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VERGLEICHENDE DISKOGRAFIE

PETER KLIER benennt seine Favoriten

 

Fünfmal CARMEN

Vergleichender Rückblick auf fast 40 Jahre Regiegeschichte.

I. CARMEN - als beinahe schon historisches Dokument ARTHAUS-Musik 109096 von1978

Gewandet wie ein Großadmiral steht er da, der Placido Domingo, obwohl der Don Jose doch eigentlich ein armer gequälter Hund ist, er aber dominiert mit seiner enormen Bühnenpersönlichkeit das Geschehen und singt wie ein Gott. Nur glaubt ihm keiner, dass er wegen Elena Obrastzova, die  ebenso aufgedonnert wie er, gleich einer Großherzogin statuarisch herumsteht, zum Mörder werden würde. Zwar singt sie herrlich, aber erotische Ausstrahlung hat sie nicht einen Funken. Die Bühne wird dauernd von riesigem Menschengewutzel überflutet, das Altmeister Zeffirelli gewohnt genial führt, und zeigt, wie ein Bilderbuchspanien seiner Meinung nach auszusehen hat. Und Carlos Kleiber führt den jungen Hupfern von Dirigenten vor, was aus der Carmen Musik noch alles heraus geholt werden kann, wenn man nur so genial ist wie er. Das Finale erreicht dann auch wirklich die gewaltigen Dimensionen einer großen klassischen Tragödie - nur ist das halt nicht Carmens Welt. Trotzdem oder gerade deshalb: ein ungeheuer eindrucksvolles Dokument einer vergangenen großen Opern Ära.

 

II. CARMEN - das geht schon richtig unter die Haut und zeigt echte   Charakterzeichnung.   ARTHAUS-Musik 100096 von 1991

Was sich in den 13 Jahren, die zwischen den beiden Aufnahmen liegt doch alles bewegt hat ist schon erstaunlich. Der Don Jose wird hier als wirklich geschundene Kreatur gezeigt, als eigentliches Opfer nicht nur des ausgefuchsten Luders Carmen, sondern auch der herrschenden Gesellschaftsschicht. Das ist schon ein ganz moderner Ansatz, der nur im pseudo-spanischen Kulissenzauber leider beinahe erstickt, wenn die beiden Protagonisten nicht so hinreißend agieren würden: vor allem Don Jose Luis Lima, als armer getriebener Hund, singt zwar bei weitem nicht so gut wie der Placido, ist aber eigentlich der überzeugendste Darsteller aller fünf Aufnahmen. Das erotische Feuerwerk der so ungeheuer vielseitigen Maria Ewing (vom Cherubin bis zur Salome ist sie gleichermaßen überzeugend) zündet auch heute noch. Zubin Metha dirigiert routiniert und macht nichts falsch, aber so ganz hingegeben bei der Sache scheint er mit nicht zu sein. Facit: Wegen der beiden Hauptdarsteller auch heute noch packendes Musiktheater vor schöner Spanien-Kulisse.

 

III. CARMEN – sehr traditionelle Opernregie aber in sehr modernem Bühnenbild    OPUS ARTE OA 1197D von 2006/2010

Wäre da nicht das so moderne und optisch anspruchsvolle Bühnenbild, könnte man diese Einspielung von der Regie her für gut 20 Jahre älter halten. Francesca Zambello bringt kaum Neues oder gar zeitgemäßes, vor allem das Finale scheitert schon am Kostüm der vornehm in Staatsrobe, mit Cul-de-Paris, gekleideten Carmen und erinnert eher an die Auseinandersetzung einer Großfürstin mit einem renitenten Domestiken als an ein tödliches Liebesdrama. Dabei singen und spielen Christine Rice und Bryan Hymel wirklich sehr packend und überzeugend. Der Menschenauflauf auf der Bühne erreicht vorher fast die Dimensionen des seligen Zefirellis, das ist alles sehr schön, aber was trägt es zum Handlungsablauf bei? Wer opulentes Bühnengeschehen liebt, der kommt allerdings voll auf seine Kosten. Das wirklich künstlerisch wunderbar gelungene leicht abstrakte Bühnenbild mit sehr schönen Lichteffekten hebt die Aufnahme weit aus vielen allen anderen hervor.

 

IV. CARMEN - als fesselnde Revue im Freilichttheater  OPO Z56042 von 2013

Also allein schon diese Kulisse im Hafen von Sydney vor der gewaltig lichterfunkelnden Hochhauskulisse überwältigt bis zum Schluss immer wieder. Lenkt aber auch vom eigentlichen Drama zwischen den beiden Hauptakteuren sehr ab. Allein was solls, es ist halt wirklich ein toller Hingucker, der bis zum Schluss immer wieder aufs Neue fasziniert und begeistert. Aber auch sonst wird allerhand geboten: da schweben Panzer und LKWs durch die Luft und ein bunter Chorreigen zeigt, was bei einer Freilichtaufführung alles möglich ist. Das Drama kommt dabei nicht zu kurz, denn dafür sorgen schon die beiden sehr engagierten Hauptdarsteller Rinat Shaham und Dmytro Popov. Vor allem der Tenor wagt als einziger in den 5 Aufnahmen das vorgeschriebene Piano beim „Hohen B“ am Ende der Blumenarie. Respekt, bei diesen riesigen räumlichen Dimensionen. Ob das alles aber bis zum Publikum so gut rüber kommt wie auf der DVD? Für meinem kleinen geschichtlichen Rückblick ist jedenfalls interessant, dass die Regie hier doch viel mehr an intimen Ausdrucksebenen wagt, als das in der Arena von Verona immer geschieht, wo ja viel mehr auf plakative und damit gröbere Effekte gesetzt wird. Es geht aber auch anders, wie man hier sieht. Und das macht diese DVD so spannend: als extravagante farbige Revue zum Thema Freiluft-Carmen.

V. CARMEN – mal als Beispiel für bestes modernes Regietheater Cmajor 750208 von 2011/16

Vom skandalumwehten Calixto Bieito hätte ich mir eigentlich eine Horrorinszenierung erwartet. Doch er bietet hier eine wirklich werkgerechte und spannende Regie, die unter die Haut geht. Und sie bringt die Handlung zwingend auf den Pinkt, vermeidet überflüssigen Folklorekitsch wohltuend und zeigt auch noch völlig neue, aufregende Aspekte. Nun hat er mit Beatrice Uria - Monzon aber auch eine Vollblut-Carmen, wie man sie sich nicht besser wünschen kann. Da ist jede Geste, jede Bewegung gelebt, spannend und voller Erotik. Der viel zu kultivierte Roberto Alagna macht seine Sache zwar recht gut, doch passt er zu diesem Naturereignis von Partnerin so gar nicht recht. Erwin Schrott ist nicht der lackierte reich kostümierte Opernstar, sondern ein schmieriger Schiebertyp – einfach großartig! Die Bühne als runde Sandarena konzentriert die Handlung auch optisch stimmungsvoll aufs Wesentliche. Der Chor besteht nicht aus edlen Spanierinnen sondern zeigt wirkliche Menschen, die um ihre Existenz kämpfen.

Vergleicht man diese Aufnahme nun mit der ältesten hier besprochenen, wird überdeutlich, welchen Weg die Opernregie in den fast 40 Jahren, die dazwischen liegen, gegangen ist. Man könnte beinahe meinen, es handele sich um zwei ganz verschiedene Opern.

Welche Aufnahme ich mit auf die berühmte einsame Insel nehmen würde? Sicher diese, weil sie mir bei jedem Mal immer wieder neue Aspekte aufzeigte.

27.12.2o16

 

Zweimal AIDA

einmal neu und einmal alt, und beide hochinteressant!

Der Regisseur Peter Stein hatte den lobenswerten Plan, endlich mal eine Aida ohne den ägyptischen Kunstgewerbeplunder zu inszenieren. Bei dem Label Cmajor erschien das Ganze 2015 auf DVD. Und ist unter den fast

zwei Dutzend Aidas auf DVD die einzige derartige, sieht man mal von Wilsons ebenso kraftloser wie ästhetischer Rumstehgymnastik ab. So erkannte Stein auch richtig, dass Aida kein Massenpompstück ist, sondern ein Kammerspiel für 3 bis 4 Personen. Dazu braucht es natürlich singschauspielerisch begabte sensible Darsteller. Und die hatte er beinahe auch gefunden. Was vor allem die beiden Damen an darstellerischer

Ausdrucksgewalt bieten, verdient alle Bewunderung. Aber nun kommt in der Aida ja auch ein Tenor vor. Und damit beginnt der Ärger. Was um Himmelswillen hat die Verantwortlichen nur bewogen, für solch eine Inszenierung ausgerechnet Fabio Sartori zu wählen? Außer unbeteiligt herumzustehen und völlig gleichgültig zu schauen, hat er doch nur noch seine ungeheure Leibesfülle zu bieten. Manchmal erinnert er mich an den seligen Pavarotti. Aber selbst der war geradezu ein Kammerschauspieler neben diesem Phlegma. So groß ist der Tenormangel doch wirklich nicht, dass sogar die Scala keinen Besseren auftreiben könnte. Selbst die „Holde Aida“ blieb ohne Applaus! Und das in Italien! Umso erstaunlicher dann, was zum Beispiel Anita Rachvelishvili als Amneris in dem herrlichen Duett des 4. Aktes leistet. Sie wuchtet im Alleingang eine solch dramatische Stimmung auf die Bühne, dass man den Dicken an ihrer Seite ganz vergisst. Bewundernswert. Aber auch die aparte Kristin Lewis als Aid

a füllt ihre beiden Duette im 3. und 4. Akt mit leidenschaftlicher Spannung auf. Und das ohne jede Unterstützung des wieder gleichgültig rumstehenden Tenors. Dass sich seinetwegen gleich zwei Frauen fetzen sollten, ist unvorstellbar. Amonasro (George Gagnize) und Ramfis (Matti Salminen) röhren ihre Partien mit beeindruckender Stimmgewalt, zu mehr waren sie wohl nicht in Stimmung. Zubin Metha zelebriert ungeheuer souverän und routiniert seine wohl hunderttausendste Aidavorstellung. Großartig aber auch die konzentriert stimmungsvollen aber schnörkellosen Bühnenbilder von Ferdinand Wögerbauer.

Außerordentlich ist die Entstehung der zweiten Aufnahme, die nun schon 15 Jahre alt ist und immer noch frisch und jung wirkt: zu einem Workshop hatte Carlo Bergonzi 2001 junge Sänger nach Busetto eingeladen, mit ihnen hart gearbeitet und das tolle Ergebnis der Aufführung

zum 100. Todestag Verdis als DVD bei ARTHAUS vorgelegt. Und man kommt aus dem Staunen nicht heraus! Sicher, die Stimmen sind alle noch sehr lyrisch und relativ klein. Doch das störte in dem Theaterchen mit gerade mal 380 Plätzen überhaupt nicht. Aber welche künstlerische Ausdrucksreife wurde da erreicht! Da standen die Jungen den großen Stars kaum nach, und das zeigt wieder einmal, wieviel Marketing bei mancher großen Karriere doch mit im Spiele ist. Nun singen und spielen die 4 aber auch als ob es um ihr Leben ginge, dabei sind sie noch nicht mal 25 Jahre alt. Wie die aparte Adina Aaron als Aida im Nil Akt den Radames einwickelt, das ist in keinem erotischen Kinothriller besser zu sehen. Und dieser Tenor macht auch glaubhaft, dass die Damen sich um ihn streiten. Denn Scott Piper singt nicht nur toll, wenn auch damals noch rein lyrisch, was beim dramatischen Schluss des 3. Aktes schon auffällt. Er spielt auch noch fantastisch und sieht zu allem Überfluss auch noch so aus wie einer, der Frauenherzen reihenweise brechen könnte. Die damals gerademal 23!!! Jahre alte Kate Aldrich als Amneris steht den beiden anderen nicht nach an intensivem Spiel. Natürlich hat sie z.B. für den Beginn des 4. Aktes die großen Töne noch nicht, wie sie ihre Kollegin auf der anderen Aufnahme mühelos aus ihrer Kehle holt. Ihr eindrucksvolles Singen reißt trotzdem mit. Kein Wunder, dass sie inzwischen, wie auch die anderen, an den großen Opernhäusern singt und auch auf DVDs und CDs vertreten ist. Erst neulich feierte sie als Carmen mit Jonas Kaufmann in Orange Triumphe. Und aus dem damals noch sehr lyrischen Scott Piper ist jetzt ein eindrucksvoller Otello geworden. Adina Aaron singt ihren Verdi und Puccini überall noch mit derselben erotischen Spannkraft wie damals. Giuseppe Gara hat es dagegen viel schwerer, eine solch komplexe Persönlichkeit wie den Amonasro als junger Sänger darzustellen und zu singen. Da ist die fehlende Heldenbaritonstimme halt durch noch so große Begeisterung nicht zu ersetzen. Massimiliano Stefanelli holt aus dem kleinen, meines Wissens ad hoc zusammengestelltem, Orchester alle Spannung und allen Schönklang heraus, den Verdi braucht. Man meint der Geist des Alten hätte alle an diesem Ort befeuert. Wie groß Zefirellis Verdienst an dem Wunder ist lässt sich schwer feststellen, seine erfahrene Regiehand hat sicher viel geholfen. Aber das Supertalent haben die 4 wohl schon mitgebracht. Wer das unaufdringlich schöne aber völlig traditionell gestaltete Bühnenbild entworfen hat, geht aus dem Cover nicht so klar hervor, die schicken Kostüme sind von Anna Anni.

Schwer ein Facit zu ziehen? Überhaupt nicht! Einfach beide zu kaufen. Es lohnt sich! Denn beide Aufnahmen haben ja ihre Meriten: Wer junge überrumpelnd eindrucksvolle Singschauspieler fern jeder Routine erleben will, wird von der Aufnahme bei ARTHAUS voll begeistert sein. Ich kenne keine, bei der so oft jubelnder Szenenapplaus ertönt. Und so wie der Funke auf das im Theater anwesende Publikum übergesprungen ist, springt er sogar auch noch beim Ansehen der DVD über. Und man fühlt sich wieder so jung und glücklich wie in den ersten seligen Opernjahren, als wir vor Begeisterung und Opernglück bei jedem Theaterbesuch beinahe gestorben sind und uns beim Applaus heiser gebrüllt haben. Bravo!

Die Aufnahme bei Cmajor wäre dagegen völlig konkurrenzlos als einzige, wenn auch nur halbwegs, „moderne“ Inszenierung ohne Ägyptisches Kunstgewerbekolorit. Wenn es halt das schauspielerische Tenorfiasko nicht gäbe. Sie ist dennoch die einzige Lösung auf DVD für alle, die es wenigstens etwas „moderner“ wollen. (An die neueren Aidadeutungen trauen sich die Labels wohl nicht so richtig ran, offenbar zu Recht befürchtend, dass das Aidapublikum auf sein ägyptisches Kolorit halt nicht verzichten will. Da wäre sonst zum Beispiel die in Leipzig 2008 von Peter Konwitschny wieder aufgewärmte uralte Aida von 1997 aus Meinigen/Graz zu nennen. Oder die von Gürbaca aus Zürich oder…oder...).                   1.10.2016

 

Zweimal DON GIOVANNI

Gleich zwei Volltreffer

Von manchen der ganz großen Opern gibt es leider noch nicht mal eine einzige DVD-Aufnahme, die man wirklich ehrlichen Herzens empfehlen kann. Vom Don Giovanni habe ich jetzt gleich zwei sehr interessante gefunden, und die Qual der Wahl ist groß.

Wer eine im besten Sinne klassische Inszenierung ohne modernistische Regie-Mätzchen sucht, der wird von der Opus Arte Aufnahme in der geistreichen Regie von Francesca Zambella begeistert sein. Was sie aber von ihrem Titelhelden an körperlicher Agilität verlangt, könnte wohl kein anderer als der akrobatische Simon Keenlyside leisten, der sogar senkrechte Wände im 1. Finale effektvoll hochklettert, und im Schlussbild splitternackt auftritt. Dass er rein stimmlich bei diesem körperlichen Totaleinsatz nicht auch noch eine absolute Bestleistung erbringen kann, ist ganz natürlich. Das gilt auch für seinen charmanten Diener Kyle Ketelsen, der rein darstellerisch zu den allerbesten gehört, die ich je erlebt habe, und meine Erinnerung geht bis zum legendären Erich Kunz zurück. Eric Halverson ist stimmlich ein wirklich bedrohlicher Komtur, doch die Regie unterstützt das Dämonische in der Schlussszene zu wenig, weil er viel zu tief steht, zumindest scheint es auf der DVD so. Ramon Vargas singt herrlich und was verlangt man von dem so unerträglich edlen Don Octavio schon mehr. Bei den 3 Damen wird stimmlich allererste Sahne geboten: Marina Poplavskaya ist eine schönstimmige und wie überall gewohnt sehr strenge und unnahbare Donna Anna, Joyce di Donato verkörpert die dauernd lyrisch gekränkte Elvira und bei beiden verstehe ich eigentlich nicht so ganz, was sie für den Don so reizvoll machen soll. Bei der Zerline Miah Perssons ist das schon eher nachvollziehbar. Aber das ist ja bei allen Inszenierungen so.

Zum Glücksfall wird die Aufnahme aber auch noch durch die mitreißende Art des Dirigierens von Altmeister Charles Mackerras: das blitzt und blinkt und hat doch den großen Atem. Gäbe es die zweite heute zu besprechende Aufnahme nicht, wäre die Wahl ganz leicht: diese und keine andere!

Doch auch die andere Aufnahme besticht gleich mehrfach: Erstens fährt der Regisseur Pier Luigi Rizzi ein großartiges erotisches Feuerwerk auf, das bei der Premiere sogar einigen prüden Puristen schon wieder zu viel war. Doch der Don ist ja nun mal ein leibhaftiges Erotikon, und da wäre es doch völlig unglaubhaft, wenn er nicht auch so richtig zur Sache käme. Dabei beachtet der Regisseur ja ohnehin die feine Ästhetik der Schäferspiele im Rokoko und wird nie ordinär oder gar plump. Geistreich ist das Ende des Don: er wird von vier Nackten zu Tode geliebt. Zweitens ist die Personenführung derart temperamentvoll, dass es schon eine Wonne ist, schmunzelnd und vergnügt zu erleben, wie es zum Beispiel der vor erotischer Ausstrahlung strotzende Ildebrando d’Arcangelo so treibt. Nun singt er ja auch noch beeindruckend großstimmig, wenn auch oft leider etwas zu grob. Sein Schlitzohr von Diener (Andrea Concetti) steht ihm in keiner Weise nach. Die „Registerarie“ gestaltet er sogar zu einer witzigen Lektion in der Verführung einer dann auch gar nicht mal abgeneigten Dame. Diese Elvira ist ein völlig vom Klischee abweichender Typ: temperamentvoll und explosiv. Carmela Remigo macht das ganz großartig und singt dazu auch noch leidenschaftlich. Und auch Donna Anna ist nicht der übliche strenge Nonnentyp, sondern durchaus erotischen Wesens und dem Don in der Anfangsszene recht zugetan, was von der Idee her ja nicht ganz neu ist, aber voll überzeugt. Mit Myrto Papatanasiu wurde auch hier die ideale Besetzung gefunden. Und noch ein kleines Wunder für mich: endlich mal ein Don Octavio der Temperament zeigen darf, Marlin Miller  ist dafür der richtige Sänger-Darsteller. Die Zerline von Manuela Bisceglie ist so hinreißend und unwiderstehlich, wie es sich gehört. Und Enrico Iori orgelt seinen Komtur in schönster Bassgewalt, wenn auch sein Nachthemd nicht allzu dämonisch aussieht.

Drittens und letztens befeuert der Dirigent Ricardo Frizza Mozarts Musik so hinreißend, dass die Wahl zwischen den beiden Aufnahmen wirklich schwer fällt. Da gibt es nur eine und noch dazu ganz einfache Lösung: beide kaufen! Denn zusammen ergänzen sie sich zur wirklich idealen Aufnahme.

 

Zweimal Fidelio

einmal von Beethoven und einmal von Klaus Guth

Für die Regie ist „Fidelio“ sicher eine Monsteraufgabe. Schon allein die Dialoge: Welcher Sänger kann sie überzeugend sprechen? Zumal die Texte völlig antiquiert und auch oft unerträglich naiv sind! Klaus Guth fackelte da nicht lang und ließ sie einfach weg. Darüber könnte man noch reden, aber dass dafür ein elektronisches Brummen und Murmeln ertönte, wollte zu Beethovens erhabenen Tönen überhaupt nicht passen, und so entstand beinahe eine neue Oper gleichen Namens. Zumal das Hin und Hergefahre des schwarzen Ungetüms auf der Bühne die Handlung nicht verständlicher machte. Und dann noch die modisch schicke Verdoppelung der Leonore! Mit penetranter Gestik in einer Art Taubstummensprache gab sie weitere Rätsel auf. Das hielt zwar in dauernder Spannung, was das denn nun wohl zu bedeuten habe, ist aber wirklich nichts für Opernneulinge! Dem erfahrenen Kenner jedoch boten sich wirklich interessante Assoziationen mit häufigen Aha-Erlebnissen, auch durch die dauernd wechselnden Schattenprojektionen.

Da Franz Welser-Möst wie immer spannend auf höchstem Niveau musizieren ließ und die Sängerriege optimal spielte und sang war das Ganze dann doch äußerst eindrucksvoll, und machte sogar mich bereit, einige Unsinnigkeiten halt in Gottes Namen zu akzeptieren. Adrianna Pieczonka sang wie um ihr Leben und Tomasz Koniecny bot eine interessante Spielart des Bösen, abseits aller Klischees. Hier passte sein eigenartiges Stimmtimbre auch hervorragend, besser als zum Wotan. Hans-Peter König überzeugte mit seiner herrlichen Stimme, die Regie ließ ihm aber im Habitus eines Großkonsuls mit Spazierstock keine Chance, irgendwie ein glaubwürdiger Kerkermeister zu sein. Ja und Jonas Kaufmann spielte mit Hingabe wieder mal, wie schon in Guths Lohengrin, einen Epileptiker, der zuckend am Boden liegend, Angst vor dem Jubel hat und prompt zum Schluss stirbt, was so gar nicht zur Musik Beethovens passen will.

Da Jonas Kaufmann auch in der 11 Jahre älteren Aufnahme aus Zürich den Florestan singt, sind interessante Vergleiche möglich. Seine Stimme setzt er jetzt total abgedunkelt im Stile des unseligen Mario del Monacos ein, so dass man den Eindruck hat, ein Bariton singe. Zur Klangbalance der Aufführung trägt das nicht unbedingt bei. Bewundernswert aber ist seine Fähigkeit, dennoch herrliche Pianotöne zu erzeugen, was dem Italiener ja nicht gegeben war. Rein stimmlich gefällt mit der frühere Jonas Kaufmann, als er noch wie ein Tenor klang, viel besser. Flimms Inszenierung ist vergleichsweise frei von Regiemätzchen und erzählt das Geschehen gut verständlich und sinnvoll. Jedes Kind könnte da der Handlung folgen, und so sollte es ja auch sein. Trotzdem: spannender, wenn auch häufig recht unverständlich, das sei eingeräumt, ist Guths Inszenierung. Zumal Hornoncourt in großer Ruhe alle Details herausarbeitet, aber nicht gerade mitreißend flott und packend   spielen lässt. Camilla Nielund ist meine Lieblings-Leonore, da bin ich voreingenommen. Alfred Muff ist der denkbar gemütlichste Pizarro, so stellt man sich eigentlich den Rocco vor, der wiederum mit Laszlo Polgar fast zu interessant besetzt ist. Und Günther Groissböck als Ministers ist purer Luxus, eigentlich nicht zu toppen, wenn da die andere Aufnahme nicht Sebastian Holocek aufweisen könnte.

Nun fällt die Wahl zwischen den beiden Fidelios diesmal nicht allzu schwer: wer Beethoven pur will trifft mit der Arthaus DVD wirklich eine hervorragende Wahl. Wer aber Fidelio schon in- und auswendig kennt und sich auch mal über ein Regie Detail aufregen will, den wird die Sony Aufnahme als wirklich spannende Neuschöpfung begeistern.     

 

Zweimal TRISTAN UND ISOLDE

WAGNER: „Waltraud Meier und Isolde“

Drei Aufnahmen des „Tristan“ mit Waltraud Meier gibt es auf DVDs und alle drei kranken letzten Endes an der Regie. Von der Bayreuther sagte sie selbst, dass Heiner Müller weder die Musik noch sein Handwerk verstand und in der Mailänder hat sie ja nun leider diese hässliche Blutspur dauernd entstellend quer im Gesicht. Ich habe überhaupt nichts gegen das sogenannte Regietheater, so lange das Werk im Vordergrund steht und nicht ein Regisseur meint, es besser zu können als ein Jahrtausendgenie wie Richard Wagner. Bei der DVD Aufnahme von 1999 aus München hat nun ein gnädiger Kameramann den Regieunsinn optisch weitgehend ausgespart und dafür Waltraud Meiers geniale Interpretation in den Vordergrund gestellt. Das mag zwar ungerecht den anderen Sängern gegenüber erscheinen, entspricht aber voll der Singularität ihrer Darbietung. Allein schon zu sehen, wie sich das ganze gewaltige Drama in ihrem Gesicht wiederspiegelt, ist den Kauf dieser DVDs wert.

Dabei werden die Regiemätzchen Konwitschnys mit dem albernen weißen Dampfer und den Longdrinks mit bunten Schirmchen dankenswerter Weise ebenso ausgeblendet, wie das knallgelbe Ikea Sofa, das Tristan im 2. Aufzug hinter sich herschleppen muss. Das alles existiert neben dieser Rollenfaszination einfach überhaupt nicht mehr, hat keine Bedeutung. Hier singt und spielt eine Ausnahmesängerin um ihr Leben, um ihre Liebe um ihren Tod. Um einen dabei völlig mitzureißen, dazu müsste sie noch nicht einmal diese großartige Stimme haben. Ihre Ausstrahlung allein genügt schon. Ich gebe ja zu, dass ich von Waltraud Meier fasziniert bin, schon seit ich die blutjunge Sängerin vor vielen Jahren in Würzburg als „Stimme der Mutter“ in Hoffmanns Erzählungen zum ersten Mal erlebte. Das wird eine Weltkarriere, so war mir sofort klar. Umso kritischer höre ich bei ihr aber deshalb immer wieder zu, um einen akzeptablen Rest von Objektivität zu behalten.

Bei den neueren Aufnahmen kommt ihr im mitreißenden Ausdruck höchstens noch Evelyn Herlitzius gleich. Sie wird aber von Katherina Wagners Inszenierung, beinahe in Ihrer Leistung gekillt, so wie alle anderen ja auch, die da mitwirken müssen. Nur Wagners Musik überlebte diesen inszenatorischen Amoklauf knapp.

Umso erfreulicher also, dass es diese Aufnahme noch gibt.

 Es gibt aber noch zwei andere Gründe, um diese Aufnahme gerade jetzt zu besprechen, nämlich weil Waltraud Meier eben ihr 40. Bühnenjubiläum hat und sie die Isolde jetzt ja nicht mehr singen will. Gott sei Dank bleibt sie uns wenigstens auf diese Weise erhalten.

Neben der schon legendären Aufzeichnung aus Bayreuth von 1991 in der wunderschönen Inszenierung von Ponelle ist diese wohl rein optisch die schönste, die es gibt. Alle Ästheten, die von der Schönheit einer Szene gerne überwältigt werden wollen, müssen einfach begeistert sein. Dabei, und das ist wichtig, dient die Schönheit hier voll dem Gesamt-Ausdruck und ist keineswegs langweiliger Selbstzweck. Allein schon um das herrlich tiefe Blau im Bühnenbild des 2. Akts und beim Liebestod zu sehen, würde sich der Kauf lohnen. Der Bühnenbildner Roland Aeschlimann hat da ganz große Maßstäbe gesetzt. Und die riesige bühnenfüllende Spirale als farbig immer wieder neu erstrahlendes

Einheitsbühnenbild realisiert Wagners Ideal-Vorstellung von der Einheit des Raumes ganz wunderbar. Zum Glücksfall aber wird diese Einspielung, weil sie auch noch musikalisch zu den Besten am Markt gehört. Dafür sorgt der Dirigent Jiri Belohlavek ebenso, wie die durchwegs hervorragende Besetzung. Die jugendlich strahlende Nina Stemme begeistert als Isolde ebenso, wie der mit enorm heldischen Material auftrumpfende Robert Gambill als Tristan, der vielleicht nicht die allerschönste Stimme hat, aber sehr ausdrucksvoll singt, was für diese anspruchsvolle Riesenpartie ohnehin wichtiger ist. Boje Skovhus als stimmstark treuer Kurwenal und Rene Pape als  verzweifelt klagender, enttäuschter Marke, ergänzen das Meisterquartett, das durch Katarina Karneus zum überzeugenden Solistenquintett wird. Der erfahrene Regisseur Nikolaus Lehnhoff ist bekannt für sein Understatement auf der Bühne, was sich wohltuend von all dem aufgeregten und doch oft nichtssagenden Gehample unterscheidet, das so mancher seiner neumodischen Kollegen von seinen Sängern verlangt. Welcher Regisseur begreift heute wohl überhaupt noch die gigantische Leistung, die allein schon das reine Singen solcher Monsterpartien darstellt?

Die Kassette enthält neben der Gesamtaufnahme, übrigens luxuriös gleich auf 3 DVDs Akte weise verteilt, auch noch eine Zugabe: Richard Trimborns musikwissenschaftliche Darlegungen zum Werk, die auch sehr erfahrenen Zuschauern noch viel Neues bringt!

Vergleicht man diese Einspielung, die immerhin schon aus dem Jahr 2008 stammt, mal nur rein szenisch, mit der neuesten von 2015 aus Bayreuth, beweist sich überdeutlich die alte Binsenweisheit, dass das Neue bei weitem nicht immer das Bessere ist.                                                                               

                                                

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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