der Lektüre verstehen.

Frank Becker 6.6.16

www.operamouth.com

 

 

 

„Vazupf di, owa schnöö!“

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 
„Hundsgfrast!“
 
Die Wiener Antwort auf alles sei „Oasch“, behauptet das handliche kleine Bändchen, das sich anmaßt, den Leser dahin zu führen, wie ein echter Wiener schimpfen zu können. Also, ich möchte das wirklich allzu gerne können, habe ich doch als leuchtendes Beispiel immer den Bezirksinspektor Wirz (Kurt Jaggberg) aus dem Tatort Wien vor Augen (und Ohren). Jaggberg (1922-1999) war ein waschechter Wiener von einem Schrot und Korn, wie es weiland auch Kurt Sowinetz (1928-1991) und Helmut Qualtinger (1928-1986) waren, ebenfalls Meister der Wiener Sprache und ihres ordinärsten Ausdrucks.
Der Holzbaum Verlag informiert in einem neuen Biachl seiner Reihe STADTBEKANNT „Schimpfen wie ein echter Wiener“ übers Okrotzn, hirnwaache Tschecheranten, Bettbrunzer, Schastrommeln, Sauzechn, Funsn, Wappla, Pülcher und Hendlpuderer. „Lernen Sie, wie man gekonnt und stilvoll original wienerisch sudert, raunzt, wütet und Schmäh führt“, lädt die kleine Schrift ein – aber mal ehrlich: das lernt ein Nichtwiener, zumal ein Tschusch, Katzlmocha oder ein Piefke nie. Was bleibt, ist das intensive Studium des immerhin sehr unterhaltsamen, inhalts- und aufschlußreichen Bändchens, das den Fremden vielleicht erkennen läßt, wann er / sie selber einmal das Opfer lästerlichen Wiener Fluchens geworden ist, falls sie / er mit dem freundlichsten Gesicht der Welt „Blitzgeisser“, „Krautstaudn“, „Waserl“, Schiache Gramml oder „Schragn“ genannt wird.
 
Wer sich vor Ort in die Kunst des Wiener Schimpfens einführen lassen möchte, kann das bei einer Buchpräsentation am 5. Mai 2016um 19:30 Uhr im Club der Komischen Künste im MQ.
Der Verlag lädt ein: „Schimpfen und Wien, das gehört einfach zusammen! Vereint die Wiener Schimpfkultur in unserer Stadt? Ja klar, und das wird gefeiert mit zu der wir Sie herzlich einladen! Neben absoluten Schmankerln aus dem Wortsumpf Wiens gibt es auch Weana Wiaschtln mit an Bugl und an Gschissenen und dazu zwick ma a Hüsn Schwechater oder zwa oder ...“

Stadtbekannt.at: Schimpfen wie ein echter Wiener
© 2016 Holzbaum Verlag, 127 Seiten, Softcover, Taschenformat, schiache Illustrationen von Maria Antonia Graff - ISBN 978-3-902980-43-4
9,99 €
Weitere Informationen:  www.holzbaumverlag.at - www.stadtbekannt.at
 
Frank Becker 5.5.16

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ein Cappriccio über Mozart-Themen

Es gibt ein berühmtes wie amüsantes Aquarell, dessen Original lange Zeit im Schloss Tiefurt hing, also in unmittelbarer Nähe des Weimarer Musenhofes, an dem sich der Operndirektor und Librettist Johann Wolfgang von Goethe besonders um Mozart gekümmert hat. Dieses entzückende Aquarell zeigt eine Kostümprobe zur Zauberflöte, die 1794 im Weimarer Hoftheater auf die Bühne kam. Man sieht also die Knaben, die sich gerade die Gewänder der verschiedenen Tiere anpassen lassen, man sieht die drei Damen und den Mohren, man sieht den Sarastro und einige seiner Priesterkollegen. Von der Decke hängt der Vogelkäfig des Mannes, der, direkt unter dem Requisit, in die berühmte Flöte bläst.

Ein wenig erinnert diese durchaus realistische Ansicht einer Probensituation an ein Bild, das der Leser und Betrachter eines neuen Kinder- und Jugendbuchs zur Zauberflöte von 1791 entdecken kann. Wir schauen da in eine Theaterwerkstatt des Theaters auf der Wieden, in dem gerade das gewaltige Gewand der Königin der Nacht mit Hunderten von Glassteinchen bestickt wird. Monostatos' Kostüm hängt über einer Schneiderpuppe, zwei Männer bewegen die riesige Schlange mit Stangen, und in der hinteren Tür klettert gerade ein kleiner Schimpanse am Rahmen entlang. Zwei Giraffen und ein buntgefiederter Vogel ergänzen das Bestiarium, während vor dem Fenster ein weiterer bunter Vogel entlang fliegt.

So begegnen sich die Wirklichkeit und die Fantasie: in einem Kinder- und Jugendbuch des Genres „Opernbuch“. Ludvik Glazer-Naudés und Ingrid Leser-Matthesius' Zauberflöten-Buch ist, natürlich, nicht das erste Buch zu Mozarts Oper, denn keine Oper wurde so oft ins Kinder- und Jugendbuch transportiert wie diese. Im Unterschied aber zu den zahlreichen anderen, optisch meist sehr schön gestalteten Versionen, die seit Jahrzehnten auf dem Markt zu haben sind, hat die Nacherzählung dieser Oper eine Ouvertüre. Das Theater beginnt hier vor dem Theater. Soferl, die wir uns als sechs- bis siebenjähriges Mädchen vorstellen müssen, ist das Medium, durch deren Augen wir die Vorbereitungen zur Uraufführung und schließlich die Aufführung selbst betrachten. Die zufällige Begegnung mit dem Komponisten vor dem Freihaustheater verschafft ihr auch den Anblick des Vertreters einer Gattung, die in Opernbücher für Kinder und Jugendliche ansonsten (mit Ausnahme des vergleichslosen Richard Wagner) nicht die geringste Rolle spielt - aber auch hier markiert der Librettist als Darsteller der kindgerechtesten Rolle der Zauberflöte eine Ausnahme von der Regel. Wir sehen also Emanuel Schikaneder, der seinen Komponisten zwei Monate vor der Uraufführung auffordert, doch endlich „noch wichtige Teile der Musik“ zu schreiben. Auch so kann die Reflexion auf die bekannten Legenden der Produktionsgeschichte im Kinderbuch aussehen; nein, man benötigt nicht immer ein Zauberflötenhäuschen. Unter dem Arm trägt der Librettist indes bereits eine große Papierrolle, die den Papageno zeigt: es ist eines von vielen genau ausgemalten Details, die auf jeder Seite dieser etwas anderen Zauberflöten-Geschichte entdeckt werden können. Die Noten von „Das klinget so herrlich“, die am Ende auf dem Hammerklavier stehen, könnte man fehlerfrei nachspielen.

Anders sieht auch das Freihaustheater hier aus, das mit der historischen Topographie des gewaltigen Wiener Baukomplexes nichts gemein hat, sondern wie ein „normales“ kleines und freistehendes Theater des 18. Jahrhunderts anmutet. So erlaubt sich der Zeichner des feinen Strichs etliche Freiheiten, die nicht mit der Lupe der exakten Wissenschaft betrachtet werden dürfen. Es genügt, dass das Innere des Theaterraums mit seinen Rängen und Logen dem jugendlichen Betrachter einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck eines Theaterraums der Mozartzeit verschafft und der Blick in den Probenraum des Flötisten ein nichtauthentisches Jugendporträt Mozarts, eine der berühmten Kugeln und das frühe Bild der musizierenden Kleinfamilie enthält, dazu einen kleinen Hund, den man für Mozarts Zamperl halten könnte. So wird das Suchbild zu einem Cappriccio über Mozart-Themen, die das beliebte Thema „Mozart für Kinder“ in detaillierte Ansichten bringen.

Was der Leser und die jugendliche Leserin über Mozarts Oper lernen, geht indes nicht über eine Nacherzählung hinaus, die den bekanntlich kontrovers diskutierten Gehalt der Oper und die Definition von „gut“ und „böse“ nicht problematisiert. Sie soll und braucht es nicht – es genügt zunächst, dass mit Hilfe der Theateransichten die Fabel genau nacherzählt wird. Diese Ansichten sind paradox und ahistorisch, aber ästhetisch schön, indem sie - die überlieferten Abbildungen der ersten Zauberflöten-Aufführungen des späten 18. Jahrhunderts hinter sich lassend - zwischen der Ägyptenmode des 19. Jahrhunderts und, besonders in den Prüfungsbildern mit ihren schwebenden Gruselmasken und Fischen, einem sanften Surrealismus vermitteln. Gespiegelt werden diese Bühnenbilder in den kindlichen Augen und Ansichten der kleinen Uraufführungsbesucherin, die unversehens zu einem extrem guten Sichtplatz kommt. Das Nachspiel aber machen nicht der Untergang der dunklen Gewalten und die Feier des Hohen Paares, sondern der Besuch „Soferls“ in der Theatergarderobe, wo sie wieder auf Mozart, seinen Librettisten – und ein weiteres Wesen des Zauberflöten-Kosmos trifft.

Mag auch die Entstehungsgeschichte der Zauberflöte nur derart angerissen werden, dass es einen „anständigen“ Librettoforscher gruseln mag, so kann der Rezensent nicht verhehlen, dass er große Freude an dieser liebevollen Zauberflöten-Variation hatte, weil sie wenigstens ansatzweise mit liebe- wie fantasievollen Details in die Theaterwirklichkeit von 1791 ein- und entführt. Ein Kinderbuch, auch eines im Opernbereich, gehorcht anderen Regeln als eine wissenschaftliche Studie. Die Welt der Zauberflöte zwischen dem späten 18. Jahrhundert und der Ägyptenmode des Historismus, zwischen dem Probenalltag und der Aufführung mächtig und doch zart ins Bild gesetzt zu haben, ist eine sehr schöne Leistung. Ganz abgesehen davon, einmal einen echten Librettisten in einem Kinder- und Jugendbuch zu erblicken.

Ludvik Glazer-Naudé und Ingrid Leser-Matthesius: Die Zauberflöte. Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. 48 Seiten. Mit zahlreichen Bildern und einer Audio-CD mit 14 Stücken. München: ars Edition 2014.

Frank Piontek, 13.3. 2016

 

 

Weinbergs PASSAGIERIN

Kontrapunkt gegen das Vergessen

Eine Analyse der Ausschwitz-Oper von Ludwig Steinbach

ISBN 978-3-86937-739-1 (17,90 Euro)

Taschenbuch: 237 Seiten / Verlagshaus Schlosser

Bei Mieczyslaw Weinbergs ,,Passagierin“ dürfte es sich um die bedeutendste Oper der Jetztzeit handeln. Der jüdisch-polnische Komponist Mieczyslaw Weinberg greift in dieser Oper das schwärzeste Kapitel in der deutschen Geschichte auf: den Holocaust und die Gräuel in den Konzentrationslagern. Diese packt er in ein mitreissendes Stück Oper, für die der Begriff "hochspannendes Musiktheater" exemplarisch viel besser zutreffend ist.

Mit bewundernswerter musikalischer Virtuosität, packender Brillanz und großem Einfühlungsvermögen vertont Weinberg die Geschichte der ehemaligen KZ-Aufseherin Lisa, die Ende der 1950er Jahre auf einer Schiffsreise nach Brasilien in einer mitreisenden Passagierin einen einstigen weiblichen Auschwitz-Häftling, Marta, zu erkennen glaubt. Diese Begegnung ruft in ihr qualvolle Erinnerungen an die Zeit im Konzentrationslager wach. Das Werk stellt einen stark unter die Haut gehenden, beklemmenden Kontrapunkt gegen das Vergessen dar, ein flammendes Plädoyer gegen jede Art des Verdrängens mit den Mitteln des Musiktheaters.

Ludwig Steinbach, u.a. "Fachredakteur für modernes Musiktheater" und Mitglied der Chefredaktion beim renommierten und aktuell meistgelesenen Online-Opernmagazins im deutschsprachigen Europa DER OPERNFREUND, hat sich nicht nur akribisch und aus tiefster Seele überzeugt wie begeistert mit dieser Oper jahrelang beschäftigt, sondern er hat auch Maßstäbe in seiner mit über 230 Seiten langen immens fleißigen Analyse gesetzt. Mit 147 Notenbeispielen ist das Buch eine derart umfangreiche und eine bis aufs kleinste Detail eingehende Werksdeutung, wie man sie eigentlich nur von den unendlichen Büchern über das Schaffen Richard Wagners kennt; und selbst dort findet man musikalischen Analysen nur ganz selten in solchem Umfang.

Die vorzügliche Original-DVD aus Bregenz >>>

von 2010 sollte ein unabdingbarer Begleiter beim Lesen des Buches sein. Diese Oper hat eine so vorzügliche Sekundärliteratur mehr als verdient und sollte ihren Platz im Repertoire unserer Opernhäuser eigentlich genauso finden, wie die alltäglichen Dauerbrenner a la Cosi, Aida, Holländer oder Zauberflöte - pars pro toto.

Kleines Manko und Kritik: Der Form dieser schon fast wissenschaftlich zu nennenden Arbeit, die man locker an diversen musikwissenschaftlichen Hochschulen als Doktorarbeit hätte erfolgreich verarbeiten können, fielen wohl Bilddokumente zum Opfer. Es wäre wünschenswert, wenn man in einem zweiten Band dieses nachliefern könnte.

Peter Bilsing 21.12.15

Zu beziehen über

Verlagshaus Schlosser bzw. Amazon

 

 

Hier noch einige interessante Links


"Ein Meisterwerk, das zu Tränen rührt"

Bericht Deutschlandradio Kultur

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Trailer Bregenzer Festspiele 2010

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"Wir frieren nicht mehr"

Zeit-Online

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"Musikalisch überzeugend..."

Zur Frankfurter Produktion / Deutschlandfunk

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Wortbeitrag aus Bayern 2

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noch ein schöner Tube-Beitrag dazu

"Besser wie eine Schallplatte"

 

 

 

OPERN EINFACH ERKLÄRT

endlich gelungen... - ein Hoch auf die Autorin Petra Sprenger !

Cartoon

"Opern einfach erklärt" ist der Übertitel einer neue kleine Bücherreihe von Petra Sprenger, der es gelungen ist eine ziemlich allumfassende breite Zielgruppe anzustreben; manchmal wissen ja ältere Menschen genau so wenig, wie Kinder. Formatmäßig ist das alles mehr als gelungen und praktisch zu händeln; perfekt opernhaus- bzw. hosentaschen- besser handtaschen-kompatibel, denn alles ist im handlich niedlichen "Pixi-Buch"-Format (11 x 16 cm) sehr robust gefasst.

Ich erachte das Buch für Opernfreunde von 8 bis 80 Jahren (!) als unbedingt empfehlenswert; es scheint mir sehr geeignet für Kinder. Um ehrlich zu sein, bin ich der Meinung, daß dieses zauberhaft gestaltete Büchlein jedes Programmheft (immer öfter leider ein Sammelsurium der Langeweile) sogar ersetzen könnte, denn Programmhefte sind meist lieblos und wenig hilfreich für Anfänger zusammengeschustert - und sie liest (so meine alltäglichen Erfahrungen in den Theatern dieser Republik) ja ohnehin kaum jemand.

Es könnte, besser "sollte" jedes Kinderzimmer zieren, dessen Elternschaft dem Nachwuchs etwas von der wundersamen Welt der Oper vermitteln möchte, quasi eine Vorbereitung auf die Zauberbühne der Oper. Geeignet ist es, sowohl zum allabendlichen Vorlesen (Mitlesen), als auch noch zur Lektüre kurz vor dem anstehenden Opernbesuch.

Petra Sprenger hat die einzelnen 45 Seiten graphisch wunderbar aufbereitet und quasi cartoonmäßig, mit echtem Herz für die Oper, entworfen. Eine kleine Opernmaus ist der Fil Rouge, der den Leser ständig begleitet. Der Grundsatz "weniger ist mehr", wenn man konzentriert illustriert, gilt auch für den Text von Jörg Wagner, der pfiffig in moderner Sprache - ohne sich den jungen Menschen allzu sehr anzubiedern, die Handlung vorstellt. Und am Ende gibt es sogar noch eine klare Handlungsanweisung ;-) - wunderbar. Das ist wahre Liebe zur Oper!

Ich persönlich hätte noch ergänzt "Bitte nicht rhythmisch klatschen, sondern locker vom Hocker, je nach Eurer Begeisterung. Und bleibt sitzen, denn sonst können die hinter Euch sitzenden Opernfreunde nichts mehr sehen und müssen auch aufstehen - ob sie es nun wollen oder nicht - sogeannte "Standing Ovations" sind mega-out!

Ich könnte mir auch, für alle netten Omas, Opas, Tanten und wahren Freunde der Kleinen Racker, kein besseres kreativeres Geschenk vorstellen, auch wenn Bücher vielleicht mittlerweile unmodern geworden sind. Egal ob zum Geburtstag, zu Weihnachten, Ostern oder zur Konfirmation ist dies ein treffliches Geschenk.

Hier geht es nicht um Kunstverstand, noch wird mit dem pädagogischen Zeigefinger gelehrt oder belehrt, oder auf die hehre Seriosität von Opern hingewiesen. Hier geht es um Information, Abbau von Schwellenangst zur hohen Kultur und auch darum ein Herz zum Schlagen für die Oper zu erwecken. Das gelingt meiner Meinung nach vorbildlich.

Schöner und sachverständig zeitgemäßer, sowohl in Sprache, Bild als auch Ausdruck, wurde selten ein Opernführer gestaltet. Angesichts des qualitativen Aufwandes, gebunden mit festem Kartoneinband, ist der Preis von 7,50 Euro (gerade einmal 1,5 Schachteln Zigaretten!) nicht nur fair und gerechtfertigt, sondern fast schon ein Sonderangebot.

Ganz große Empfehlung der OPERNFREUND-Redaktion

Peter Bilsing 10.10.15

(c) opernmouth.com / betr. Der Freischütz

Zu beziehen aktuell über den Herausgeber

 

Dazu  ein kurzes Interview mit der Autorin Petra Sprenger

OF Es gibt unzählige Opernführer bzw. Einführungen für Erwachsene, Kinder und Jugendliche. Sogar einen für Fortgeschrittene ;-) Viele fristen ein trauriges ungelesenes Dasein in den Regalen. Warum nun noch einer?

Es handelt sich um keinen reinen Opernführer. Das machen andere sicher besser und ausführlicher. Mir war in erster Linie die Geschichte hinter der jeweiligen Oper wichtig. Wenn ich nicht weiß, was da passiert, auf der Bühne, ist es ischwer, die Musik entsprechend nachzuvollziehen. Und hier scheiden sich sicherlich die Geister: Der eine benötigt dafür eine umfangreiche Abhandlung, der nächste ist schon mit den beschreibenden Texten der einzelnen Opernhäuser (Programmankündigung oder -heft) ausreichend informiert, und der 3. versteht u.U. das eine oder andere gar nicht. Weil zu wenig Zeit oder zu anspruchsvoll geschrieben oder, oder. Für die letzte Gruppe ist dieses Projekt gedacht. Egal wie alt. Die Art des illustrativen Stils sollte dem Rechnung tragen: Einfach, aber nicht verkitscht. Ich hoffe, das ist gelungen.

Natürlich ist mir bewusst, dass das nicht jeden Geschmack treffen wird. Aber, ich hoffe schon, den einen oder anderen : ) Nun, das wird sich zeigen. Und, diese Art bietet die Möglichkeit zur Serie, nahezu unbegrenzt. Beim Aufbau des Buches der Reihe ist mir immer wichtig, dass der Leser auf jeder Seite weiß, welche Figur gerade mit wem agiert. Daher werden die Akteure auf jeder Seite mit Namen genannt. Das ist, so bin ich mir ziemlich sicher, auch ein Novum.

OF Was bzw. wer ist Ihre Zielgruppe?

Ihre "Klassifikation" von 8 bis 80 trifft genau den Kern. Wunderbar definiert. Denn, wenn man Altersgruppen genau festlegt, schließt man andere automatisch aus. So nach dem Motto: Das ist ein Kinderbuch? Das kaufe ich mir doch nicht mehr. Wir haben die Erfahrung gemacht (aber wir stehen ja erst ganz am Anfang und sammeln...), dass verschiedenste Altersklassen das Buch schön finden. Warum soll nicht ein Erwachsener Gefallen finden, warum nicht

OF Warum Verkauf im Eigenverlag - keine ISBN Nummer, also nicht beim Großverkäufer AMAZON präsent. ?

Das war eine reine Finanzentscheidung. Da wir im Vertrieb nicht direkt als Verlag agieren, sondern als Werbeagentur, wäre uns die Nummernzuteilung recht teuer zu stehen gekommen. Und die 10er Reihe war von Anfang ein Hauptbestandteil des Projektes.  Bei einem Projekt, von dem wir nicht wissen können, wie es angenommen wird, spielt eben die Finanzierung schon eine große Rolle. AMAZON ist selbstverständlich eine Überlegung wert : ) Aber, wir sind mit den 3 Büchern so frisch auf dem Markt, dass wir leider nicht alles Notwendige im Vertrieb gleichzeitig stemmen können. Unser Hauptgeschäft läuft ja weiter.

OF Gibt es Zukunftspläne dieser Reihe ?

Ja und ja! Das Vorhaben in diesem Jahr sind noch 2 weitere Bücher herauszugeben und im nächsten Jahr sollen dann die nächsten 5 Bücher erscheinen. Der große Wunsch ist es, diese Reihe kontinuierlich zu erweitern, vielleicht sogar auch in anderen Sprachen - englisch, russisch, chinesisch ... ), herauszubringen. Das liegt aber alles in weiter Ferne und ist zwingend abhängig davon, wie diese Bücherreihe überhaupt angenommen wird. Denn, nicht zuletzt, hängt alles ab von der Finanzierung.

OF Ich könnte mir persönlich sogar vorstellen, daß man mal seher selten gespielte tolle Opern so erklärt - zb von Schreker, Korngold, Zemlinsky.... etc.

Ja, selbstverständlich. Das Grundkonzept macht das ja problemlos möglich.

OF Soll man das Programmheft angesichts der überwiegend Nichtbeachtung eigentlich abschaffen ?

Das ist so eine Gewissensfrage. Da maße ich mir nicht an, zu entscheiden, was Opernbesucher brauchen und was nicht. Die Frage ist ja da auch, wieviel verkauft das einzelne Haus an seine Besucher? Lohnt sich der Aufwand, macht man das aus Prestigegründen? Kann ja auch sein, dass der eine oder andere Besucher die Hefte sammelt. Für die Opernbücher habe ich das kleine, handliche Format gewählt, damit es auch in die Tasche passt, wenn man zur Vorstellung geht.

OF Die Oper ist tot in wenigen Jahren, wenn die Entwicklung so weiter geht stribt das Publikum aus - der Altersdurchschnitt bei uns in Düsseldorf liegt z.B. bei 63 Jahren.

Das hoffe ich ja nicht. Wäre ein großer Verlust. Deshalb versuchen ja die Opernhäuser durch verschiedene Maßnahmen ihren Nachwuchs zu "generieren".Vielleicht kann das Buch ja ein Bausteinchen dabei sein zumindest Neugier zu wecken. Wenn man sich dann vielleicht sagt, das will ich auch mal auf der Bühne hören und sehen. Wie kriegen wir - außer über ihr Buch - eigentlich junge Menschen in die Oper Wenn ich das Patentrezept wüsste, wäre ich bestimmt steinreich.

OF Stichwort "Musikunterricht" was fällt Ihnen da ein ?

Da meine Kinder schon lange aus der Schule raus sind, nein, leider nicht. Da kann ich nicht mitreden, weil ich die heutige Art des Unterrichts nicht beurteilen kann.

Danke für das Interview und Viel Erfolg

 

 

 

 

Oper als Kunst der Einfühlung in den anderen

Opernregie oder Die Suche nach dem Heiligen Gral: Nina Kupczyk gibt aufschlussreiche Einblicke in die Denkweisen etablierter Musiktheaterregisseure – und entwickelt ein psychologisch fundiertes Konzept einer Inszenierungspraxis, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Geeignet ist ihre Abhandlung „Die Kunst der Empathie“ dabei nicht nur für Operninteressierte – auch Manager, Konfliktlotsen und Kommunikationsexperten finden hier das Rüstzeug für ihre Art „Regiearbeit“ in kompaktester Form.

Die Autorin und Opernregisseurin nimmt nicht zuletzt auch dadurch für sich ein, dass sie sich stellenweise einer wunderbar spitzbübischen Metaphorik bedient, die die Spezifizierung von „Regie“ mit der Suche nach dem Heiligen Gral, Regisseure und Dramaturgen als „Gralshüter“, deren Erfolg und Marktwert als „Gralsgeheimnis“ und den Versuch einer Begriffsklärung mit Elsas Frageverbot in „Lohengrin“ gleichsetzt.

Denn es gibt keine eindeutige Definition dessen, was „Regie“ tatsächlich bedeutet. Auch renommierte Kollegen können mit einer Beschreibung, die ihr Tun auf den Punkt bringt, nicht aufwarten: Kupczyk führt unter anderem Äußerungen von „Regiegöttern“ wie Everding, Neuenfels und Konwitschny ins Feld – die sich jedoch nicht wirklich dingfest machen lassen.

Und damit stehen die Opernmacher der Neuzeit nicht allein: Das, was unter „Regieführen“ zu verstehen ist, war ohnehin im Laufe der (Musik-)Theatergeschichte vielfachem Wandel unterzogen, wie Kupczyk in einem kurzen Abriss von der Antike bis zur Gegenwart erläutert. Dabei entzaubert sie das Regietheater, das vielfach als Gipfel der Fortschrittlichkeit begriffen wird, als bloße Wiederholung dessen, was sich unter dem Begriff „Regie“ schon im neunzehnten Jahrhundert etabliert hatte: „Bereits vorhandene Werke zu rekonstruieren oder zu interpretieren, die Szenen neu zu gestalten und die Darsteller ihrer Idee (der Regisseure, Anm. d. Verf.) anzupassen“.

Der Regisseur als „Schöpfer, Mutter, Vater“ – und Manager

Die Grundhaltung des Regisseurs einer Operninszenierung sei oftmals nicht wirkliche Offenheit für das genuin Neue, bedauert Kupczyk in diesem Zusammenhang, sondern der bloße Wunsch, ein Werk „anders“ oder „einmaliger“ „zu machen“. Diesem vermeintlich „modernen“ Regieansatz stellt sie ihre (erfrischend kühne) Hypothese entgegen, „… dass einzig der Fortschritt des Theaters heute nicht mehr in der Entwicklung neuer ästhetischer Standpunkte zu suchen ist, sondern in der Arbeit mit den Menschen, den Darstellern.“

Daran anknüpfend entwickelt die Autorin, die sowohl in der Theaterwissenschaft als auch auf dem Gebiet der Psychologie zu Hause ist, ein Konzept, wie diese am Menschen orientierte Arbeit in der Praxis aussehen könnte: Die „Kunst der Empathie“ besteht in der während der Regiearbeit kontinuierlich zu leistenden Einfühlung in die Emotionalität der Akteure – wobei es jedoch ebenso gilt, die eigene Perspektive nicht aufzugeben.

Das, was Kupczyk hier tiefenpsychologisch fundiert beschreibt, entspricht in der Summe den von Carl Rogers postulierten drei Grundhaltungen der humanistischen Psychologie: wertschätzende Akzeptanz des Gegenübers, Empathie mit dem Gegenüber und Wahrung (wenn nicht gar Entwicklung) der eigenen Authentizität. Die vier Grundformen der menschlichen Persönlichkeit wiederum, die Kupczyk anhand der von der Psychologin Mary Ainsworth entwickelten Bindungstheorie vorstellt, haben ihr humanistisches Pendant in den vier von Fritz Riemann entwickelten Typisierungen (Nähe, Distanz, Dauer, Wechsel). Auch der situative Kontext ist von der Autorin bedacht – der im Wort Regie implizierte Begriff „Führung“ wird hier, zu Recht, als Rolle im Sinne einer Management-Aufgabe verstanden. Denn der Opernregisseur ist nicht nur (tiefenpsychologisch deutbarer) „Schöpfer, Mutter, Vater“, sondern auch „Betroffener“ innerhalb einer Interaktionsstruktur. Als solcher benötigt er Kenntnisse über Führungsstil und Macht, Kommunikation und Krisenintervention.

Nina Kupczyk belässt es dabei nicht bei trockener Theorie: Ihr Buch gibt auch Einblick in die praktische Umsetzung ihres Konzepts. Erfahrungsberichte aus ihrer Probenarbeit zeigen, dass die vier verschiedenen Persönlichkeitsstile, mit denen die Regisseurin in ihrer Zusammenarbeit mit Sängern und Schauspielern konfrontiert ist, keinesfalls Konstrukte, sondern höchst lebendige Formen des Menschseins sind.

Einfühlungs-Kunst für die Darsteller – und Zuschauer

„Regie und Regieführen sind eine Kunst. Eine Kunst der Interaktion mit Menschen“ – das ist sowohl Definition als auch Fazit dieses bemerkenswerten Buchs. Für dessen Autorin steht im Zentrum „immer der Mensch in der jeweiligen Situation und mit seiner Persönlichkeit. Sie allein sind Orientierung für das Theater der Zukunft: ein Theater der Menschen.“

Wie sehr sich Nina Kupczyk auf die „Kunst der Empathie“ versteht, wie einfühlsam sie die Darsteller in ihre Rollen zu geleiten und sie zu Außergewöhnlichem anzuleiten vermag, zeigte unter anderem ihre Inszenierung von „Così fan tutte“ am Opernloft in Hamburg. Bei aller Bewunderung für die geradezu erschreckende Perfektion der Akteure schien dem Zuschauer zugleich auf, welch überzogenen Ansprüchen junge Menschen in der heutigen Zeit ausgesetzt sind: Nur, indem sie sich übermäßig perfektionieren und flexibel, mithin austauschbar machen, können sie sich im Arbeits- und Liebesleben behaupten. Diese Aussage steht durchaus im Einklang mit dem Libretto. In Nina Kupczyks „Così fan tutte“ geht sie dem Zuschauer, aufgrund seiner Anteilnahme an der Situation der Protagonisten, tatsächlich nahe. Durch die vermeintlich „unterhaltsame“ Komödie hindurch wird das existenzielle Drama, das jeden Einzelnen betrifft oder betreffen kann, für ihn erlebbar.

Obwohl die Autorin und Regisseurin es an keiner Stelle explizit ausspricht, besteht genau hierin die entscheidende Konsequenz ihrer Auffassung und Umsetzung des Begriffs „Regie“, ihrer Konzeption des Musiktheaters (wie es offenbar auch von Philipp Himmelmann, Johannes Erath, Karoline Gruber, Jetske Mijnssen oder Vincent Boussard aufgefasst wird): Ein Regisseur, der sich auf diese Art Kunst versteht, beflügelt, quasi als Resonanz seiner inneren Haltung, nicht nur die Empathie seiner Darsteller – sondern auch die des Zuschauers.

So verstandenes Musiktheater setzt nicht auf Konfrontation oder Provokation, sondern fokussiert auf das innere Erleben der Protagonisten des Werks und findet Bilder für deren seelische Verfasstheit. Intensiver noch als es das Sprechtheater oder der Roman vermögen, lässt es den Zuschauer das Geschehen aus der Perspektive des anderen erleben. Die dadurch buchstäblich vollzogene Veränderung seines Standpunkts (sowohl emotional als auch rational) hat nicht nur Auswirkung auf den Einzelnen, sondern in der Summe auf die ganze Gesellschaft – hin zu mehr Offenheit, Akzeptanz und Wertschätzung. Also hin zu einer Gesellschaft, wie sie die Vertreter der humanistischen Psychologie – aber auch der lebenskluge Poet Ringelnatz, dessen Aufforderung „Vom andern aus lerne die Welt begreifen“ als Maxime einer „Kunst der Empathie“ gelten kann – schon vor Jahrzehnten erhofften. Sie ist notwendiger denn je.

Christa Habicht, 23. September 2015

Nina Kupczyk: Die Kunst der Empathie. Eine unendliche Geschichte von Regie, Bindung und Führungsstil. Akademiker Verlag, Saarbrücken 2015, 127 Seiten

 

 

Impressionen zur Spielzeit 2014/2015

BuchCover Staatsoper Impressionen 14.15 x x

WIENER STAATSOPER
Impressionen zur Spielzeit 2014/2015

Fotografiert von Michael Pöhn
Eigenverlag, 2015 

Alle Jahre wieder von den echten Freunden der Wiener Staatsoper dringlich erwartet, weil ihnen die letzte Saison detailliert vor Augen geführt wird – aber gleichzeitig ein ungemein „faires“ Buch, das jeden Künstler der Wiener Staatsoper wenn schon nicht „zu Wort“, so doch „zu Bild“ kommen lässt: Das ist der wiederum vorliegende, voluminöse, quadratische Bildband über die Impressionen zur Spielzeit 2014/2015, den die Wiener Staatsoper nach Ende der Saison herausbringt.

Wieder mit unbestechlichem Blick für das Wesentliche und auch Wirksame: So, wie Juan Diego Florez, im weißen Anzug, mit weißem Hut, im Stil eines Tänzers im Hollywood-Film hier kniet, so war er in der „Don Pasquale“-Premiere der Liebling aller. Und wenn auch nicht jeder die Inszenierung von Irina Brook goutiert haben mag – sie bleibt jedenfalls im Gedächtnis. Und auch das ist als Kriterium nicht ohne Wichtigkeit.

Das System dieser Bücher ist bereits bewährt und wird durchgehalten: Man blättert sich chronologisch durch die vorangegangene Saison, und das zuerst in den Zetteln mit den Abendbesetzungen: Jede geringfügige Abweichung in den Protagonisten wird per neuem Zettel vermerkt. Jedes Werk wird, auch wenn es im Abstand von Monaten gespielt wird, durch alle Aufführungen wahrgenommen.  Nebeneinander gestellt, sieht man dann, wie viele Toscas oder Salomes oder Adinas das Haus im Lauf von zehn Monaten aufgeboten hat. Mit vergleichenden Fotos nebeneinander – die Damen, im gleichen Outfit, möglichst sogar in derselben Stellung, geben eine eindrucksvolle Parade heutiger Besetzungen. Der Fotograf des Hauses, Michael Pöhn, scheint keinen freien Abend gehabt zu haben, so sehr war er offenbar beschäftigt, wirklich jeden Sänger in jeder Rolle festzuhalten.

Dabei sind es im allgemeinen die Porträts (und da auch eher ganze Figur als nur Kopf), die dominieren, nur die Neuinszenierungen werden weit reicher bedacht und bieten das, was man als Erinnerung so gerne hat: viele Szenenfotos, die den Eindruck auch der ganzen Bühne widerspiegeln.

Das Buch gemahnt übrigens auch daran, dass die Staatsoper aus dieser Spielzeit über ein paar Dutzend Aufzeichnungen verfügt, die nach dem einen Live-Stream-Termin nicht mehr verwendet werden. Wie man erfährt, scheitern Verhandlungen – etwa mit Ö III – an rechtlichen Fragen. Dabei wäre es doch sensationell, wenn das Fernsehen etwa den angeblich letzten Octavian der Garanca, die Leonore der Stemme und andere Glanzbesetzungen zeigen könnte. Oder, wenn sich die Staatsoper entschlösse, die Streams der vorigen Spielzeit um ein etwas geringeres Entgelt on Demand zugänglich zu machen. Dieses Buch erweckt mit den Besetzungen, an die es erinnert, jedenfalls große Lust darauf.

Renate Wagner 8.8.15

 

 

 

 

Eine stimmige künstlerische (und wirtschaftliche) Bilanz

Manchmal fällt die Tragweite von Entwicklungen erst im Rückblick auf. Zehn Jahre lang war Simone Young Intendantin und Generalmusikdirektorin der Staatsoper Hamburg. Sämtliche in dieser Zeit realisierten Produktionen sowie das vollständige Konzertprogramm der Philharmoniker Hamburg sind nun in einem Buch zusammengefasst, das die Staatsoper Hamburg zum Abschluss ihrer Amtszeit herausgibt. Das Buch enthält darüber hinaus interessante Essays zu aktuellen Themen und praktischen Fragen des Musiktheaters.

Gelungene Verjüngung von Bestandsinszenierungen 

Erster Eindruck, der sich allein beim Durchblättern der an Inszenierungsfotos reichen Dokumentation erschließt: Die Staatsoper Hamburg hat im Laufe der letzten zehn Jahre die für jedes Repertoire wichtigen „Publikumslieblinge“ gelungen verjüngt. Die farbenreiche Poesie der neuen „Traviata“, der „Aida“ oder der „Carmen“ zeigt sich ganz unmittelbar. Oper ist immer auch Traum, und deshalb sprechen diese Bilder nicht nur junges, neues Publikum an, sondern auch jene, die den Sinn fürs Träumen auch im Alter nicht verlieren.

Erweiterung des Repertoires von Barock und klassischer Moderne

Bei näherer Durchsicht der Spielpläne erweist sich, dass das Repertoire wesentlich in zwei Richtungen erweitert wurde: Zum einen um wichtige Werke des Barock – darunter Händels in Hamburg entstandende „Almira“ oder kleine Perlen wie Cestis „Orontea“ – zum anderen um wichige Werke der klassischen Moderne des 20. Jahrhunderts. Gerade hier gibt es ein paar interessante Entdeckungen: Der besondere Bezug der Staatsoper Hamburg zu Britten (mit der deutschen Erstaufführung von „Peter Grimes“ eröffnete das Haus nach dem zweiten Weltkrieg) wurde nicht nur konsequent ausgebaut, sondern das Repertoire auch um eine Alleinstellung bereichert – nur hier ist neben seinem bekanntesten auch sein unbekanntestes Werk, „Gloriana“, enthalten. York Höllers in Köln uraufgeführte Oper „Meister und Margarita“ erfuhr in Hamburg eine (sehr amüsante) Zweitinszenierung (mit Entertainer Corny Littmann in der Rolle des Varietéansagers), Reimanns „Lear“, einst in Auftrag gegeben von der Hansestadt, wurde von Simone Young nach rund dreißig Jahren endlich heimgeholt an die Elbe. Eine Rarität insbesondere auch hinsichtlich der literarischen Vorlage stellt Furrers „La bianca notte“ dar, die in der letzten Saison uraufgeführt wurde. Daneben wurde vor allem in den letzten fünf Jahren die kleine, gern besuchte Opera Stabile zum Forum für zeitgenössische Werke und ungewöhnliche Verknüpfungen von Literatur und Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Die Liste der zeitgenössischen Komponisten, deren Werke hier uraufgeführt wurden, umfasst allein in diesem Zeitraum rund 20 Namen.

Erhellendes über Wirtschafts-, Kritik- und Musiktheatermenschen

Die in der Dokumentation ebenfalls enthaltenen Essays behandeln aktuelle Themen und praktische Fragen des Musiktheaters, die nicht nur die Staatsoper Hamburg betreffen – zum Beispiel, ob Hochkultur ein Wirtschaftsfaktor ist (es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet der geschäftsführende Direktor der Staatsoper Hamburg, Detlef Meierjohann, diesen Aspekt erörtert), oder ob wir Opernkritik im Feuilleton brauchen (hierzu nimmt der Musikkritiker Wolfgang Schreiber Stellung).

Bei einer Generalmusikdirektorin, die sich so weit als möglich „in die Schuhe des Komponisten“ begibt, darf ein ausführlicher Beitrag zur Bedeutung des Quellenstudiums für den Dirigenten natürlich nicht fehlen. Die Gesamtschau des Schaffens Simone Youngs fördert jedoch noch einen Aspekt zutage, der vielfach unbeachtet blieb: Sie ist ganz offensichtlich nicht „nur“ Musik-, sondern ebenso leidenschaftlicher Theatermensch. Das Motto der Dokumentation „Oper sinnlich erfahrbar machen“ stammt von ihr. So akribisch sie Partituren studiert, so ernst sie es meint mit ihrer Aufforderung „Music should make you think!“, so wichtig ist ihr auch die gefühlsmäßige Rezeption, das Theatererlebnis, das Oper bietet.

Und nicht zufällig sind viele Inszenierungen in ihrer Amtszeit als Koproduktion mit anderen Häusern entstanden – so „Mathis der Maler“ mit der Bayerischen Staatsoper, „Fürst Igor“ mit dem Opernhaus Zürich, „Arabella“ mit der Staatsoper Wien, „Gloriana“ mit Covent Garden, „Almira“ mit den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik. Sogar in Helsinki, Oslo, Stockholm, Göteborg, Bilbao, Sevilla oder an der New Yorker Met sind Hamburger Produktionen zu sehen, die Simone Young ganz bewusst als Botschafter jenes Musiktheaters einsetzte, dem sie zehn Jahre lang vorgestanden hat.

Die der Dokumentation beiliegende CD mit Ausschnitten aus Opernproduktionen und Konzerteinspielungen – darunter „Mathis der Maler“, „Ring des Nibelungen“ sowie Sinfonien von Bruckner und Mahler – ist ein kleiner akustischer Querschnitt von Meilensteinen der Ära Simone Young an der Staatsoper Hamburg. Die Gesamtbilanz dieser Zeit ist übrigens nicht nur in künstlerischer Hinsicht stimmig – auch der geschäftsführende Direktor des Hauses äußerte sich in der gestrigen Pressekonferenz damit zufrieden. Obwohl Hamburg „Stadt der Kaufleute“ ist, hat die hiesige Oper „nicht großzügig bemessene Mittel“ zur Verfügung. Der Platzzuschuss liegt hier übrigens unter jenem in Berlin, Frankfurt/Main, Stuttgart oder Köln zugemessenen. Dennoch konnte über die gesamte Zeit ein gutes Ergebnis bei erfreulich hoher Gesamtauslastung erzielt werden. Die Abonnementsstatistik verzeichnet – zeitgemäß übliche – Verlagerungen von „klassischen“ zu flexiblen Arrangements, die Zahlen sind als stabil zu bezeichnen. Insgesamt ist die wirtschaftliche Entwicklung von Amtsantritt bis -ende der scheidenden Intendantin durch hohe Kontinuität geprägt. Die laufende Saison wird mit hoher Wahrscheinlichkeit mit einem Überschuss abschließen. Die Nachfolger werden ein in jeder Hinsicht gut bestelltes Haus übernehmen.

Christa Habicht, 17. Juni 2015

 

 

OPERNSCHULE

Für Liebhaber, Macher und Verächter des Musiktheaters

Prof. Dr. Michael Hampe

Vorstellung seines neuen Buchs in der Kölner Oper am Dom am 8. März 2015

Dr. Michael Hampe , ehemaliger Intendant der Kölner Oper (1975-1995), rief in die noch provisorische „Oper am Dom“, um sein neues Buch „Opernschule“ vorzustellen. Und ganz viele kamen: nicht nur frühere Weggenossen wie die langjährige Repetitorin Erika de Heer, die früheren Sänger Eva Tamássy , Werner Sindemann und Ulrich Hielscher, auch der 101-jährige Verwaltungsdirektor und bekennende Karnevalsjeck Dr. Karl Zieseniß mussten die arg steile Treppe ins Foyer erklimmen. Aber auch die vielen Opernfans, welche die Glanzzeit des Hauses der Hampe-Ära von 1975 bis 1995 mit zahlreichen Highlights und Auszeichnungen selbst erlebt hatten. Und vor allem die vielfach ausgezeichnete Aufführung von „Hoffmanns Erzählungen“ mit

Placido Domingo von 1980, die nach 25 Jahren immer noch zitiert und auch heute kleine Rückenschauer produziert.

Nun ist die „Ära Hampe“ finanziell besser ausgestattet gewesen als heute, man musste sich nicht mit ignoranten Stadtrat-Fraktionen herumschlagen; das jüngste Drama um den Ex-Intendanten Uwe Eric Laufenberg ist beredtes Beispiel. Die Oper hatte hohen Stellenwert, bot ein sehr breites, hochqualitatives Spektrum von Monteverdi bis zu den legendären „Woyzeck“ und „Moses und Aron“-Produktionen. Wenngleich Hampe dem Neuen weniger zugetan war, es gab einige Flops, mehrere Kompositionsaufträge versandeten. Auch die Neuerer der Branche wie Ruth Berghaus, Hans Neuenfels oder Herbert Wernicke wurden nie nach Köln eingeladen. Aber die Säulen des Opernbetriebs mit dem kompletten Hauptwerk von Mozart und Wagner, Verdi, Puccini, Richard Strauss - die standen auf festem, sicheren Boden. Auseinandersetzungen und wirkliche Skandale gab es – im Gegensatz zum Schauspiel – keine, dafür drückten sich eine lange Reihe prominenter Sänger, Regisseure und Dirigenten die Klinke in die Hand. 

Hampe lebt heute in Zürich und ist mir seinen fast 80 Jahren immer noch im gut im Geschäft; 2012 hat er in Düsseldorf einen hochgelobten „Figaro“ inszeniert, auf seiner Agenda stehen noch der komplette „Ring des Nibelungen“ und „Der Fliegende Holländer“ in Japan, auch in Köln wird er dem Vernehmen nach wieder aktiv sein. Sehr beachtlich, der alte Herr, der mit federndem Schritt zur Sitzgruppe schritt, wo er nach der Begrüßung durch Johannes van Ooyen, Programmleiter des Verlags,  im launigen Gespräch mit dem WDR-Musikredakteur Dr. Richard Lorber sein neues Buch vorstellte. „Opernschule – für Liebhaber, Macher und Verächter des Musiktheaters“ ist ein handliches Bändchen aus dem Kölner Böhlau-Verlag (ISBN 978-3-412-22500-1, 190 Seiten, 14.90€). Der Autor hat auch die Dresdener Musikfestspiele geleitet, war Direktoriumsmitglied in Salzburg, Chef der Opernhäuser in Mannheim und Zürich, hat auf der ganzen Welt inszeniert und viele viele Schüler unterrichtet. Als langjähriger Professor an der Musikhochschule Köln moderierte er 2011 mit seinen Studenten halbszenische Teile aus dem „Figaro“ und „Don Giovanni“ auf einer prachtvoller Gala für Kaufinteressenten des Kölner „Gerling-Quartiers“ – Kunst trifft Kommerz. Der Rezensent hatte damals das Glück, dabei sein zu dürfen.

Lorber meinte eingangs zur „Opernschule“, selten ein Werk mit so viel Freude gelesen zu haben. Denn Hampe wendet sich vehement gegen das „Nur-Singen“ vieler junger Akteure, gegen Reclamheft-Regisseure, die keine Ahnung von der Musik haben und von dem, was sich da im Graben tut. Das Fach „Darstellung“ stünde in der Ausbildung viel zu weit hinten, da würden elementare Regeln verletzt. Die Komponenten des Bühnenraumes müssen sorgsam beachtet werden, das berüchtigte „Rampensingen“ und die „Pfannkuchenstellung“ tunlichst vermieden werden. Kernsätze wie „Der Körper im Raum ist bereits Teil der Handlung“, „Der Singende steht hinten, der Zuhörende vorn“, „positioniere Dich im goldenen Schnitt, nicht in der Mitte“ oder „Ein König kann sich nicht selber spielen, seine Umgebung spielt ihn“ finden sich überreichlich, ein Füllhorn von knapp formulierten, kernigen  Weisheiten.

 Ein Sänger müsse auch wissen, worüber er singe, er muss sich ein Leben in der  Rolle vorstellen und soll das Umfeld und den historischen Kontext einer Arie kennen. Die Oper habe leider kein Handwerk der Musikdarstellung entwickelt: „Singen ist bei Weitem nicht Darstellen“. Ein Schauspieler kann den Text nach Belieben gestalten, der Sänger muss sich hingegen an die Partitur halten. Opernmusik ist Musik zu einem Zweck und keine absolute Musik. Eine Geschichte muss nicht nur erzählt, sondern auch gleichzeitig dargestellt werden. Die Oper kann nämlich etwas, was alle anderen Künste nicht können: die Gleichzeitigkeit von Zeit und Raum darstellen. Der Sänger muss stets die immense Technik kontrollieren, sonst verliert er seine Stimme wie einstens Maria Callas. Und gleichzeitig sein Körpertraining intensivieren, um ein Leben lang singen zu können.

 Hampe holte gar aus zu einem Rundumschlag: „Die Oper macht von 100 Dingen 101 falsch“. So müsse die Gesamtorganisation von A bis Z umgekrempelt werden; 90 % der Kräche entstünden durch Probleme mit der Technik in der Schlussphase einer Inszenierung, die vorher perfektioniert sein müsse. Leider blieb hier manches vage, etwa wie die Idee zu einer Inszenierung entsteht und was man alles besser machen kann. Nur Schimpfen ist halt einfach. Er selbst sei kein Gegner des Regietheaters; aber einen „Figaro“ ins Heute zu verlegen, das ginge einfach nicht, da es kein Feudalsystem mehr gibt.

In zwanzig Kapiteln mit ca. 150 knapp gefassten Regeln schildert der Autor amüsant, ironisch und süffisant seine in einem langen Theaterleben erkannten Weisheiten, wie Oper zu inszenieren ist und was man alles falsch machen kann; er fordert handwerkliche Professionalität und perfekte Positionierung und Bewegung der Sänger, so dass diese auch etwas zu sagen haben. Schuld der Oper selbst ist es, wenn man ein Verächter der Oper wird. 

 Ein besonderes Kapitel ist dem oft vernachlässigten Rezitativ gewidmet, eigentliches Zentrum jeder Oper. Auch widmet sich Hampe umfangreich seinen Lehrern und Vorbildern, ein amüsantes who-is-who und hat natürlich ein eigenes Kapitel zu Mozart geschrieben. Hampe war während des Interviews sehr ernst und konzentriert, während die längere Lesung aus seinem Buch deutlich lockerer und entspannter ablief. Geduldig signierte er dann die Bücher der endlosen Schlange seiner Fans und hatte für jeden ein paar nette Worte.

 Das Buch kann Sängern, Regisseuren, sonstigen Opernschaffenden und natürlich dem „Opernkunden“, dem engagierten Besucher, nur wärmstens empfohlen werden, es liest sich leicht und angenehm und eignet sich auch wegen seines kleinen Größe Formates als kapitelweise Bettlektüre. Liebhaber und Macher der Oper, denen es gewidmet ist, profitieren alle ein bisschen, wenn auch keiner so richtig. Und die Opernverächter mögenan Hand der Lektüre ihre Vorurteile überprüfen und vielleicht doch zu Liebhabern des Genre werden. Die Oper braucht nämlich auch sie.

Text und Foto von Michael Cramer / 15.3.15

 

 

JAHRBUCH DER GESELLSCHAFT DER FREUNDE BAYREUTHS

ISBN: 9783981669718

Nicht nur für Festspielbesucher zu empfehlen

Seit einigen Spielzeiten bringt die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth jährlich zu den Festspielen einen Almanach heraus. So auch diese Saison. Immer wieder erfreuen die reiche Fülle an informativen Texten und herrlich anzuschauende, wahrlich prachtvolle Photos rund um die Bayreuther Festspiele, die dieses Buch nicht nur für Festspielbesucher, sondern für alle Wagner-Anhänger zu einer empfehlenswerten Angelegenheit machen.

Eingeleitet wird der Almanach mit einem Interview, das Jürgen Liebing mit Festspielchefin Katharina Wagner und ihrem neuen Musikchef Christian Thielemann führt. Im Zentrum des Gesprächs steht die diesjährige Neuproduktion von „Tristan und Isolde“. Daneben findet aber auch ein Vorblick auf die folgenden Spielzeiten statt. Anschließend stellt Klaus Kalchschmid den Tristan-Sänger dieser Produktion, Stephen Gould, vor, wobei er einen interessanten Überblick über das bisherige Schaffen des vom Bariton kommenden Tenors gibt. Nach einem ersten Interview für den Almanach 2013 findet bereits zum zweiten Mal ein Gespräch mit Anja Kampe statt, in dem die Isolde neben Senta und Sieglinde als ihre Schicksalspartie bezeichnet wird. Vielleicht hätte man das Interview besser im „Ring“-Teil bringen und auf die Sieglinde beziehen sollen, da Frau Kampe bekanntermaßen vier Wochen vor der Premiere aus der „Tristan“-Neuinszenierung ausgeschieden ist. Die Fragen stellt hier wiederum Klaus Kalchschmid, genau wie im folgenden Interview, in dem die Brangäne und Mary der diesjährigen Festspiele, Christa Mayer, bereitwillig über ihre große Karriere berichtet, die in Dresden begann. Wagner steht im Zentrum des Gesprächs, das Jens Laurson mit Iain Paterson, dem diesjährigen Bayreuther Kurwenal führt. Mit der französischen Wagner-Verehrung befasst sich ein Essay von Julien Piot. Sehr lesenswert ist auch Alex Ross’ Abhandlung über Wagner und die Präraffaeliten, für die der „Tristan“ ebenfalls sehr bedeutsam war. Da sind einige interessante neue Einsichten zu verzeichnen. 

Zu Beginn des „Lohengrin“-Abschnitts berichtet der Bühnenbildner Reinhard von der Thannen Klaus Kalchschmid über seine lebenslange Partnerschaft mit dem Regisseur Hans Neuenfels. Im Zusammenhang mit dem dieses Jahr wieder auf dem Programm der Festspiele stehenden Castorf-„Ring“ erzählt Bayreuth-Debütant John Daszak einmal mehr Klaus Kalchschmid, wie es zu seinem Engagement als Loge kam. Gestreift werden dabei aber auch die beiden Siegfriede und noch andere Partien, die in der Laufbahn des Tenors von Wichtigkeit waren. Stephan Jöris’ Aufsatz „Der szenische Zündstoff aus dem Off“ befasst sich mit der Bühnenmusik in Wagners „Tristan“. Der Focus liegt dabei auf der Hirtenweise und der Frage, welches Instrument sie am besten spielen sollte. In einem „Ich will die Sänger gut aussehen lassen“ übertitelten Interview mit Karoline Amon zeichnet Enrico Nawrath seinen Weg vom Solo-Tänzer der Berliner Staatsoper und der Dresdener Semperoper zum Produktionsphotographen der Bayreuther Festspiele nach. Anschließend machen die vierzehn Kontrabassisten des Festspielorchesters gegenüber Christian Schütte anschaulich, warum ihr Instrument das unverzichtbare Fundament von Wagners Partituren und aufgrund seiner enormen Größe alles andere als leicht zu spielen ist. In seinem Essay „Das Brandungsrauschen der Sänger“ beleuchtet der Musikmediziner Wolfram Goertz die enormen Anforderungen, die gerade Wagner an die Sänger/innen steht, sieht aber gerade darin auch die Hauptursache für die große Effektivität von Wagners Gesangspartien, zu deren Bewältigung es indes einer ausgereiften, gesunden Technik bedarf. Schließlich berichtet Jung-Regisseur Tristan Braun, Sohn der Mezzosopranistin Lioba Braun, in einen Portrait von Uwe Friedrich anhand seiner in Bayreuth zur Aufführung gekommenen Kinderfassung des „Parsifal“ einfühlsam, wie Theaterzauber entsteht. Der Schluss gehört, wie jedes Jahr, einigen verdienten Mitgliedern der Freunde von Bayreuth, für die Wagners Musik alles bedeutet. Insgesamt haben wir es hier mit einem sehens- und lesenswerten Band zu tun, dessen Anschaffung sich durchaus lohnt.

Ludwig Steinbach

 

 

 

 

     

 

 

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