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www.oper-graz.com/

 

 

DORNRÖSCHEN

Premiere am 31.10. 2015

Humperdinck in zeitgemäßer Wiedergabe

Dass Engelbert Humperdinck neben seinem wohl bekanntesten Werk »Hänsel und Gretel« noch weitere Märchenstoffe wie „Schneewittchen“ oder „Die sieben Geißlein“ und eben auch „Dornröschen“ vertont hat, ist weithin unbekannt. Peter P. Pachl bezeichnete diese Dornröschen in einem Artikel der NMZ des Jahres  2011 als unglücklichen Zwitter von Kindermärchen und großer Oper“ und schreibt über die Entstehung: „Dornröschen“ wurde ihm 1902, während der Arbeit an der Urfassung der „Königskinder“, als Libretto der Autorinnen Elisabeth Ebeling und Bertha Lehmann-Filhés angeboten. Die Berliner Jugendbuchautorin Ebeling verstand es, den Komponisten nach seiner Übersiedlung nach Berlin in Abhängigkeit zu bringen (sie stellte den Humperdincks ihr Haus zur Verfügung), so dass er sich zur Vertonung des unsäglichen Machwerks verpflichtet fühlte. Die Autorin widmete übrigens Humperdinck z. B. folgendes „Gedicht“, das auch im Grazer Programmheft abgedruckt ist:

Schon wieder naht das Jahres-Ende, stehn wir an der Sonnenwende. Und immer noch ruht schlafumfangen, geschloßnen Aug’s, mit züchtgen Wangen, Dornröschen, in den Turm gesperrt, und harrt auf Ritter Engelbert.

Dieses Gedicht hatte offenbar genützt - und „Ritter Engelbert“ machte sich endlich an die Vertonung. Im Juni 1902 wurde in Krefeld zunächst eine instrumentale Kurzfassung „Tonbilder aus Dornröschen“ aufgeführt, ehe dann im November desselben Jahres in Frankfurt am Main die szenische Uraufführung der kompletten Partitur stattfand.  In den letzten Jahren wurde Dornröschen gelegentlich aus der Vergessenheit hervorgeholt. 2010 produzierte das Rundfunkorchester München unter Ulf Schirmer das Werk mit Brigitte Fassbaender als CD und 2014 führte das Harztheater das Stück in Halberstadt gar szenisch auf - siehe dazu den Opernfreund-Bericht . Die Oper Leipzig hat das Werk seit 2013 in einer halb-szenischen Version in ihrem Repertoire und setzt das Stück auch heuer wieder in der Vorweihnachtszeit als Familienprogramm auf den Spielplan - hier kann man sich auf einigen Fotos einen Eindruck verschaffen, wie Leipzig an das Werk herangeht.

Die Oper Graz brachte eine konzertante Version in einer eigens für diese Grazer Erstaufführung geschaffenen Textfassung von Tilmann Böttcher unter Mitarbeit des langjährigen und erfahrenen Grazer Dramaturgen Bernd Krispin. Tilmann Böttcher kam mit Chefdirigent Dirk Kaftan 2014 aus Augsburg nach Graz und ist nun hier laut Homepage der Oper Graz „Orchestermanager und Referent des Chefdirigenten“  - seine Berufsbezeichnung erinnert ein wenig an den im Dornröschen mehrfach apostrophierten „Ober-Haushofmeiste"... Aber wie auch immer: den beiden Herren ist eine sehr geglückte Straffung des Werkes zu danken, das im Original aus „einem Vorspiel und drei Akten“ besteht und über 30 Solopartien vorsieht, wobei zwischen reinen Gesangsrollen, reinen Sprechrollen sowie Rollen, die wahlweise gesungen und gesprochen werden können, unterschieden wird. Man sehe sich dazu im Klavierauszug  des Jahres 1902 die vollständige Liste der auftretenden Personen an. In diesem Klavierauszug findet man auch die von Humperdinck speziell entwickelte Kreuznotenschrift, die den Rhythmus und die ungefähre Tonhöhe jener Partien festlegt, die wahlweise gesungen oder gesprochen werden können.

Für die Grazer Fassung wurde das Werk auf zwei Akte komprimiert, durch die die große Erika Pluhar das Publikum als Erzählerin führte. Sie saß am rechten Bühnenrand vor dem Orchester in einem großen Lehnstuhl und las den Text plastisch und ohne jegliches prätentiöses Märchenpathos. Die szenische Einrichtung des Werkes durch Christian Thausing sorgte dafür, dass nie konzertant-sterile Langeweile aufkam. Der Abend war durchsu ein theatralisches Erlebnis.Hinter dem Orchester- und Chorpodium gab es scherenschnittartige Videoprojektionen von Herwig Baumgartner, die sich nie ungebührlich in den Vordergrund drängten, sondern diskret den Handlungsfortgang illustrierten, und für die Auftritte einzelner Akteure wurde das ganze Haus genutzt: die Chordamen sangen aus den Proszeniumslogen, Rosa, die Feenkönigin und Morphina, die Fee des Schlafes traten in prachtvollen Roben (Kostüme: Barbara Häusl) vor das Orchester - und die nicht zum Fest geladene böse Fee Dämonia verkündete ihren Fluch effektvoll mitten aus dem Publikum im Parterre. Im zweiten Teil sang dann die Sonne ihre kurze Szene vom Balkon.

Durch die geschickte Straffung, durch die szenischen Andeutungen und vor allem durch eine ausgezeichnet zusammengestellte Besetzung gelang eine wunderbare und gelungene Balance zwischen naivem Kindermärchen und großer Oper. Das Stück dauerte samt einer Pause knapp zwei Stunden - das reicht, um einen guten und ausreichenden Eindruck der Humperdinckschen Komposition zu gewinnen, und das ist auch jenes Maß, das Kindern anteilnehmendes Zuhören erlaubt, umso mehr als die Musikstücke immer durch den Erzähltext ergänzt werden. Die Titelpartie war der jungen Ukrainerin Tatjana Miyus übertragen, die vor vier Jahren als Anfängerin in Graz im Opernstudio begonnen hatte und die seither  ihr Talent kontinuierlich weiterentwickelt hat. Miyus hat zuletzt in Gießen ihre erste Tatjana in Eugen Onegin gesungen - die Kritik lobt ihren „lupenreinen Sopran“ und feiert sie als „Entdeckung des Abends“. Erstmals hörte man sie in Graz nun im romantischen deutschen Fach - und auch das gelang ihr ausgezeichnet. Die Stimme sitzt in allen Lagen sehr gut und hat in den Spitzentönen warmen Glanz. Dazu kommt eine natürlich-frische Ausstrahlung - sie war eine sehr gute Besetzung und man kann gespannt auf ihre Micaela warten.

Die große Gegenspielerin ist die Fee Dämonia, eine von Humperdinck geradezu Kundry-ähnlich angelegte Figur. Iris Vermillion - in Graz zuletzt als Klytemnästra und als Küsterin umjubelt -  war in dieser Rolle die dominierende Persönlichkeit des Abends. Es ist dies eine jener Rollen im Stück, bei denen es Humperdinck offen lässt, ob sie melodramatisch gesprochen oder gesungen interpretiert wird. Vermillion hat gut daran getan, fast ausschließlich zu singen - und das überaus eindrucksvoll mit ihrer dunkel gefärbten Mezzostimme. Nach dem donnernden Fluch aus dem Parterre zu Beginn trat sie im zweiten Teil emotionsgeladen in der Proszeniumsloge auf. Die erfahrene Künstlerin Vermillion gelang es ausgezeichnet, theatralisch-große Gesten überzeugend zu setzen und dennoch eine gewisse lustvolle Distanz zu diesem Theaterdonner zu vermitteln.

Aber auch alle anderen Rollen waren gut besetzt. Alle Solisten waren äußerst wortdeutlich, sodass man die sonst üblichen Übertitel überhaupt nicht vermisste. Dshamilja Kaiser verströmte warmen Mezzo-Klang und war eine eindrucksvolle Fee Morphina, David McShane war ein rechter Märchenkönig mit kräftiger Stimme, der junge Dariusz Perczak als Vogt des Ahnenschlosses fiel wiederum durch seinen virilen Bariton positiv auf und Sophia Brommer war eine präzis gezeichnete Fee Rosa. Die kurze Szene der Sonne gestaltet Sofia Mara stimmschön - und die beiden Mädchen der Singschul‘ der Grazer Oper waren reizende Blumenkinder. Sieglinde Feldhofer verkörperte ebenfalls eine Blume und war dann im 2.Teil auch die den Prinzen begleitende Quecksilber-Figur - beides gestaltete sie gewohnt charmant und mit klarem Sopran. Als Prinz Reinhold hörte man in Graz erstmals den Salzburger Tenor Peter Sonn , laut eigener Homepage „Berlins neuer Mozarttenor“ - er singt derzeit in Berlin den Tamino und ab Dezember den Ottavio. In der Humperdinck-Partie erlebte man ihn als eine Persönlichkeit mit angenehm-frischer Ausstrahlung, exzellenter Artikulation und hellem Stimmtimbre.

Das Grazer Philharmonische Orchester spielte unter der sachlich-präzisen Leitung von Marius Burkert sehr konzentriert und mit vielen klangschönen Soli. Schon im Vorspiel gelangen die durchaus heiklen Horn-Phrasen sehr gut, und die Streicher wirkten diesmal besonders homogen. Der Chor (Einstudierung: Bernhard Schneider) machte seine Sache sehr gut - einschließlich der solistischen Beiträge der Chordamen. Einzig beim ersten Damenchor, bei dem Sopran und Alt getrennt in den beiden gegenüberliegenden Proszeniumslogen standen, gab es kurzzeitig kleine rhythmische Ungenauigkeiten, die aber schnell behoben waren.

Insgesamt freute sich das Publikum im gut gefüllten Haus über ein in Graz bisher unbekanntes Werk - es gab lebhaften Beifall für alle Ausführende.

Und als altgedienter Opernfreund konnte man mit Befriedigung feststellen, dass Kinder unserer heutigen, von elektronischen Medien geprägten Zeit ein hochromantisches Werk auf der Opernbühne dann positiv aufnehmen, wenn die rechte und zeitgemäße Form der Wiedergabe gefunden wird. Und dies war diesmal überzeugend gelungen - der Oper Graz ist zu danken, dass mit dieser Aufführung just am Halloween-Abend ein Kontrapunkt zu den unsäglichen einschlägigen „Events“ gesetzt wurde!

Hermann Becke, 1. 11.  2015

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

Es gibt leider nur eine weitere Aufführung - und zwar am 8.November - Details hier

 

DER BARBIER VON SEVILLA

Premiere am 22.10. 2015

Bemüht - aber doch nur platter Slapstick!

Das ist das erste Foto, das man auf der Presseseite der Oper Graz bei der Ankündigung der zweiten Opernpremiere dieser Saison findet - und auch erfahrene Opernbegeisterte werden wohl schwerlich sofort  erkennen, um welches Stück es sich handelt. Das Foto zeigt die 1.Szene aus Rossinis meisterlicher Buffa - in der Mitte Fiorello mit dem Conte Almaviva umgeben vom Musikantenchor. Da wundert es nicht, wenn sich  schon zwei Tage vor der Premiere auf Facebook jemand mit folgenden Worten meldet: „Was ist das für eine furchtbare Inszenierung? Der Barbier ist eine meiner Lieblings-Opern, aber warum muss immer alles so zwanghaft ‚modern‘ sein??“ Die Oper Graz antwortete beschwichtigend: „Wir möchten Sie bitten, sich über unsere Inszenierung selbst ein Bild zu machen und die gesamte Produktion anzusehen, da dann auch die Zusammenhänge klarer werden. Wir freuen uns auf Ihren Besuch!“ Nun - ich habe bei der gestrigen Premiere die gesamte Produktion miterlebt und kann dem interessierten Leser berichten, welches Bild ich mir machen konnte.

Wenn das Publikum den Zuschauerraum betritt, ist der Bühnenvorhang bereits geöffnet und man blickt auf einen blau beleuchteten Fransenvorhang, durch den nach Beginn der Ouvertüre eine „Locken-Frisur-Architektur am Hinterkopf einer surrealen Raum-Gesicht-Installation“ schimmert - auf die Vorhang-Fransen wird das (leicht modifizierte) Logo von Wella projiziert. Die Locken des Logos  wabern auf den bewegten Fransen - offenbar um das anzukündigen, was die zentrale Idee der Inszenierung ist:

Der Friseur Figaro, seine Geräte und alles Haarige stehen im Mittelpunkt - „Figaro ist der Spielleiter der Geschichte, er kreiert die Frisuren und Kostüme der Mitspieler und hat den Verlauf der Geschichte voll in der Hand. Bei uns ist er in gewisser Weise auch der Schöpfer des Bühnenbildes.“ (Zitate aus dem Programmheft). Die Idee mit der an Salvador Dali gemahnenden Kopfplastik ist natürlich nicht neu - man denke nur an den einen Premierenskandal provozierenden Frauentorso , den vor über 40 Jahren Ruth Berghaus in ihrer Münchner Barbier-Inszenierung auf die Bühne gestellt hatte und in und an dem die Sängerinnen und Sänger herumkletterten. Der Kopf ist eine raffinierte, sich drehende und wandelnde Bühnenkonstruktion (Bühne & Kostüme: Okarina Peter und Timo Dentler), die dem Regisseur Axel Köhler vielfältige Spielebenen ermöglicht. Das wird auch weidlich ausgenutzt - die skurril-drastisch kostümierte Sängerschar wird in ständiger, geradezu hektischer Bewegung gehalten. Ein Detailgag jagt den anderen - alles dreht sich um Haare - , der Dienerchor begleitet das Ständchen des Grafen auf Kämmen, Figaro vertreibt diesen Chor - gleichsam als lästiges Ungeziefer - mit einem Vergasungsinstrument, dem Graf werden schon im 1.Bild gleich drei verschieden Frisuren (übrigens nicht ganz pannenfrei) verpasst, die Waffen des Soldatenchors sind Haarföhne und da zum Geschäft des Friseurs auch die Pediküre gehört, wird auch die aus der Badewanne steigende Rosina gleich behandelt. Es gibt eine Fülle von Einfällen und Aktionen - aber letztlich fehlt dem Ganzen die mediterrane Leichtigkeit, die beispielsweise vor drei Jahren die Liebestrank-Inszenierung von Damiano Michieletto ausgezeichnet hatte. Diesmal war es recht platter Slapstick und Aktionismus mit skurril-überzeichneten Figuren. Es fehlte der leichtfüßige und übersprudelnde Charme, den Rossini in seiner unsterblichen Musik versprüht. Und so ist es durchaus verständlich, wenn ich schon in der Pause von einem Besucher gefragt wurde. „Lachen Sie noch?“ und wenn am Ende der Vorstellung viele der Besucher von „Klamauk“ sprachen. Allerdings sei nicht verschwiegen, dass ich auch von vielen hörte, sie hätten sich wunderbar unterhalten…..Zu denen gehörte ich jedenfalls nicht!  Wie auch immer: weniger wäre zweifellos mehr gewesen - die dem Werk immanente Komik wurde in dieser Inszenierung unnötig vergröbert und damit ihres genuinen Reizes beraubt.

Aber über all diesem turbulenten Bühnengeschehen darf nicht auf die musikalischen Leistungen vergessen werden - und da gibt es durchaus Erfreuliches zu berichten. Man war gespannt auf die Neuen im Grazer Ensemble. Von den bewährten und geschätzten Kräften der vergangenen Jahre stand ja nur mehr einer auf der Bühne - nämlich Wilfried Zelinka als Bartolo. Und ihm ist eine ausgezeichnete Gesamtleistung zu attestieren. Zweifellos bot er die reifste und geschlossenste Leistung des Abends. Er meisterte mit wohltimbriertem Bassbariton die Tücken der hochliegenden Partie, überzeugte mit der nötigen Zungenfertigkeit im rasanten Parlando und mit plastischer Textgestaltung - und vor allem gelang es ihm, trotz der übertriebenen Regievorgaben eine auch in ihren Schwächen berührende und überzeugende Figur auf die Bühne zu stellen. Die 28-jährige spanische Mezzosopranistin Anna Brull  war zwar schon im Vorjahr im Opernstudio in Graz, aber die Rosina war nun ihre erste Hauptpartie. Sie hat diese Herausforderung hervorragend bestanden. Sie führt ihren hell timbrierten und höhensicheren Mezzo technisch sicher und hat für die koloraturenreiche Partie auch die nötige Beweglichkeit. Die Tiefe wird wohl noch an Substanz gewinnen - es war jedenfalls klug, hier nicht unnötig zu forcieren. Die Figur der Rosina war durch das Regiekonzept derart überspannt-skurril gezeichnet, dass Brull wenig Möglichkeit blieb, eigenständiges darstellerisches Profil zu zeigen. Bei der Besetzung des Almaviva gab es offenbar Probleme: ursprünglich war der aufstrebende österreichische Tenor Martin Mitterrutzner angekündigt worden, er scheint auch heute noch unter den Grazer Ensemblemitgliedern auf. Warum er nicht sang, wurde nicht kommuniziert. Kurzfristig übernahm den Almaviva der in Berlin geborene türkische Tenor Tansel Akzeybek - und er war eine ausgezeichnete, vom Publikum zu Recht bejubelte Besetzung. Er bringt für diese Rolle das rechte helle Timbre mit und verfügt über eine sichere Höhe, die er z.B. mit einem strahlenden (in der Partitur nicht vorgesehenen) C im Finale des 1.Aktes eindrucksvoll bewies. Aber auch in den Pianophrasen weiß er mit gut gestützten Tönen zu überzeugen, ohne sich ins Falsett flüchten zu müssen. Er steigerte sich von Szene zu Szene und überzeugte auch als Darsteller. Nach der Premierenfeier verließ er rasch das Haus, hatte er doch am Tag danach an der Komischen Oper Berlin, wo er fix im Ensemble ist, den Tony in der West Side Story zu singen. Graz kann sich freuen, ihn auch in Folgevorstellungen als Almaviva zu erleben.

An seinem 25.Geburtstag sang der in Graz neuengagierte slowakische Bass Peter Kellner seinen ersten Basilio. Er verfügt über einen schlank und sicher geführten Basso cantante. Allerdings fehlt ihm für diese Rolle (derzeit noch) das nötige Gewicht - und das sowohl stimmlich als auch darstellerisch. Er blieb sympathisch blass - man wird sehen, wie er sich weiter entwickelt. Nach dem Konzept dieser Inszenierung ist der Figaro die zentrale Figur des Stücks. Der 34-jährige spanische Bariton Isaac Galán erfüllte diese Aufgabe durch sein lebhaftes und lässig-charmantes Spiel darstellerisch überzeugend - allerdings blieben für mich so manche stimmliche Wünsche offen. Er hat grundsätzlich ein schön timbriertes Organ - allerdings gab es diesmal viele Passagen mit unsauberer Intonation und man hatte den Eindruck, dass diese Intonationsschwächen darauf zurückzuführen sind, dass die Stimme nicht immer sauber geführt wird und dass damit das „appoggiare la voce“ nicht klappt. In den Nebenrollen ließ der neu im Opernstudio aufgenommen polnische Bariton Dariusz Perczak als Fiorello und Offizier aufhorchen - das ist eine kernige und gut sitzende Stimme, die man schon bald in größeren Aufgaben hören möchte. Die Berta der jungen aus Uruguay stammende Sofia Mara war prägnant - mehr kann man über das neue Opernstudiomitglied nach dieser Rolle noch nicht sagen.

Der Herrenchor war markant und engagiert - zwei Kleinigkeiten seien aber doch angemerkt: es mögen alle Herren des Chors daran erinnert werden, dass im Italienischen das p nicht aspiriert wird. „P(f)iano, P(f)ianissimo“ im Einleitungschor ist falsch und ebenso entbehrlich wie das Scherzchen, dass beim Lindoro-Ständchen die Orchesterbassstimmen vom Chor (sozusagen mit „Schrum-Schrum“) verstärkt werden….

Der neue 1.Kapellmeister des Grazer Hauses Robin Engelen leitete seine erste Grazer Opernpremiere. Er bemühte sich mit großen Gesten  um Differenzierung und Rossini-Brio. Die Grazer Philharmoniker saßen diesmal im Orchestergraben etwas erhöht - das förderte die klangliche Transparenz. Zu Beginn gelangen die exponierten Hornstellen gar nicht so recht. Aber gerade die Hörner waren es dann, die im 2.Akt für einige sehr schöne Details sorgten. Überhaupt gewann die gesamte Aufführung musikalisch im 2.Akt an Prägnanz. Insgesamt hatte man den Eindruck, dass es sowohl bei Dirigent als auch beim Orchester noch so manches Steigerungspotential gibt, das hoffentlich in den Folgevorstellungen ausgeschöpft wird, wenn die Premierennervosität wegfällt.

Am Ende gab es viel Applaus - bei den Sängern vor allem für Rosina, Almaviva und Bartolo.

Hermann Becke, 23. 10. 2015

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         In teilweise wechselnder Besetzung sind 17 weitere Aufführungen bis Juni 2016 auf dem Grazer Spielplan

-         Ein noch vor der Premiere veröffentlichtes Proben - Video , in dem der Regisseur und die Bühnenbildnerin ihre Ideen erläutern

 

 

 

DER FERNE KLANG

Premiere am 26. 9. 2015

Ein großer Abend!

Die neue Intendantin Nora Schmid eröffnet ihre erste Saison in Graz mit Franz Schrekers „Der Ferne Klang“ - ein im Jahre 1912 mit Riesenerfolg in Frankfurt uraufgeführtes Werk, das 1924 in Graz seine österreichische Erstaufführung erlebte. Aber es gibt noch weitere gewichtige Graz-Bezüge:

Vor fast 40 Jahren gab es im Steirischen Herbst eine umfangreiche Schreker-Retrospektive mit einer konzertanten Aufführung des Fernen Klangs im Grazer Opernhaus, aber auch eine öffentliche Rundfunkproduktion im Konzertsaal mit Ausschnitten aus Irrelohe (ich erinnere mich daran sehr genau -  ich habe damals im Chor mitgewirkt) - und es gab vor allem 1976 ein Symposion „Franz Schreker - Am Beginn der neuen Musik“ an der Hochschule für Musik und darstellende Kunst in Graz. Der Grazer Musikologe und Komponist Gösta Neuwirth hatte mit seiner Schreker-Monographie und mit seiner Dissertation "Die Harmonik in der Oper 'Der ferne Klang' von Franz Schreker" die wesentlichen Grundlagen geschaffen für eine Neubewertung des Schaffens von Schreker. Die Druckfassung der auch heute noch lesenswerten Referate des Symposions in einem Sammelband zusammengefasst - der Band ist bei der Universal-Edition erhältlich. Diese Schreker-Aufführungen des Steirischen Herbstes und das Symposion waren entscheidend dafür, dass das Werk Schrekers, das nach dem 2.Weltkrieg praktisch vergessen war, wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit trat - immerhin weist die Statistik der Universaledition nach 1976 allein für den Fernen Klang 188 Aufführungen aus (darunter in Mannheim, Dresden und Bonn). Aber dennoch: Für das durchschnittliche Opernpublikum ist es ein weithin unbekanntes Werk - und das speziell in Österreich. Die Wiener Staatsoper setzte das Stück erstmals 1991 auf den Spielplan und da brachte man es nur auf 8 Aufführungen….

Dies war natürlich der Oper Graz bewusst - daher schuf man diesmal besonders viele Möglichkeiten, dem Publikum das Werk schmackhaft zu machen: Es gab einen sehr gut besuchten Einführungsvortrag des Klaviervirtuosen und exzellenten Operninterpreten Stefan Mickisch, der sich für Graz erstmals mit diesem Werk auseinandergesetzt hatte und der es begeisternd zu schildern wusste. Eine Bühnenprobe wurde für Interessierte geöffnet, es gab eine Einführungsmatinee und in der größten lokalen Tageszeitung wiederholte Beiträge sowie fast im Tagesabstand die Präsentation von Probenvideos (siehe dazu die Hinweise am Ende meines Berichts). Und so war man gespannt, ob das Publikum bei der Premiere die knapp 1400 Plätze des Hauses füllen wird. Nun: das Haus war zwar gut besucht, aber bei weitem nicht ausverkauft - man sah die lokale Prominenz, das gewohnte Premierenpublikum, aber natürlich die Musikspezialisten, darunter auch den im 79.Lebensjahr stehenden Gösta Neuwirth , der nach seiner Emeritierung an der Universität der Künste Berlin noch immer als Honorarprofessor an der Universität Freiburg lehrt und nun erleben konnte, dass Schrekers Werk in einer gültigen und bejubelten Aufführung gewürdigt wurde. Schade, dass das Programmheft diesen entscheidenden Grazer Anteil an der Schreker-Renaissance ganz ausklammert - ist es doch die mehrfach artikulierte Intention der neuen Intendantin, den Graz-Bezug ihres Spielplans zu betonen.

Worum geht es in diesem Stück: Den jungen Komponisten Fritz drängt es in die große weite Welt hinaus, er will in der Ferne den besonderen „Klang“ suchen. Seine Geliebte Grete lässt er in ihrem kleinbürgerlichen Elternhaus zurück. Als der Vater die junge Frau bei einer Kegelpartie als Wetteinsatz verspielt, flieht Grete und macht sich ihrerseits auf die Suche … Zwei Leben, die von unendlicher Sehnsucht und von verpassten Möglichkeiten erzählen“ Dem szenischen Leitungsteam ist eine überzeugende und nachvollziehbare Umsetzung dieser Handlung gelungen: Florentine Klepper (Inszenierung), Martina Segna (Bühne), Anna Sofie Tuma und Adriane Westerbarkay (Kostüme), Bernd Purkrabek (Licht), Heta Multanen (Video), Marlene Hahn (Dramaturgie). In einer selten zu erlebenden Geschlossenheit fügten sich Regie und Ausstattung zu einem Ganzen zusammen. Zu Recht wurde bei der Premierenfeier der neue technische Direktor mit seinem Team ausdrücklich bedankt: die doppelstöckigen Hubpodien, die Drehscheibe, die ferngesteuerte Treppe - sie alle funktionierten perfekt ohne je zum Selbstzweck zu werden. Sie ermöglichten fließende Szenenübergänge und die Visualisierung der verschiedenen Handlungsebenen, auf denen die drastisch-markant kostümierten Figuren in einer stilisierten, aber nie steifen Personenführung agierten. Über allem schwebte immer wieder eine weiße Röhrenskulptur, die vielerlei Assoziationen zuließ - vielleicht wurde in ihr der ferne Klang, ja eine Klangorgel sichtbar? Die szenische Umsetzung war insgesamt von kühl-distanzierter Eleganz. Das empfand ich als ein ideales Gegengewicht zur üppigen Klangpracht der Schreker-Musik. Und noch etwas, das mich wiederholt in aktuellen Inszenierungen stört und diesmal nicht der Fall war: die Videosequenzen dominierten nie die szenische Aktion, sie ergänzten das Geschehen effektvoll und betonten das Unwirklich-Traumhafte ohne sich in den Vordergrund zu drängen.

Durch einen geschickten Kunstgriff wurden die beiden Hauptfiguren szenisch verdoppelt und damit die Freud’sche Problematik der zwiespältigen Persönlichkeiten und ihrer Traumwelt sichtbar gemacht.  Am Ende des 1.Aufzugs wandelt sich das alte Weib, das Grete in den Wald gelockt und dann vom Selbstmord abgehalten hat, gleichsam zu einem Alter Ego der jungen Frau, das dann auch im 2.Akt wieder auftaucht - sehr plausibel just an jener Stelle der vom Grafen vorgetragenen Ballade  über „Die glühende Krone“, an der es heißt: „Aufsteigt da eine blasse Frau mit irrem Blick“  Die Figur bleibt bis zum Ende des orgiastischen 2.Akts stumm auf der Bühne und es ist berührend, wie sich Fritz nun an diese stumme Gestalt wendet, die er für die verlorene, „brave“ Grete hält, bevor er letztlich in der Kurtisane Greta seine Grete erkennt, sie beschimpft und davon läuft. Dass dieser szenische Kunstgriff - gleichsam als Sichtbarwerden des Unbewussten und des Übergangs zwischen Traum und Wirklichkeit - so wirkungsvoll umgesetzt werden kann, ist vor allem auch der exzellenten Besetzung der beiden Frauenfiguren zu danken. Dshamilja Kaiser singt die Passagen des Alten Weibs im ersten Akt mit wunderbarem Wohlklang in stimmlicher Höchstform und gestaltet dann die stumme Figur im 2.Akt mit großer Intensität - man erinnert sich an ihre ähnlich hervorragende Leistung in der vorigen Saison in Korngolds Toter Stadt. Und die Südafrikanerin Johanni van Oostrum ist als Grete überhaupt der zu Recht umjubelte Mittelpunkt des Abends. Mit ihrer klaren Sopranstimme, die technisch hervorragend geführt ist, war sie eine ideale Besetzung. Sie verstand es wunderbar, die großen Melodiebögen zu spannen und die Töne aus dem Piano heraus zu entwickeln und zum Blühen zu bringen. Als Darstellerin überzeugte sie, die in allen drei Akten fast ständig auf der Bühne ist, durch Natürlichkeit und sympathische Ausstrahlung - so großartig und bewundernswert sie auch ihre Poledance-Einlage im 2.Akt gestaltete, die Ausstrahlung der großen Kurtisane fehlte ihr - aber gerade das passt ja ideal zu Grete, die ungewollt in die ihr fremde Bordell-Welt getrieben wurde.

Auch die übrige Besetzung des personenreichen Stückes war ausgezeichnet und in allen Fällen rollenadäquat. Der für die Grazer Opernbühne neue Markus Butter lieferte einen respektablen Einstand in den beiden Rollen des Dr. Vigelius und des Grafen. Er bewies mit seinem markant-virilen Bariton Format, die nötige Gestaltungsintensität und auch die erforderliche Durchschlagskraft, um sich gegen die Orchesterwogen durchzusetzen. Die große Ballade im 2.Akt gestaltete er eindrucksvoll.

Die exponierte Tenorpartie des Fritz war Daniel Kirch übertragen - er hat schon einige internationale Erfahrung im jugendlich-heldischen Fach aufzuweisen und wird im nächsten Jahr in Leipzig Siegmund und Parsifal singen. Als Darsteller des etwas weltfremd-hilflosen Komponisten Fritz überzeugte er zwar, im 1.Akt gelang ihm allerdings stimmlich wenig Überzeugendes. Da wurde die Stimme sehr unruhig geführt und die Intonation war mehrmals - insbesondere im Piano - ernsthaft gefährdet. Umso überraschter und erfreuter war man dann im 2.Akt. Da hörte man plötzlich strahlende Phrasen und metallische Spitzentöne des etwas baritonal gefärbten Tenors. Im 3.Akt gewann er speziell in der Szene mit seinem Freund Rudolf weiter an stimmlichem und darstellerischem Format. Rudolf war als der Doppelgänger von Fritz bzw. als die positive Seite des eigenen Ichs gezeichnet und durch David McShane sehr prägnant gesungen.

Die vielen qualitätvoll besetzten und prägnant gestalteten Nebenfiguren sind ein Qualitätszeichen des Grazer Ensembles und dieser Produktion: Konstantin Sfiris und Stella Hierlmeier waren ein bedrohliches Elternpaar, Wilfried Zelinka (in der skurrilen Maske kaum erkennbar) brillierte als Wirt und Polizist, Ivan Orescanin war als stimmlich markanter Schmierenschauspieler optimal besetzt und als Neuzugang im Opernstudio ließ der Bariton Dariusz Perczak als Baron aufhorchen. Ein Kabinettstück gelang Taylan Reinhard mit seinem Couplet im 2.Akt, prägnant wie immer Manuel von Senden. Aber auch die jungen Damen im venezianischen Vergnügungsetablissement waren bestens besetzt und disponiert: Sofia Mara, Yuan Zhang, Sieglinde Feldhofer und Xiaoyi Xu. Für alle Solisten waren ihre jeweiligen Partien Rollendebuts. Chor und Extrachor (Einstudierung: Bernard Schneider) spielten animiert und sangen klangschön-diszipliniert, auch wenn sie im Haus verteilt aus den Logen links und rechts zu singen hatten.

Das musikalische Kraftzentrum des Abends war unzweifelhaft Chefdirigent Dirk Kaftan. Er war außerdem der einzige der gesamten Besetzung, der das Stück schon einmal erarbeitet hatte - und zwar vor fünf Jahren in Augsburg - siehe dazu den CD-Tipp bei den Hinweisen am Ende meines Berichts. Kaftan führte das sehr ambitioniert spielende und mit vielen schönen Details aufwartende Grazer Philharmonische Orchester und die Chor-und Solistenschar auf der Bühne zu einer ausgezeichneten Gesamtleistung von hohem Niveau. Besonders eindrucksvoll fand ich die bruchlosen dynamischen Übergänge, die bei Schreker so ungemein wichtig sind - nicht umsonst gibt der Komponist immer wieder Anweisungen wie z.B. „Ununterbrochen machtvoll steigern“. Der Schreker-Schüler Ernst Krenek hat einmal über die Musik seines Lehrers geschrieben: „Er hatte einen ausgeprägten Sinn für verführerische orchestrale Farbmischungen, die klangen, als hielte man sich eine verzauberte Muschel ans Ohr.“ - genau so konnte man an diesem Abend die üppige Partitur genießen.

Dank der exzellenten szenischen Umsetzung trat in den Hintergrund, dass meiner Meinung nach der von Schreker selbst verfasste Text wenig literarische Qualität hat und dass ich mich recht gerne folgender Äußerung Kreneks anschließe: „So standen seine Bühnenwerke, was die geistige Heimat betraf, der Welt Arthur Schnitzlers nahe, aber ihnen fehlte Schnitzlers geistreicher Scharfsinn, dafür waren sie umso schmalziger.“

Aber wie auch immer man zu Schrekers Werk steht: Es war ein großer Abend der Grazer Oper, mit dem die neue Intendantin einen wohlgelungenen Einstand feiern konnte!

Hermann Becke, 27.9.2015

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

-         Acht weitere Aufführungs- Termine im Oktober und November

-         Drei interessante Einblicke in die Vorbereitung der Premiere:

Video aus den ersten Proben; Gespräche mit Regisseurin und Hauptdarstellerin

Video zur Bühnengestaltung

Video zum Stück; Gespräche mit Dramaturgin und Dirigenten mit Probenausschnitten

-          Dirk Kaftan hat die Oper bereits mit dem Ensemble des Stadttheater Augsburg auf CD produziert - in einer von der NMZ gelobten Aufnahme.

 

OPERNFREUND DVD TIPP

CD REFERENZ

 

 

 

 

 

 

SHOW ZUR SAISONERÖFFNUNG

Schwungvoller Querschnitt durch das Jahresprogramm

5. 9. 2015

Unter dem Titel „Hereinspaziert“ gab es in der Grazer Oper eine schwungvolle 70-minütige Bühnenshow zum Saisonauftakt, die bei freiem Eintritt dreimal am ersten September-Samstag gegeben wurde. Das Haus war erfreulich gut besucht - auch viele Kinder waren mitgekommen. Durch das Programm führte die neue Intendantin Nora Schmid . Sie tat dies mit attraktiver Schweizer Präzision - zunächst wohl noch ein wenig angespannt, bald aber durch den freundlichen Beifall des Publikums an Sicherheit gewinnend.

 

Das Grazer Philharmonische Orchester hatte man für diese Eröffnungsshow aus dem Orchestergraben auf das Niveau des Zuschauerraums gehoben. Das förderte natürlich den Kontakt zum Publikum, gefährdete aber auch ein wenig die dynamische Balance mit der Bühne. Dort hatte man zwar durch Podien die Solisten und den Chor höher positioniert, aber speziell bei Schrekers spätromantisch-vollem Orchestersatz brachte man durch diese Aufstellung den Solisten ein wenig in Bedrängnis. Markus Butter, der aus Graz stammende, international erfahrene, aber nun erstmals auf der Grazer Opernbühne auftretende Bariton, gestaltete die Ballade des Grafen aus Schrekers „Der ferne Klang“ dennoch eindringlich mit markantem und interessant klingendem Organ. Graz kann sich doppelt freuen: Schrekers bedeutendes Werk kehrt als Eröffnungspremiere der Saison 2015/16 in der Inszenierung von Florentine Klepper nach Graz zurück, wo es 1924 seine österreichische Erstaufführung erlebte hatte - und Graz hat offenbar wieder einen profilierten Vertreter des ersten Baritonfachs im Ensemble.

Noch zwei weitere neue Ensemblemitglieder konnten sich vorstellen:

Die Sopranistin Sophia Brommer sang die Arie der Luisa aus Verdis „Luisa Miller“ - eine Oper, die in Graz überraschender Weise noch nie auf dem Spielplan war und die im Dezember ihre Premiere haben wird. Brommer ist eine attraktive Bühnenerscheinung, die ihre Arie mit großer Geste gestaltete. Ein wenig vermisste man stimmliche Wärme und Individualität - man darf gespannt sein, sie in der vollständigen Partie, aber auch als Konstanze und als Micaela zu erleben. Erst dann wird man sich ein endgültiges Urteil bilden dürfen. Einen blendenden Einstieg schaffte der erst 25 Jahre alte slowakische Bassist Peter Kellner mit der großen Osmin-Arie. Er überzeugte nicht nur mit einer ausgeglichenen Stimme bis zum sicheren tiefen D, sondern er nahm auch mit sympathisch-lebhaftem Spiel sofort für sich ein. Seine jugendliche Unbefangenheit im Gespräch erheiterte nicht nur das Publikum, sondern lockte auch die Intendantin ein wenig aus ihrer eleganten Souveränität.

Aus dem schon aus den vergangenen Spielzeiten bekannten Grazer Ensemble bezauberte Sieglinde Feldhofer mit einer Eliza-Szene aus „My Fair Lady“ und - gemeinsam mit dem stets sicher-verlässlichen Martin Fournier - im “Chambre separée“-Duett aus Heubergers „Opernball“. Beide sind bewährte Stützen des Grazer Ensembles und nutzten ihre Chance, mitten durch das Parterre auftreten  und so den unmittelbaren Kontakt zum begeisterten Publikum herstellen zu können.

 

Die aus dem Opernstudio nun ins Ensemble hineingewachsene Anna Brull machte auf ihre Rossini-Rosina neugierig -  und nur der Grazer Publikumsliebling Dshamilja Kaiser blieb diesmal mit der Carmen-Habanera merkwürdig blass, ja unkonzentriert. Aber wir können uns freuen, dass die brillante Herheim-Inszenierung wieder in den Spielplan aufgenommen wird - sicher wird sich dann Kaiser zu dem von ihr zu erwartenden Niveau steigern. Aus Bohuslav Martinus „Die Griechische Passion“ sang der Opernchor eindrucksvoll die Hochzeitsszene. Es ist höchst erfreulich, dass Martinus selten gespieltes Stück in Graz aufgeführt werden wird. Man darf sowohl musikalisch als auch szenisch sehr gespannt sein - noch dazu weil dieses Stück durch die aktuelle Flüchtlingsdramatik in Europa eine besondere Aktualität gewonnen hat, die bei der zwei Jahre zurück liegenden Planung des Programms noch gar nicht bewusst gewesen sein konnte. Übrigens gibt es noch etwas Erfreuliches und Interessantes zu vermelden: alle Opernpremieren der neuen Saison werden von Regieteams gestaltet werden, die noch nie in Graz gearbeitet haben - für neue Impulse ist also gesorgt!

Chefdirigent Dirk Kaftan hat die Show mit einer rasanten Kurzfassung des Entführung-Vorspiels effektvoll eröffnet, dann die Ausschnitte aus dem Fernen Klang, aus der Griechischen Passion, der Entführung und aus Carmen temperamentvoll geleitet und den Abend mit der Danza final aus de Fallas „Dreispitz“ (mit einem Spektakel der Bühnentechnik!) ebenso effektvoll beendet. In den übrigen Ausschnitten lernte man erstmals den neuen 1.Kapellmeister Robin Engelen kennen, der mit klarer Zeichengebung für eine niveauvolle Orchesterbegleitung sorgte. Im vokalen Schlussstück vereinten sich alle Solisten im Schlager „People“ aus dem Musical „Funny Girl“ .Auch dieses Stück war - so wie die gesamte Show - mit Projektionen und kluger Lichtgestaltung bühnenwirksam gestaltet.

 

Insgesamt erlebte man eine schwungvolle Vorschau auf die bevorstehende Saison - die neue Intendantin Nora Schmid und das gesamte Ensemble haben einen vielversprechenden Einstand geliefert!

Hermann Becke, 6.9.2015

Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Hinweise:

-         Spielplan 2015/16 der Oper Graz

-         Interview mit der neuen Intendantin Nora Schmid

 

 

 

Finale für eine bemerkenswerte Intendantin

(Foto: Bregenzer Festspiele)

Opulenter Querschnitt durch sechs Jahre Musiktheater

21. 6. 2015

Graz stand und steht unter dem Eindruck einer fürchterlichen Amokfahrt durch die Innenstadt mit Toten und Verletzten - viele Veranstaltungen wurden deshalb abgesagt. Die Grazer Oper entschloss sich, die festliche Veranstaltung für Elisabeth Sobotka am Tag nach der grässlichen Tat dennoch abzuhalten.

Der Interimsintendant Bernhard Rinner trat zu Beginn mit dem gesamten Ensemble auf die Bühne: "Nicht zu spielen wäre eine Kapitulation vor der Gewalt. Theater ist eine Äußerung für das Leben." Das Publikum im vollbesetzten Haus erhob sich im Gedenken. Dann erklang in Abänderung des Programms Didos Klage „When I am laid in Earth“ aus Purcells „Dido and Aeneas“ - berührend vorgetragen von der jungen persischen Sopranistin Nazanin Ezazi, dem Grazer Philharmonischen Orchester und dem Opernchor. Es war ein würdiger Akt der Anteilnahme.

Erst dann begann der letzte Abend der Saison 2014/15 mit dem liebevoll vorbereiteten Programm - unter dem Titel Finale wurde auf die Spielzeiten der Intendanz Elisabeth Sobotkas zurückgeblickt. Sobotka ist ja seit Jänner 2015 Intendantin der Bregenzer Festspiele.

Sie hatte ihre erste Saison in Graz im September 2009 mit Wagners „Meistersingern“ eröffnet, und so erklang als erster Programmpunkt das Vorspiel - nahtlos verbunden dem „Wach auf“-Chor und dem Schlusschor „Ehrt eure deutschen Meister“. Das klang alles noch etwas gedrückt, eindimensional und wenig profiliert - vielleicht auch bedingt durch das vorangegangene Gedenken.

Die Moderation des Abends hatte Christoph Wagner-Trenkwitz übernommen, der mit Elisabeth Sobotka seit der gemeinsamen Zeit in der Wiener Staatsoper verbunden ist. Er hat seine Sache ausgezeichnet gemacht - es war die richtige Mischung aus Sachinformation und charmanter Plauderei. Die Solisten des Abends waren fast alle Ensemblemitglieder des Hauses und eine Auswahl jener Gäste, die regelmäßig in Graz auftraten. Das Programm war ein kleiner Rückblick auf das, was war und „das, was hätte sein können, wenn Sobotka länger geblieben wäre“ - so drückte es der Moderator aus. Die musikalische Leitung teilten sich Johannes Fritzsch, der bis 2013 Chefdirigent in Graz und nun in Australien wirkt, sowie sein Nachfolger, der derzeitige Chefdirigent Dirk Kaftan. Im ersten Teil beeindruckte Margareta Klobucar mit der furiosen Eifersuchtsarie der Romilda aus Händels Xerxes - sie ist im nächsten Jahr nur mehr Gast und nicht fix engagiert - schade! Als Überraschung - sicher nicht nur für die scheidende Intendantin, sondern auch für das Publikum! - präsentierte sich der Regisseur und derzeitige Intendant des Münchner Gärtnerplatztheaters Josef Ernst Köpplinger  als temperamentvoller Pianist im Rondo-Satz „all’ungarese“ von Haydns D-Dur-Klavierkonzert. Die fünf Gesangssolisten des ersten Teils waren alle ein Beweis für die gezielte und erfolgreiche Aufbauarbeit von Elisabeth Sobotka. Da sang zuerst Antonio Poli mit betörender Italianità die „furtiva lagrima“ aus Donizettis Liebestrank. Sobotka hatte den Preisträger des Belvedere-Wettbewerbes 2010 sofort als Don Ottavio nach Graz geholt. Man erkannte schon in dieser Rolle das Entwicklungspotenzial des damals 24-Jährigen - inzwischen hat er diese Rolle weltweit gesungen. Das Grazer Publikum freute sich, als er zwei Jahre später wieder als Nemorino zu Gast war. Inzwischen machte er eine internationale Karriere.

Und dann gab es zwei Damen-Duette: Gal James und Dshamilja Kaiser sangen das große Duett Norma/Adalgisa „Mira, o Norma“ Beide hatten in Graz unter Sobotka ihr erstes Engagement und wurden von ihr gezielt in einem vielfältigen Rollenrepertoire aufgebaut. Die „Norma“ gab es in der Intendanz Sobotka zwar nicht, aber die beiden sangen dieses Duett mit großer Geste - vor allem Kaiser reichte an diesem Abend an große Vorbilder heran. Da gewann übrigens durch die engagierte Führung Kaftans erstmals auch das Orchester an Profil und Brillanz.

Und vor der Pause sangen Sieglinde Feldhofer und Xiaoyi Xu wunderschön auf einander abgestimmt mit schlanker Stimme den Abendsegen aus „Hänsel und Gretel“ - beide sind aus dem Opernstudio hervorgegangen. Feldhofer ist inzwischen im Operetten- und Musicalfach zu einem veritablen Publikumsliebling geworden. Sie hatte im Jahre 2013 den Österreichischen Musiktheaterpreis als beste Nachwuchssängerin gewonnen - diesen Preis hat für 2015 Dshamilja Kaiser errungen - hier ein Interview mit Dshamilja Kaiser. Ganz zu Recht wies der Moderator daraufhin, wie gut es Sobotka immer verstand, die passenden Stimmen zusammen zuführen. Die beiden Duos James/Kaiser und Feldhofer/Xu passten tatsächlich ideal zueinander. Auch bei „Hänsel und Gretel“ gilt ein besonders Lob den Philharmonikern - hier erlebte man in der Traumszene jenen Streicherglanz, den man in der Meistersinger-Ouvertüre noch vermisst hatte.

Nach der Pause folgte ein großer Block von Musical- und Operettenausschnitten und man hatte als Opernfreund ein wenig das Gefühl eines quantitativen Ungleichgewichts zu Lasten der Oper. Aber in Wahrheit war das doch auch ein Bild der Intendanz Sobotka - die Statistik der Theaterholding weist für die Saison 2013/2014 insgesamt 84 Opernaufführungen, aber 110 Aufführungen für Operette, Musical, Ballett aus und bestätigt das Gefühl des engagierten (alten) Opernbegeisterten, dass die Zahl der Opernaufführungen seit Jahren kontinuierlich abnimmt. Das hat zweifellos auch wirtschaftliche Gründe, weil sich Operette und Musical besser verkaufen mögen als eine experimentierfreudige Operninszenierung. Aber wie auch immer: die Qualität des an diesem Abend Gebotenen war hoch: Sieglinde Feldhofer mit den reizenden Kindern der Singschul‘ in The Sound of Music und gemeinsam mit János Mischuretz in Gasparone; Daniel Prohaska mit „Singin‘ in the Rain, der Moderator selbst als Sigismund im Weißen Rössl sowie die Routiniers Götz Zemann und Uschi Plautz mit dem berührenden „Ich erinnere mich sehr gut“. Nach dem Orlofsky von Iris Vermillion kehrte dann mit scharfem Kontrast die Oper zurück: James Rutherford - auch einer, der von Elisabeth Sobotka mit Weitblick gezielt gefördert worden war - sang Wotans Abschied. Viele der großen Heldenbaritonrollen hat Rutherford zum ersten Male in Graz gesungen. den Sachs, den Orest, den Barak, aber auch Vater Germont, Falstaff und Jago, den Wilhelm Tell und den Scarpia. Den Wotan wird er erstmals 2016 in Frankfurt singen. Für Elisabeth Sobotka - die „Lieblingswalküre“ von Joan Holender, der auch in Graz dabei war (so Wagner-Trenkwitz) - sang er „Leb wohl, du kühnes herrliches Kind“ mit schönem großen Legatobogen.

Vor dem Feuerzauber gab es dann den durchaus heiteren Bruch - mit Dirigentenwechsel - zu einem Opernpasticcio, das nahtlos von der Hexe in Hänsel und Gretel (Iris Vermillion) über Collines Abschied vom Mantel (Wilfried Zelinka) zu Cherubino (Anna Bruck), zur Gräfin aus Pique Dame (Fran Lubahn), zu Dulcamara (David McShane) , zu Freddy (Martin Fournier) aus My Fair Lady, zu Danilo (Ivan Orescanin) und zum Weibermarsch aus der Lustigen Witwe führte. Das gesamte Solistenensemble vereinte sich schließlich zu einer gemeinsame Eloge an die scheidende Intendantin, die auf die Bühne gerufen wurde und in bewegten Worten dankte.

Danach kam nochmals der interimistische Intendant und Geschäftsführer der Theaterholding Bernhard Rinner auf die Bühne und überreichte eine Dokumentation der Spielzeiten 2009 bis 2015 unter dem Titel „Frische Opern“ - mit klugen „Miniaturen zur Quadratur des Kreises auf der Grazer Opernbühne“. Neuerlicher Jubel und standing ovations des Publikums - Solisten, Chor und Orchester stimmen nochmals ein Ständchen für die gerührte Elisabeth Sobotka an - die ursprünglich vorgesehene Feier war wegen der tragischen Ereignisse in Graz abgesagt:

Hermann Becke, 22.6.2015

-         Als Blick auf die zukünftige Arbeit von Elisabeth Sobotka: hier der Spielplan der Bregenzer Festspiele 2015

-         Die neue Grazer Intendantin Nora Schmid hat ihr Programm  für 2015/16 bereits vorgestellt - siehe dazu das umfngreiche und informative  Programmheft .

-         Die neue Saison in Graz wird am 26.9.2015 mit Franz Schrekers „Der ferne Klang“ eröffnet -  nähere Informationen darüber finden sich hier

 

 

 

 

 

 

OTELLO

Intensives Musiktheater

Dernière am 21. 5. 2015

Es war nicht nur die letzte Aufführung dieser Produktion aus dem Jahre 2011 - es war für Gal James auch der Abschied von Graz nach sechs intensiven Jahren, in denen sie viele Hauptpartien zum ersten Male dargestellt hatte und zu einem wesentlichen Ensemblemitglied geworden war - sie wird unter der neuen Intendanz ab 2015/16 nicht mehr dem Grazer Ensemble angehören. Der Abend begann mit der Mitteilung, dass Gal James an einer akuten Verkühlung leide, den Abend dennoch singen werde, aber um Verständnis bitte für eine allenfalls beeinträchtigte Leistung.

Dann kam allerdings alles ganz anders, als ich, der sowohl über die Premiere im Oktober 2011 und über die Wiederaufnahme im März 2015 durchaus kritisch berichtet hatte (siehe bei Interesse die beiden OF-Berichte), nach dieser Ansage und nach meinen bisherigen Eindrücken erwartet hatte. Diese letzte Otello-Aufführung wurde nämlich zu einem spannungsvollen Abend intensiven Musiktheaters! Dies war vor allem dem Chefdirigenten Dirk Kaftan zu danken, der das Grazer Philharmonische Orchester, den Chor und alle Solisten zu einer ausgezeichneten Leistung führte. Da gab es den ganzen Abend lang kein Nachlassen der musikalischen Spannung. Die dramatischen Ausbrüche wurden kräftig zupackend gestaltet und berührend zarten Passagen wirkungsvoll gegenübergestellt - nur als ein Beispiel sei genannt der Übergang von den beiden verklingenden Soloviolinstimmen am Ende des 1.Aktes (Verdi schreibt hier  morendo vor) zu den attacca im Forte einsetzenden Fagotten und Celli des Beginns des 2.Aktes. Und Dirk Kaftan konnte diesmal das dynamische Potential der Partitur voll ausschöpfen und das Orchester die Forte-Stellen effektvoll auskosten lassen, weil ihm im Jago von Ivan Inverardi und im Otello von Kristian Benedikt große, dramatische Stimmen zur Verfügung standen, die den Orchesterausbrüchen stets souverän standhielten.

Der 45-jährige Italiener Ivan Inverardi hat einen farbenreichen und dunklen Bariton, der das Biedere und gleichzeitig Bösartige Jagos sehr gut vermitteln kann. Der Litauer Christian Benedikt - ein europaweit gefragter Otello - hat ein mächtiges und gutturales Heldentenor-Material, das nicht durch Subtilität, aber durch elementare Kraft beeindruckt. Das für mich an diesem Abend Positive und Überraschende war nun, dass sich die beiden - zweifellos angeregt und angefeuert durch die dramatische Kraft des Dirigenten - zu überzeugenden Singdarstellern gewandelt hatten. Ich hatte in meinem Premierenbericht geschrieben: ‚Das „Leading Team“ hat eine praktikable Lösung auf die Bühne gestellt – mit verschiebbaren Wänden, Vorhängen und wenigen Requisiten, in schönen historischen Kostümen und mit einer geglückten optischen Verbindung zwischen dem Liebesduett im ersten Akt und Otellos Tod. Auf dieser Bühne könnte man spannendes Theater machen – allerdings wäre dazu eine präzise Personenführung notwendig.‘  Diese Personenführung hatte in den bisherigen Aufführung allerdings gefehlt. Wenn aber nun wie an diesem Abend die Bühnendarstellung primär durch die packende Verdi-Musik bestimmt und geleitet ist, dann tritt die wenig überzeugende und wenig bühnenwirksame Idee des Regisseurs, wonach die Gottlosigkeit das zentrale Thema des Stücks sei, in den Hintergrund - und plötzlich erlebt man die elementaren Spannungen zwischen den drei Hauptfiguren unmittelbar. Die Erfahrung dieses Abends bestätigt, dass sich Produktionen im Laufe der Zeit weiterentwickeln und dass letztlich die musikalischen Leistungen ausschlaggebend dafür sind, ob man das Publikum packen kann.

Zwischen diesen beiden dominanten Männerfiguren war Gal James eine berührende Desdemona. Von einer stimmlichen Beeinträchtigung merkte man in den lyrischen Passagen gar nichts - die gelangen ihr wunderbar und glockenrein. Bei den dramatischen Ausbrüchen im dritten Akt hielt sie sich klug zurück und überzeugte damit auch hier. Gal James war im Jahre 2009 von Elisabeth Sobotka nach Graz geholt worden und von ihr kontinuierlich  gefördert. Ihre Debutrolle als Eva in den Meistersingern war noch recht zwiespältig. Gal James hat sich aber in diesen sechs  Grazer Jahren vor allem stimmlich sehr schön weiterentwickelt - die Desdemona, mit der sie sich nun aus Graz verabschiedete, zählte zweifellos zu den geschlossensten und besten Leistungen ihres reichen Rollenspektrums - das bewies sie an diesem Abend trotz angesagter Indisposition neuerlich eindrucksvoll. Aus dem übrigen Ensemble ragte Dshamilja Kaiser als ausdrucksstarke Emilia heraus. Am Ende gab es großen und verdienten Beifall - Gal James schien sichtlich bewegt von ihrem Abschied aus Graz.

Hermann Becke, 22.5.2015

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

P.S.

Für jene, die noch einen akustischen Eindruck gewinnen wollen, hier zwei Hinweise:

Kristian Benedikt als Otello

Gal James als Desdemona

 

 

 

ITALIENISCHES LIEDERBUCH

Hugo Wolf in der Oper

18. Mai 2015

Der große steirische Liedkomponist Hugo Wolf war schon allzu lange nicht im Grazer Opernhaus zu hören. Zuletzt war dies 1959/60 der Fall - da stand seine einzige Oper „Corregidor“ auf dem Spielplan der Grazer Oper, wohl aus Anlass seines 100.Geburtstags. Nun sind weitere 55 Jahre vergangen und wir danken es zwei Lieblingen des Grazer Opernpublikums, dass Hugo Wolf wieder  im Opernhaus erklingt - diesmal allerdings nicht auf der Opernbühne sondern im Spiegelfoyer. Und dazu kam es laut Ankündigung der Oper Graz so:

„Das "Italienische Liederbuch" von Hugo Wolf wird an diesem Abend zur Aufführung kommen: 46 volkstümliche italienische Liebesgedichte in der Übertragung von Paul Heyse in zwei Büchern zu 22 beziehungsweise 24 Liedern. Diese ehrgeizige Aufgabe haben sich zwei Künstler vorgenommen, die ihre – künstlerische – Sympathie in einem ganz anderen Genre für einander entdeckten: Sieglinde Feldhofer bezauberte vor zwei Jahren als Julie nicht nur das Publikum, sondern auch Partner James Rutherford als Billy Bigelow im Musical "Carousel". In dieser Zeit entstand der Wunsch nach dem gemeinsamen Liederabend, der nun realisiert wird. Am Klavier begleitet werden die beiden Sänger von Marcus Merkel.“

Nach diesem Abend kann man mit voller Überzeugung bestätigen, was der bedeutende Hugo-Wolf-Biograph Frank Walker über das Italienische Liederbuch von Hugo Wolf geschrieben hat:
„Die Italienischen Lieder sind heute so neu wie am ersten Tag ihres Entstehens. Wie oft man sie auch hören mag, sie büßen nichts von ihrem Zauber ein, und es ist unvorstellbar, dass sie jemals erblassen oder in Vergessenheit geraten können, solange Kunst unter Menschen fortlebt.“ Dem scheinbar so unterschiedlichen Paar der Grazer Musiktheaterszene - der Opern-,Operetten-und Musical-Soubrette Sieglinde Feldhofer und dem Heldenbariton James Rutherford - ist sehr zu danken, dass man dieses wunderbare Werk wieder einmal in Graz hören konnte. Die Aufführung im stimmungsvollen, aber für Liederabende (wegen seiner Akustik und der Beleuchtungsverhältnisse) wohl nicht optimalen Rahmen des Spiegelfoyers des Grazer Opernhauses war gut besucht - am Ende gab es reichen Beifall.

Man hatte sich mit der Wahl dieses subtilen und höchst komplexen Werkes die Latte hochgelegt, gibt es doch eine Vielzahl von großen Vorbildern  - man findet im Internet unter CD&Vinyl 91 Aufnahmen! Der Lied-Liebhaber denkt natürlich sofort an die legendäre und maßstabsetzende Aufnahme mit Elisabeth Schwarzkopf/ Dietrich Fischer-Dieskau/Gerald Moore oder an die aktuelle Aufnahme mit Mojca Erdmann/Christian Gerhaher/Gerold Huber.

Feldhofer, Rutherford und ihr junger Begleiter Marcus Merkel haben eine durchaus eigenständige und in den Rahmen der Kammerkonzerte der Grazer Oper passende Interpretation vorgestellt.

Zunächst kann nicht hoch genug gelobt werden, dass sich Bühnenkünstler überhaupt den Anforderungen des Liedgesanges stellen. In der heutigen Zeit besteht ja immer mehr die Gefahr des einseitigen Spezialistentums - also entweder Bühne oder Lied. Der Abend hat bewiesen, dass beide Zugangsweisen - die stimmlich ausladende Bühnengeste und die introvertierte Feinzeichnung des Liedes - einander bereichern und ergänzen können. Das Italienische Liederbuch (in zwei Teilen 1890 und 1896 entstanden) enthält feinsinnige, immer scharf konturierte und auf eine Schlusspointe hinzielende Miniaturen. Sie regten mit der prägnanten Schlagfertigkeit ihrer Formulierungen in der Aufführungspraxis immer wieder dazu an, Männer- und Frauenlieder einander gegenüberzustellen. Bei seiner durchaus eruptiven Kompositionsweise - er schrieb an manchen Tagen mehrere Lieder, dann gab es wieder Tage des Schweigens und zuletzt die elf letzten Lieder des Liederbuchs in elf Tagen - hatte Hugo Wolf übrigens nie daran gedacht, dass einmal eine geschlossene Aufführung des gesamten Werkes mit zwei Sängern aktuell werden könnte. Alle Interpreten haben sich daher mit der Frage auseinanderzusetzen, in welcher Reihenfolge die Lieder vorgetragen werden. Der große Liedbegleiter und Mentor vieler Generationen von Liedsängern Erik Werba hat sich mit diesem Thema ein Leben lang auseinandergesetzt. In seinem Buch „Hugo Wolf oder der zornige Romantiker“ sind die verschiedenen und wiederholt erprobten Möglichkeiten sehr schön dokumentiert. Dieses längst vergriffene Werk ist derzeit hier noch antiquarisch erhältlich - noch dazu nur um 1 Cent - ein allen Liedfreunden unserer Zeit dringend zu empfehlendes Buch! Die Interpreten dieses Abends entschlossen sich für die Reihenfolge der gedruckten Ausgabe und verzichteten damit auf den wechselseitigen Einsatz von Frauen- und Männerstimme, wie dies z.B. Irmgard Seefried und Dietrich Fischer-Dieskau so wunderbar und ungeheuer lebendig mit Erik Werba bei den Salzburger Festspielen 1958 demonstriert hatten - die Aufnahme ist bei Orfeo erhältlich.

Ich hatte den Eindruck, Feldhofer und Rutherford wollten ganz bewusst den Eindruck vordergründiger  „Handlung“ und des effektvollen Aufeinanderprallens der darzustellenden Charaktere von Mann und Frau vermeiden, damit man ihnen nicht oberflächliche und opernhafte Interpretation vorwerfen kann. Ich habe allerdings noch nie eine Aufführung des Italienischen Liederbuchs erlebt, bei der die beiden Ausführenden so gar nicht miteinander kommunizieren und geradezu jeden Blickkontakt untereinander vermeiden. Ich denke, die Lieder vertragen durchaus eine natürlich-dezente Aktion und Spannung des Paares. Unvergessen bleibt mir, wie ungeheuer diskret und ausdrucksstark dies Thomas Quasthoff bei seinem Grazer Liederabend im Jahre 2003 mit seiner Gesangspartnerin Sibylla Rubens demonstriert hatte.

Sieglinde Feldhofer war - optisch und stimmlich - sehr bemüht, die ernsthafte Liedinterpretin herauszustreichen und ihre in Musical und Operette so erprobte Agilität hintanzustellen. Sie sang wortdeutlich, sehr auf Legato, Intonationsreinheit und saubere Linienführung bedacht, allerdings auch mit wenig Klangmodulation - es fehlte ein wenig die natürlich-charmante Ausstrahlung, die man an ihren Bühnenrollen so schätzt. und die die vielen schnippischen Lied-Miniaturen sehr gut vertragen hätten. Feldhofer ist eine ernsthaft arbeitende junge Künstlerin - daher geht an sie die Ermunterung, parallel zu ihrer erfolgreichen Bühnenkarriere weiterhin den Liedgesang zu pflegen und dies durchaus mit kräftigeren Akzenten zu schärfen.

Erstaunliches - und ich gestehe für mich durchaus in diesem Ausmaß Unerwartetes - ist James Rutherford gelungen. In Graz ist er seit seinem Sachs bekannt und geschätzt in den dramatischen Rollen seines Faches (u.a. Barak, Orest, Jago, Falstaff, Scarpia). Er interpretierte die Wolf-Lieder nicht nur in schlackenloser deutscher Artikulation, sondern auch mit einer überaus modulationsreichen, gleichzeitig aber auch kräftig zupackenden Stimme. Da wurde jede Wolf-Miniatur zum plastischen Erlebnis- ob es die schwärmerische Ekstase in Und willst du deinen Liebsten sterben sehen, die parodistische Zuspitzung in Geselle, woll’n wir uns in Kutten hüllen oder die serenadenhafte Leichtigkeit in Ein Ständchen euch zu bringen kam ich her war. Die Stimme klang in allen Lagen und dynamischen Facetten gleich klangvoll und gesund, nie hatte man das Gefühl opernhaft-äußerlicher Übertreibung - kurzum: das war Wolf-Interpretation auf sehr hohem Niveau!

Marcus Merkel begleitete aufmerksam und sicher - sein Spiel könnte noch geschärft werden, damit die Wolf’schen Feinheiten noch mehr zur Geltung kommen. Vielleicht hat aber auch die etwas hallige Akustik dazu beigetragen, dass manches etwas verwaschen klang.

Eine Anregung an die neue Intendanz:

Die Oper Graz könnte wieder einmal Hugo Wolfs Corregidor - zumindest konzertant - aufführen. Sieglinde Feldhofer als Frasquita und James Rutherford als Müller Lukas wären eine wunderbare Besetzung - und man könnte dem Corregidor das Spanische Liederbuch (natürlich ebenso mit Feldhofer und Rutherford ) gegenüberstellen, auf dem die Oper ja musikalisch in weiten Teilen beruht. Das wäre ganz im Sinne der neuen Intendantin Nora Schmidt „ein weiteres Schlaglicht auf die Grazer Musikgeschichte“!

Hermann Becke, 19.5..2015

 

 

SPIELPLAN 2015/16

Pressekonferenz am 14.4.2015

Die neue Intendantin Nora Schmid stellte in einer Pressekonferenz gemeinsam mit Chefdirigent Dirk Kaftan und dem ebenfalls neubestellten Ballettdirektor Jörg Weinöhl das Programm für die kommende Saison vor.

Neuinszenierungen (alle mit für Graz neuen Regieteams):

Der ferne Klang !

Der Barbier von Sevilla

Luisa Miller

Die Griechische Passion !

Die Entführung aus dem Serail

Dazu kommen zwei Ballettabende (einer mit Barockmusik und einer mit Schubert in der Version von Isabel Mundry), die Operette „Der Opernball“ sowie als Musical „Funny Girl“ und „Tell me on Sunday

und als konzertante Opernaufführung Humperdincks „Dornröschen“.

Außerdem gibt es als Wiederaufnahme die Publikumshits „My Fair Lady“ und die Herheim-„Carmen“. Zusätzlich wird es ein reiches Konzert-und Jugendprogramm angeboten. Das neue Team setzt die erfreulichen Bemühungen fort, neues und junges Publikum in die Oper zu bringen. Im Sänger-und Ballettensemble gibt es viele neue Namen - zwei sehr erfolgreiche, bei Publikum und Presse geschätzte Sängerinnen scheiden aus: Gal James und Margareta Klobucar.

Man kann gespannt sein, wie die Ergebnisse der neuen Vorhaben ausfallen werden – es ist jedenfalls erfreulich, das mit Schrekers „Der ferne Klang“ (österreichische Erstaufführung 1924 in Graz – seither nicht mehr in Graz zu hören!), mit Martinus „Die Griechische Passion“ und Verdis „Luisa Miller“ (beide gab es noch nie in Graz) wichtige Werke des Opernrepertoires auf die Bühne kommen. Natürlich wird der OF ausführlich berichten.

Das umfangreiche und informative Programmheft der Saison 2015/16 kann hier im Detail nachgelesen werden.

Hermann Becke, 15.4.2015

 

 

MANON

Gescheiterte Regie - vielversprechende junge Stimmen

Premiere am 25.4.2015

Die letzte Premiere der Intendanz Elisabeth Sobotka - seit Jänner 2015 ist sie Intendantin der Bregenzer Festspiele - galt der in Graz seit über 50 Jahren nicht mehr gespielten Manon von Jules Massenet. Es ist dies eine Koproduktion mit Basel, die dort im Februar 2013 Premiere hatte. Man wusste also, was zu erwarten war:

Das Stück ist in die Gegenwart verlegt und spielt in allen fünf Akten auf einem Flughafen - nicht nur für Graz eine nicht gerade neue Idee, spielte doch vor einem Jahr Donizettis „La Favorite“ ebenfalls auf einem Flughafen…

Der in Graz geschätzte Peter Hagmann  schrieb über die Basler Premiere in der Neuen Zürcher Zeitung:

„Der eine ist Graf, der andere Ritter, der Dritte Bürger – aber ihre Erscheinung ist die jener ganz gewöhnlichen Menschen, deren Wege sich auf einem Flughafen kreuzen. So will es der Regisseur Elmar Goerden, der sich von Silvia Merlo und Ulf Stengl die entsprechenden Lokalitäten naturgetreu auf die Bühne hat bringen lassen und die Kostümbildnerin Lydia Kirchleitner um T-Shirts, abgeschnittene Jeans und Turnschuhe gebeten hat. Muss es sein? Ist diese Art Aktualisierung nicht grausam von gestern? In gewisser Weise nicht ebenso vergangen wie die handwerklich grandiose, raffiniert an der Grenze zum Kitsch operierende Musik, die sich Jules Massenet für seine Oper «Manon» hat einfallen lassen?“

Das Regie- und Dramaturgenteam hat durchaus einfallsreich und detailgenau die Handlung in die Gegenwart verlegt - aber dennoch: das Konzept kann nicht aufgehen, weil Entscheidendes übersehen wird!

Es fehlt der Unterschied zwischen den handelnden Gruppen - die Adeligen, die Bürger und die dagegen rebellierenden Jungen. Und dieses Spannungsfeld ist ja die Ursache für den zentralen Konflikt zwischen Manon und Des Grieux.  Wenn man die einzelnen Gruppen, ja Klassen nicht voneinander unterscheiden kann, dann fehlt Entscheidendes. Besondere Peinlichkeiten der Regie waren die Transferierung der St.Sulpice-Kirchenszene in eine Flughafen-Raucher-Koje mit hysterischen Chordamen und die orange-Guatanamo-Kostümierung der Manon vor ihrem Tod. Und noch ein letzter Kritikpunkt:

Der Regisseur und sein Leading-Team sind nicht nach Graz gekommen, um mit der Grazer Besetzung szenisch zu arbeiten. Genau am Tag der Grazer Manon-Premiere hatte nämlich eben dieses Leading-Team im Wiener Theater in der Josefstadt die Premiere eines Kafka-Projekts. Die szenische Einstudierung in Graz war Barbara Schröder übertragen, über die weder das Programmheft noch die Website der Oper Graz informiert - das zeigt wenig Wertschätzung für die junge Dame, aber auch wenig Wertschätzung für das Grazer Ensemble. Man gewann den Eindruck, dass das Basler Regie-Buch zwar detailgenau übertragen wurde, man hatte aber nicht den Eindruck, dass darüber hinaus auf die Protagonisten in der szenischen Erarbeitung individuell eingegangen wurde. Und so sah man viel stereotype Operngestik, die so gar nicht zum zeitgeistig-aktuellen Inszenierungsansatz passen wollte - schade, da wurde eine Chance vergeben!

Sehr erfreulich war jedoch die musikalische Seite des Abends:

Die beiden Hauptfiguren waren geradezu ideal besetzt. Die 28-jährige Rumänin Iulia Maria Dan war nicht nur optisch bezaubernd, sie steigerte sich im Laufe des Abends auch zu einer stimmlich sehr guten Leistung, die sie die lyrisch-verhaltenen Phrasen etwa der Adieu-Arie ebenso wie die populäre Gavotte und die dramatischen Ausbrüche sicher bewältigen ließ. Auch die französische Phrasierung gelang ihr bei ihrem Rollendebüt respektabel. Das Französisch des 35-jährigen Marokkaners Abdellah Lasri - ebenfalls Rollendebütant - war natürlich perfekt und  „impeccable“ - das betraf aber nicht nur die Artikulation, sondern auch die schlanke Stimmführung mit gleichzeitig warmer Vokalfärbung und sicheren Höhen. Lasri wird seinen weiteren Weg an große Häuser machen - das zeigt auch sein kurzfristiges Einspringen als Alfredo in der Wiener Staatoper im vorigen Monat, das sehr erfolgreich war und ihm in einer Kritik die Bezeichnung „rising star“ des französischen Faches eintrug. Wir hoffen, dass wir ihn auch unter der neuen Intendantin wieder in Graz hören werden.

Unter den Nebenrollen gefiel besonders Wilfried Zelinka, der nicht nur die Arie „Epouse quelque brave fille“ im 3.Akt wunderschön sang, sondern der auch als Vaterpersönlichkeit überzeugte und hier eine für ihn ideale Rolle als „basso cantante“ gefunden hat. Auch die französische Phrasierung gelang ihm sehr gut. Alle anderen kleineren Rollen sind durch die Regie übertrieben-karikierend gezeichnet - das passt noch am ehesten zu den Freundinnen von Guillot (prägnant: Manuel von Senden). In dieser Inszenierung sind es hysterisch-extrovertierte Stewardessen - Sieglinde Feldhofer, Anna Brull und Xiaoyi Xu waren ein stimmlich solides Terzett. Ivan Orescanin musste einen völlig überzeichneten Cousin Lescaut mimen und David McShane war ein stimmlich präsenter und darstellerisch überdrehter Brétigny. Für alle wäre ein Französisch-Sprachcoaching wichtig. Chor und Extrachor (Leitung: Bernhard Schneider) waren musikalisch gut vorbereitet. Das im 3.Akt vorgesehene Ballett wurde geschickt durch Doubles von Manon und Guillot ersetzt.

Das Grazer Philharmonische Orchester spielte unter seinem Chef Dirk Kaftan konzentriert - manchmal allerdings wohl allzu kompakt und lautstark. In den lyrischen Szenen des Liebespaars begleitete Dirk Kaftan hingegen sehr rücksichtsvoll und geradezu kammermusikalisch. Am Ende gab es viel Beifall - vor allem für das Paar Manon - Des Grieux. Das Regieteam hatte sich einer Publikumsbeurteilung durch Abwesenheit entzogen - siehe oben. Offenbar reüssierte es allerdings aber auch nicht in Wien bei der Kafka-Premiere, wie man hier nachlesen kann.

Hermann Becke, 26.4.2015

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

Es gibt ein informatives Video vor der Premiere und einen TV-Vorbericht

Die nächsten Termine finden Sie Hier  - wegen der beiden Protagonisten lohnt sich der Besuch!

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Belcanto-Preisträger-Konzert

in der Oper Graz am 24.4.2015

Junge Stimmen und Ehrung für Francesco Meli

Alljährlich versammelt Vittorio Terranova, renommierter Gesangspädagoge aus Mailand, in Deutschlandsberg, der kleinen Bezirkshauptstadt in der Nähe von Graz, eine internationale Jury, um im Gesangswettbewerb  »Ferruccio Tagliavini« Spitzensänger von morgen zu küren. Diesmal fand der Wettbewerb bereits zum 21. Mal statt. Es stellten sich in diesem Jahr 100 junge Opernstimmen aus 26 Ländern in zwei Altersklassen (79 in der 1.Sektion „SängerInnen am Beginn ihrer Karriere bis 33 Jahre“ sowie 21 in der Sektion 2 „Stimmen in Ausbildung bis 24 Jahre“) dem Wettstreit um Engagements und Preisgelder von insgesamt rund 30.000 Euro. Fixpunkt im Terminkalender der Freunde des Belcanto ist dann immer das abschließende Preisträgerkonzert des Wettbewerbs, wofür die Oper Graz das Grazer Philharmonische Orchester samt Dirigenten, vor allem aber die große Bühne des prächtigen Opernhauses zur Verfügung stellt. In den letzten  fünf Jahren war die große russische Mezzosopranistin Elena Obraztsova die Jury-Vorsitzende. Sie ist im Jänner dieses Jahres verstorben und so hat nun Juan Pons den Vorsitz der internationalen Jury übernommen.

Im Konzert wurden nur die vier Preisträger der 1. Sektion vorgestellt, also jener Gruppe, „die am Beginn ihrer Karriere“ steht. Allen vier (ein Mezzo, zwei Tenöre und ein Bass) ist zu bescheinigen, dass es sich um technisch sicher geführte Stimmen handelt, die auch im großen Haus bestehen können. Sie sangen je drei Arien, sodass man sich ein gutes Bild ihres Potenzials machen konnte. Ich habe nicht die einzelnen Wettbewerbsdurchgänge verfolgt – mein Eindruck beschränkt sich daher auf dieses Abschlusskonzert. Über die Vergabe der Preise war schon vier Tage zuvor beim Finale in Deutschlandsberg entschieden worden. Ich räume gerne ein, dass ich nach den Leistungen im Preisträgerkonzert eine andere Reihung vorgeschlagen hätte.

Für mich zeigten der Mezzo und der Bass an diesem Abend die geschlossensten Leistungen. Der 32-jährige koreanische Bass Dong-Hyub Hong, der noch an der Musikhochschule Frankfurt studiert und dem der 4.Preis zuerkannt worden war, eröffnete das Arienprogramm mit der Banco-Arie aus Verdis „Macbeth“. Da hörte man eine profund-kompakte Bass-Stimme, die in allen Lagen ausgeglichen anspricht, über eine sichere und dunkelgefärbte Höhe verfügt, insgesamt aber zunächst noch ein wenig „eindimensional“ klang. Mehr Klangfarben konnte er dann in einer drastisch angelegten Verleumdungsarie des Basilio aus Rossinis „Barbiere“ zeigen. Und vollends überzeugte er mich nach der Pause. Da hatte er die nicht ganz leichte Aufgabe, unmittelbar nach dem Stargast Francesco Meli – darüber später mehr – aufzutreten. Die große Philipp-Arie aus Verdis „Don Carlo“ gestaltete er klug, konzentriert und mit schönen Piano-Phrasen, aber ebenso sicheren Forte-Höhen. Da wächst ein Bassist heran, der seinen Weg machen wird.

Die 28-jährige kroatische Mezzosopranistin Martina Menegoni hat in Zagreb nicht nur ihr Musikstudium abgeschlossen, sondern auch einen Master in Kunstgeschichte erworben. Sie betrieb an der Wiener Musikuniversität Repertoirestudien, war zuletzt im November in Wien beim Festival der kroatischen Musik zu hören und gewann im Wettbewerb den 3.Preis. Sie überzeugte an diesem Abend als lebhafte Olga in Tschaikowskis „Eugen Onegin“, als expressive Carmen und als koloraturen- und höhensichere Rosina in Rossinis „Barbiere“. Sie verbindet natürliche Bühnenpräsenz mit einer in allen Lagen ausgeglichenen, warmen Mezzostimme.

Den 2.Preis hatte der 29-jährige koreanische Tenor Wonjong Lee gewonnen, der zurzeit noch in Wien studiert. Er begann an diesem Abend zwar höhensicher, aber etwas unausgewogen mit dem Edgardo aus Donizettis „Lucia“. In dieses Fach wird er noch hineinzuwachsen haben. Auch „La donna è mobile“ aus Verdis Rigoletto war zwar sicher bewältigt, aber wohl auch (noch) nicht „seine“ Rolle. Besonders gut gelang ihm allerdings eine fast makellose Faust-Kavatine „Salut – demeure chaste“. Da traf er den richtigen französisch-eleganten Tonfall und überzeugte mich deutlich mehr als im italienischen Fach.

Beim Träger des 1.Preises - der zusätzlich auch den Publikums-, den Kritiker- und den Tenorpreis gewonnen hatte - dem 28-jährigen Engländer Adam Smith war dies umgekehrt: er begann an diesem Abend im französischen Fach mit Massenets „Ah! Fuyez“. Auch er war zwar absolut höhensicher, aber es fehlte ihm doch ein wenig die parfümierte Eleganz und auch die nötige sprachliche Präzision für das französische Fach. Er schloss den ersten Teil des Programms mit „Che gelida manina“ aus „La Bohème“ ab. Das lag ihm deutlich besser – aber ich empfand dennoch alles ein wenig steif, noch etwas unausgeglichen und ohne individuelle Ausstrahlung. Es wird ihm sicher sehr helfen, dass er durch seinen Wettbewerbssieg eine Reihe von Fortbildungsmöglichkeiten in Italien gewonnen hat. Er schloss den Abend mit Ponchiellis „Cielo e mar“ ab – und es ist dem „Neuen Merker“ sehr zu danken, dass sich alle Opernfreunde, die Facebook nutzen, hier selbst einen Eindruck verschaffen können, wo der junge Engländer mit seinen Möglichkeiten derzeit steht – man kann da die gesamte Arie nachhören. Adam Smith ist derzeit an der Opera Vlaanderen engagiert- seiner Website  kann man entnehmen, dass er dort derzeit Basilio und Curzio in „Le Nozze di Figaro“ singt, aber auch Cassio und Walter von der Vogelweide sind vorgesehen. Das sind alles Partien, in denen ich mir Adam Smith sehr gut vorstellen kann - zu den an diesem Abend präsentierten Rollen hat er noch einiges an Weg vor sich.

Ehrengast des Abends war Francesco Meli, dem in diesem Jahr die ISO d’ORO – die Goldene Note des Belcanto - verliehen wurde. Es ist dies eine Auszeichnung, die großen Persönlichkeiten aus der Welt der italienischen Oper üblicherweise für ihr Lebenswerk verliehen wird – bisher waren dies zum Beispiel Joan Sutherland, Giuseppe Taddei, Giulietta Simionato, zuletzt Leo Nucci und Juan Pons. Die vollständige Liste der bisher Ausgezeichneten findet sich hier . Diesmal wurde diese hohe Auszeichnung gleichsam als ehrenvolle Ausnahme einem jungen Künstler, nämlich dem 35-jährigen Italiener Francesco Meli verliehen. Meli hat eine besondere Verbindung zum Wettbewerb und vor allem zu seinem Präsidenten Vittorio Terranova: seit rund 13 Jahren perfektioniert sich Francesco Meli in Mailand bei Vittorio Terranova - und: Meli war 2003 „nur“ Finalist im Deutschlandsberger Wettbewerb und hat damals keinen Preis gewonnen…….

Aber inzwischen hat er Weltkarriere gemacht - es ist durchaus eindrucksvoll, sich hier seine derzeitigen Termine anzuschauen. Vittorio Terranova gratulierte seinem Schüler wortreich und überreichte ihm die Auszeichnung.

 

Francesco Meli  ließ es sich nicht nehmen, für die Auszeichnung mit zwei musikalischen Beiträgen zu danken. Wir konnten Francesco Meli zuletzt vor drei Jahren in Graz hören- da gratulierte er im damaligen Preisträgerkonzert seinem Lehrer Vittorio Terranova zum 70.Geburtstag - ich zitiere aus meinem Bericht aus dem Jahre 2012: Er sang mit Serena Gamberoni ein umwerfendes Duett Adina/Nemorino, dann strahlend „Una furtiva lagrima“ und zuletzt Werthers „Pourquoi me réveiller“ mit allem Schmelz in Piano und Forte – er schien sich an diesem Abend selbst zu überbieten.“  Inzwischen ist Melis Stimme deutlich gereift - sie ist dunkler und auch ein wenig schwerer geworden. An diesem Abend beeindruckte er zunächst mit Cavaradossis „E lucevan le stelle“ - mit großer Intensität und Spannung gestaltet. Dann folgte „La fleur que tu m’avais jetée“ aus Bizets Carmen. Den José wird Meli im Mai in Genua und im Juni an der Scala singen. An diesem Abend in Graz hat Meli die Arie mit großer (eher italienischer als französischer) Operngeste vorgetragen. Höchst eindrucksvoll war, wie ihm die Schlussphrase 

Et j'étais une chose à toi!“ gelang - die dynamischen Vorgaben des Komponisten „pp - rallentando e diminuendo“ wurden perfekt umgesetzt und das hohe B hatte auch im Pianissimo Kern und Substanz. Das gelingt nur wenigen Tenören! Das Publikum war begeistert und feierte den Star.

 

Den gesamten Abend begleitete das Grazer Philharmonischen Orchester unter Marius Burkert  aufmerksam und mit manch schönem Instrumentalsolo (etwa Violoncello und Violine im „Don Carlo“), aber auch mit rundem Hörnerklang. Es gab auch zu Beginn der beiden Konzertteile je ein stück nur für Orchester: der Semiramide-Ouvertüre von Rossini fehlte es noch ein wenig an federnder Spannung - sehr anregend war aber dann die Begegnung mit Nachtstück und Festmusik aus Karl Goldmarks „Die Königin von Saba“.

Der Abend  und die jungen Künstler hätten sich mehr Publikumsresonanz verdient - wirklich animierte  Stimmung im Haus gab es eigentlich nur bei Francesco Meli, sonst waren die Publikumsreaktionen eher flau.

Hermann Becke, 25. 4. 2015

Noch ein Hinweis: von 1. Bis 15. August 2015 gibt es in Deutschlandsberg wieder die Internationale Belcantoakademie I.S.O. unter der Leitung von Vittorio Terranova – Näheres

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Ärgerliche Inszenierung – vielversprechende junge Stimmen!

Besuchte Aufführung: 9. 4. 2015

(Wiederaufnahme aus der Saison 2013/14)

„… Zu Beginn des 2. Aktes ist eine Pressekonferenz zu Gange, wo Sarastro – unterstützt von Dolmetschern – seine humanistischen Ideale erläutert.“

Das liest man in der Kölner Premierenkritik des Opernfreundes vom 7.12.2014 und dazu gehört dieses Foto.

Ja - die Inszenierung der französischen Regisseurin Mariame Clément (Ausstattung: Julia Hansen) ist weitgereist. Es war ursprünglich eine Produktion der Opéra National du Rhin Strasbourg in Zusammenarbeit mit der Opéra de Nice vom Dezember 2012, die dann im November 2013 ihre Premiere in Graz hatte, um dann weiter nach Köln zu wandern. Nun wurde sie wieder ins Grazer Repertoire aufgenommen. Mit der Inszenierung haben sich zahlreiche Kritiker auseinandergesetzt. Meine persönliche Meinung habe ich im Grazer Premierenbericht vom 10.11.2013 deponiert – wer Lust hat, kann das dort nachlesen. Der neuerliche Besuch verstärkt leider den negativen Eindruck: es ist eine stimmungslose, ja stimmungstötende Inszenierung, die geradezu konsequent alle Charaktere des Meisterwerks von Schikaneder und Mozart verzerrt. Ich kann mich nur dem anschließen, was der OF nach der Kölner Premiere geschrieben hatte: „Es ließe sich endlos erzählen, was Frau Clément zur „Zauberflöte“ noch so alles eingefallen ist (etwa ein zweimaliger Suizidversuch Sarastros), doch das wäre verlorene Liebesmüh. Denn die Inszenierung leistet keinen wirklichen essenziellen Beitrag über das Männerbündische im klösterlichen Domizil Sarastros, auch nichts über seinen Grundkonflikt mit der Königin der Nacht. Bei der Feuer- und Wasserprobe werden filmisch allerlei Unglücksgeschehnisse gezeigt. Will die Inszenierung auf einmal weltkritisch sein?“  Auch aus der Premierenkritik in Straßburg sei zitiert: „Sarastro als blinder Dandy im cremefarbenen Dreiteiler, die beiden Geharnischten als Teilzeitkomiker, Papageno als Dosenravioli essender Aussteiger, der in einem Flugzeugwrack wohnt und seine Vögel in Plastiktüten sammelt – an der "Zauberflöte" hat sich schon mancher verhoben. Zu fragil ist bei Mozarts Oper die Mischung aus Märchen und Mysterium, aus Leichtigkeit und Schwere, Einfachheit und Vielschichtigkeit. Jetzt hat sich die französische Regisseurin Mariame Clément an der Straßburger Opéra national du Rhin der Oper angenommen. Und sie buchstäblich in den Sand gesetzt.“  

Ich gestehe, ich war an diesem Abend über die szenische Umsetzung verärgert und bedauerte die vielen Kinder, die das Grazer Opernhaus füllten und eine derart verzerrte Zauberflöte erleben mussten. 

Lieber wende ich mich also der musikalischen Seite zu: Die Wiederaufnahme in Graz ist in fast allen Rollen neubesetzt – und das junge Team verdient es, dass man sich mit den überwiegend erfreulichen Leistungen ausführlich auseinandersetzt.

Der junge koreanische Tenor Kyungho Kim studiert noch an der Universität der Künste in Berlin, kann aber bereits auf eine Reihe von respektablen Engagements verweisen: 2013/14 sang er an der Oper Bratislava Herzog ("Rigoletto"), Rodolfo ("La Bohème") und Macduff ("Macbeth"). Zuletzt debutierte Kyungho Kim an der Oper Leipzig als Ismaele ("Nabucco"), wo er auch als Rodolfo gastierte. Kim hat eine schön timbrierte, in allen Lagen ausgeglichene Tenorstimme, die deutlich ins lyrische italienische Fach weist. Das kommt durchaus auch dem Tamino entgegen, wenn auch an der Mozart-Artikulation noch zu arbeiten sein wird. Kims Textdeutlichkeit ist ausgezeichnet und auch seine Bühnenpräsenz erfreulich. Da hat man einen jungen Mann gehört, der zweifellos seinen Weg machen wird. Auch die russische Sopranistin Diana Schnürpel als Königin der Nacht feierte einen vom Publikum lebhaft akklamierten Einstandserfolg in Graz. Sie war in ihrer Paraderolle bereits in Braunschweig, in Salzburg, in Klagenfurt (siehe dazu den OF-Bericht vom 19.12.2014) und in Detmold zu hören und hat sich nun auch im grossen Grazer Haus mit ihrer in der Tiefe warmen, aber gleichzeitig höhen- und koloratursicheren Stimmen bewährt.

Die Papagena der Premiere ist nun zur Pamina aufgestiegen: die 26-jährige Ukrainerin Tatjana Miyus begann 2011/12 im Grazer Opernstudio und hat sich seither im Soubrettenfach als spielfreudige und vielseitig einsetzbare Sängerin rasch zu einem sehr beliebten Ensemblemitglied emporgearbeitet. Die Pamina hat sie mit ihrer sauber und schlank geführten Stimme ausgezeichnet und technisch makellos, wenn auch ein wenig eindimensional, bewältigt – an der emotionalen Tiefe und beseelten Ruhe der Phrasen im Duett mit Papageno, in der g-moll-Arie und in der Feuer-und Wasserprobe, aber auch an der Textartikulation wird sie noch zu arbeiten haben. Darstellerisch war sie – wohl auch durch die Regie dazu gedrängt - mehr das unbefangen-kindliche Mädchen und nicht eine Königinnen-Tochter. Aber trotz der kleinen Einschränkungen: es war wieder eine sehr schöne Leistung des jungen Ensemblemitglieds - und auf youtube kann man erfreut feststellen, wohin sie sich bei weiterer konsequenter Arbeit entwickeln kann (Fiordiligi und Micaela).

 

Die neue Papagena war die noch studierende Ana Kovačević – eine durchaus erfreuliche Leistung. Ihre große schlanke Erscheinung passte gut zum Papageno von Ivan Oreščanin , der entsprechend dem Regiekonzept ein schlaksiger Außenseiter sein muss und der sein „gemütvolles Herz“ so gar nicht zeigen kann. Nicht nur das verfehlte Regiekonzept, sondern wohl auch sein resonanzarmes Timbre führte dazu, dass seine Auftrittsarie ohne Applaus blieb und dass man den ganzen Abend lang einen Papageno ohne stimmliche Wärme erleben musste – schade! Neu war auch der Monostatos von Martin Fournier – zwar in großer Selbstverleugnung sehr aktiv gespielt, aber an diesem Abend ohne das nötige stimmliche Gewicht. Bei den drei Damen war neben der bewährten und sicheren Premierenbesetzung Margareta Klobučar (1.Dame) und Xiaoyi Xu (3.Dame) Anna Brull eine solide 2.Dame. Die drei Knaben sangen und spielten passabel zwei Knaben und ein Mädchen der „Grazer Singschul‘“. Wie bei der Premiere war Wilfried Zelinka ein von der Regie arg verzeichneter Sarastro. Seiner Bühnenerfahrung ist es zu danken, dass er dennoch ein Mindestmaß an Würde bewahren konnte. Der Sarastro ist wohl nicht mehr die optimale Partie für ihn, seit er sich zu Escamillo und Scarpia weiterentwickelt hat. Mit schlanker und geschmackvoll geführter Stimme bewältigte er diese Aufgabe dennoch mit Anstand. David McShane ist ein sicherer Sprecher, Taylan Reinhard und

Umut Tingür ergänzen verlässlich in den von der Regie zusammengefassten Rollen der Priester und Geharnischten.

 

Neu war in dieser Aufführung auch der Dirigent. Der in Wien ausgebildete Argentinier José Miguel Esandi wählte klug-ausgewogene Tempi. Zu Beginn gab es einige Unstimmigkeiten zwischen Orchester und Bühne – ab dem Quintett Nr.5 (3 Damen/Tamino/Papageno) entstand dann schlagartig spannungsvolles Musizieren, und gemeinsam mit dem gut disponierten Orchester und dem sicheren Chor gab es insgesamt eine musikalisch sehr solide Repertoire-Aufführung. Eine Kleinigkeit sei angemerkt – nicht zuletzt, weil sie ausdrücklich im Programm angeführt ist: Im Orchester wurde das Glockenspiel nicht – wie oft üblich – auf einer Celesta gespielt, sondern auf einem „Klaviaturglockenspiel - Nachbau eines im 18.Jahrhundert üblichen Instruments“. Das sorgte zwar durchaus für einen reizvollen härteren Klang als gewohnt, irritierte aber gleichzeitig durch deutliche (Klopf)Nebengeräusche.

Das mit Kindern und mit nach meinem Eindruck wenig opernerfahrenen Erwachsenen gut gefüllte Haus spendete kaum Szenenapplaus – am Ende gab es aber doch deutlich abgestuften Beifall – zurecht wurden die Königin der Nacht, Tamino und Pamina am meisten akklamiert.

Hermann Becke, 10.4.2015

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Ein Hinweis:

Diese Repertoireaufführung war die erste Opernaufführung nach der Rückkehr von einem eben beendeten erfolgreichen Auslandsgastspiel des Grazer Philharmonischen Orchesters nach Taiwan, an dem auch Tatjana Miyus und  Ivan Oreščanin – Pamina und Papageno dieses Abends - teilnahmen. In einem Fünf-Minuten-Video kann man Ausschnitte der „Austrian Night“ sehen und hören.

 

OTELLO

Neuer Otello – neuer Jago

Besuchte Vorstellung: 8. März 2015

(Wiederaufnahme aus der Saison 2011/12)

Es ist begrüßenswert, wenn Neuinszenierungen – speziell der großen Standardwerke der Opernliteratur - nicht nach einer Spielzeit im Depot landen, sondern auch in späteren Jahren wieder auf den Spielplan gesetzt werden. Das erweitert nicht nur für das Publikum das Angebot, sondern fordert auch Orchester, Chor und Ensemble – und vor allem es bietet auch die Chance, neue Protagonisten vorzustellen. Die Grazer Otello-Produktion (Stephen Lawless – Regie, Frank Philipp Schlößmann - Bühne,  Jorge Jara – Kostüme) hatte am 1.Oktober 2011 ihre Premiere und wurde im Februar 2015 wieder auf den Spielplan genommen, nachdem man sie drei Spielzeiten lang nicht gesehen hatte. Über die Premiere hatte ich berichtet: „Das „Leading Team“ hat eine praktikable Lösung auf die Bühne gestellt – mit verschiebbaren Wänden, Vorhängen und wenigen Requisiten, in schönen historischen Kostümen und mit einer geglückten optischen Verbindung zwischen dem Liebesduett im ersten Akt und Otellos Tod. Auf dieser Bühne könnte man spannendes Theater machen.“  Leider wurde allerdings die Chance der Wiederaufnahme nicht genutzt, um die Inszenierung zu überarbeiten – und so erlebt man, dass die neuen Akteure durch den Spielleiter Christian Thausing offenbar bloß in den Ablauf eingewiesen wurden. Alle Ärgerlichkeiten der nicht vorhandenen bzw. reichlich banalen Personenführung, die schon bei der Premiere moniert wurden, blieben erhalten. Schade – da wurde eine Chance vergeben, denn mit diesem Solistenteam hätte man durchaus spannendes Theater machen können!

Neu waren diesmal der Litauer Kristian Benedikt  als Otello und  der Italiener Ivan Inverardi als Jago – beide in ihren Partien international erfahren. Kristian Benedikt war zuletzt Calixto Bieitos Otello in Basel – und er wird in einer Woche den Otello in der Premiere in Stockholm singen. Benedikt hat ein eindrucksvolles, guttural-heldisches Stimmmaterial mit metallischen Spitzentönen. Er bemüht sich auch hörbar um die lyrischen Passagen – da sitzt allerdings die Stimme oft allzu sehr „hinten“ und hat kaum Modulationsmöglichkeiten. In der Gestaltung vermisste man ein wenig die Gespaltenheit der Figur – insgesamt ein sehr gute, aber nicht überdurchschnittliche Besetzung. Ähnliches gilt für den Jago von Ivan Inverardi. Er ist natürlich durch die von der Regie aufgezwungene Hofnarr-Figur beeinträchtigt und vermittelt in seiner etwas hilflosen Massigkeit eher tolpatschige Tanzbären-Atmosphäre – er war nicht wie von Verdi gewünscht „der Dämon, der alles in Bewegung setzt…. Gleichgültig gegenüber allem, blasiert, skeptisch, spöttisch“ . Inverardi verfügt über eine warme, reiche und dunkel timbrierte Baritonstimme. Zu Beginn gab es leichte Intonationsprobleme, aber ab dem Credo und dem Schwurduett beeindruckte er kraftvoll. Auch er also eine sehr gute – leider durch die Regie beeinträchtigte - Besetzung.

 

Die beste Leistung des Abends kam vom Grazer Stammensemble:

Gal James war gesanglich eine ganz wunderbare Desdemona. War schon ihr Rollendebut vor dreieinhalb Jahren vielversprechend, so kann man heute mit Freude bestätigen, dass das Versprechen eingelöst wurde. Nun hat sie auch die Kraft, die großen Phrasen im zweiten Akt zu gestalten und auch im Finale des dritten Akts das Ensemble mit klarer, nie forcierter Stimme anzuführen. Und im letzten Akt sang sie das Lied von der Weide und das Ave Maria wahrhaft auf höchstem Niveau – brava! Schade, dass ihre darstellerische Ausstrahlung diesem stimmlichen Rang noch nicht adäquat ist. So blieb das Liebesduett im ersten Akt ohne poetischen Zauber – was aber wohl auch an der wenig inspirierenden Regie lag. Noch dazu hatte sie an diesem Abend eine unvorteilhafte Frisur (zum Unterschied zu der Frisur auf den Premierenfotos!) – die Stirnfransen passten ganz einfach nicht zu Desdemona. Gerade an Gal James erlebte man schmerzhaft das Fehlen einer führenden und fördernden Personenregie. Aber das sei ihr alles vergeben – sie hat an diesem Abend wirklich wunderbar gesungen und war am Ende der verdiente Mittelpunkt des Publikumsbeifalls!

 

Die übrige Besetzung war solide – nur Taylan Reinhardt als Cassio hatte nicht seinen besten Abend. Großartig, wie Dshamilja Kaiser mit großer Bühnenpräsenz und schöner Stimme die kleine, aber so wichtige Rolle der Emilia gestaltete.

 

Überraschendes gibt es von der musikalischen Leitung des Abends zu berichten. Die Wiederaufnahme hatte der Grazer Opernchef Dirk Kaftan vorbereitet – er hatte auch die erste Vorstellung geleitet (wie man hörte: mit großem Erfolg!) und er war für diesen Abend ebenfalls angekündigt. Selbst am Tag nach der Vorstellung scheint auf seiner eigenen Website noch immer auf, dass er den Otello leitet. Man war erstaunt, als man dann im Abendprogramm feststellen musste, dass nicht er, sondern als Gast Benjamin

Reiners (1. Kapellmeister in Hannover) dirigierte. Dirk Kaftan hingegen saß – kritisch in den Orchestergraben und auf die Bühne blickend - gemeinsam mit der designierten Intendantin Nora Schmid in der Proszeniumsloge, sodass man Eindruck gewinnen musste, Benjamin Reiners dirigiere gleichsam „auf Engagement“. Nun – ehrlich gesagt, der Eindruck, den dieser junge Dirigent an diesem Abend vermittelte, war eher zwiespältig. Da gab es mit dem (gut studierten!) Chor im 1.Akt durchaus einige Koordinierungsprobleme und auch im Jago’schen Credo gab es wacklige Orchesterpassagen. Reiners wird wohl wenige (oder vielleicht gar keine) Orchesterproben gehabt haben Wenn dies so war, dann ist es schon ein Kompliment und ein Zeichen von Routine, wenn man feststellen darf: Insgesamt hielt Reiners den Abend gut zusammen! Ein eigenes Profil konnte er an diesem Abend allerdings nicht zeigen - und auch die Leistung der Grazer Philharmoniker war dementsprechend eher routiniert als subtil.

 

Das Haus war erfreulich gut besucht und es gab reichen – und verdienten – Beifall für das Solistenteam.

Hermann Becke, 9.3.2015

Fotos: Oper Graz, Werner Kmetitsch

 

Es gibt noch drei  weitere Vorstellungen – hier die Termine

 

 

 

DIE TOTE STADT

Diesmal mit neuer Marietta

5. März 2015

6. Vorstellung nach der Premiere vom 18. Jänner 2015

In der bereits zweimal besprochenen Produktion sang nun erstmals die Schweizerin Marion Ammann die Partie der Marietta/Marie. Grund genug, die Aufführung zu besuchen und darüber zu berichten.

Man kennt und schätzt Marion Ammann  in Graz als großartige Kaiserin in der „Frau ohne Schatten“ der Saison 2010/11. Die Marietta ist für sie keine neue Partie – sie hat sie gerade mit großem Erfolg in Chemnitz gesungen, wie man hier nachlesen kann. Mit ihr hat die sehenswerte Grazer Produktion plötzlich eine neue Facette gewonnen. War die Premiere darstellerisch und stimmlich primär durch die großartige Leistung des ungarischen Einspringers Zoltán Nyári geprägt, der den ekstatisch-zerrissenen Paul zum Mittelpunkt des Bühnengeschehens machte, war an diesem Abend unzweifelhaft Marion Ammann die zentrale Figur. Ihr ist es ausgezeichnet gelungen, die Zwiespältigkeit der Marietta zu vermitteln. Man glaubt ihr die elegante Exaltiertheit der Tänzerin ebenso wie das „wissende Liebkosen“ und die „jauchzende Lust“. Sie setzt darstellerisch genau das um, was im Libretto steht: sie „tritt in heiterer Unbefangenheit, lächelnd, mit dem Anstand und der Würde der sich ihrer Schönheit bewussten Frau und mit der Grazie der Tänzerin herein. Sie fällt in der Folge öfters aus damenhafter Haltung in das freie Gehaben der Kulissenwelt. Naiv-verderbtes, eitles, aber immer liebenswürdiges Wesen; wiederholt bricht ein leidenschaftliches erotisches Temperament hervor.“ Und noch dazu überzeugt Marion Ammann nicht nur als Darstellerin, sondern sie versteht es auch stimmlich, die Figur plastisch zu gestalten. Ihre stimmliche Interpretation scheint mir primär nicht so sehr vom Text, sondern von den großen Melodiebögen auszugehen – da hört man ihre große Wagner- und Strauss-Erfahrung. Jubelnde Höhen und zarte Pianofarben stehen ihr zur Verfügung. Besonders schön gelang ihr die sechste Szene des ersten Bilds, als sie durch ruhig-elegische Stimmführung und Stimmfärbung die verstorbene Marie charaktervoll zeichnete - und damit die Verstorbene allein mit stimmlichen Mitteln markant von der extrovertierten Marietta absetzte. Leider konnte die Oper Graz keine Szenenfotos mit Marion Ammann zur Verfügung stellen – also müssen wir uns mit einem Facebook-Garderobenfoto begnügen, um zumindest ein wenig auch den optischen Reiz vermitteln zu können, den diese Marietta ausstrahlte.

Durch die starke Bühnenpräsenz der Marietta gewann plötzlich auch die Figur der Brigitta weiter an Gewicht. Das Inszenierungskonzept wertet ja die Haushälterin-Figur auf und macht sie gleichsam zum Alter-Ego von Marie. Mit den beiden Damen Marion Ammann und Dshamilja Kaiser – beide blendende, hochaufragende Bühnenerscheinungen, beide blendende Sängerinnen – die eine mit strahlendem Sopran, die andere mit warm-strömendem Mezzo – ergibt sich im Stück ein weibliches Kraftzentrum, das den ganzen Abend beherrscht. Plötzlich wird es auch überzeugend, ja geradezu selbstverständlich-zwingend, dass Brigitta manche entscheidende Gesangsphrase Mariettas mitsingt. Und beide heben sich auch als ausgeprägte Individualitäten aus der Damenstatisterie ab, die die Frauenfiguren gleich einer Traumvision vervielfachen (diesmal waren es übrigens – aus optischen Gründen wohlüberlegt – nur mehr sechs Statistinnen, und nicht sieben, wie bei der Premierenbesetzung…)

Neben diesem weiblichen Kraftzentrum blieben die beiden Herren ein wenig blass. Dabei ist von Johannes Chum als Paul durchaus Erfreuliches und eine beträchtliche Steigerung gegenüber seinem ersten Auftritt zu berichten. Diesmal blieben nämlich die störenden Vokalverfärbungen fast völlig aus. Chum hat an stimmlicher Prägnanz und Sicherheit erheblich gewonnen. Er forciert nicht, besinnt sich auf die Qualitäten seiner schlank-geraden Oratorienstimme und artikuliert klar. Da Opernchef Dirk Kaftan  mit dem gut disponierten Grazer Philharmonischen Orchester sehr rücksichtsvoll begleitet, wird nur an wenigen Stellen deutlich hörbar, dass der Paul nicht das genuine Stimmfach von Johannes Chum ist. Neben den beiden dominanten Frauenfiguren ist die darstellerische Blässe des Paul geradezu eine überzeugende Facette im Gesamtbild dieses Freudschen Traumkosmos.

Dazu passt auch sein Alter-Ego Frank/Fritz. Ivan Oreščanin ist kein aktiver Gestalter des Geschehens, sondern eine elegant-eindimensionale Mannsfigur. Stimmlich gestaltet er die dramatischen oder rezitativischen Stellen seiner Partie markant – jene großen Legatobögen, die die beiden Damen so wunderbar zu spannen vermögen, gelingen ihm leider nicht - und so bleibt auch diesmal der Schlager „Mein Sehnen, mein Wähnen“ ohne Effekt und ohne Beifall. In der mit Tatjana Miyus, Taylan Reinhardt und Manuel von Senden blendend besetzten Artistengruppe ist die junge Mezzosopranistin Anna Brull aus dem Opernstudio erstmals die Lucienne. Soweit man dies nach diesem ersten Eindruck einschätzen kann, wächst da ein vielversprechendes Talent heran. Und zum Schluss noch ein Wort zum Dirigenten des Abends:

Opernchef Dirk Kaftan hat sich mit der kraftvollen, aber dennoch auch immer wieder kammermusikalisch-transparenten und jeden vordergründig-platten Effekt vermeidenden Interpretation des vielschichtigen Korngold-Werkes jener hohen Auszeichnung würdig erwiesen, die ihm Ende Februar zuerkannt wurde. Die Steiermärkische Landesregierung vergibt alle drei Jahre den Karl-Böhm-Interpretationspreis des Landes Steiermark. Dieser Preis wird in Würdigung und Erinnerung an den in Graz gebürtigen weltberühmten Dirigenten Karl Böhm seit 1998 alle drei Jahre an herausragende Künstlerinnen und Künstler vergeben. Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert. Der Beschluss  der Jury, Dirk Kaftan der Steiermärkischen Landesregierung als Preisträger vorzuschlagen, wird wie folgt begründet: „Dirk Kaftan ist es als Chefdirigent des Grazer Philharmonischen Orchesters gelungen, dessen Niveau in sehr kurzer Zeit deutlich zu heben und dessen Klangkultur erheblich zu verfeinern. Er beherrscht ein sehr breites Repertoire souverän, setzt sich nachhaltig für eine Erweiterung des sinfonischen und musiktheatralischen Repertoires ein und geht aktiv auf das Publikum zu".  Der Opernfreund gratuliert zu dieser ehrenvollen Auszeichnung!

Das Publikum dieser Repertoire-Aufführung im erfreulich gut besuchten Grazer Opernhaus spendete viel Beifall einem spannungsvollen Abend zeitgemäßen Musiktheaters. Der Besuch der verbleibenden Aufführungen des selten gespielten Werkes ist jedenfalls zu empfehlen. 

Hermann Becke, 6.3.2015

5 weitere Vorstellungen

am 13.3. (Ammann/Chum), 22.3. (Ammann/Chum), 11.4. (Ammann/Nyári),  für die beiden letzten Aufführungen am 10.5. und 13.5. ist noch keine Besetzung bekannt.

 

 

DIE TOTE STADT

Rollendebut als tenoraler Irrweg

Besuchte 4.Vorstellung am 13.Februar 2015

Zur Qualität eines Hauses, das in die Endrunde des diesjährigen Opera Award   gelangt ist, gehört zweifellos auch der Repertoirealltag. Und da leistet die Oper Graz in der ersten Februarhälfte durchaus Beachtliches: an drei Tagen hintereinander spielte man zunächst Tosca, dann kam die Wiederaufnahme von Otello mit einem neuen Otello und einem neuen Jago (darüber wird noch zu berichten sein) und unmittelbar am Tag darauf  folgte Korngolds Tote Stadt, die im Jänner eine international beachtete und gewürdigte Premiere erlebt hat, und in der nun der knapp vor der Premiere erkrankte Tenor Johannes Chum als Paul sein Rollendebüt gab – Grund genug, diese Produktion nochmals zu besuchen und darüber zu berichten.

Wenn man sich Chums aktuelle Opernauftritte in operabase ansieht, dann erkennt man sehr deutlich, dass Johannes Chum wohl an einen Scheideweg gekommen ist: da steht der üblicherweise von Heldentenören gesungene Paul in Korngolds „Toter Stadt“ zwischen Aufgaben in selten gespielten Barockopern (Mysliveceks „L’Olimpiade“ in Prag und demnächst Telemanns „Emma und Eginhard“ unter René Jacobs in Berlin). Johannes Chum ging es mit dem Paul so, wie es ihm im Herbst 2013 mit dem Lohengrin ergangen war: er musste krankheitshalber in beiden Partien kurzfristig die Premiere absagen. Und auch im Lohengrin sang er dann - so wie nun in der Toten Stadt - ab der vierten Vorstellung. Das Rollendebüt als Paul fiel auf einen Freitag, den 13. – und es war kein Glückstag für Johannes Chum. Seine schlanke, klare, eher "gerade" geführte Stimme hat einen individuell-charakteristischen Klang. Damit war Chum bisher in Barock- und Mozart-Partien erfolgreich. Diese Stimme ist für die spätromantische Üppigkeit der Korngoldschen Musik nicht geeignet. Das war Johannes Chum wohl bewusst - und so versuchte er, seine Stimme zu verändern und mehr Volumen zu schaffen, um den Klangmassen des Orchesters standzuhalten. Das führte zu eklatanten Vokalverfärbungen und zu einer bei Chum bisher gänzlich unbekannten undeutlichen Artikulation des Textes. Er war mit dieser Rolle schlichtweg überfordert und musste die großen Gesangsbögen wiederholt durch Atem-Einschnitte unterbrechen  Dazu kam, dass er sich in der Rolle auch darstellerisch merklich unwohl fühlte und die überschwängliche Exaltiertheit der zerrissenen Figur nie vermitteln konnte. Johannes Chum wird gut beraten sein, den Weg ins dramatische Fach als Irrweg zu erkennen und sich wieder auf sein bisheriges Kernrepertoire zu besinnen, in dem er so erfolgreich war und weiterhin bleiben möge. Aus Harnoncourts Jacquino (Theater an der Wien 2013) wird wohl kein Florestan werden!

Die Marietta war wieder Gal James  - sie stand noch am Vortag als Desdemona auf der Bühne, ohne dass dies ihre Leistung an diesem Abend beeinträchtigt hätte. Die Eindrücke der Premiere bestätigten sich: Gal James bewältigt die anspruchsvolle Partie stimmlich sehr gut – speziell im 3.Akt gelangen ihr wunderbare lyrische Phrasen – darstellerisch bleibt sie konventionell-blass. Neben Johannes Chum wurde an diesem Abend Ivan Orescanin in der Doppelrolle Frank/Fritz - in dieser Inszenierung eigentlich eine Dreifachrolle als Alter Ego von Paul – mit seinem viril-trockenen Bariton zur männlichen Zentralfigur des Stücks. Durch Zufall ist mir vor kurzem ein fast 50 Jahre altes Rundfunkinterview mit George London untergekommen. Der Pierrot Fritz war meines Wissens die letzte Rolle des großen Bass-Baritons in Wien (damals an der Volksoper). Das war im Jahre 1967 schon nach seiner Stimmkrise, aber dennoch hört man in einer Aufnahme der Theaterszene aus der Toten Stadt den warmen Reichtum dieser außergewöhnlichen Stimme. Natürlich kann und darf man die Leistung von Orescanin nicht an solch großen Vorbildern der Vergangenheit messen. Aber jedenfalls hat Ivan Orescanin diesmal eine saubere Leistung geboten und das Regiekonzept – selbst als Transvestit -überzeugend umgesetzt.

Die prägnant-skurrile Theatergruppe im 2. Akt war wie in der Premierenbesetzung mit Tatjana Miyus (sie führte mit ihrem klaren und gut sitzenden Sopran die Ensembles souverän an!), Taylan Reinhardt und Manuel von Senden stimmlich und darstellerisch überzeugend. Und obwohl die Rolle der Lucienne an sich aus dem hauseigenen Ensemble doppelt besetzt ist, musste wegen Erkrankung ein Gast geholt werden. Die gebürtige Amerikanerin Kristina Cosumano hatte die Partie vor zwei Jahren in Innsbruck gesungen, konnte daher kurzfristig einspringen und ergänzte das Ensemble durchaus profiliert. Und dann musste vier Stunden vor Vorstellungsbeginn die Oper Graz noch folgende Eilmeldung aussenden: „Dshamilja Kaiser ist leider erkrankt und kann heute Abend nicht singen. Sie wird allerdings die Rolle der Brigitta spielen und Anna Maria Dur wird vom Portal singen.“  Die an sich kleine Rolle der Brigitta ist in der Inszenierung von Johannes Erath wesentlich ausgebaut und aufgewertet – sie wird als Spiegelung der verstorbenen Marie und der lebenslustigen Marietta zum Frauenideal von Paul. Es ist Dshamilja Kaiser sehr zu danken, dass sie trotz Erkrankung diese wichtige Figur, die in allen drei Akten praktisch ständig präsent ist, darstellerisch – überzeugend wie in der Premiere – verkörperte. Die wenige Stunden vor der Aufführung in Graz eingelangte Anna Maria Dur stand im schwarzen Kleid und mit Notenpult am Bühnenrand und ergänzte sicher die wenigen Gesangsphrasen. Aber natürlich fehlten dadurch jene Passagen, in denen Brigitta in dieser Inszenierung auch stimmlich eine Reihe von Phrasen der Marietta verdoppelte.

Die detailreiche Inszenierung (Johannes Erath; Herbert Murauer – Bühne & Kostüme ) mit ihrer ausgezeichneten Lichtgestaltung ( Joachim Klein) überzeugte mit dem Freudschen Pandämonium vielerlei Traumgestalten auch beim zweiten Besuch. Die ausgezeichnete Leistung des Grazer Philharmonischen Orchesters unter der Leitung ihres Chefs Dirk Kaftan, der trotz der riesigen Besetzung die Solisten sehr behutsam, fallweise geradezu kammermusikalisch begleitete, trug zum Gesamterfolg des Abends ebenfalls  Wesentliches bei. Allerdings musste der (grundsätzlich wohlmeinende) Berichterstatter an diesem Abend auch registrieren, dass das Stück ganz entscheidend an Substanz verliert, wenn die zentrale Figur des Paul das Werk weder stimmlich noch darstellerisch zu tragen vermag. Und dann muss man an das Wort von Ernst Krenek denken, der in seiner Autobiographie „Im Atem der Zeit“ bösartig (und aus seiner Feindschaft zu Korngolds Vater verständlich und begründet) Korngolds Musik eine „Art substraussischen, überschwenglichen Gesprudels“ nennt. Ohne überzeugenden Protagonisten fallen die zeitgebundenen und oberflächlichen Seiten des Stücks deutlich, ja geradezu schmerzlich auf. Das mag auch dazu beigetragen haben, dass an diesem Abend in der Pause auffallend viele Besucher das an sich voll besetzte Haus verlassen haben. Am Ende gab es für alle intensiven, aber kurzen Beifall.

Und wenn man sich etwas wünschen darf: Johannes Chum möge erfolgreich in sein genuines Stimm- und Rollenfach zurückkehren!

Hermann Becke, 14. 2. 2015

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Videotrailer der Grazer Produktion (mit der ausgezeichneten Premierenbesetzung Zoltán Nyári)

 

DIE TOTE STADT

Großer Premierenjubel

Premierenbericht vom 18. Jänner 2015

Wenige Tage vor der Premiere ging die Meldung durch die Medien, dass die Oper Graz in der Kategorie „ Opera Company“ gemeinsam mit fünf anderen europäischen Opernhäusern (English National Opera, Komische Oper Berlin, Novaya Opera Moskau, Opera Vlaanderen und Théâtre Royal de la Monnaie) als einziges österreichisches Opernhaus im Finale um den Opera Award 2015 ist. Der Preis wird von einer hochkarätigen internationalen Jury vergeben und am 26.April 2015 in London überreicht werden. Preisträger des Jahres 2014 war übrigens das Opernhaus Zürich. Dieser bemerkenswerte Erfolg des Grazer Hauses wurde bei der Premierenfeier vom Vorstandsdirektor der Steiermärkischen Sparkasse als Generalsponsor in seinem Dank an die scheidende Intendantin Elisabeth Sobotka mit berechtigtem Stolz angesprochen. Die seit dem zweiten Weltkrieg in Graz nicht mehr gezeigte Korngold-Oper war also gleichsam die Probe aus Exempel, ob sich die Oper Graz dieser Auszeichnung würdig erweist.

Um ein Shakespeare-Wort zu bemühen: „Nehmt alles nur in allem“ – die Grazer Oper hat an diesem Abend ehrenvoll bestanden – Steigerungen sind aber durchaus möglich und erwünscht!

Bis in die Siebziger-Jahre des letzten Jahrhunderts war Erich Wolfgang Korngold primär als Hollywood-Filmkomponist präsent. Nun beginnt  „Die tote Stadt“ – nach den ungeheuren Erfolgen der beiden simultanen Uraufführungen in Köln und Hamburg im Jahre 1920 – in den europäischen Spielplänen wieder Fuß zu fassen. In Österreich gab es zuletzt 2004 die Decker-Inszenierung an der Wiener Staatsoper (mit Angela Denoke und Stephen Gould unter Donald Runnicles) und dann in Innsbruck im Jahre 2013 eine vielbeachtete Produktion. Und am Vortag der Grazer Premiere gab es die Premiere in Freiburg  - just am Premierentag sang in Chemnitz die in Graz als Kaiserin in der „Frau ohne Schatten“ hochgeschätzte Marion Ammann die Marietta, die sie auch in der Grazer Produktion ab März verkörpern wird.

Die Inszenierungsidee des Grazer Leadingteams (Johannes Erath - Inszenierung; Herbert Murauer –Bühne & Kostüme; Joachim Klein – Licht; Francis Hüsers, Bernd Krispin – Dramaturgie) verwandelte die Figuren des Librettos – Paul und Frank/Fritz werden zu zwei Seiten eines Mannes ebenso wie durch Erweiterung der Haushälterin-Figur Brigitta diese zur weiblich-treuen Seite der Tänzerin Marietta wird . Nach diesem Konzept ist laut Programm die Ausgangssituation so: „Szenen einer Ehe: Seit vielen Jahren sind Brigitta und Paul ein Paar. Sie führt liebevoll den Haushalt, ohne die früher so genossene Nähe zwischen ihnen je wiederherstellen zu können, er lebt an ihr seine Sehnsüchte nur noch in zunehmend exzessiver werdenden Phantasien aus, die er ‚Marie‘ und ‚Marietta‘ nennt….“

Überdies werden die beiden männlichen und weiblichen Doppelfiguren durch je sieben Statisten vervielfältigt, sodass von Anfang an das Irreal-Traumhafte die Szene beherrscht – es fehlt damit die im Stück vorgegebene Spannung zwischen Realität und Traumvision. Zu Beginn blickt das Publikum durch einen transparenten Schleier mit einer darauf projizierten Brügge-Ansicht auf die an einem Tisch sitzende Brigitta, die die Weise „Glück, das mir verblieb“ leise anstimmt, bis abrupt die ersten Orchestertakte losbrechen. Die Szenerie wird von einem monumentalen Stiegenaufgang in einem nüchtern-kühlen Wohnpalais dominiert – die wehenden Gardinen verstärken die irreale Situation. Das im Libretto vorgegebene „blumenbekränzte, lebensgroße auf den Boden reichende Portrait Mariens mit Shawl und Laute“  wird durch ein kleines auf dem Tisch stehendes Bild ersetzt, die Assoziation zu der stets im Bewusstsein von Paul präsenten verstorbenen Marie ist durch die blonden Frauengestalten ganz im Stile des belgischen Symbolisten Fernand Khnopff hergestellt. ( Khnopff wuchs in Brügge auf und war der Bühnenbildner des der Oper zugrunde liegenden Stücks von Georges Rodenbach. Etwa dieses Bild von Khnopff mag wohl die Ausstatter der Grazer Produktion inspiriert haben.) Die Laute ist in einem verborgenen Wandschrank, aus dem später Kinderpuppen quellen und aus dem auch ein Knabe herausgehoben wird, der als Ministrant eingekleidet und während der unsichtbaren Prozession des Hintergrunds durch den Mittelgang des Parterres schreitet. Alles ist in ständiger filmhaft-fließender Bewegung Freudscher Anspielungen.

Die Tänzergesellschaft um Marietta wird in eine grelle Hollywood-Gesellschaft verwandelt, Juliette ist eine Marilyn-Monroe-Imitation und Frank/Fritz legt sein Pierrot-Kostüm ab, um als Transvestit à la Rocky-Horror-Picture-Show (siehe dort Dr.Frank !!)  seine berühmte Arie „Mein Sehnen, mein Wähnen“ zu singen. Es ist tatsächlich so, wie es im Libretto steht: „Die ganze Szene traumhaft wie die vorigen, stilisiert burlesk.“ Nun mag manch einer einwenden: so haben sich Erich Wolfgang Korngold und sein Vater Julius Korngold als Librettist - der sich hinter dem Pseudonym Paul Schott verbarg, was erst viel später zutage kam – das alles nicht vorgestellt. Dem kann man nur entgegenhalten, dass das Publikum mit heutigen Fernseh- und Kino-gewohnten Augen ein anderes Bild irrealer Traumsituationen hat als das Publikum vor knapp hundert Jahren. Für jene im Publikum, die die Erath-Produktionen der letzten Jahre gesehen haben, wird wohl auch in Details die Erinnerung an seine Lulu-Inszenierung wach – eine durchaus zur Toten Stadt passende Anspielung. Insgesamt gelingt dem Leading-Team meiner Überzeugung  nach eine vertretbare, ästhetisch schöne, kluge und vor allem bühnenwirksame Weiterentwicklung der Vorgaben im Libretto, die stets zur üppigen Musik Korngolds passen.

Die Grazer Oper hatte bei der Besetzung der beiden Hauptpartien klug disponiert. Eigentlich hätte in der Partie des Paul Johannes Chum debütieren sollen. Drei Tage vor der Premiere musste die Grazer Oper vermelden: „Kurzfristig  ergibt sich eine Änderung in der Premierenbesetzung von Erich Wolfgang Korngolds Oper „DIE TOTE STADT“ an der Oper Graz am 18. Jänner 2015: Tenor Johannes Chum, der für die Rolle des Paul vorgesehen war, muss sich leider von den ersten drei Vorstellungen zurückziehen, da er in der Woche der Bühnenorchesterproben erkrankt ist und an wichtigen Proben nicht teilnehmen konnte. Die Partie des Paul in „DIE TOTE STADT“ ist für Johannes Chum ein Rollendebut und zählt zu den anspruchvollsten Rollen der Opernliteratur. Aus diesen Gründen ist ein Debut ohne ausreichende Proben nicht zu verantworten.“  Als Zweitbesetzung war von vorneherein der ungarische Tenor Zoltán Nyári vorgesehen, der die Partie schon in Ungarn gesungen hatte und nun kurzfristig die Premiere übernehmen musste. Er erwies sich als wahrer Glücksgriff. Mit seinem metallischen Material trotzte er den Korngoldschen Klangfluten nicht nur erfolgreich, sondern gestaltete die Partie auch darstellerisch in ihrer verzweifelten Zerrissenheit ausgezeichnet. Die Partie des Paul hat zwar wenig extreme Höhen, dafür bleibt sie die ganze Zeit in der oberen Lage, über dem so genannten Passaggio, an der Grenze von der Mittellage zur Höhe. Nur Tenöre mit großer Ausdauer und sicherer Technik können sie bewältigen. Zoltán Nyári ist das an diesem Abend eindrucksvoll gelungen – zu Recht war er am Ende der umjubelte Mittelpunkt im reichen Applaus des Publikums. Auch die Marietta ist doppelt besetzt. In der Premiere sang Gal James mit sicherer und schöntimbrierter Stimme. Speziell dann, wenn sie allzu sehr im Hintergrund der Bühnen positioniert war, fehlte ihr allerdings einfach das Volumen, um ausreichend über das Orchester zu kommen. Und leider fehlte ihr auch die szenische Ausstrahlung, um die femme fatale glaubhaft zu machen. Insgesamt bot Gal James eine saubere, aber nicht außergewöhnliche Leistung – freuen wir uns, dass Graz in dieser Rolle im Frühjahr mit Marion Ammann eine zweifellos interessante Alternative bieten wird. Die Figur der Haushälterin Brigitta ist in dieser Produktion stark aufgewertet. Dshamilja Kaiser gelingt es perfekt, diese Frauenfigur glaubhaft zu machen. Es war eine schöne Idee, sie phasenweise gemeinsam mit Marietta singen zu lassen. Mit ihrem prachtvollen warmen Mezzo und ihrer blendenden, hochaufragenden Bühnenerscheinung war sie die wunderbare Verkörperung eines Frauenideals. Die Baritonpartie des Franz/Fritz war mit dem sympathischen Ensemblemitglied Ivan Oreščanin besetzt – wie immer ist er ein sehr guter Darsteller, allerdings fehlt im leider die für diese Rolle notwendige warme und breite Belcanto-Stimme, sodass der „Schlager“  Mein Sehen, mein Wähnen ohne jeden Beifall erklang. Die kleinen Partien waren mit Tatjana Miyus, Xiaoyi Xu, Taylan Reinhardt und Manuel von Senden charaktervoll und prägnant besetzt – ein Qualitätsmerkmal des Grazer Hauses. Chor und Kinderchor waren durch Bernhard Schneider und Andrea Fournier ausgezeichnet vorbereitet.

Korngold hat eine riesige Orchesterbesetzung vorgeschrieben: 3 Fl.(2. u. 3. auch Picc.) · 2 · Engl. Hr. · 2 · Bassklar. · 2 · Kfg. - 4 · 3 · Basstrp. · 3 · 1 - P. S. (Glsp. · Xyl. · Trgl. · hg. Beck. · Tamt. · Tamb. · kl. Tr. · gr. Tr. m. Beck. · Ratsche · Rute) (1 Spieler) - Mand. · 2 Hfn. · Cel. · Klav. · Harm. - Str. - Bühnenmusik: 2 Es-Klar. - 2 Trp. - S. (7 tiefe Gl. · Trgl. · Beck. · kl. Tr. · gr. Tr. · Tamb. · Windmasch.) - Org. - Erhöht aufgestellt (über dem Orchesterraum): 2 Trp. · 2 Pos. (jeweils möglichst mehrfach besetzt). Chefdirigent Dirk Kaftan hat – wie man aus Gesprächen weiß – eine sehr intensive und für alle nicht immer einfache Probenarbeit für das anspruchsvolle Werk geleistet - und dann am Premierenabend mit dem sehr gut disponierten Orchester einen üppigen und prächtigen Klangteppich ausgebreitet. Er nahm aber immer auf die Sänger ausreichend Rücksicht und leistete auch sehr schöne Detailarbeit.

Um an den Anfang des Berichts zurückzukommen: „Nehmt alles nur in allem“ – es war ein großer Abend der Grazer Oper, mit dem der ausgezeichnete Ruf des Hauses bestätigt wurde. Nach den Wiederaufnahmen von Otello im Februar und der Zauberflöte im März folgt am 25.April mit Manon die letzte Opernpremiere dieses Jahres – und am 26. April werden wir dann wissen, welches Haus den Opera Award 2015 erhält. Diesmal wurde zu Recht gefeiert und Intendantin Elisabeth vom gesamten Ensemble mit einer „Bodensee-Torte“ und vielen guten Wünschen zu den Bregenzer Festspielen „entlassen“:

Facebook-Nutzer können hier eine Reihe von Fotos dieser Premierenfeier anschauen.

Hermann Becke, 19. 1. 2015

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Die Termine der folgenden zehn Grazer Aufführungen finden Sie hier    

Interview  mit dem Chefdirigenten der Grazer Oper Dirk Kaftan

Kurzvideo (vor der Premiere mit Szenenausschnitten und Interviews) und ein weiteres Video der Generalprobe

 

 

XERXES

Publikumsbegeisterung für Barockspektakel

Oper Graz, Premiere am 29. November 2014

Die Grazer Oper hat keine Barocktradition, wenn auch im Jänner 1985 das damals frisch renovierte Opernhaus mit einer Barockoper eröffnet wurde – nämlich mit Angelica vincitrice di Alcina des steirischen Barockmeisters  Johann Joseph Fux. Aber seither sind fast dreißig Jahre vergangen und da erinnert man sich nur an eine aus Aix-en-Provence übernommene und äußerst gelungene Aufführungsserie von Händels Semele im Jahre 2002. Es war also höchste Zeit, dem Grazer Opernpublikum wieder einmal Händel zu bieten und es war klug, dabei auf eine bewährte und  publikumswirksame Produktion der Komischen Oper Berlin zu greifen, die auch schon in Bergen und an der Deutschen Oper am Rhein Düsseldorf/Duisburg erfolgreich gezeigt wurde. In Berlin hatte die Produktion im Mai 2012 ihre Premiere – die Besprechungen im „Opernfreund“ sind hier nachzulesen. Im Jänner 2013 folgte dann die Premiere in Düsseldorf – da findet sich der Bericht zwar nicht mehr im OF-Archiv, aber es ist noch die Kritik in den Printmedien verfügbar. Man kann sich auch die Trailer aus Berlin und aus  Düsseldorf  anschauen samt Interviews mit dem Regisseur Stefan Herheim und mit dem auch in Graz engagierten Dirigenten Konrad Junghänel. Wenn also diese Produktion nun in Graz  - natürlich in (fast) völlig neuer Besetzung - auf die Bühne gebracht wird, dann kommt der interessierte Opernfreund schon vorinformiert und ist gespannt, wie die Wiederbelebung in Graz gelingt. Und es sei vorweg gesagt: es war ein rauschender und verdienter Premierenerfolg!

Stefan Herheim stellt mit seinem bewährten Team (Heike Scheele - Bühne, Gesine Völlm – Kostüme, Alexander Meier-Dörzenbach – Dramaturgie und Frank Evin – Licht) ein üppiges Spektakel auf die Bühne, verzichtet – Gott sei Dank! – auf das heute mancherorts wiederbelebte und für das heutige Publikum nicht mehr verständliche Gesten- und Bewegungsrepertoire des Barocks und gewinnt das Publikum mit unzähligen szenischen Pointen und Gags, die nie zum Selbstzweck verkommen, sondern ein schlüssiges Ganzes bilden. Die sechswöchige Grazer intensive Probenarbeit leitete Herheims langjährige Assistentin Annette Weber. In der Probenendphase kam dann Herheim temperamentvoll dazu – und fast ist man versucht zu bedauern, dass ihn das Premierenpublikum nicht auf der Bühne in Aktion erleben konnte, wie dies bei einer Don Giovanni-Premiere vor Jahren der Fall war – Zitat :

„Bei der Essener Premiere von "Don Giovanni" musste er tatsächlich als stummes Double des Titelhelden einspringen, da der Sänger sich verletzt hatte und vom Bühnenrand sang, während Herheim auf der Bühne stand. Nach wenigen Minuten hatte man vergessen, dass Herheim selbst gar nicht sang, denn er agierte lippensynchron und mit ungeheurer Ausstrahlung. Er ist eben ein Ausnahmetalent.

Man kann sich also vorstellen, wie lebhaft und anregend die Endproben mit Herheim in Graz verliefen!

Für all jene, die nicht das Programmheft mit dem informativen Beitrag des Dramaturgen lesen konnten, sei einiges zum Werk gesagt, weil die Entstehungsgeschichte für das Verständnis dieser Inszenierung wesentlich ist:

Der Xerxes zählt zu den letzten Opern Händels und ist in einer für ihn schweren Zeit entstanden. Schon fünf Jahre nach der triumphalen Premiere des „Giulio Cesare“ (1727) wanderte ihm das Publikum ab und wandte sich der „Beggar’s Opera“ von John Christopher Pepusch und John Gay zu – ein Werk, das die Form der italienischen Opera Seria in London sehr  effektvoll aufs Korn nahm. Dazu kamen Streitigkeiten mit Teilen des englischen Adels und mit der zweiten Operntruppe in London um den berühmten Kastraten Senesino. Händel musste seine Operntruppe auflösen und erlitt 1737 einen Schlaganfall mit halbseitiger Lähmung. Doch Händel gab nicht auf - und so kehrte er nach seiner Genesung in Deutschland nach London zurück und gründete eine neue Truppe, mit der er im Londoner Haymarket Theatre seine drei letzten Opern aufführte – darunter im Jahre 1738 den Xerxes, in dem er versuchte, Elemente der aus der Mode kommenden Opera Seria mit heiteren und volkstümlichen Szenen zu verbinden – wohl als bewusste Reaktion auf die „Beggars’Opera“. Aber der Xerxes war kein Erfolg, was sicher dazu beitrug, dass sich Händel von der Kunstform der Oper (42 Opern hatte er bis dahin geschrieben!) abwandte  und bis zu seinem Tode im Jahre 1759 praktisch nur mehr Oratorien schrieb.

Die Herheim-Inszenierung verknüpft ungemein geschickt barockes Kulissentheater mit den konkurrierenden Sängerintrigen hinter der Bühne. Auch wenn man aus der eigenen Vorbereitung genau zu wissen glaubte, wie alles abläuft, ist man dennoch von der Spontaneität der Bühnenaktion überrascht und gepackt – z.B. von der Platane, die Xerxes in seinem „Largo“ anschwärmt und von den zu pastoralen Blockflöten-Klängen blökenden Schafen:

Und weil ich schon bei den Blockflöten bin:

Einen ganz entscheidenden Anteil am großen Premierenerfolg hat unbedingt der kraftvoll-musikantisch zupackende Stil des Dirigenten Konrad Junghänel, der ja schon die Aufführungen in Berlin und Düsseldorf einstudiert hatte. Der erfahrene Barockspezialist (der wie Herheim seine Assistentin von der Berliner Premiere nach Graz mitgebracht hatte) hat mit dem Grazer Philharmonischen Orchester offenbar hervorragende Probenarbeit geleistet. Das fast auf Bühnenniveau gehobene Orchester, das mit erfahrenen Spezialisten der Grazer Szene für Alte Musik ergänzt war, spielte – natürlich auf modernen Instrumenten – sehr konzentriert und vermittelte keinen blutleeren Pseudo-Originalklang, sondern deftig-saftiges, aber gleichzeitig stets transparentes Musizieren.

Für das Sängerteam waren es mit einer Ausnahme Rollendebuts. Beginnen wir mit der Ausnahme: Hagen Matzeit gestaltete den Diener Elviro schon in allen bisherigen Aufführungen und wurde sofort zu einem Liebling des Grazer Publikums mit seinem virtuosen Wechsel zwischen Bariton und Countertenor. Manche Kritiken beanstandeten den deutschen Text, an dem Junghänel, Herheim und Eberhard Schmidt ein Jahr lang gefeilt hatten, wie man einem Interview entnehmen konnten – insbesondere die berlinerische Karikatur des zum Blumenmädchen mutierten Elviro. Ich jedenfalls fand es eine sehr kluge Lösung, die Arien italienisch singen zu lassen und die Rezitative ins Deutsche zu übersetzen und der drastischen Inszenierung anzupassen. Die Aufmerksamkeit und die Reaktionen des Publikums bestätigen die Richtigkeit dieser Entscheidung.

Die fünf Damenpartien waren sehr gut bis ausgezeichnet besetzt. Ein Qualitätsmerkmal diese Besetzung war zweifellos, dass  sich die fünf Stimmen durch unterschiedliche Klangfarben voneinander abhoben und sehr schön ergänzten. Stephanie Houtzeel kehrte mit dem Xerxes nach Graz zurück – wo sie mit vielen ihrer großen Rollen (z.B. Cherubino, Octavian, Komponist) begonnen hatte und wo sie übrigens auch bei der eingangs erwähnten Semele-Produktion (wie auch Klobucar und McShane) mit einer sehr schönen Leistung in Erinnerung ist. Sie führte ihre metallisch-schlanke Stimme durchaus virtuos durch die anspruchsvolle Partie, man hatte geradezu den Eindruck, dass sie versuchte, eine vibrato-arme androgyne Tongebung zu entwickeln, die ideal zu der ursprünglich für einen Kastraten geschriebenen Partie passte. Dazu konnte sie auch in maniriert-artifiziellem Spiel durch ihre große, schlanke Erscheinung glaubhaft die zentrale Figur des zwiespältigen Herrschers ausgezeichnet vermitteln. Für warme Mezzoklänge war in dieser Interpretation kein Platz. Diese warmen Farben steuerte Dshamilja Kaiser als konkurrierender Xerxes-Bruder Arsamenes geradezu verschwenderisch bei -  und noch dazu mit plastischer Textdeutlichkeit. Ihr gelang auch das Kunststück, bei aller Klamaukhaftigkeit der Aktion auch ernsthafte und anrührende Momente des Schöngesangs glaubhaft zu gestalten und so die Balance zwischen Opera Seria und Karikatur zu wahren.

Das Schwesternpaar Romilda – Atalanta war mit den beiden Sopranen Margareta Klobucar und Tatjana Miyus ideal besetzt – beide äußerst spielfreudig und in der Klangschattierung gut voneinander abgesetzt. Die Klobucar ist die bodenständig-handfeste junge Frau, die mit runder Stimme pathetisch ihre Treue betont und eindrucksvoll die große Eifersuchtsarie zu gestalten weiß. Und der quirlig-wandlungsfähigen, ein wenig schon die Despina vorweg nehmenden 25-jährigen Ukrainerin Miyus glaubt man, was sie singt: „Mit Willen (die Männer) irritieren – ich weiß, dass ich das kann!“.

Die fünfte im Bunde ist die Chinesin Xiaoyi Xu als Amastris, die Verlobte von Xerxes, später von ihm verlassen und letztlich doch wieder akzeptierte Partnerin. Xu ist aus dem Opernstudio hervorgegangen und ist heuer erstmals fix engagiert. Ihre schlanke, aparte Bühnenerscheinung kann sowohl das sehnsuchtsvolle Mädchen als auch die Verwandlung zum kriegerischen Soldaten glaubhaft darstellen. Ihre schön timbrierte Mezzostimme bewältigt die Partie gut und wird sich sicher noch weiter festigen und an individueller Prägnanz gewinnen. Sehr schön gelang ihr das Duett mit Xerxes im zweiten Teil, in dem sie der erfahrenen Houtzeel eine stimmlich gleichwertige Partnerin war.

David McShane ergänzte mit seinem kraftvoll-skurrilen Feldherrn Ariodates gewohnt prägnant und verlässlich das  Solistenteam und der kammermusikalisch besetzte Chor (Leitung: Bernhard Schneider) bewährte sich nicht nur als spielfreudiger, sondern auch als musikalisch sicherer und wesentlicher Teil des Ganzen. Das Publikum genoss den Abend trotz der Länge von dreieinhalb Stunden ganz offensichtlich, freute sich ebenso an den durchwegs überzeugenden musikalischen Leistungen wie auch an den Herheimschen Einfällen, die wahrlich keine Langeweile aufkommen ließen. Großer Jubel, viele Bravorufe – speziell für die “heimgekehrte“ Houtzeel. Kein Abend für Barock-Puristen, aber ein praller Musiktheater-Abend mit der dringenden Empfehlung: das sollte man sich nicht entgehen lassen!

Hermann Becke, 30. 11. 2014

Szenenfotos: Oper Graz, © Karl Forster

 

Hinweise:

Die Termine der folgenden neun Grazer Aufführungen finden Sie hier

Interview mit Konrad Junghänel aus Anlass der Grazer Premiere

Und wer sich über das Sängerteam näher informieren will, der sei aus die Websites verwiesen: Houtzeel Klobucar Kaiser Matzeit

 

DIE LUSTIGE WITWE

Ein rundum erfreulicher Abend zeitgemäßer Operettenkultur!

Oper Graz, Premiere am 8. November 2014

Lehars „Lustige Witwe“ ist nach wie vor ungeheuer beliebt. Derzeit gab und gibt es folgende Neuinszenierungen: Ulm (6.11.), Luzern und Graz (beide am 8.11.), Magdeburg (15.11.), Mannheim (13.12.), Köln (31.12) und im März 2015 folgt dann die Semper-Oper in Dresden. In Graz war das Stück zuletzt im Jahre 2006 zu sehen  –  das war damals eine spröde Inszenierung, die von der Presse als „Die unlustige Witwe“ tituliert wurde. Diesmal war es sicherlich nicht unlustig, wie die begeisterten Publikumsreaktionen bei der Premiere bewiesen. Das Inszenierungsteam Olivier Tambosi (Regie) – Stephan Brauer (Choreographie) – Andreas Wilkens (Bühne) – Carla Caminati (Kostüme) -  Severin Mahrer (Licht) – Bernd Krispin (Dramaturgie) hat das Stück als Revue auf die Bühne gebracht. Es wurde der gesamte Orchestergraben überbaut und damit die Aktion ganz nahe an das Publikum herangeführt. Das Orchester war auf der Hinterbühne auf einer Drehscheibe postiert – ein über dem Orchester montierter riesiger Spiegel sorgte nicht nur für optisch reizvolle Bilder, sondern auch für akustisch gebündelten Klang. Natürlich ist diese Aufstellung für den Dirigenten nicht einfach, aber Marius Burkert  hat diese Situation mit den ausgezeichnet disponierten Grazer Philharmonikern hervorragend gemeistert und sorgte nicht nur für eine sichere Koordination, sondern auch für schöne Klangvaleurs. Die Aufstellung hatte auch den Vorteil, dass die Solisten diesmal nicht elektronisch verstärkt wurden und damit auch akustisch dem Publikum wesentlich näher waren als sonst. Der Stufenaufbau über dem Orchestergraben diente als variable Spielfläche, die wenigen Versatzstücke, ja selbst eine kleine Combo (Keyboard, Bass und  drums), Chor und Ballett wurden auf beweglichen Bühnenelementen hereingeschoben und verschwanden wieder. Alles war in stetiger Bewegung, ohne dass dadurch ungebührliche Unruhe entstand – ein kluge Lösung, die die Grazer Bühnentechnik bravourös bewältigte.

Die Nebenrolle des Kanzlisten  Njegus in der pontevedrinischen Botschaft und Adlatus des Gesandten wurde in dieser Grazer Inszenierung zum Drahtzieher und Kommentator des Geschehens. Ihm waren auch die aktualisierten und durchaus vergnüglichen zeitkritischen Texte zugefallen – zum Beispiel die Anmerkungen zur europäischen Bankenkrise oder der Hinweis, dass das Wort Neger“ im Libretto von 1905 selbstverständlich kein Problem war. János Mischuretz ist ein erfahrener Bühnenmensch, der diese zentrale Rolle exzellent verkörperte – da stimmte einfach alles und zu Recht zählte er am Ende zu den am meisten akklamierten Protagonisten. Götz Zemann ist ein Urgestein der Grazer Operettenszene. Er war schon in den letzten drei Grazer Inszenierungen der „Lustigen Witwe“ der Baron Zeta und versteht es glaubwürdig, die Balance zwischen einem vertrottelten und vermeintlich betrogenen Ehemann und einem geachteten Diplomaten zu wahren. Wenn Zemann und Mischuretz gemeinsam auf der Bühne stehen, erlebt man blutvolles und zeitgemäßes Operetten- bzw. Revuetheater.

 

Aber auch die zahlreichen anderen kleineren Figuren des Stücks sind diesmal hervorragend besetzt. Bei den Herren brilliert Martin Fournier als Raoul de St.Brioche, und es  lässt der junge Mazedonier Ivan Naumovski als Vicomte Cascada mit prägnantem Bassbariton aufhorchen. Typengerecht und spielfreudig sind  auch die übrigen der Männerriege:  Dietmar Hirzberger , István Szécsi und Umut Tingür – alle gemeinsam wahrhaft ein ideales k.und k.-altösterreichisches Nationengemisch! Ebenso hervorragend und operettenerprobt  sind die Damen Fran Lubahn , Uschi Plautz und Hana Batinic . Und dann gibt es natürlich auch in der „Lustigen Witwe“ das für die Gattung der Operette so typische „zweite Paar“. Auch diese beiden Rollen sind exzellent besetzt: Sieglinde Feldhofer, im Vorjahr mit dem Österreichischen Musiktheaterpreis als „Beste Nachwuchskünstlerin“ gewürdigt,  ist eine reizend-natürliche Valencienne, die die nötige erotische, nie derbe Ausstrahlung hat, durch ausgezeichnete Textdeutlichkeit auffällt und die sich auch in den Ensembles profiliert und höhensicher behauptet. Camille de Rosillon ist der erstmals in Graz auftretende Engländer Mark

Milhofer, dem es gelingt, die exponierte Partie mit allen Spitzentönen stimmlich brillant zu meistern und gleichzeitig einen überspannt-skurrilen Charakter glaubhaft auf die Bühne zu stellen.

 

Wenn es kleine Einschränkungen in der Besetzung  gibt, dann betreffen sie das „erste Paar“. Christiane Boesiger, Ehefrau des Regisseurs  und mit dieser Rolle in Graz debutierend, ist eine stimmlich erstklassige Hanna Glawari. Man spürt sofort ihre große Bühnenerfahrung, aber leider fehlt ihr ein wenig die nötige Textprägnanz, die neben stimmlicher Brillanz gerade im Operettenfach so wichtig ist. Die Ausstrahlung der alle Männer verzaubernden Dame von Welt ist bei Boesiger routiniert gespielt, aber wirkte – zumindest auf mich – nicht so recht authentisch. Da die szenische und musikalische Interpretation dieser Neuinszenierung sich bewusst in Richtung Revue und Show ausrichtete, war es durchaus legitim und interessant, ein Stück einzufügen, das Lehar erst über zwanzig Jahre nach der Uraufführung anlässlich  Erich Charells Berliner Inszenierung der Lustigen Witwe für Fritzi Massary komponiert hatte. Christiane Boesiger trug ‘Ich hol’ dir vom Himmel das Blau’ zwar charmant vor, aber auch hier fehlte etwas, nämlich die  chansonhafte Prägnanz. (Es ist übrigens durchaus reizvoll, sich diese Nummer im Original mit Fritzi Massary anzuhören, was hier möglich ist.)

 

 

Ivan Oreščanin ist eigentlich ein ganz anderer  Danilo als man ihn gewohnt ist. Er ist ein charmanter, gut aussehender und sich gut bewegender  junger Mann, der in dieser Interpretation gleichsam als Migrant im fremden Land ungewollt in all die Verwicklungen zu geraten scheint. Er ist so gar nicht der Schwerenöter und Frauenheld, dem man glaubt, dass er seine Zeit hauptsächlich bei den Grisetten im Maxim verbringt, sondern er ist wohl eher ein schüchtern-unbeholfen-sympathischer Mensch. Die Initiative geht nie von ihm aus, sondern immer von seinem Umfeld. Dazu kommt, dass Oreščanin mit seinem trockenen Bariton die Partie zwar sicher singt, dass ihm aber auch stimmlich das Verführerische nicht wirklich gegeben ist. Man darf halt nicht an Eberhard Wächter denken, der vor über 40 Jahren den Danilo in Graz gesungen hat. Wenn man diese Erinnerung wegschiebt, dann mag die Interpretation von Oreščanin eine zwar ungewohnte, aber durchaus eine vertretbare sein. Chor (Leitung: Georgi Mladenov) und Ballett waren erfrischend lebhaft und engagiert im Einsatz und waren ein wesentlicher Teil des insgesamt sehr positiv aufgenommenen Abends.

Und damit komme ich nochmals zur Inszenierung:

Olivier Tambosi und seinem Team ist eine in sich geschlossene Gesamtleistung gelungen – da war klassische Operette geschickt mit zeitgemäßen Revue-Elementen  verbunden und es gelang sogar, das Premierenpublikum zu aktivieren. Einige Damen und Herren aus dem Publikum wagten sich tatsächlich auf das Tanzparkett und so manche der  Damen im Publikum sang mit, als die weiblichen Gesangssolistinnen animierten, im Sinne  der Gleichberechtigung in den umgedichteten Weibermarsch einzustimmen: „Ja, das Studium der Männer ist schwer“. Die in das über hundert Jahre alte Original eingefügten Späßchen waren übrigens nie peinlich und trugen das Ihre dazu bei, dass  ein niveauvoller Abend heiteren und zeitgemäßen Musiktheaters zu erleben war, an dem es am Ende für alle begeisterten Beifall gab. Das wird bei den nächsten Aufführungen volle Häuser bringen!

Hermann Becke, 9. 11. 2014

Szenenfotos: Oper Graz, © Dimo Dimov

Hinweise:

TV-Bericht zur Premiere

Video

(allerdings sind beide Videos mit der Hanna-Zweitbesetzung, dem beliebten Grazer Ensemblemitglied Margareta Klobucar , die die Generalprobe gesungen hat und die sicher eine ausgezeichnete Besetzung in weiteren Vorstellungen sein wird)

Weitere Aufführungstermine finden Sie hier

 

 

 

  

 

TOSCA

Musikalisch glanzvolles Repertoire mit neuem Scarpia

Oper Graz, 1. November 2014

(4. Vorstellung nach der Premiere vom 18.Oktober)

Der englische Heldenbariton James Rutherford singt in Graz zum ersten Mal den Scarpia. Rutherford hat in den letzten Jahren eine erstaunlich große Anzahl von Rollen in Graz erarbeitet, bevor er sie dann an bedeutenden Häusern der ganzen Welt sang. Das begann vor fünf Jahren mit dem Hans Sachs, danach folgten der Barak, der Orest, der Vater Germont, der Jago, der Falstaff und heuer zur Saisoneröffnung der Guillaume Tell. Der Homepage seiner Agentur kann man entnehmen, wohin ihn mit diesen Rollen bisher sein Weg geführt hat. Sein Rollendebut als Scarpia ist Anlass genug, um neuerlich über die Grazer Tosca-Produktion zu berichten  - gleichzeitig interessiert, wie sich die von den Medien überwiegend kritisch bewertete Inszenierung im Repertoirealltag bewährt.

Die Überraschung begann für mich diesmal schon vor der Vorstellung – es gab eine lange Schlange von Kartensuchenden an der Abendkasse, das Publikum drängte sich im Foyer, das Haus war übervoll, erwartungsvolle Spannung!

Und die Erwartungen wurden an diesem Abend nicht enttäuscht – man erlebte eine spannungsvoll-konzentrierte Vorstellung. Dafür sorgte von Beginn an Opernchef Dirk Kaftan mit dem gut disponierten Grazer Philharmonischen Orchester. Er fand die ideale Balance zwischen veristisch-zupackenden, kräftigen Orchesterfarben und mitatmender Sängerbegleitung. Ein Musterbeispiel war dafür die erste Cavaradossi-Arie „Recondita armonia“. Demos Flemotomos hatte sich gegenüber der Premiere noch weiter gesteigert und bietet nicht nur strahlende Spitzentöne - diesmal strömte auch die Mittellage breit und schön. Das Orchester schwingt flexibel mit und Dirk Kaftan lässt die Melodik im Nachspiel so überzeugend ausklingen, dass das Publikum gar nicht in Versuchung kommen kann, den Fluss der Handlung und der Musik durch einen Szenenapplaus zu unterbrechen. Und auch die Tosca von Andrea Danková hat sich seit der Premiere erfreulich weiterentwickelt. Sie ist stimmlich deutlich gefestigt und kann an diesem Abend auch darstellerisch die Diva von Beginn an  überzeugend verkörpern.

James Rutherford tritt mit einem stimmmächtigen „Un tal baccano in chiesa“ auf und beherrscht sofort stimmlich und - mit sparsamen Gesten -  auch szenisch das Geschehen. Er artikuliert den Text mit der gebotenen Klarheit und kommt stimmlich auch im Tedeum nie gegenüber Chor und Orchester ins Hintertreffen. Er verkörpert Scarpia nicht mit zynischer Eleganz, sondern mit machtbewusster Autorität. Es sei nicht verschwiegen, dass er dies auch deshalb so überzeugend vermitteln kann, weil er offensichtlich schlanker geworden ist und damit die frühere (manchmal gar zu) behaglich-bieder-sympathische Ausstrahlung abgelegt hat. Auch im zweiten Akt überzeugt er in jeder Hinsicht – für mich ist der Scarpia seine bisher beste Leistung im italienischen Fach. Diese Partie wird zweifellos zu seinem Stammrepertoire gehören. Es spricht auch für Rutherford, dass er zwar das vorgegebene Regiekonzept umsetzt, aber im Detail dort abweicht, wo dies einfach für seine künstlerische Persönlichkeit richtig ist: Dass er beispielsweise während Toscas Gebet nicht  auf dem Fensterbrett steht (siehe das Bild im Premierenbericht), ist klug und passend. Rutherford blickt während der großen Tosca-Szene zum Fenster hinaus und kehrt Tosca den Rücken. Das ist dramaturgisch überzeugend und belässt Tosca im Zentrum der Aufmerksamkeit. Das Gebet gelang übrigens Andrea Danková diesmal besonders berührend – wunderbar nach dem Crescendo-Aufschwung „perchè, perchè signor“ der zart-schwebende Piano-Einsatz auf dem g mit „ah, perchè me ne rimuneri cosi?“

Auch der Cavaradossi von Demos Flemotomos leistete im 2.Akt Großes: Hatte schon sein Ausbruch im 1.Akt „La vita mi costasse“ den gebührenden heldischen Glanz, so vollzog er mit den strahlenden Vittoria-Rufen im 2.Akt wohl vollends den ersten Schritt ins tenore spinto-Fach.

Die Nebenrollen sind nach wie vor gut besetzt: der Angelotti des Umut Tingür ist gegenüber der Premiere stimmlich erfreulich präziser, der Mesner von David McShane ist an diesem Abend stimmlich besonders gut disponiert (und hat die von der Regie verordneten Spastiker-Gesten gottlob eingeschränkt). Reinhard Taylan hat den Spoletta übernommen und gestaltet ihn subaltern-prägnant.

Meine Einwände zum szenischen Konzept sind im Premierenbericht nachzulesen und bleiben aufrecht: wenn auch die Bühnenbilder des 1.und 2.Aktes keine zwingenden Lösungen sind, so ermöglichen sie doch – unterstützt von schönen Kostümen von Bettina Walter - zumindest eine klare und spannungsvolle Personenführung, sodass auch jene der Handlung  folgen können, die das Stück zum ersten Male erleben (so zum Beispiel ein kleines Mädchen, das neben mir auf ihrem Vater sitzend dem Geschehen atemlos folgte). Der dritte Akt hingegen bleibt ungelöst, ja ärgerlich. Das Traumkonzept mit Projektionen, stereotyp rückwärtsgehenden Akteuren und einer Tosca, die neben dem tot auf dem Boden liegenden Scarpia auf dessen Schreibtisch steigt und von dort in den Tod springt, kann nicht überzeugen, ist nicht bühnenwirksam und vor allem - es trägt dem nicht Rechnung, was in dem klugen und äußerst lesenswerten Programheft-Beitrag des Komponisten und Theaterpraktikers Gerd Kuehr steht. „Puccini war ein dramaturgisch konzis denkender Musiktheaterarchitekt“. Das Konzept des Regisseurs Alexander Schulin und des Bühnenbildners Alfred Peter für den 3.Akt widerspricht Puccini und  dem musikalischen Duktus des Werks. Puccini hatte die Morgenstimmung des 3.Akts mit liebevoll und genau kalkulierten Details ausgestattet, um dann den krassen Erschießungsvorgang und den Selbstmord Toscas wirkungsvoll gegenüberzustellen. Das alles geht in dieser Umsetzung leider völlig verloren und lenkt auch von der – prachtvoll gesungenen – Sternenarie des Cavaradossi ungebührlich ab.

Aber wie dem auch immer sei: Mit derart respektablen musikalischen Leistungen hat die Oper Graz ihren guten Ruf weiter gefestigt – und Tosca wird dort bleiben, wo sie die weltweite Opernaufführungsstatistik  für den Zeitraum 2009/10 bis 2013/14 ausweist, nämlich an fünfter Stelle unter den fünfzig am häufigsten aufgeführten Opern! Am Ende gab es großen und verdienten Beifall für die drei Protagonisten und den Dirigenten.

So wünscht man sich Opernalltag: ein volles Haus und packende Sänger- und Dirigentenleistungen – und wenn dann die szenische Umsetzung zwar nicht überzeugt, aber doch nicht ernsthaft stört, dann ist der Opernfreund hochzufrieden. Also der Tipp: besuchen Sie eine der nächsten elf Vorstellungen  – Sie werden spannendes Musiktheater auf hohem Niveau erleben!

Hermann Becke, 2. 11. 2014

Hinweise:

Leider konnte die Oper Graz keine Szenenfotos mit Rutherford als Scarpia zur Verfügung stellen – schade!

Dafür gibt es nun ein Kurzvideo  (allerdings nicht mit Rutherford als Scarpia), das am Premierentag noch nicht verfügbar war und das einen guten Eindruck der Inszenierung gibt

CD-Hinweis: James Rutherford hat im Frühjahr 2014 seine erste Wagner-CD herausgebracht – hier  kann man ein wenig hineinhören.

 

 

 

 

 

 

 

 

TOSCA

Musikalisch sehr gediegen – szenisch sehr zwiespältig!

Premiere am 18. 10. 2014

„Rom, die Ewige Stadt, mit der Kirche Sant’Andrea della Valle, dem Palazzo Farnese und der Engelsburg, ist das pittoreske Ambiente in Puccinis Opernkrimi. Regisseur Alexander Schulin  und Bühnenbildner Alfred Peter  übertragen die genau definierten Schauplätze in ein optisches Ambiente, die die goldene Pracht des sakralen Raums ebenso zeigt wie das Arbeitszimmer des Polizeichefs, in dem die ‚Folterkammermusik‘ (Julius Korngold) erklingt.“ – so kündigt die Oper Graz die Neuinszenierung auf ihrer Homepage an – und tatsächlich:

Als sich der Vorhang nach den drei berühmten wuchtigen Orchesterschlägen öffnet, blickt man nicht in eine römische Kirche des 16. Jahrhunderts, sondern in ein byzantinisch anmutendes, golden ausgekleidetes Gewölbe, eine Art Unterkirche mit Andeutungen von Ikonenbildern und einem überdimensionalem Rundumschriftband. Der Schriftzug ist wohl von wenigen Plätzen des Opernhauses zur Gänze lesbar. Dem Programmheft entnimmt man, dass es sich um ein Dante-Zitat aus der Divina Comedia handelt: „Per me si va nell'etterno dolore“ (Durch mich gelangt man in das ew'ge Wehe)

Das Inszenierungsteam (Regisseur und Bühnenbildner kennt man in Graz schon aus den Meistersingern vor fünf Jahren) hat also  das gemacht, was sich Intendantin Elisabeth Sobotka nach ihrer eigenen Aussage gewünscht hat: Es hat nicht die von Puccini und seinen Librettisten gewünschte und detailliert beschriebene Szenerie auf die Bühne gestellt, sondern versucht, den Opernkrimi in neuen Bildern zu erzählen. Es sei gleich vorweg gesagt: das Konzept ist – trotz einiger Einwände – in den ersten beiden Akten vertretbar, wenn auch nicht zwingend. Die Idee, den dritten Akt als irreale Traumvision zu gestalten, wäre an sich gut, scheiterte aber an der Umsetzung. Aber beginnen wir zunächst mit den Positiva dieses Abends – und da gibt es Gott sei Dank viele. Der Erfolg jeder Tosca-Aufführung steht und fällt – unabhängig von allen Regiekonzepten – von der Besetzung der drei Hauptfiguren. Graz ist hier ein Risiko eingegangen und präsentiert drei Rollendebüts. Das Risiko hat sich gelohnt – alle drei Protagonisten sind für das Grazer Haus gute und solide Besetzungen. Die geschlossenste und überzeugendste Leistung bot der 35-jährige griechische Tenor Demos Flemotomos. Er kommt aus dem lyrischen Fach – in der Wiener Staatsoper konnte man ihn in der letzten Zeit einige Male als Cassio, aber auch als Remendado hören. In St. Margarethen war er ein sehr erfolgreicher Don José. Sein Cavaradossi verfügt über die großen lyrischen Bögen, hat aber auch die nötige strahlende Attacke für das „La vita mi costasse“ im 1.Akt und die Vittoria-Rufe im 2.Akt. Dazu kommt eine natürlich-überzeugende Ausstrahlung als Künstler und Revolutionär. Der junge Mann wird seinen Weg machen - wahrlich: Graz hat derzeit Glück mit seinen Tenorbesetzungen!

 

Der 39-jährige Bassist Wilfried Zelinka ist  seit vielen Jahren eine wichtige und beim Publikum beliebte Stütze des Grazer Ensembles. Er hat  sich in vielen kleineren, aber auch in vielen großen Rollen des gesamten Bassfaches bewährt. Vom Stimmcharakter her kann man ihn mit seiner schlanken Stimme wohl am ehesten als Basso cantante charakterisieren. Nachdem er sich auch schon am  Escamillo versucht hatte, begibt er sich nun mit dem Scarpia ganz ins dramatische Baritonfach. Zelinka ist ein kluger Künstler und weiß wohl auch um seine Grenzen. Er legte die Rolle sehr lyrisch an, hatte keine Probleme mit den baritonalen Spitzentönen, forcierte nie und spielte den miesen Scarpia überzeugend. Aber es fehlte ihm doch an den dramatischen Stellen die nötige dunkle und bedrohliche Stimmfarbe und das ebenso unverzichtbare gewalttätige Stimmgewicht. In dieser Produktion wird auch James Rutherford den Scarpia übernehmen – man wird sehen, wie ihm diese diffizile Partie gelingen wird. Die umworbene Diva war die slowakische Sopranistin Andrea

Danková. Sie hat im lyrischen Sopranfach in den letzten gut 15 Jahren eine reiche internationale Erfahrung gesammelt und singt nun in Graz ihre erste Tosca. Auch sie muss wohl erst in dieses dramatische Fach hineinwachsen. Die attraktive Bühnenerscheinung von Danková vermittelt sympathische, eher simple Fraulichkeit, aber es fehlt ein wenig die artifizielle Ausstrahlung der großen Operndiva. Stimmlich gelingt ihr mit technisch gut sitzendem Sopran vieles schön, wenn auch so manche Steelle noch allzu kalkuliert-vorsichtig und etwas unruhig in der Stimmführung. Dennoch: insgesamt eine gültige, aber noch ausbaubare Leistung.

Die Nebenfrollen waren allesamt adäquat und durchaus niveauvoll aus dem Ensemble besetzt: Da war zunächst der viril-mächtige Angelotti des in diesem Jahr neu engagierten jungen Türken Umut Tingür, der noch etwas stimmlichen Feinschliff braucht, dann der stimmlich stets präsente, von der Regie als Spastiker allzu überzeichnete Mesner des David MacShane, der scharf charakterisierende Spoletta des Martin Fournier, der sonor-biedere Sciarrone (und Schließer)des Konstantin Sfiris und der charmante Hirte von Nazazin Ezazi, die im weißen Tosca-Kostüm des 1.Aktes gleichsam als Traumvision der Tosca im 3.Akt über die Bühne geistert. Der Chor unter Bernhard Schneider sorgte für ein machtvolles Te Deum.

Ausgezeichnet ist diesmal die orchestrale Umsetzung gelungen. Der Grazer Opernchef Dirk Kaftan hatte die Eröffnungspremiere dieser Saison aus zwei Gründen nicht übernommen: erstens lud man dafür  einen ausgewiesenen Rossini-Spezialisten ein (siehe dazu den Bericht über die Guillaume-Tell-Premiere) und zweitens hatte Augsburg, wo sich Dirk Kaftan als Generalmusikdirektor verabschiedete, im September die Grazer Konwitschny-Inszenierung von Jenufa übernommen - und die leitete dort sehr erfolgreich Dirk Kaftan (hier  nachzulesen im OF). Im Unterschied zu den Gesangsprotagonisten ist Kaftan kein Tosca-Neuling, hatte er doch die Tosca schon vor fünf Jahren an der Semper-Oper in Dresden dirigiert. Unter seiner Leitung spielte das Grazer Orchester diesmal kraftvoll zupackend, aber gleichzeitig auch  mit vielen schönen und subtilen Details. Es gelang Dirk Kaftan ausgezeichnet, nie die musikalischen Spannung erlahmen zu lassen – mit einem Wort: eine ausgezeichnete Gesamtleistung von Orchester und Dirigent.

Und nun nochmals zurück zur szenischen Umsetzung: Der erste Akt im byzantinischen Bunker leidet darunter, dass das Bühnenbild keine bühnenwirksamen Auftritte ermöglicht – dass der auf der Flucht befindliche Angelotti über die seitliche schmale Treppe herunterstolpert mag noch hingehen, aber über diesen Kellerabgang können weder die Gesangsdiva Tosca, noch der Polizeichef Scarpia und natürlich auch nicht der Kardinal mit seinem Gefolge effektvoll auftreten. Positiv ist, dass die Handlung in den wahrhaft prächtigen und stilgerechten Kostümen von Bettina Walter werkgerecht dargestellt wird und dass das Bühnenbild durch seine Geschlossenheit die Stimmen geradezu fokussiert. Diesen akustischen Vorteil bietet auch der 2.Akt, in dem Scarpias Palastzimmer zu einem engen und kahlen Verhörraum verengt wird. Das ermöglicht durchaus spannendes kammerspielartiges, wenn auch recht konventionelles Agieren.

Der dritte Akt schließt in dieser Inszenierung nahtlos an den zweiten Akt an. Nach der Ermordung Scarpias weichen die Wände des Verhörraums zurück, der goldene Sakralbunker des 1.Akts wird wieder sichtbar, auch dessen Wände öffnen sich, Cavaradossi erscheint – das alles zur grandiosen, sich aus dem Pianissimo entwickelnden Trauermarschmusik des Aktschlusses. An das verhallenden Scarpia-Motiv unmittelbar anschließend erklingt der den dritten Akt eröffnende Hornruf. Im Hintergrund verdichten sich Projektionen zu einer schwebenden Frauengestalt – offenbar den Todessprung Toscas vorwegnehmend. Der Hirt tritt als junges Mädchen in Toscas Kostüm aus dem ersten Akt auf. Auftritte erfolgen nun rückwärtsgehend – bei den Statisten des Erschießungskommandos übrigens in peinlicher Unbeholfenheit. Der Zuschauer erkennt: aha, der Regisseur will uns vermitteln, dass nichts mehr real ist bzw. dass alles eine Art Traumgesicht der Tosca ist.

In dieser real/surrealen Szenerie, in der der erstochene Scarpia im Hintergrund bis zuletzt auf dem Boden liegen bleibt, wird dann Cavaradossi (konventionell) erschossen, das Kommando geht im Rückwärtsschritt ab, Tosca steigt auf Scarpias Schreibtisch und springt von dort ins Dunkel……wahrlich keine überzeugende Lösung! Gott sei Dank musiziert das Orchester prachtvoll, Gott sei Dank singt Cavaradossi seine Sternenarie ebenso prachtvoll und Gott sei Dank überzeugt auch das Duett Tosca/Cavaradossi musikalisch. Und so siegt Puccini über recht krampfhaftes szenisches Bemühen – am Ende großer Jubel des Publikums für die drei Protagonisten, nach einigen für mich unverständlichen Buhs gegen den Dirigenten dann doch noch auch ausdrücklicher Jubel für Dirk Kaftan und das Orchester.

Hermann Becke, 19. 10. 2014

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Weitere Aufführungstermine:  hier  ; Video mit Szenen aus dem 1.Akt

 

 

 

GUILLAUME TELL

Premiere am 27. 9. 2014

Grand opéra als Saisonstart – ein Publikumserfolg (mit kritischen Anmerkungen)

Bevor Intendantin Elisabeth Sobotka Graz verlässt, um  die Bregenzer Festspiele zu übernehmen, eröffnete sie ihre letzte Saison in Graz durchaus spektakulär – nämlich mit Rossinis letztem Opernwerk, seiner Grand opéra „Guillaume Tell“, die in Graz zuletzt im Jahre 1918 gespielt wurde. Graz kann für sich in Anspruch nehmen, dass die österreichische Erstaufführung schon ein Jahr nach der Pariser Uraufführung 1830 in Graz stattfand. Und es gibt noch einen weiteren lokalen Bezug zu diesem Stück: Das neuerbaute Grazer Opernhaus wurde im September 1899 mit „Wilhelm Tell“ eröffnet – allerdings mit dem Drama von Friedrich Schiller. Zum schönen Fellner & Helmer-Bau gibt es dann am Ende dieses Berichts noch einige Hinweise.

Es ist für jedes Haus zweifellos eine Herausforderung, diese Grand opéra auf angemessenem Niveau szenisch aufzuführen. Und tatsächlich ist dem Grazer Haus Beträchtliches gelungen - einige kritische Anmerkungen seien allerdings nicht verschwiegen. Die besondere Stärke dieser Produktion liegt auf musikalischem Gebiet. Es war eine kluge Entscheidung, für die Einstudierung dieses heiklen Stücks einen ausgewiesenen Rossini-Spezialisten zu engagieren. Der sizilianische Dirigent Antonino Fogliani  hat nach seinem Debut beim Pesaro-Festival in Pesaro inzwischen seit einigen Jahren die Leitung deutschen Festivals „Rossini in Wildbad“ und dort im Vorjahr den Tell in der völlig ungekürzten Fassung herausgebracht. Für Graz hat er die Riesenpartitur  (in der Länge etwa eines Parsifals!) doch deutlich zusammengestrichen  und findet mit einer Aufführungsdauer von rund drei Stunden das Auslangen. Schon bei der Einleitung der Ouvertüre hört man, dass Fogliani nicht der Vertreter eines (oft allzu trockenen) Originalklangs ist, sondern die sehr gut disponierten Celli farbig und saftig musizieren lässt. Er ist da ganz auf der Linie seines Lehrers Gianluigi Gelmetti, dessen ausgezeichnete Tell-Interpretation ich vor vier Jahren in Zürich erleben konnte. Und so geht es im Orchester den ganzen Abend lang sehr erfreulich weiter: man hört schöne Instrumentalsoli, der Orchesterklang ist farbig, die Rossini-Rhythmen entwickeln entspannt ihren Sog  - und vor allem beherrscht Fogliani das Orchester-Rubato, sodass er immer ein aufmerksamer Begleiter der Gesangsstimmen ist. Von der musikalischen Leitung geht durch alle vier Akte hindurch ein nie die Spannung verlierender Impuls aus und man kann die wunderbare Rossini-Musik wirklich genießen. Alle Solisten sangen ihre Partien zum ersten Male – da war es besonders wichtig, am Pult einen erfahrenen Dirigenten zu wissen. 

Eine Tell-Aufführung steht und fällt natürlich mit der Besetzung des Arnold Melchtal. Hier kann die Grazer Produktion mit einem exzellenten Vertreter aufwarten. Der junge Koreaner Yosep Kang war nicht nur im Vorjahr hier in Graz ein wunderbarer Tamino, er sprang auch kurz danach ganz kurzfristig an der Wiener Staatsoper als Rodolfo ein und feierte dort einen unumstrittenen großen Erfolg, wie hier  eindrucksvoll nachgelesen werden kann. Nun sang er in Graz seinen ersten Arnold und überzeugte außerordentlich in dieser mit Hochtönen gespickten Partie. Man hatte nie den Eindruck von irgendwelchen Schwierigkeiten, die Stimme glänzte in allen Lagen und in allen dynamischen Abstufungen. Man hörte geradezu gebannt zu – das war tenoraler Rossini-Gesang auf höchstem Niveau! Diese Leistung ist umso mehr zu bewundern, als man wusste, dass Kang die Hauptprobe wegen eines Bandscheibenvorfalls nicht singen konnte und die Generalprobe mit Krücken absolvieren musste! Man versteht, dass er ab nun für diese Partie äußerst gefragt sein wird – nach Graz wird er im  nächsten Jahr den Arnold in München und in Warschau singen. Weitere werden zweifellos folgen. Graz kann sich freuen, dieses Rollendebut erlebt zu haben – schon während der Aufführung, aber natürlich speziell am Schluss galt ihm der verdiente Jubel des Publikums. 

 Aber auch die Damen-Partien waren ausgezeichnet besetzt. Mathilde war die junge Russin Olesya Golovneva, die offenbar vor einer schönen internationalen Karriere steht, wie man ihrer  Homepage entnehmen kann. Die attraktive zarte Bühnenerscheinung schien in ihrer ersten Arie zu Beginn des zweiten Aktes – vielleicht durch Premierennervosität – in ihrer Stimmführung noch etwas unausgeglichen - der Stimmsitz war (noch) nicht so recht zentriert. Sie steigerte sich allerdings im Laufe des Abends beträchtlich und beherrschte dann die Ensembles mit strahlenden Spitzentönen. Tells Sohn Jemmy wurde durch Tatjana Miyus optimal verkörpert. Sie konnte den Halbwüchsigen mit engagiertem Spiel überzeugend darstellen, ja sie war für mich die überzeugendest Bühnenfigur des Abends. Aber sie war auch stimmlich ausgezeichnet – in den Ensembles geradezu mit Mathilde in den höchsten Sopranlagen (erfolgreich) wetteifernd. Die dritte im Bunde der Damenrollen war Dshamilja Kaiser in der eher undankbaren Rolle von Tells Ehefrau Hedwig. Sie ist zwar fast den ganzen Abend auf der Bühne und in so manches Ensemble eingebunden, solistisch bleibt ihr aber nur im 4.Akt das Gebet, das dann in das große Finale mündet. Dieses Gebet gestaltete Kaiser mit warmer Stimme bewegend. Zu Recht wurden alle drei Damen vom Publikum heftig akklamiert.

 

Der in Graz seit Jahren und in vielen großen Partien (vom Sachs über Barak zu Falstaff und im Musical Carousel) sehr beliebte und gefeierte James Rutherford war der Tell. Das ist wohl nicht so recht seine Partie - da fehlt ihm ganz einfach die stimmschlanke Eleganz des französischen Fachs. Im Programheft steht zur Figur des Tell bei Rossini: „Er ist nicht mehr der naturnah Unbehauene, sondern eine funktionale Autoritätsfigur.“ Bei Rutherford ist es allerdings eher umgekehrt – man glaubt ihm eher den Naturburschen als den charismatischen Volkshelden. Es wurde berichtet, dass Rutherford bei der Generalprobe durch eine Verkühlung praktisch stimmlos war – das mag erklären, warum er in der Premiere seine warme Stimme nicht strömen ließ (oder lassen konnte), sondern eher mit wuchtig-akzentuierten Passagen auffiel. Es ist ihm und uns zu wünschen, dass die nicht gewohnt überzeugende Leistung diesmal durch eine (nicht kommunizierte) Indisposition mitbedingt war.

 

 

 

Dazu kommt noch ein entscheidender Punkt, der für Rutherford, aber praktisch auch für das gesamte Ensemble gilt: die französische Artikulation ist stark verbesserungsfähig – es fällt auf, dass der Programmzettel diesmal keinen französischen Sprachcoach ausweist - schade. Nicht nur  ich – auch andere Französisch-Kundige registrierten, dass teilweise schwer zu erkennen war, in welcher Sprache gesungen wurde…..

Die zahlreichen weiteren männlichen Partien waren adäquat besetzt – angeführt vom stimmlich entsprechend dominanten Derrick Ballard als Gessler und seinem Adjutanten Manuel von Senden bis zu David McShane als Walther Fürst (in Lenin-Maske ??) und Konstantin Sfiris  als Vater Melchtal. Taylan Reinhard in der heiklen Partie des Ruodi war recht schmalstimmig und Umut Tingür als Leuthold stimmlich recht ungeschlacht. Chor und Extrachor (Leitung Bernhard Schneider) verstärkt durch den Gustav-Mahler-Chor (Einstudierung Martin Schebesta) waren solide, wenn auch diesmal an manchen Stellen einfach zu wenig stimmstark und die Herren zu Beginn der Rütli-Schwur-Szene ein wenig unsicher.

Das szenische Konzept von Stephen Lawless (Inszenierung), Frank Philipp Schlößmann (Bühne), Ingeborg Bernerth (Kostüme), Reinhard Traub (Licht) und Bernd Krispin (Dramaturgie) hatte  für mich so manche positive Aspekte, aber auch Schwächen. Zunächst registrierte ich zufrieden, dass die Gestaltung der Ouvertüre schlüssig und nicht die Musik verdrängend war. Erst am Ende der wunderschönen Cello-Passage öffnete sich der Vorhang und man sah die weißgekleidete Helvetia-Frauengestalt – Identifikationsfigur der Eidgenossenschaft auch heute noch auf der Frankenmünze! – in mitten des Volkes und rot-weißer Rosen in Form der Schweizer Fahne stehen. Zu den Englischhorn-Klängen des Kuhreigens entsteht friedvolle Alpenlandstimmung. Und dann stürzen plötzlich zum Allegro-Marsch Soldaten herein, entreißen Helvetia Lanze und Wappenschild und stecken die Rosen so um, dass sie die rot-weiß-roten österreichischen Farben bilden. Im Laufe des Abends verliert sich allerdings die Regie immer mehr in Details, die alle intellektuell begründbar sind, aber wenig bühnendramatischen Effekt haben. Dazu kommen zwei Einwände: die Regie beschränkt sich auf das Arrangieren von Bildtableaus, die Protagonisten hingegen werden allein gelassen – eine individuelle Personenführung ist nicht zu erkennen. Das sich drehende Amphitheater-Bühnenbild ist durchaus praktikabel, beengt allerdings auch und lässt z.B. keine effektvolle Gestaltung der Rütli-Schwur-Szene zu. Die zuletzt kommenden Bürger aus Uri müssen sich um den Bühnenaufbau herumdrücken und es kommt zu keiner bühnenwirksamen Visualisierung der drei Kantone. Und die Schweizer sind insgesamt so kostümiert, dass sie alles und nichts sein können – evangelikale amerikanische Hutterer, Andreas-Hofer-Parodien, verfolgte Juden oder ukrainische Frauen mit Timoschenko-Zopffrisuren. Man weiß nicht, sollen es Karikaturen sein oder soll man sie ernstnehmen. Und Wilhelm Tell/James Rutherford am Ende in ein rotes T-Shirt mit weißem Schweizer Kreuz zu stecken, grenzt an Peinlichkeit.

 

 

Durchaus bühnenwirksam ist die Lösung, Gessler und Mathilde in den beiden Proszeniumslogen auftreten zu lassen und so ihre Abgehobenheit vom Volk zu demonstrieren. (Boshafte Randbemerkung: diese beiden Logen sind eigentlich dem Landeshauptmann und dem Bürgermeister vorbehalten – aber diese beiden Würdenträger des heutigen öffentlichen Lebens sieht man ohnedies selten in der Oper und daher sind die Logen diesmal gut und sinnvoll für die Habsburger genützt).

Am Ende gab es wie gesagt stürmischen Applaus, der bei den Sängern durchaus in der Phonzahl fein abgestuft war – etwa in der Reihenfolge: Arnold, Jemmy, Mathilde, Hedwig. Tell. Das Grazer Premierenpublikum weiß zu differenzieren. Es lohnt sich jedenfalls, dieses seltene Werk in Graz zu besuchen – daher hier die weiteren Aufführungstermine.

Hermann Becke, 28. 9. 2014

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Und gleichsam als kulturhistorisches Postscriptum aus aktuellem Anlass etwas zur Geschichte des Grazer Opernhauses:

Opernfreunde wissen, dass die Wiener Architekten Fellner und Helmer in der Zeit zwischen 1875 und 1910 über 40 Theater in ganz Europa errichteten – Details sind hier  nachzulesen.

Auch das Grazer Haus stammt von ihnen. Die Eröffnung des neuen Grazer Stadttheaters (die Bezeichnung Grazer Opernhaus stammt erst aus späterer Zeit) fand am Samstag den 16. September 1899 mit dem Schauspiel „Wilhelm Tell“ von Friedrich Schiller in feierlicher Weise statt. Im Rahmen der Eröffnungsfeierlichkeiten wurde im Inneren des Gebäudes eine Kupferkapsel mit eingelegter Schlussstein-Urkunde eingemauert. Im Laufe der Zeit geriet der genaue Ort, an dem die Urkunde eingesetzt wurde, in Vergessenheit.  Es ist ein Verdienst des rührigen Vereins Denkmal-Steiermark , dass die Urkunde wieder gefunden und nun gleichsam zum 115.Geburtstag in würdiger Form im heutigen Opernhaus untergebracht werden konnte. Es lohnt sich, die Geschichte über die Wiederauffindung des „Geburts-Scheins“ des Grazer Opernhauses hier  nachzulesen – wobei noch das Kuriosum hinzugefügt sei, dass das Dokument ausgerechnet in jenem Haus in Graz gefunden wurde, in dem Intendantin Sobotka (in einem anderen Stockwerk) ihre Wohnung hat. Hier der Zeitungsbericht  über die neue Vitrine, die anlässlich der Wilhelm-Tell-Premiere präsentiert wurde  sowie ein Bild der nun zugänglichen Schätze: 

 

 

 

 

 

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OPERN DER ZUKUNFT

Premiere am 6. 5. 2014

Vier Einakter als Uraufführungen


In einer Koproduktion der Oper Graz mit der Universität für Musik und Darstellende Kunst Graz werden unter dem Übertitel „Opern der Zukunft - SO VIEL MEHR AN LEBEN“ vier Kurzopern von Wen-Cheh Lee, Zesses Seglias, Yukiko Watanabe und Lorenzo Romano auf der Studiobühne des Opernhauses vorgestellt. Das ist eine sehr erfreuliche Kooperation der Grazer Oper mit der KUG (Kunstuniversität Graz), von der beide Teile profitieren: die Kompositionsstudierenden haben die Chance, dass ihre Werke unter professionellen Bedingungen aufgeführt werden und die Oper tut etwas für die zeitgenössische Musik – auf dieses Thema komme ich am Ende nochmals in einer kritischen Anmerkung. Die Kooperation zwischen der Oper Graz und der Kunstuniversität Graz hat Tradition - und sie hat nun durch die Zusammenarbeit mit dem Klangforum Wien, wohl einem der renommiertesten europäischen Instrumentalensembles für zeitgenössische Musik, an Profil und Gewicht gewonnen. Das Klangforum Wien in seiner Gesamtheit nimmt im Rahmen der Lehrveranstaltung „Performance Practice in Contemporary Music“ eine Gastprofessur an der Kunstuniversität Graz wahr und unterrichtet Instrumentalstudierende in dem leider vielfach vernachlässigten, aber ungemein wichtigen Spezialgebiet der Aufführungspraxis der Gegenwartsmusik. Die Studierenden dieses Studiengangs bildeten das Instrumentalensemble der Uraufführungen von Werken junger Kompositionsstudierender. Das Zentrum der gesamten Kooperation ist Beat Furrer – er ist nicht nur Mitbegründer des Klangforums Wien und international renommierter Komponist – eben wurde ihm der Große Österreichische Staatspreis verliehen, die höchste künstlerische Auszeichnung der Republik Österreich. Furrer ist auch Kompositionsprofessor in Graz - und er dirigierte die Premiere mit den vier Uraufführungen.

Sicher nicht zuletzt wegen Beat Furrer fand die Premiere große Beachtung: An der Abendkasse drängte man sich um Karten, man sah die Grazer Kulturprominenz und viele Medienvertreter, aber auch das speziell an zeitgenössischer Musik interessierte Fachpublikum. Das übliche Publikum der Grazer Opernpremieren fehlte - schade! Es versäumte einen dichten Abend heutiger Musikbefindlichkeit! In der Ankündigung der Uraufführungen liest man:

„In Franz Kafkas unerschöpflichem Fundus der verzweifelten Hoffnung findet der taiwanesische Komponist Wen-Cheh Lee die Inspirationsquelle seiner Oper ‚Franz. Ein Traumspiel‘ und erzählt vom Konflikt der Generationen, lässt Vater und Sohn aufeinanderprallen. Eigens für den griechischen Komponisten Zesses Seglias verfasste Sophie Reyer das Libretto zu ‚Hystera‘ und greift darin ebenfalls den Kampf der Generationen auf. Reizvoll offen gelassen ist, welche der Protagonistinnen die Mutter und welche die Tochter ist. Aus Japan stammt die Komponistin Yukiko Watanabe, die ihre literarische Vorlage in einer surreal anmutenden Kurzgeschichte des italienischen Autors Italo Calvino findet: ‚Die weiche Mondin‘ oszilliert zwischen den geheimen Mythen des Alltags und den noch ungeheureren Mythen des Weltalls. Den Bogen zum Eröffnungsstück des Abends schließt der florentinische Komponist Lorenzo Romano in seiner Kafka-Adaption ‚ Frammenti dell‘ attesa‘. Bruchstücke und Notate aus Kafkas Briefen, Tagebüchern, Aphorismen und Betrachtungen kulminieren im Herzstück der dreiteilig angelegten Szenenfolge, in Kafkas ‚Die Kaiserliche Botschaft‘.“

Der Regisseur des Abends war Ernst Marianne Binder , der seinen klugen und informativen Beitrag im Programmheft unter das Motto eines Hölderlin-Wortes stellt: „Wenn ich auf mein Unglück trete, stehe ich höher“. Binder hat im sachlichen Raum der Studiobühne mit ganz sparsamen Mitteln und großer Ruhe die vier Werke so realisiert, dass sie trotz ihrer Unterschiedlichkeit zu einem überzeugenden Ganzen wurden. Er vermied jeden Aktionismus und erzeugte damit durchaus eindrucksvolle Spannung. Im Sinne des gewählten Hölderlin-Wortes erlebt man, dass der Ausgangspunkt aller vier Stücke immer eine Form des Unglücks, der Verunsicherung, der Suche, der Angst ist – und dass Ausführende und Publikum durch die Auseinandersetzung in Musik, Sprache und Szene zu eigenen, gleichsam „höheren“ Bildern gelangen. In diesen musikdramatischen Werken geht es nicht um äußere Aktion, um schlüssige Handlung – es geht wohl vor allem um jene Assoziationen und Bilder, deren Entstehen jeder von uns in sich selbst zulässt. Bezeichnend dafür ist ein Pausengespräch, das ich mit einer Dame führen konnte: ich selbst war im ersten Teil stärker von der Vater-Sohn-Auseinandersetzung berührt, sie hingegen vom zweiten Stück.

Der taiwanesische Komponist Wen-Che Lee ist als einziger kein Schüler von Beat Furrer, sondern Schüler des ebenso renommierten und ebenfalls in Graz lehrenden Gerd Kühr . Hier war der gesungene Text ausgezeichnet zu verstehen – das lag nicht nur an der vorbildlichen Artikulation der erfahrenen Solisten Martin Fournier und David McShane, sondern auch an der ausreichend transparenten musikalischen Struktur des Werkes. Berührend empfand ich, dass der Komponist während des gesamten Stücks im Hintergrund auf dem Boden hockte und auf einer Tafel kratzte (oder schrieb?). Bedrückend die chorisch auftretende Verwandtschaft, die auf den Vater einwirkte und - soweit dies für mich beurteilbar war – sehr konzentriert die sich reibenden Klangflächen gestaltete. Die Solisten stellte die Oper, das Chorensemble bildeten Gesangsstudierende. Als Kontrast folgte danach das Zwei-Frauen-Stück HYSTÈRA des griechischen Furrer-Schülers  Zesses Seglias. Es lebte von der kargen Nüchternheit der Schauspielerin Gina Mattiello und dem unnahbaren Soprangefunkel von Shirin Asgari.

 

Hier verstand ich kaum etwas von dem der Musik zugrunde liegenden Gedicht von Sophie Reyer – nehme aber zur Kenntnis, dass die Dame meines Pausengesprächs von der weiblichen Doppelbödigkeit dieses Stücks besonders berührt war. So wie ich oben schrieb: über diese Werke kann es kein absolutes Urteil geben – entscheidend sind die Bilder und Emotionen, die bei jedem einzelnen im Publikum ausgelöst werden. Nach der Pause folgte „Die weiche Mondin“ der japanischen Komponistin

Yukiko Watanabe. Hier trat zu Text und Musik noch die von der Komponistin in Auftrag gegebenen Medienkunst von Daisuke Nagaoka, in der „jemand anderer, eine fremde Hand, Gottes Hand?, der Protagonistin – und damit dem sich mit ihr identifizierenden Zuseher – die Angst ins Gedächtnis schreibt bzw. zeichnet“. Stimmlich überzeugend gestaltete die zarte Sopranistin Avelyn Francis ihren Solopart – eindrucksvoll auch die drei Chorsoprane.

 

Der letzte Teil hatte wieder Franz Kafka zur Grundlage – Lorenzo Romano hatte kafkaeske Versatzstücke ins Italienische übersetzt und zu absurden Dialogen montiert. Das Stück lebte von der starken szenischen Präsenz des János Mischuretz und der stimmlichen Brillanz von Tatjana Miyus. Wieder beeindruckte die Kargheit der szenischen Umsetzung, die für mich die musikalische Gestaltung in den Hintergrund rückte. Aber man soll das Ganze nicht in seine Teile zerlegen – und das Ganze überzeugte. Bei allen vier Uraufführungen leitete Beat Furrer seine Instrumentalisten und das insgesamt ausgezeichnet Bühnenensemble mit großer Konzentration und mit klarer Zeichengebung.

Am Ende gab es intensiven und ehrlichen Beifall für alle Beteiligte. Das Publikum hatte einen maßstabsetzenden Abend modernen Musiktheaters erlebt. Es gibt noch drei weitere Aufführungen am 9., 10. Und 11. Mai. Der Besuch ist allen mit Nachdruck zu empfehlen, die sich ein Bild darüber machen wollen, wohin sich das heutige Musiktheater weiterentwickelt. Und am Ende eine kritische Anmerkung

Gerade nach der Uraufführung von vier Opern junger Komponisten will ich aus aktuellem Anlass – speziell für die deutschen Opernfreunde – eine unerquickliche Medienmeldung nicht verschweigen:

„Die Bühne“ – eine monatlich erscheinende Hochglanzzeitung, die der Wiener Bühnenverein herausgibt und deren Chefredakteur Peter Blaha (ehemaliger Dramaturg der Wiener Staatsoper) ist – attackiert in der Mai-Ausgabe die Grazer Intendantin Elisabeth Sobotka. Im Editorial – einem Beitrag, in dem es um Strukturfragen der Wiener Festwochen geht -  heißt es am Ende in einem abrupten thematischen Schwenk: „Früher war die Grazer Oper Vorreiter in Sachen Ur- und Erstaufführungen, und das jahrzehntelang. Doch unter Elisabeth Sobotka hat die Grazer Oper, die es unter Gerhard Brunner zum „Opernhaus des Jahres“ geschafft hatte, ihren diesbezüglichen Ruf komplett verspielt. In ihrer, demnächst zu Ende gehenden, Amtszeit brachte sie keine einzige(!) moderne Oper heraus. Dafür darf Sobotka jetzt mitbestimmen, wer Burgtheater-Direktor wird – eine Entscheidung, die allenthalben Kopfschütteln auslöste. Will man künftig auch an der Burg eine(n) ähnlich mut- und visionslose(n) Direktor(in) haben wie zuletzt in Graz?“

Mir bleibt nur, über diesen sachlich nicht berechtigten und aggressiven Ton befremdet den Kopf zu schütteln……

Hermann Becke, 7. 5. 2014

Szenenfotos: Oper Graz, © Peter Manninger

Interview mit dem Regisseur Ernst M. Binder

 

 

 

Spielplanvorschau 2014/15

Pressekonferenz der Oper Graz am 23. 4. 2014

Intendantin Sobotka bietet in ihrer letzten Saison Vielfalt

Die Intendanz von Elisabeth Sobotka geht mit der Saison 2014/15 nach sechs Jahren zu Ende. Schon mit Jänner 2015 wird Sobotka Graz verlassen, um die Leitung der Bregenzer Festspiele zu übernehmen. Ihre Nachfolgerin Nora Schmid kommt von der Semperoper Dresden und übernimmt in Graz ihre erste Intendanz mit September 2015. Von Jänner 2015 wird acht Monate lang interimistisch der Geschäftsführer der Theaterholding Graz/Steiermark Bernhard Rinner das Haus führen. In einer Pressekonferenz wurde das vielfältige Programm der nächsten Saison vorgestellt – der Fernsehbericht   vermittelt auch ein Interview mit der Intendantin und dem Chefdirigenten Dirk Kaftan. Zunächst gab es aber noch Erfreuliches zur laufenden Spielzeit zu berichten:

Der Oper Graz hat derzeit eine Auslastung von 82% und die bei Presse und Publikum überaus positiv aufgenommene Konwitschny-Produktion von Jenufa (Premiere am 29.3.2014 – siehe dazu unten den OF-Bericht) wurde zum Janacek-Fest in Brno im November 2014 eingeladen. Und unmittelbar bevor steht die Premiere von Donizettis „La Favorite“ mit einer interessanten Sängerbesetzung – der Opernfreund wird natürlich auch darüber berichten.

Die Saison 2014/15 wird durchaus spektakulär eröffnet – nämlich mit Rossinis „Guillaume Tell“. Yosep Kang, der Tamino der letzten Zauberflöten-Premiere in Graz wird den Arnold singen. Kang ist im vorigen Dezember bald nach seinem Grazer Debut bravourös in der Wiener Staatsoper als Rodolfo an der Seite von Angela Gheorghiu eingesprungen (wie hier nachgelesen werden kann) und steht vor seinem Met-Debut. Erfreulich für Graz, dass Intendantin Sobotka ihn noch an Graz binden konnte, bevor er seinen großen internationalen Durchbruch geschafft hatte. Die Eröffnungspremiere wird nicht Opernchef Dirk Kaftan (weil die Planung schon vor seinem Engagement als Grazer Chefdirigent erfolgte), sondern der weltweit anerkannte italienische Dirigent Pier Giorgio Morandi.  Insgesamt werden in der Saison 2014/15 fünf Opern (Guillaume Tell, Tosca, Xerxes, Die tote Stadt und Manon) sowie das Musical Evita und als Operette Die Lustige Witwe neu inszeniert, dazu kommen Otello und Die Zauberflöte als Wiederaufnahmen. Das Ballett unter dem Graz nach 15 Jahren verlassenden Ballettchef Darrell Toulon wird zwei Uraufführungspremieren gestalten sowie sieben Tanz Nites (vom Publikum praktisch ausabonniert) bieten. Der Nachfolger von Toulon steht schon fest: die zukünftige Intendantin Nora Schmid hat ab 2015/16 Jörg Weinöhl zum neuen Ballettdirektor bestellt.

Und in der nächsten Spielzeit geht auch ein „Herzenswunsch“ der Intendantin Sobotka in Erfüllung: es wird in enger Kooperation mit der Kunstuniversität Graz erstmals eine Kinderoper auf der großen Bühne geben – nämlich DER SATANARCHÄOLÜGENIALKOHÖLLISCHE WUNSCHPUNSCH von Elisabeth Naske nach Michael Ende.

Das Sängerensemble enthält im wesentlichen die vertrauten und bewährten Namen, aber auch einige neue  –  so zum Beispiel Olesya Golovneva , die eben als Traviata in Düsseldorf erfolgreich war, man freut sich auf die Wiederbegegnung mit Stephanie Houtzell im Xerxes oder mit Johannes Chum in der Toten Stadt oder mit James Rutherford als Tell und als Scarpia, und man ist gespannt auf die Facherweiterung des Bassisten Wilfried Zelinka, der ebenfalls den Scarpia singen wird. Schmerzlich vermissen wird man im Baritonfach Andrè Schuen, der nach seinen letzten Erfolgen unter Harnoncourt im Theater an der Wien das Grazer Ensemble verlässt.

Die Details aller Premieren finden sich hier. Es lohnt sich auch, das ausführliche Programmbuch der Saison 2014/15 durchzuschauen – Sie finden es auf der Homepage der Oper Graz.

Hermann Becke, 24.4.201

Interview mit Intendantin Elisabeth Sobotka

 

 

LA FAVORITE

Premiere am 26. 4. 2014

Großartige Stimmen – gescheiterte Regie

Arturo Toscanini nannte „La Favorite“ „ganz und gar wunderbar; der letzte Akt - jede Note ist ein Meisterwerk“. Die Frage ist zweifellos berechtigt, ob man diese meisterhafte Musik nicht eher bloß in einer konzertanten Aufführung präsentieren und auf die szenische Umsetzung einer Handlung verzichten sollte, der schon bei der letzten Premiere dieses Werks in Graz im Jahre 1968 ein angesehener Kritiker einen „Mangel an dramatischem Ausdrucks- und Wahrheitsgehalt“ bescheinigt hatte. Das  Libretto von Donizettis 1840 in Paris uraufgeführter Oper „La Favorite“  gibt folgende Zeit-und Ortsangaben:

 „En 1340 - Aux 1er et 4ème actes: au couvent de Saint-Jacques de Compostelle et dans l'île de Léon. Aux 2ème et 3ème actes: à Séville“ . Es gibt vier Hauptfiguren: König Alphonse XI von Kastilien, seine Maitresse Léonor de Guzman (La Favorite), den Klosternovizen Fernand und den Klostersuperior Balthazar.

Wie Sie auf diesem Szenenfoto sehen, ist die Grazer Neuinszenierung nicht im spanischen Mittelalter angesiedelt, auch nicht etwa in der Entstehungszeit der Oper (ein heute durchaus gängiges Stilmittel), sondern das Stück spielt im Amerika der 1960er Jahre zunächst in einer Kirche der Evangelikalen, dann vor einem überdimensionalen Touristenbus, später im Bürgermeisteramt und auf einem Flughafen samt „Prayer Room“ und zum Schluss in der zur Sargwerkstatt umfunktionierten Evangelikalenkirche – stets unter dem Motto „In God we trust“ des Ein-Dollarscheins, der immer wieder auf dem Zwischenvorhang erscheint -  Ausstattung: Annemarie Woods. Der junge britische Regisseur Sam Brown deutet die Handlung so: „Man kann nicht alles haben. Mächtige Männer glauben, sie können tun und lassen, was sie wollen. Aber das ist ein Irrtum - das können sie nicht.“ Es geht um Ehre, Macht, Geld und Liebe und - über allem – um die Religion: Eigentlich wollte Fernand ins Kloster gehen, doch dann trifft er die schöne Léonor und verliebt sich unsterblich. Léonor lehnt Fernands Heiratsantrag jedoch ab, ist sie doch seit Jahren die Geliebte von Bürgermeister Alphonse. Der wiederum würde seine von der Kirche gestützte Macht verlieren, würde er sie heiraten. Eine klare Parallele zum Amerika von John F. Kennedy, so Brown: „Auch wenn in der amerikanischen Politik Staat und Religion explizit getrennt sein sollten, gibt es tatsächlich eine starke Verschränkung.“

Um es gleich klipp und klar zu sagen: das Konzept, das im Programmheft wortreich erläutert wird, ist nicht aufgegangen – ich halte es für gescheitert. Vor knapp einem Jahr war das englische Team Sam Brown/ Annemarie Woods – Gewinner des Grazer Wettbewerbs „Ringaward“ und des Europäischen Opern-Regie-Preises des Jahres 2011 – in Luzern sehr erfolgreich mit einer Inszenierung von Rossinis Cenerentola. In den dortigen Kritiken liest man: „Es gibt sie also noch, die Opernabende, die man ungetrübt genießen kann, die weder langweilig verstaubt noch kopflastig verquer daherkommen und trotzdem „modern“ sind, die Aufführungen, die umwerfend unterhaltsam und urkomisch sind und doch ohne billige Plattitüden auskommen“. Über ihre Grazer Arbeit kann man das leider wahrlich nicht sagen. Selbst dem wohlmeinenden Betrachter erschließt sich nicht, welchen dramatischen Mehr-Wert die Verlegung des französisch gesungenen Originals in die kleinbürgerliche amerikanische Welt bringen soll – diesmal war die Inszenierung „kopflastig-verquer“ und vor allem auch handwerklich ungeschickt. Es gibt zwar detailreich ausgearbeitete Szenenbilder, aber keine wirkliche Personenführung und Gestaltung der Charaktere. Man kann sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Solisten in ihrer Gestik ganz auf sich allein gestellt waren. Der Regisseur schreibt im Programmheft: „Es wäre unbefriedigend für mich, wenn sich zwischen dem Text, der Musik und dem Schauplatz Unstimmigkeiten ergäben“ -  diese Unstimmigkeiten gibt es aber leider am laufenden Band. Nur zwei Beispiele: Alphonse wird wiederholt im Text als „roi“ angesungen, die Übertitel übersetzen das verschämt mit „Herrscher“ – und laut Konzept ist er Bürgermeister in einer amerikanischen Kleinstadt. Im 2.Akt kommt Balthazar mit dem päpstlichen Bann-Dekret und singt „Au nom du ciel et du Saint Père, anathème sur eux“ – und im Konzept ist er ein fundamentaler Protestant…..Vor allem aber: unzählige Details lenken vom Wesentlichen ab. Gerade die großartige Soloszene der Léonor im dritten Akt wird durch das lebhafte Treiben auf einem Flughafen ernsthaft beeinträchtigt. Natürlich kann es in dieser Fassung auch keine großen Ballettszenen geben, wie sie im Original vorgesehen und übrigens auch im Musikbeitrag des Programmheftes ausudrücklich erwähnt sind. Die entsprechende Musik im 2.Bild des 1.Aktes und im 3.Akt  gibt es (in verkürzter Form) – sie wird durch Chordamen und Statistinnen karikierend-hilflos gestaltet.

Bewegendes Musiktheater erlebt man an diesem Abend aber dennoch, allerdings nur dann, wenn die Solisten durch intensive stimmliche Gestaltung das Publikum in Bann ziehen – und das gelingt Gott sei Dank im Laufe des Abends immer wieder. Graz hat ein ausgezeichnetes Ensemble zu bieten. Beginnen wir mit den kleineren Rollen: Margareta Klobučar als Inès ist eine Luxusbesetzung und führt den spielfreudigen Damenchor an, der nicht wie im Original vorgesehen, auf der kanarischen Insel Léon am Meeresstrand den Klosternovize Fernand umgarnt, sondern aus einem Touristenbus samt einem Schoßhündchen herausquillt.

Den intriganten Don Gaspar gibt prägnant Taylan Reinhard. Klosterprior Balthazar wird in dieser Inszenierung in einen fundamentalistisch-steifen protestantischen Evangelikalen-Führer umgewandelt. Wilfried Zelinka gestaltet diese Figur mit bewundernswerter (optischer) Selbstverleugnung und stimmlicher Seriosität. Intendantin Elisabeth Sobotka hat einmal davon gesprochen, Ihr Spielplan sei in dieser Saison von starken Frauen bestimmt – nach Turandot und Jenufa ging es also diesmal um die königliche Maitresse Léonor. Das ist ein Frauenschicksal, das in einer Reihe mit anderen großen Frauengestalten der Opernliteratur steht – von der Linda di Chamonix über Norma, Violetta und Manon – und letztlich an der Unmöglichkeit der gesellschaftlichen Akzeptanz scheitert. Dshamilja Kaiser , die von Sobotka vor fünf Jahren als Anfängerin nach Graz geholt wurde, hat ihre Karriere sehr schön und kontinuierlich aufgebaut. Nach der Elisabetta in der Maria Stuarda hat sie sich nun eine zweite große Belcantopartie erarbeitet. Durch ungünstige Kostümierung und karikierende Regie beeinträchtigt, hatte sie es, die zu einem Grazer Publikumsliebling geworden ist, in den ersten Akten nicht ganz leicht, das von ihr zu erwartende Niveau zu erreichen. Da fehlte der breit strömenden und schön timbrierten Stimme auch ein wenig die virtuos-manirierte Eleganz, die zu einer Belcanto-Diva nun einmal gehört. Wirklich überzeugt hat sie mich erst im letzten Akt – da vergaß man die ärgerliche Regie, wurde emotional berührt und freute sich über eine große Leistung.

Die beiden besten stimmlichen Leistungen des Abends boten für mich Andrè Schuen und Yije Shi – das war Niveau von internationalem Rang! Der Südtiroler Andrè Schuen   hat mit seinen 30 Jahren schon eine beachtliche Karriere hinter sich. In der Belcanto-Partie des Alphonse konnte er sein dunkel timbriertes Baritonmaterial prächtig entfalten – da sitzt alles von der Tiefe bis zu den Spitzentönen. Um mit den Worten eines Opernfreund-Kollegen zu sprechen: die Stimme ist in bester italienischer Schulung solide im Körper verankert. Dazu kommt, dass Schuen die Macho-Gestalt auch szenisch überzeugend verkörperte. Für Graz ist es sehr schade, dass sein Festengagement mit dieser Saison zu Ende geht – ihm ist für seinen weiteren Weg alles Gute zu wünschen. Die Grazer Opernfreunde würden sich wünschen, seine weitere Entwicklung bei dem einen oder andern Gastspiel beobachten zu können!

Der erst 32-jährige chinesische Tenor Yije Shi ist ja eigentlich ein Grazer - er hat zum Teil in Graz studiert, er stand vor sieben Jahren zum ersten Mal auf der Grazer Opernbühne als Preisträger des Ferruccio-Tagliavini-Gesangswettbewerbes und er lebt in Graz, von wo aus er zu seinen weltweiten Engagements reist - im eindrucksvollen Terminplan nachzulesen. Mit dem Fernand debutierte er gerade erst in Toulouse, wo ihn die Kritik als „sensationellen Tenor“ bezeichnete. Auch das Grazer Publikum überzeugte er sofort – er hat für diese Rolle die ideale Stimme, die er mit großer Intensität, aber ohne jedes Forcieren in gleichmäßiger Stimmführung bis zu den beeindruckenden Spitzentönen einsetzt. Für ihn gilt das, was ich schon oben schrieb: seine großartigen stimmliche Leistung ließ einen das hässliche und stimmungstötende Sarg-Werkstatt-Ambiente im letzten Bild vergessen!

Wegen dieses Tenors unbedingt zu empfehlen: Das Finale aus „La Favorite“ kann hier in einer Aufnahme mit ihm aus Toulouse nachgehört werden. Der zarte junge Mann wird in den ihm adäquaten Rollen (vor allem Rossini, Donizetti) ganz sicher eine internationale Karriere machen. Übrigens war in Toulouse Ludovic Tézier sein Alphonse, der in diesem Sommer der Partner von Elīna Garanča und Juan Diego Flórez bei der konzertanten Salzburger Festspielaufführung von „La Favorite“ sein wird. Die Salzburger Aufführung wird Roberto Abbado leiten – und damit komme ich zum Dirigenten der Grazer Aufführung: Sie wurde vom jungen Italiener Giacomo Sagripanti geleitet (so wie Roberto Abbado bei der renommierten Agentur IMGArtists Das Vorspiel schien mir noch etwas derb, aber im Laufe des Abends zeigte sich, dass Sagripanti die großen Ensembles sicher zusammenhält und auch so manche Instrumentalsoli schön herausarbeitete. Der Chor (Leitung: Bernhard Schneider) war wie immer in der letzten Zeit eine verlässliche Stütze des gesamten Abends. Am Ende gab es einige Buhs für das szenische Team und heftigen, aber erstaunlich kurzen Beifall für die Solisten.

 

Hermann Becke, 27. 4. 2014

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

videoclip 

Kurzvideo 

Alle verfügbare Platten/CD-Aufnahmen hier

Weitere Aufführungstermine hier

 

Belcanto-Preisträger

Oper Graz am 12. 4. 2014

Junge Stimmen und Ehrung für Juan Pons

Alljährlich versammelt Vittorio Terranova, renommierter Gesangspädagoge aus Mailand, in Deutschlandsberg, einer kleinen Bezirkshauptstadt in der Nähe von Graz, eine glänzende Auswahl führender Belcantisten, um im Internationalen Gesangswettbewerb  »Ferruccio Tagliavini« die Spitzensänger von morgen zu küren. Diesmal fand der Wettbewerb bereits zum 20. Mal statt – es stellten sich heuer 128 junge Opernstimmen aus 24 Ländern in zwei Altersklassen (95 in der 1.Sektion „SängerInnen am Beginn ihrer Karriere bis 33 Jahre“ sowie 33 in der Sektion 2 „Stimmen in Ausbildung bis 24 Jahre“) dem Wettstreit um Engagements und Preisgelder von insgesamt rund 28.000 Euro. Fixpunkt im Terminkalender der Freunde des Belcanto ist dann immer das abschließende Preisträgerkonzert des Wettbewerbs, wofür die Oper Graz das Grazer Philharmonische Orchester samt Dirigenten, vor allem aber die große Bühne des prächtigen Opernhauses zur Verfügung stellt. Terranova versteht es dank seiner glänzenden Verbindungen, illustre Persönlichkeiten der Opernwelt in der Jury  zu vereinen, die seit fünf Jahren von der großen russischen Mezzosopranistin Elena Obraztsova präsidiert wird. Zu Beginn des Wettbewerbs war Dame Joan Sutherland neun Jahre lang die Jurypräsidentin. Die Organisatoren des Wettbewerbs konnten bei der Pressekonferenz mit berechtigtem Stolz darauf hinweisen, dass sich seit dem Start im Jahre 1995 insgesamt rund 2400 Sängerinnen und Sänger aus 64 Nationen der immer hochkarätig besetzten internationalen Jury gestellt hatten – und sie konnten vor allem auch berichten, dass eine respektable Anzahl der Preisträgerinnen und Preisträger Karriere gemacht hat – die vollständige Liste der bisherigen Preisträger/innen findet sich hier. Dazu zwei Beispiele: Die Siegerin des Vorjahres war die italienische Sopranistin Claudia Pavone , die ich gerade erst im März in Venedig in Wolf-Ferraris „Il Campiello“ hören konnte. Und ein ganz aktueller Bezug zu Graz: Der Sieger des Wettbewerbs 2007 war der chinesische Tenor Yijie Shi – und der probt gerade für die Grazer April-Premiere von Donizettis „La Favorite“. Sein Rollendebut als Fernand in Toulouse im Februar wurde als Sensation gefeiert – man kann also auf die Grazer Premiere gespannt sein.

Und gespannt war man an diesem Abend natürlich, welche junge Opernbegabungen diesmal ausgezeichnet wurden. Im Konzert wurden nur die vier Preisträger der 1. Sektion vorgestellt, also jener Gruppe, „die am Beginn ihrer Karriere“ steht. Allen vier ist zu bescheinigen, dass es sich um technisch sauber und sicher geführte Stimmen handelt, die auch dann nicht forcieren, wenn sie Arien singen, die (noch) außerhalb ihrer derzeitigen Möglichkeiten liegen. Alle vier sangen je drei Arien, sodass man sich ein gutes Bild ihres Potenzials machen konnte.

Den 4.Preis und den von der Stadt Graz gestifteten Tenorpreis gewann der Südkoreaner JaeYoon Jung. Er eröffnete den Abend mit „Che gelida manina“ aus La Bohème. Man kann diesen sich derzeit in Mailand perfektionierenden Dreißigjährigen mit diese Arie in einem schon zwei Jahre zurückliegenden Video nachhören. Er hat alle Spitzentöne sicher, aber der Rodolfo ist derzeit wohl nicht die ideale Partie für ihn – dafür fehlen ihm Wärme und variable Klangfarben. Er steigerte sich an diesem Abend mit „Una furtiva lagrima“ – da ist er schon eher im adäquaten Fach – und vor allem mit einer fast makellosen Faust-Kavatine „Salut – demeure chaste“, die ihm zweifellos am besten lag.

Der 3.Preis wurde der australischen Sopranistin Amy Corkery  zuerkannt. Sie begann mit „Come un scoglio“ aus „Cosi fan tutte“. Da konnte man zwar reiches Stimmmaterial registrieren – aber mit Mozart-Partien wird sie wohl nicht ihren Weg machen – dazu passt ihre Stimme und ihr stilistischer Zugang wenig. Einen wesentlich besseren Eindruck machte sie dann mit „Regnava nel silenzio“ aus Lucia di Lammermoor und vor allem mit der Elvira in Bellinis „I Puritani“. Da konnte sie ihre fraulich-warm timbrierte Stimme und ihre Höhen-und Koloraturensicherheit sehr schön demonstrieren. Ob sie in einer szenischen Aufführung auch über die nötige darstellerische Ausstrahlung verfügen wird, blieb an diesem Abend offen.

Den 2. Preis gewann die russische Mezzosopranistin Ksenia Leonidova. Sie begann mit der großen Eboli-Szene „O don fatale“ – und das führte sie an ihre derzeitigen stimmlichen Grenzen. Allerdings gestaltete sie klug und forcierte nie ihr schlankes und in allen Lagen ausgeglichen geführtes Organ. Ihrer Stimme und Erscheinung wesentlich gemäßer war dann Rossini (L’italiana in Algeri: „Cruda sorte“) und vor allem die Olga aus Eugen Onegin, die ausgezeichnet gelang – und die man übrigens auch auf youtube  in einer schon drei Jahre alten Aufnahme findet. Sie sollte sich nicht zu früh in Rollen wie Eboli, Dalila, Carmen drängen (lassen).

Gleich drei Preise gewann der Bassist IlHoon Kim: den 1. Preis, den Publikumspreis und den Kritikerpreis. Und tatsächlich bot er ihn seinen drei Arien die ausgewogenste Leistung aller Preisträger. Der schlanke und großgewachsene, 31 Jahre alte Südkoreaner verfügt über eine der selten gewordenen echte Bassstimmen und er bewährte sich in drei recht unterschiedlichen Partien. Bei Rossini bewies er in der (leider) gekürzten Verleumdungsarie des Basilio Humor und Bühnenpräsenz. Die russisch gesungene Gremin-Arie aus Eugen Onegin begann er vorsichtig (und im Piano ein wenig zu nasal), steigerte sich  dann aber sehr und ließ sein in allen Registern schön timbriertes Organ frei strömen. Und mit der großen Fiesco-Szene „A te l‘estremo addio“ aus Verdis Simon Boccanegra beschloss er eindrucksvoll das Programm.

Ehrengast des Abends war Juan Pons, dem in diesem Jahr die ISO d’ORO – die Goldene Note des Belcanto - verliehen wurde. Es ist dies eine Auszeichnung, die großen Persönlichkeiten aus der Welt der italienischen Oper für ihr Lebenswerk verliehen wird – bisher waren dies zum Beispiel Joan Sutherland, Giuseppe Taddei, Giulietta Simionato oder zuletzt Leo Nucci. Die vollständige Liste der bisher Ausgezeichneten findet sich hier. Diesmal wurde diese hohe Auszeichnung also dem spanischen Bariton Juan Pons verliehen. Er hat nach seinem sensationellen Debüt in der Saisoneröffnungspremiere 1980 an der Mailänder Scala als Falstaff unter Lorin Maazel in der Regie von Giorgio Strehler eine große Karriere hinter sich – eigentlich hat er sich im Jahre 2012 im Alter von 66 Jahren von der Bühne zurückgezogen, aber in seiner Heimat ist er noch immer ein umjubelter Star – so zum Beispiel gerade jetzt erst als Scarpia im Teatre Principal de Palma – nachzuerleben auf einem Video (ab Minute 2:20). Der Scarpia ist auch jene Rolle, die er bei seinen rund 90 Auftritten an der Wiener Staatsoper zwischen 1982 und 2004 am öftesten verkörpert hat.

 

Juan Pons ließ es sich nicht nehmen, für die Auszeichnung auch mit zwei musikalischen Beiträgen zu danken. Vor der Pause gestaltete er – immer noch kraftvoll und präsent – Jagos Credo und nach der Pause den zweiten Teil von Posas Tod aus Don Carlo – zwei Partien, die man von ihm in Österreich nie erlebt hatte. Vittorio Terranova würdigte auf offener Bühne die große Karriere von Juan Pons, der sich für die ihm zuerkannte Ehrung mit bescheiden-eleganten Worten bei den Veranstaltern und dem Publikum bedankte und den jungen Preisträgern alles Gute für den vor ihnen liegenden Weg wünschte.

 

Ein Wort zum Grazer Philharmonischen Orchester: es begleitete aufmerksam und mit manch schönem Instrumentalsolo (etwa Violoncello und Violine in Gounods „Faust“). Allerdings halte ich die Orchesteraufstellung auf der Bühne (wie schon bei anderen Anlässen) nicht für optimal. Die erhöht postierten Holz- und vor allem Blechbläser dominieren gegenüber den Streichern zu sehr und das Orchester sitzt zu weit auseinandergezogen, sodass manchmal die Kommunikation leidet – insbesondere, wenn der Dirigent dies nicht ausgleichen kann. Der junge Dirigent Florian Erdl war sehr um eine rücksichtsvolle Begleitung der jungen Stimmen bemüht. Manchmal allerdings fehlte es an dem nötigen spannungsvollen „Zug“ und es bestand die Gefahr zur Verschleppung. Das Orchester spielte auch zwei Stücke ohne Sänger: zu Beginn das Vorspiel zum 3.Aufzug von Lohengrin – da donnerte das Blech recht grob über die Streicher hinweg – und nach der Pause laut Programm die „Ouverture“ zu Aida. Das war also nicht das gewohnte kurze Aida-Vorspiel, das direkt in den ersten Akt überleitet, sondern offenbar jenes „Potpourri“, das Verdi später nachkomponiert hatte. Toscanini hatte diese Fassung mit seinem NBC-Orchestra einmal aufgeführt, wie man im interessanten Toscanini-Buch  von Mortimer H. Frank nachlesen kann. Dort findet man den Hinweis, Verdi habe diese Ouverture nach eigenen Worten wegen ihrer "pretentious insipidity" – prätentiösen Geschmacklosigkeit – sofort wieder verworfen, wie dies auch in der lesenswerten Verdi-Biographie von  Christoph Schwandt bestätigt wird. Diese Fassung dürfte nun in Graz ihre Erstaufführung erlebt haben – und ich kann nur sagen: wahrhaft ein überflüssiges Stück!

Aber zurück zum Preisträgerkonzert: alle vier Preisträger haben durchaus die Chance auf eine erfolgreiche Karriere, aber es liegt noch ein wesentliches Stück des Weges vor ihnen. Wettbewerbe und Preisträgerkonzerte in professionellem Rahmen sind für die jungen Sängerinnen und Sänger wichtige Etappen auf diesem Weg – und in diesem Sinne ist den Wettbewerbsveranstaltern und der Oper Graz für diese Nachwuchsförderung sehr zu danken. Das Konzert hätte sich mehr Publikumsresonanz verdient. Résumé:

Ich bereute es nicht, an diesem Abend weder die Lohengrin-Premiere in der Radioübertragung aus der Wiener Staatsoper gehört, noch die Arabella-Premiere der Salzburger Osterfestspiele unter Thielemann auf 3SAT verfolgt zu haben – junge vielversprechende Stimmen auf der Opernbühne live zu erleben und darüber zu berichten, ist immer eine Freude für den Opernfreund - und allemal noch so prominenten medialen Übertragungen vorzuziehen!

Hermann Becke, 13.4. 2014

 

P.S.

Weitere Fotos waren leider nicht in angemessener Zeit vom Veranstalter zu erhaltensie werden wohl in absehbarer Zeit auf der Homepage des Wettbewerbs  zu sehen sein, wo Sie sich durch die Bilder der letzten 19 Bewerbe klicken können

Noch ein Hinweis: von 1. Bis 15. August 2014 gibt es in Deutschlandsberg die Internationale Belcantoakademie I.S.O. unter der Leitung von Vittorio Terranova – Nähe

 

 

 

 

JENŮFA

Premiere: 29. 3. 2014

Einhelliger Premierenerfolg

Über zwanzig Jahre ist es her, dass Jenůfa in Graz zuletzt auf dem Spielplan stand – im Mai 1993 hatte die damalige archaisch-düstere Produktion unter der Leitung von Christian Pöppelreiter/Jörg Kossdorf/Hanna Wartenegg/Wolfgang Bozic mit einer sehr guten Ensembleleistung ihre wohlgelungene Premiere. Diesmal ist der erste Eindruck wesentlich heller – aber gerade diese bunte Szenerie (Ausstattung: Johannes Leiacker, Licht: Manfred Voss) vor schwarzem Rundhorizont lässt den Regisseur Peter Konwitschny das Düster-Bedrückende des Stoffs überdeutlich herausarbeiten. Fast ist man versucht zu meinen, der ewig polarisierende und provozierende Konwitschny, der in Graz seit 1991 schon 12 Opern- und 2 Schauspielproduktionen realisierte, hat nun zu einer geradezu abgeklärten Altersweisheit gefunden. Jedenfalls ist mit dieser Jenůfa ein unumstrittener Publikumserfolg gelungen. Die drei Akte sind klar von einander abgesetzt. Konwitschny im Interview des Programmheftes: „Zwei der wichtigsten Orte, an denen das Zusammenleben der Menschen geschieht, beherrschen die Bühne: ein Bett und ein Tisch…. Im ersten Akt ist Sommer, Bett und Tisch stehen in einer Wiese. Im zweiten Akt ist Winter, Bett und Tisch stehen im Schnee. Im dritten Akt ist Frühling, die Bühne ist von Krokussen übersät.“ (Nur der Ordnung halber ein botanischer Hinweis: ich sah gelbe Märzenbecher….)

Diese klare Gliederung der Bühne erlaubte eine überzeugende Reduzierung von Folkloristischem auf die Figuren des Stücks und eine präzise Personenführung. Im ersten Akt konnte Konwitschny (doch noch) nicht auf sein „Markenzeichen“ seiner destruktiven Gesellschaftskritik verzichten: die Chorszene ist überzeichnet – „lustiger Chor und Soldatentanz“ werden zu enthemmten, Brueghel-haften Fratzen, Jenůfa und Laca wälzen sich unter dem Tisch. Aber der zweite Akt bestätigte das, was man schon so oft bei Konwitschny-Inszenierungen erlebt hatte: in seiner stets scheiternden Sehnsucht nach Liebe und Erfüllung kann er ungemein stimmungs- und spannungsvolle Bilder schaffen – und dies gelang diesmal mit dem Kunstgriff, die Solovioline in Jenůfas Traumszene gleichsam als eine Botschafterin überirdischer Welten ganz konkret auf die Bühne zu stellen. Die Konzertmeisterin des Grazer Philharmonischen Orchesters wurde mit ihren berückend gespielten Soli zu einer szenisch und musikalisch zentralen Figur des zweiten Aktes.

 

In diesem zweiten Akt vermittelten außerdem die beiden weiblichen Hauptfiguren Musiktheater auf höchstem Niveau. Gal James als Jenůfa bot diesmal für mich eine ihrer überzeugendsten Leistungen in Graz. Sie bewältigte sowohl die berührenden lyrischen Passagen als auch die dramatischen Ausbrüche mit technisch sicherer, sehr schön aufblühender Stimme und war auch als Darstellerin in allen Phasen überzeugend. Uneingeschränkt großartig war die Küsterin von Iris Vermillion . Nach ihrer intensiven Grazer Klytämnestra im Jahre 2012 war sie im Vorjahr eine kompetent

gewürdigte Amme in der „Frau ohne Schatten“ am Teatro Colón (schade, dass sie nicht in der Grazer Produktion dabei war!) und hat sich nun mit der Küsterin eine neue Rolle erarbeitet, die sie sicherlich auch an die ersten Häuser führen wird. Im allgemein großen Jubel des Schlussapplauses galt ihr hörbar der intensivste Anteil! Vermillion sang nicht nur untadelig, sondern spielte die Rolle auch mit herber, das Bühnengeschehen beherrschender Strenge – kleine einschränkende Anmerkung: die offenbar von Konwitschny gewünschte Charakterisierung der Figur im letzten Akt als Hysterikerin mit zuckender Hand wär absolut nicht notwendig. Vermillion würde durch ihre natürliche Bühnenautorität den Zusammenbruch der stolzen Frau auch ohne diese Überzeichnung glaubwürdig darstellen!

 

Erfreulicherweise verzichtet Konwitschny im letzten Akt auf die Übertreibungen des ersten Akts und schafft so eine stimmungsvolle und gleichzeitig dennoch spannende Hochzeitsszene, in der die stimmfrische Karolka von Tatjana Miyus erfreulich auffällt. Die große alte Dame des dramatischen Fachs Dunja Vejzovic ist eine ideale alte Buryja, der Tscheche  Aleš Briscein ist ein ebenso idealer Laca (zuletzt war er in München ein gelobter Steva – übrigens mit der aus Graz kommenden Renate Behle als alter Burya!). Taylan Reinhard ist ein präzis gezeichneter Steva – wenn auch mit seinem schmalen Tenor leider zu untergewichtig. Alle Nebenfiguren sind rollendeckend besetzt und verdienen ein Pauschallob, ebenso der Chor (Leitung: Bernhard Schneider) und die Singschul‘ (Leitung: Andrea Fournier).

Das Programmheft vermerkt, dass diesmal die „Brünner Fassung (1908) herausgegeben von Charles Mackerras und John Tyrell“ gespielt wurde und bringt dazu den interessanten Beitrag von John Tyrell aus der Universal-Edition-Ausgabe des Jahres 1993. Das Grazer Philharmonische Orchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Dirk Kaftan spielte im 1.Akt sehr kompakt-kräftig – anders gesagt: es war einfach zu laut und deckte die Solisten oft zu. Fast habe ich den Eindruck, dass diese Orchesterattacke auch mit dem überzogenen Inszenierungskonzept des 1.Aktes zusammenhing. Denn ab dem 2.Akt begleitete Kaftan sehr rücksichtsvoll, gleichzeitig aber immer spannungsreich und man hörte – abgesehen vom schon oben gewürdigten Violinsolo – sehr schöne Details. Musikalisch und szenisch wunderbar gelang die Schlussszene, in der sich der Vorhang fast schloss, um Jenůfa und Laca gleichsam aus der Handlung heraustreten zu lassen, sodass diese Apotheose der beiden Liebenden nicht mehr in einem realen Zusammenhang mit der Handlung steht. Als sich der Vorhang dann endgültig schloss, entstand ein kurzer Augenblick des Schweigens, bevor Bravorufe und Beifall für alle losbrachen – insgesamt ein großer Abend der Oper Graz – eine wunderbare Würdigung des 160.Geburtstags von   Leoš Janáček!Hermann Becke, 30.3.2014,

Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

Video mit Interviews und Szenenausschnitten

Zeitungsinterview mit Regisseur Konwitschny

Die nächsten Termine und die genaue Besetzung finden Sie hier

Und ein höchstpersönliches Postskriptum:

Jenůfa in der Inszenierung von Otto Schenk mit Sena Jurinac und Martha Mödl gehört zu meinen prägenden Jugend-Erlebnissen an der Wiener Staatsoper – erfreut habe ich festgestellt, dass sich die Kritik meiner damaligen Stehplatzgenossen aus dem Jahre 1964 erhalten hat…..

 

 

 

TURANDOT

Oper Graz, Premiere am 18.1.2014

Geschmackvoll-kluge Opulenz und großer Beifall! 

Marco Arturo Marelli ist gemeinsam mit seiner Frau, der Kostümbildnerin Dagmar Niefind-Marelli ein seit langem in Graz geschätzter Gastregisseur und –bühnenbildner. Hier  entstanden bisher  "Der Rosenkavalier", "Arabella", "Der Freischütz" (als Übernahme von der Wiener Volksoper) und 2010  die wunderbare " Frau ohne Schatten". Verständlich also, dass schon vor der Turandot-Premiere unter den Grazer Opern-Habitués die Vorfreude auf die neuerliche Begegnung in Gesprächen zu hören war. Diese Turandot- Inszenierung entstand in Kooperation mit der königlichen Oper Stockholm und hatte dort im  Februar 2013 Premiere. Wer wollte, konnte sich also schon durch ein Video über diese Inszenierung vorinformieren und auch die damalige Premierenkritik nachlesen. Die Grazer Einstudierung der Marelli-Inszenierung hatte Enrico de Feo übernommen, Marelli kam erst zu den Schlussproben.

Bevor noch die Musik einsetzt, öffnet sich der Vorhang – wir sehen in einem (fast möchte man sagen: Marelli-) blauen Raum die drei Hauptfiguren: links vorne steht statuenhaft-starr Turandot, rechts vorne kauert Liu und im Hintergrund ist offenbar Puccini, der später zu Calaf wird, am Klavier. Dann öffnet Puccini eine Spieldose, der „Kaiser-Hymnus“ erklingt, die Traumwelt wird durch Vorhangbahnen verhüllt und erst dann erklingt der erste Orchesterschlag. (Mit der Spieldose nimmt der Regisseur Bezug auf den Umstand, dass Puccini tatsächlich eines der Leit-Themen der Partitur durch eine chinesische Spieldose eines Freundes kennengelernt hatte. Analysen haben übrigens erwiesen, dass mindestens sechs oder sieben Turandot-Themen chinesischer Herkunft sind)

 

 

 

„Ein blauer Traumraum, das ist Einsamkeit“ – so Marelli in einem Interview. Man hat das zuletzt auch in seiner „Frau ohne Schatten“ erlebt: Durch wunderbare Lichtregie entwirft Marelli ein irreales Szenario, aus dem dann die Opernhandlung herauswächst. Diesmal entwickelt sich das Spiel auf drei Ebenen:

Im blauen Zimmer steht Puccini-Calaf im Spannungsfeld zwischen zwei Frauenidealen, davor lagert sich in Abendkleidung auf Theaterstühlen der Chor als voyeurhafte und sensationslüsterne Masse und im Vordergrund agieren die Protagonisten in prachtvoll-grellen asiatischen Kostümen samt einer virtuosen Schar von Artisten. Marelli und seiner Frau gelingt es auch in dieser Inszenierung wieder eindrucksvoll, eine zeitgemäß-kluge Interpretation des Werks in geschmackvoll-eleganter Form zu vermitteln. Da sind auch die krassesten Szenen nie derb, der ganze Abend ist opulent, aber nie vordergründig simpel oder kitschig.

„Wer wird meine Oper singen?“ fragte sich Puccini 1924. „Es gehört eine außerordentliche Frau und ein bedeutender Tenor dazu….“ 

Graz hat das Glück, diese außerordentliche Frau gefunden zuhaben.

Die aus Moskau stammende Mlada Khudoley (für Sprachinteressierte empfiehlt sich unbedingt die Erläuterung der Transkription ihres Namens!) kennt man in Graz seit ihrer hervorragenden Abigaille in Nabucco (2009) und ihrer packenden Katerina in Schostakowitschs Lady Macbeth von Mzsenk (2011). Inzwischen hat sie weltweit an vielen großen Häusern gesungen, wie auf ihrer Homepage nachzulesen ist. So wie in Stockholm Nina Stemme in dieser Marelli-Produktion ihre erste Turandot gesungen hatte, so ist dies in Graz auch für Khudoley ein Rollendebut. Und dieses Rollendebut hat sie virtuos bewältigt. Khudoley verfügt nicht nur über die nötige Kraft für die gefürchteten Spitzentöne, ihr gelingt es auch, in lyrisch-warmer Farbe schöne Legatobögen im piano und mezzoforte zu singen - und ebenso vermag sie ohne Forcieren mit ihrer hervorragend sitzenden Stimme auch die Ensembles strahlend zu dominieren. Dazu kommt, dass sie in der Rätselszene des 2.Akts eine große darstellerische Bandbreite beweist: überzeugend erlebte man hier ebenso die stolze Prinzessin wie die verzweifelte Frau, die nach und nach ihre Machtsymbole abgeben muss. Das war durch Personenführung und Kostümierung sehr schön und bildhaft in Szene gesetzt. Bei der Stockholmer Premiere schrieb man: „this was definitely Nina Stemme’s night“ – nach der Grazer Premiere kann man mit Fug und Recht sagen: es war ein großer Abend der Mlada Khudoley!

 

 

 

Als Calaf erlebt man in Graz erstmals den aus Südkorea stammenden und in Düsseldorf ausgebildeten James Lee, der bereits in seinem ersten Engagement vor zwei Jahren an der Oper in Bukarest den Calaf gesungen hatte. Im September 2013  gewann er den renommierten Wettbewerb »Competizione dell’Opera«, der immer in verschiedenen europäischen Städten ausgetragen wird und 2013 in der europäischen Kulturhauptstadt Linz stattgefunden hatte. Lee gewann dort diesen angesehenen Wettbewerb mit Nessun dorma – nachzuhören hier Aber in einem Wettbewerb zu gewinnen,  ist doch etwas anderes, als die vollständige Partie darstellerisch auf der Bühne zu gestalten und stimmlich durchzustehen. Um das oben zitierte Puccini-Wort aufzugreifen: James Lee hat zweifellos die Anlagen, ein bedeutender Tenor zu werden, aber derzeit ist er wohl noch kein ausreichender Calaf. Wirklich eindrucksvoll sind seine strahlenden und sicheren Höhen, mit denen er sich im 2.Akt neben Mlada Khudoley durchaus behaupten kann, aber noch hat er nicht die notwendige breite Mittellage für diese heldenhafteste Tenorpartie unter den Puccini-Figuren. Und auch in den lyrischen Passagen fehlt es ganz einfach noch an Volumen. Auch darstellerisch bleibt er ein wenig blass. Im 3.Akt hatte man das Gefühl, dass er seinen Reserven im 2.Akt ausgeschöpft hatte – da wirkte noch so manches unfertig und einfach eine Nummer zu klein für diese Heldenpartie. Aber wie gesagt: James Lee hat durchaus eindrucksvolle stimmliche Anlagen.

 

 

 

Typengerecht besetzt als drastische fernöstliche Commedia dell’arte- Figuren waren die drei Minister mit Ivan Orescanin, Taylan Reinhard und Martin Fournier, wobei die beiden Tenöre mit klarer Stimmführung und einigen schönen Legatophrasen dominierten. Nach einer Babypause stand erstmals wieder das beliebte Grazer Ensemblemitglied Gal James in der Rolle der Liu auf der Bühne. Im 1.Akt bei „Signore, ascolta“ fehlte noch der frühere stimmliche Glanz, das „Tu, che di gel sei cinta“ im 3.Akt gelang schon wesentlich besser. Konstantin Sfiris war ein mächtiger Timur, David McShane vor allem bei seinem zweiten Auftritt ein sonorer Mandarin und Manuel von Senden ein profilierter alter Kaiser. Chor und Extrachor (Leitung: Bernhard Schneider) boten das nötige Klangvolumen.

Die musikalische Gesamtleitung hatte der junge venezolanische Dirigent Domingo Hindoyan. Er wurde mit der Saison 2013/14 an die Staatsoper Berlin als 1. Assistent von Daniel Barenboim geholt. Seine Ausbildung erfuhr Hindoyan anfangs in Venezuela im Rahmen von »El Sistema« als Geiger, bevor er dann in Genf Dirigieren studierte. An der Oper Graz hat Domingo Hindoyan in der Spielzeit 2012/2013 die Tanzproduktion "Celebrating Sacre", die Neuinszenierung von "Hänsel und Gretel" und die Wiederaufnahme von "La traviata" geleitet. Die Turandot-Premiere dirigierte er mit großen und energischen Gesten. Er bevorzugte große pathetische Bögen und Ausbrüche – ein wenig wurde man bei diesen mächtigen Orchesterfluten daran erinnert, dass das Werk in der Zeit des aufkommenden Faschismus geschrieben wurde. Mehrmals gab es kleinere Koordinierungsprobleme zwischen Orchester, Bühne und den hinter der Bühne postierten Ensembles und es wäre vor allem schön, wenn sich in den folgenden Vorstellungen ein transparenterer und differenzierter Orchesterklang entwickeln könnte - damit auch die lyrischen Valeurs der Partitur zur Geltung kommen.

 

 

 

Zum Schluss nochmals ein Wort zu Werk und Inszenierung: Puccini musste das Ende des Stücks ungelöst lassen. Er setzte sich intensiv mit verschiedenen Varianten auseinander, die ihn aber alle unbefriedigt ließen – und so war es durchaus konsequent, dass Toscanini die Uraufführung am 25.4.1926 nur bis zu jener Stelle dirigierte, an der Puccini von der Krankheit zum Aufhören gezwungen war, nämlich nach dem Tod der Liu. Erst zwei Tage später wurde die von Franco Alfano ergänzte Version erstmals aufgeführt. Diese Fassung wurde auch in Graz aufgeführt und Marelli schreibt im Programmheft über das Ende nach dem Freitod Lius: „Betroffen wendet sich die Menge von der Prinzessin und dem fremden Prinzen ab. Im Lichte der Morgenröte stehen Turandot und Calaf einander gegenüber.“

Gesehen haben wir aber in Graz ganz einen anderen Schluss: Nicht nur Turandot und Calaf erscheinen in Hochzeitskleidung – nein, auch der gesamte Chor erscheint in Hochzeitskleidung und es wird offensichtlich eine Massenhochzeit gefeiert…. Welche neuen Rätsel wurden uns da aufgegeben ?? Wie auch immer: das Publikum im ausverkauften Haus ließ sich nicht beirren und feierte alle Ausführenden mit großem, mit einhelligem (und wenig differenziertem) Beifall. In der Nachtkritik unmittelbar nach Ende der Vorstellung konnte man lesen: „Donnernder Applaus nach Phonorgie“ – dem ist nichts hinzuzufügen!  

Hermann Becke, 19.1.2014                   Fotos: Oper Graz, Werner Kmetitsch

Weitere Vorstellungen
22.1., 30.1., 2.2. (18.00 Uhr), 6.2., 9.2. (18.00 Uhr), 1.3., 7.3., 12.3.,
21.3., 6.4. (15.00 Uhr), 27.4. (15.00 Uhr), 16.5., 18.5. (18.00 Uhr), 25.5. (18.00 Uhr) Beginn jeweils 19.30 Uhr, sofern nicht anders angegeben

 

Links:

Video : Probenausschnitte samt Interviews mit Intendantin und Dirigent

Zeitungsinterview : Regisseur und Bühnenbildner Marco Arturo Marelli

 

 

 

 

 

CAROUSEL

Premiere: 7.12.2013 (Grazer Erstaufführung)

Publikumserfolg für ein selten aufgeführtes Musical!

An diesem Samstag begann die Grazer Erstaufführung des Musicals „Carousel“ von Rodgers & Hammerstein im Opernhaus um 19h30. Aber die berühmte Schlussnummer „You’ll Never Walk Alone“ konnte man schon davor um 18h30 im Fernsehen erleben – allerdings nicht in der Grazer Oper aufgezeichnet, sondern inbrünstig gesungen, um nicht zu sagen gebrüllt von 80.645 hoffnungsvollen Fußballfans im ausverkauften „SIGNAL IDUNA Park“-Stadion von Dortmund beim Spiel Borussia Dortmund gegen Bayer 04 Leverkusen! Die Fußballfans werden wohl nicht gewusst haben, von wem dieses Stück stammt und die Premierenbesucher, werden wohl kaum einmal im Fußballstadion gewesen sein...

Heute hört man also die Carousel-Musik in vielen Fußballstadien, aber nur selten auf den Bühnen im deutschsprachigen Raum. Laut Statistik des Deutschen Bühnenvereins gehört „Carousel“ nicht zu den 20 beliebtesten Musicals. In Österreich wurde das Werk erstmals 1972 an der Wiener Volksoper gezeigt – und nun eben in Graz in einer besuchenswerten Produktion.

Vorweg daher einige Informationen zum Stück, das vielleicht unter Opernfreunden nicht allgemein bekannt ist: Ferenc Molnárs 1909 in Budapest uraufgeführte Vorstadtlegende "Liliom" wollten schon Giacomo Puccini und George Gershwin vertonen, doch der im New Yorker Exil lebende Molnar lehnte ab - erst Oscar Hammerstein und Richard Rodgers durften den Stoff 1945 als Musical herausbringen. Zwar bleibt auch im Musical das Scheitern eines Menschen an seiner eigenen Hilflosigkeit und dem ungeschriebenen Gesetz, wonach jeder für sein Glück oder Unglück selbst verantwortlich ist, auch weiterhin zentrales Thema, doch die krasse Direktheit der Vorlage wird abgemildert: Der leichtlebige Hutschenschleuderer Billy Bigelow liebt die Arbeiterin Julie Jordan und verliert deswegen seine Anstellung. Dennoch ist Billy glücklich, da Julie ein Kind erwartet. Er lässt sich zu einem Raubüberfall überreden, der allerdings misslingt. Um sich der Verhaftung zu entziehen, begeht Billy Selbstmord. Im Hinterhof des Himmels, wo er seine Sünden abbüßen muss, erhält er die Erlaubnis, nach 15 Jahren für einen Tag auf die Erde zurückzukehren, um für seine Tochter Louise eine gute Tat zu vollbringen. Als Geschenk bringt er ihr einen gestohlenen Stern mit. Ohne dass Louise ihn sehen kann, darf Billy der Schulabschlussfeier seiner Tochter beiwohnen. Für ihren Lebensweg rät er ihr, nicht zu verzagen und aufrecht in die Zukunft zu blicken.

„Carousel“ enthält nur sehr wenige und knappe Dialoge, die zudem nahezu alle musikalisch untermalt sind, so dass der Eindruck eines durchkomponierten Werks entsteht. Rodgers schreibt seine Songs arienhaft, eher angelehnt am Genre Oper als an der Operette. In Graz hat man sich für die deutsche Fassung mit englisch gesungenen Liedern entschieden. Für die szenische Umsetzung hat man auf ein erfahrenes Team gesetzt, das auch schon in Graz erfolgreich war – zuletzt in „Gigi“ im März 2012: Matthias Davids (Inszenierung), Mathias Fischer-Dieskau (Bühne & Video) und Judith Peter (Kostüme); neu kamen Melissa King (Choreographie) und Guido Petzold (Licht) dazu.

Der Regisseur schreibt im Programmheft: „Das Karussell ist ein Ort, an dem sich Träume und Wünsche erfüllen, ein bunter Ort. Alle anderen Schauplätze befinden sich quasi ‚hinter den Kulissen‘. Die wahre Welt ist hässlicher als die Scheinwelt, sie wird von Brettern zusammengehalten und ist grauer und freudloser.“ (Das Programmheft ist von Dramaturg Bernd Krispin sehr informativ zusammengestellt – durch den von ihm übersetzten Auszug aus der Autobiographie von Richard Rodgers erhält man einen sehr schönen Einblick in die Entstehungsgeschichte des Werks).

Das Werk ist übrigens natürlich auch aus der damaligen politischen Situation zu sehen: Die Uraufführung am 19.April 1945 fand kurz vor dem Ende des 2.Weltkriegs statt, auch noch vor dem Atombombenabwurf über Hiroshima und Nagasaki. Das Lied „You’ll Never Walk Alone“ hatte für viele, die um Angehörige bangten, die an der Front des 2.Weltkriegs  kämpften, eine emotionale Wirkung. Diese wurde durch den Text noch verstärkt, weil eine schwangere Frau ermutigt wird, den Tod ihres Mannes zu überwinden. Am 1. Mai 1945 stand Frank Sinatra im Studiound nahm die erste Single-Version des Liedes auf. Das alles muss man mitbedenken. Für uns Europäer ist die Anreicherung des Liliom-Stoffs mit Ballettszenen und erst recht mit dem Schulfest am Ende des Stücks eben Ausdruck des „American Way of Life“ der Entstehungszeit und des Bemühens trotz aller Probleme eine „heile Welt“ zu zeigen. Ich teile nicht die Auffassung eines Besuchers, der mir nach der Premiere sagte, „das Stück sagt uns heute nichts mehr und die Musik ist belanglos“. Was sagt dem heutigen Opernbesucher z.B. die Geschichte von Madame Butterfly?? Wie immer bei musikdramatischen Werken geht es primär um die Frage: Wie wird das Werk heute auf die Bühne gebracht und können die Protagonisten uns anrühren? Und da ist der Grazer Produktion zu einer wohlgelungenen Gesamtleistung zu gratulieren. 

Das Inszenierungsteam hat sehr geschickt die Mittel der modernen Bühnentechnik eingesetzt: die Drehbühne, sparsame Dekorationen, stimmungsvolle Projektionen sorgen für den gerade bei einem Musical unverzichtbaren raschen Szenenwechsel, die Choreographie setzt mit der Grazer Tanzkompanie wirkungsvoll die Originaltänze der Uraufführung um und bindet das bunt gemischte Solistenteam sehr geschickt in die Bewegungsabläufe ein. Macher mag es vielleicht als Nachteil empfunden haben, dass da kein vereinheitlichter, geradezu „synchronisierter“ Musical-Stil zu erleben war. Aber die Mischung von Opern-, Operetten-, Schauspiel- und Ballettkräften mit echten Musical-Spezialisten war erfrischend und erlaubte eine individuelle Zeichnung der einzelnen Charaktere.

Aus der Opernwelt kommt der englische Heldenbariton James Rutherford – in Graz und inzwischen auch international als Hans Sachs, Orest, Falstaff, Barak hoch geschätzt. Er war kaum wiederzuerkennen: der gewichtige Held hatte 30 kg abgenommen und war nun ein geradezu schlanker und sympathischer junger Mann, dem man eher seine emotionale Unbeholfenheit als seine latente Gewalttätigkeit abnahm. Er bewältigte die deutschen Dialoge ausgezeichnet und war stimmlich prächtig disponiert, wobei er den Musicalton wunderbar traf. Da war nichts zu dick gesungen, die großen Bögen wurden ideal gespannt und auch mit schlank-strahlenden Höhen wurde nicht gegeizt. Rutherford schließt mit dieser Partie an eine Tradition großer Vorgänger an, die neben der Oper auch im Musical-Fach überzeugten – man denke an Ezio Pinza, Cesare Siepi oder George London, der auch Carousel gesungen hat - nachzuhören auf http://www.jpc.de/jpcng/classic/detail/-/art/George-London-Triumph-and-Tragedy/hnum/3299800

Ich bin überzeugt, dass sich seine Auseinandersetzung mit dieser Musical-Partie positiv auf seine klassischen Opern-Partien auswirken wird – und da kommt als nächstes ab April der Mandryka in Amsterdam und in Hamburg. Seine Julie war Sieglinde Feldhofer, die trotz ihrer Jugend schon reichliche Bühnenerfahrung erwerben konnte und die sich stimmlich sehr geschickt und überaus erfolgreich im Grenzbereich zwischen Oper, Operette und Musical bewegt – nicht umsonst hat sie in diesem Jahr den „Goldenen Schikaneder“ als beste Nachwuchskünstlerin verliehen bekommen. Feldhofer hat auch in dieser Rolle bewiesen, dass man mit ungekünstelter Natürlichkeit in Stimme und Spiel das Publikum anrühren kann. Bei ihr gibt es kein kitschiges Sentiment, sondern ehrliche und der Rolle adäquate Ausstrahlung.

Ihre Freundin Carrie gestaltet die in großen Opernrollen bewährte Mezzosopranistin Dshamilja Kaiser – hier erstmals in einer großen Musical-Rolle. Sie gestaltet diese Figur überzeugend-köstlich als überspanntes bürgerliches Wesen des amerikanischen Mittelstands und stattet die Partie mit üppigen Stimmfarben aus. Für sie gilt das zu Rutherford Gesagte: die Auseinandersetzung mit dem Musical wird ihre demnächst an der Wiener Volksoper bevorstehende Carmen und die in Graz geplante Léonore in Donizettis „La Favorite“ bereichern.

Ganz aus dem Musical-fach kommt die wunderbare Dagmar Hellberg als Nettie Fowler. Sie versteht es ideal eine lebensvoll-pralle Figur mit dem nötigen Ernst zu verbinden und singt mit ihrer Musical-erprobten Stimme so ganz anders als Rutherford und Kaiser, ohne dass dies die Geschlossenheit des Ganzen beeinträchtigt. Den Bösen im Stück – Jigger Craigin – gestaltet der Schauspieler Christian Dolezal virtuos. Sowohl in seiner Körpersprache als auch in seiner Artikulation ist geradezu bedrückend das Böse. Den biederen Enoch Snow stattet Martin Founier mit schönen Tenortönen und prägnantem Spiel aus. Die erprobten „Veteranen“ der Grazer Musiktheaterszene Uschi Plautz als Mrs .Mullin und Götz Zemann (Starkeeper/Doktor) sind eine verlässliche Ergänzung des Ensembles.

Zu all diesen prägnanten Bühnenpersönlichkeiten kommt noch eine junge Gruppe von engagierten und bewegungsfreudigen Musicalspezialisten –gleich vier von ihnen aus dem Wiener Performing Center Austria ( http://www.performingcenter.at/performing-artists-im-karussell-des-lebens ) – an deren Spitze beeindruckend vor allem , wie Astrid Gollob die heikle Rolle der 15-jährigen Tochter Louise in Tanz und Ausdruck bewältigt. Und eines darf keinesfalls vergessen werden:

Unter der Leitung von Marius Burkert spielt das Grazer Philharmonische Orchester schwungvoll und mit stets ausgewogenem Klang. Burkert versteht es großartig, den Übergang zwischen Dialogbegleitung und den einzelnen Musiknummern bruchlos zu gestalten und die Sänger immer aufmerksam-rücksichtvoll zu begleiten, ohne dabei an Orchesterprofil einzubüßen. Am Ende gab es im diesmal nicht ganz ausverkauften Haus uneingeschränkten Beifall für alle - mit einem deutlich höheren Pegel und Bravorufen für Rutherford, Feldhofer und Dolezal. Der Grazer Oper ist zu gratulieren, sich dieses im deutschen Sprachraum bisher selten aufgeführten Werkes angenommen zu haben. Vielleicht leitet die Grazer Produktion einen Umschwung ein?! 

Hermann Becke, 8.12.2013                               Fotos: Oper Graz, © Dimo Dimov

 

PS für Fußball-Interessierte:

Borussia-Dortmund hat übrigens das eingangs erwähnte Spiel am Premierenabend mit 0:1 verloren. Auf der Homepage ist zu lesen „Wir haben verdient verloren“ – umso berechtigter ist es wohl, wenn die Fans der Borussen beim nächsten Spiel am 11.12. in Marseille wieder singen werden „You’ll Never Walk Alone“!

Links:

Sieglinde Feldhofer: http://sieglindefeldhofer.com/

Nächste Aufführungstermine in Graz:

http://www.oper-graz.com/vorstellung.php?id=17635&cat=&type=

Ausschnitte der Premiere werden am 15.12.2013 ab 20h04 auf Radio Steiermark gesendet:

http://steiermark.orf.at/radio/stories/2618807/

Unbedingt anhören: die Dortmunder Fußballfans mit „You’ll Never Walk Alone“ (leider keine Aufzeichnung vom 7.12.2013, aber dennoch signifikant und für alle interessant, die sich nie in ein Fußballstadion begeben): //youtube.com/watch?v=jT-p71C-0ho

 

 

 

 

 

Karlheinz Stockhausen für Kinder

DER KLEINE HARLEKIN

Vorstellung auf der Studiobühne der Oper Graz  am 01.12.2013                                   Premiere in Wien: 22.11.2013 (Wiener Taschenoper)

Ambitionierter Versuch

Die Wiener Taschenoper  (http://taschenoper.at/de) produziert vornehmlich zeitgenössische Oper in Koproduktion mit Partnern im In- und Ausland. Sie vergibt regelmäßig Kompositionsaufträge und richtet ihr Augenmerk auf die Klassiker der Avantgarde (Stockhausen, Cage, Xenakis u.a.). Sie experimentiert im Grenzbereich zwischen Musiktheater, Multimedia-Performance und zeitgenössischem Tanz. Seit 2006 engagiert sie sich außerdem im Bereich Kinderoper  - und so steht die aktuelle Produktion unter dem Motto „Karlheinz Stockhausen für kleine und große Kinder ab 8 Jahren“. Es ist dies eine Koproduktion mit der Bayerischen Staatsoper, dem Natalia-Sats-Theater Moskau und der Oper Graz, die nach der Premiere in Wien nun die Produktion auf ihrer Studiobühne zeigt und damit ein modernes Werk in die Reihe der Familien- und Schülerkonzerte einbaut.  

Die Produktion hat Teile aus fünf verschiedenen Stockhausen-Werken zusammengefügt: „Eine junge, sprudelnde Klarinettistin spielt auf zum Tanz. Doch dann betreten drei Burschen die Szene, und es kommt zum Streit. Es ist die Geschichte eines jungen Mädchens, das sich immer mehr seiner selbst bewusst wird, hin-und hergerissen zwischen Gut und Böse zu EVA heranwächst und an der Seite MICHAELs in eine neue Welt entschwebt.“  - das schreibt der Programmfolder.

Einer der Mitbegründer von „La Fura dels Baus“ – Carlus Padrissa - inszenierte erstmals für Kinder. Allerdings hatte er sich gemeinsam mit dem Bühnenbildner Roland Olbeter, dem Videokünstler Franc Aleu und dem Kostümbildner Chu Uroz in diesem Sommer schon intensiv mit Stockhausen auseinander gesetzt - nämlich bei der nordamerikanischen Erstaufführung von Stockhausens „Michaels Reise um die Erde“ im Lincoln Festival Center . Und wenn man das im Netz verfügbare Video anschaut ( //youtube.com/watch?v=COgRQ7oj0M0 ), dann weiß man, dass die Elemente dieser Aufführung  nun für diese Produktion genutzt wurden.

Die Aufführung an einem Sonntagnachmittag war recht gut besucht  mit etwa je zur  Hälfte von Kindern und Erwachsenen  - und es war interessant zu beobachten, wie die Kinder reagieren, zumal es zwei völlig unterschiedlich geartete Teile gab. Der erste Teil beschränkte sich musikalisch auf die Klarinette und die Bratsche und die stumm agierenden Figuren des weißen Michael und des roten Luzifer.  

Die wenigen bühnentechnischen Mittel – eine großes Strohpuppe, Feuer, Nebel – lenkten nicht ab, sondern sorgten für Spannung. Die Kinder waren aufmerksam und konzentriert. Man hatte den Eindruck, siehe lauschen wirklich den Tönen nach und folgen geradezu gebannt den Bewegungen der Akteure. Nach der Pause ein ganz anders Bild: vor der Bühne ein Gazevorhang, auf den faszinierende Videos projiziert werden- mit einer Raumschifflandung, Sternenhimmel, Fischen, Vögeln, sich öffnenden Blüten, ja die ganze Weltkugel wird sichtbar. Die agierenden Figuren bleiben mitsamt dem mechanistischen Drachen hinter diesem Vorhang im wahrsten Sinne des Wortes im Hintergrund.  

Die Instrumente Trompete (Michael) und Bassetthorn (Eva) gehen durch die vielfältigen optischen Reize und die elektronische Musik fast unter. Und plötzlich sind auch die Kinder, die noch im ersten Teil so aufmerksam waren, unruhig. Wieder ein Beweis für mich , dass Kinder sehr wohl auch ungewohnten Klängen und Aktionen aufmerksam folgen, solange der agierende Mensch im Vordergrund steht und nicht ein Übermaß an elektronischen (akustischen und optischen) Eindrücken ablenkt – wohl ein klarer Auftrag an alle Bühnenverantwortlichen!

Für den an Stockhausen Interessierten war klar, dass es nicht Ziel dieser Produktion für Kinder sein konnte, den okkulten Hintergrund herauszuarbeiten, der Stockhausen so stark bewegte. Aber selbst die ganz einfache Botschaft, dass das Gute über das Böse siegt, konnte durch die überbordenen optischen und akustischen Reize meiner Meinung nach nicht schlüssig vermittelt werden. Schade, dass damit im zweiten Teil die hervorragenden Leistungen der agierenden Instrumentalisten zu sehr in den Hintergrund gedrängt wurden. Das junge Team war nämlich großartig – sie alle sollen ausdrücklich gewürdigt und für weitere Aufgaben empfohlen werden:

Merve Kazokoglu (Klarinette/Bassetthorn/Tanz):

http://www.internationale-em-akademie.de/de/iema/masterstudiengang/stipendiaten/2007-08/11509

Simon Schellnegger (Bratsche): http://oe1.orf.at/artikel/275465

Paul Hübner (Trompete) und Stephen Menotti (Posaune), die beide gerade Preisträger beim Karlsruher Wettbewerb für die Interpretation zeitgenössischer Musik  geworden sind:

http://www.hit-karlsruhe.de/hfm-ka/hfm/akutell/2013/131029_pm_ZeitGenussWettbewerbePreistraeger.pdf

Insgesamt war es eine interessante Aufführung, die sicher dazu beiträgt, dass die Jugend für zeitgenössisches Musiktheater interessiert werden kann. Die Oper Graz hat dies offenbar erkannt und eine ganze Reihe von Vormittagsterminen für Schulen angesetzt. Soferne die Schulkinder entsprechend vorbereitet werden, werden sie spannende eineinhalb Stunden erleben. Für unsere bayrischen Leserinnen und Leser hier schon die Vorschau auf die Münchner Termine im nächsten Frühjahr: 28.03.-30.03. und 03.04.-05.04.2014  -  Der Besuch lohnt!

Hermann Becke,  05.12.2013

Fotos: Taschenoper Wien, © Robert Polster und Dimo Dimov

 

Links:

Hier ein sehr informatives Video über die Grazer Aufführung:

http://www.kleinezeitung.at/allgemein/video/multimedia.do?action=showEntry_VideoDetail&project=462&id=367967

und hier video clips mit der Klarinettistin der Uraufführung und Stockhausen selbst:

http://www.stockhausen.org/Harlekin_Clip.mov

Die komplette Werkausgabe von Stockhausen auf CD:

http://www.stockhausencds.com/

 

 

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Premiere am 9. 11.2013

Sarastro als blinder Dandy im cremefarbenen Dreiteiler, die beiden Geharnischten als Teilzeitkomiker, Papageno als Dosenravioli essender Aussteiger, der in einem Flugzeugwrack wohnt und seine Vögel in Plastiktüten sammelt – an der "Zauberflöte" hat sich schon mancher verhoben. Zu fragil ist bei Mozarts Oper die Mischung aus Märchen und Mysterium, aus Leichtigkeit und Schwere, Einfachheit und Vielschichtigkeit. Jetzt hat sich die französische Regisseurin Mariame Clément an der Straßburger Opéra national du Rhin der nach wie vor meistgespielten Oper angenommen. Und sie buchstäblich in den Sand gesetzt. Den gesamten ersten Akt lässt die Regisseurin in einer offenen Landschaft spielen: zwischen Sand und Steinen, Schilf und Sträuchern (Bühne und Kostüme: Julia Hansen), halb Wildnis, halb Idylle. Hier trifft Tamino auf eine künstliche, begrenzt gefährliche Schlange und auf einen echten Hund. Hier hält aber auch Monostatos Pamina gefangen. Zu "Das klinget so herrlich, das klinget so schön" treten ein paar Müllmänner mit orangefarbenen Bademützen auf und genauso schnell wieder ab. Sarastro wandert mit Blindenstock ebenfalls gerne durch diesen Hain. Und seine Gefolgsleute untersuchen mit ihren Lupen ein paar Gräser.‘

Das schreibt die Badische Zeitung im Dezember 2012 über die Premiere jener Inszenierung, die nun erstmals in Graz – natürlich in eigener Sängerbesetzung - gezeigt wird, und die dann auch noch weiter an die Opéra de Nice Côte d'Azur weiterwandern wird. Dank der informativen Website ‚The Opera Critic‘ (The world's leading gateway and information resource for opera on the Internet) können alle sieben Kritiken, die recht einhellig sind, nachgelesen werden. Der interessierte Opernfreund kommt also vorinformiert in die Grazer Premiere, gleichzeitig aber mit dem Vorsatz, möglichst unbefangen und ohne Vorurteil die Grazer Aufführung zu erleben. Derzeit gibt es ja  in Österreich geradezu einen Boom an Neuinszenierungen der Zauberflöte: das begann im neuen Linzer Musiktheater im September, nun folgen Graz und die Wiener Staatsoper (17.11.) und im Juli wird die Zauberflöte bei den Bregenzer Festspielen in der Produktion von David Pountney wieder aufgenommen - bereits jetzt vom Publikum gestürmt, sodass Bregenz schon zwei Zusatzvorstellungen ansetzen musste.

Auch die Grazer Premiere fand vor vollem Hause statt. Und wie bei der Saisoneröffnung mit Lohengrin war auch bei der zweiten Opernpremiere eine ganz kurzfristige Umbesetzung zu bewältigen. Am Tag vor der Premiere musste das Pressebüro melden: „Aufregung kurz vor der Premiere der „Zauberflöte“ an der Oper Graz: Johee Keum, die koreanische Sopranistin, die morgen, 9.11., mit der Partie der Königin der Nacht an der Oper Graz debütieren sollte, ist gestern Abend an einem plötzlich auftretenden Infekt erkrankt. Ihr Debut muss sie nun auf einen späteren Zeitpunkt verschieben. Glücklicherweise konnte kurzfristig hochkarätiger Ersatz gefunden werden, so dass die Premiere nicht länger gefährdet ist. Die junge Sopranistin Hila Fahima wird einspringen. Seit dieser Saison gehört sie dem Solistenensemble der Wiener Staatsoper an, davor war die Preisträgerin des „Europäischen Gesangswettbewerbs DEBUT 2010“ an der Deutschen Oper Berlin engagiert. Ihre Ausbildung erhielt Hila Fahima an der Jerusalem Rubin Academy for Music.“

Nicht zuletzt diese Umbesetzung ist Anlass, sich in diesem Bericht zuerst mit den musikalischen Leistungen auseinanderzusetzen – umso mehr als man über die Inszenierung durch die oben erwähnten Berichte und die Szenenfotos ohnedies vorbereitet war.

Beginnen wir also mit der 26-jährigen israelischen Sopranistin Hila Fahima, die innerhalb eines Tages eingesprungen ist und damit die Premiere gerettet hat. Die Königin der Nacht hatte sie bereits im Vorjahr an der Deutschen Oper in Berlin gesungen. Mit  attraktiv-jugendlicher Erscheinung und zarter, sauber geführter Stimme war sie bei der ersten Arie noch recht vorsichtig, die Rachearie im 2.Aufzug gelang dann sehr schön mit kalt-blitzenden Koloraturen. Insgesamt gewann man an diesem Abend den Eindruck, dass ihr derzeit noch die dramatische Attacke ein wenig fehlt und dass sie in jenen Rollen sehr gut eingesetzt sein wird, die sie an der Wiener Staatsoper singt (Frasquita und demnächst den Maskenball-Oscar).  Ausgezeichnet besetzt waren die drei Damen, so wie es diese Partien verlangen mit Sängerinnen des ersten Fachs – und dies sind Margareta Klobučar und Dshamilja Kaiser wahrlich, solid ergänzt mit der jungen Xiaoyi Xu, deren schöntimbriertes Material sich zunehmend profiliert.

Yosep Kang debütiert mit dem Tamino in Graz. Der koreanische Tenor hat schon eine ansehnliche Karriere an deutschen Bühnen hinter sich und ist nun Mitglied der Deutschen Oper Berlin, wo er im Oktober auch den Tamino sang. Er zählte an diesem Premierenabend zu den großen Pluspunkten. Mit klarer Artikulation und einem hellen, in allen Lagen ausgeglichenen Tenor, aber auch mit glaubhaftem Spiel war er ein sehr guter Tamino, der am Ende verdient großen Beifall erntete. (Die Grazer Spielpläne ab 2014/15 sind noch nicht bekanntgegeben, aber aus Kangs Website kann man übrigens entnehmen, dass Graz offenbar in absehbarer Zeit einen Guillaume Tell mit ihm zu erhoffen hat).

Der zweite große Pluspunkt des Abends war der Papageno des 29-jährigen Südtirolers Andrè Schuen. In ungekünstelter Natürlichkeit spielte er die von der Regie geforderte Aussteigerfigur. Dazu sang er mit charaktervoll-warmer Stimme und stets vorbildlicher Wortdeutlichkeit. Er hatte am Ende eindeutig den größten Publikumsbeifall. Welch Verlust, dass er im nächsten Jahr nicht mehr dem Hausensemble angehören wird! Aber eigentlich war dies ja von seinen ersten Auftritten im Jahre 2010 an klar (und ist in den Opernfreund-Berichten nachzulesen): dieser junge Mann wird nicht lange in Graz zu halten sein. Man kann gespannt sein, wie er sich im nächsten Jahr in Harnoncourts da Ponte-Zyklus im Theater an der Wien als Figaro, Guglielmo und Don Giovanni bewähren wird. Zwei Routiniers des Grazer Stammensembles sorgten dafür, dass in der etwas nervös-angespannte Premieren-Atmosphäre etwas Ruhe und Würde aufkommen konnten. David McShane sang wie in der letzten, schon 10 Jahre zurückliegenden Zauberflöten-Produktion mit breit ausladender Stimme den Sprecher sehr schön Wilfried Zelinka schien bei seinem ersten Auftritt am Ende des 1.Aufzugs noch etwas zurückhaltend (vielleicht auch von der Regie beeinträchtigt, ja gehetzt), gestaltete aber dann seine beiden Arien mit breiter Kantilene und hier auch mit dem nötigen Gewicht in der Tiefe.

 

 

Die persische Sopranistin Nazanin Ezazi begann in der Saison 2011/12 im Grazer Opernstudio und erarbeitete sich nun mit der Pamina nach Adina und Nanetta die erste große Rolle im lyrischen Fach. Leider musste man an diesem Abend registrieren, dass diese Rolle von ihr (noch) nicht erfüllt werden kann – zu unruhig, ja unsicher ist ihre Stimmführung. Einige wenige schöne Spitzentöne können nicht darüber hinwegtäuschen, dass der große lyrische Bogen fehlt. Manche rhythmische und intonatorische Ungenauigkeit wird wohl auch auf die Premierennervosität zurückzuführen gewesen sein. Schade, dass durch diese Besetzung dem sonst so guten und ausgewogenen Vokalensemble das Zentrum fehlte. Positives ist hingegen über ein weiteres junges Ensemblemitglied zu berichten: Mit der Papagena hat Tatjana Miyus nach der Musetta eine weitere Fachrolle dazugewonnen, die sie erwartungsgemäß mit lebhaftem Charme erfüllte und die sie gesanglich blitzsauber gestaltete. Manuel van Senden war ein prägnanter Monostatos – Taylan Reinhard und Konstantin Sfiris bewährten sich als Priester und Geharnischte stimmlich, aber auch schauspielerisch. Sehr Erfreuliches ist auch über die drei Knaben (2 Mädchen, 1 Bub) zu vermelden, die aus der Singschul‘ der Grazer Oper kommen und die ihren Part mit Frische bewältigten. Chor und Extrachor (Leitung: Bernhard Schneider) singen klangschön und recht präzise – schade, dass die Regie den Chor gerade in der entscheidenden Finalszene von der Bühne in die beiden Proszeniumslogen verbannte. Das ist nicht nur nicht dem Stück gemäß (dazu komme ich noch später), sondern es beeinträchtigt auch das akustische Gesamtbild.

 

In einem gewichtigen Punkt der musikalischen Umsetzung habe ich ernsthafte Einwände: Der neue Grazer Opernchef Dirk Kaftan wählt vom Vorspiel an durchwegs sehr zügige Tempi, jedes Adagio wird gleichsam zum Andante und das Allegro zum Presto – fast hat man den Eindruck, das Tempo der Regie und des Orchesters feuern sich gegenseitig an. Diese zügigen Tempi haben den Vorteil, dass ein durchaus vorwärtsdrängender Zug zwischen den einzelnen musikalischen Nummern und damit kein Spannungsabfall eintreten, aber gleichzeitig den Nachteil, dass musikalische Ruhepunkte erschwert werden. Die Sängerroutiniers McShane und Zelinka schienen sich da in der Sprecherszene und in den beiden Sarastroszenen (mit Mühe) gegen den vorwärtsstürmenden Dirigenten durchgesetzt zu haben, Pamina und Papageno gelang das aber z.B.im Andantino des Duetts „Bei Männern, welche Liebe fühlen“ nicht. Das Duett ist ein Wunder an Schlichtheit und Innigkeit, das ja den Handlungsablauf, in dem höchste Eile geboten ist, auf scheinbar geradezu unverständliche Weise unterbricht. In Kaftans Interpretation siegt die vorwärtsdrängende Handlung über schlichte Einfachheit (im erwähnten Duett vermisste man übrigens besonders schmerzhaft die lyrische Ruhe und Ausgewogenheit der Sopranstimme). Jan Assmann schreibt in seinem

Buch „Die Zauberflöte – Oper und Mysterium“  – allen dringend zu empfehlen -  sehr klug über die verschiedenen Idiome, die Mozart in der Zauberflöte verwendet hat. Das „Urwienerische“, das da auch vorkommt - etwa in den Walzeranklängen im ersten Terzett der drei Damen oder in Papagenos Abschied von der Welt - , das hörte man an diesem Abend nicht. Die stürmischen Tempi führten auch zu manchen Differenzen zwischen Bühne und Orchester, wie überhaupt über dem ganzen Abend eine gewisse Unruhe lag, die sich wahrscheinlich bei den späteren Aufführungen legen wird. Sehr schön und plastisch-durchsichtig gelang Kaftan die Feuer-und Wasserprobe.

 

Und zum Schluss komme ich zur szenischen Umsetzung: Eigentlich kann und muss ich mich den eingangs zitierten negativen Berichten über die Straßburger Premiere nur anschließen, will aber versuchen, auch einige positive Ansätze herauszuarbeiten. Die Regisseurin und ihre Ausstatterin haben die beiden Welten Natur und Vernunft in den beiden Aufzügen klar einander gegenübergestellt und damit auch für rasche Szenenübergänge gesorgt. Es gibt auch einige durchaus nette und bühnenwirksame Einfälle, wie die koreanisch/deutsche Sprachverwirrung zwischen Tamino und Papageno, die englisch/griechische Simultanübersetzung von Sarastros Rede an seine Eingeweihten oder die Rutschbahn in das Labor, aber es gibt vor allem gravierende Einwände:

Dass der den zweiten Aufzug einleitende Priestermarsch für das Auftreten eines Trupps von Putzfrauen missbraucht wird, ist sinnlos und gegen die Musik gerichtet. Die Regisseurin betont zwar im Programmheft ihr Anliegen der Übereinstimmung von Musik und Text und beachtet dann so gar nicht das, was Bruno Walter so wunderbar in seinem auch heute noch gültigen Buch „Von der Musik und vom Musizieren“ zu den Problemen der Opernregie geschrieben hat: „Nun sind manche Regisseure, die den Begriff der notwendigen Harmonie zwischen Musik und Szene missverstehen, um eine auffällige Synchronisation bemüht….., indem sie seelisch gemeinte Musik als illustrativ behandeln“. Dazu ein konkretes Beispiel: Bei den Worten „durch unsres Armes Tapferkeit“ müssen die drei Damen im ersten Terzett martialisch-skurril ihre Arme bewegen… Die Feuer- und Wasserprobe beschränkt sich darauf, das Tamino und Pamina Videos mit Feuer- und Wasserkatastrophen betrachten… Ganz ungelöst ist meiner Überzeugung nach auch der Schluss. Da verharren Sarastro und Königin in einer endlosen Kussszene auf der leeren Bühne –  weder Tamino und Pamina, noch das Volk haben am Sieg der Wahrheit und Weisheit Anteil…

Der Unmut des Publikums beim Erscheinen des Regieteams war unüberhörbar und verständlich, der Beifall für das musikalische Team groß, aber deutlich abgestuft. Verdient erhielten Tamino und vor allem Papageno den größten Applaus.

Aber wie auch immer: Es wird die Aufführung zu einem späteren Zeitpunkt nochmals zu besuchen sein, wenn sich die Premierenanspannung gelegt hat – die musikalische Qualität der Grazer Produktion und vor allem Mozart werden es lohnen!

Hermann Becke, 10.11.2013                        Szenenfotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Links:

Interview mit Andrè Schuen

seine Homepage

Die eingesprungene Königin der Nacht Hila Fahima in einer Aufnahme des Jahres 2012 aus der Deutschen Oper Berlin

Trailer

 

 

 

 

 

 

IM WEISSEN RÖSSL

Premiere am 19.10.2013

Wohlgelungen und heiter

Die Oper Graz kündigte diese Premiere mit folgenden Worten an: „Josef Ernst Köpplinger ist der Oper Graz seit vielen Jahren verbunden. Wenn sein Name auf dem Besetzungszettel steht, kann man davon ausgehen, einen vergnüglichen Theaterabend zu erleben.“ Diese Versprechen wurde eingelöst - schon bei Betreten des Opernhauses wird man geradezu in heiter-unverkrampfte Volksfeststimmung eingefangen.

Im Foyer spielt die Blasmusik, Trachtenpaare (des Balletts) mischen sich unter die eintreffenden Premierengäste und tanzen einen Bandltanz, der Kinderchor singt und zuletzt tritt die köstliche Uschi Plautz als Reiseleiterin mit Megaphon auf die zentrale Treppe des Foyers und lädt (deutsch und in „Schwarzenegger“- Englisch) das Publikum zu einer Reise in das Salzkammergut ein. Im Zuschauerraum erklingt aus der rechten Proszeniumsloge Volksmusik (delikat von einem Trio Geige, Zither und Gitarre gespielt) und auf einem Laufsteg zwischen Orchestergraben und Parkett taucht wieder die Reiseleiterin mit Anweisungen für das Publikum auf. Dann beginnt schwungvoll das Philharmonische Orchester Graz unter Florian Erdl und der Vorhang geht auf. Man blickt auf eine grotesk-drastische Berg- und-See-Szenerie (Bühne & Kostüme: Rainer Sinell), in der die Münchner Assistentin von Köpplinger (Ulrike Aberle) gemeinsam mit dem Choreographen Karl Alfred Schreiner die ursprünglich für die Saisoneröffnung 2012/13 im Münchner Gärtnerplatztheater geschaffene Produktion äußerst schwungvoll mit dem Grazer Ensemble neu einstudiert hat. Es wird ein heiterer Abend mit einer Vielzahl von szenischen Einfällen und was gar nicht so selbstverständlich ist: ohne jegliche Peinlichkeit!

Das Stück war bei seiner Uraufführung im Jahre 1930 in Berlin ein Riesenerfolg, der binnen kurzer Zeit die ganze Welt eroberte. Die Berliner Morgenpost schrieb über die Uraufführung: „Dieses .... zum Singspiel umgewandelte und dem heutigen Zeitgeschmack angepasste Weiße Rössl ist ein Rausch von Farben, ein Wirbel dekorativer und choreographischer Einfälle….das ländlernde (und nur spärlich walzernde) ‚Älplerkolorit‘ wird konsequent von Foxtrott und Tango aufgemischt.“  Genau das ist in dieser Köpplinger-Inszenierung mit den heutigen Mitteln des Theaters und mit einem gewissen Augenzwinkern gelungen. Und das konnte auch in musikalischer Hinsicht umgesetzt werden, da 2008 das in Kriegswirren verloren geglaubte Originalorchestermaterial in Zagreb wiederentdeckt und so das Stück wieder in seiner Urfassung aufführbar gemacht wurde. Diese Urfassung wurde 2009 von der Staatsoperette Dresden erstmals wieder aufgeführt - und wenn man die damaligen Bilder anschaut, dann sieht man deutlich, dass sich Köpplinger und sein Team nicht nur musikalisch an dieser Aufführung für die Münchner/Grazer Produktion orientiert haben – siehe:

http://www.staatsoperette-dresden.de/spielplan/repertoire/stueckansicht/stueck/im-weissen-roessl/

In Graz ist übrigens der fließende und bruchlose musikalische Übergang zwischen Volksmusik, Jazz, Operette und Revue sehr gut gelungen. Die Volksmusikgruppe saß in der rechten Proszeniumsloge, die Jazzcombo in der linken Proszeniumsloge. Beide waren durch Florian Erdl ausgezeichnet mit dem animiert im Graben musizierenden Orchester koordiniert.

Die Besetzung entsprach in weiten Teilen der Münchner Besetzung des Jahres 2012, die in einigen wesentlichen Punkten nun durch bewährte Grazer Ensemblemitglieder ersetzt wurde. Graz kann sich glücklich schätzen, da wirklich einige außerordentliche Persönlichkeiten auf die Bühne bringen zu können. Da war einmal die bereits erwähnte Reiseleiterin von Uschi Plautz, die außerdem noch in vier weiteren Rollen brillierte. Ungeheuer verwandlungsfähig und bühnenerfahren wie sie ist, war sie auch eine köstliche Braut, eine altjüngferliche Anführerin des Jungfrauenkomitees für den Kaiser, eine skurrile englische Touristin und die „Dicke Frau in Rosa“. Ebenso erfahren und routiniert ist Götz Zemann, den man in Graz schon in geradezu zahllosen Operetten- und Musicalrollen erlebt hat – immer ein lebhaft-aktiver Darsteller – umso überraschender, mit welch souveräner und überzeugender Ruhe er den Kaiser Franz-Joseph gütig und überzeugend vermittelte.

Und zu diesen beiden Routiniers kam noch die junge Sieglinde Feldhofer, die eine reizend-resolute Ottilie verkörperte – für sie wieder eine Rolle, in der sie nachweisen konnte, dass sie im vergangenen Jahr zurecht den Österreichischen Musiktheaterpreis "Goldenen Schikaneder" als beste Nachwuchskünstlerin gewonnen hat.

Neu war auch Christoph Wagner-Trenkwitz - der Chefdramaturg der Wiener Volksoper ist als Bühnen-, Radio- und TV-Moderator ungeheuer aktiv und tritt auch immer wieder selbst auf die Bühne. Er war in seiner hektischen Schusseligkeit ein überzeugender „schöner“ Sigismund. Natürlich ist es für das Publikum immer anregend, wenn man jemanden, der aus den Medien überregional bekannt ist, nun in einer Bühnenrolle erleben kann. „Sein“ lispelndes Klärchen spielte animiert Bettina Mönch. Und damit komme ich zu jenen Solisten, die schon im München dabei waren: Stimmlich wird das Ensemble von ganz eindeutig von Tilmann Unger angeführt, der mit seinem prächtigen (Helden)tenor einen eindrucksvollen Rechtsanwalt Dr.Siedler auf die Bühne stellt. Übrigens: auch bei der Uraufführung im Jahre 1930 war dies die einzige Rolle, die mit einem Opernsänger besetzt war. Nach dem, was an diesem Abend zu hören war, kann man durchaus gespannt auf seinen Parsifal sein, der in Innsbruck bevorsteht! Wolfgang Kraßnitzer ist mit seinem berührend gestalteten Professor Hinzelmann wieder nach Graz zurückgekommen, wo er in jungen Jahren am Schauspielhaus engagiert war. Dirk Lohr war ein prägnanter Giesecke.

Unter den zahlreichen durchwegs sehr gut besetzten Nebenrollen fiel die Kathi von Sophie Aujesky in der großartigen Slapstick-Szene mit den skurrilen Kühen (ein Bravo den Darstellern!) als junges Talent positiv auf. Die beiden zentralen Figuren des Stückes sind mit erfahrenen Musicaldarstellern besetzt, Sigrid Hauser ist eine repräsentative Rössl-Wirtin – leider allerdings mit recht wenig Gesangsstimme. Ihr Leopold ist sehr rollendeckend und überzeugend Daniel Prohaska. Er hat in dieser Rolle gegenüber großen Vorgängern zu bestehen (es seien nur Johannes Heesters und Peter Alexander genannt). Prohaska gelingt dies mit Anstand und er schafft das Kunststück, sich stimmlich sehr geschickt zwischen klassischem Operettentenor und Musicalsänger zu positionieren – eine runde Gesamtleistung! Keinesfalls vergessen werden dürfen der spielfreudige Opernchor (Leitung: Georgi Mladenov), die Kinder der Singschul‘ (Leitung: Andrea Fournier) , die Statisterie und vor allem auch die wandlungsfähige und exzellente Tanzkompanie – sie alle trugen Entscheidendes dazu bei, dass eine wunderbar-geschlossene Ensembleleistung zustande kam.

Am Ende konnte das gesamte Ensemble lebhaften Beifall entgegennehmen – ein Verkaufsschlager scheint sich für die Grazer Oper mit dieser Produktion anzubahnen!

Hermann Becke              Fotos: Oper Graz, © Werner Kmetitsch

 

Hinweise:

Ein Gespräch mit den beiden Hauptdarstellern und Probenausschnitte: http://www.kleinezeitung.at/steiermark/3443301/glueckliche-wahnsinn-weissen-roessl.story

 CD-Tipp für Spezialisten: Originalaufnahmen aus 1916 -1930 – siehe: http://www.musenblaetter.de/artikel.php?aid=825&suche=R%F6ssl

Es gibt eine eigene Ralph-Benatzky-Website – auf ihr wird auch die neue Verfilmung des Weißen Rössls angekündigt, die im November in die deutschen Kinos kommt:

http://www.ralph-benatzky.de/main.php?cat=1&sub_cat=1&task=1&sort=1

und hier dazu der Trailer:

//youtube.com/watch?v=S4RYASigTe4&feature=share

 

 

 

LOHENGRIN

11.Oktober 2013 (vierte Aufführung nach der Premiere vom 28.9.2013) 

Rollendebut von Johannes Chum als Lohengrin

Bei der Präsentation des Jahresprogramms 2013/14 im Frühjahr 2013 berichtete die Grazer Intendantin Elisabeth Sobotka, man habe intensiv den geplanten Fachwechsel des in Graz wohlbekannten lyrischen Tenors Johannes Chum diskutiert, erprobt und letztlich gemeinsam entschieden – er sollte in der Eröffnungspremiere erstmals den Lohengrin singen. Wenige Tage vor der Premiere musste er allerdings krankheitsbedingt absagen.

Da war man schon in Sorge, ob die Absage nicht vielleicht doch auf Überforderung beruhte. Offenbar hat aber Johannes Chum die Krankheit gut und rasch überwunden: es war ein respektabler Einstand im neuen Fach! Ich kenne Johannes Chum seit seiner Studienzeit in Graz – seither hat er eine schöne internationale Karriere gemacht, zunächst primär im Mozart-Fach, aber vor allem  auch auf den Konzertpodien etwa als Bachinterpret. Und Bach wird er auch weiterhin singen: so etwa im April 2014 in Wien unter Giovanni Antonini als Evangelist in der Johannes-Passion – siehe: http://www.wienersymphoniker.at/konzert/pid/000000e9h5850001b644

Der Fachwechsel ins jugendlich-dramatische Opernfach zeichnete sich schon ab, wie ich bereits im Februar 2012 bei seinem Evangelimann in Klagenfurt registrieren konnte. Aber natürlich ist der Lohengrin ein anderes Kaliber – und Graz ist ein großes Haus!

Dass  Chum der Auftritt im ersten Aufzug gut gelingen würde, war zu erwarten. Er sang den heiklen Dank an den Schwan mit seiner ganz eigen gefärbten klaren Stimme sehr schön und lyrisch-verhalten, er zeigte aber auch bei seiner Begrüßung „Heil, König Heinrich“ die nötige Durchschlagskraft und metallisch-helle Höhe. Er schonte sich auch nicht in der Auseinandersetzung mit Telramund und in den Chorpassagen des Aktschlusses – insgesamt eine gültige Lohengrin-Interpretation. Im 2.Akt fehlte ihm ein wenig die nötige Dominanz. Alle Spitzentöne sitzen ohne Forcierung, aber speziell die Piano-Passagen wirkten doch zu wenig fundiert und zu wenig breit-strömend. Da hörte man noch stark den Mozart-Sänger Chum. Die Brautgemachszene gelingt wieder vollends überzeugend. Die Gralserzählung singt Chum ganz zurückgenommen, fast kammermusikalisch. Sein klares, geradezu Cherub-artiges Timbre passt sehr gut zur Lohengrin-Figur – wenn es Chum gelingt, die dramatischen Stellen organisch mit den lyrischen Phrasen zu verbinden, dann ist der Fachwechsel endgültig gelungen und man kann gespannt sein auf seinen Loge (in Erl) und seinen Stolzing (in Chemnitz und Neuschwanstein). 

 Insgesamt hat die Produktion seit der Premiere erfreulich an Geschlossenheit gewonnen. Es sind wirklich alle Rollen ausgezeichnet besetzt und hohen Ansprüchen genügend. Das beginnt mit Andrè Schuen als Heerrufer mit markant-viriler Stimme (er verdient die Bravorufe beim Schlussapplaus!) und geht über den profunden König von Derrick Ballard  zum düsteren Paar Ortrud und Telramund. Michaela Martens hat gegenüber der Premiere an stimmlicher Ausgeglichenheit (leider aber nicht an Textprägnanz) gewonnen und Anton Keremidtchiev ist ein geradezu idealer Telramund. Die Elsa von Sara Jakubiak vermittelt überzeugend die Verzweiflung der jungen Frau – ihre intensive Darstellung und ihre sich von Akt zu Akt steigernde stimmliche Leistung beeindrucken. Sie wird am Ende zurecht vom Publikum im gut gefüllten Haus bejubelt.  

 Eine erfreuliche Steigerung der Orchesterleistung ist zu registrieren. Julien Salemkour sorgt für straffe, aber nie gehetzte Tempi. Die Spannung lässt nie nach, gleichwohl die Solisten rücksichtsvoll begleitet werden. Diesmal sitze ich auf dem Balkon – und da ist die Balance zwischen Streichern und Bläsern wesentlich besser, als ich sie  bei der Premiere vom Parterre aus erlebt habe. Einzige kritische Anmerkung: die hohen Streicher könnten noch mehr strahlen – aber dazu müssten sie wohl auch stärker besetzt werden…..

Der Bläserklang ist kompakt und rund – einige (wenige) Unebenheiten bei den Holzbläsern verzeiht man gerne, wenn der Gesamtduktus überzeugend ist – und das war er an diesem Abend. Der Chor bewährte sich wieder ausgezeichnet – und so kann insgesamt über eine wirklich beeindruckende musikalische Gesamtleistung berichtet werden.

Was die szenische Umsetzung durch das Team Johannes Erath – Kaspar Glarner – Christian Lacroix – Bernd Purkrabek  anlangt, bestätigen sich die Eindrücke aus der Premiere (siehe dazu den Premierenbericht).

Die ersten beiden Akte sind optisch und auch in der Personenführung eindrucksvoll und schlüssig. Im dritten Akt wird Wagners Intention ins Gegenteil verkehrt: es siegt die schwarze Magie Ortruds über die weiße Magie Lohengrins. Bei Wagner ruft Lohengrin den Elsa-Bruder Gottfried ins Leben zurück und setzt ihn als Herzog von Brabant ein – dazu die  szenische Anweisung: „Ortrud sinkt bei Gottfrieds Anblick mit einem Schrei zusammen“. In der Grazer Aufführung hingegen  ist Lohengrin schon vorher – gar  nicht irgendwie bühnenwirksam – abgegangen und er bleibt mit seinen Erlösungsworten unsichtbar. Daraufhin schwebt ein Kindersarg über die Bühne und Ortrud setzt Gottfried (mit Augenbinde) gleichsam leblos auf den Herrscherstuhl….. Der Zweifel hat in der Sichtweise des Regieteams über den Glauben gesiegt.

Aber wie auch immer:

Im Mai 2014 wird der Internationale Richard-Wagner-Kongress in Graz stattfinden – siehe dazu: http://www.wagnercongressgraz.com/

Da wird diese Lohengrin-Produktion wieder auf dem Spielplan stehen. Graz wird sich dem internationalen Wagnerpublikum mit einer musikalisch eindrucksvollen, aber auch szenisch interessanten und der Diskussion würdigen Aufführung präsentieren  – und es lohnt sich dafür die Reise nach Graz!

Hermann Becke                                                          Bilder: Oper Graz

 

 

Die Spielzeit 2013/2014

Die Auslastungszahlen der letzten Jahre in der Grazer Oper waren nicht allzu befriedigend.

„Elisabeth Sobotka, die im Herbst 2009 das Ruder übernahm, erzielte in ihrer zweiten Spielzeit ihre besten Ergebnisse in Graz. 157.167 zahlende Besucher ließen in der Saison 2010/11 insgesamt 4.498.855 Euro in den Kassen fließen. Dann folgte, mitbedingt durch Sparzwänge, der Absturz. 2011/12 gaben nur 132.598 zahlende Besucher 4.033.443 Euro für ihre Karten aus. Die eben zu Ende gegangene Spielzeit (2012/13) zeitigte einen leichten Aufwärtstrend: 135.924 zahlende Besucher ließen sich ihre Tickets 4.149.514 Euro kosten. 20.125 Freikartenbezieher mitgerechnet, ergibt das 69 Prozent Auslastung.“ (Zitat: Kleine Zeitung vom 6.7.2013)

Verständlich also, dass sich die Intendantin in ihrem letzten Grazer Jahr, bevor sie die Leitung der Bregenzer Festspiele übernimmt, bemüht, die Auslastung weiter zu steigern. Auf dem Spielplan der Saison 2013/14  stehen also unter anderem Neuproduktionen der Zauberflöte und des Operettenschlagers „Im weißen Rössl am Wolfgangsee“ und die Wiederaufnahmen von Hänsel und Gretel, My Fair Lady, West Side Story sowie eben von La Bohème, die am Tag nach der Saisoneröffnung auf den Spielplan gesetzt wurde – alles absolute „Renner“ in der Aufführungsstatistik. Siehe dazu den lesenswerten Artikel von Arnold Jacobshagen im MIZ des deutschen Musikrats: http://www.miz.org/static_de/themenportale/einfuehrungstexte_pdf/03_KonzerteMusiktheater/jacobshagen.pdf

 

 

LA BOHÈME

Wiederaufnahme am 29.9.2013

Solides Repertoiretheater mit Niveau!

Aber nun zur Wiederaufnahme einer Produktion, die der 2007 verstorbene Dietmar Pflegerl im Jahre 2003 am Stadttheater Klagenfurt herausgebracht hatte, die dann 2008 Graz übernommen hatte und die nun nach vier Jahren unter der Spielleitung von Elisabeth Kassal aufgefrischt wurde.

Es ist eine handfeste, praktikable Inszenierung - die Oper Graz beweist  damit, dass sie ein bestens disponiertes Ensemble hat und dass sie unmittelbar nach der aufwendigen Lohengrin-Premiere eine rundum niveauvolle Repertoire-Aufführung mit drei Rollendebuts sehr erfolgreich auf die Bühne bringen kann. Das Haus war voll – das animierte Publikum spendete kurzen, aber intensiven Beifall und es gab keinen Schwachpunkt.

Das Bohèmien-Quartett ist jugendlich und spielfreudig. Wilfried Zelinka als Colline war an diesem Abend mit seiner warmen und nie forcierten Stimme besonders gut disponiert. Den in dieser Produktion neuen Rodolfo Abdellah Lasri kennt man in Graz schon als Nemorino und Fenton. Er verfügt über ein schönes Timbre und sichere Höhen. Er erweist sich neuerlich als ein Gewinn für das lyrische italienische Tenorfach in Graz. Er singt die bei Puccini so wichtigen großen Legato-Bögen sehr schön, solange er sich im Forte bewegt. Bei den Pianophrasen wird der 1982 geborene marokkanische Tenor darauf zu achten haben, dass er sich nicht ins Falsett flüchten muß. Wenn dies gelingt, kann man von ihm noch weitere schöne Karriereschritte erwarten. Marcello ist Ivan Oreščanin mit markantem Charakterbariton (und mit fehlender Belcantowärme). Byeong in Park debutiert als Schaunard – er hat einen kräftigen, noch ausbaufähigen Bariton.

An diesem Abend sang erstmals Margareta Klobučar die Mimi. Sie ist seit über zehn Jahren eine qualitätsvolle Stütze des Grazer Ensembles und zurecht beim Grazer Publikum sehr beliebt.  

Der Fachwechsel von der Musette zur Mimi ist ihr ausgezeichnet gelungen. Es gibt nie forcierte oder scharfe Töne – überzeugend zeichnet sie die berührende Figur des einfachen Mädchens. Musetta wird erstmals von der Ukrainerin

Tatjana Miyus gegeben, die aus dem Grazer Opernstudio hervorgegangen ist und zuletzt eine ausgezeichnete Nanetta im Falstaff gesungen hatte. Auch diese für sie neue Rolle gelang ihr sehr gut – temperamentvoll wirbelte sie über die Bühne, überzeugte aber auch mit ehrlicher Anteilnahme im Schlussbild. 

Die Qualität des Grazer Hauses zeigt sich nicht zuletzt auch darin, dass die kleinen Rollen mit profilierten Persönlichkeiten besetzt werden können – David McShane als Benoit, Manuel van Senden als Parpignol und Konstantin Sfiris als Alcindoro – bravo! Der Chor (Einstudierung Bernhard Schneider) sang und spielte routiniert, die Kinder der Singschul‘ (Einstudierung Andrea Fournier) – offenbar frisch geprobt – waren mit Einsatz und Freude bei der Sache. Auch das Orchester bot manche schöne Klangfarbe, wenn auch auffiel, dass die – speziell in den lyrischen Passagen - fast schleppenden Tempi des argentinischen Dirigenten José Miguel Esandi die Solisten manchmal ein wenig in Schwierigkeiten brachten. Da fehlte dem Dirigenten noch das drängende Vorwärtsgehen.Das Publikum feierte das gesamte Ensemble – speziell das Paar Rodolfo/Mimi und die Musetta.

Nach der Lohengrin-Premiere am Vortag, bei der praktisch nur Gäste im Einsatz waren, war diese Bohème-Wiederaufnahme ein erfreulicher Qualitätsbeweis des Stammensembles. 

Hermann Becke                                             Fotos: Oper Graz, Dimo Dimov

 

 

LOHENGRIN

29. September 2013

Saisoneröffnung zum Wagnerjahr

Auf der Homepage der Oper Graz kann man zu dieser Premiere lesen: „Mit der „Lohengrin“ Musik, die Friedrich Nietzsche als "blau, von opiatischer, narkotischer Wirkung“ bezeichnete, erklang 1899 die erste Oper im neuen Grazer Opernhaus. Mit ihr im Wagner-Jahr 2013 die Saison zu eröffnen, schließt an diese Tradition an.“

Graz hat wahrhaft eine große Wagner-Tradition, die mit Carl Muck begann, der Lohengrin als erste Oper (nach Schillers „Wilhelm Tell am Vortag) zur Eröffnung des neuen Hauses in Graz dirigierte. Muck war zuvor schon 1.Kapellmeister in Graz gewesen und wirkte dann von 1901 bis 1930 in Bayreuth. Es würde sich lohnen, einmal eine Zusammenstellung jener großen Wagnerdirigenten zu verfassen, die von Graz aus ihren internationalen Weg gemacht haben – um nur einige Namen zu nennen: vor Carl Muck war dies z.B. Franz Schalk, später dann Karl Rankl, Clemens Krauss, Karl Böhm, Berislav Klobucar …….. Bei den Sängerinnen und Sängern begann die Grazer Wagner-Tradition mit Amalie Materna, Wagners Bayreuther Brünnhilde und Kundry. Die Aufzählung weiterer Namen erspare ich mir, geht es doch um die Gegenwart. Aber dieser Blick in die ruhmreiche Wagnervergangenheit der Oper Graz ist berechtigt, beruft sich doch das Haus auf eben diese Tradition – siehe oben.

Nun gilt es anhand der aktuellen Neueinstudierung zu prüfen, ob und wie eine Verbindung von Tradition und zeitgemäßer Moderne gelingt. Eines wusste man ja vorweg: Der in Graz schon durch einige Produktionen bekannte Regisseur Johannes Erath und sein Dramaturg Francis Hüsers stehen „ für ein Musiktheater, das man mit dem Etikett Regietheater verbindet" – so Hüsers eigene Worte bei seiner Bestellung zum Hamburger Operndirektor. Gemeinsam mit dem Bühnenbildner Kaspar Glarner und dem Nobelcouturier Christian Lacroix (Kostüme) entwickelten sie ihr Konzept. Lassen Sie mich also schildern, was ich gesehen habe: Schon während des Vorspiels ist der Vorhang offen – auf der Bühne sitzt im Vordergrund in Sesselreihen der Chor, schwarz gekleidet und mit schwarzen Augenbinden. Im Hintergrund kahle Bäume und eine gotische Kirchruine – ganz offensichtlich Caspar David Friedrichs „Abtei im Eichwald“ nachgebildet.

Durch diese düstere Szenerie irrt Elsa – barfuß und in Jeans, einen langen weißen Schleier umklammernd. Auch Ortrud erscheint und setzt dem inmitten des Chors sitzenden Telramund eine preußische vergoldete Pickelhaube auf. Dann erklingen aus der linken Proszeniumsloge die C-Dur- Königsfanfaren – für das Publikum sichtbar und so, wie es sich Wagner gewünscht hatte: „Vier messingene, lange, posaunenartige Instrumente, von der allereinfachsten Form, ungefähr wie wir sie auf Kirchengemälden von den Auferweckungsengeln geblasen sehen.“ Aus dem Chor erhebt sich der Heerrufer und kündigt den König an.

König Heinrich tritt mit Krone und blauem, Hermelin-besetztem Königsmantel auf, begrüßt sein Volk und ruft Telramund – in preußischer Uniform - aus der Mannenschar hervor, der seine Anklage gegen Elsa vorträgt. 

Elsa, nun im weißem Kleide, tritt auf – bei den Worten „Seht hin- sie naht die Hartbeklagte“ legt der Chor die schwarzen Augenbinden ab. Nach Elsas visionären Gebeten stürzen alle an die Rampe und weisen auf das Deckengemälde im Zuschauerraum, das angestrahlt wird. Es stammt von Hugo Löffler und zeigt die Ankunft Lohengrins (Die Architekten des Hauses Ferdinand Fellner und Hermann Helmer hatte großen Wert auf eine künstlerisch gediegene Ausgestaltung gelegt und den angesehenen Wiener Maler beauftragt). Von der Decke rieseln gleichzeitig kleine Schwanenfedern und plötzlich öffnet sich im Bühnenhintergrund ein strahlendweißes Geviert (leider mit störend ächzenden Geräuschen) - und Lohengrin in einem weißen Schwanenfedernmantel tritt auf. Zum Gottesgericht verbindet sich der Chor wieder die Augen, der Heerrufer misst den Kampfplatz aus, der König betet zu Gott- mit jenen Worten, die das Regieteam zum Ausgangspunkt ihres Konzepts erklärt: „weil unsre Weisheit Einfalt ist!“ Für den Zweikampf gibt es nur ein riesiges Schwert, das Telramund nicht aus dem Boden ziehen kann und mit dem er von Lohengrin zu Boden gestreckt wird. Im Jubel aller ziehen Elsa und Lohengrin nach hinten ins strahlende Licht des weißen Gevierts. 

Nach dem ersten Akt registriert man als kritischer Opernfreund: eine stimmungsvolle, ästhetisch geschlossene und überzeugende Interpretation in sehr schönen Kostümen und einem eindrucksvollen Bühnenbild. Nichts geschieht gegen die Musik – keine die Musik konterkarierende Aktion, wie man es so oft bei heutigen Inszenierungen erleben muss. Einige Kleinigkeiten, die  in meiner Schilderung unerwähnt blieben, nimmt man wahr – etwa dass beim Hochziehen der Sesselreihen vor der Ankunft Lohengrins eine Wagner-Puppe sichtbar wird und in den Bühnenhimmel entschwebt. Diese Kleinigkeiten – man könnte auch sagen Mätzchen - stören nicht den märchenhaften Gesamteindruck.

Im zweiten Aufzug wird das weiße Geviert der Lohengrin-Ankunft fast auf den ganzen Bühnenraum ausgeweitet. Elsa ruht und scheint durch Angstträume beunruhigt. Gebückt müssen sich Ortrud und Telramund in ihrer großen Szene darunter ducken – und etwas mühsam gelingt Ortrud, von Elsa gerufen, der Aufstieg in den weißen Bereich. Die folgende große Chorszene mit Heerrufer ist - im Unterschied zur erklingenden Musik! – statisch. Ein schwarzer Bühnenvorhang sinkt herab und deckt einen Großteil der Bühnenöffnung ab, sodass nur der schwarzgekleidete auf Sesseln sitzende Männerchor sichtbar bleibt. Zu den Bläserklängen lesen die Herren gelangweilt Dresdner Zeitungen. Während Chor und Heerrufer (nun mit einem anderen Hut als im ersten Aufzug) singen, tragen schwarzgekleidete Statisten gemessenen Schrittes Tabletts quer über die Bühne - zunächst mit Kaffeeschalen und einem Radio, dann aber auch mit symbolträchtigen Gegenständen ( einem kleinen Abbild des Schwerts, einer Minieiche, einer Königskrone, der Pickelhaube, dem Schleier, offensichtlich auch mit dem Gral und sonst einigem, das ich nicht identifizieren bzw. woran ich mich nicht erinnern kann).

Optisch sehr reizvoll ist der Zug zum Münster gelöst: Der nun in prächtige strahlendweiße Schwanengewänder gehüllte Chor füllt rückwärtsgehend den vorher den dunklen Mächten vorbehaltenen unteren Bühnenraum, bevor Elsa und Lohengrin mit dem König auftreten. Ortrud trägt zunächst die lange weiße Schleppe Elsas, bevor sie diese wegschleudert, um Elsa den Vortritt zu rauben – dies alles bis zum Aktende im Einklang mit der Musik und durchaus bildhaft gelungen. Das Vorspiel zum 3.Aufzug und die Hochzeitsmusik zeigen ein fröhliches Versteckspiel von Elsa mit ihrem kleinen Bruder zwischen den kahlen Bäumen von Caspar David Friedrich, bis der Knabe von Ortrud „abgeführt“ wird. Dann dreht sich die Bühne und es wird – gleichsam als Baumhaus – das weiße Geviert sichtbar. Allerdings diesmal in bedrückender Enge. Man sieht in der Mitte einen Tisch mit Kaffeeschalen und Eierbechern sowie mit dem im 2.Aufzug vorbeigetragenen Radioapparat, zwei Stühle sowie Elsa und Lohengrin – mehr hat nicht Platz. 

Der unsichtbare Hochzeitschor verklingt, Lohengrin schaltet ostentativ das Radio aus – „das süße Lied verhallt“. Nach „kleinbürgerlichem“ Liebesduett, nach Mahnung und nach der unausweichlichen Frage von Elsa wird der mit dem Schwert auftauchende Telramund mit einer Geste Lohengrins hingestreckt. Alles ist vorbei – Bühnenarbeiter erscheinen und räumen die Szene leer – gleichsam unter den Füßen von Lohengrin und der zusammengebrochenen Elsa.

Hinter einer herabgelassenen Leinwand mit dem Caspar-David-Friedrich-Bild legt der Chor seine weißen Schwanengewänder wieder ab, die in die Höhe entschwinden- wohl den Schwan symbolisierend mit dem Lohengrin die irdische Welt verlässt. Am Ende schwebt ein weißer Kindersarg im Hintergrund – Ortrud setzt den kleinen Gottfried, der die Augen verbunden hat und leblos scheint, auf den Stuhl des Königs. Ein illusionsloses Ende!

Zusammenfassend meine Meinung zu dieser Inszenierung: Ein ästhetisch sehr schönes, stimmungsvolles, bühnenwirksames und konsequent umgesetztes Konzept, das im Programmheft von Francis Hüsers schlüssig begründet wird, die Ingredienzien des aktuellen Regietheaters in so manchem Detail uns nicht erspart (so z.B. Sichel und Hammer bei „des Ostens Horden“, Bühnenarbeiter, Anleuchten des Publikums…..) – ein Konzept, das letztlich Transzendenz leugnet und uns deprimiert zurück lässt. Erlösung gibt es in den Augen des Regieteams nicht.

Aber was wären alle noch so gescheiten Konzepte ohne Musik! Und die wunderbare Lohengrin-Musik wurde hier in Graz insgesamt überzeugend dargeboten. Das Grazer Philharmonische Orchester unter Julien Salemkour spielte klangschön, wenn auch zumindest von meinem Platz aus im Parkett links das Blech gegenüber den Streichern ständig zu sehr dominierte. Chor, Extrachor und Gustav-Mahler-Chor (Gesamtleitung: Bernhard Schneider) samt den Chorsolisten als brabantische Edle und Edelknaben sangen klangschön und mit großem Volumen – auf noch mehr rhythmische Präzision und Transparenz ist in den folgenden Vorstellungen zu hoffen. Als Lohengrin sollte Johannes Chum sein Rollendebüt geben und einen Fachwechsel einleiten, er erkrankte aber eine Woche vor der Premiere. Der Routinier Herbert Lippert, der die Rolle zwar studiert, aber noch nie auf der Bühne gesungen hatte, übernahm die Titelpartie mit nur zwei Proben und rettete damit die Premiere – das allein schon ist eine großartige Leistung! Lippert steigerte sich nach einem schwachen, ja unsicheren Beginn erstaunlich. Die lyrischen Phrasen waren wunderbar gestaltet und artikuliert. Im 1.und 2. Aufzug schonte er sich mit großer Erfahrung sehr geschickt bei den dramatischen Ausbrüchen, um dann am Ende bei der Gralserzählung genügend Kräfte auch für strahlende Höhen zu haben. Seine Elsa war die Graz- und Rollen-Debütantin Sara Jakubiak , und sie wurde sofort zum erklärten Publikumsliebling durch ihre intensive Rollengestaltung. Auch stimmlich gelang sehr vieles – insbesondere in den lyrischen Phrasen. Der König von Derrick Ballard hatte das gebührende stimmliche Gewicht und bewies eine sehr gute Textbehandlung. Dies gilt auch für den Bulgaren Anton Keremidtchiev, der die schwierige Telramund-Partie exzellent meisterte und für mich die stimmlich geschlossenste Leistung des Abends bot. Michaela Martens, die man in Graz schon als ausgezeichnete Amme in der „Frau ohne Schatten“ erlebt hatte, sang ihre erste Ortrud, die sie auch an der Wiener Staatsoper singen wird. Sie bewältigte die Spitzentöne (fast immer) eindrucksvoll – an der sprachlichen Schärfe und Präzision wird noch zu arbeiten sein. Immer erfreulich ist es, den jungen Andrè Schuen in seiner stimmlichen Entwicklung zu beobachten – der Heerrufer war mit ihm ideal besetzt (vor allem, wenn er nicht zu weit hinten postiert ist).

Am Ende gab es begeisterten Beifall für alle Ausführenden – am meisten für Elsa. Beim Lohengrin vermeinte ich ein (wahrlich unberechtigtes!) vereinzeltes Buh zu hören – das Regieteam wurde mit lautem Applaus samt Pfiffen begrüßt – ob die Pfiffe positiv oder negativ gemeint waren, kann ich nicht einschätzen. Für mich war es in jedem Fall ein beachtlicher Beitrag der Grazer Oper zum Wagner-Jahr – die Neueinstudierung erwies sich trotz kleinerer Einschränkungen der großen Wagnertradition dieses Hauses als würdig!

Hermann Becke                                            Fotos: Oper Graz, Wener Kmetitsch

 

 

 

 

Ein kulturpolitisches Postskriptum aus aktuellem Anlass:

Drei Tage vor dieser Premiere (und nur vier Tage vor der österreichischen Nationalratswahl!) geschah Erfreuliches in der lokalen Kulturpolitik!

Die Theaterholding Graz/Steiermark GmbH ist die Konzernleitung der Bühnen Graz – Eigentümer sind jeweils zu 50% das Land Steiermark und die Stadt Graz. Diese Holding hat fünf Tochtergesellschaften (Oper, Schauspielhaus, Jugendtheater, Theaterservice und drei weitere Spielstätten in Graz (http://www.theaterholding.at/ ).

Der Geschäftsführerposten dieser Holding war aufgrund einer Pensionierung nachzubesetzen. In Aufsichtsrat und Lenkungsausschuss sind alle politischen Kräfte von Stadt und Land vertreten – und trotz Vorwahlzeit gelang es, diesen verantwortungsvollen (und laut Medien angeblich mit brutto € 11.000,-- im Monat dotierten) Posten in einer einstimmigen Entscheidung zu besetzen. Nach einer internationalen Ausschreibung erstellte die Jury aus 32 Bewerber/innen einstimmig einen Dreiervorschlag mit Mag. Bernhard Rinner an erster Stelle – und diesem Vorschlag folgten die politischen Gremien ebenso einstimmig.

Der Aufsichtsrat- und Juryvorsitzende Alfred Wopman – international erfahrener Regisseur und langjähriger Intendant der Bregenzer Festspiele – hatte wiederum ganze Arbeit geleistet. Die Entscheidung wurde nämlich durch eine politische Facette erschwert, da Bernhard Rinner seit über 15 Jahren parteipolitisch aktiv und derzeit Landesgeschäftsführer der ÖVP und Landtagsabgeordneter ist. Im Sinne des Credos von Wopmann, Kunst müsse „farbenblind“ sein, versicherte Rinner bei der Pressekonferenz, dass er mit der Übernahme der Leitungsfunktion in der Theaterholding alle Parteifunktionen zurücklegt - seine Partei werde in Hinkunft nur mehr die der Kunst sein. Dass dies alle politischen Kräfte einstimmig akzeptiert haben, ist ein erfreuliches Signal für das Theaterleben in Graz. Alle bekannten sich dazu, dass alles getan werden müsse, um den Rang der Grazer Oper als zweites Haus nach der Wiener Staatoper (Aussage Alfred Wopmann) und die gesellschaftspolitisch prägende Stellung der Grazer Theaterszene zu bewahren.

„Der Opernfreund“ wünscht dem neuen Geschäftsführer viel Erfolg im Kampf für die Kunst – und um die entsprechenden Budgetmittel. Ich kann – nicht zuletzt aus eigener Berufserfahrung – nur sagen, die Kombination von Rinners abgeschlossenem rechtswissenschaftlichem Studium mit einem Gesangsstudium ist zweifellos eine solide Ausgangsposition für eine derartige Position. Er wird zu beweisen haben, dass die Entscheidung richtig war – dafür alles Gute!

Links:

Ein bei der Generalprobe gedrehter kurzer Filmbeitrag vermittelt einen korrekten optischen Eindruck und die Sichtweise des Regisseurs:

http://www.kleinezeitung.at/allgemein/video/multimedia.do?action=showEntry_VideoDetail&project=462&id=360178

 

 

MY FAIR LADY

Wohlgelungene Wiederaufnahme

7. Juni 2013

Der Deutsche Bühnenverein schreibt über Musicalaufführungen in Opernhäusern auf seiner Homepage: „Sehr viel Bewegung gab es in den letzten Jahren im Bereich des Musicals. Produktionen wie "Der König der Löwen", "We will rock you" und andere, die an einer Musical-Bühne über Jahre hinweg Abend für Abend aufgeführt werden, erreichten hohe Besucherzahlen. Der Beliebtheit von "My Fair Lady" (Frederick Loewe) und "West Side Story" (Leonard Bernstein), die an Opernhäusern gespielt werden, tut dies jedoch keinen Abbruch.“

http://www.buehnenverein.de/de/theater-und-orchester/19.html

Diese allgemeine Schilderung passt  sehr gut zur derzeitigen Situation in Graz. Nach drei Jahren mit vielen Stationen in Deutschland und Österreich ist nämlich in Graz derzeit das 90 Meter hohe Tournee-Theaterzelt für die mit großem Medienaufwand beworbene „Cats“-Produktion aufgeschlagen. In diesem Riesenzelt steht ein Nachbau der 240-Grad-Rundbühne der Londoner Originalproduktion, der dafür sorgt, dass keiner der 1800 Plätze mehr als 20 Meter von der Bühne entfernt ist. Zwischen 16.Mai und 16.Juni gibt es hier 38 „Cats“-Aufführungen – also ein Angebot für rund 68.000 Musical-Fans! Ich kann die Grazer Auslastung dieser „Cats“-Produktion nicht beurteilen, aber eines steht fest: Der Mut der Grazer Intendantin Elisabeth Sobotka , gerade in der Zeit des „Cats“-Gastspiels im Tourneezelt auf dem Grazer Messegelände im Opernhaus die Wiederaufnahme von „My Fair Lady“ anzusetzen, hat sich gelohnt – das Haus war sehr gut besucht und das Publikum bejubelte am Schluss das Ensemble. Also: der Deutsche Bühnenverein hat recht – die ensuite gespielten Musicalproduktionen beinträchtigen offenbar nicht die Beliebtheit von Musical-Aufführungen im Opernhaus, sofern es sich um die großen Standardwerke handelt!

Und „My Fair Lady“ von Alan Jay Lerner und Frederick Loewe ist zweifellos ein solches Standard,- ja Meisterwerk. Seit seiner Erstaufführung in der Übersetzung von Robert Gilbert vor über 50 Jahren in Berlin ist es auf allen deutschsprachigen Bühnen zuhause. Die Wiener Textfassung von Gerhard Bronner wurde für Graz verwendet, aber der Wiener Dialekt ins Steirische verwandelt. Die Neuinszenierung des Jahres 2008 wurde damals in  Graz sehr freundlich von Presse und Publikum aufgenommen und steht nun wieder auf dem Spielplan – mit einer neuen Eliza und einem neuen Higgins. Sieglinde Feldhofer kennt allerdings diese Produktion bereits, hatte sie doch als blutjunge Anfängerin schon 2009 die Chance, für die damalige Premierenbesetzung einzuspringen. Inzwischen ist Feldhofer zu einem Grazer Publikumsliebling geworden und wohl völlig verdient wurde sie vor zwei Tagen mit dem heuer erstmals vergebenen Österreichischen Musiktheaterpreis als „Bester Nachwuchs“ der Saison 2011/12 ausgezeichnet (siehe dazu am Ende einen Hinweis). Sie bezaubert als Eliza durch natürlichen Charme und gestaltet die Wandlung vom einfachen Blumenmädchen (mit genuin derbem Oststeirisch), über die noch etwas künstliche Dame beim Pferderennen in Ascot bis zur berührenden jungen Frau der Schlussszene. Stimmlich gelingen ihr die lyrischen Nummern ausgezeichnet, an der Schärfe und Wortdeutlichkeit der „kantigen“ Nummern wird noch zu arbeiten sein (z. B. bei „Wart’s nur ab“).

Den neuen Higgins Guido Weber kennt man schon in Graz – im Vorjahr war erfolgreich im  Ensemble des Musicals „Gigi“. Vermisste man diesmal in der ersten Szene vielleicht noch ein wenig die adelig-professoral versnobte Attitude, so steigerte er sich im Laufe des Abends zu einer geradezu vorbildhaften Leistung. Seine ausgezeichnete Artikulation, die ideale Balance zwischen Sprech-und Gesangslinie und die berührende schauspielerische Gestaltung als letztlich unglücklicher Hagestolz überzeugen. Alle anderen Hauptdarsteller waren schon bei der Premiere vor fünf Jahren dabei - es ist eine durchwegs sehr gute Besetzung. Exzellent der Pickering von Gerhard Balluch, deftig und durchschlagskräftig Gerhard Ernst als Doolittle (mit charmantem Seitenhieb auf die parallele „Cats“-Produktion), diesmal wieder ideal besetzt Fran Lubahn als Mrs.Pearce, charmant-frisch der Freddy von Martin Fournier und Uschi Plautz, die wunderbar die überspannt-versnobte mit der menschlichen Seite der Higgins-Mutter verbindet. Der Chor und das Ballett sind gewohnt engagiert und professionell. Die musikalische Gesamtleitung hat nun der 32-jährige Münchner Florian Erdl übernommen, der seit dieser Saison als Kapellmeister in Graz engagiert ist. Mit großer Geste dirigiert er schwungvoll das gut disponierte Orchester, in den großen Ensembles wird es bei den folgenden Aufführungen noch mehr Präzision geben können.

Das durchaus charmante Konzept des Regisseurs Michael Schilhan, die englische Szene mit vielen Grazer Lokalassoziationen anzureichern, geht auf. Gemeinsam mit dem ausgezeichnetem (und gleichzeitig sehr praktikablem) Bühnenbild von Mignon Ritter und den köstlich-bunten Kostümen von Michaela Mayer-Michnay. Nach meinem Eindruck hat die gesamte Aufführung durch die Wiederaufnahme an Geschlossenheit gewonnen und man kann erfreut registrieren, dass diese Inszenierung auch in der nächsten Spielzeit auf dem Spielplan stehen wird. Und um auf die Einleitung dieses Berichts zurückzukommen: die Intendantin betreibt kluge Spielplanpolitik, wenn sie neben den – manchmal kontroversiell aufgenommenen Opernproduktionen – Publikumsrenner wie „My Fair Lady“ und „West Side Story“ bringt.

Hermann Becke

Fotos: Oper Graz, Dimo Dimov

 

 

Zu dem im Bericht erwähnten

Österreichischen Musiktheaterpreis sei erklärend folgendes gesagt:

 

Diese private Initiative der Solistenvereinigung der Volksoper Wien vergab heuer erstmals Preise in 11 Kategorien, über die eine Jury mit klingenden Namen entschied. Teilnahmeberechtigt waren alle darstellenden Künstlerinnen und Künstler an den österreichischen Stadt-, Landes- und Bundestheatern entsprechend der jeweiligen Kategorien, die über und von ihren Theatern eingereicht wurden. Jedes Theater war berechtigt je eine Nominierung pro Kategorie einzureichen. Die Wiener Staatsoper und das Stadttheater Klagenfurt haben sich nicht beteiligt – zu den Spekulationen, warum dies so ist, siehe:

 http://derstandard.at/1363710823433/Neuer-Musiktheaterpreis-ohne-Staatsoper

Wer von den „Opernfreund“-Leser/innen Lust hat, kann die Preisträgerliste mit den entsprechenden „Opernfreund“-Berichten vergleichen, da praktisch über alle Aufführungen der Ausgezeichneten im reichhaltigen „Opernfreund“-Archiv Berichte vorliegen….

http://www.musiktheaterpreis.at/de/home.html

Warten wir ab, wie sich der Bewerb weiter entwickelt!

 

 

 

AUFSTIEG UND FALL DER STADT MAHAGONNY

Premiere am 22.5.2013

Mahagonny von Brecht /Weill ist momentan auf vielen Opernbühnen präsent. Der detaillierte Aufführungskalender der Universal Edition weist folgende Premieren aus: 2012 in Tel Aviv, Gelsenkirchen, Staatsoper Wien, Athen, Leipzig, Komische Oper Berlin, Hamburg, Bremen; 2013 in Kassel, Berlin, Flensburg, Wiesbaden - und nun macht

Mahagonny an der Oper Graz Station. Dafür wurde eine 2011 für Gent und Antwerpen geschaffene Produktion der Vlaamse Opera vom Team Calixto Bieito (Inszenierung), Rebecca Ringst (Bühne), Ingo Krügler (Kostüme) mit dem Grazer Ensemble neu einstudiert. Die Inszenierung war von vorneherein als Koproduktion geplant - gleichsam als „Gegengabe“ zur wunderbaren „Frau ohne Schatten“ von Marco Arturo Marelli, die 2010 in Graz ihre umjubelte Premiere hatte und dann 2011 nach Antwerpen wanderte. Und wenn wir schon bei Statistischem sind: Die Grazer Erstaufführung von Mahagonny fand im Jahre 1983 statt – damals in der Regie von Kurt Josef Schildknecht mit der unvergessenen Martha Mödl als Leokadja Begbick.

Und da schließt sich auch der Kreis von 1983 zur Premiere des Jahres 2013: die Jenny war nämlich 1983 Fran Lubahn, die nun gleichsam Martha Mödl nachfolgt und die zentrale Rolle der Leokadja Begbick verkörpert – durchaus eine glaubwürdige Weiterentwicklung, wenn man die beiden Frauencharaktere bei Brecht/Weill betrachtet, leider aber in diesem konkreten Fall ein klarer Besetzungsfehler, der vom Publikum am Ende mit deutlichen Missfallensbekundungen quittiert wurde. Man hat Fran Lubahn keinen guten Dienst erwiesen: Lubahn setzt zwar ihre routinierte Spielfreudigkeit ein, aber es fehlt ihr für die Drahtzieherin in diesem Stück ganz einfach die nötige stimmliche Substanz, die sprachliche Prägnanz und auch die hier nötige darstellerische Dominanz. Die Intendanz hätte diese wichtige Rolle mit einer echten Mezzo/Alt-Stimme besetzen sollen, wie dies im Vorjahr die Wiener Staatsoper mit Elisabeth Kulman getan hatte – das Grazer Ensemble hätte dafür eine ideale Alternative gehabt. Schade, dass die Chance nicht genutzt und dadurch das hochverdiente Ensemblemitglied Buhrufen ausgesetzt wurde!

Abgesehen von dieser Fehlbesetzung bewährte sich das Grazer Ensemble überaus und ließ sich mit bewundernswerter Einsatzfreude in Calixto Bieitos Inszenierung ein. Bieito und seine Bühnenbildnerin Rebecca Ringst siedeln das Stück in einer Wohnwagensiedlung an – eine durchaus überzeugende Metapher für die unruhige Mobilität in unserer Zeit, noch dazu ein boshafter Hinweis auf Bieitos katalanischen Wohnort. Denn man liest über das Inszenierungskonzept auf seiner eigenen Homepage: „Bieito places the action of this biting satire on capitalism in a beach campsite (giving a cunning wink to the city he lives in, Castelldefels).“ Die Wohnwagen stapeln sich in drei Ebenen übereinander auf. Dadurch werden geschickt vielfältige Spielflächen geschaffen, die von Solisten, Chor und Statisten dicht bevölkert und in ständiger Bewegung bespielt werden. Alle sind in bunt-grelle Kostüme gekleidet. Von allem Anfang an ist Bieitos Intention klar: er will das epische Lehrspieltheater Brechts durch das Stilmittel der Übertreibung und der Karikatur in ein sinnlich-opulentes Theaterspektakel verwandeln. Und seien wir doch ehrlich: das Stück als solches ist dramaturgisch schwach und eine zeitgebundene Lehrstück-Story, die nicht dadurch an Qualität gewinnt, dass die Uraufführung von Nazi-Horden gestört wurde! So ist also Bieitos Ansatz sehr legitim, diese theatralisch blutleere Chose mit allen erdenklichen Ingredienzien der heutigen Fun-Gesellschaft zu beleben. Und es wird natürlich alles geboten, was man von Bieito erwartet: Kopulationen jeglicher Art, Selbstbefriedigung, nackte Frauen, am Ende auch ein offenbar auf seine Kastration wartender nackter Mann, rohe Gewalt, Blut und natürlich ständige und überbordende Aktion aller. Man kommt gar nicht mit dem Schauen nach…..Aber eigentlich bleibt alles nur eine oberflächliche Illustrierung einer Kapitalismus-Kritik der Dreissiger-Jahre des vorigen Jahrhunderts, die in ihrer zeitverhafteten Form uns nicht mehr berührt und die durch den riesigen szenischen Aufwand kaschiert und gänzlich überlagert wird. Wenige berührende Theatermomente bleiben haften – es sind die Momente, wo die Ausstrahlung der Bühnenkünstler über die grelle Bilderflut siegt. Margareta Klobucar gelingt es, sowohl stimmlich als auch darstellerisch die Rolle der Jenny mit Leben zu erfüllen. Wenn sie im Mittelpunkt der Aktion steht, dann erlebt man einen Menschen und nicht bloß eine Schablone.  

Plastische Gestalten sind auch Konstantin Sfiris (Alaskawolfjoe), Ivan Orescanin (Sparbüchsenbill) und Manuel von Senden (Jack O'Brien) sowie Taylan Reinhard (Fatty, der "Prokurist"), etwas blasser diesmal David McShane als Dreieinigkeitsmoses. Großartig ist aber vor allem Herbert Lippert als Jim Mahoney. Er warf sich vorbehaltslos in diese Rolle, dominierte auf der Bühne nicht nur darstellerisch , sondern mit seinem klaren Tenor auch stimmlich und verstand es, mit ausgezeichneter Artikulation auch in den Ensembles immer verständlich zu bleiben und einen Brecht-adäquaten Tonfall zu wahren. Grauenvoll seine Hinrichtung am Schluss – er wird nicht wie im Libretto vorgesehen erhängt, sondern in einen Einkaufswagen gezwängt und dort gleichsam wie auf einem elektrischen Stuhl durch Stromstöße gemordet.

 

Der Supermarkt-Einkaufswagen – hier wohl ein Symbol für die Konsumwelt unserer heutigen Zeit – scheint übrigens ein von Calixto Bieito derzeit geschätztes Requisit zu sein. In der Stuttgarter Parsifal-Inszenierung schiebt Gurnemanz den mit vielfältigen Glaubensinsignien behängten Parsifal in einem ebensolchen Einkaufswagen zur Gralsgemeinschaft…..

Aber kommen wir zurück zur Grazer Produktion – übrigens der ersten Bieito-Inszenierung auf einer österreichischen Opernbühne: Noch in einem weiteren Punkt weicht Bieito geschickt von der epischen und damit undramatischen Brecht’schen Lehrstückvorlage ab. Anstelle der vorgesehenen Tafeln mit den Titeln der 20 Bilder des Stücks wurde ein Schauspieler eingeführt, der das Publikum durch den Abend führt und damit Distanz zur Bühnenaktion schafft. Der Schauspieler Daniel Doujenis sprach die Texte mit angemessener Schärfe und Prägnanz.

Am Ende der Vorstellung zeigt sich dann doch noch eindrucksvoll die Theaterpranke des Calixto Bieito: Man hat es ja schon wiederholt erlebt, dass ein Regisseur in seiner Inszenierung das Publikum und den Zuschauerraum in sein Konzept einbaut. Aber so wie es diesmal Bieito umsetzt, so geht es doch unter die Haut und ist spannend. Der Chor ist auf alle Ränge verteilt, er dringt in die Logen ein und montiert Spruchbänder, Solisten und Statisten drängen sich singend und grölend durch die Reihen des Parterres, auf der Bühne steht völlig verlassen der Einkaufswagen mit dem toten Jim Mahoney. Damit gelingt ein Schlusstableau, das nachdenklich macht.

 Zum Schluss noch zur musikalischen Seite: Die Weill-Musik ist zwar effektvoll, aber hat nach meiner Meinung doch nicht die Qualität, einen zweieinhalbstündigen Opernabend zu tragen. Daher war es auch in dieser Hinsicht nicht von Nachteil, dass die üppige szenische Aktion gleichsam alles überwucherte. Die musikalische Leitung lag bei Julien Salemkour, dem deutsch-algerischen Dirigenten der Staatsoper Berlin. Er hielt gut die Balance zwischen Orchester und Bühne. Die Solisten waren teilweise durch Mikrophon verstärkt. Man wird jedenfalls Julien Salemkour erst im Lohengrin, der Eröffnungspremiere der nächsten Spielzeit, wirklich beurteilen können. Der Chor (Einstudierung Bernhard Schneider) bewährte sich musikalisch und szenisch.

Meine Zusammenfassung des Abends: Auch durch eine karikierend-üppige Inszenierung wird aus dem zeitgebundenen Werk von Brecht und Weill kein überzeugender Wurf. Es würde wohl genügen, die ursprüngliche Song-Fassung in kleinerem Rahmen aufzuführen. Dies geschah in Graz vor einigen Jahren durchaus spannend in einer Studentenaufführung auf einer Studiobühne (damals gekoppelt mit Weills „Berliner Requiem“). Das war und ist meiner Meinung nach der geeignete Rahmen für das Stück. Auf den großen Bühnen wird die Opernfassung wohl immer „Viel Lärm um nichts“ sein – in welcher Inszenierung auch immer. Aber mit meiner Meinung werde ich wohl allein bleiben. Die nächsten Aufführungen der Opernfassung - abgesehen von Graz - sind nämlich schon fixiert – in Leipzig, Freiburg, Wiesbaden, Bremen, Winterthur, Hof, Innsbruck – und das sind nur die Aufführungsorte bis Juni 2014………

Am Schluss gab es diesmal in der Grazer Oper viel Applaus – verdienten Beifall vor allem für Margareta Klobucar und Herbert Lippert.

Hermann Becke                               Fotos: Oper Graz, Werner Kmetitsch

Zwei Hinweise:

Ein Interview mit Calixto Bieito zur Grazer Produktion

Auf der Homepage der Oper Graz gibt es reiches Bildmaterial, allerdings sind offensichtlich jene Szenen ausgespart, die für die Theaterleitung dafür verantwortlich sind, folgendes anzukündigen: „Die Aufführung ist für Kinder und Jugendliche unter 16 Jahren nicht geeignet.“. Unmittelbar nach der Premiere hat aber eine Grazer Tageszeitung einen Videoclip online gestellt, der auch Drastisches nicht vermeidet. Wen es also interessiert, der schaue sich das an.            

 

 

Chefdramaturgin der Semperoper Dresden Nora Schmid ab 2015 Opernintendantin 

 

Der Aufsichtsratsvorsitzende der Theaterholding Graz ist seit 2005  Prof. Dr. Alfred Wopmann.  Zur Recht  wurde der international überaus erfahrene und anerkannte Theatermann aus Anlass seines 75. Geburtstages als einer gewürdigt, der „erfolgreich und uneitel“ als „graue Eminenz“ Personalentscheidungen mit Hilfe von Experten ohne Einmischung der Politik herbeiführt. Graz hat ihm die Berufung von Anna Badora als Schauspielhauschefin und von Elisabeth Sobotka als Opernintendantin zu danken – und übrigens auch eine wunderbare und Maßstab setzende Inszenierung von Bellinis Sonnambula im Jahre 1975.

Da Sobotka nun ab 2015 die Leitung der Bregenzer Festspiele übernimmt (die Alfred Wopmann von 1983 bis 2003 zu internationalem Ansehen geführt hatte), war über ihre Nachfolge in Graz zu entscheiden. Wopmann hatte eine hochrangige Jury zusammengestellt: unter anderem mit Eva Kleinitz (Stuttgart), Dominique Meyer (Staatsoper Wien), Christoph Meyer(Düsseldorf) und Dietmar Schwarz (Berlin), die die 43 Bewerbungen prüften. Namens der Jury berichtete Dominique Meyer in der Pressekonferenz am 10.4.2013, dass 19 Bewerber/innen nach Graz zu einer Präsentation eingeladen wurden. Von ihnen kamen vier in die engste Wahl und aus ihnen hat die Jury „einstimmig und sehr schnell“ die derzeitige Chefdramaturgin der Semperoper Dresden Nora Schmid der Politik als einzige Kandidatin vorgeschlagen. Und dieser Vorschlag wurde von der Politik ebenso einstimmig angenommen.

Nora Schmid, geboren 1975 in Bern, studierte in ihrer Heimatstadt und in Rom Musikwissenschaft und Betriebswirtschaft. Sie sammelte Erfahrungen im Orchestermanagement bei der "basel sinfonietta“. In der Staatsoper Unter den Linden in Berlin war sie im Bereich Marketing tätig. 2005 ging sie als Musiktheaterdramaturgin an das Theater Biel Solothurn. Ab 2007 war Schmid Dramaturgin im Theater an der Wien, bevor sie 2010 Leitende Dramaturgin an der Semperoper in Dresden wurde. Nach dem Tode der Intendantin Dr.Ulrike Hessler im Sommer 2012 gehört Nora Schmid zur geschäftsführenden Interims-Intendanz.

In Graz wird Nora Schmid ab 1. Jänner 2015 tätig sein. Die Spielzeiten 2013/14 sowie 2014/15 wurden bzw. werden noch von der derzeitigen Intendantin Elisabeth Sobotka gestaltet, die dann mit Jahreswechsel 2014/15 zu den Bregenzer Festspielen wechseln wird. Nora Schmid hat sich bei der Pressekonferenz mit einem kurzen Statement vorgestellt – und gleich Sympathien gesammelt, bezeichnete sie doch - mit entschuldigendem Seitenblick auf Dominique Meyer - das Opernhaus Graz (zu Recht!) als das „schönste Opernhaus Österreichs“. Inhaltlich war naturgemäß noch nichts Essentielles zu erfahren – hier ist es aber durchaus interessant, ein ausführliches Interview zu lesen, das sie 2010  einer schweizerischen Zeitung bei ihrem Antritt in Dresden gab:http://www.journal21.ch/eine-junge-bernerin-chefdramaturgin-der-semperoper-desden An ihre damaligen Aussagen kann man nur den Wunsch knüpfen, Nora Schmid möge mit der österreichischen Mentalität in Graz besser zu Rande kommen, als dies offenbar in Wien der Fall war….

A propos Österreich: Die Bühnen Graz werden vom Bundesland Steiermark und der Stadt Graz gemeinsam finanziert – beide Gebietskörperschaften sind paritätisch im Lenkungsausschuss vertreten. Den Vorsitz führen im Jahrestakt wechselnd der Landeshauptmann (entspricht in Deutschland dem Ministerpräsidenten) und - derzeit - der Bürgermeister (entspricht dem Oberbürgermeister). Dieser führte auch durch die Pressekonferenz, bei der alle Kultur- und Finanzverantwortlichen von Land und Stadt anwesend waren.

Abschließend bleibt nur der Wunsch, dass es  Wopmann neuerlich gelungen ist, eine positive Führungsentscheidung herbeizuführen – in jedem Fall wird es seine letzte Entscheidung gewesen sein, weil er seine Funktion im Aufsichtsrat beendet. Wopmann: „Nach zehn Jahren Graz und im 78. Lebensjahr habe ich auch ein Recht auf mehr Eigeninteressen. Das Maß ist dann für mich gefüllt.“

DER OPERNFREUND wünscht "Alles Gute" für Nora Schmid resp TOI TOI TOI - und natürlich auch für "Alfred Wopmann" !

Hermann Becke

 

Fotos von der Pressekonferenzhttp://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/multimedia.do?action=showEntry_detail&project=158818

Video mit Nora Schmid: http://www.kleinezeitung.at/allgemein/video/multimedia.do?action=showEntry_VideoDetail&project=462&id=330186

Interview mit Alfred Wopmann: http://www.kleinezeitung.at/nachrichten/kultur/3284760/mass-gefuellt.story

 

 

 

Besprechungen früherer Opernaufführungen befinden sich weiter unten auf der Seite Graz des Archivs.

 

 

 

 

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