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Gala-Konzert in der Essener Philharmonie am 4. Juni 2017

GRAND OPERA - BELCANTO DRAMMATICO

Diana Damrau, Sopran & Nicolas Testé, Bassbariton

PKF – Prague Philharmonia & Emmanuel Villaume, Dirigent

 

Ouvertüre zu "Les Huguenots" (Meyerbeer)

"Nobles seigneurs, salut!" Arie des Urbain "Les Huguenots" (Meyerbeer)

"Ombre légère" Arie der Dinorah aus "Dinorah" (Meyerbeer)

Ouvertüre zu "Romeo und Julia" (Gounod)

"Épouse quelque brave fille" Arie des Grieux aus "Manon" Massenet)

"Sulla rupe, triste, sola" Arie der Emma "Emma di Resburgo" (Meyerbeer)

"Lebewohl, geliebte Schwester" Arie der Vielka "Ein Feldlager in Schlesien"

"Mögst Du, mein Kind" Daland aus "Der fliegende Holländer" (Wagner)

"Tanz der Stunden" aus "La Gioconda" (Ponchielli)

 "Sì, morir ella dè" Arie des Alvise Badoero aus "La Gioconda" (Ponchielli)

"Mercè dilette amiche" Arie der Elena aus "I vespri siciliani"(Verdi)

"Bess, you is my woman now" Duett "Porgy and Bess" (Gershwin)

 

Jakob Liebmann Meyerbeer, einer der bekanntesten Komponisten des 19. Jahrhunderts, war Deutscher; geboren in Tasdorf, dem damaligen Kurfürstentum Mark Brandenburg. Daher finden sich in seinem Repertoire auch richtig urdeutsche Opern. Grand Opèras waren das zwar noch nicht, aber immerhin schöne Singspiele. Man sucht das Werk "Ein Feldlager in Schlesien" auf unseren hochsubventionierten Opernbühnen weiterhin vergeblich, daher war es wunderbar, daß Diana Damrau die Kernarie "Lebewohl, geliebte Schwester" auf ihrer neuen CD präsentiert und natürlich auch im "Werbe"-Konzert für diese Silberscheibe mit Meyerbeer-Arien.

Die hochsympathische Künstlerin spricht oft über die Ohrwurmqualität von Meyerbeer. "Er schreibt unglaublich schöne Melodien..." Wer das fabelhafte Konzert gestern verpasst hat, sollte sich unbedingt die CD zulegen. Und wer sich ein Bild von diesem tollen und dabei völlig natürlich gebliebenen Weltstar machen möchte, dem sei das WDR-Interview empfohlen, wo sie ausgiebig über ihre Liebe zum großen Komponisten Meyerbeer spricht.

Daß sie, auch im Konzert in Essen, Werke vorstellt, die nicht unbedingt im Mainstream liegen, wie "Emma di Resburgo" oder "Dinorah", ist ein besonderer Verdienst und kann nicht hoch genug gelobt werden. Beeindruckend ist ihre unglaubliche Bühnenpräsenz, wobei sie - ganz im Gegensatz zu z.B. der Bartoli - bei aller Wirbelei in Bewegung, Mimik und Gestik immer natürlich wirkt und nichts affektiert rüber kommt. So ist sie halt. Sie kann nicht still stehen bei fröhlicher Musik; da ist sie ganz die Musiktheaterdarstellerin, wie wir sie alle lieben.

Das ist keine Pausenclown-Artistik, sondern kommt aus der Seele. Und wenn sie einen langen Ton hält und dabei gleich mehrfache Pirouetten dreht, dann zeigt sie sich als echte Bravour-Künstlerin allererster Güte.

Über ihre einmalige Sopranstimme, die nicht nur von besonderer Ausdruckskraft und Virtuosität ist, sondern die auch geradezu artistische Kehlkopfakrobatik beinhaltet und hochschwierige Partien mit scheinbar göttlicher Leichtigkeit bewältigt, braucht man keine weiteren Worte zu verlieren. Typisch für ihre hohe Gesangskultur ist die Zugabe aus der Oper Robert le Diable "toi que j'aime", die - wie sie erläutert - ihr eine besondere Herzensangelegenheit ist und sie sich immer besonders freut diese noch als Zugabe präsentieren zu dürfen, da das Stück häufig auf der Opernbühne (Anmerkung der Redaktion: Wenn es überhaupt noch aufgeführt wird!) gestrichen würde. Hören Sie, verehrte Opernfreunde mal herein, dann wissen Sie warum ;-)...

Last but not least sollte auch ihre Ehemann Nicolas Testé nicht unerwähnt bleiben, der trotz Indisposition (man hatte daher den Programmablauf komplett geändert) noch bewies, daß er nicht nur als Ehemann des Weltstars zu beachten ist, sondern selber zu dieser Kategorie gezählt werden muß. Ihm wäre ein separater Gala-Abend zu gönnen.

Emmanuel Villaume leitet die Prague Philharmonia sängerfreundlich bei den Arien, in den Konzerstücken dagegen dominierte überwiegend Fortissimo; immerhin gelingt ihm mit dem Orchester im "Tanz der Stunden" doch eine gewisse Straussche Polka-Seligkeit, so daß sich das Orchester unbedingt für ein Silvesterkonzert durchaus anbieten würde. Wie man auf dem unteren Foto sieht, eine durchaus fröhliche Truppe mit Temperament.

Die obligate Autogrammstunde nach Konzerten dieser Art versteht sich von selbst und sorgte immerhin dafür, daß man nicht nur im Ohr schöne Musik mit auf den Heimweg nahm, sondern im Auto die große Diana Damrau noch eine Weile weiterhören konnte.

Bilder (c) nicolasteste.com / www.pkf.cz / www.emmanuelvillaume.com/

Peter Bilsing 6.6.2017

Die CD haben wir auf unserer Plattenseite besprochen

 

 

 

 

 

Konzert am 2.6.2017 in der Essener Philharmonie

Star Wars - Sternenmusik-Gala

Scott Lawton, Dirigent

Knut Elstermann, Moderation

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Gustav Holst "Mars" aus der Suite "Die Planeten"

James Horner - "Apollo 13"

Trevor Rabin - "Armageddon"

Tyler Bates - "Guardians of the Galaxy"

Daniel Elfman - "Men in Black"

David Arnold - "Independance Day"

Peter Thomas - "Raumschiff Orion"

John Williams - "E.T.- Der Außerirdische"

Richard Strauss - "Also sprach Zarathustra"

Jerry Goldsmith -"Alien – Das unheimliche Wesen aus einer fremden Welt"

Jerry Goldsmith - "Star Trek - Der Film"

David Arnold - "Stargate"

Stu Phillips - "Battleship Galactica"

John Williams - "Die Unheimliche Begegnung der dritten Art"

John Williams - Musik-Collage aus "Star Wars"

 

Das Deutsche Filmorchester Babelsberg gehört mit seinen 100 Jahren zu den ältesten Orchestern Deutschland. In seinen Kindertagen untermalte das 1918 gegründete UFA Sinfonieorchester schon Stummfilme wie Fritz Langs "Metropolis" (1926), Robert Wienes "Das Kabinett des Dr. Caligari" (1920) oder Walter Ruttmanns "Berlin - Die Sinfonie der Großstadt" (1927) musikalisch. Filme, die heute noch in diversen Konzertsälen regelmäßig mit Live-Orchestern aufgeführt werden.

Nach der deutschen Wiedervereinigung gingen 1993 das DEFA-Sinfonieorchester und das Radio Berlin Tanzorchester unter Klaus Peter Beyer zusammen im – unter dem heutigen Namen Deutsches Filmorchester Babelsberg (DFOB) firmierenden. 2007 bezog das Orchester neue Räumlichkeiten für Proben und Verwaltung sowie Studios für Aufnahmen auf dem historischen Filmgelände des Studio Babelsberg. Heute firmiert es nach einer wechselvollen Geschichte als Deutsches Filmorchester Babelsberg (DFOB) und ist nicht nur in zahllosen Kino- und Fernsehproduktionen zu hören, sondern auch mit diversen Konzertprojekten regelmäßig auf Tournee. Man spielt sinfonische Konzerte, Opernprojekte und Crossover-Programme. Im Bereich Film und Fernsehen wurden über 220 Filmmusikproduktionen wie Die Apothekerin, Solo für Klarinette, Otto – Der Katastrophenfilm, Der Tanz mit dem Teufel, The Musketeer, Lauras Stern, 7 Zwerge – Männer allein im Wald oder Der Clown – Payday in den eigenen Studios produziert und eingespielt.

Mit Knuth Elstermann hatte man einen hochkompetenten Fachmann und Moderator zur Hand, der mit Witz, Charme und Wissen durch den Abend führte und der die bald 2000 Zuhörer in der ausverkauften Philharmonie Essen blendend in die Filme und ihre Musik einführte, daß er sich dabei selber als großer John Williams Fan outete ("Williams war quasi der Gott der Filmmusik") ehrt ihn besonders; ich würde da gerne noch Howard Shore, Bernhard Herrmann, Hans Zimmer, Elmer Bernstein, Alex North, Nino Rota und Miklos Rosa hinzu fügen, aber die haben natürlich kaum Musik zu berühmten Sci-Fi-Filmen geschrieben; und Henry Mancini oder Ennio Morricone erst recht nicht...

Die didaktische Planung und Präsentation war perfekt. So wohl der erste Teil, als auch nach der Pause startet man mit einem originalen Klassiker. Immerhin schon 1915 gab es die Planeten-Suite von Gustav Holst. Der Satz Mars - der Kriegbringer wurde dabei zur Basis fast aller neueren Science Fiction Filme. Fast notengetreu flossen die Noten z.B. in den Star Wars Marsch ein. Aber auch andere klassische Komponisten, wie u.a. Wagner oder Strauß waren Vorbilder für die späteren Filmmusikklassiker. Mit der Fanfare aus Also sprach Zarathustra begann folgerichtig auch der zweite Teil des Abends; ihn hatte Stanley Kubrick als Kernthema für seinen Klassiker "2001" immerhin originalgetreu übernommen.

Hinter dem Orchester war eine riesige Filmleinwand aufgespannt, wo man zu jedem Stück erst immer das Filmposter und dann 2-3 Original Szenenbilder projizierte. Eine perfekte und aussagekräftige Auswahl, sehr schön gemacht. Hier hatte sich jemand wirklich Gedanken gemacht und so untermalte diese reduzierte Bebilderung die einzelnen Filmmusiken auf Feinste.

Wenn ein großes Orchester mit 16-facher Bläserbesetzung auftritt, dann toppt das nicht nur manch alte Karajan-Aufnahme aus den 60-ern, sondern lässt auch die oft fanfarenartig gestalteten hehren Leitmotive geradezu himmlisch golden erstrahlen. Was für ein Klangbild!

Scott Lawton, der seit 2004 das Orchester leitet, nahm man das Dirigat als eine echte fröhliche Herzensangelegenheit ab. Seine fulminanten Einsätze puschten das Orchester regelrecht vorwärts; hohe tempi ohne Qualitätseinbußen. Trotz enormer Lautstärke blieb aber immer noch das KLangbild der einzelnen Solisten durchhörbar. Da keine Sänger vorhanden, konnte man sie auch nicht musikalisch erschlagen.

Die Begeisterung der Zuschauer kannte, wie schon bei einem ähnlichen Filmmusikkonzert sechs Wochen vorher ebenfalls in der Philharmonie mit den Gelsenkirchnern unter Baumann (Der Opernfreund berichteten ausführlich), keine Grenzen. Auch dienen solche Konzerte natürlich ganz hervorragend dazu junge Menschen, die bisher mit Klassik wenig am Hut hatten, nicht nur in dieses Genre leichtfüßig einzuführen, sondern auch eventuell lebenslang zu begeistern.

Mir - als alten Gruftie von Filmmusikfan - jedenfalls ging das Herz auf bei diesem grandiosen Konzert, vor allem bei Peter Thomas Raumpatrouillen-Thema (auch ohne Hammond Orgel ;-). Immerhin hatte der Rezensent 1966 diese erste deutsche Science-Fiction Serie noch als 13-Jähriger mit gigantischem Herzklopfen und ungemein beeindruckender Hochspannung im damaligen schwarz-weiss-TV (es nur zwei Programme) erlebt. Neben den Krimiserien von Fancis Durbridge war diese Staffel in sieben Teilen ein regelrechter Straßenfeger; und wenn man heute die simple Machart - mit Bügeleisen, Vorhängen und Duschutensilien - sieht, wirkt das augesprochen komisch, aber es ist Kult und gemahnt den heutigen Filmkenner an urige historische Beispiele wie Plan 9 from outer Space vom grottigsten Filmemacher aller Zeiten Ed Wood.

Fazit dieses Wahnsinns-Abends: Bitte, bitte demnächst unbedingt mehr! Ein Essener Publikum jedweden Alters und mit großem Herzen, ist jedenfalls nachweislich und lautstark vorhanden. Dank an alle Beteiligten!

Bilder (c) DFOB / Defa-Stiftung.de

Peter Bilsing 6.6.2017

 

 

Toronto Symphony Orchestra

Dirigent: Peter Oundjian / Solist: Jan Lisiecky

Pro Arte Konzert in der Essener Philharmonie am 21. Mai 2017

 

Morawetz - Carnival Overture

Schumann - Klavierkonzert a-moll

Rimski-Korsakoffs - Scheherazade

Zugaben:

Valse Triste (Sibelius)

Enigma Variationen - Nr. 9 Nimrod (Elgar)

 

Hand aufs Herz, verehrte Konzertgänger, wer von Ihnen kennt Oskar Morawetz?

Immerhin war er einer der führenden und am häufigsten aufgeführten kanadischen Komponisten. Er entstammte einer tschechisch-jüdischen Familie, was sein Schicksal bestimmen sollte. Immerhin wurde er vom großen George Szell, 1936 schon mit gerade einmal 19 Jahren als Kapellmeister an die Staatsoper Prag geholt. Später floh er nach diversen abenteuerlichen Fluchtversuchen von Paris aus nach Kanada.

Ein großer Komponist und ein weiteres Opfer der NS-Diktatur, dessen "verbrannte Noten" unseliger Weise bei uns immer noch höchst selten gespielt werden. Daher erst einmal großes Lob und Respekt dem großen Toronto Symphony Orchestra, daß man die Musik eines Landsmannes mitbringt auf Deutschland-Tournee. Keine Selbstverständlichkeit, wenn man beobachtet, daß französische Spitzenorchester in Deutschland kaum französische Musik spielen, oder die "Big Five" - die ja alle in den letzten Jahren in der Essener Philharmonie zu erleben waren - nicht ein Stück von amerikanischen Komponisten auf dem Programm hatten.

Das Schöne an Morawetz ist, daß er als Komponist ohrengenehm hörbar ist, also auf modernistischen Zwölfton oder unangenehme bis publikumsfeindliche avantgardistische Kompositionsstile des 20. Jahrhunderts fast vollends verzichtet. Seine Musik ist farbenreich, fantasievoll und von angenehm zu rezipierender Vitalität. Von seinen 120 Werken gilt es die meisten noch immer zu entdecken. Da möchte man den Programmplanern der mit Millionen von Steuergeldern subventionierten Städtischen Sinfoniekonzerte zurufen: "Auf, auf und auf...!!" Und dass mit Pro Arte gerade ein privater Konzertveranstalter diesen Komponisten bringt, ist ein nicht hoch genug zu bewertender Verdienst um die Musik. Bravo!

Natürlich muß man auch Publikum anziehen und besondere Stars bieten. Zu denen gehört der kanadische junge sympathisch zurückhaltende Weltstar Jan Lisiecki. Der gerade einmal 32-Jährige gilt als echter Shooting Star der Klavier-Szene. Und was er kann, was letztendlich große Piano Forte Kultur bedeutet, wird gerade im Vergleich mit der in etwas gleichaltrigen Superstar-Klassik-Popikone Yuja Wang, die eine Woche vorher sich in Essen präsentierte, hör- und erfahrbar. Dort Tastenakrobatik und Cirzensik auf der Klaviatur, heuer bei Lisiecki Tiefgang und große Kunst, auch wenn man mit Schumanns Allerweltkonzert (a-moll) sicherlich das dritt-meistgespielt Klavierkonzert offerierte (Anmerkung: Platz eins und zwei halten immer noch Grieg und Tschaikowsky ;-). Auch schön, daß Lisiecki eine Fangemeinde hat, die nicht nach dem Konzert fluchtartig die Philharmonie verlässt und sich für die weitere Musik keinen Deut mehr interessiert, sondern man blieb noch für die schönste Film-Musik aller Zeiten: Nikolai Rimski-Korsakoffs prachtvolle  "Scheherazade".

Hier zeigte sich, daß eben dieses Toronter Orchester keinen Vergleich mit den absoluten Weltklasse-Orchestern zu scheuen braucht; seien es die Londoner, die schon angesprochenen Amerikaner, die Wiener oder die Berliner - die wir ja alle in den letzten zwei Jahren in Essen auf Stippvisite hatten. Goldene Bläser, betörende Streicher und fabelhafte Holzbläser ließen unter der begnadeten Leitung ihres seit 2004 agierenden Music Directors Peter Oundjian

eine orientalische Welt erblühen, wie man sie sich schöner nicht vorstellen kann. Was für ein musikalischer Märchentraum! Versteht sich, daß man einen Concertmaster (Jonathan Crow) hatte, der seiner Guaneri (oder war es eine Stradivari?) auf ätherischen Höhen geradezu himmlische Töne entlockte. Eine grandiose Interpretation.

Schade, daß um 22 h (Ende des offiziellen Konzerts nach Inhaltsangabe) nicht wenige Zuhörer zu ihren Bussen, Bahnen und Parkhäusern stürmten, denn diese verpassten eigentlich eine weitere Krönung des Abends, nämlich jenen geradezu fabulös gespielten "Valse triste" von Sibelius. Der Jubel des Restpublikums war so groß, daß man noch eine zweite Zugabe offerierte: die Enigma Variation Nr.9 Nimrod von Elgar. Eine Stück Musik, welches nicht nur zu den großen Raritäten, sondern auch zu den Schönsten gezählt werden muß.

Schöner und erfüllender konnte der Saisonabschluß der Pro Arte Konzertreihe in Essen nicht ausfallen. Ein großer Abend und eines der besten Konzerte in der Essener Philharmonie überhaupt in dieser Saison.

Peter Bilsing 30.5.2017

Bilder (c) Pro Arte / www.tso.ca / oscarmorawetz.com

 

P.S. Bitte hören Sie einmal in Oskar Morawetz hinein

Carnival Ouvertüre

Symphony Nr.2

Fantasy in D Minor

 

 

Rossini & Resphighi als Maß der Dinge italienischer konzertanter Klassik

und ein weiblicher Paganini auf dem Piano Forte

Konzert am 13. Mai 2017 in der Essener Philharmonie

 

Sir Antonio Pappano feat. Yuja Wang / Klavier

Orchestra dell’Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Sir Antonio Pappano, Dirigent

 

Gioacchino Rossini Ouvertüre zu "Le siège de Corinthe"

Pjotr I. Tschaikowski Konzert Nr. 1 b-Moll für Klavier und Orchester, op. 23

Ottorino Respighi "Fontane di Roma" & "Pini di Roma" – Sinfonische Dichtung

Zugaben: Carmen Variationen für Klavier / Valse Triste / Ouvertüre zu Wilhelm Tell

 

50 Years ago (Vorwort 1)

Gelegentlich muß auch der Musikkritiker einmal etwas ausholen und darf in diesem Fall ausnahmsweise Privates hinzufügen, denn es war vor 50 Jahren, daß ich zu meinem 14. Geburtstag meine erste klassische Platte geschenkt bekam.

"Pini di Roma" von einem, mir damals völlig unbekannten, Komponisten namens Ottorino Resphighi. Gewünscht hatte ich mir eigentlich "Deep Purple in Rock". Dieses Album wurde mir dann von meiner Mutter aber in Aussicht gestellt, sollte ich es schaffen diese Klassikscheibe dreimal durchzuhören. Um es gleich vorweg zunehmen, ich habe das Stück, zum Leidwesen unserer Nachbarn, schon im ersten Jahr über 100-mal gehört und wurde zum absoluten Resphighi-Fan.

Was für fantastische Musik, was für eine naturalistisch anmutende Bildmalerei, die wie grandiose Filmmusik auf mich einwirkte; und in der Lautstärke übertraf das Finale meine heißgeliebten Deep Purple noch um einiges. Daß ich es heute - endlich! - zu meinem 64. Geburtstag in einer orchestralen Perfektion und Grandezza Wiederhören durfte, die ich nach langer Musikkritiker-Karriere nun das gestrige Konzert als "wirklich maßstabsetzende Interpretation" bezeichnen würde, gehört zu den ganz großen Glücksfällen im Leben.

50 Years ago (Vorwort 2)

Es gibt allerdings noch einen zweiten Grund, warum ich diese 50 Jahre zurückspringe, denn damals wurde ich zum Jerry-Cotton-Fan. Nein, verehrte Opernfreunde, nicht "de bello Gallico" oder "Faust", sondern die wunderbaren Groschenheftchen verschlang ich zum Leidwesen meiner Deutsch- und Lateinlehrer massenhaft und erweiterte damals meinen Wortschatz, zumindest umgangssprachlich, gewaltig. Warum ich das erzähle, liegt am weiblichen Pianostar des gestrigen Abends, deren fabulöse Piano Forte Bearbeitung und computerexakte, geradezu zirzensisch anmutende Tastenperfektion mich nicht so beeindruckte (im Gegensatz zum Publikum), wie ihr Kleid. Und da zitiere ich am besten Jerry Cotton, wo sich in Band 102 "Der Satan mischt die Karten" folgender Satz findet:

"Sie trug ein schwarzes, quasi Nichts von rückenfreiem Minikleid zu ihren hochhackigen Kothurnen-Schuhen mit furchteinflößenden Stilettos; ein Kleid, dessen Stoffmenge dem eines Paars edler Damenseidenhandschuhe entnommen sein könnte, und welches mehr zeigte als es verbarg. Ich hätte es, in seiner seidigen Luftigkeit, ohne weiteres in meiner linken Faust locker verbergen können."

Jenes mehr als zarte Persönchen, die das Kleid trug, heißt Yuja Wang. Und ihr gelang das Wunder, daß der Rezensent auch das abgefahrendste Concerto Populare - jenes unvermeidliche Erste Klavierkonzert von Pjotr I. Tschaikowski - welches ich grob geschätzt im letzten halben Jahrhundert gefühlte 34567 Mal hören musste, mit herzattackösem Puls und lebensbedrohlichem Blutdruck nervös auf der Stuhlkante sitzend wahr nahm ohne einzuschlafen. Das heute bei jungen Menschen so populäre Wort "Wow", "geil" oder "Bombe" trifft weder ihre Art zu spielen, noch ihre Optik auch nur ansatzweise... ;-))))

13. Mai 2017 - Today

Wie aus einem Manga entsprungen erscheint die 30-jährige Chinesin Yuja Wang, die eher wirkt wie jene 14-Jährige Cho Cho San, die sich Puccini als Heldin seiner Oper Madama Butterfly eigentlich vorgestellt hatte; nämlich zart und unschuldig wie ein Schmetterling. Geboren in Peking und aufgewachsen in Kanada, gewann Wang schon früh viele Preise und spielte bald mit den besten Orchestern dieser Welt - dabei tauchen in ihrer jungen Biografie nicht nur die "Big Five" Amerikas auf, sondern auch die Top Europeans wie LSO, Concertgebouw, die Berliner wie die Münchner und natürlich das Orchestre de Paris. Wer in solchen Orchestern auftritt, arbeitet - quasi zwangsläufig - mit Größen wie Dutoit, Tilson-Thomas, Abbado oder Dudamel. Im Januar 2009 unterzeichnete Wang einen Vertrag mit der Deutschen Grammophon - mit wem sonst bei dieser Optik... Die daraus folgenden Grammy Awards erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.

Natürlich gibt es an ihrer absoluten Perfektion nichts zu kritisieren, eher schon an ihrer musikalischen Tiefe und dem künstlerisch Subkutanen. Aus den Untiefen der russischen Seele kam dieser Tschaikowsky nicht daher, sondern man könnte eher von einem luftig leichten, fast italianita-angehauchten Russen sprechen. Egal wie, was und wo - bar aller Empfindungen des bärbeißigen Kritikers und seiner unentwegten Suche nach musikalischer Tiefe - die Fans waren hypertroph begeistert - auch von den Carmen-Zugaben, die von Tempo und Artistik schon beinah außerirdisch wirkten. Ein weiblicher Paganini auf dem Piano Forte. Dem Einwurf meiner Nachbarin, die abschätzig von "Kunstgewerbe" bei dieser populistischen Zugabe sprach, muß ich mit Händen und Füßen widersprechen. Anzumerken wäre noch, daß die Wangs Fans so begeistert waren, daß man schon nach dem ersten Satz dermaßen applaudierten, als sei das Konzert zu Ende. Und nach dem Ende des dritten Satzes (Anmerkung: dem tatsächlichen ! Ende des Klavierstücks!!) mit multiplen Klatschmärschen - eben jene Zugaben einforderten.

Daß eine dermaßene Fanbegeisterung nun darin münden würde, daß wahre Fans und Musikkenner in hehren Scharen schon in der Pause das tolle Konzert verlassen, und somit den Höhepunkt des Abends, nämlich einen geradezu göttlich gespielten Resphighi verpassten, verwundert den Musikfreund nun doch ein wenig. Na immerhin klatsche fortan niemand mehr in den Sätzen rein...

Sir Antonio Pappano

gehört für mich nicht nur zu den besten, sondern auch sympathischsten Dirigenten unserer Zeit. So nahm er sich die Muße, schon eine halbe Stunde vor offiziellem Beginn des Konzertes, das interessierte Publikum einzuladen und mit Konzertbeispielen selber am Klavier und in accompagnata fünfer tolle Solisten eine quasi Einführung ins Werk des leider nicht nur bei uns viel zu wenig gespielten Genius´ Ottorino Resphighi zu geben.

In charmanten Deutsch erläuterte er im Gespräch mit dem Moderator Christoph Vratz die anstehende Musik. Pappano vermittelte eindrucksvoll und mit plausiblen Musikbeispielen, warum ihm gerade Resphighi so am Herzen liege. "In Italien kennt man kaum sinfonischen Konzerte, da gilt es nur und allein der Oper." Er sprach über Resphighis lautmalerische Nähe zur Natur und Roms im Besonderen. Resphighi als ein "italienischer Debussy", aber immer dem Geist des Spätromantik - sogar eines Strauß´ - verpflichtet; doch hört man aber auch moderne Anklänge eines zurückhaltenden Eklektizismus, wie bei Olivier Messiaen. Mitten im Stück der Fontana di Roma erklingt originaler Nachtigallengesang vom Band. Später spürt man regelrecht die römischen Truppen die Via Appia entlang marschieren. Pappano ist nicht nur ein Maestro seines Faches, sondern man merkt, wie ihm gerade die Vermittlung von Wissen über nicht so Bekanntes eine Herzensangelegenheit ist.

Orchestra dell’ Accademia Nazionale di Santa Cecilia

Wenn das seit über 100 Jahren traditionsreichste erste Orchester Italiens sein einziges (!) Deutschlandkonzert in der Essener Philharmonie gibt, dann ist das an sich schon eine Auszeichnung für das Haus. Wenn man dann mit einer schon ans fast Göttliche heranreichenden Interpretation auch noch einen Rossini und den raren Resphighi dermaßen faszinierend glänzen lässt, dann ist das ein Ereignis. Egal ob wir vom goldenen Blech sprechen, den faszinierend perfekten Holzbläsern oder einem Streicher-Corpus, das uns in seiner Italianita förmlich dahin schmelzen lässt. Hier spielt ein Orchester mit einer Perfektion und einer urtümlichen italienischen römischen Seele, daß es wahrscheinlich sowohl Rossini wie Resphighi im Komponistenhimmel - den es ganz bestimmt gibt ;-) - hat frohlocken lassen. Sie werden gejubelt haben über die Präzision, die feurigen Tempi, die begnadeten Einsätze und das Fließen der Musik in einer Vollendung, die überwältigt. Ein Konzertabend, den man in sein Herz sofort und für immer einschließt, und welcher das Seelenheil, nicht nur des Kritikers, in höchsten Gefilden schweben ließ.

Ein Abend, den man nicht vergessen wird. Die KUNST DES HÖRENS wurde in aller, schon fast himmlischer Perfektion, erlebt. Kann man besser große Musik neu erleben? Nein, daher an alle: mille gratie! ;-) !

(c) yujawang.com / Orchestra Santa Cecilia

Peter Bilsing 14.5.2017

 

P.S. Hier gibt es eine wunderbare Bebilderung 

Interpretation Muti & das Philadelphia Orchestra

 

 

Dazu natürlich unser OPERNFREUND Platten Tipp

 

 

 

NEW YORK PHILHARMONIC & Alan Gilbert

Sonntag 26. März 2017

Guter Bartok und ein seltsam uninspirierter Mahler

Béla Bartók "Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta"
Gustav Mahler Sinfonie Nr. 4 G-Dur

Berauschenden Mahler gab es vor zwei Wochen mit den Berlinern und Simon Rattle  (siehe unserer Kritik weiter unten) - allerdings hier mit Mahlers Sechster. Vielleicht haben dem Rezensenten noch die Ohren geklungen von dieser grandiosen Interpretation, denn richtige Begeisterung hat sich im Gegensatz zum jubilierenden Publikum bei mir nicht entwickeln können, obwohl alles schön brav und exakt lautmalerisch erklang.

Auch an den extrovertierten Hörnen hat es nicht gelegen - die Herren spielen nun einmal perfekt und sauber, wie es sich für ein Orchester der "Big Five" gehört. Aber ist das wirklich alles? Oder liegt es an der Philharmonie, denn ich habe beobachtet, daß immer wenn ein Orchester komplett mit allen Musikern auf einer Ebene des Orchesterpodiums sitzt (keine Gruppe erhöht) - was äußerst selten vorkommt - es irgendwie langweilig klingt - und das ist tödlich bei Mahler.

Keine subkutane Spannung baut Alan Gilbert mit den New Yorker Philharmonikern auf; selbst im zweiten Satz (poco adagio) wo alles immer dichter wird und sich die Mahlerschen Gewalten wenigstens teilweise pastös ergießen, plätschert das "traumhaft Irreale" doch ziemlich spannungslos am emotional erwartungsvollen Zuhörer vorbei.

Da haben wir vor Jahren von den Bochumern unter dem begnadeten Steven Sloane Anderes gehört und vor allem empfunden. Christina Landshammer sang ihren Part aus des Knaben Wunderhorn - "Der Himmel hängt voller Geigen" - ordentlich wenn auch nicht berauschend; wobei leider jede Textverständlichkeit, auch ansatzweise, im Orchesterschwall unterging. Immerhin war der Text, den ja nicht jeder auswendig kennt, wie üblich im Programmheft ausgedruckt und konnte mitgelesen werden.

Daß dann ausgerechnet mitten in den atemlos gehauchten wunderschönen Schlussakkord einige Banausen wie Bauerntölpel hineinapplaudierten und so die ganze Stimmung für die restlichen 99,8 Prozent der Zuhörer kaputt machten, ist gerade in Essen eigentlich unbekannt; zeichnet sich doch das Ruhrmetropolen-Publikum im Vergleich zu anderen Konzerthäusern, immer (!) als sehr fachkundig aus. Dankenswerter Weise kein Klatschmarsch am Ende und auch keine Zugabe.

Ein Konzert bei dem, schon wenn man sich auf den Heimweg macht, nichts emotional mehr hängen bleibt. Und auch am nächsten Tag - wenn der Rezensent sich üblicherweise ans Schreiben macht - nichts außer der Erinnerung an einen sehr guten, aber auch nicht vom Stuhl reißenden Bartok, nachhaltig evoziert werden kann. Mittelmässigkeit trotz brillanter Orchestermusiker... Schade.

Da waren die Berliner Philharmoniker - gut vier Wochen vorher mit eben diesem Werk in der Dortmunder Tonhalle - von ganz anderen Mahler-Dimensionen.

Peter Bilsing 28.3.2017

Bilder (c) Philharmonie Essen / Lorenz

 

 

Yannick Nézet-Séguin / Khatia Buniatishvili

Sonntag 19. März 17 h

Leonard Bernstein ON THE WATERFRONT

George Gershwin RHAPSODY IN BLUE - featuring Khatia Buniatishvili

(Zugabe) Debussys 'Claire de Lune' aus der "Suite Bergamesque"

Sergej Rachmaninow SINFONISCHE TÄNZE

(Zugabe) Bernstein Ouvertüre zu CANDIDE

 

Der 42-jährige Kanadier Yannick Nézet-Séguin gilt als ein absoluter Shooting Star am Dirigentenhimmel, und wer ihn einmal erlebt hat in seiner sympathischen und kenntnisreichen Art, wird ihn lieben; so wie die hoch begeisterten Zuhörer des Essener Konzerts und auch die hoch-attraktive Tastenzauberin Khatia Buniatishvili, die sich sogar mit einem "Küsschen" auf die Lippen vom Maestro verabschiedete ;-). Ein begnadetes Dream-Paar.

Und es war auch wirklich ein Erlebnis, Buniatishvilis fast "explosive Körperlichkeit" bei Gershwin zu erleben - nicht zur zu hören! Der mit Preisen überhäufte einstige Kinder-Superstar (zuletzt erhielt sie 2016 den Echo-Klassik) ist ein Phänomen. Wenn sie spielt, verschmilzt sie oft förmlich mit ihrem Instrument; wenn sie die Haare nach hinten wirft, ist das keine Show, sondern Ausdruck expressiver Emotion. Sie spielt nicht nur Gershwin - sie lebt Gershwin. Dabei baut sich zwischen dem Dirigenten,  den grandiosen Rotterdamer Philharmonikern sowie der Fabel-Pianistin eine fast erotisch zu nennende Hochspannung auf. Explosiver, furioser und mit mehr Feuer und Temperament hat man dieses Stück selten gehört. Vermutlich jubelte George Gershwin im Komponisten-Himmel mit den Worten "Yeah Baby! Genauso hab ich mir vorgestellt - so hab ich es komponiert. Das Mädel hat mich verstanden!! Das ist es ! Das ist meine Musik!!"

Der Fil Rouge des Abends - quasi die Klammer dieses tollen Konzerts war ein Kaleidoskop an exemplarischer amerikanischer Musik. Musik voller Romantik, Leidenschaft und Rhythmik, wie sie nur die Stücke des 20. Jahrhunderts bieten.

Dabei ist die Startnummer, Bernsteins "On the Waterfront" eigentlich pure Filmmusik aus dem Elia Kazan Meisterwerk Die Faust im Nacken (1954 mit Brando, Malden , Lee. J. Cobb...). Lenny machte daraus ein Jahr später eine Konzertsuite; gängige Praxis übrigens bis heute bei vielen großen Filmen/Filmmusiken. Musik und Film portraitieren das harte Hafenarbeiter-Milieu in einem starken beklemmenden Sozialdrama. Die Musik präsentiert vielfältige Klangfarben, mit ruhigen Stimmungen, diversen exotischen Rhythmen und flotten Tempi gipfelt sie in einer stakkatohaft explodierenden Dynamik. Die Schlagwerker sind bis an ihre Grenzen gefordert. Da bebt es in der Philharmonie Essen.

Die Rhapsody in Blue ist nicht nur ein ungewöhnlich kurzes Klavierkonzert mit jazzigen Orchesterfarben im Jazz-Instrumentarium und eingebettet in ein großes Sinfonie-Orchester, sondern auch mit seinem zu Beginn aufsteigenden Klarinettenmotiv eines der berühmtesten und bekanntesten Oeuvres - fast ein Stück Pop-Klassik. In ihm spiegelt sich das Leben im großen Melting Pot New York. Amerikanischere Musik gibt es nicht.

Der große Pianist Denis Matsuev sagt über das Stück "... assoziiere ich mit Amerika. Ich sehe gleich New York, die Freiheitsstatue, Manhattan, Jazzclubs, Birdland, Bluenotes, Jazz. Das ist ein Symbol von New York, von Amerika. Und alle anderen Themen, die es da gibt, sind mit fröhlichen Motiven verbunden. Es ist die Rhapsodie der Freude, die Rhapsodie des Glücks. Sie ist so optimistisch, so lebensbejahend."

Besser kann man es nicht ausdrücken. Daraus wird verständlich, daß Gershwin das Stück ursprünglich auch "American Rhapsody" nennen wollte. Ich denke, gerade heute sollte man Herrn Trump möglichst viele Aufnahmen dieses wunderbaren exemplarischen Stücks amerikanischer Tradition, Toleranz und Geschichte schenken!

Nach der Pause dann: Sergej Rachmaninofs 1940 im amerikanischen Exil komponierte "Sinfonische Tänze". Seguin und die Rotterdamer stürzten sich mit einer Begeisterung auf das Werk, wie man sie selten hört und noch seltener auch körperlich wahrnimmt. Der Spannungsbogen riss bei diesem ja nicht gerade leicht zu rezipierendem Werk - wenn es mittelmäßig gespielt wird - niemals ab.

Besser geht es nicht! Orchester und Dirigent sind seit 2008 ein Herz und eine Seele; das hört man. das reißt den Konzertbesucher am Ende auch förmlich aus den Sitzen.  Wenn dann noch als Optimum einer perfekt gewählten Zugabe Bernsteins fantastische Ouvertüre zur Oper Candide in so grandioser Furiosität zelebriert wird, als stände der junge Lenny  persönlich vor dem Orchester, dann beendet das Ganze einen Konzertabend von erlesener Qualität, Perfektion und unter die Haut gehender Expressivität.  Ein ganz außergewöhnlicher Abend. Eine mehr als tolle Programm- Zusammenstellung. Der Jubel und die Begeisterung eines enthusiasmisierten Publikums kannten keine Grenzen.

Peter Bilsing 24.3.2017

Bilder (c) Der Opernfreund / Phiharmonie Essen

 

 

IN CONCERT

Samstag 18. März 2017 - Jugendkonzert (Eintritt 6 Euro)

Die Philharmonie Essen wurde zur Hall of Fame großer Filmmusikkunst

Frage vorweg an die geneigte Leserschaft und vor allem unsere jungen Freunde: Was haben Filmmusik und "seriöse" Klassik eigentlich gemein? Antwort: ALLES !!!

Viele große Filmkomponisten - pars pro toto: Nino Rota, Erich Korngold, Bernhard Herrman, Ron Goodwin, Krzysztof  Penderecki, John Williams oder Howard Shore haben teilweise auch für den Konzertsaal komponiert bzw. fabelhafte Opern geschrieben.

Und wer aus der Klassik kommt, wird die Verbindungen vieler "Filmmusik-Hits" zu Giganten wie Wagner, Puccini oder Gustav Holst natürlich sofort hören. Schon 1956 z.B. brachte der große Elmer Bernstein für die Filmmusik zu "Die zehn Gebote" ein Mahlerensemble von bald 130 Musikern auf die Studiobühne und diese Musik wurde dann geradezu bahnbrechend nicht nur in Stereo, sondern in famosem 6-Kanal-Ton aufgenommen.

Dies bewies auch gestern Abend die schon geradezu begnadet aufspielende NEUE PHILHARMONIE WESTFALEN unter der fulminanten Leitung ihres Chefdirigenten Rasmus Baumann. Ich muss als alter Opernkritiker zugeben, dass ich dieses Hausorchester des "Musiktheaters im Revier", schon bald ein halbes Jahrhundert kenne und regelmäßig als Kritiker begleite, noch nie so brillant, so engagiert, so rhythmisch sauber und akzentuiert, so blechbläserisch golden und auch holzbläserisch warm und hinreißend habe aufspielen hören. Die Freude an dieser tollen Musik brach sich Bahn vom Musikerpodest in die Reihen der vielen jungen Zuhörer und riss auch die älteren Filmmusikfreunde förmlich von den Sitzen.

 

Um es bildlich mit der Titelmelodie der Zugabe "Mission Impossible" (Früher: "Kobra, übernehmen Sie") auszudrücken: Die altbekannte Zündschnur brannte und entzündete ein Feuerwerk so atemberaubend, wie schöner und stellenweise auch herrlich sentimentaler Ohrwürmer eines halben Jahrhunderts toller Filmmusik, ohne jemals auch nur eine Sekunde auszuglühen, bis zum fulminanten Ende nach 2,5 Stunden mit furiosen Zugaben. Was für ein Abend! Schöner kann man das Thema Filmmusik nicht repräsentieren. Das war oscar-reif. Bravi!

Toller Auftakt stilgerecht mit der 20. Century Fox Fanfare in nahtloser Überleitung zum "Star Wars" Marsch von John Williams. Schon hier erzitterte der edle Konzertsaal bis in die Fugen und riss die Filmfreunde jedweden Alters mit hochgepuschtem Adrenalinspiegel von den Sitzen.

Howard Shores Orchestersuite seiner "Herr der Ringe" oscargekrönten Musik ging eine Erläuterung des so fachkundigen, wie bestens vorbereiteten Moderators Klaus Kauker zum Thema "Leitmotivik" mit kurzen Orchestereinspielungen voran. Besser und bildhafter könnte man Wagners Ring auch nicht erklären - nur hat dieser halt über 200 Leitmotive ;-). Da schwelgten die jungen Zuhörer natürlich in ihrem Metier und jeder hatte das Auenland, die bösen Orks oder den Ring vor Augen - die traumhaften Kinobilder von Peter Jacksons Jahrhundertfilm erschlossen sich, wenn man die Augen schloss. Ach wie schöööön....

Kaum jemand kennt noch die hochanspruchsvolle Musik von Alan Silvestri zur Filmtrilogie des Robert Zemecki Klassikers "Zurück in die Zukunft" (1980-85).  Eine klassische ausgefeilte Orchestersuite vom Feinsten; konzertwürdig für jedes Sinfoniekonzert und auch noch hoch im Anspruch für alle Gruppen eines großen Orchesters.

Gleiches könnte man sagen über John Williams einfühlsamer Musik zu Spielbergs "Jurassic Park" (1991), die nicht so lautstark, aber umso landschaftmalerisch breitwandiger daherkommt -  - man hat halt nur noch mehr die Erinnerung an die riesigen Dinosaurier noch im Kopf, als diese herrliche Musik. Ein dickes Bravo für diese schon fast Ausgrabung.

Dass mit "Wallace and Gromit"(1989) auch der Humorfaktor des quasi Stummfilm in den Konzertsaal zieht, ist Julian Nott zu verdanken.  Musik, die einfach Freude macht - auch ohne die drolligen Knetmasse-Figuren zu sehen.

Wie traumverloren sich die Töne eines Konzert-Akkordeon und ein E-Chembalos in den akustischen Himmelsdimensionen der Essener Philharmonie verlieren können, wurde aus dem Leitthema der "Miss Marple"-Filme (ab 1961) zum schwelgerischen Erlebnis. Vom wunderbaren Ron Goodwin war ein Ohrwurm komponiert worden, der die meisten auch in der verdienten Pause nicht mehr losließ. Was für ein schöner nostalgischer Abschluss des ersten Konzert-Teils.

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Mit der Konzertsuite von David Arnold aus "Independance Day" (Roland Emmerich, 1996) zeigte sich, daß auch ein ausgesprochen schwacher Film eine richtig gute Musik haben kann, die sich auf einem durchaus anderen Niveau bewegt, als das doch allzu simple Katastrophen-Spektakel - wirklich sehr gelungen ausgesucht!

Und jetzt wurde es mit Nino Rotas Weltmusik-Hit aus "Der Pate" (Francis Ford Coppola, 1973) walzerselig und herzergreifend. Grandios gespielt, schöner geht es einfach nicht. Da hat man auch als hartgesottener Kritiker noch feuchte Augen - ganz großes Jahrhundertkino verbunden mit einer Jahrhundertkomposition. Interessant in diesem Zusammenhang ist, daß dieses Orchester gerade in der letzten Saison (Megamegamega-Rarität!) die köstliche Oper von Rota "Der Florentinerhut" im heimischen Musiktheater im Revier einstudiert hatte. Mein großer Tipp für alle Rota-Fans! (Hier nachzulesen - bitte etwas runterscrollen)

Nur wenige Kino- und Tanzfreunde wissen, daß der Sirtaki kein jahrhunderte alter griechischer Volkstanz ist, sondern eigens für den Filmklassiker "Alexis Sorbas" (Michael Cacoyannis, 1964) erst vom großen Mikis Theodorakis komponiert wurde. Hier gesellten sich natürlich zwei fabelhaft Bouzuki-Spezialisten (im nicht vorhandenen Programmheft - warum eigentlich? - leider unbenannt) zu den Sinfonikern.

Grandios, und für mich eines der Highlights des Abends, war die Kombination der Suite aus "Das Boot" (Wolfgang Peterson, 1981) mit der "Unendlichen Geschichte" (ebenfalls Peterson, 1984)  - Angefangen mit den Plings des Sonars erhebt sich die Melodie langsam, wie jenes U 96 aus den atlantischen Tiefen und geht dann fast nahtlos über in die himmlischen Gefilde in den Flug des Glücksdrachens Atréju; ein brillantes Arrangement.

Das große Finale - jenes mit irrsinnigem Temperament und Tempo gespielte Rocky-Thema (ohne Chor) von Bill Conti (John G. Avildsen, 1974) - wurde allerdings von einer noch fulminanteren "Mission Impossible"- Interpretation (Lalo Schiffrin, 1966-2016) als erste Zugabe noch übertrumpft. Jenes Leit-Motiv der brennenden Lunte - welches wahrscheinlich noch bekannter ist, als das legendäre James-Bond-Motiv - explodierte unter Rasmus Baumanns Dirigat geradezu. Die absolute Krönung des Abends, so befand auch das vollkommen enthusiamisierte Publikum, welches sogar noch eine zweite Zugabe erklatschte, nämlich "Forrest Gump"- auch von Alan Silvestri komponiert.

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Wir verleihen für so ein grandios perfekt nicht nur gestaltetes, sondern auch

gespieltes und pädagogisch sinnvoll begleitetes einmaliges Jugend-Konzert im allerbesten Sinne unseren heißbegehrten Opernfreund-Stern! Schade, daß der omnipräsente und unvermeidbare und mit Zwangs-Steuergeldern so reich beschenkte Regionalkranke WDR so etwas nicht für die Ewigkeit aufzeichnet, denn der Touch der legendären Leonard Bernsteins "Young Peoples Concerts" war hier wahrnehmbar. Dank an alle Beteiligten und auch an den vorzüglichen Moderator

Klaus Kauker, jemand dem man gerne zuhört und der so hochengagiert wie kenntnisreich, so witzig charmant wie jugendgerecht - sogar stimmlich auf der Höhe - durch dieses Konzert führte.

5 Sterne ***** für diesen unvergesslichen Abend! Der große Glanz und Glitter Hollywoods ergoss sich über die gut gelaunten und konzentriert lauschenden jungen Besucher in der Philharmonie Essen. Besser geht´s nicht.

Peter Bilsing 19.3.2017

Bilder (c) Neuer Phiharmonie / Klaus Kauker privat

 

 

 

Gustav Mahler Sinfonie Nr. 6

am 26. Februar 2017

Wenn Hammerschläge das Universum erschüttern

Berliner Philharmoniker & Sir Simon Rattle

György Ligeti: "Atmosphères" für großes Orchester
Richard Wagner: Vorspiel zum 1. Aufzug von "Lohengrin"
Gustav Mahler: Sinfonie Nr. 6 a-Moll "Tragische"

Als eine vorbildliche Zusammenarbeit in der Region kann diese Veranstaltungsreihe gelten. „Vor allem für die Menschen im Ruhrgebiet haben wir die RuhrResidenz ins Leben gerufen“, so Hein Mulders (Geneneralintendant von Essen) "Sie wird ganz sicher aber auch über die Region hinaus ausstrahlen und das Ruhrgebiet mit seinen beiden Konzertsälen in Essen und Dortmund als international bedeutendes Musikzentrum ausweisen. Wichtig ist uns dabei, dass Sir Simon Rattle eigens für diesen Anlass eine besondere Konzertdramaturgie entwickelt hat – mit Werken von Mahler und Ligeti. Ein spannender, inspirierender Mix!“

War am Vortag in Essen und vorher in Dortmund (unser Bericht) schon höchst erfolgreich Ligetis Weltuntergangsepos "Le Grand Macabre" halbszenisch über die Bühne der Philharmonie gegangen, so war der Publikumsansturm heuer gigantisch - Menschen mit Schildern "Karte gesucht" gab es früher mal in Bayreuth und heute nur noch in Salzburg, wenn Anna Netrebko singt, oder Pavarotti demnächst wieder auf die Erde zurück geklont wird. Sogar auf den Stehplätzen trat man sich gestern auf die Füße. Ein Weltkulturereignis von Konzert ;-).

Dabei begann jener spezielle Simon-Rattle-Concerto-Mix diesmal geradezu kongenial mit einem knapp 20-minütigem Präludium aus György Ligetis "Atmosphères" und dem Vorspiel zum ersten Akt von Wagners "Lohengrin". Eine Warmspielphase, nach welcher das Publikum erst einmal in die unverdiente Pause geschickt wurde, bevor das Highlight des Abends, Mahler Nr.6 - welches eigentlich allein schon ein großes Sinfoniekonzert füllt - aus den göttlich goldenen Hörnern erschallte.

Das Rauschen des Kosmos - Stille wird hörbar

Dabei war die Zusammenstellung von Ligetis schon 1956 entstandenem leisem Klangrausch-Opus in nahtloser Verbindung zum schönen Wagnervorspiel (welches ja, im Gegensatz zum fast dröhnenden Lohengrin-Vorspiel Akt 3) erheblich weniger lautes und angenehm zu rezipierendes Klang-Getöse ist, einfach ein wunderbarer Einfall; denn bei Ligetis dominiert der Klangkosmos des Leisen, des fast Unhörbaren.

Wenn die Bläser einfach nur Luft blasen, ohne Noten zu erzeugen, dann klingt das und man empfindet es, wie ein lauer Sommerwind. Hier wird Stille hörbar. Was für ein Klang, wenn Schlagzeuger am Klavier sitzen und die Seiten mit Bürsten bearbeiten. Unerhört! Wir durchleben kosmische Schwingungen und das Publikum lauscht hochkonzentriert diesen Klangmomenten, die in der traumhaften Akustik der Essener Philharmonie sich geradezu bezirzend verteilen und wie Daunenfedern durch den Raum gleiten.

Die "kosmischen Dinge" an die Ligeti beim komponieren gedacht hat, vermitteln sich unmittelbar, ohne daß man an Weltraum denken muß, denn da hört man ja nun einmal gar nichts. Was für ein schönes Vorspiel, welches im Wagner-Crescendo seinen Höhepunkt findet. Ein "Amuse Gueule" sozusagen für den großen zweiten Teil mit Mahler 6.

Hammerschläge und Herdenglocken

In der Orchesterbesetzung geht Mahler hier über alles bisher Dagewesene hinaus, was beispielhaft an den legendären gigantischen Hammerschlägen im Finale zu hören ist; deren es einst drei gab. Auch an Ausdrucksintensität fordert Mahler seinen Interpreten alles ab und hat in den Berliner Philharmonikern unter Simon Rattle das vielleicht weltbeste Mahler-Orchester zur Darbringung einer Interpretation, die am Ende das Publikum förmlich zum Rasen brachte.

Hervorstechendes Merkmal sind viele Momente geradezu roher Gewalt, mit denen Mahler die Brutalität des heraufziehenden 20. Jahrhunderts reflektierte und die vielleicht heute schon wieder bedrohlich über uns hängen - insoweit ein brisantes aktuelles Werk.

Schön, daß bei Rattle, trotz allem Gigantismus, immer alles noch durchhörbar und auch im Fortissimo transparent bleibt. Obwohl er das Werk in seinem Leben schon hunderte Male dirigiert hat, stellt sich bei Simon Rattle nie Routine und Langeweile ein. Er durchforstet und erobert diese Musik jedes mal wieder aufs Neue. Musik die erschüttert ohne zu erschlagen, die berührt ohne allzu rührselig zu werden und die selbst Marschrhythmen noch in grandioser Klassizität zelebriert ohne militärisch zu wirken. Besser kann man Mahler einfach nicht spielen!

Und so ließ es sich dann auch Intendant Mulders nicht nehmen dieses Mal seine Künstler nicht mit dem obligaten kleinen Allerwelts-Sträußchen vom Türpersonal, sondern persönlich mit zwei wunderbaren Rosen-Arrangements respektvoll und würdig zu verabschieden.

Peter Bilsing 28.2.2017

Bilder (c) Philharmonie Essen / Lorenz

 

 

JENNIFER LARMORE

schwimmt in den Wogen der leichten Muse

- und ein wunderbares Orchester

- und ein noch wunderbarerer Dirigent

Sonntag 22. Januar 2017 in der Philharmonie Essen

Freude an der Musik

Es gibt Konzerte, die sind einfach wunderbar, weil die Fröhlichkeit und Spielfreude der Künstler sich sofort dem Publikum mitteilt. Hier gilt es von solch einem herrlichen "Nachmittagskonzert" (17 h) zu berichten. Ich gebe zu, daß mich weniger der Name des Orchesters Orchestre de Chambre Pelléas, welches hierzulande weniger bekannt ist, als der Name einer der größten Sopranistinnen, nämlich Jennifer Larmore, zum Besuch bewegt hat.

Das ware beinahe ein Fehler, denn die fabelhaften Musici dieses tollen Kollektivs wären allein schon die Fahrt nach Essen wert gewesen. Was für ein Orchester! Dies Bild unten sagt wahrlich mehr als Worte.

Musik beflügelt ;-)                                                             Foto:Francois Goisé

Da schauen einem keine bräsigen Beamtenmusiker entgegen, die ich immer wieder so vielerorts erlebe. Endlich einmal keine Finsterbacken, die z.B. in der Oper jede temporäre Nichtspiel-Möglichkeit nutzen, um den Graben zu verlassen; oder das Gegenteil: abgeklärte Spitzenmusiker, die ein Stück zwar professionell sehr gut, aber mit dem Gleichmut des Tausende-Male-Gespielten tonbandmäßig (in Köln klingt es so perfekt und blutlos routiniert, wie in Essen, München oder Kalkutta) ablaufen lassen. Nein, diese jungen Menschen nicken ein freundliches "Hallo" beim Betreten des Podestes in Richtung Publikum und umarmen am Schluss ihre Nebenspieler, sich gegenseitig bedankend auf eine Herzlichkeit, wie man es selten bis nie erlebt. Das rührt an, das erfreut das Seelenheil des Publikums und des Kritikers.

Bitte merken Sie sich den Namen: ORCHESTRE DE CHAMBRE PELLEAS.

Jennifer Larmore sang Klassiker aus dem Bereich der leichten Muse (Bernstein, Loewe, Weill, Gershwin...). Stücke die, nehmen wir Erwin Berlins "What´ll I do" mal heraus, zum Bunten Abend des durchaus Alltäglichen und der ewig währenden Welthits gehören. Daß "La grande dame" Larmore diese trefflich singen können würde, stand außer Frage, doch bleibt eigentlich nichts nachhaltig hängen. Frau Larmore wirkt zwar charmant, aber eben typisch amerikanisch, mit etwas zuviel Affektivität und jenerm "I-wanna-be-everybodys-darling" Charme; zuviel Emotionen für manches Stück und zuviel "It´s-Showtime!" Dauerausdruck.

Dennoch ergeht des Rezensenten großes persönliches Lob, daß sich ein Künstler aus den holden Gefilden der großen Opera-Performance auf solche "niedere" Unterhaltungsebenen begibt. Das dies natürlich beim Publikum blendend ankommt, war vorhersagbar, einfach weil diese Künstlerin eben so vortrefflich singen kann.

Daß man mit Benjamin Levy einen der hochkompetenten, sprachgewandten und humorvollen Dirigenten und Moderatoren dabei hatte, war ein Glücksfall sondergleichen, denn Levy erklärte auch aufs Höchste amüsant und informativ die seltenen Stücke. Wer hat schon einmal von Jacques Iberts Bühnenmusik zum "Chapeau de paille d´italie" gehört? Musik zum Bühnenstück vom großen Eugene Labiche. (Opernfreund-Geheimtipp: Dazu gibt es auch eine Oper namens "Der Florentinerhut" von Nino Rota, die gerade in Gelsenkirchen läuft).

Oder kennen Sie Henri Christinés Ouvertüre zur schwungvollen Operette "Phi-Phi"? Die findet man noch nicht einmal auf YOUTUBE! Gleiches gilt für Albert Roussels Suite Fantaisie aus "Le testament de la tante Caroline" oder die Ouvertüre zu Maurice Yvains "Pas sur la bouche". Das ist Musik, die Freude macht - vieles perlt wie Offenbachscher Champagner. Stichwort "Offenbach": Levy bedankte sich ausdrücklich beim deutschen Publikum, dass es Offenbach nach Frankreich hat ziehen lassen, wo er ja (wie wir wissen) zum Urvater der Operette avancierte.

Was war das für eine grandios schöne Sonntagnachmittags-Unterhaltung! leider brachten es nur gut 350 (lt. Kasse) Musikfreunde übers Herz sich in die Philharmonie zu begeben. Schade... Vielleicht kann man diese tolle Truppe - aber es muss unbedingt Benjamin Levy als Dirigent dabei sein (!), fürs nächste Silvesterkonzert buchen - solch wunderbare Musik hätte wahrhaft mehr Besucher verdient.

Peter Bilsing 28.1.2017

Bilder (c) Der Opernfreund / orchestrepelleas.com

 

Programmablauf:

 

 

Wenn Stille hörbar wird...

Konzert am 24. Januar in der Essener Philharmonie

Schostakowitschs 11. in begnadeter Interpretation

Pjotr I. Tschaikowski Konzert D-Dur für Violine und Orchester, op. 35
Dmitri Schostakowitsch Sinfonie Nr. 11 g-Moll, op. 103 "Das Jahr 1905"

Die 11. Sinfonie von Dmitri Schostakowitsch ist natürlich in gewisser Weise programmatische Musik. Hier zeigt sich wieder die Doppelbödigkeit von Schostakowitschs Werken. Offiziell geht es um die Revolution von 1905; in Wahrheit hatte der sensible, politisch mitdenkende und handelnde Komponist aber noch die russische Aggression in Ungarn blutig vor Augen. Die Sinfonie ist in die sogenannte "Tauwetterperiode" nach Stalins Tod zeitgeschichtlich einzuordnen. Schostakowitsch wurde für diese Sinfonie mit Preisen geradezu überhäuft und kein geringerer als André Cluytens dirigierte die Uraufführung. Dass diese Sinfonie sogar mit dem berühmten "Lenin Orden" ausgezeichnet wurde ist schon ein makabrer Treppenwitz der Geschichte. Und wer Ohren und genug Sensibilität hat, wird schon bei den ersten leisen Tönen diesen Aufschrei spüren. Diese Sinfonie ist eine Anklage; eine stille Mahnung. Es ist Musik, die unter die Haut geht...

Die superben Wiener Philharmoniker unter dem vielleicht zur Zeit besten und intelligentesten Dirigenten Ingo Metzmacher setzten die Zuhörer von der ersten bis zur letzten Sekunde dieses 70-minütigen grandiosen Mammutwerkes unter Strom; eine Spannung, die nie nachließ. Musik die subkutan den Zuhörer angreift, anfangs nur leicht köchelt, dann brodelt und stellenweise auch eruptiv explodiert. Das alles gelang so brillant und selbst für einen Schostakowitsch-Fan wie den Rezensent, dessen Erfahrungserlebnisse mit dieser Musik in den letzten 45 Jahren im dreistelligen Bereich der persönlichen Statistik liegen, einfach unerhört - ungehört! Nie so gehört!! Ich erlaube mir daher, diese Interpretation als ein "Jahrhundertkonzert" zu bezeichnen. Diese mit Worten gar nicht hoch genug zu bewertende Aufführung/Interpretation liegt mir auch zwei Tage später noch erschütternd und beeindruckend auf der Seele.

Im Vorfeld gab es beste Stradivari-Klänge. Wie wunderbar eine 1713 gefertigte "Gibson ex Huberman" klingen kann, stellte der zeitgenössische Paganini unter den Violinisten, Joshua Bell dem, mit offenen Augen, Ohren und stellenweise auch Mund, verblüfft und wenig hustenden Essener Publikum mit Tschaikowskis Violinkonzert in D-Dur furios unter Beweis. Bell meisterte die Hochschwierigkeiten des einst als unspielbar geltenden Konzertes mit Bravour und Souveränität. Dankenswerter Weise gab es keine Zugabe; das wäre bei dem grandiosen Stück einfach stillos gewesen.

Und wieder ein - was ich übrigens schon seit Jahren schreibe - überwältigender Beweis für die sensationelle Akustik der Essener Philharmonie. Dagegen ist die Hamburger Alptraum-Philharmonie (Ole-von-Beust-Steuerverschwendungs-Pyramide), wo man stellenweise Huster lauter hört als den Solisten, ignorabel. Freut Euch, liebe Essener und vielfältig Zureisende, was Ihr hier für ein wirkliches "8. Weltwunder" habt ;-))) !

Fazit: Ein Jahrhundertkonzert, welches der Rezensent tief in seinem Herzen in der Schostakowitsch-Kammer für immer freudvoll und entzückt verschließen wird. Und weinen mögen alle ewiglich, die diesen Abend, für welches es sogar noch einige Karten an der Abendkasse gab, verpasst haben...

Peter Bilsing 26.1.2017

Fotos (c) Philharmonie Essen / Lorenz

 

OPERNFREUND CD-TIPP

Platz 1

Platz 2

 

 

 

 

 

www.pro-arte-konzerte-essen.de/

KLAZZ BROTHERS

13.12.2916

Zwischen Bachata und Beethoven

Die Jazz-Gruppe „Klazz-Brothers“ mischt Klassik und Kubanischen Jazz und ist mit einem neuen Programm auf Tour. Es ist ein Mix von Kunst und Klamauk, auf höchstem musikalischem Niveau. Wie viel Afrokuba pur, wie viel Jazz verträgt ein gesetztes Symphonien-Publikum?

Beim Konzert der der Klazz Brothers im Alfried Krupp Saal in Essen war viel graues Haar zu sehen. Kein Wunder bei Eintrittspreisen bis zu 50 Euro und der Wahl eines der besten und größten Konzerthäuser in NRW.

Dabei hat afrokubanischer Jazz ja eigentlich seine Ursprünge in den Bars, auf der Straße oder gar in den dunklen Räumen der Babalaos, der Priester, bei denen sich Tänzer und Trommler zu ihren religiösen Feiern einfinden.

Doch die fünf Musiker aus zwei Kontinenten kamen gleich mit so viel Feuer daher, dass der gesetzte Rahmen sofort vergessen und der Saal schon beim ersten Stück erobert war. Als Ouvertüre die Habanera aus Carmen, sehr schnell auf dem Klavier gespielt, dazu der typische kubanische Congasound, gleich danach ein Besuch in der „Halle des Bergkönigs“, frei nach Eduard Griegs Peer Gynt.  

Boccherinis Streichquartett-Menuett ist diesmal ein Chachacha. Ein paar Gäste werden auf die Bühne geladen, tanzen mit. Es wird gelacht, geklatscht, gejohlt. Es ist eine Performance mit dem Publikum, phantasiereich, stets voller Überraschungen. Zuhören, brav sitzen bleiben und Beifall zum Schluss? Damit kommt hier keiner davon.

Die Klazz-Brothers sind seit zehn Jahren mit über 500 Konzerten im Geschäft. Die internationale Truppe aus Profimusikern hat sich auf kubanischen Jazz spezialisiert, den sie vor allem mit klassischer Musik kombiniert. Das neue Programm hat an Frische und Witz nichts verloren, die Symbiose aus Barock, Romantik und Rumba wirkt beinahe noch selbstverständlicher als auf den ersten CDs.

Zum Beispiel Beethovens Mondscheinsonate. Vom Bassisten und Moderator Kilian Forster als erstes Bachata-Stück angekündigt. Ach was? Die Bachata käme allerdings erst im schnelle dritten Satz. Der sei vielleicht manchen nicht so geläufig. Deswegen gibt’s erst mal das berühmte Adagio davor. Bruno Böhmer Camacho, Kolumbianer mit klassischer Klavierausbildung an der Essener Folkwangschule legt es voller Seele hin, wie jeder große Pianist. Ein bisschen Bass dazu, ein bisschen Klimpern und Rauschen, das ist hier Crossover genug. Dann der angekündigte dritte Satz, jetzt legen die Jungs richtig los. Das Publikum klatscht den Doppelschlag am Ende jeder Tonfolge mit, bis schließlich alles in verjazzten Harmonien und einer Percussion aufgeht, die tatsächlich ein wenig nach Bachata klingt. Wenn man genau hinhört und ein bisschen Phantasie hat.

Dieser Abend ist ein Spektakel mit immer neuen Wendungen. Man muss es erlebt haben: live ziehen die sympathischen Alleskönner noch viel mehr Register als in jeder Tonaufnahme.

Herrlich etwa ein etwa zehn Minuten langes Triangelsolo, mit unvorstellbar vielen Varianten aus jeder Ecke des kleinen Dreiecks, präsentiert von Alexis Herrara Estevez. Das Piano begleitet immer nur einen Akkord, so ausdauernd, dass der Pianist sich ablösen lässt um ein paar Liegestütze zum Takt zu machen.

Bei allem lebensfrohen Klamauk ist bei dieser Gruppe nichts banal, ihr Mix ist musikalisch vielschichtig und anspruchsvoll.  „E-Musik“ kommt  als „U“ daher, sprich ernste Musik wird unterhaltsam. Und umgekehrt hat Kitsch plötzlich Klasse. „Schneeglöckchen klingelingeling“ wird zum Chachacha in Jazz-Sonanzen."Leise rieselt der Schnee" ist hier ein romanitscher Bolero.

Wer Jazz liebt, die typisch cubanischen Harmonien und Rhythmen mit den handgeschlagenen Congas und der "Kuhglocke" schätzt, kommt hier voll auf seine Kosten. Die Motive aus der klassischen Musik bringen dabei Vertrautes all jenen mit, die sich vielleicht eher bei Mozart und Bizet zuhause fühlen.

Selbst Tangofreunde können hier schwelgen.Nach der Pause spielten die Klazz-Brothers in Essen zwei Stücke von Astor Piazolla, darunter auch den rasanten Libertango. Brilliant und voller Temperament als Gast Alexander Pankov auf dem Bajan, einem Knopf-Akkordeon , das größer als ein Bandoneon ist und das, wenn es sein muss, fast die Power eines Orchesters besitzt. Hier wäre die karibische Untermalung eigentlich gar nicht mehr nötig gewesen. Man hätte sich wie in Buenos Aires gefühlt.

Eine fröhliche Sondereinlage gab in Essen übrigens die Crossover-Gruppe Uwaga, die man gerne wieder erleben möchte.

Gesetzes Publikum? Heute wird nicht nur im Rhythmus geklatscht, sondern sogar zur Musik gerasselt. Mit kleinen Pfefferminz-Schächtelchen, die in der Pause relativ teuer zu erwerben sind: Für 20 Euro. Dabei gibts allerdings gratis eine CD dazu. Verkaufstüchtig sind die Klazz Brothers auch. Zu fünft stehen sie in der Pause am Stand, um dem Ansturm auf ihrer Scheiben gerecht zu werden.

Tipp: Wer mit der Eintrittskarte schon an finanzielle Grenzen gestoßen ist, sollte sich vielleicht ein kleines Schächtelchen Tictac mitbringen.

Angela Hussla 18.12.2016

Bilder (c) Philharmonie Essen / Pro Arte Konzerte / Der Opernfreund

Nächste Konzerte: 26.12. Berlin, 28.12. Köln, 1.1.2017 Salzburg, danach geht es wieder im März 2017 weiter.

 

OPERNFREUND CD TIPP

 

 

 

 

Orchestre Philharmonique Royal de Liège & Emmanuel Ceysson

Philharmonie Essen am 29. November 2016

Vorweihnachtlich Schönes & ein Magier an der Harfe

Engelbert Humperdinck "Hänsel und Gretel" (Auszüge) Ouvertüre, Hexenritt, Traum

Reinhold Moritzewitsch Glière Konzert für Harfe und Orchester, op. 74

Felix Mendelssohn Bartholdy Das Märchen von der schönen Melusine, op. 32

Pjotr I. Tschaikowski Ballett-Suite "Der Nussknacker", op. 71a

 

Eine ganz besonderes, auf diesem Qualitätsniveau höchst selten zu erlebendes, Konzert-Schmankerl gab es am Dienstag in der Philharmonie Essen: Reinhold Glieres "Konzert für Harfe und Orchester", gespielt vom aktuellen Superstar unter den Harfenisten Emmanuel Ceysson; auch "der Mann mit der Zauberharfe" genannt. Ich würde ihn eher den "Paganini der Harfe" taufen.

Ceysson wurde 1984 in Oulins, Frankreich, geboren; Studium am Conservatoire National Régional (CNR) in Lyon, dann am Pariser Conservatoire National Supérieur de Musique (CNSM) bei Isabelle Moretti - Abschluß "summa cum laude" und Erster Preis in Harmonielehre.

Seit 2005 ist er in der internationalen Musikszene wie der Wigmore Hall, der Salle Gaveau, der Carnegie Hall, dem Wiener Konzerthaus und der Berliner Philharmonie vertreten, wo er regelmäßig seine Auftritte im Recital, im Konzertrepertoire und in der Kammermusik gewinnt. 2006 Erster Solo-Harfenist beim Orchester der Pariser Oper, Auftritte unter anderem mit den Dirigenten Philippe Jordan, Valery Gergiev, Michel Plasson, George Prêtre....

Mannigfache internationale Auszeichnungen zieren seine bisherige Kariere: Goldmedaille und Sonderauftrittspreis beim Internationalen Harfenwettbewerb der USA (Bloomington) im Jahr 2004, dem 1. Preis und sechs Sonderpreisen beim New York Young Concert Artist Auditions 2006 und dem ersten Preis bei der renommierten ARD Wettbewerb in München im September 2009. (Video) Im Jahr 2010 wurde Emmanuel Ceysson in der Kategorie "Solo Instrumental Discovery" in den Victoires de la Musique Classique nominiert. Im November 2011 erhielt er einen "Prix d' Encouragement" von der Académie des Beaux-Arts de l'Institut de France.

Bemerkenswert ist seine Gastprofessor an der Royal Academy of Music in London von 2005 bis 2009 und seit 2011 an der Internationalen Sommerakademie in Nizza.

Besondere Aufmerksamkeit erhielt sein Programm “Zehn Monate Schule und Oper”, wo er sich bemüht, seinen Beruf und sein Instrument einem jungen Publikum aus sozial schwachem Milieu zu vermitteln. Ceysson unterrichtet unentgeltlich (!) zwei Wochen pro Jahr eine Masterclass in Kolumbien mit Unterstützung der Französischen Botschaft und der Victor Salvi Foundation. Im Oktober 2015 übernahm Ceysson zusätzlich die Position des Soloharfenisten an der Metropolitan Opera in New York.

Konzerte für Harfe und Orchester gibt es gerade aus dem 20. Jahrhundert ziemlich viele, doch leider setzt sich immer wieder das allbekannte Werk des stalinsystemkonformen Glière durch, dessen Zauber man sich allerdings tatsächlich kaum entziehen kann. Dem ersten in relativ modernen Regionen sich bewegenden Satz, folgen zwei traditionell sich eher an der russischen Volksmusik orientierte Teile. Es fängt toll an, aber endet in volkstümlich Althergebrachtem. Nichts desto Trotz ein Stück welches alle Dimensionen und Hoch-Schwierigkeiten eines der schwierigsten Orchesterinstrumente aufzeigt. Es lässt einen guten Harfenisten publikumsfreundlich ebenso brillieren, wie Tschaikowskys 1. Klavierkonzert den Pianisten.

Dabei kann man sich der ungewöhnlich extrovertierten Ausstrahlung des attraktiven Emmanuelle Ceysson, der schon fast wie ein spanischer Torero auftritt, kaum entziehen. Die schmachtenden Blicke, sowohl einiger Musikerinnen, als auch vieler Damen im Auditorium sprachen Bände. Er hat nicht nur die Ausstrahlung, sondern auch den Charme des aktuell, vor allem bei den Frauen, hochbeliebtesten Tenors Jonas Kaufmann. Und wenn sich äußere Attraktivität und Können dermaßen begnadet zusammen entfalten, dann ist das natürlich jeden Besuch allemal wert.

Als quasi Rahmenprogramm gab das, besonders für ein Opernorchester, beglückend hochqualitativ aufspielende Orchestre Philharmonique Royal de Liège ein vorweihnachtlich höchst passendes und stimmungsvolles Concerto Populare.

Konzertantes aus Deutschlands allüberall zur Weihnachtszeit in fast jedem  Opernhaus zu hörendem Humperdinck "Händel und Gretel"; und aus dem ebenso bzw. ebendort anzusiedelnden "Nussknacker" von Tschaikowsky. Wobei man die Nußknacker-Suite meiner persönlichen Meinung nach - wenn man dann schon so wunderbar und traumhaft in Märchenstimmung versenkt wurde - unbedingt als Zugabestück mit dem Grand pas de deux (einem der schönsten Musikstücke, daß Tschaikowsky je geschrieben hat) hätte krönen müssen. Das wäre eben jenes - lassen Sie es mich mit Loriot sagen: "Zitronencreme-Bällchen auf dem Kosakenzipfel" - gewesen.

Ein schöner Abend im vorweihnachtlichen Essen. Ein musikalisch geschmückter konzertanter Tannenbaum von großem orchestralen Lichterglanz, den der hochsympathische österreichische Maestro Christian Arming blendend und gefühlvoll mit den Lüttichern ganz besonders formvollendet beleuchtete.

Peter Bilsing am 1.12.16

Bilder (c)  / Pro Arte Konzerte / Jean-Christophe Husson

www.emmanuelceysson.com/fr / Der Opernfreund / Loriot (Youtube)

 

 

 

 

 

Wunderbares CONCERTO POPULARE

am 22.11.16 in der schönen Essener Philharmonie

Was verbindet die Liebe normaler Konzertabonnenten mit der Russischen Musik? In erster Linie der Name "Peter Iljitsch Tschaikowsky". Nächste Frage an den verehrten Leser: Und was steht auf der Hitparade ganz oben? Natürlich das erste Klavierkonzert vom selbigen. "Taa taa ta taaaaa...." Auch heute noch ein Ohrwurm ersten Grades, so beliebt und bekannt wie das Schwanensee-Motiv, welches ich persönlich als "Gruftie-Kritiker" immer noch am Schönsten in der Version von Vicky Leandros ("Schau wie die wilden Schwäne ziehen") rezipierbar finde.

Groß-sinfonisch steht sicherlich die 6. Sinfonie (Pathétique) in der Beliebheitsskala auf Platz eins, aber direkt dahinter käme schon die herrliche 4. Sinfonie.

Beim 2. Pro Arte Konzert gestern in der Essener Philharmonie gab es gleich beides zur Freude des lokalen Publikums zu hören, ein Abend des freudvoll entspanntem Zuhören von Bekanntem.

Solist des Abends war Dmitry Masleev (Bild oben beim Tschaikowsky Wettbewerb), geboren in der sibirischen Ulan-Ude Wüste und in Moskau ausgebildet, der beim letztjährigen Tschaikowsky-Wettbewerb, die Gold-Medaille, den Publikumspreis und den Preis für die beste Konzert-Interpretation gewann.

Über ihn schreibt Tatjana Rexroth (MZZ) "Eine geradezu ans Metaphysische reichende Musikalität zeigte sich da und verwandelte den Raum in eine Atmosphäre des Unwirklichen. Das setzte sich in der Finalrunde mit Tschaikowskys b-Moll-Konzert und Prokofjews 3. Klavierkonzert auf anderer ästhetischer und stilistischer Ebene fort. Der Jubel und die Entspannung auf den Gesichtern – vor allem der Juroren – sagten es: Es war ein würdiger erster Preisträger gefunden. Ein Held? Wer weiß…"

Masleev begeisterte nicht nur durch sein wuchtiges Spiel, sondern auch durch seine gefühlvollen, gelegentlich wie Champagnerbläschen perlenden Läufe, das Publikum. Vladimir Spivakov war mit der Russischen Nationalphilharmonie ein braver, liebevoller Begleiter, der allzu Aufbrausendes und Schwelgerisches ganz hinter die Interpretation des Klaviervirtuosen, der sich erkennbar wohl fühlte, zurück steckte.

Nach der Pause dann Sinfonisches. Mittlerweile gibt es rund 22 russische Orchester, die sich international bewegen oder zumindest Aufmerksamkeit bekommen. Die Russische Nationalphilharmonie gibt es seit 2003. Vladimir Spivakov der die Russische Nationalphilharmonie seit Beginn als Generalmusikdirektor leitet ist sehr populär in Russland. Das hat auch außermusikalische Gründe. Die 1994 von ihm gegründete Spivakov-Stiftung (sie finanziert auch lebensrettende Operationen) unterstützt seither unter anderem hunderte von jungen Musiktalenten, von denen Dutzende zu jungen Virtuosen herangereift sind. Die UNESCO zeichnete Vladimir Spivakov 2006 wegen seiner bedeutenden künstlerischen Verdienste und wegen seiner Aktivitäten zur Förderung des Friedens und des Dialogs zwischen den Kulturen als "Künstler des Friedens" aus.

Interessant ist, daß er seine Karriere Anfang der siebziger Jahre als Violinvirtuose mit weltberühmten Orchestern, wie den Philharmonikern aus Wien, Berlin und New York, sowie dem Chicago, London und Amsterdam Philharmonic Ochestra, und so bekannten Dirigenten, wie Leonhard Bernstein, Georg Solti, Lorin Maazel und Claudio Abbado, begann.

Obwohl er die Vierte sicherlich schon hunderte Male mit seinem Orchester gespielt hatte, dirigierte er nicht auswendig. Das ehrt ihn, denn solcher Art oft als "Schaudirigieren" bezeichnetes Wirken, läge dem hochsympathischen Künstler fern. Man hat auch nicht den Eindruck, daß das Werk allzu sehr in Routine erstarrte. Die Sinfonie blieb ebenerdig ohne übertriebenem Bläserglanz oder allzu viel Rubato, was auch der Sitzordnung ein wenig geschuldet war, denn alle 120 Musiker saßen auf gleichem Niveau - eine ungewöhnliche Aufstellung, die aber immerhin dafür sorgte, daß der orchestrale Gesamtklang ohrengenehm auch im Fortissimo rüber kam.

Mit ungewöhnlichen vier Zugaben von Sibelius, Schostakowitsch und Chatschaturjan konnten die Musici ihre große Spielfähigkeit auch außerhalb des altbekanntem unter Beweis stellen, wobei das geradezu begnadet gespielte Intermezzo der Polizeiszene aus "Lady Macbeth von Mzensk" das Publikum doch ziemlich überraschte, während man sich beim Valse Triste oder dem Maskerade-Walzer eher aufgehoben fühlte.

Fazit: ein schönes Konzert, welches ganz vortrefflich in die friedfertige Vorweihnachtzeit passte. Und wenn man mit dem "Ohrwurm" des Hauptthemas des 1. Klavierkonzerts dann summend nach Hause fährt, ist dem Seelenheil doch mehr als genüge getan.

Peter Bilsing 23.11.16

Bilder (c) Tschaikowsky Wettbewerb / Arte Konzerte Essen / Der Opernfreund

 

OPERNFREUND PLATTEN TIPP

 

 

 

 

Krzysztof Pendereckis

LUKAS-PASSION

(Passio et mors Domini nostri Jesu Christi secundum Lucam)

13.11.2016

Ein Groß-Ereignis

 

"Nicht ich habe die Avantgarde verraten, im Gegenteil: Die Avantgarde hat Verrat an der Musik begangen." (K.P.)

 

Es ist gerade die LUKAS-PASSION mit der Krzysztof Penderecki, einer der ganz großen Komponisten der Nachkriegs- Avantgarde, weltberühmt wurde, als sie im Rahmen der 700-Jahr-Feier des Münsteraner Domes (Kompositionsauftrag des WDR) am 30. März 1966 mit großem Nachhall uraufgeführt wurde.

"Dieser Sensationserfolg der wohl erstmals nach Alban Bergs WOZZECK suggerierten avancierten Musik sei von der Mehrheit des interessierten Publikums rezipierbar, erklärte sich daraus, daß Penderecki den elfenbeinernen Turm avantgardistischer Eigenbezüglichkeit und musikmaterialer Selbstgenügsamkeit verließ" Besser als Ulrich Schreiber könnte man es kaum formulieren und trefflicher beschreiben, warum so viele Opernfreunde - den Kritiker eingeschlossen - Pendereckis Musik mögen. Ich gebe zu, ein erklärter Fan seiner Opern (DIE TEUFEL VON LOUDUN - UA 1969 in Hamburg, PARADISE LOST - UA 1978 Lyric Opera of Chicago, DIE SCHWARZE MASKE - UA 1984 in Salzburg & UBU REX - UA München 1991) zu sein, die leider im unsisonen Langweiler-Repertoire des Ewiggleichen an unseren hochsubventionierten Opernhäusern kaum auftauchen. Wenn doch, dann fahren Sie bitte unbedingt hin.

Was macht nun neben dem gigantischen Orchesterapparat des großen Mahler-Orchesters und der Applikation von sagenhaften vier Chören (!) die Einmaligkeit dieser grandiosen LUKAS PASSION aus? Es ist seine aufregende Klangsprache, seine aufwühlende, ja erschütternde Kraft. Neben Gregorianik und relativ neuromantischen Klangbildern in der Tradition von Bach, Wagner und Mahler sind Kontrapunktik und Zwölftönigkeit so lebendig frisch und spannend eingebaut, daß die gut 80 Minuten wie im Flug vergehen. Und wenn dem Zuhörer einmal doch die Augen zufallen sollten, bringen Pendereckis fast martialisch zu nennende gut verteilten Fortissimo-Akkordballungen auch dem alltagsgestressten Konzertgänger sofort wieder in die Waagerechte ;-). Der gebannte Zuhörer merkt, empfindet gar körperlich, was der Komponist ausdrücken möchte und ist tief beeindruckt; egal wo das Werk aufgeführt wurde.

"Diese Passion ist die Darstellung des Leidens und Todes Christi, aber gleichzeitig auch des Leidens und Todes in Auschwitz, die tragische Erfahrung der Menschheit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. In diesem Sinne soll sie nach meinen Absichten und Gefühlen universellen, humanistischen Charakter haben."

Penderecki hat sich dabei nicht nur an den Passionsvertonungen von Johann Sebastian Bach orientiert, sondern erzählt auch alles auf Latein, was ihm bei seinen zeitgenössischen Kollegen viel Schelte einbrachte. Ja, hochverehrte liebe Opernfreunde, als wahre und anerkannte Moderne gilt immer nur das, was man nicht auf Anhieb versteht, was die Ohren verstört, wo kaum jemand hingeht, oder das Publikum gleich zu Beginn in Panik und Befremden flüchtet. (Vorsicht Ironie!)

Bei Penderecki sind auch traditionelle Hörgewohnheiten gut aufgehoben, denn welcher moderne Komponist hat es jemals geschafft, daß sein Auditorium ihn mehr mit als einer halbe Stunde (Warschau) in Standing Ovations und mit Hoch-Rufen applaudierend feierte? Gestern in der Essener Philharmonie waren es immerhin gut 15 Minuten und das obwohl der Maestro nicht (wie angekündigt) selbst dirigiert, sondern die Leitung seinem langjährigen treuen Mitarbeiter Maciej Tworek überließ - was dieser vorzüglich machte.

Allerhöchstes Lob am Ende nicht nur für die überragenden Solisten (Thomas Büchel / Sprecher, Olga Pasichnyk / Sopran, Bart Driessen / Bass und Jaroslaw Breks / Bariton) sondern auch für die tollen Chöre (Philharmonische KammerChor Essen, Kettwiger Bach-Ensemble, die Kölner Kantorei und der Knabenchor Hannover) und ein bis ins Feinste hochkonzentriert aufspielendes Orchester der Essener Folkwang Universität der Künste.

Wer nicht dabei war, hat ein Ereignis ersten Ranges verpasst, welches sich sicherlich so schnell nicht in Bälde wiederholen wird.

Peter Bilsing 14.11.16

Bilder (c) Der Opernfreund

 

PS - Negatives peinliches Apercu

Leider begann das Konzert erst mit über 20-minütiger Verspätung. Der Grund: Die unfassbare Langsamkeit der Theaterkassen, die es nicht schaffen 50 Anstehende zügig abzufertigen - und das bei einem Einheitspreis von 17 Euro bzw. ohnehin freier Platzwahl - unfassbar! Wobei ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, warum sich der präsente Intendant - der sich immerhin nach 20 Minuten (!) beim Publikum entschuldigte, sich nicht vorher ein Herz fasst und die letzten Wartenden eine Minute vor Konzertbeginn dann zügig umsonst per order mufti in die Philharmonie leitet.

Vorbild hätte der, leider viel zu früh verstorbene, Düsseldorfer Ex-Intendant der Tonhalle Peter Girth, sein können. Ich erinnere mich noch gut: Er verschaffte anno 1986 gut 400 Konzertinteressierten auf diese Weise ohne "wenn und aber" gratis Einlass zur dritten Aufführung des Städtischen Sinfoniekonzerts. Ursache: Die Düsseldorfer hatten ihren lokalen Musikkritiker vertraut; aufgrund der sehr guten Kritik und der extra ausgesprochenen dringenden Empfehlung stürmten sie geradezu in Heerscharen zur dritten Aufführung des Städtischen Sinfoniekonzerts.

 

OPERNFREUND-Platten-Tipp

 

 

 

Riccardo Chailly & die Filarmonica della Scala

Philharmonie Essen am 24.9.16

Ein italienischer Traumabend

Luigi Cherubini - Konzertouvertüre G-Dur

Luigi Cherubini - Sinfonie D-Dur

Giuseppe Verdi - "Die vier Jahreszeiten" aus "Die sizilianische Vesper"

Gioacchino Rossini - Ouvertüre zu "Wilhelm Tell

Zugabe: Verdi Ouvertüre "Die sizilianische Vesper"

Riccardo Chailly, der einstige Chef des Amsterdamer Concertgebouw-Orchesters sowie des Gewandhausorchesters Leipzig und aktueller Musikdirektor des traditionsreichsten großen italienischen Opernhauses a la Scala, brachte einen rein italienischen Abend und - ich nehme es gleich vorweg: Es war wunderbar.

Daß eben nicht die üblichen Konzertreißer, wie  pars pro toto: La Mer, Bilder einer Ausstellung, Aus der Neuen Welt, Bolero oder Beethoven 5. dabei waren, sondern das beste Italienische Orchester unter einem der weltbesten Dirigenten sich nur auf original italienische Musik von Cherubini, Verdi und Rossini beschränkte, fand ich ausgesprochen positiv, denn besser - sagen wir es klarer: exzellenter, virtuoser und eleganter kann man diese Musik nicht präsentieren; kriegt man sie eigentlich selten bis nie zu hören (auch nicht auf CD ;-)

Leider hatte das fehlen des Altbekannten und Üblichen auch Auswirkungen auf das Essener Publikum, die am Samstag gut ein Drittel des Auditoriums frei ließen - schade, liebe von mir eigentlich stets hochgeschätzten Essener Philharmonie-Freunde, da habt Ihr was verpasst.

Umso begeisterter reagieren die anwesenden Musikkenner. Es war ein Italienischer Traum, insbesondere von Cherubini hört man in unseren Breiten nämlich wenig und so waren sowohl Sinfonie, als auch die Konzertouvertüre nicht nur repertoire- und wahrnehmungserweiternd sondern auch Maßstab und Einnordung unseres Gehörsinns für italienische Meisterwerke.

Natürlich haben sowohl Verdis Ballettmusik aus "Les vêpres siciliennes" (Die vier Jahreszeiten), als auch die Ouvertüre zu Rossinis "Guillaume Tell" mehr Substanz und Tiefe, wenn man sie unbedingt suchen möchte, aber Cherubini empfand ich gerade in seiner Leichtigkeit und sprudelnder Frische als angenehmen ersten Akt, wenn man den Abend in zwei Akte mit Pause teilen möchte.

Ein Konzertabend vom Feinsten in stimmig intelligenter und ohrengenehmer Programmabstimmung, wobei Chailly den Concerto Populare Charakter (Stichwort: Prinzenrollen!) aus dem Tell Vorspiel herrlich unprätentiös interpretierte. Riesenjubel beim enthusiasmisierten Essener Publikum.

Ein schöner Abend einfach mal nur zum Genießen...

Peter Bilsing 26.9.16

Bilder (c)

www.filarmonica.it/

Philharmonie Essen / Sven Lorenz

 

 

LUCIA DI LAMMERMOOR

am 29. Mai 2016

Großartige Diana Damrau begeistert das Opernpublikum

 

Wenn es bereits zur Pause Standing Ovations vom Publikum gibt, darf man gewiss sein, einer ganz besonderen Opernaufführung beizuwohnen. Dies war am gestrigen Abend in der Essener Philharmonie ganz sicher der Fall. Eine mit Ovationen überschüttete DIANA DAMRAU faszinierte das Publikum mit ihrer einzigartigen Darstellung von Donizettis Lucia di Lammermoor aus der gleichnamigen Oper. Zusammen mit dem großartigen Tenor Piero Pretti bildete sie das zentrale Liebespaar in dieser von Melodien überreichen tragisch-schönen Belkantooper

 

Im Rahmen ihrer Programmreihe „Grosse Stimmen“ präsentierte die Philharmonie Essen am Sonntag, dem 29. Mai 2016, die konzertante Aufführung von Gaetano Donizettis tragischer Oper „LUCIA DI LAMMERMOOR“. Die Titelpartie immer schon eine Paraderolle für die bedeutendsten Koloratursporanistinnen ihrer Zeit.

Mit Diana Damrau in der Titelpartie wartete Essen mit der wohl für sehr viele Opernfans derzeit besten Lucia weltweit auf. Die Erwartungen durften entsprechend hoch sein. Und sie wurden sogar noch übertroffen! Das Publikum im ausverkauften Haus erlebte eine Diana Damrau von atemberaubender Intensität, gesanglich, als auch in ihrer gestischen Darstellung. Schon in ihrer Eingangsarie im ersten Akt ( „Regnava nel silenzio“ ) begeisterte sie das Publikum restlos und wurde mit Bravo-Rufen förmlich überschüttet. Ergreifend dann das folgende Duett der sich heimlich liebenden Lucia und Edgardo ( „Sulla tomba che rinserra“ ). Hinreissend und hochemotional von ihr und ihrem Bühnenpartner, dem Tenor Piero Pretti, gesungen. Und natürlich krönte sie mit ihren ganz besonderen stimmlichen Mitteln auch das geniale Sextett im zweiten Akt ( „Chi mi frena in tal momento“ ) und liess es damit auch zu einem der vielen Höhepunkte dieses konzertanten Opernabends werden.

Diana Damrau (Lucia) und Piero Pretti (Edgardo)

Ihre Koloraturen in der berühmten „Wahnsinnsszene“ , zweiter Akt / 4. Bild, ( „Il dolce suono“) erklangen im Zusammenspiel mit der Glasharmonika kristallklar, fast überirdisch und zutiefst berührend. Ihr abschliessendes dramatisch-verzücktes „Spargi d’amaro pianto“ mit dem überragend gesungenen abschließendem Spitzenton riss das Publikum förmlich von den Sitzen.

Diana Damra, ein Weltstar mit einer Weltklasseleistung!

Viel hat sich Frau Damrau im Vorfeld zur Einstudierung ihrer auf der ganzen Welt gefeierten Lucia-Interpretation vorbereitet. Sie tat dies sogar in der Nervenklinik in ihrer Heimatstadt Günzburg. Es war ihr wichtig zu erfahren, wie Psychiater eine Figur wie die der Lucia medizinisch einschätzen. Nach ihrem ganzen Verhaltensmuster zeigt Lucia für die Mediziner „bipolare Züge“, die bereits in ihrer ersten Arie zutage treten würden, wenn sie dort von einer gespenstischen Vision singt (erzählt). Diese interessante Information aus dem Programmheft der Essener Philharmie zum gestrigen Abend zeigt eindrucksvoll, wie sehr sich die Sängerin mit einer Rolle im Vorfeld beschäftigt. Sie auch psychologisch durchleuchtet, um für sich selbst ein möglichst gesamtes und schlüssiges Bild einer Partie zu erhalten.

Frau Damrau war zwar der groß angekündigte Star des Abends, aber sie war umgeben von einem Team herausragender Opernsänger (-in). Hier an allererster Stelle zu nennen der italienische Tenor Piero Pretti, der besonders im letzten Akt seinen ganz großen Auftritt mit der wundervoll vorgetragenen Arie „Tombe degli avi miei“ hatte, dem er ein zu Herzen gehendes „Tu che a Dio spiegasti l’ali“ am Ende anschloss. Viel Applaus und Bravos für diese Leistung!

Nicolas Testé (Raimondo) und Diana Damrau, im Hintergrund Dirigent Gianandrea Noseda

Als Lucias Bruder Enrico war Gabriele Viviani verpflichtet worden. Der in Lucca/It. geborene Bariton überzeugte das Publikum mit sehr kultiviertem und kraftvollem Gesang. Nicolas Testé als Raimondo und Francesco Marsiglia als Lord Arturo (dem ungewollten Bräutigam der Lucia), sowie Daniela Valdenassi als Alisa und Luca Casalin als Normanno rundeten das durchweg sehr ansprechende Solistenensemble ab.

Der Damen und Herrenchor des Teatro Regio Torino belegte einmal mehr seinen überaus guten internationalen Ruf als Opernchor.

Der vorzügliche Dirigent und musikalische Leiter des Abends, Gianandrea Noseda, wurde ebenfalls zusammen mit seinem Orchester (Orchester Teatro Regio Torino) vom Essener Publikum gefeiert für eine hochemotionale konzertante Donizetti-Opernaufführung allererster Qualität.

Wer an diesem Abend dabei war, wird dieses Opernerlebnis sicher nicht vergessen. Auch für mich gehört es jetzt schon mit zum Besten, was ich in vielen Opernjahren erlebt habe. Diana Damrau, die beim Schlußjubel überaus sympathisch und gar nicht Diva-like herüberkam, hat das Essener Philharmonie-Publikum restlos begeistert. Da hat sich jede, noch so weite, Anreise gelohnt!

Detlef Obens 30.Mai 2016

Bilder (c) Philharmonie Essen / Saad Hamza

 

 

 

WELTKLASSE HOCH DREI

Kristine Opolais / Boston Symphony Orchestra & Andris Nelsons

Am 4.5. 2016 im Alfried Krupp Saal der Philharmonie Essen

Die sogenannten BIG FIVE aus Amerika (Neben den BSO sind das: New York Philharmonic, Chicago Symphony, Philadelphia Ochestra & Cleveland Orchestra)  waren dankenswerter Weise schon alle in Essen zu erleben. Eine objektive Hitparade zu erstellen ist immer schwierig, sind sie doch alle von europäischen Dirigenten maßstabsetzend geprägt worden. NYP (Mahler, Toscanini, Bernstein...), CSO (Kubelik, Martinon, Solti...), PO (Muti, Sawallisch, Eschenbach...) sowie das CO (Szell, Boulez, Welser-Möst...). Meinen Platz Eins aktuell ziert jedenfalls das BSO.

Das BOSTON SYMPHONY ORCHESTRA zeigt sich als geradezu bienenfleißiges Reiseorchester. Spielten sie am Sonntag, dem 1.Mai (in Amerika kein besonderer Feiertag!), noch in ihrer eigenen Symphony Hall in Boston, bewegte man sich flugs zum Dienstag hin schon nach Frankfurt; Donnerstag steht Leipzig auf dem Reiseplan, Freitag: Dresden, Sonntag: München, Montag/Dienstag Wien, Mittwoch: Hamburg und Donnerstag: Luxemburg. "Europe in seven days" könnte man in Anlehnung an einen alten US-Reiseslogan das Ganze ironisch nennen.

Das Essener Programm vom Mittwoch weicht dabei vom sonstigen Mahler 9. ab, was diesen Abend eigentlich besonders für aufgeschlossene Musikfreunde und Raritätensammler interessant machte. Oder kennen Sie, verehrte Opernfreunde, die Suite von Dmitri Schostakowitsch betitelt "Schauspielmusik zu Hamlet" (nach Shakespeare). Und wer kennt schon Sergej Rachmaninows Lied "Zdes hhorosho" (Wie schön dieser Platz - op. 21 Nr. 7)?

Letzteres wurde von Weltstar Kristine Opolais  begnadet und traumhaft schön interpretiert, ebenso wie die folgende Tatjanas Briefszene aus "Eugen Onegin" (Pjotr I. Tschaikowski). Wer Frau Opolais erlebt, begreift schnell warum diese Sängerin zurzeit als die absolute Number One gilt, insbesondere wenn weder Anna Netrebko, noch La Garanca greifbar sind. Ihre unprätentiöse Darbietung schafft feuchte Augen auch bei hartgesotten, bärbeissigen Kritikern ;-). Optik und Klangbrillanz gehen bei ihr Hand in Hand; Ohr in Auge mit einem genügend rubatoreichen Orchester, das geradezu himmlisch mit 120 Stimmen einen gepflegten Tschaikowski intoniert. So einen Abend zu verbringen ist ein Glücksfall und Balsam für das oft hartgeprüfte Seelenheil eines Kritikers. Daß dabei die rund 1800 Zuhörer nun wirklich im 7. Himmel schwebten, braucht man eigentlich nicht zu erwähnen. So far zum ersten, nennen wir ihn, den "russischen" Teil.

Bei soviel Rarität und Anspruch konnte der zweite Teil - nennen wir ihn: den "französischen Teil" - nur unter dem Aspekt eines CONCERTO POPULARE ablaufen. Wenigstens diesmal nicht Mussorgskis Bilder einer Ausstellung oder Dvoraks Neue Welt, sondern Claude Debussy La mer und Maurice Ravel La Valse. 

Eigentlich ein Allerweltsprogramm, welches so, oder in ähnlicher Konstellation - Ravels "Bolero" hätte ich fast vergessen - allüberall offeriert wird. Dennoch muß konzidiert werden: Es hat sich gelohnt. Ich habe Ravels Walzer so ungeheuer fulminant und derart hin- wie mitreißend dramatisch interpretiert, selten gehört. Vom vielgeqälten Filmmusik-Charakter konnte nicht annähern die Rede sein. Auch die Hitparade der Volksmusik rauf- und runtergespielt würde bei diesem 5-Sterne-Orchester neu erstrahlen ;-) Bravi à la bonheur!

Somit schließ ich mit meiner Titelzeile: "Weltklasse hoch drei". Höchste Noten für Dirigent, Solistin und Orchester. Was für ein Konzertabend! Wer nicht dabei war, sollte wenigsten jetzt bitterlich anfangen zu weinen...

Peter Bilsing 7.5.16

Bilder (c) bso.org / Philharmonie Essen

 

 

 

Mutter’s Virtuosi virtuos in Essen

am 10.4.17

Das hat fast symbolische Bedeutung. Nicht endenden wollender Jubel nach dem Konzert von Anne-Sophie Mutter und ihren Virtuosen in der Philharmonie Essen holt sie immer wieder auf die Bühne zurück. Anne-Sophie Mutter ist von der Euphorie des Publikums so angesteckt, dass sie auf die Schleppe ihres eleganten, leuchtend blauen Kleides tritt und sie verlängernd zerreißt. 

Es ist wie ein Bildkommentar zur ihrem Engagement für dieses besondere Konzert. Inmitten der Eleven ihrer Stiftung ist sie La Grande dame du violin, die sich gemeinsam mit dem Kammerorchester Mutter’s Virtuosi für die Musik schier zerfetzt. Der Name Mutter ist Programm im besten Sinne.

Das Konzert d-Moll für zwei Violinen, Streicher und Basso continuo, BWV 1043 von Johann Sebastian Bach ist dafür beispielhaft, wie sie sich als Dirigentin und Solistin auf Augenhöhe mit den 2. Violinen versteht. Im 1. Satz Vivace spielt Mikhail Ovrutsky mit Anne-Sophie Mutter in absoluter Gleichberechtigung beider Stimmen selbstbewusst und gleichzeitig darauf bedacht, sie miteinander zu einem kontrapunktisch dichten Satz zu verbinden. 

Im berühmten Largo in F-Dur verdichtet Fanny Clamagirand hymnisch Bachs Musik. Im Dialog mit dem stabilen Energiezentrum Mutter hat ihr Spiel etwas Elegisches, Zerbrechliches, als würde ihre ätherisch durchscheinende Jugendlichkeit das Bild zur Musik sein. Das abschließende Allegro gestalten Noa Wildschut und Anne-Sophie Mutter in einem weiblichen, sich aufmunternd zulächelnden Einverständnis. Temperamentvoll antworten die Violinen wechselweise mit kanonischen Energieschüben.

Begonnen hatte das Programm mit dem Nonett für zwei Streichquartette und Kontrabass von André Previn, das Anne-Sophie Mutter gewidmet ist. Uraufgeführt 2015 im Rahmen des Edinburgh International Festivals, überzeugt es in Essen mit orchestraler Klangopulenz. Kontrastreich zwischen Fortefortissimo und Pianissimo piano wechselnd, durchsetzt von Pizzicati-Passagen der Streicher, dialogischen Basslinien sowie Duetten zwischen Solo-Geige und Cello, schafft die Previn-Komposition assoziationsreiche Klangbilder. Von dezidiert gesetzten Generalpausen gerahmt, raunt das Orchester metaphorisch dunkle Wolken herbei. Mit einer Solo-Kadenz setzt Mutter den Schlusspunkt unter eine überzeugende Komposition.

Von Antonio Vivaldis 12 Violinkonzerten Il cimento dell’armonia e dell’inventione op. 8, zwischen 1700 und 1721 entstanden, sind die ersten vier die berühmtesten: Die vier Jahreszeiten – Konzert für Violine, Streicher und Basso continuo. In der 40jährigen Bühnenpräsenz von Anne-Sophie Mutter hat dieses Konzert eine Initialfunktion. Das Bild von Herbert von Karajan mit der kleinen Anne-Sophie auf der Bühne ist inzwischen Teil des kulturellen Gedächtnisses von mehreren Generationen. Wie weit sie sich vom Karajanschen Großorchesterklang entfernt hat, ist in der kammermusikalische Besetzung und Artikulation von Mutter’s Virtuosi an diesem Abend hörbar – und sichtbar. Mit ihr steht eine gereifte Künstlerin als prima inter pares auf der Bühne, um die sich ihre Schülerinnen und Schüler, ihre musikalischen Kinder zu einem eindrucksvollen Musizieren versammeln. Das Blau ihres Kleides und das Dunkelblau der Decke in der Philharmonie korrespondieren als Klammer zwischen ihr und dem Publikum. Ihre gestaltende Rolle ist, farblich konnotiert, eindeutig, so wie das Kostümschwarz ihrer Virtuosi die musikalische Gemeinschaft symbolisiert. Zu hören ist eine nuancenreiche Klangfarbigkeit.

Die von Vivaldi in die Partitur geschriebenen Sonette unbekannter Herkunft machen Die vier Jahreszeiten zu einer Programmmusik, deren Stimmungsbilder jeder Zuhörer für sich ausmalen kann. Man spürt unmittelbar, mit welchem Esprit Mutter Vivaldis Jahreszeiten kammermusikalisch einerseits explodieren lässt, um im nächsten Moment mit einem gedehnten Pianissimo unerhörte Hör-Räume zu schaffen. Von Vogelgezwitscher, durchbrochen von Sommergewittern, bis zum Schlummerlied eines Hirten, beendet durch Hundegebell, bis zum Finale, das mit Allegro. Danza pastorale bezeichnet ist, bringen Mutter’s Virtuosi die Musik prachtvoll zum Klingen.

Weder die zerfetzte Schleppe noch das atemlos staunenden Nachhören des letzten Jahreszeiten-Tons sind dem Publikum Grund genug, Anne-Sophie Mutter und das Kammerorchester ohne Zugaben zu entlassen. Am Ende sind es drei. Mit dem Air aus Bachs 3. Orchestersuite verabschieden sie sich von einem begeisterten Publikum.

Peter E. Rytz 17.04.2016

Fotos (c) Philharmonie Essen / Alfonso Salgueiro

 

 

 

IM SIEBTEN PUCCINI HIMMEL

mit Jonas Kaufmann & der Staatskapelle Weimar

Philharmonie Essen 6.4.16

Nachdem Jonas Kaufmann in diesem Jahr alle großen Termine indisponiert abgesagt hatte, war die Freude beim Essener Publikum natürlich groß, daß der Superstar jetzt wieder einigermaßen präsent war und mit den Hitparadennummern aus Puccinis Werken das Publikum bezauberte. Daß er am Wochenende in der Wiener Staatsoper den von seinen Fans lange erwarteten Cavaradossi singt, sollte auch nach den erkennbaren Anstrengungen des gestrigen Konzerts erwartet werden können. Sagen wir es gleich rundheraus:

Der "Supertenor" gab zwar gestern alles für seine Fans, ist aber sicherlich noch nicht wieder zu 100 Prozent der Alte; wenn man überhaupt erwarten darf. Nach seinem letzten Brillierstück "Nessum dorma...", hätte es jeder verstanden, daß er diesmal nicht noch drei Zugaben singt; aber Fans sind ja leider unbarmherzig und verfügen über wenig Empathie, Wahrnehmung und Einfühlungsvermögen.

Und:

Der sympathische Künstler ist ein zu anständiger Kerl, um sein Publikum zugabenlos zu verlassen. Dabei hätten es sicherlich nicht wenige Musikfreunde durchaus verstanden; immerhin sang er keine sogenannten Kawenzmänner mehr, sondern mit zu Recht und gesund gebremstem Schaum gab er als Extras: Giacomo Puccinis „Recondita armonia", Licinio Refices „Ombra di nube“ und Ernesto di Curtis „Non ti scorda di me". Ein schöner, leichter und glücklicher Ausklang.

Dennoch sollte man sich Sorgen machen, daß er nicht ein ähnliches Schicksal wie sein einstiger ebenfalls großer Kollege Rolando Villazon erleidet. Zuviel des Guten - bei Kaufmann muß man schon sagen zuviel des Sehr Guten! - kostet Substanz und zehrt an der Stimme. Ein "weiter so" würde mich als erfahrenen langjährigen Kritiker und Beobachter bedenklich und traurig stimmen...

Nichts desto trotz war es ein wunderbarer Abend und mir gefielen die weniger bekannten Szenarien aus "Le Villi" und "Edgar" eigentlich am besten; auch brillierte die Staatskapelle Weimar, jenes urdeutsche Orchester mit großer Tradition und Spielkultur (gegründet schon 1491) unter Jochen Rieder mit einem rubatoreichen Puccini-Sound von hoher Qualität. Selten findet man in solchen sogenannten "Starabenden" Orchester, zu denen man auch ohne Weltstar gehen würde, weil sie einfach grandios aufspielen und eben keine Lückenfüller sind. Daher geht mein großes "Bravi!" an dieses wunderbare Orchester - nicht nur weil es aus meiner Heimat- und Geburtsstadt kommt ;-)). Das ist echte Orchesterkultur!

Den Weltstar in irgendeiner Form kritisieren zu wollen, wäre bejammernswürdiges Kritikastertum. Nicht umsonst gehört er zu den weltbesten und weltweit gefragtesten Tenören unserer Zeit. Daß er darüber hinaus wirklich sagenhaft gut aussieht und auch glaubwürdig und herrlich rüberkommt ist ein Glücksfall, wenn ich da so an andere Tenöre denke - ein Frauentyp, den ich mir wäre ich Film-Regisseur durchaus  in der Rolle des neuen James Bond vorstellen könnte; ich glaube alle Bond-Girls wären verzückt...

Man nimmt ihm einfach die Rollenidentifikation auch ohne Kostüm und Inszenierung (wie einst bei der Callas) klaglos ab und versinkt fasziniert in seine Interpretation und Hingabe. Jonas Kaufmanns fabelhaft unprätentiöse Darbietung, wobei er jeden Funken an Emotion, die in Puccinis herzergreifender Musik liegt, aufblitzen lässt, ist einmalig. So etwas bereitet auch dem hartgesottensten Kritiker zuweilen feuchte Augen...

Ach wie himmlisch, traumverloren und schön kann doch dieser Puccini sein, wenn er so ergriffen mit Herz und Schmerz gesungen wird. Ja, wir sterben ergriffen mit ihm, ob als Cavaradossi oder Des Grieux. Und wenn er vom "Blütenreich" Abschied nimmt dann ist das schon fast tränenreicher als der Suizid der Butterfly neben ihrem kleinen Söhnchen -zumindest für viele seiner weiblichen Fans.

Oh wie herzergreifend und berückend kann doch Oper sein...

Peter Bilsing 7.4.16

Bilder (c) Philharmonie / Sven Lorenz

 

 

MAHLER CHAMBER ORCHESTRA

mit DANIEL HARDING

am 19.2. 2016

Beim Leipziger Mahler-Fest vor fünf Jahren hinterließ Daniel Harding mit dem Mahler Chamber Orchestra nicht eben den besten Eindruck: Er ebnete die schroffen Gegensätze, das Verstörende und das Heitere der Vierten Symphonie in einer gekonnt brillanten Darstellung ein. Anders nun in Essen: In der „Auferstehungssymphonie“ in der Philharmonie kam ihm der Blick auf die Einheit der Musik entgegen.

Denn Mahlers Zweite vereinigt zwar die heterogenen Formen der musikalischen Traditionen ihrer Zeit. Rudolf Stephan nennt in seiner Analyse „hohe“ und „niedere“ Musik, Instrumentales und Vokales, Sonate und Volkslied, Choral und Ländler. Aber die Symphonie, und das macht Daniel Harding in seiner schlüssig-geschlossenen Darbietung deutlich, schöpft ihre Wirkung weniger aus grellen Gegensätzen, sondern aus dem Sog, der zum Finale führt: „Aufersteh’n, ja, aufersteh’n wirst du“ verkünden da der mit wundervollem Piano ansetzende Chor der Mahler Chamber Orchestra Academy und der aufblühende Sopran Christiane Kargs.

Allenfalls hätte der Ausbruch des Ekels im dritten Satz greller tönen, radikaler formuliert sein können. Die wundervoll schwebenden Streicher-Pianissimi des Mahler Chamber Orchestra – in riesiger Besetzung –, die elegischen Holzbläser-Soli banden sich eher an den lyrischen zweiten Satz als einen Kontrast zu betonen. Aber sie entsprechen andererseits der „ruhig fließenden Bewegung“, die Mahler für den mittleren seiner fünf Sätze fordert.

So mag die Prater- und Zirkusmusi noch so grinsend stampfen und blasen: Der große Atem, den Harding unverstellt strömen lässt, führt letztendlich zu Liebe, seligem Wissen und Sein, wie Mahler in seinem ursprünglichen „Programm“ schreibt. Dass Harding auch die „Totenfeier“ des ersten Satzes, ursprünglich als „symphonische Dichtung“ gedacht, in diese Bewegung eingebunden sieht, ist nur konsequent.

In seiner klugen Einteilung dynamischer Wirkkräfte hat Harding für die Apotheose des letzten Satzes mit Glocken und Orgel noch Reserven gelassen. Entsprechend monumental stellen das Mahler Chamber Orchestra und der von Alexander Eberle einstudierte Chor diesen Gipfelpunkt aus. AuchBernarda Finks Alt preist mit freiem Ton den Weg vom Tod zum Licht.

Der Schmelz des Mahler Chamber Orchestras lässt keine Schlacken zu: Die Explosionen des Trauermarschs im ersten Satz ereignen sich glühend homogen, die brucknerisch anmutenden Streicher-Idyllen meiden sprödes Kräuseln. Holz und Blech strahlen ganz locker Zaubertöne in den Raum. Und zu Beginn zeigen die Kontrabässe mit entschiedenem Schritt: Bei Mahler geht es um alles andere als um verzärtelte Idyllen. Die sind, wenn sie erscheinen, immer nur Erinnerung an das Ersehnte: Erlösung.

Werner Häußner 26.1.16

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

 

Bedrich Smetana

MEIN VATERLAND

Mit einer halbstündigen Einführung ("Die Kunst des Hörens"), Moderation Christoph Vratz, sowie mit dem Dirigenten Jakub Hrusa und Mitgliedern des Orchesters.

Philharmonie Essen am 24. Januar 2016

E lucevan le stelle

Welch ein Traumabend mal wieder in der Essener Philharmonie! Und als besonderes Schmankerl dazu eine halbstündige Einführung in das Werk, die der in Essen bewährte Moderator Christoph Vratz (bis auf den kleinen, schnell korrigierten Faux Pas, daß Smetana eben nicht blind, sondern taub war am Ende der Komposition) sehr charmant und eloquent leitete.

Einsam saßen gleich zu Anfang die zwei Harfenvirtuosen des WDR Sinfonieorchesters im leeren Orchesterrund, aber nicht nebeneinander, sondern sich räumlich gegenüber. "Ein wunderbarer Auftakt", so

Jakub Hrusa (hochkompetenter und trotz jungen Jahren schon renommierter Spitzen-Dirigent mit tschechischen Wurzeln, der demnächst GMD der Bamberger wird), denn die ersten zwei Minuten braucht es keinen Dirigenten, da spielen die Harfen alleine.

Wie schön es wirklich und richtig stereophon klingt, ließen die beiden Musiker das (sich eine gute halbe Stunde vor offiziellem Konzertbeginn stattlich schon eingefundene) Essener Publikum darauf erleben. Welch ein toller Klang, wenn sich zwei Harfen  in den ätherischen Höhen der phänomenalen Akustik dieses Traumkonzertsaales verlieren; später inmitten der anderen hundert Musikern klang es dann natürlich etwas gedämpfter.

Jakub Hrusa (Bild unten) betonte, daß er heute zum ersten Mal eine Einführung komplett in Deutsch sprechen würde und man möge seine Worte grammatikalisch nicht ganz so auf die Goldwaage legen. Er brach eine große Lanze für Smetanas Werke, die in Deutschland immer noch - ganz im Gegenteil zu England - nur begrenzt populär wären. Im Prinzip kenne und spiele man hier aus dem großen wunderbaren Zyklus Ma Vlast meist nur den zweiten Satz Die Moldau, während z.B. sein Lieblingsstück eher der dritte Teil Sarka wäre, den er öfter schon einmal mal in Konzerte einbaue.

Schöne informative und überzeugende Worte; man fragt sich tatsächlich, warum von den neun Opern Smetanas eigentlich immer nur die eine, nämlich "Die Verkaufte Braut", gebracht wird. Denn auch im Bereich der Orchesterwerke, der Kammer-, Klavier und Orgelmusik gibt es noch viel Schönes zu entdecken. Daher ist eine so gut gelungene Einführung nur in höchsten Tönen zu loben; man fragt sich, warum es solches nicht öfter gibt, auch außerhalb Essens. Meiner Meinung nach könnte so etwas auch mit einem großen Orchester - ganz in Erinnerung an den großen Lenny Bernstein und seine "Young People`s Concerts" - zur abendfüllenden Veranstaltung werden.

Was soll man noch zur Aufführung sagen außer "Besser geht es kaum!", denn wer könnte den größten Komponisten seiner Heimat besser dirigieren und repräsentieren als ein Genie von erst unglaublichen 35 Jahren, der nicht nur an der Akademie der Musischen Künste in Prag studiert hat, sondern immerhin schon sein Können als ständiger Gastdirigent der Tschechischen Philharmonie und diverser Weltorchester (u.a. Tokyo MSO, Philharmonia London, Gewandhaus Leipzig, Cleveland Orchestra, Orchestre Philharmonic de France) bisher erfolgreich unter Beweis gestellt hat.

Hinzu kommt, daß mit dem WDR Sinfonieorchester Köln ihm hier ein Weltklasse- Klangkörper mit exorbitanter Leistungsfähigkeit und Klangkultur zur Seite stand, dessen Interpretation auch einem Giganten wie Vaclav Neumann  in seinem diversen Aufnahmen, sei es mit den Pragern oder dem Gewandhaus-Orchester Leipzig (historisch begnadete Aufnahmen!), Paroli bieten kann.

Mal wieder ein Abend auf allerhöchstem internationalen Niveau in der Kulturstadt Essen in seinem akustischen Prachttempel, wo man die 90 Minuten dieses großartigen Zyklus auch in körpergenehmen Sitzgestühl freudvoll und leidenslos überstand. Der Jubel war berechtigter Weise mehr als enthusiastisch für eine Wiedergabe dieses im Gesamtzusammenhang seltenen Werkes, dessen Schönheit ja weit über die altbekannt hausbackene "Moldau" hinaus geht.

Ein großes "Bravo" für alle Beteiligten und die Präsentation in diesem Organisationsrahmen.

Die Sterne leuchteten für Bedrich Smetana an diesem unvergesslichen Abend besonders hell: in und über der Essener Philharmonie.

Peter Bilsing 25.1.16

Bild (c) Philharmonie Essen, WDR

P.S.

Mehr zum Konzert, welches einen Tag vorher auch in Köln (aber ohne Einführung!) statt fand, können Sie bei unserem Kollegen Christoph Zimmermann nachlesen.

 

Opernfreund CD Tipps

a.) erschwinglich und schön Jakub Hrusa

b) Leider gibt es diese tolle Aufnahme mit dem legendären Rafael Kubelik nur noch zu geradezu unverschämten Sammler/Mondpreisen

 

 

 

Anne Schwanewilms & London Philharmonic Orchestra unter Vladimir Jurowski

Konzert am 14.Dezember 2014 in der Essener Philharmonie

Lied ist mein Metier, deshalb bin ich Sängerin geworden

Die ehemalige Floristin aus Gelsenkirchen gehört zu den großen Sängerinnen unserer Tage, denen man gerne nicht nur beim Gesang, sondern auch im Interview zuhört. Stimmlich nahm sie eine bemerkenswerte Entwicklung: Als tiefer Alt angefangen über Mezzo bis heute zum klassischen Sopran mit hellsilbrig schönem Spinto-Klang. In der Philharmonie Essen heuer gab es nicht die großen Strauss Arien oder die überall präsenten "4 letzten Lieder", sondern sie begeisterte ihre Zuhörer und Fans mit den mehr leisen schönen Lieder von Richard Strauss; davon hat sie sich besondere ausgesucht:

“Die heiligen drei Könige”, op. 56 Nr. 6

“Waldseligkeit”, op. 49 Nr. 1

“Morgen”, op. 27 Nr. 4

“Das Rosenband”, op. 36 Nr. 1

“Wiegenlied”, op. 41 Nr. 1

Die Interpretation von "Waldseligkeit" war schlichtweg ein Traum an Schönklang und Sangeskultur, dazu noch in Verbindung mit dem hinreißenden Konzertmeister Pieter Schoenman und seiner Meistergeige. Das waren vier Minuten aus dem Musikhimmel, falls es ihn gibt.

Daß englische Orchester etwas zurückhaltender, sprich "sängerfreundlicher" aufspielen sagte Schwanewilms nicht nur im Interview, sondern es war auch in der brillanten Akustik der Essener Philharmonie genussvoll rezipierbar.

Das London Philharmonic Orchestra gehört zweifellos zu den besten der Welt und hat mit

Vladimir Jurowski den - meiner Meinung nach - auch zur Zeit besten Dirigent der Welt; daher waren die beiden Konzertstücke in Präsentation, Qualität und künstlerischem Feinsinn schlicht das Maß der Dinge an Orchesterwiedergabe.

Im ersten Teil des Abends konnte man die nicht nur in unseren Opernhäusern meistens (vor allem zur Weihnachtszeit) lieblos heruntergenudelte Ouvertüre zur Oper "Hänsel und Gretel" hören. Wobei "hören" eigentlich der falsche Ausdruck ist, denn es war ein Ereignis, welches man aus dem Orchestergraben selten so gehört hatte und wohl auch kaum je hören wird. Was für ein grandioses vielschichtiges und ausdifferenziertes Klanggemälde ist diese Ouvertüre, an der wir oft belanglos als schlecht gespielte Introduktion zum Weihnachts-Hänsel-und-Gretel vorbei gingen, ein großes Orchesterstück durchaus esrten Ranges.

Noch besser war dann aber Jean Sibelius 2.Sinfonie D-Dur; goldenes Blech, seidige Streicher und traumverlorene Holzbläser. Dafür geht man ins Konzert, um seinen Sibelius so wunderbar und einmalig erleben zu dürfen. Obwohl diese Sinfonie ja zu den noch am meisten gespielten vom ansonsten bei uns ja recht raren nordischen Komponisten gezählt werden darf.  Trotz mannigfacher CDs, die meinen Plattenschrank zieren, habe ich eine so treffende Interpretation selten gehört. Was für ein Klang!

Was für ein toller einmaliger Konzertabend!

Doch wo ward Ihr, liebe Essener Konzertfreunde? Gut ein Drittel der Plätze waren leer geblieben. Unfassbar! Da präsentiert die Philharmonie sozusagen das Beste an musikalischer Qualität, was man vielleicht auf dem Erdenrund hören kann - und das ab sagenhaften 15 Euro, also dem preis einer Kinokarte - und viele Plätze bleiben unverkauft. War es der Montag, oder das Programm?

Aber müssen es denn immer nur Beethovens Fünfte, Dvoraks Neue Welt oder die omnipräsenten Bilder einer Ausstellung sein? Das war eines der schönsten Konzerte dieser Saison. Und zufriedener kann man als Kritiker kaum in die verdienten Weihnachtsferien verabschiedet werden.

Bilder (c) Philharmonie Essen / LPO.org.uk

 

OPERNFREUND-CD-Tipp

Nur noch 8 Euro, bitte kaufen! Einfach wunderbar...

Ist etwas teurer, aber immerhin mit dem RPO und einem tollen Dirigenten.

 

CONCERTO POPULARE

Essen am 17.Oktober 2015

Aus den Urtiefen der russischen Seelen

Rachmaninow Klavierkonzert Nr.2

Tschaikowski Sinfonie Nr.6

Zugabe Ouvertüre "Russlan & Ludmilla" Glinka

Ivo Pogorelich / Fabio Luisi & Philharmonia Zürich

Gleich vorweg: wer sich in schönen Klängen dieses Rachmaninow wohlfühlen möchte und wem diese wunderbaren Urklänge aus der russischen Seele am Herzen liegen, sprich: wer so richtig romantisch schwelgen möchte, der sollte sich den mittlerweile erheblich gealterten einstigen (schon damals recht umstrittenen) Mega-Star des Pianoforte nicht antun. Hören Sie sich dann lieber die begnadete Hélène Grimaud an mit ihren geradezu mit himmlischer Leichtigkeit perlenden Anschlägen. Ein zarter Falter über dem Flügel des Klaviers. Dagegen wirkt Pogorelichs, um es nett zu sagen, "ausgesprochen druckvolles Spiel" eher ernüchternd. Irgendwie hat man auch den Eindruck, daß es ihm eigentlich egal ist, wer dieses Stück unter ihm dirigiert. Unabhängig davon ist er sicherlich weiterhin dieser Genius, als den ihn die berühmte Martha Argerich einst bezeichnete. Wo sie sogar wg. unzulänglicher Beurteilung des jungen Klavierlöwen (1980 Warschauer Chopin Concours) ihren Jurorentitel spontan niederlegte. Ich weiß nicht was sie heute sagen würde, aber für mich ist dieser Künstler immer noch ein "Genie" - so ihre damalige Bewertung.

Das letzte Mal - ich gebe es zu - habe ich den Klaviervirtuosen vor über 30 Jahren in der Düsseldorfer Tonhalle noch mit schwarz perlendem Vollhaar erlebt. Damals würdigte er das Publikum mit keinem Blick - trotz des Jubels nur ein einziges Wiederhervorkommen, ein kurzes arrogantes Nicken und weg war er; egal wie lange die Fans noch jubelten. Er strömte aus allen Poren eine manierierte Publikumsverachtung aus, die ich nie vergessen werde. Keiner seiner Fans nahm ihm das übel. Das ist eben ein wahrer Künstler...

Tempus fugit. Immerhin ist heute sein Schritt noch genauso fest und forsch wie damals, sein Haar hat er verloren wie die meisten seiner Fans, aber freundlich blickt er nicht. Und ehrlich gesagt sympathisch, man wird ja im Alter reifer und netter, wirkt er auf mich auch nicht. Egal - Toscanini war auch bei allen unbeliebt, gelegentlich sogar gewalttätig und trotzdem ein ganz Großer, was man Pogorelich in der Tat auch nicht abstreiten kann. Wer sich mit Klavier irgendwie beschäftigt, muß diesen Mann einfach einmal erlebt haben. Ein Gigant ohne Zweifel, der mittlerweile zum Urgestein geriert ist. Immerhin spielt er gegenüber damals außer Chopin fast alles. Das ehrt ihn. Wenngleich ich mir doch ein etwas anderes Programm gewünscht hätte.

Konnte einem der sehr sympathische und mit hochsensibler Gefühlsbalance ausgestattete wahre Maestro Fabio Luisi im ersten Teil noch etwas leidtun, so eroberte er mit dem vorzüglich disponierten Züricher Musici (Philharmonia Zürich), welches ich ohnehin neben den Münchnern für eines der absoluten europäischen Spitzenorchester halte, alle Herzen der Zuhörer und wir verloren uns in den Urtiefen der russischen Seele. Breiter tiefer emotionaler Klang, traumhafte Streicher mit genügend Rubato und himmlische Celli - wobei das Blech golden strahlte als säßen dort die Altmeister des London Symphony Orchesters. Kann man diesen "Hit" schöner, pathetischer und ergreifender spielen? Ich glaube nicht.

Ich denke, daß man auch im Zeitalter der moderneren Interpretationen, wo man Wagner nur noch kammermusikalisch spielt, Mozart mit historischen Instrumenten scheppert oder das, was auch immer damit gemeint ist, rubatofreie Orchester fordert, den schönen alten traumverlorenen Tschaikowsky ganz traditionell spielen sollte, spielen muss. Für mich war es ein Hochgenuss und so ein prachtvolles Orchester ist immer wieder geeignet die Maßstäbe, gerade jetzt wo es zu Weihnachten wieder überall von Nussknackern wimmelt, neu zu Recht zu rücken. Es war, trozt Bedenken, ein echter Sterne-Abend.

Peter Bilsing 22.10.15

Bilder: Philharmonie: Batalla Alfonso / Monika Rittershaus

 

OPERNFREUND-CD-TIP zu Pogorelich

Concerto Populare Stück 3 ;-)

 

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