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CHICAGO/ Lyric Opera

openhousechicago.org/

 

 

 

 

OTELLO

17. Oktober 2013

Otello Chicago Bothastruckmann_

Johan Botha und Falk Struckmann. Foto: Lyric Opera

An diesem Abend konnten viele glücklich werden – Verdi-Fans und Botha-Fans vor allem. Die Lyric Opera in Chicago hat eine besonders schöne Aufführung des Verdi’schen Otello aus Glyndebourne geholt. Regisseur Sir Peter Hall ist auch Shakespeare-Spezialist und gibt der Vorlage Ehre: Das Bühnenbild bietet im Hintergrund das charakterstische zweistöckige hölzerne Rund des Globe Theatres, vor dem sich so gut wie alles spielen lässt und das auch hier mit geringfügigen Verwandlungen den idealen Rahmen für alle vier Szenen ergibt. Darin inszeniert Hall – beziehungsweise der im Programm extra genannte “revival director” Ashley Dean – genau das, was gesungen wird, was im Stück und im Libretto steht – und nur manchmal weicht man klug und geschickt aus und verlegt etwa die Szene mit den Blumen überreichenden Kindern in den Hintergrund. Das bremst Kitsch und Lieblichkeit. Denn obwohl sich die Geschichte optisch nicht düster gibt (mit Ausnahme der Sturmszene zu Beginn), so ist doch klar, dass man es hier mit einer schrecklichen, sich immer verdichtenden, den Zuschauer tragisch berührenden Tragödie zu tun hat. Die Kostüme (die gesamte Ausstattung stammt von John Gunther) sind frühes 19. Jahrhundert, es handelt sich also um eine historisierende Inszenierung – und gibt so ungemein mehr als unsere in Wien. Johan Botha will über diese (Wiener) Aufführung nichts sagen – wohl aber, wie gut man sich als Sänger in einem solchen Umfeld fühlt,

Und das macht seine Leistung auch klar. Stimmlich ohnedies wie meist, wie fast immer fabelhaft, dem Zuhörer die “Lust des mühelosen Hörens” vermittelnd, weil er eben mühelos singen kann, sind schon die stimmlichen Details seiner Leistung faszinierend, etwa die Fahlheit, die er seiner Stimme gibt, wenn er von seinem Glück Abschied nimmt. Aber auch darstellerisch ist Botha – hier entsprechend gekleidet und von der Regie auch entsprechend positioniert – fabelhaft, niemand soll sagen, er stünde nur wie ein Klotz herum. Er bringt – nach dem zu erwartenden “Esultate” und einem hinreissend lyrischen Duett mit verhaltenden Tönen – dann nach diesem anfänglichen Glück des Mohren darstellerisch alles – den Schmerz, die Trauer, die Verwirrung bis zum Wahnsinn, die Verzweiflung, die Resignatiion des Todes, der sogar wie eine Erlösung wirkt. Ergreifend.

Wie man ihn auch von Wien kennt, war wieder einmal Falk Struckmann der Jago, und von “schöner Stimme” kann hier nicht die Rede sein, soll es auch nicht, braucht es aber auch nicht in diesem Fall. Das scharfe, raue, harte Schnarren gibt genau den Charakter der Figur wieder, und Struckmann intrigiert, auch er von der Regie immer richtig ins Zentrum gestellt, nach allen Regeln einer Bösheit, die über blosse Bosheit hinausgeht. An Jago und Otello ermisst man den aktiven und passive Akt der Zerstörung.

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Als Desdemona lernte man Ana Maria Martinez kennen, die nicht mit stimmlicher Dolcezza ueberzeugte (ihre Technik ist allerdings fabelhaft), doch mit solcher Intensität ihr Schicksal vorstellte, inklusive der – wieder das Wort! – ergreifenden Interpretation des vierten Aktes, dass sie ihren Applaus mehr als verdient hatte. Es gab brave Nebenrollen (die Tenöre Antonio Poli und John Irvin als Cassio und Rodrigo) und weniger gute (der äußert bresthaft wirkende Gesandte von Antonio Clark Evens). An der Emilia von Julie Anne Miller fiel zuerst auf, dass sie eine wahre Hopfenstange ist, dann, dass sie eine Mezzorolle mit Sopranstimme sang.

Bertrand de Billy hat, worauf die Lyric Opera stolz aufmerksam macht, den “Otello” ungestrichen präsentiert – Stellen, die, wie Botha uns erzählte, auch in Wien nicht gebracht werden, sind hier zu hören, betreffen aber vor allem die Chorpassagen, sind aber dramaturgisch durchaus sinnvoll. Jedenfalls hat de Billy eine ebenso dramatisch packende wie lyrisch überzeugende Aufführung dirigiert, bei der man auch merkte, dass sie nicht die erste Vorstellung dieses Teams war – in manchen Stellen war der Zusammenklang von Solisten und Dirigenten geradezu spürbar.

Gewiss, was Chicago hier bietet, kann man auch in einem guten europäischen Opernhaus hören. Aber ist das nicht ein großes Kompliment, das man diesem – ganz in Gold und im Luxus der zwanziger Jahre strahlenden – Haus machen kann?

Renate Wagner                                       Bilder: Lyric Opera

 

 

 

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