DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
Alle Premieren 17.18
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-((
Der OF-Stern * :-)))
HUMOR & Musikerwitze
Bilsing in Gefahr
Herausgeber Seite
----
KINO Seite
CD DVD BluRay
Buchkritik aktuell
Kliers Discografie
-----
Oper und Konzert
Pr-Termine 2016.17
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Basel
Basel Musicaltheater
Basel - Casino
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Bayreuth Festspiele
Belogradchik
Bergamo
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstige
Bern
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bozen
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Musikfest 2016
Bremerhaven
Breslau
Brünn Janacek Theate
Brüssel
Budapest
Budap. Erkel Theater
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Duisburg
Düsseldorf
Düsseldorf Tonhalle
Schumann Hochschule
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl Festspiele 2015
Erl Festspiele 2014
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Philharmonie
Essen Folkwang
Eutin
Fano
Fermo
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Gelsenkirchen MiR
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Giessen
Glyndebourne
Görlitz
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte
Graz Sonstiges
Hagen NEU
Hagen alt
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Bad Ischl
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Köln Staatenhaus
Köln Wiederaufnahmen
Köln Kinderoper
Köln Kammeroper
Köln Philharmonie
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
London ENO
London ROH
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Lyon
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim WA
Mannheim
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Minden
Minsk
Miskolc
Mönchengladbach
Mörbisch
Hamburg
Monte Carlo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neuss RLT
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oldenburg
Ölbronn
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Parma
Passau
Pesaro
St. Petersburg
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Bad Reichenhall
Remscheid
Rendsburg
Riga
Rosenheim
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
San Francisco
San Marino
Sarzana
Sassari
Savonlinna
St. Gallen
St. Petersburg
Bad Reichenhall
Oper Schenkenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spoleto
Stockholm
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Weimar
Wels
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Konzert
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
In Memoriam
Musical
Jubiläen 2016
Essay
Nationalhymnen
Doku im TV
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Unsitten i.d. Oper
---
CD Kritiken Archiv

THEATER HAGEN

 Intendant: Norbert Hilchenbach

Karten / Theaterkasse


 

MADAMA BUTTERFLY              

Premiere am 6. Juni 2015

Gibt es das überhaupt (noch) – eine Frau mit derart übergroßer Liebenssehnsucht wie Puccinis Cio-Cio-San? Als möglicher Beweis könnte ein männliches Pendant wie Werther dienen, ein Schwärmer, von Massenet in schmachtende Kantilenen gekleidet. Extreme Kontrastfiguren wären Carmen und Lulu, Giovanni und Faust (in der Lesart Gounods). In dem weiten Feld menschlicher Gefühle deckt Puccinis Protagonistin auf jeden Fall ein wichtiges Feld ab. Vielleicht war diese Oper für den Komponisten auch eine Art Beichte, steht er doch wie Leutnant Pinkerton für den Typ des triefhaften Mannes. Ein Urkonflikt also, welcher die Auffassung von NORBERT HILCHENBACH, dem regieführenden Intendanten des Theaters Hagen, bestätigen mag, das Geschehen könnte „letztlich überall und auch ganz heutig stattfinden“.

Das drückt sich nicht zuletzt an den modernen Kostümen von Yvonne Forster  aus (japaneske Elemente bedeuten nur Zitat), sondern auch darin, dass die Wände von Cio-Cio-Sans Haus per Fernbedienung arrangiert werden können. Ansonsten genügt dem Bühnenbildner Peer Palmowski ein blühendes Bäumchen, um Lokalkolorit zu beschwören. Vom 2. Akt an hat es seine Blüten verloren, und die auf Stelzen montierte, geschrägte Spielfläche ist übersät mit amerikanischem Wohlstandsmüll – eine Landschaft von durchaus trostloser Suggestivität. Die unter Wasser stehende Bühne muss man nicht als in jeder Hinsicht zwingende Bildidee ansehen, zumal es manche lediglich oberflächliche „Plantscherein“ gibt. Aber die vielen Papierschiffchen, welche auch als Dekorersatz im Blumen-Duett dienen, vermitteln viel von Cio-Cio-Sans Sehnsucht nach dem geliebten Mann jenseits des Ozeans.

Die Kostüme verlegen die Handlung also in ein freilich nicht näher bestimmtes Jetzt. Das lässt die Überzeitlichkeit des Geschehens erkennbar werden. Ob dabei aber die Beibehaltung von Ritualen (bis hin zum zeremoniellen Selbstmord) noch als zwingend gelten können, ist für einen Nichtkenner japanischen Lebensstils freilich kaum zu beurteilen. Der fluchende Onkel Bonze im Straßenanzug und mit Sonnenbrille wirkt generell etwas befremdlich. Nachvollziehbar wird andererseits, dass sich Cio-Cio-San in ihrem neuen Leben als Mrs. Pinkerton nach amerikanischer Manier einrichtet, incl. Kleidung (Jeans!). Suzuki, mehr Freundin als „Dienerin“, trägt von vorneherein westliche Kleidung, ebenso Fürst Yamadori.

Ansonsten setzt die Regie nur wenige, allenfalls dezente Akzente. Ein wesentlicher betrifft allerdings die Figur Pinkertons, und das hat viel mit dem hinreißenden Sängerdarsteller Richard Furman zu tun. Während andere Inszenierungen (etwa die Kölner von Patrick Kinmonth, 2008) von vorneherein den Junker Leichtfuß hervorkehren, wirkt der amerikanische Tenor ausgesprochen sympathisch. Furman, hochgewachsen, schlank, das lange Blondhaar mit Stirnband gebändigt, wirkt wie ein Ideal-Siegfried (diese Partie hat er auch schon gesungen) und überzeugt mit einer unglaublichen mimischen Lebendigkeit. Auch er gibt einen Hallodri, aber einen netten. Sein Pinkerton hat Lebensernst einfach noch nicht kennen gelernt, das Flirten scheint ihm anerzogen. Aber er lässt sich von Cio-Cio-Sans exotischem Charme sichtbar naiv überwältigen. Wenn er im 3. Akt zurückkehrt, ist seine Frisur gestylt, Anpassung an die Sitten in seiner Heimat. Aus dem Reueempfinden Pinkertons hätte die Regie ein wenig mehr Nutzen ziehen können. Richard Furman, demnächst in Wiesbaden in einem sehr weitläufigen Repertoire beschäftigt (u.a. Wagner – das Heldenfach sollte er möglichst mit Vorsicht angehen) sorgt mit seinem schmelzreichen Tenor, welcher in der Höhe keinerlei Probleme hat, für eitel Freude. In Hagen hat er bereits in Barbers „Vanessa“ und in „Fidelio“ (leider nicht gesehen) für sich eingenommen.

Erfreulich, dass Hilchenbach Cio-Cio-San (die als Geisha das Leben ja zur Genüge von der dunklen Seite her kennen gelernt hat) nicht als engelsgleiche Rühr-mich-nicht-an-Figur zeichnet. Bei ihm wird deutlich: Pinkerton ist (bei ihrem Gegenüber in Hagen besonders leicht nachvollziehbar) die große Liebe ihres Lebens. Sie gibt sich in erotischer Hinsicht ausgesprochen aktiv, fast anbiedernd, was ihr ferneres Verhalten glaubwürdiger als gemeinhin erscheinen lässt. Veronika Haller investiert viel Hingebungsvolles in ihre Darstellung, viel lyrisches Empfinden in ihren Gesang. Es bleibt aber weiterhin erkennbar, dass die Sopranhöhen weiterhin der Festigung bedürfen.

Konsul Sharpless ist eine zwiespältige Figur und nicht eben ein differenzierter Charakter. Das macht Kenneth Mattice, ungeachtet seines profunden Baritons, auch deutlich. Als Suzuki überzeugt Kristine Larissa Funkhauser, Richard van Gemert ist als Goro besser als je zuvor. Auch Rainer Zaun  (Onkel Bonze) und Keija Yiong (Yamadori) beeindrucken mit prägnanten Auftritten. Bei David Marlow  und dem Philharmonischen Orchester Hagen ist sogar von Faszination zu sprechen. Eine leichte Forte-Tendenz hier und da wäre vielleicht zu überprüfen, aber es ist ein überzeugender Puccini-Sound zu hören, Vitalität und Spielpräzision sind enorm. Zu Recht tosender Premierenbeifall.

Christoph Zimmermann 7.6.2015

Bilder Theater Hagen

 

VANESSA

von Samuel Barber.   

Premiere am 7.März 2015

 Als erstes sollte hinsichtlich der Hagener Produktion von Samuel Barbers „Vanessa“ festgehalten sein, dass sie im Sinne einer Teamarbeit ganz und gar erstrangig ausgefallen ist. Ein Ensemblemitglied findet zu einer überaus bestechenden Leistung, hoher Vokalstandart bestimmt auch die Gastsänger. Das Orchester entledigt sich seiner Aufgabe auf hohem Niveau, die Inszenierung verrät allerbestes Handwerk. Ein solches Ergebnis und Erlebnis am Hagener Theater, welches zu den sog. „kleinen“ gezählt wird,  macht im Grunde glücklicher als große „Events“ an einem großen, besser dotierten Haus.

 Die schöne Hagener Gepflogenheit, dem Publikum pro Saison eine Rarität vor allem aus dem zeitgenössischen Schaffen zu präsentieren, verbindet sich besonders mit dem Namen des Regisseurs ROMAN HOVENBITZER. Er hat vor Ort beispielsweise Zemlinskys „Kleider machen Leute“, André Previns „Endstation Sehnsucht“ und Ludger Vollmers „Lola rennt“ herausgebracht. Amerikanische Werke dominieren in dieser Bilanz. Auch „Vanessa“ ist ein USA-Gewächs und Barbers erste Oper, die 1958 nicht irgendwo, sondern an der Met sowie den Salzburger Festspielen Premiere hatte (die Reaktionen waren unterschiedlich). Auch das zweite Bühnenwerk Barbers, Antony and Cleopatra, erblickte in New York das Licht der Bühnenwelt, zur Eröffnung des neuen Met-Hauses 1966. Von diesem Werk hat man danach freilich nichts mehr gehört. Auch die Aufführungsstatistik von „Vanessa“ hält sich in Grenzen. Für Deutschland sind Produktionen aus jüngerer Zeit für Darmstadt, Gießen und Frankfurt zu nennen. Nun also Hagen – mir durchaus enthusiasmiertem Premierenerfolg.

 Er ist fraglos auch der Tatsache zuzuschreiben, dass Barber (wie u.a. an seinem berühmten „Adagio“ ablesbar) eine Musik schreibt, die nicht in das Schema radikaler Moderne passt. Bei ihm gibt es immer noch harmonische Konsonanzen, ausladende Melodiebögen, in „Vanessa“ auch eine Tendenz zu veristischer Plakativität, dazu typische Opernnummern wie Duett und Ensemble. Barbers leicht retrospektive Ästhetik muss natürlich immer mit Ablehnung rechnen. In Hagen jedoch schienen nur Genießer im Publikum zu sitzen.

 Das Sujet von „Vanessa“ (Barbers Freund Gian Carlo Menotti verfasste das Libretto) passt in die Dramatik der fünfziger Jahre, als Autoren wie Arthur Miller, Thornton Wilder, Tennessee Williams und Eugene O’Neill das Sagen hatten. Trauer muss Elektra tragen des Letztgenannten scheint sogar unmittelbar auf „Vanessa“ abgefärbt zu haben. Die junge Erika, zu einer befreiten Liebe nicht fähig, überlässt den lebenslustigen Anatol ihrer (vermutlichen) Mutter Vanessa. Dabei ist Anatol nicht der vergötterte Mann ihrer Jugend, auf den diese seit zwanzig Jahren wartet, sondern der Sohn. Aber ein spätes Glück findet sie, jugendlich aufblühend, auch bei ihm. Erika hingegen, emotional zwar aufgewühlt, „altert“ hingegen, trägt Trauer und verfügt sich in das Schicksal ihrer „Mutter“. Diese wenigen Inhaltssätze deuten einen leichten Kolportagecharakter der Handlung an, die auch von Sentimentalitäten nicht frei ist.

 Theatralisch wirkungsvoll ist das Ganze aber durchaus, auch dank Barbers effektvoller, kaum Hörschwierigkeiten aufbauender Musik, die unter FLORIAN LUDWIG voll zur Wirkung kommt. Sie gibt den Emotionen der Protagonisten reichlich Nahrung. Das nutzen die Hagener Sänger zu ihren Gunsten. Die Titelpartie gestaltet die Australierin KATRINA SHEPPARD emphatisch und leidenschaftlich, in der Höhe mitunter nur etwas grell. Den Weg der Erika von einem heiteren Mädchen  zur Trauer-Ikone gestaltet der vielseitige Ensemble-Mezzo KRISTINE LARISSA FUNKHAUSER mit großem Facettenreichtum und leidenschaftlicher Bühnenaktion. Als fescher Anatol ist RICHARD FURMAN nichts weniger als eine Idealbesetzung. Der gut aussehende und enorm spielfreudige amerikanische Tenor legt seine Partie wie einen Siegfried an (beide Wagner-Rollen hat er drauf), mit einer schönen Windgassen-Mischung aus Dramatik und Lyrik. Als Doktor bringt ILKKA VIHAVAINEN einen ausgesprochen großvolumigen Bariton zu Gehör. GUDRUN PELKER ist mit fester Stimme die alte Baronin, Vanessas Mutter, eine abweisende, aber hellhörig am Geschehen teilnehmende Greisin, im Outfit an die „Pique Dame“-Gräfin der Martha Mödl erinnernd. In Gelsenkirchen hat sie diese Partie vor kurzem ebenfalls gesungen.

 Roman Hovenbitzers Inszenierung bietet präzises Kammerspiel, klar in der Aussage, sinnfällig und einfallsreich in der Nutzung des Raumes (überzeugend realistisches Interieur: JAN BAMMES) und geschickt Filmaufzeichnungen einblendend. Diese spielen nicht zuletzt auf die Schicksale alternder Diven wie beispielsweise Marlene Dietrich an, die mit dem Altern des Körpers, mit dem Verblühen einstiger Schönheit nicht zurecht kamen und sich in die Einsamkeit zurückzogen. In Barbers Oper folgt mit Erika ein solches Schicksal auf das andere (Vanessa), was von vorneherein daran ablesbar ist, dass beide die gleiche Blondfrisur tragen.

Christoph Zimmermann 11.3.15

Bilder: Klaus Levebvre / Theater Hagen

 

Opernfreund CD Tipp

 

 

BALL IM SAVOY

Besuchte Aufführung am 30.01.15 (Premiere am 29.11.14)

Runde Unterhaltung

Das Theater Hagen ist diese Saison gerade in einer ihrer Hauptsparten besonders mutig und setzt in die Musical- und Operettenposition unbekannte Titel auf das Programm. Im Musical gibt es Stephen  Sondheims ersten großen Erfolg (Originaltitel "A funny thing happened on the way to the forum") als Texter und Komponist unter dem griffigen "Die spinnen, die Römer!", eine herrlich alberne Sandalenklamotte, zwar ohne echten Hit, doch mit einer brilliant komponierten Musik, der vor allem aus den großen komischen Rollen der beiden Sklaven Pseudolus und Hysterium lebt, in Hagen ganz großartig von Rainer Zaun und Richard van Gemert gegeben. Die Operettenpostion füllt Paul Abrahams leider sehr selten gespielter "Ball im Savoy", der an der Komischen Oper Berlin erneut Furore macht. Ein Stück voller angejazzter Ohrwürmer und der puren Lebenslaune der Zwanziger Jahre mit emanziperten Frauen, die sich von den Männern weder erotisch, noch beruflich die Butter vom Brot nehmen lassen.



Roland Hüve hat mit Sicherheit die Berliner Aufführung gesehen und sich einige gute Ansätze für seine Inszenierung abgeschaut, was kein Fehler ist, denn er geht das Wagnis mit Hagener Mitteln und dem Hagener Ensemble ein, ohne sich zu verbiegen. Siegfried E. Mayers praktikables, wie sparsames Bühnenbild wird der Zeit und dem Anlaß optisch gerecht und läßt den Tänzern des Balletts in der effektvollen Choreographie Andrea Danae Kingstons den nötigen Platz für die vielen Aufgaben, die diese Tanzoperette fordert. Mayers Kostüme geben den mondänen Gestus der Mode der Zeit wieder. Und Solisten, Choristen und Tänzer stürzen sich sichtlich mit Spaß in die turbulenten Darbietungen. David Marlow weiß das Philharmonische Orchester Hagen bestens zu motivieren und die tollen Melodien mal schwungvoll, mal mit sentimentalem Augenzwinkern zu servieren.

Das Hauptpaar sind die aus den Flitterwochen heimgekehrten Aristide und Madeleine Faublas. Johannes Wollrab kommt über den typischen Operettentenor, hier mit baritonalem Einschlag, leider nicht ganz hinaus. Dafür glänzt Veronika Haller als vielschichtige Madeleine in diversen Nuancen, gesanglich verschmilzt sie hohe Sopranhöhen mit dem manchmal brustigen Chansontönen, keine leichte Aufgabe, die doch recht stilsicher gemeistert wird, dabei hilft natürlich die technische Vokalverstärkung, die bei den durchaus schlagerhaften Melodien Abrahams angebracht erscheint. Das Buffopaar ist mit der attraktiven Kristine Larissa Funkhauser als Jazzkomponistin Daisy Darlington und dem geschwinden Bernhard Hirtreiter als bereits sechsmal geschiedenem, türkischen Attachè Mustapha Bei mit den flotten Tanzattacken deutlich ausgeglichener. Marilyn Bennett als rassige Tangolita geht mit zwischenmenschlichem Zwiespalt bis zur "Trash"-Komik. Richard van Gemert doubelt sich selbst in der Diener-Doppelrolle des Archibald/Pomerol. Johannes Rosenzweig gibt als vergnügungsüchtig-gehemmter Juristenjüngling ein Kabinettstück in Ton und Tempo, lange nicht einen so guten Komiker auf der Bühne gesehen.


Das auch dieses recht unbekannte Werk am Theater Hagen für eine prima Unterhaltung gut ist hat sich offensichtlich herumgesprochen, denn das Haus ist hervorragend ausgelastet. Also rechtzeitig Karten reservieren, um in den letzten Vorstellungen noch diese reizvolle Operettenrarität kennenzulernen.

Martin Freitag 5.2.15

Bilder Klaus Levebrvre

 

FAUST

von Gounod  

Premiere am 17. Januar 2015

 Vor einem Jahrzehnt stand Charles Gounods beliebt(est)e Oper zuletzt auf dem Spielplan des Theaters Hagen – und zwar als „Margarethe“. Hinweis darauf, dass Diskussionen über eine adäquate deutsche Titelgebung bis in die jüngste Zeit andauern. Dies durchaus nicht ohne Grund, wobei die Goethe-Ferne der Opernadaption eine maßgebliche Rolle spielt. Arrigo Boito hat sich von vorneherein solcher Diskussion entzogen, indem er einen „Mefistofele“ schrieb.

  Die aktuelle Titelwahl für Gounod in Hagen wird von der Inszenierung HOLGER POTOCKIs gestützt, ja gefordert. Sie zeigt, wie sich bei dem alten, im Krankenhaus dahin dämmernden Faust das Leben noch einmal zu Wort meldet, ein schuldhaftes Leben. Der Patient sucht es zu beenden, doch reicht seine Kraft nicht, um die Schlauchapparaturen neben seinem Bett außer Funktion zu setzen. Doch dann erreicht ihn der natürliche Tod. Die letzten Sekunden vor dem Aufgehen im Jenseits lassen – so glaubt man, so wurde es auch bewiesen – Vergangenes noch einmal wie im Zeitraffer vor einem Sterbenden vorüberziehen. So auch bei Faust, beginnend damit, dass der segnende und die letzte Ölung spendende Priester zum Dämon mutiert, zum Drahtzieher in Fausts delirischer Retrospektive. Auch das Personal des Krankenhauses wechselt seine Identität. So wird aus einem jungen Doktor Valentin, aus einer Schwester Marguerite. Diese wird sich am Schluss dem Verstorbenen ein letztes Mal zuwenden, verzeihend, wie es scheint, zumindest verständnisvoll und mitleidend.

Das sich unter Grauschleiern herausschälende Gesicht des alten Faust auf einer Projektionsleinwand legt dieses Konzept von Anfang an unmissverständlich fest. Es geht freilich nicht in jedem Moment voll auf. Dass Faust im 1. Bild aus dem Off (Krankenhaus) singt, kann man als innere Stimme deuten, aber die Duplizität der Figuren bei der Ermordung Valentins wirkt nicht ganz schlüssig, auch wenn die Absicht klar wird, Grenzen zwischen Erlebtem und Fiktivem zu verwischen. Dazu gehört die zirkushaft bunte Ausstattung von LENA BREXENDORFF ebenso wie die mit Schnallen zusammengehaltene Anzugsjacke von Faust, welche damit einem Krankenhauskittel gleicht.

 Nicht jedes Bild besitzt die gleiche Deutungsqualität, doch ist die schlüssig symbolisierte Walpurgisnacht positiv hervorzuheben. Hier sind alle Personen der Handlung wie ein stummes Gericht versammelt, so auch der traurige Siebel oder der blutüberströmte Valentin. Der alte Faust fährt mit seinen Händen über einen Kindersarg. Nach dem Gefängnis-Terzett vor dem Vorhang gibt dieser noch einmal den Blick frei auf das Krankenhauszimmer. Das Premierenpublikum, ohnehin merklich begeistert, zeigte sich von der szenischen Deutung sehr angetan.

 Ein besonderes Kompliment ist dem PHILHARMONISCHEN ORCHESTER HAGEN unter STEFFEN MÜLLER-GABRIEL (1.Kapellmeister und Studienleiter am Haus) zu machen. Das Vorspiel wird ausgesprochen differenziert in punkto Dynamik und Klangfarbe geboten, ein Niveau, welches sich – einige kleinere Grobheiten ungeachtet – auch später hält: eine imponierende Arbeit. Auch der verstärkte Chor (WOLFGANG MÜLLER-SALOW) leistet Beachtliches.

Für die Titelpartie hat man den Australier PAUL O’NEILL gastverpflichtet. Er verfügt über einen angenehm lyrisch grundierten Spinto-Tenor, dessen sichere, unangestrengte und metallisch leuchtende Höhe (einmal das hohe D) besonders frappiert.

Diese Qualität fehlt VERONIKA HALLER, deren Marguerite zudem an vokaler Sensibilität gewinnen dürfte. In Spiel und Erscheinung überzeugt sie freilich. Dem Siebel gibt KRISTINE LARISSA FUNKHAUSER sympathische Konturen, MARILYN BENNETT ist eine resolute Marthe, KENNETH MATTICE verkörpert jungburschenhaft und mit kernigem Bariton den Valentin. Bei RAINER ZAUN gibt es die eine oder andere gestische Übertreibung (Spiel der Finger), und die Stimme ist für den dämonischen Méphistophélès wohl doch etwas matt. Aber er bleibt ein Vollblutdarsteller. PAUL JADACH ist Wagner, KLAUS KLINKMANN der alte Faust.

Christoph Zimmermann 18.1.15

Bilder Theater Hagen

 

 

BALL IM SAVOY

Premiere: 29. November 2014

Besuchte Vorstellung: 7. Januar 2015

Paul Abraham scheint plötzlich eine Renaissance zu erleben. War in den letzten Jahren gelegentlich nur „Victoria und ihr Husar“ zu sehen, so wagen sich die Bühnen nun auch an seine Raritäten. In der vergangenen Spielzeit brachte Barrie Kosky an der Komischen Oper Berlin einen glamourösen „Ball im Savoy“ heraus, und Hagen spielt das Werk nun nach. Am Premierenabend wurde sogar zeitgleich im benachbarten Dortmund „Roxy und ihr Wunderteam“ wiederentdeckt.

Ein bisschen wirkt dies Geschichte wie ein Aufguss der „Fledermaus“. Ein Ehepaar, das im ersten Akt noch verliebt zu Hause sitzt, geht im zweiten Akt auf einem Ball, wo es fremdflirtet. Musikalisch lohnenswert wird das Ganze aber durch Paul Abrahams tolle Ohrwürmer wie „Es ist so schön am Abend bummeln zu gehen“, „Warum bin ich verliebt in Dich“ und „Die ganze Welt tanzt Kängeruh“.

Regisseur Roland Hüwe hat die Dialoge auf den Pult genau getimt, die Choreographie von Andrea Danae Kingston sorgt für zusätzlichen Schwung, der besonders von je fünf Damen und Herren aus der Hagener Ballettcompagnie umgesetzt wird. Siegfried E. Mayer hat eine einfache aber wirkungsvolle Bühne gebaut: Eine geschwungene Rückwand stellt den großen Raum des „Savoys“ dar. Wenn wir zu Hause beim Ehepaar Faublas sind, begrenzt ein Vorhang aus dicht gehängten Schnüren den Raum.

In Hagen erlebt man zwar mit „Ball im Savoy“ einen unbeschwerten Operetten-Abend, an die Dortmunder Aufführung von „Roxy und ihr Wunderteam“ kommt diese Produktion aber nicht ganz heran, was auch an Schwächen in der Hagener Besetzung liegt.

Enttäuschend ist Veronika Haller als Madeleine de Faublas. Die Rolle der eifersüchtigen Ehefrau, die sich mit einem Seitensprung an ihrem Mann rächen will, spielt sie überzeugend, aber sängerisch bereitet ihr die Partie erhebliche Probleme. In der Tiefe hat sie oft zu wenig Fundament, in der Höhe singt sie oft an den richtigen Tonen vorbei. Ihren Ehemann Aristide spielt Johannes Wohlrab zwar etwas steif, er singt den Macho-Marquis aber mit schönem Bariton und einem ironischen Augenzwinkern.

Als Jazzkomponistin Daisy Darlington kann Kristine Larissa Funkhäuser nicht ganz den Glamour verbreiten, den diese Rolle eigentlich benötigt. Sie singt ihre Rolle mit Swing und Witz, jedoch verzieht sie ihre Mundwinkel zu oft nach unten, um hier gute Laune zu verbreiten. Temperamentvolle Auftritte legt Marilyn Bennett als Tänzerin Tangolita hin.

Große Klasse ist Bernhard Hirtreiter als Mustapha Bei, den türkischen Botschafts-Attache. Hirtreiter spielt und singt seine Rolle als osmanischen Don Juan, der für viel gute Laune sorgt. Dazu gefällt auch noch sein leicht geführter Tenor. Super komisch sind die Auftritte von Johannes Rosenzweig als schusseliger Liebhaber Célestin.

Das Philharmonische Orchester Hagen spielt unter David Marlow eine beschwingte Mischung aus Walzer, Foxtrott und Swing. Das Gleichgewicht zwischen den groß besetzten Blechbläsern und den Streichern könnte aber noch feiner ausbalanciert werden.

Insgesamt ist dieser „Ball im Savoy“ eine lohnende Wiederentdeckung im aktuell gut aufgestellten Operetten-Reigen der Bühnen an Rhein und Ruhr.

Rudolph Hermes 15.1.15

Bilder: Theater Hagen

 

 

 

 

Stephen Sondheim:

DIE SPINNEN, DIE RÖMER

(A Funny Thing Happened on the Way to the Forum)

Premiere: 18. Oktober 2014

Bereits zum dritten Mal spielt das Theater Hagen mit „Die spinnen, die Römer“ ein Musical von Stephen Sondheim. Zu erleben ist ein irrwitziger Gute-Laune-Abend, der nichts mit Asterix und Obelix zu tun hat, aber mindestens genauso viel Spaß macht.

Für die Handlung des 1962 uraufgeführten Musicals wurden mehrere Komödien des antiken Dichters Plautus geplündert: Das ganze Durcheinander kann hier nicht erklärt werden, aber es geht um folgende Figuren: Hero, der Sohn des römischen Bürgers Senex verliebt sich in die kretische Jungfrau Phylia, die gerade im Haus des Kurtisanenhändlers Lycus untergebracht ist, dort aber nicht zum Einsatz kommt. Phylia ist nämlich eigentlich dem Hauptmann Miles Gloriosus versprochen. Außerdem gehören noch die beiden Sklaven Hysterium und Pseudolus zum Personal.

Den Pseudolus verkörpert in Hagen Rainer Zaun, der sich als eine abgedrehte Comedy-Granate entpuppt. Sonst singt er den Phillip in „Don Carlos“ oder den Pizarro in „Fidelio“ und tritt sogar als Solist bei den Bayreuther Festspielen auf. Als Pseudolus tobt er über die Bühne wie Mel Brooks in „Die verrückte Geschichte der Welt“. Stimmlich trägt er dabei gar nicht dick auf, sondern singt seine Partie locker aus der Hüfte, und ist dazu noch bestens textverständlich.

Das gilt auch für den Rest des Hagner Opernensembles. Richard van Gemert singt den Zweitsklaven Hysterium mit einem Anflug von kriecherischer Dämlichkeit. Christoph Scheben spielt den Senex mit jovialer Gemütlichkeit, seine Frau Domina wird von Marilyn Bennett  als dekadente Nymphomanin dargestellt. Jung und unschuldig spielen Maria Klier und Tilmann Schneiders das jugendliche Liebespaar Philia und Hero, das von beiden mit frischen Stimmen ausgestattet wird.

Darstellerische Kabinettstückchen steuern zudem Rolf A. Scheider als Bordellbetreiber Lycus mit Brusthaartoupet, Werner Hahn als langbärtiger Zausel Erronius und Kenneth Mattice als großmäuliger Miles Gloriosus bei. Letzterer ist im Bezug auf Textverständlichkeit der einzige Schwachpunkt der Aufführung.

Alle Darsteller stürzen sich unter Annette Wolfs Regie mit Begeisterung in den Aberwitz dieses Stückes. Da wird auch schon mal grell überzeichnet, aber die Dialoge haben Tempo und Witz. Die aktionsgeladene Inszenierung, die oft an Monty Python erinnert, sorgt zudem für viel Slapstick und Klamauk. Im Theater Hagen folgt Lachsalve auf Lachsalve, so viel Stimmung schwappt hier durch den Saal.

Toll anzusehen ist auch das an „Super Mario“ angelehnte Bühnenbild von Lena Brexendorff. Flott sind die Choreografien von Alfonso Palencia bei denen auch der bestens aufgelegte Chor über die Bühne wirbeln darf.

Die Musik von Stephen Sondheim enthält zwar nicht allzu viele Ohrwürmer, lässt einen aber trotzdem permanent im Rhythmus wippen und wiegen. Unter der Leitung von Steffen-Müller Gabriel spielt das Philharmonische Orchester Hagen in Big-Band-Formation auf und sorgt für den nötigen Glitzer-Glamour dieses tollen Spektakels.

Rudolf Hermes 22.10.14

Bilder: Theater Hagen

 

 

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL

Besuchte Premiere am 06.09.14

Koloraturen im Käfig

Das Stadttheater Hagen beginnt die neue Saison mit Mozarts Singspiel "Die Entführung aus dem Serail", das annähernd zwanzig Jahre nicht mehr an der Volme gegeben wurde. Die Inszenierung von Thomas Weber-Schallauer bringt in heutiger Weise das Stück auf die Bühne, ohne sich irgendwie "modern" auszustellen, zwar sind die Kostüme von Christiane Luz für die "Westler" modernen Zuschnitts, doch die Türken tragen orientalische Kostüme. Das Bühnenbild von Jan Bammes besitzt schlichte Zeitlosigkeit, zunächst mit dem Halbrund einer weißen Mauer vor einem himmelblauen Horizont die Abgeschlossenheit des Landsitzes suggerierend, öffnet sich der Raum zum Serail, um den Blick auf einen symbolischen, "goldenen Käfig" freizugeben. Manchem wird das vielleicht etwas etwas platt von der Idee her erscheinen, doch die Schlüssigkeit überzeugt, zumal die Ornamentik attraktiv die Ästhetik des Hagener Theaterbaus aufgreift. Weber-Schallauers Personenregie versucht durch Emotionalisierung der Dialoge dem etwas biederen Handlungverlauf des Singspiels zu entkommen, doch gerät die Sprechweise öfters ins Undeutliche; eine Tatsache, die sicherlich auch den "nicht Muttersprachlern" im Ensemble zu Schulden liegt; an der Textverständlichkeit sollte durchaus noch gefeilt werden. Zum Zweiten betont er gerade im Zwischenmenschlichen der beiden Liebespaare doch etwas zu sehr die Ängste und Traumatisierungen der Protagonisten, statt auf die Stärken der Liebe zu setzen. Insgesamt wirkt die Inszenierung jedoch sehr gelungen, manches Detail ist vielleicht unnötig, anderes jedoch gelingt gut. Deshalb gibt es gerade für die szenische Leitung einen besonders erfreulichen Schlussapplaus.

Musikalisch hat Florian Ludwig mit dem Philharmonischen Orchester Hagen sehr sorgfältig gearbeitet, was man schon an dem feinen Ausfeilen der Details der Ouverture merkt, mit den szenischen Einsätzen bin ich nicht ganz so zufrieden, denn Ludwig neigt dazu die emotionalen Phasen der Ensembles, gerade die Duette zwischen Osmin und seinen Gegnern etwas zu verhetzen, wie er die langsamen Nummern mit einer Übersteigerung von Pausen allzu genüßlich ausdehnt ( erste Blonde-Arie, wie die Arien Konstanzes) , die Anschlüsse an manch dehnend ausgespielten Dialog , bräuchten auch eine schnellere Dynamik.

Mit Kejia Xiong entwickelt sich ein junger Tenor im Ensemble, der sehr gut das lyrische Fach mit leichtem Hang zum Zwischenfach auszufüllen weiß. Der Belmonte ist (auch ohne die Baumeister-Arie) eine lange Partie, die einige Stamina benötigt, denn die Beteiligung an vielen Ensembles und die drei verbliebenen Arien fordern. Xiong singt mit schönem Schmelz und stets auf Linie, die Ziselierungen gelingen ebenso wie die Einsätze auf langen Atem, da hat man ordentlich Freude an schönem Mozart-Gesang. Sarah Längle kann als Konstanze nicht ganz so mithalten, zwar besitzt die Sopranistin eine brilliante Höhe für die geforderten Koloraturen, eine gute Tiefe, doch im relativ liegenden Registerwechsel verläßt die Stimme den Körperklang und klingt matt, da steht noch Arbeit für die sympathische, junge Sängerin bevor.

Besser klingt da Maria Kliers Blonde mit den enormen Soubrettenhöhen, die Mozart komponiert hat, beide Frauenportraits wirken überaus modern und reflektierend inszeniert. Richard van Gemert ist ein sehr präsenter, von Ängsten beherrschter Pedrillo, stimmlich macht er durch Ausdruck in den Ensembles viel her, doch die heikle Arie "Frisch zum Kampfe" bringt ihn mit den recht gestemmten Spitzentönen doch an die Grenze. Mit Martin Js. Ohu aus dem aufgelösten Wuppertaler Ensemble gibt es als Osmin ein erfreuliches Wiedersehen, so gibt er duch jugendliche Attraktivität durchaus eine mögliche Alternative für Blonde, stimmlich gefällt seine satte Tiefenlage und der Mut den emotionalen Ausdruck über die musikalische Linie schnappen zu lassen, was Mozart ausdrücklich von seinem Interpreten verlangte. Werner Hahn komplettiert das Ensemble als Bassa Selim, kommt aber erst zum rettenden Finale über die Rolle als Stichwortgeber hinaus. Der Opernchor ergänzt in den wenigen, doch hervorragend ausgeführten Einsätzen, das Soloquartett gefällt durch Sorgfalt und Klangharmonie.

Das Stadttheater Hagen besitzt mit dieser Neuproduktion vielleicht keine aufregende Interpretation, doch eine Aufführung, die letztendlich viel Freude bereitet. Das Publikum freute sich recht von Herzen ob des Endes der Theaterpause und spendete seinen Künstlern einen außerordentlich herzlichen, langanhaltenden Premierenjubel. Sicherlich auch als deutliches Zeichen für den Erhalt des in der letzten Saison doch durch Sparandrohungen sehr gebeutelten Hauses.

Martin Freitag  10.9.14

Bilder Theater Hagen / Klaus Levebvre

 

 

OTELLO

Besuchte Premiere am 07.06.14

Moderner Otello

Giuseppe Verdis "Otello" ist kein kleines Werk für eine Bühne wie das Stadttheater Hagen, die das Eifersuchtsdrama als letzte Premiere der Spielzeit 13/14 auf die Bühne hiefte. Um es schnell zu machen, das Beste an Annette Wolfs Inszenierung ist die Geradlinigkeit, mit der sie die Handlung erzählt, denn ansonsten häuft sie viele unnötige Ideen und überflüssige Mätzchen auf die ansonsten recht schlichte Bühne von Ausstatter Jan Bammes. Letztere gibt für die heutige , in einer Militärgesellschaft spielende, Inszenierung den Rahmen mit Gerüsten und Hängern, da merkt man schon die Sparauflagen mit denen das doch immer noch profilierte Stadttheater arbeiten muß, den Stadtoberen sei gesagt: mehr sparen geht wirklich nicht, das ginge an die Substanz. Doch Armut muß ja keine Schande sein, wenn man kreativ und überzeugend damit hantiert, was der regisseurin leider nicht gelingt. Anstatt das Drama schlicht aus der Personenführung heraus zu gerieren, hat sie scheinbar Angst vor Stillstand, deswegen hetzt sie die Protagonisten unnötig die Treppen hoch und wieder herunter. Ideen wie Jagos Trinklied als eine Art Stripppoker oder die Huldigung an Desdemona mit einem tragbaren Soldatenfriedhof sind unnötig, um nur zwei Details zu nennen.

Gerade die Personenführung läßt zu wünschen übrig, vor allem was die Desdemona betrifft, sie erscheint lediglich wie ein naives Dummchen, das sehenden Auges in ihre eigene Kiste, was wörtlich zu nehmen ist, hüpft, die Imelda-Marcos-Schuhparade im letzten Bild, das ständige Jungmädchengetue, nerven den ernsthaften Betrachter, das rote Zipfelkleidchen empfinde ich als peinlich. Dabei ist die großgewachsene, blonde Veronika Haller eigentlich optisch ideal für diese Partie. Stimmlich ist ihr sehr "deutscher", gerader Sopran nicht wirklich überzeugend, viele hohe Töne werden von unten angesungen, was zu leichten Intonationen führt, die vokalen Acuti geraten noch nicht überzeugend; mir persönlich fehlt einfach die nötige Italianita. Mit Ricardo Tamura hatte man sich einen echten italienischen Tenor ans Haus geholt, der schon Engagements an der MET vorzuweisen hat, eine sehr hell klingende Stimme mit prächtigen Höhen, eher ein federndes Florett als ein dröhnender Degen. Leider bekam er bereits im zweiten Akt stimmliche Probleme, die der sympathische Sänger, dem die Regie leider ein ständiges Herumfuchteln mit der Pistole verschrieben hatte, doch bis zum Ende bewundernswert durchhielt. Sehr intelligent weiß Tamura, wo er mit Nachdruck Effekt erzielt und wo er sich zurückhalten mußte, Probleme machten weniger die geschmeidigen Spitzentöne, denn die tiefe, baritonale Lage. Dritter im Bunde war Raymond Ayers, eigentlich ein Kavaliersbariton, den Jago würde ich ihm nicht an größeren Bühnen empfehlen. Doch ihm gelingt als einziger der drei Hauptprotagonisten ein wirklich überzeugendes Rollenprofil, denn sein Jago hat mit seinem angenehm weichen Ton die richtige Bonhomie, die Boito und Verdi gewünscht hatten. Ein Intrigant, dem man unter seiner freundlichen Maske, nicht die Boshaftigkeit abnimmt. Das Credo bedarf noch ein bißchen des Ausfeilens, da fehlt noch ein Quantum Bedrohlichkeit, was indes auch der Regie anzulasten ist, denn hier wird noch ein Sohn Jagos auf die Bühne gezaubert.

Marilyn Bennett singt eine stimmlich reife und zuverlässige Emilia, der man leider von der Regie nicht das entsetzte Umknicken im vierten Akt abnimmt, nachdem sie sich sonst als unfreundliche Genossin Jagos zeigen mußte. Keija Xiong sollte seinen lyrischen Tenor nicht zum Forcieren bringen, dann wäre sein Cassio noch besser. Richard van Gemert (Rodrige), Orlando Mason (Lodovico), Rainer Zaun (Montano) und Egidjus Urbonas (Herold) zeigen vokal und szenisch die Stärken des Hagener Ensembles. Die Chöre unter Wolfgang Müller-Salow gestalten ihren wichtigen Part klangschön und mit viel Einsatz.

Bleibt noch das zur Zeit immer besser werdende Philharmonische Orchester Hagen unter Florian Ludwig, da hört man in den kammerspielartigen Passagen einen sehr flexiblen Ton, der gerade die "Konversationsszenen" schön plastisch machen, doch an den dramatischen Stellen wünscht man sich eine Zurücknahme den Sängern gegenüber. Ludwig setzt bei der Dynamik zu sehr auf Lautstärke als auf Zuspitzung der Akzente. Leider war gerade der kammermusikalische vierte Akt diesen Abend noch nicht perfekt in den Orchesterfarben austariert, hier fehlte vielleicht auch ein wenig Mut zur Kargheit von Verdis genialer Komposition.

Das Hagener Premierenpublikum jedenfalls feierte sein künstlerisches Ensemble, auch für die Inszenierung gab es keine Gegenstimmen, die Sänger wurden bis in die kleinen Partien bejubelt.

Martin Freitag 9.6.14

© Theater Hagen Klaus Lefebvre

 

 

DON QUICHOTTE 

Besuchte Premiere am 26.04.14 

Individuum gegen Gesellschaft

Den Massenet-Liebhaber freut das zur Zeit verstärkte Interesse an diesem schillernden Komponisten im Rheinland, so ist seine schwermütige "Comedie heroique" "Don Quichotte" innerhalb eines Jahres in Wuppertal, Gelsenkirchen und eben jetzt in Hagen zu erleben, alle drei sehr unterschiedliche, eigenständige Interpretationen. Gregor Horres setzt seine Inszenierung in eine industrialisierte Amüsiergesellschaft, Jan Bammes` schöne, sinnige und abwechslungsreiche Bühnenbilder sorgen für einen attraktiven Hintergrund, der ein wenig an Fritz Langs Kinoklassiker Metropolis erinnert, Yvonne Fosters Kostüme finde ich persönlich etwas geschmäcklerisch, vor allem die weiß-blauen Chorkostüme mit ihren barockisierenden Anklängen gerieren eigentlich mehr eine phantastische Offenbach-Operette. Doch das Konzept an sich ist sehr schlüssig, denn sowohl Don Quichotte samt Sancho Pansa, wie auch das feminine Idol Dulcinea dienen dieser Spaßoutrage lediglich als Unterhaltung. Die Bilder dazu geraten poetisch, die Chorführung könnte etwas lebhafter sein, kleine Eigenheiten wie den Rollstuhl für Marilyn Bennett als Räuberhauptmann oder die Banditen als Frauenchor während der Herrenchor den musikalischen Part von der Bühnenseite gestaltet, erschließt sich mir nicht. Doch insgesamt gelingt Horres eine wunderschöne Inszenierung mit sehr starken Darstellern.

Orlando Mason in der Titelpartie ist mit seinen schlanken, über zwei Metern Höhe schon optisch eine Idealbesetzung, gesanglich hat der Bass ab dem Register zwar Probleme in der Höhe, doch seine einnehmende, sensible Gestaltung des poetischen Narren macht das mehr als wett, die Tiefe klingt gut fokussiert und wartet mit changierender Wärme auf, bei seinem ergreifenden Tod bleiben nicht viele Augen trocken. An seiner Seite als menschliche Antithese des Pragmatikers der Sanco Pansa von Rainer Zaun, ein absolut liebenswerter Proll von bühnenbordender Präsenz und theatralischen Bassbariton. Wenn dann noch bei ihrem Auftritt Rosinante und der Esel als technische Tiere voller Bewegung auftauchen, gibt es Szenenapplaus. Kristine Larissa Funkhauser als charismatisch nachdenkliche Dulcinea setzt bei der Traumbesetzung noch die Kirsche auf die Sahne, den komplizierten Nuancen ihrer Partie weiß sie vom großen Gesangston über das Chanson zum innig Liedhaften hervorragend gerecht zu werden.

Dann gibt es da noch das stimmlich gemischte Männerquartett von Pedro, Garcias, Rodriguez und Juan, die Damen, Maria Klier und Veronika Haller, treten transgendermäßig auf, Keija Xiong mit noch nicht ganz gefundenem Ton für diese Tenorpartie sieht aus wie eine tuntige Hella-von-Sinnen-Parodie, Richard van Gemert verkörpert einen düsteren Machtmenschen, jeder dieser vier hat eine schön entwickelte Körpersprache, die sei/er äußerst lustvoll auszuspielen weiß. Musikalisch war der Opernchor bei der Premiere nicht ganz auf der gewohnten Höhe, szenisch können sie mehr Furor, wenn die Regie es nutzt.

Das A und O einer gelungenen Massenet-Aufführung jedoch ist das Dirigat, denn die diffizilen Anforderungen an die Dynamik, das Umsetzen der gesungenen Phrase auf die Sprache und das Austarieren der Orchesterfarben, die Massenet stellt, leigen nicht jedem. Florian Ludwig hat das alles und ihm gelingt mit dem "Don Quichotte" eines seiner besten Hagener Dirigate bislang. Das Philharmonische Orchester spielt so gut, wie ich sie lange nicht gehört habe, die Flöten klingen in der heiklen Akustik manchmal etwas forsch, doch das sind alles Marginalien. Besonderer Dank gilt den traumhaft schön gespielten Soli von Englischhorn, Cello und Violine. Das ist gelungene Kunstausführung!

Wenn meine manchmal etwas knauserigen Anmerkungen Kritik anklingen lassen, insgesamt war es ein sehr erfüllter Opernabend, der deutlich die Qualitäten eines an die Spargrenze getriebenen Hauses aufzeigt. Eine wundervolle Oper, eine gelungene Inszenierung, ein tolles Ensemble voller Sängerdarsteller, großartige Kollektive. So kann das Premierenpublikum nur noch mit geschlossenen "Stehenden Ovationen" reagieren. Wieder ein sehr lohnender Besuch des Hagener Theaters, der allen Opernfreunden ans Herz gelegt sei.

Martin Freitag 29.4.14

 

DON QUICHOTTE

Premiere am 26. April

  Nach gut hundert Jahren hat Jules Massenets „Don Quichotte“ nun auch das Theater Hagen erreicht. Mag sein, dass die Produktion auch deswegen zustande gekommen ist, weil das Haus mit dem jungen Bass ORLANDO MASON einen Zwei-Meter-Mann im Ensemble hat, dessen schlanke Hünenhaftigkeit auch die emotionale Größe des Titelhelden zu suggerieren weiß. Seine Stimme ist nicht gerade wuchtig (Platteneindrücke von Boris Christoff oder Nicolai Ghiaurov muss man also ausblenden), besitzt auch keine wirklich unverwechselbare Farbe, wirkt am überzeugendsten im lyrischen Bereich. Darum gelingt der 5. Akt – die lang gedehnte Todesszene – besonders stark. Auch RAINER ZAUNs Sancho Pansa (stimmlich sehr präsent) wird hier zu einer rührenden Figur, während der Sänger zuvor die buffonesken Seiten der Rolle etwas überborden lässt, was bei dem geborenen Komödianten freilich immer Wirkung macht.

Nicht nur diese beiden Leistungen wurden vom Publikum begeistert akklamiert, man gewann auch den Eindruck, dass die Oper selber außerordentlich gut ankam. Das ist keineswegs selbstverständlich, denn das sehr ambitioniert gearbeitete Werk weist etliche musiksprachliche Sprödigkeiten auf. Es entbehrt über weite Strecken einer melodischen Eingängigkeit, wie sie etwa „Werther“, vor ein paar Tagen in Düsseldorf herausgekommen, in üppiger Fülle eigen ist. Umso respektabler, was FLORIAN LUDWIG an Klangfarben und Ausdruck beim PHILHARMONISCHEN ORCHESTER HAGEN zu mobilisieren weiß.

 Während in Gelsenkirchen vor einem halben Jahr die Regisseurin Elisabeth Stöppler bei „Don Quichotte“ das Cervantes-Milieu komplett unter den Tisch fallen ließ und den Ritter von der traurigen Gestalt als einen etwas skurrilen Weltflüchter zeichnete, bleibt GREGOR HORRES in Hagen der Historie grundsätzlich verbunden, auch wenn die opulenten Kostüme von YVONNE FORSTER (sie dürften wie auch das zweistöckige Bühnenbild von JAN BAMMES den Etat des Hauses stark in Anspruch genommen haben) generell von modernem Zuschnitt sind. Es dominieren festlich-elegant die Farben, Blau, Weiß, Schwarz und Grau. Horres zeigt in der Tat eine sich selbst feiernde Gesellschaft, welche im weltfremden Titelhelden ein bizarres Spielzeug gefunden hat. Auch die mondäne Dulcinea (als solche von Massenet gänzlich anders gezeichnet als bei Cervantes), angeschwärmt von der Masse und besonders einem Verehrer-Quartett (die ungemein körperwendige MARIA KLIER, der sich köstlich tuntig gebende KEIJA XIONG, weiterhin VERONIKA HALLER und RICHARD VAN GEMERT), sieht in Quichotte lediglich ein exotisches Geschöpf, dessen Seelentiefe ihr erst spät bewusst wird. Hier weicht die Regie der freilich werkimmanenten Sentimentalität übrigens nicht ganz aus. Sehr sinnfällig hingegen wirkt es, das von der Gesellschaft inszenierte Spiel als Akt von Belustigung dadurch zu unterstreichen, dass der Chor die Bühne fast durchgehend bevölkert und einer aus der Masse sogar die Rolle des Bandenführers Ténébrun übernimmt (Mezzosopranistin MARILYN BENNETT in einer reinen Sprechpartie). Die Herausgabe eines geraubten Schatzes wird Quichotte nur vorgegaukelt, von diesem freilich real erlebt. Ein Traum unter vielen.

 Insgesamt ist der Inszenierung große Lebendigkeit und ein souveräner Umgang mit dem Chor zu attestieren. Sie gönnt dem Titelhelden im Finalakt – wie könnte es freilich anders sein? – große Ruhe und Konzentration auf den trauergesättigten Dialog zwischen Herr und Diener. Auch bei dieser Szene schaut das Volk von den Seiten aus zu. Ganz am Schluss lässt Horres die vier Kavaliere mit Pferd und Esel von Quichotte und Sancho (ironisch simple Drahtgestelle) auftreten. Also auch diese diensteifrigen Tiere werden der Lächerlichkeit preisgegeben. Sanchos Hand ballt sich zur drohenden Faust. Doch was hilft’s? Das Ritterideal, die Etikette von einst haben sich überlebt. Ob es Sancho überhaupt gelingt, auf der Insel der Träume, welche ihm der sterbende Quichotte vermachte, Fuß zu fassen?

Ein Lob für den sehr engagierten Chor (WOLFGANG MÜLLER-SALOW) ist nachzutragen. Und natürlich auch für die darstellerisch bestechende KRISTINE LARISSA FUNKHAUSER als Dulcinea. Vokal fehlt es der Figurenzeichnung allerdings ein wenig an sinnlicher Verve, an emotionalen Zwischentönen. Dennoch imponiert die Bühnenpräsenz der Sängerin nachhaltig. Bleibt zu hoffen, dass der eindeutige Premierenerfolg sich bei den weiteren Vorstellungen wiederholt.

Christoph Zimmermann 27.4.14

Bilder: Theater Hagen / Klaus Lefebvre

 

 

Alcina

Besuchte Vorstellung am 17.4.14

(Premiere am 6.4.14)

Verzauberte Kunstwelt

VIDEO

Das Theater Aachen findet sich mit "Alcina" auf der Mitte ihres Händel/Ariost-Projektes, das man zum "Karl-Jahr" in Angriff genommen hatte. Nachdem ich vom letztjährigen "Ariodante" enttäuscht war, überraschte mich das gleiche künstlerische Team mit einer sehr interessanten "Alcina"-Deutung. Jarg Patakis "Ariodante" wirkte auf mich sehr laienhaft und durcheinander von den Ideen, bei "Alcina" findet sich dagegen ein recht stringenter Ansatz: statt Magierin und Zauberinsel sieht man eine Kunstwelt in einem heruntergekommenen alten Raum, ein Lotterbett mit Himmel und Teile eines Fotostudios (Anna Börnsen), Alcina ist eine Foto-Objekt-Künstlerin, die sich ihre Welt selbstbestimmt eingerichtet hat. Die ehemaligen Liebhaber sind nicht zu Tier, Pflanze oder Fels verzaubert, sondern sind/waren ihre Fotomodelle, die durch Lebensart und Drogen zerrüttet sind, neuestes Objekt der Begierde ist Ruggiero.

 Mit Jakub Jozef Orlinski besetzt, hat man einen echten Coup gemacht, denn er fügt sich mit freiem Oberkörper nahtlos in die Attraktivität der Statisten, könnte von der Ausstrahlung nicht nur als echtes Fotomodell durchgehen, sondern ist auch gesanglich eine Entdeckung. Der junge Countertenor im ansprechend künstlerischem Fantasie-Outfit nennt einen wunderschön timbrierten Ton lyrischen, hellen Klanges sein eigen und verbindet einen guten Lagenwechsel mit gediegenen technischen Möglichkeiten, ein klein wenig mehr Sicherheit kommt mit der Erfahrung, die heroischen Arien wirken ob des sopranigen Klanges nicht ganz so toll wie die lyrischen. Katharina Hagopian in der Titelpartie läßt ein bißchen an Vivienne Westwood denken, stimmlich habe ich bei ihrer Technik immer Bedenken, denn die Höhen wirken unkontrolliert, was sich negativ auf die Intonation schlägt. Die Mittellage gerade im zurückgenommenen Ton ist viel besser geworden, gegen Ende hin gelingt ihr eine immer zwingendere Interpretation dieser faszinierenden Barockrolle. Jelena Rakic als Morgana zeigt viel Figur und wird gegen Schluss ebenso bedauernswertes Opfer des Kunstwelt, mit leichtem Sopran weiß sie ihre musikalischen Kleinodien sicher zu präsentieren und spielt sehr ergreifend den Niedergang. Patricio Arroyos Tenor passt hervorragend mit geschmeidigem Ansatz und Geläufigkeit zu den Anforderungen von Händels Tonsprache und macht auch darstellerisch aus der oft etwas drögen Rolle eine glaubhafte Charakterstudie.

In diese Welt dringen Bradamante und Melisso als Vertreter des steifen Bürgertums ein, um Bradamantes Mann, Ruggiero, aus der Drogenwelt zu retten. Bradamante stirbt dabei etliche Tode, denn sie leidet dauerhaft mit ihrer emphatischen Art an den Zuständen von Alcinas Abhängigen und der Zerrissenheit ihres Verlobten, spielerisch geschieht das von Eun-Kyong Lim eher dauerleidend, gesanglich prunkt die Mezzosopranistin mit sattem Ton, guten Übergängen und der nötigen Virtuosität, eine junge Sängerin die man ebenfalls im Auge behalten sollte. Als Melisso ist Pawel Lawreszuk der einzige Vertreter der dunklen Männerstimme, szenisch präsent, bringt er seinen Bariton auf schmalen Ton von nötiger Stilistik. Der Aachener Theaterchor ergänzt in den kurzen Auftritten mit gewohnt ordentlichem Klang. Ganz zu Ende gerinnt die schmale Welt der Künstlerin zu einer Ausstellung, bis Alcina selbst zum Kunstobjekt gefriert. Das Bürgertum hat die allzu freie Welt eingeholt und sich Untertan gemacht.

Auch die musikalische Seite hat ordentlich zugelegt, wenn man mit dem letztjährigen "Ariodante" vergleicht. Peter Halasz hat mit dem Sinfonieorchester Aachen weiter an der barocken Tonsprache gearbeitet und kann diese Saison die erste Ernte einfahren. Das "kleine" Orchester besitzt jetzt mehr Kontour, die Orchestrierungen und Affekte der einzelnen Arien und Ensembles klingen plastischer, man bewegt sich rein vom Spielerischen viel mehr auf der sicheren Seite, als man das letzte Spielzeit tat. Freilich gelingt vom Klang noch nicht alles ganz schlackenfrei, doch der andere Spielansatz mancher Instrumente braucht halt einfach Routine. Man darf dann beim "Orlando" in der nächsten Saison schon gespannt sein, wie es dann klingt.

Auf jeden Fall ein runder Abend mit einem interessanten, spannendem Konzept.

Martin Freitag 22.4.14

Bilder Theater Aachen

 

LOLA RENNT

zum 2.)

Besuchte Aufführung am 19.04.14

(Premiere am 08.03.14)

Gelungene Umsetzung eines legendären Films

Der Komponist Ludger Vollmer ist am Stadttheater Hagen kein Unbekannter, denn seine zweite Oper "Gegen die Wand" (ebenfalls nach einem erfolgreichen Film) wurde bereits vor zwei Spielzeiten mit großem Erfolg ebendort aufgeführt. Es ehrt das Stadttheater Hagen, sich nicht immer um spektakuläre Uraufführungen zu bemühen, die dann schnell als Tagesgespräch verschwinden, sondern sich um Werke zu kümmern, die sich bereits erprobt haben und verdienen bekannter zu werden; Nachspielen ist mindestens ebenso wichtig für zeitgenössische oder gediegen moderne Musik, wie uraufgeführt werden. Nun also "Lola rennt" nach dem erfolgreichen, mehrfach prämierten Film von Tom Tykwer (, der übrigens in der Nähe, in Wuppertal, geboren wurde) von 1998. Ein Film mit besonderer Erzählstruktur, die auch der Oper zu Grunde liegt: die Handlung ist so einfach, wie banal. Lola erhält einen Anruf ihres Freundes Manni, der als Geldkurier für einen Kriminellen eine Tasche mit Einhunderttausend DM bei einer Polizeikontrolle in der Bahn hat stehen lassen. Beiden bleiben zwanzig Minuten Zeit das Geld zu beschaffen, sonst geschieht Manni etwas Schreckliches. Supermarktüberfall, Banküberfall, die Bitte an Lolas Vater (einen Bankdirektor), zwei Mal endet es letal, erst beim dritten Versuch gelingt es Lola das Geld im Kasino zu erspielen und gleichzeitig Manni das echte verlorene Geld vom Finder, einem Obdachlosen, wirderzubeschaffen. Dazwischen die "roten Szenen", Gespräche um Wesentliches zwischen den Liebenden, nach denen die Uhr auf Null zurückgestellt wird. Dreimal ähnliche Geschehnisse, die doch anders ablaufen; Entscheidungen die zu anderen Schlüssen führen.

Ludger Vollmers Musik ist nach diesen zwei Szenenarten komponiert: die zwanzig Minuten sind exakt nach Metronom getaktet und haben der Dramaturgie entsprechend einen drängenden Charakter. Vollmer gehört zu den Komponisten, die für kein Avantgardepublikum schreiben, sondern für den normalen Opernbesucher; eine Musik die auch ohne große Vorkenntnisse emotional nachvollziehbar ist. Vergleichsweise klingen diese Wiederholungen, wie Musik von Carl Orff, mit Textwiederholungen, ein Eindruck der sich durch die Verwendung des Opernchores wie dem Chor eines antiken Stückes ("Antigone" zum Beispiel) verstärkt, doch der Klangduktus wird auch durch die Erfahrung von Minimal Music, also Philipp Glass oder John Adams, gefiltert und erhält noch einen guten Schuss Anklang an das amerikanische Musical. Musik die gut nachzuvollziehen, doch auch nicht platt ist. Die "roten Szenen" erhalten eine ruhigere Struktur, dem reflektierenden Charakter der Zwischenwelt entsprechend. Der Schluß wirkt in seinem "Happy End" mit einem schier endlosen Ausklingen a la Richard Strauss sogar ein wenig kitschig, ein Umstand dem die Inszenierung durchaus leicht augenzwinkernd gerecht wird.

Die nicht einfache Aufgabe das zu inszenieren obliegt Roman Hovenbitzer, der mit seinem Ausstattungsteam eine verblüffend einfach wirkende Lösung findet. Schließlich darf man Sänger ja nicht die ganze Zeit über die Bühne hetzen, wenn sie auch noch anständig singen sollen. Jan Bammes hat auf die Drehbühne eine Art "Gasometer-Turm" bauen lassen, der über eine Spirale und eine Ebene sogar vom ganzen Chor betreten werden kann. Durch die Drehung unterstreicht dies auch das Verstreichen der Zeit , während Krista Burger eine Art "Zeichentrickfilm" verstreichen läßt, graphische Umsetzung von Stadtstruktur, manchmal Manga-artige Signets. Die Künstlerin setzt auch während der Aufführung über die Verwendung von Overhead-Projektoren szenische Zeichen, alles absolut im Sinngehalt der Darstellung. Hovenbitzer bewegt dazwischen die Protagonisten und den sehr einsatzfreudigen, musikalisch hervorragenden Chor und Extrachor , die Erzählstruktur bleibt immer äußerst verständlich und klar, genau das Richtige den Zuschauern ein modernes Werk zu vermitteln.

Richard van Gemert eröffnet den Abend als "Herr Zeit", im glitzernden "Show-Anzug" wie ein Spielleiter schlüpft er während des Abends in verschiedene Rollen und leitet die Handelnden bis zum glücklichen Schluss. Krista Larissa Funkhauser trägt, wie Franka Potente im Film, die signalhaft rote Frisur der Lola und zeigt körperlich, wie gesanglich tollen Einsatz, daß ihr Mezzosopran an diesem Abend etwas müde klingt, sei sowohl einer kurz überstandenen Krankheit geschuldet, wie den hohen Anforderungen, die der Komponist an die Sänger stellt. So läßt auch Maria Klier als Bankdirektorsgeliebter Jutta, manchmal quietschiger tönen, als ich sie in Erinnerung habe, was auch an den Extremhöhenausbrüchen in fast stratosphärische Sopranregionen liegt. Raymond Ayers hat diese Probleme als Manni (im Film Moritz Bleibtreu) nicht und man erfreut sich an gesundem Baritonklang und sportlicher Bühnenleistung. Ulrich Schneider spielt und singt sehr realistisch Lolas Bankdirektor-Papa, Rolf A. Scheider läßt den Wachmann zwischen sympathisch und unsympathisch changieren. Michail Milanov gibt mit großem Charisma, doch auch etwas grobmotorischem Bassgesang den Obdachlosen. Wolfgang Niggel singt als Chorsolist den Tagesmanager des Spielkasinos, der Chor räumt an diesem Abend überhaupt wieder richtig ab.

David Marlow hat am Pult des klangvollen Philharmonischen Orchesters Hagen alles in sicherem Griff und hält Bühne und Graben bestens zusammen. So kann Stadttheater trotz des ungemein rigiden Sparkurses der Stadt Hagen aufzeigen, wie ambitioniertes Theater für Stadt und Region aussehen kann. Den Stadtoberen sei gesagt (Hagen hat den geringsten etat der Gegend), daß mehr sparen einfach nciht ohne große Verluste drin ist. Nebenbei nimmt das Theater Hagen den Schulen durch sein Kinder-und Jugendtheater und solche Projekte, denn auch diese Produktion hat einen starken Jugendbezug, die Arbeit an Kultur und Ethikvermittlung ab oder führt sie gar weiter. Nebenbei wird ja auch noch gute und niveauvolle Unterhaltung praktiziert. Eine Fahrt zu den wenigen Mai-Vorstellungen von "Lola rennt" ist jedenfalls anzuraten, nicht nur für Liebhaber moderner Musik, sondern für Alle, die einen spannenden, inspirierenden Theaterabend erleben wollen. Übrigens: der neue Spielplan für die Saison 2014/1 ist ebenso ansprechend gelungen und bietet in der bunten, gesunden Mischung aus Bekanntem und Seltenem viele Anreize das Theater Hagen zu besuchen !

Martin Freitag 21.4.14

Bilder siehe Erstbesprechung

 

 

LOLA RENNT

Oper von Ludger Vollmer

Premiere: 8.März 2014

Text von Bettina Erasmy nach dem gleichnamigen Film „Lola rennt“ von Tom Tykwer

(Aufführungsdauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause)

Ludger Vollmer gehört zu den wenigen zeitgenössischen Komponisten, dessen Opern nicht nur ihre Uraufführung erleben, sondern dann auch relativ schnell und häufig nachgespielt werden. Während „Gegen die Wand“ in dieser Saison bereits seine fünfte Inszenierung erlebt, zeigt das Theater Hagen „Lola rennt“ als zweites Haus nach der Regensburger Uraufführung im Februar letzten Jahres.

Mit der Auswahl von erfolgreichen Filmstoffen erhöht Vollmer natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass seine Stücke nachgespielt werden und kann auf der Dramaturgie des Filmes aufbauen: Manni, der als Geldkurier für einen Gangster arbeitet, lässt eine Tasche mit 100.000 Euro in der Bahn liegen. Sowohl er als auch seine Freundin Lola versuchen jetzt innerhalb von 20 Minuten diese Summe aufzutreiben.

In drei „Runden“ zeigen Film wie Oper drei Möglichkeiten, was geschehen könnte: Lola wird als Bankräuberin erschossen, in der zweiten Runde wird Manni von einem Auto überfahren. In der dritten Runde gewinnt Lola im Roulette, und Manni findet zudem sein Geld wieder.

„Lola rennt“ ist sehr stark von der Musik geprägt, die Regisseur Tom Tykwer selbst komponiert hat, und auch der Song „Wish“ von Thomas D. war erfolgreich. Ludger Vollmer schreibt nun aber eine ganz eigenständige Musik, in der sich atonale Elemente und nachvollziehbare Melodien die Waage halten. Der groß besetzte Schlagzeugapparat treibt die Partitur voran und macht das Fließen und Vergehen der Zeit hörbar.

Vollmers Musik, die hier von David Marlow dirigiert wird, erzeugt Spannung, die großen Chöre erinnern in ihrer Kombination von hämmernder Rhythmik und stimmlicher Wucht an Carl Orff. Trotzdem gibt es aber auch Momente des Leerlaufs, in denen die Perkussion nur plakativ vor sich hin plätschert. Während man im Film mit den Figuren mitfiebert und sich mit ihnen identifiziert, bleibt man in Vollmers Oper auf Distanz zu Lola und Manni.

Das kann auch an daran liegen, dass es immer wieder Probleme mit der Verständlichkeit des Textes gibt. Dabei ist das Orchester auf der Hinterbühne positioniert und die Sänger werden über Mikroports verstärkt. Übertitel wären hier dringend notwendig gewesen.

Berührend gelingen aber die leisen Szenen, wenn die Chöre nur sparsam vom Orchester begleitet werden. Zwischen den Runden gibt es zudem die „Roten Szene“, in denen Lola und Manni jeweils einen Neuanfang beschließen. Hier schreibt Vollmer stille und intensive Klänge.

Die Hagener Sänger machen ihre Sache gut, wobei Kristine Larissa Funkhauser, die trotz Grippe die Titelrolle singt, das Ensemble überragt. Ihre Stimme besitzt große dramatische Energie und eine mögliche Indisposition scheint sie wegzusingen. Beim Schlussapplaus wird sie regelrecht gefeiert. Die anderen Figuren bleiben aufgrund der umfangreichen Partie der Lola eher Stichwortgeber: Raymond Ayers ist ein energischer Manni, Ulrich Schneider singt mit rauem Bass Lolas Vater, und mit etwas bedecktem Koloratursopran gestaltet Maria Klier die Kollegin und Geliebte des Vaters.

 Jan Bammes hat als Bühnenbild ein spiralförmig ansteigendes Gerüst gebaut, in dem vor allem der hervorragende Hagener Opernchor sehr gut platziert wird. Wenn sich die Gerüstspirale dreht ist das eine schlüssige Umsetzung der Zeitspirale, in der sich die Figuren befinden. In diesem abstrakten Bühnenraum entwickelt Regisseur Roman Hovenbitzer eine realistische Personenführung, in der er glaubhafte Figuren darstellt.

Die szenische Umsetzung spielt über einige Schwächen von Vollmers Partitur hinweg, so dass beim Schlussapplaus sowohl das Regieteam als auch Ludger Vollmer viel Beifall erhalten. Mit dieser Produktion hat das Hagener Theater, das immer wieder von Sparmaßnahmen der örtlichen Politik bedroht ist, erneut seine Leistungsfähigkeit unter Beweis gestellt. Dass hier ein zeitgenössisches Werk einen Premierenerfolg erlebt, spricht sowohl für den Komponisten wie für die künstlerische Kraft des Hagener Theaters.

Rudolf Hermes 9.3.14

Bilder Theater Hagen

 

 

 

DON PASQUALE

Besuchte Vorstellung am 04.12.13 (Premiere am 16.11.13)
Gediegene Opera Buffa
Allerorten wird zur Zeit Donizettis "Liebestrank" gespielt, durchaus zurecht, doch sein piece de resistance "Don Pasquale" wird von den Bühnen vernachlässigt, dabei handelt es sich absolut um ein Meisterwerk der Opera Buffa, wie am Theater Hagen jetzt zu erleben ist. Das Spiel vom alten Hagestolz, der mittels Scheinheirat von seiner Menschenfeindlichkeit kuriert wird, ist in Donizettis Fassung durchaus etwas bösartig, denn Norina, die weibliche Hauptperson ist die Geliebte des verstossenen Neffen Ernesto. Eingefädelt wird alles von einem vermeintlichen Freund, dem Doktor Malatesta. Doch der sprühenden Musik des Bergamasker Meisters ist es zu verdanken, das die allzu leichte Commedia dell`arte-Handlung zu einer Charakterkomödie wird.
Annette Wolf setzt das heiter Spiel in Lena Brexendorffs wunderschöner Ausstattung ausgezeichnet um. Die Kulisse wirkt wie für ein Papiertheater ausgeschnitten und wird mittels Drehbühne in ständig wechselnde Ansichten versetzt, die Kostüme schmeicheln den Augen und zitieren vielfältige Zeitepochen, ein schöner Rahmen für die Zeitlosigkeit der Handlung. Ernst Schließls Lichtstimmungen haben ebenfalls großen Anteil daran. Doch was wäre das, ohne Annette Wolfs hervorragende, abwechslungsreiche Personenführung, nicht vielen Regisseuren ist es gegeben der wunderschönen Belcantomusik zu einer lebendigen Bewegung zu verhelfen. Die Figuren des Spiels werden humorvoll geführt, ohne den sensiblen Menschen dahinter zu verraten.
Doch besitzt Hagen auch ein kleines, feines Ensemble mit echten Darstellern. Rainer Zaun ist ein Glücksfall für die Titelpartie, ein miesepetriger Knöterich, den man trotzdem irgendwie leiden mag; gesanglich nicht immer ganz fein, doch mit dem durchschlagendem Temperament eines echten Charakterdarstellers gesegnet. Raymond Ayers steht ihm mit elegantem Bariton als Malatesta an der Seite. Keija Xiong zeigt sich den nicht gerade anspruchslosen Anforderungen des Neffen Ernesto mit leicht gaumigem Tenor gewachsen, sichtlich und hörbar mit Freude an seiner Aufgabe. Maria Klier stellt als Norina eine Theaterschauspielerin auf die Bühne und weiß mit differentiertem Spiel und feinem Sopran mit etwas spitzer Höhe und geläufiger Gurgel für sich einzunehmen. Kammersänger Horst Fiehl macht aus der kleinen Partie des Notar ein weiteres Kabinettstück seiner Kunst. Dazu kommt noch der klangvolle, lebhafte Chor, der im dritten Akt mit einer Kochshow-Parodie begeistert.
Aus dem Graben klingt das saubere, exakte Spiel des Philharmonischen Orchesters Hagen mit schönen Soli unter der sicheren Leitung von David Marlow, manchmal könnte es noch etwas feiner tönen, weniger schwerer Degen, mehr Florett. Doch kann man in Hagen jetzt wieder einmal ein richtig erstklassig aufgeführte Komische Oper erleben, was dem Publikum spürbar Freude bereitet.

Martin Freitag 10.12.13

Bilder siehe unten

 

 

DON PASQUALE     

Premiere am 16. November 2013

Konventionell

Das SINFONIEORCHESTER HAGEN lässt unter DAVID MARLOW die Ouvertüre ebenso präzise wie spritzig erklingen, der quirlige Buffoton von „Don Pasquale“ wird auch während der gesamten Aufführung mit animierender Verve durchgehalten. Der seit der jetzigen Spielzeit als 1. Kapellmeister amtierende Engländer David Marlow arbeit(e) u.a. als Leiter des WDR Rundfunkchores und war Assistent von Andris Nelsons in Bayreuth. Also weiterhin im Studium – aber der Don Pasquale ist ihm gelungen, geht ihm angenehm flott von der Hand.

 Auf der Bühne, die von Anfang an geöffnet ist, sieht man ein anheimelndes, dekorhaftes Interieur von LENA BREXENDORFF, welches offenbar auf die Ausstattung der Pariser Uraufführung von 1843 anspielen möchte und so der Regisseurin ANNETTE WOLF mancherlei Gelegenheit für die Anwendung des Prinzips „Theater auf dem Theater“ gibt. Da der Titelheld, im Rollstuhl sitzend, im Stil des 18. Jahrhunderts gekleidet ist, erwartet man zunächst eine brave 1:1-Umsetzung der Librettovorgaben. Doch die Ausstatterin spielt mit Zeiten und Epochen. Das Bühnenbild verwandelt sich beim Dienerchor beispielsweise in eine moderne Großküche, in der endlos lange Spaghetti produziert werden. Malatesta ist in elegantem Biedermeier ausstaffiert, Norina trägt u.a. einen Minirock, in den sie sich während ihrer Arien-Koloraturen hinein zwängt. Bei der ersten Begegnung mit Pasquale wird er züchtig mit einer Krinoline bedeckt. Ernesto, der Heißsporn, steckt in ausgebeulter Hose und einem Parka. Die Optik changiert also überaus witzig.

Die köstlichste Szene innerhalb der Inszenierung ist ausgerechnet musiklos. Pasquale liest vor geschlossenem Vorhang den gerade aufgefundenen Brief, welcher Norinas Stelldichein mit einem heimlichen Liebhaber verrät, auf Italienisch. Die anderen Protagonisten, auf der Seitenbühne in Reih und Glied aufgestellt, „übersetzen“ in ihrer jeweiligen Landessprache: MARIA KLIER (Norina) ins Deutsche, RAYMOND AYERS (Malatesta) ins Englische und KEJIA XIONG (Ernesto) ins Chinesische.

Insgesamt gibt sich die Regie freilich eher konventionell und bei allem Tempo behäbig. Die Dienerfiguren, welche für kleinere Umbauten sicher von Vorteil sind, wirken stereotyp und in ihren aufgesetzten Reaktionen manchmal sogar etwas nervig. Wenn Pasquale sich während der Ouvertüre zu der Musik von „So anch’io la virtù magica“ aus dem Rollstuhl beugt und erwartungsvolle Blicke in sein viel zu großes Haus schickt, glaubt man, ein wenig psychologische Feinarbeit über Einsamkeit und Johannistrieb erwarten zu dürfen. Doch Annette Wolf verbleibt dann doch in weitgehend traditioneller Komik, der partielle Wirkung freilich nicht abgesprochen werden soll. Aber die schauspielerische Potenz von Rainer Zaun mit ihrer virtuosen Gestik und Mimik wäre fraglos noch gewinnbringender zu nutzen gewesen, speziell für ambivalente Gefühle und für Zwischentöne. Immerhin gerät die Reaktion Pasquales nach der Ohrfeige überzeugend. Stimmlich ist der Sängerdarsteller voll auf dem Posten.

Ihm ebenbürtig: Raymond Ayers, als Malatesta ein eleganter Drahtzieher, fesch in der Erscheinung und markant seinen Kavaliersbariton einsetzend. Dass er in der Premiere aufgrund von Tempoüberhitzung im Duett mit Norina kurz ausstieg, ist nicht weiter von Belang, imponierend hingegen, wie souverän er in seinen Part zurück fand. Maria Klier besitzt alle notwendige feminine Raffinesse für die Norina. Sie singt absolut koloraturen- und höhensicher, das Timbre wirkt mitunter nur etwas spitz. Der junge Chinese Kejia Xiong wurde, so seine Biografie auf der Website des Theaters Hagen, als Belcantosänger verschiedentlich hochgelobt. In der Rolle des Ernesto muss er sich zumindest warm singen. Zunächst klingt die Höhe eng und scheppert auch ein wenig, was nicht zuletzt dem Fluss der Arie „Cercherò lontana terra“ abträglich ist. In der Serenade wird das Organ gelöster und gewinnt an Schmelz, die heiklen Sprünge im Duett mit Norina und der Mezza-voce-Schlusston gelingen ausgezeichnet. Auf jeden Fall hat das Hagener Publikum den sympathischen und spielfreudigen „Exoten“ nachhaltig ans Herz gedrückt. Kammersänger HORST FIEHL, seit 40 Jahren am Haus, übernimmt jetzt kleine Partien wie den Notar.

Christoph Zimmermann / 17.11.13                             Bilder: Stefan Kühle

 

 

 

DAS FEUERWERK

04.10.13 (Premiere am 28.09.13)

Zirzensisches Seelenfutter
Es gibt Werke, die mittlerweile doch ein wenig Gilb angesetzt haben, so zum Beispiel die Operette "Das Feuerwerk" von Paul Burkhard aus dem Jahre 1950. Die Musik, zumal für diese Zeit, ist sehr brav und erinnert manchmal ein wenig an die Augsburger Puppenkiste, und doch kann das Stück mit einigen Schlagern und Ohrwürmern aufwarten, nicht zuletzt mit dem unverwüstlichen "Oh, mein Papa". Zudem ist die Vorlage von Emil Sautter gut gestrickt,vielleicht etwas sehr bieder, doch bietet "Der schwarze Hecht" sehr schöne Rollen für ein Stadttheaterensemble, wie eben am Theater Hagen. Nicola Glück inszeniert auch pure Unterhaltung, setzt die Zeit der Vorlage (1900) in die Entstehungszeit der Operette und läßt in Pia Oertels passender Ausstattung den bürgerlichen Mief gegen das Zirkusmilieu antreten. Zum puren Vergnügen wünschte man sich manchmal noch eine gute Choreographie an die Seite der Regie.

Burkhards "Feuerwerk" ist ein relativ spätes Stück des Genres und erfordert eine heikle, musikalische Leitung, extreme Textverständlichkeit und ein sehr genaues "Timing", da viele der Nummern einen sehr chansonhaften Charakter aufweisen. Steffen Müller-Gabriel gelingt das mit dem sauber aufspielendem Philharmonischen Orchester Hagen größtenteils, das Anfangsduett zwischen Mutter und Anna gerät etwas flink (Text!) und Obolskis "Man hat´s nicht leicht..." könnte mehr Schwung vertragen, da legt das Musical dieser Zeit schon andere Vorgaben.

 


Doch die Hauptsache ist und bleibt das Ensemble: Werner Hahn und Dagmar Hesse geben ein sehr realistisches Elternpaar ab, die glaubwürdige Grundlage für die Komödie. Hervorragend bringt Maria Klier mit mädchenhafter Erscheinung und sehr klarem Sopran auf die Bühne. Benjamin Hoffmann als der geliebte Gärtner Robert punktet zwar durch entsprechend gutes Aussehen, doch bleibt als Figur doch sehr schablonenhaft, auch fehlt noch die Selbstverständlichkeit des lockeren Chansontones. Kristine Larissa Funkhauser stellt mit jugendlicher Erscheinung das Bild der Köchin Kati auf den Kopf, meistens eine resolut kräftige Person, fügt nach ihrer grandiosen Carmen ihrem Können eine komödiantische Facette zu, die alle Erwartungen vergessen läßt. Als Gast konnte man Ruth Ohlmann als fesches Zirkusgewächs Iduna gewinnen, mit schlanker, attraktiver Erscheinung und ebensolcher Stimme, wickelt sie nicht nur die Onkels um den Finger und verleiht der Gattin des abtrünnigen Zirkusbruders feine, fast aristokratische Züge. Rolf A. Scheider ist ebendieser und bringt als Zirkusdirektor einigen Talmi-Glanz mit sich, gesanglich klingt er einfach zu opernhaft.

 

Sehr schön die Onkel und Tanten: besonders Richard van Gemert gefällt als dauerhustender Gustav, der sehr spät seine verspielte Kindlichkeit wiederentdeckt, Marylin Bennetts Paula brilliert mit kabarettistischer Verve als Zicke und läßt an die großartige Ortrud Beginnen denken. Christoph Scheeben und Verena Grammel sind ein hervorragendes, ländliches Verwandtenpaar (Fritz und Berta), wie Orlando Mason als Heinrich dick ausgepostert eine sympathische Charakterstudie abliefert, mit Veronika Haller als blasiert vornehmer Lisa an der Seite. Ganz wichtig an dieser Produktion ist die Teilnahme der Mitglieder des Zirkus Jonny Casselly, die dem Zirkusbild authentische Akrobatik verleihen, besonderer Liebling des Publikums ist der Terrier Jack in der Hundedressur. Deshalb dürfen die tollen Zirkusleute auch das Finale noch einmal effektiv aufmischen.
Vielleicht kein Abend für "sophisticated people", doch ein schönes Abtauchen aus dem Alltag. Theater für die ganze Familie, vielleicht werden Jugendliche die ganze "Chose" etwas "uncool" finden, doch die Kinder und die Erwachsenen mit erhaltenem kindlichen Gemüt haben ihre Freude. Deshalb gibt es auch begeisterten Applaus und viele leuchtende Augen beim Hinausgehen. 

Martin Freitag                                                Bilder: (c) Stefan Kühle

 

 

CARMEN

Besuchte Aufführung 14. Juni 2013   (Premiere am 8. Juni 2013)  3. Kritik

Der international bekannte und hoch ausgezeichnete zypriotische Regisseur Anthony Vilavachi war in Hagen mit vielen Vorschusslorbeeren bedacht worden, nachdem ein Sponsor sich für seine Gagenforderung stark gemacht hatte. Was dabei herausgekommen ist, entsprach zumindest szenisch und inszenatorisch nicht den hochgesteckten Erwartungen mancher konservativer Opernliebhaber: Eine recht trocken rübergebrachte Geschichte, eine - bis auf den letzten Akt - eher fade Bühne, etliche unverständliche Details, mancherlei szenische Ungereimtheiten. Vilavachi hat versucht, eine „moderne“ Carmen in der Urfassung mit gesprochenen Dialogen zu inszenieren, ohne die übliche Torero-Folklore, nur den persönlichen Konflikten folgend.

Das mag ja ein interessanter, wenn auch nicht ganz neuer Ansatz sein; Carmen fährt als distanziert nordisch Kühle mit Kurzhaarfrisur auf dem Motorroller vor, alle Zigarettenarbeiterinnen erscheinen im schwarzen Negligé, Kinder schießen im 1. Akt mit Holz-Gewehren aufeinander. Die Kneipe im 2. Akt kommt als knallrot ausgestattetes Bordell einher, am runden Tisch treiben halbnackte Männer Armgymnastik und beklopfen rhythmisch die Tischplatte, und auf einer restlos entschlackte Bühne agieren Protagonisten wie geschmuggelte Menschen vor grauen hohen Mauern. Schon das erste Bild erinnert mit den riesigen Eisengittern eher an einen Großtierzoo als an eine Straßenszene - nicht gerade stimmungsfördernd. Statt mit Kastagnetten klappert man mit Geschirr, José schneidet seinem Widersacher Zuninga die Kehle durch und erschießt im Affekt und entgegen dem Libretto statt zurückgekehrten Widersachers Escamillo versehentlich Michaela. Wenn man schon Spanien ausklammert, sollte eine atmosphärische Alternative geboten werden, aber daran mangelt es leider

 Ausgleich schaffte allerdings eine sehr genaue Personenführung und ein opulentes musikalisches Erlebnis. Kristine Larissa Funkhauser gibt einen spannenden Bogen von ihrer Kindheit als bettelndem Taschendieb bis zur femme fatal, die sich aber nicht dauerhaft an einen Mann binden will – bis Escamillo als ihre große Liebe ins Spiel kommt. Sie spielt mit ihrer herben Attraktivität und Erotik, wickelt die Männer locker um den Finger, ihr beweglicher Mezzo strömt herrlich wohklingend, die glutvolle Habanera riss das Publikum zu einem kleinen Beifallssturm hin. Don José (Carles Reid) ist ein etwas zu kompakter biederer Brillenträger, nicht gerade der geborene Verführer, eher der Buchhaltertyp. Aber er stellt den schlichten, unglücklich liebenden Soldaten mit zerrissener Seele überzeugend dar, stimmlich sehr auf der Höhe mit ausgewogener Dynamik und Strahlkraft. Ein Highlight des Abends waren sein Duett mit seiner Jugendliebe Micaela und seine Darstellung des zutiefst Verzweifelten, der seinen Konkurrenten um Carmen zuvor umgebracht hatte, im szenisch sehr starken letzten Akt: im oberen Bühnenteil jubeln die Massen dem Torero zu, den Carmen zuvor im schäbigen gemeinsamen Hotelzimmer für den Stierkampf eingekleidet hatte und sich dann selbst in eine rote Robe schmeißt, um dann im Liebesnest zuckend unter den Messerstichen des abgewiesenen Don José ihr junges Leben auszuhauchen. Da kommen zum Schluss dann doch ein wenig Spanien-Stimmung und Rückenschauer zusammen.

Frank Dolphin Wong, der lange zum festen Hagener Ensemble gehörte, verkörperte als Escamillo seine Macho-Rolle sehr überzeugend, mit sicherem Auftreten und kernigem, ausdrucksstarken Bariton. Kein Wunder, dass die Frauen ihm nachrennen. Auch Zuninga (Rainer Zaun) sang und spielte seine Rolle als Vorgesetzter und Nebenbuhler überzeugend. Eine der Abend-Palmen gehörte der Micaela von Jaclyn Bermudez; ihr zartes anrührendes Spiel und ihre Wandlung zur leidenschaftlichen Liebe überzeugten auch stimmlich. Nicht nur etwas für das Auge war die Truppe der Schmuggler und Zigeunermädchen. Die Damen (Maria Klier und Marylin Bennett), abenteuerlich skurril gekleidet, dauer-bekifft und reichlich dem Alkohol zugetan, waren eine originelle Nummer für sich; Richard van Gemert und Jeffrey Krueger sowie Raymond Ayers als Sergant Moralès fügten sich nahtlos in das harmonische Team ein.

Die zweite Palme gebührt dem GMD Florian Ludwig und seinem Philharmonischen Orchester Hagen, welches dem vollbesetzte Haus nahezu einen Spanien-Rausch bescherte, ganz im Gegensatz zur nüchternen Bühne. Ludwig präsentierte lebendige Dynamik, punktgenaue Einsätze, ein farbiges Bläserspiel, und eine hervorragende Synchronisation mit der Bühne und dem bestens aufgelegten Opernchor und Extrachor (Einstudierung Wolfgang Müller-Salow).

Das ausverkaufte Haus feierte die Aufführung mit langem jubelnden und stehenden Applaus.

Fazit : Eine trockene Inszenierung ohne Spanien-Feeling, die keine rechte Stimmung aufkommen lässt. Die musikalische Seite und die Personenführung machen dies jedoch wieder wett, daher insgesamt empfehlenswert.

Michael Cramer

 

 

CARMEN

Aufführung am 14.6. 2013 (Premiere am 8.6.)    2. Besprechung

Carmen (Kristine Larissa Funkhauser, 3. von rechts) fühlt sich in ihrer Umgebung sichtlich wohl. Foto: Theater Hagen/ Stefan Kühle

Während des Vorspiels sieht man ein kleines Mädchen durch eine starre Menschengruppe schleichen, größer geworden, beginnt es, die Leute zu bestehlen. Armutsschicksal von Carmen, die sich dann als Frau offenkundig auf der Erfolgsleiter des Lebens sehen möchte. Carmens Kapital ist ihre erotische Ausstrahlung, ihr Körper, mit dem sie sich regelrecht anpreist. Dass ihr Tanz bei Lillas Pastia nicht in einer Schenke stattfindet, sondern in einem Bordell, ist nur folgerichtig. Dabei gelingt es ihr, sich Privilegien zu sichern. Während Frasquita und Mercédès die Einnahmen abliefern müssen, greift sich Carmen die Geldscheine, welche ihr von potentiellen Kunden, die mit nacktem Oberkörper auf ihre Chance warten, en masse zugeworfen werden, höchstselbst. In Carmens nüchtern berechnetem Leben ist für wirkliche Liebe kein Platz. Mehr als 6 Monate bleibt sie keiner Leidenschaft treu, auch Escamillo würde kaum ihr letzter Lover sein. Immerhin trifft sie in ihm auf Überlegenheit und Coolness, wie sie ihr selber eigen ist. Anders verhält es sich mit José, dem soldatischen Ehrenmann, den seine Liebe schier um den Verstand bringt, ihn zum Banditen und schließlich zum Mörder werden lässt.

So in etwa ist das psychologische Konzept zu umreißen, welches Regisseur ANTHONY PILAVACHI in Hagen für Bizets „Carmen“ ersonnen hat. Seine Sicht ist nicht gänzlich neu, doch im Detail zugespitzt. Der modern gekleideten Protagonistin mit der hellen Kurzhaarfrisur fehlt – wie der gesamten Aufführung – das gewohnte Spanien-Kolorit. Auf Dauer ist das schon ein Verlust, zumal er durch keine Milieu-Alternative aufgewogen wird. Und Escamillo bleibt halt auch in Hagen ein Torero, dem Carmen zudem in ihrem bescheidenen (Bei)Schlafzimmer (der Chor agiert im 4. Akt auf luftig hoher Plattform) beim Ankleidezeremoniell umfänglich assistiert. Da klaffen atmosphärische Lücken. Dass im 3. Akt nicht nur Waren, sondern auch Menschen geschmuggelt werden, geht an, bringt aber wenig Gewinn, vor allem, wenn ein Bühnenbild wie das von PEER PALMOWSKI (der auch sonst vor Einfällen nicht gerade überbordet) so ortsneutral bleibt.

Dieses Bild endet im Übrigen anders als gewohnt. Escamillo, sich zunächst wie vorgeschrieben entfernend und nur lontano zu hören, kehrt noch einmal zurück, damit der Regisseur José motivieren kann, auf ihn zu schließen. Aber die Kugel trifft Micaela. Forza del destino. Pilavachi will viel und erreicht doch nur relativ wenig. Manche Momente sind auch schlichtweg verfehlt, wenn etwa Carmen während der „Blumen“-Arie José im Haar krault, um ihm dann doch eine harte Abfuhr zu erteilen. Einfach ungeschickt wirkt es auch, wenn sie im Schlussfinale, von José attackiert, immer wieder an der verschlossenen Tür rüttelt. Im 1. Akt fährt sie zur Habanera mit einem Moped auf die Bühne. Was hat eine solch mondäne Frau mit den einheitlich schwarz gekleideten Zigarettenarbeiterinnen zu tun, mit denen sie sich laut Libretto massiv anzulegen hat?

Komplimente sind der Hagener „Carmen“ immerhin im Bereich des Musikalischen zu machen. Nicht überall wirkt Bizets Musik mit optimaler Delikatesse umgesetzt, aber das Orchester spielt unter FLORIAN LUDWIG alert, mit Schneid und auch mit manch schönen koloristischen Details; der verstärkte Chor ist voll da. Dies gilt auch für KRISTINE LARISSA FUNKHAUSER in der Titelpartie, selbst wenn sie hier und da an vokale Grenzen stößt. Sie macht sich den berechnenden Typus Carmens, wie von Pilavachi angelegt, voll zu eigen, gibt sogar einen Schuss Lulu hinzu. Andererseits fehlt ihrer Darstellung jeder Anflug von Fatalismus (die Karten-Szene schreibt es eigentlich vor), und der extreme Freiheitsdrang Carmens kommt hinter kalter Kalkulation einfach zu kurz. CHARLES REID wirkt mit seiner kompakten Gestalt zwar nicht gerade als ein Mann, in den sich eine so wählerische Frau wie Carmen verliebt. Dieses Handicap macht er jedoch mit einer starken, intensiven Darstellung nahezu wett. Die Stimme des Sänger, der in Salzburg, an der Met auch in Bayreuth (Kunz Vogelgesang seit 2007) erfolgreich war, ist außerordentlich attraktiv, schmerzreich und leuchtend, wenn sie sich im Forte artikulieren kann. Aus dieser Dynamik besteht freilich nicht die gesamte Partie. In den beiden zugänglichen Youtube-Mitschnitten („Zauberflöte“, „Rigoletto“) wirkt er differenzierter und ausgeglichener. Den Escamillo gibt FRANK DOLPHIN WONG rollengerecht als Macho-Typ. Sein Bariton scheint an Volumen und Kraft zugelegt zu haben, seit er fest zum Hagener Ensemble gehörte. JACLYN BERMUDEZ umreißt die Micaela mit fraulichem Charme. Eine leichte Herbheit ihres Timbres hat Vorteile, wird doch so aus der Carmen-Konkurrentin kein Blaustrumpf. Überzeugend sind die Nebenrollen besitzt: MARIA KLIER (eine fast ständig beschwipste Frasquita), MARILYN BENNETT (Mercédès), JEFFERY KRUEGER (Remendado), RICHARD VAN GEMERT (Dancairo) und – mit einigem Abstand (seltsam nach seinem so überzeugenden Don GiovannI) – RAYMOND AYERS (Moralès). Als Zuniga spielt RAINER ZAUN günstig seine Bühnenpersönlichkeit aus.

Christoph Zimmermann

(mit freundlicher Genehmigung unserer Freunde vom MERKER-online, Wien)

 

 

 

CARMEN

Besuchte Premiere am 08.06.13

Voila, une "Carmen"!

Manchen Stadttheatern merkt man schon an der Ausstattung das Kaputtgespartwerden durch die eigenen Kommunen an. So kämpft Intendant Norbert Hilchenbach so sehr gegen die Einsparungen, daß er die geplante "Carmen"-Regie aus Zeitgründen abgeben mußte. Daß der Etat für die Spielzeit 13/14 erst im Mai freigegeben wurde ist an sich schon ein kleiner Skandal, denn die Kommunalpolitiker sollten eigentlich wissen, das man eine Spielzeit nicht einfach übermorgen entwirft.

Als Glücksfall für Hagen erweist sich Anthony Pilavachi, denn gerade so eine wichtige Premiere einer der beliebtesten Opern, sollte eine feste Bank für das Theater, die Zuschauer und die Abonnenten sein. Pilavachi gehört eben nicht zu den Regisseuren, die meinen, das Rad neu erfinden zu müssen oder sich durch Skandale profilieren wollen, dennoch inszeniert er eine ganz zeitgenössische, moderne "Carmen", die das Werk als blutvolles Theater genau auf den Punkt bringt. Peer Palmowskis karges Bühnenbild zeigt genau die Folie für das Spiel zwischen Mann und Frau. Mag der Beginn des ersten Aktes noch etwas hölzern ablaufen, steigert sich die Aufführung über eine exakte Personenführung und genaue Charakterisierung zu einem packenden Drama, mit einem einfachen und auch brutalem Schluss. Carmen ist hier eine junge, attraktive Frau, die sich aus einem bettelnden und stehlendem Straßenkind entwickelt hat. Kristine Larissa Funkhauser bringt mit moderner Kurzhaarfrisur schon Modelqualitäten auf die Bretter, weiß sich unaufgesetzt und erotisch zu bewegen, ihr Mezzo fängt mit süffigem Wohllaut die Leichtigkeit der Habanera ein und reizt auch nötigerweise mal einen herben Ton zur Rollengestaltung aus. Carmen nutzt ihre Attraktivität rein als Machtmittel innerhalb der Männergesellschaft, so läßt sie im Zigeunerlied des zweiten Aktes die Männer ganz nach ihrer Pfeife tanzen. An Don Josè reizt sie seine Sprödigkeit und später seinen Nutzen, Escamillo scheint eine echte Liebe ihrerseits zu sein. Charles Reid nimmt man den fatalistischen, etwas unreifen Josè ebenfalls ab, zwar schafft er die hohen Klippen seiner vokalen Partie recht gut, schöne leuchtende Aufschwünge, eine geschmackvolle Gestaltung, doch immer wieder kommt er an gesangliche Grenzen seines Stimmsitzes, was freilich gerade im letzten Bild seine zerrüttete Erscheinung unterstreicht, selten habe ich die finale Auseinandersetzung so glaubhaft und spannend erlebt. Jaclyn Bermudez singt eine energische Micaela, die zu Beginn sehr süßstimmig daherkommt, im Laufe des Abends zu einer leidenschaftlich Liebenden wird. Viele Escamillos haben entweder einen guten Basssitz in der Stimme oder die nötig strahlende Höhe; Frank Dolphin Wong weiß beides zu einem überzeugenden Rollen- und Gesangsportrait zu verbinden. Besonders erfreulich sind auch die genauen Charakterschilderungen der "Nebenrollen", so Marilyn Bennett und Maria Klier als Prostituierte Mercedes und Frasquita, vor allem letztere liefert ein echtes Kabinettstück ab, ein Mensch bei dem man nicht weiß, ob man weinen oder lachen soll. Jeffrey Krueger, Richard van Gemert und Rainer D.Hahn kann man als Menschenschmuggler schon nicht mehr den Kleinkriminellen zurechnen. Orlando Mason und Raymond Ayers zeigen die Schattenseiten der Militärs ebenfalls deutlich auf, gesungen wird durch die Bank weg überzeugend, gesprochen ebenfalls, denn man spielt die originale Opera-Comique-Fassung.

Florian Ludwig leitet das Philharmonische Orchester Hagen zu einem feinen, durchsichtigen Spiel an, lediglich an einigen Stellen würde ich mir etwas straffere Tempi wünschen. Die Chöre des Hauses, samt Extra-und Kinderchören sind allesamt bei der Sache.

Am Ende der Premiere stehende Ovationen bei einem sehr langen und herzlichen Beifall. Eine "moderne" Carmen aus dem Bilderbuch, wie man sie sich wünscht. Daß die meisten Sänger an diesem Abend Rollendebutanten waren, hat man übrigens nicht gemerkt, so kann Theater sein , wenn es sich auf seine wesentlichen Dinge konzentriert. Kaputtsparen muß man sie trotzdem nicht, wenn man so etwas erreichen will !

Martin Freitag

 

 

DON CARLOS

(Premiere am 10.11.12) Aufführung: 22.2.13

Dallas-Denver-Krupp

Die Deutschen Stadttheater gehören leider zu einer bedrohten Spezies, bedroht durch falsch verstandene Sparmaßnahmen, Kunst- und Kulturdesinteresse von nur noch an Macht interessierten Politikern, durch Managementgutachten, die selbst Unsummen verschlingen, doch Vorschläge unterbreiten, die mit den Arbeits- und Produktionsmethoden an den Theatern gar nicht durchzuführen sind; das Publikumsinteresse ist durch ständig steigende Besucherzahlen zu belegen. Um so beeindruckender, wenn ein an die Grenzen zerspartes Haus, wie das Theater Hagen, sich an einen "Brocken" wie Verdis "Don Carlos" wagt, der hier sinnvollerweise in der vieraktigen Mailänder Fassung gespielt wird. Beeindruckend wie viele der anspruchsvollen Partien immer noch aus den zusammengeschrumpften Ensembles besetzt werden, doch eine Grippewelle zeigt, wie dünn die Personaldecke geworden ist, so mußte das Theater Hagen, um die gut verkaufte Vorstellung nicht ausfallen zu lassen gleich drei Gastsänger engagieren und zwei wichtige Künstler traten indisponiert, respektive ersetzt auf.

David Marlow hatte die undankbare Aufgabe für den erkrankten Florian Ludwig kurzfristig einzuspringen, und das diffizile Werk mit großen Chören und den ungewohnten Gastsängern auf Kurs zu halten, was ihm mit dem gut eingearbeiteten Philharmonischen Orchester Hagen weitgehend gut gelang. Rainer Zaun als Philipp sang indisponiert, die Stimme kleiner als gewohnt haltend, mit verinnerlichtem Ausdruck und eleganter Phrasierung und ließ die Erkrankung fast vergessen.

Eine echte Entdeckung ist Xavier Moreno, der die schwierige Titelpartie nicht nur mit nie nachlassendem Impetus und schwelgerischem Tenor versah, sondern auch die "Urfassung" des historischen Infanten, einen grenzdebilen Idioten, mit beklemmender Intensität spielte. Tamara Haskin mußte als Elisabetta gegen dieses Rollenporträt die verständnisvoll liebende Stiefmutter mimen, gesanglich gefiel ihr vor allem in der Mittellage warm timbrierter Sopran mit leichten Spitzenschärfen in emotional erfüllender Interpretation und durch große Musikalität. Kartal Karagedik als einspringender Posa beeindruckte mit in allen Lagen gut klingendem Bariton von feiner Belkanto-Faktur. Michail Milanovs wuchtiger Bassbariton ersetzte effektvoll den Großinquisitor des Hauses. Maike Raschke erfeute als eingesprungener Tebaldo mit sicherem Sopran. Viel Applaus bekam Kristine Larissa Funkhauser für ihren verausgabenden Einsatz als Eboli, doch höre ich sie persönlich noch nicht im dramatischen Mezzofach, da werden die Höhenspitzen mit viel Druck und Gewalt angegangen, was der Stimme auf Dauer einfach abträglich ist. Sebastian Joest singt mit leicht mulmigem Bass den Mönch /Karl V. Die Chöre sind vokal und in ihrer spielerischen Präsenz erneut ein großes Plus des Hauses.

Die Inszenierung von Philipp Kochheim versetzt das Geschehen vom spanischen Hof kurzerhand in den Industriellenadel des Ruhrgebiets um 1900, was aus zweierlei Gründen nicht aufgeht: erstens reibt sich das Verhalten des spanischen Hofzeremoniells mit dem sozialen Verhalten dieser Zeit, zweitens wird die wichtige Rolle zwischen Herrschaft und Kirche zu einer Marginalität herabgewürdigt, die die grandiose Szene zwischen Philipp und dem Großinquisitor zu einem Fremdkörper werden läßt. Ein Autodafè ist eben kein Gartenfest mit Spanferkel und revoltierenden Arbeitern bei Krupp. Sehr schön ausgearbeitet sind die Genreszenen (Schleierlied), wobei die Gewichtung von Nebensächlichkeiten und Hauptaktion nicht stimmen. Die Personenporträts der Protagonisten wirken seltsam oberflächlich und nicht gut herausgearbeitet, was natürlich auch an den Umständen der Aufführung gelegen haben kann. Das Spiel findet vor einem merkwürdigen dunklen Schiefertableau auf offener Bühne statt, die mit allzu vielen Versatzstücken dekoriert wird, die ebenfalls offenen Scheinwerfer blenden manchmal unangenehm ins Publikum. Diese offenen Bühnenbildkonzepte haben ebenfalls den Nachteil die Gesangsleistungen zu erschweren. Die Kostüme der Ausstatterin, Uta Fink, sind passend zur vorletzten Jahrhundertwende.

Szenisch war der Abend, ob des verfehlten Inszenierunskonzeptes, nicht überzeugend, doch musikalisch eine beeindruckende Leistung für das Hagener Theater.

Martin Freitag                                            Bilder: Theater Hagen

 

 

 

DIE GROSSHERZOGIN  VON GEROLSTEIN

Besuchte Premiere am 12.1.13


Operette Noir

Offenbachs "Die Großherzogin von Gerolstein" gehört eindeutig zu den grandiosen Meisterwerken des deutsch-französischen Komponisten und besticht in ihrer kriegstreiberischen Aktualität auch heute noch vom Thema. Am Hagener Stadttheater hat Roman Hovenbitzer bewiesen, daß er selbst mit den wirklich schwierig zu inszenierenden Werken Offenbachs auf unterhaltsame Weise fertig wird. In Hermann Feuchters nicht sehr charmantem , aber passendem Bühnenbild wird der Aufstieg und Fall des einfachen Soldaten Fritz auf Betreiben der nicht nur kriegslüsternen Großherzogin mit viel Schwung, gut gespielten Dialogen, flotten Choreographien Ricardo Fernandos und den wahrlich operettenhaften, wie manchmal auch modernen Kostümen Anna Siegrots in schnellen, knappen drei Stunden durchgespielt, denn die relativ ungestrichene Keck-Edition weist wirklich Unmengen an fantastischer Musik auf, von der man nichts missen möchte. Zumal Steffen Müller Gabriel am Pult des gewieften Philharmonischen Orchester Hagen den zugleich trockenen, wie gewitzten Ton Offenbachs auf das Beste trifft, weiß wann mitreißendes Tempo angesagt ist, wie in langsameren Zeitmaßen zu schwelgen, wenn Text transportiert werden muß.

Gesanglich hat man einzelne Partien sicher besser im Ohr, doch wird im Grund zufriedenstellend bedient. Dagmar Hesse hat die schwere Titelrolle mit ihrem voluminösem Sopran meistens gut in Griff, wenngleich die Rolle etwas einseitig auf die sexuell frustrierte Seite angelegt ist, da wären durchaus noch ein paar mitfühlende Töne angebracht. Jeffery Krueger ist der schnuckelige Soldat Fritz, einfältig, doch auch gewitzt und charmant, schon vor Beginn der Vorstellung leider als indisponiert angesagt, so spricht es für das Theater Hagen vorgesorgt zu haben, so daß aus dem Graben der zuverlässige William Saetre vom MiR Gelsenkirchen die Partie während der laufenden Vorstellung übernimmt, während der tapfere Tenor Krueger die Szene bis zum Finale durchspielt.

Seine schmucke Verlobte Wanda wird von Tanja Schun als süßes Naivchen gegeben, in der Höhe dünnt ihr Sopran leider manchmal etwas aus. Furore macht das infernale Intrigantentrio mit dem krachledernen General Bumm Rainer Zauns, dem herrlich infantilen Prinzen Paul Richard von Gemerts und der öligen Politikercharge Graf Pück von Andreas Lettowsky. Tillmann Schnieders ergänzt als eleganter Baron Grog. Sehr berührend ist am Anschluss an die Premiere die Ehrung von Ks. Horst Fiehl, der einen exakten Diener Nepomuk gab, anläßlich seines fünfzigsten Bühnenjubiläums, von denen er rund vierzig Jahre Ensemblemitglied in Hagen war, etwas heutzutage sehr Seltenes. Eine weiter Qualität von Hovenbitzers Regie zeigt sich übrigens in der differentierten, wie pointierten Chorarbeit, zumal Chor, Extrachor und Ballett in musikalischer und szenischen Pracht zeigten, wie gerade die kleineren Häuser von ihren oft hervorragenden Kollektiven und ihrer "Kleindarsteller" leben und profitieren. Kleiner Kritikpunkt sei vielleicht die relativ spät angesetzte Pause, was eventuell noch korrigiert werden kann ? Die amüsante Schlußpointe sei hier nicht verraten, mir hat sie sehr gut gefallen.


Ansonsten ein prächtiger Abend mit Offenbach und dem Stadttheater Hagen. Großer, einhelliger Premierenjubel.

Martin Freitag                                  Bilder: Theater Hagen

 

 

Besprechungen älter Aufführunge befinden sich ohne Bilder weiter unten auf der Seite Hagen unseres Archivs.

 

DER OPERNFREUND  | Opernfreund.Contact@t-online.de