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theaterhagen.de

Intendant

GMD

 

 

Lucia di Lammermoor - 2. Kritik

Brauchbares Opernglück im kleinen Stadttheater

 

2. Aufführung am 27.1.2017

 

Immer wieder hört man, und gerade bei kleineren Häusern, dass die potentiellen Opernbesucher bei Neuinszenierungen vor dem Kartenkauf erst einmal die Kritiken abwarten. Das scheint bei der Hagener „Lucia di Lammermoor“ nicht recht geklappt zu haben; bei der zweiten Aufführung und immerhin 6 Tage nach der Premiere war das Haus nicht einmal halb voll. Das ist sehr enttäuschend, zumal die Lokalpresse mit „Belcanto-Wahnsinn“ und Hinweis auf das „Sängerwunder Cristina Piccardi“ die Produktion in den höchsten Tönen gelobt hatte. Was soll das personell und finanziell krisengeschüttelte Haus denn noch alles anstellen, um „die Bude voll zu bekommen“ ? Zumal diese Oper unbestritten einen einsamen Höhepunkt des Belcanto darstellt, eines Genres, wo die Schönheit des Gesangs im Vordergrund steht, mit prächtigen Arien oder Ensembles. Das Erlebnis dieser Musik greift aber auch, wenn die Qualität einer Aufführung nicht im obersten Bereich anzusiedeln ist; Hagen ist nicht München oder Wien, aber ein sehr achtbares Stadttheater, welches mit der Lucia eine sehr ordentliche Oper auf die Bretter gebracht hat.

Die Brasilianerin Cristina Piccardi in der Titelfigur füllt diese Rolle, an der sich seit Generationen die Sängerinnen, Dirigenten und Regisseure die Zähne ausbeißen, mit einer rundum bewundernswerten Stimme und Darstellungskraft. Sie singt sehr höhensicher, mit gestochenen Koloraturen und Spitzentönen, von denen sie – eine häufige Unsitte – keinen einzigen ausgelassen hat. Bewundernswert auch ihr Duett mit der Glasharfe (Sascha Reckert); das ging in der Empathie schon in Richtung Rückenschauer. Wenngleich ihrem hellen Sopran ein wenig mehr Wärme und Erotik gut tun würde; es fehlen ein wenig die Untertöne. Andrew Finden als Enrico erfreut mit wunderbar strömendem, warm timbriertem Bariton, mit einem sehr schönem Parlando und mit rollengerechter perfekten Bühnenpräsenz.

Sein Kontrahent Edgardo (der Chinese Kejia Xiong), seit einigen Jahren festes Ensemblemitglied, stieß an diesem Abend in diese Rolle deutlich an seine Grenzen. Die Stimme klang unfrei, eher hinten im Hals, sie war nicht optimal in der Resonanz; seine große Arie im letzten Akt geriet zur Zitterpartie, sie war nur mit großer Kraftanstrengung durchzustehen. Auch Rainer Zaun als Erzieher Raimondo fehlte an diesem Abend ein wenig vom gewohnten Bassfundament. Peter Aisher als Bucklaw und die Vertraute Kristine Larissa Funkhauser sangen und spielten einwandfrei, ebenso Matthew Overmeyer als Normanno.

Szenisch gibt es über den Abend nichts Aufregendes zu berichten, Regisseur Thomas Weber-Schallauer erzählt die Geschichte relativ belanglos entlang dem Libretto und in etwas langweiligen, von verschiebbaren Säulen eingerahmten grauen Bühnenbild (Jan Bammes), welches durch wechselnde Beleuchtung und ein paar Möbelstücke modifiziert werden kann. Auch die Personenführung könnte mehr Aktivität vertragen, man stand in Alltags-Kostümen von Christiane Lutz oft einfallslos herum, so auch im herrlichen Sextett Ende 1. Akt, oder sang bequem im Sitzen. Ob der mehr als deutliche Griff Edgardos mit einem kleinen Kreuz in der Hand unter den Rock der Lucia als Anspielung auf einen derzeit sehr bekannten Politiker gedeutet werden kann, bleibt unklar. Ebenso der Mord an Edgardo durch Normanno; im Libretto ist eigentlich ein Selbstmord vorgesehen.

Mihhail Gerts, 1. Kapellmeister des Hauses, hatte eingangs einige Mühe, das Orchester zusammenzuhalten und mit der Bühne zu synchronisieren; das gab sich im zweiten Teil deutlich besser. Auch der Chor (Wolfgang Müller-Salow) geriet erst spät so richtig in Fahrt. Das Publikum war nach dem langen stehenden Applaus auf jeden Fall mehr als zufrieden. Zumal diese Musik viel zu schön ist, um sich über irgendwelche Kleinigkeiten zu ärgern und dann verdrossen nach Hause zu gehen.

 

Michael Cramer

Fotos © Andrew Finden

 

 

Lucia di Lammermoor

Premiere: 21.1.2017

Szenisch schwierige Oper, in Hagen aber dicht und atmosphärisch

Das Theater Hagen lebt derzeit in Ungewissheit angesichts finanzieller Unwägbarkeiten. Intendant Norbert Hilchenbach wird (altersbedingt) gehen, GMD Florian Ludwig ebenfalls. Gemeinsam erarbeitet man am Ende der Spielzeit aber noch HK Grubers „Geschichten aus dem Wienerwald“, was zusammen mit der Uraufführung von Ludger Vollmers „Tschick“ im März demonstriert, wie sehr sich das Haus immer wieder auch zeitgenössischem Opernschaffen öffnet. Das und auch anderes an Engagement macht einem dieses Theater so sympathisch. Jetzt aber kamen die Melomanen unter den Opernfreunden wieder einmal auf ihre Kosten: nach gut einem Vierteljahrhundert stand Donizettis „Lucia di Lammermoor“ auf dem Programm. Diese Oper wählt man in der Regel nur, wenn eine besondere Sängerin vorhanden ist. In Hagen steht sie mit Cristina Piccardi zur Verfügung.

Die junge Brasilianerin verfügt über alle notwendigen Raffinements für die „Wahnsinns-Person“: superbe Höhe, sensible Kantilene, perfekte Staccati, saubere Triller. Weiterhin überzeugt sie mit Aussehen und Spiel. Das Hagener Premierenpublikum feierte die Jung-Primadonna ausgiebig und sparte auch sonst nicht mit Beifall, zu Recht. Er galt aber wesentlich auch dem jungen estnischen Dirigenten Mihhail Gerts (seit kurzem 1. Kapellmeister des Hauses), welcher mit dem Philharmonischen Orchester Hagen Donizettis Musik sensibel umsetzte, aber auch ihr dramatisches Heißblut nicht vernachlässigte. Dass es in der Hörnergruppe schon mal kleine Probleme gab, sei der Gerechtigkeit halber erwähnt, aber nicht überbewertet. Auch der verstärkte Chor (Wolfgang Müller-Salow) trug zum musikalischen Hochniveau des Abends bei.

Als selbstgenügsames Belcanto-Ereignis möchte man „Lucia“ heutzutage nicht mehr akzeptieren. Immer wieder also die Frage: wie geht man inszenatorisch mit einer Oper um, bei der virtuos-schöner Gesang im Vordergrund steht und moderne Handlungspsychologie eine eher zweitrangige Rolle spielt? Die vom Rezensenten zuletzt erlebten Produktionen versuchten es mit der Wahl einer Nervenheilanstalt als Ort des Geschehens (Bonn 11/2016, Inszenierung: David Alden, Koproduktion mit der English National Opera) bzw. durch Verlagerung in die Zeit des Dritten Reiches (ein halbes Jahr zuvor in Köln, Eva-Maria Höckmayrs Regie berief sich überzeugend auf historische Vorgänge).

Thomas Weber-Schallauer legt es in Hagen, wo er regelmäßig arbeitet, nicht auf ein spektakuläres Zeit- bzw. Ortstransfer an, setzt sich als Regisseur auch nicht selbstverliebt in Szene. Man könnte seine Arbeit also als gediegen bezeichnen, wäre das Wort nicht so ungünstig negativ belastet. Die erste positive visuelle Eindruck kommt ohnehin von Ausstatter Jan Bammes: rückwärtige Reliefwand, seitliche „klassizistische“ Portalsäulen, ein quaderartig unterteilter Plafond mit variabel zu nutzenden Leuchten, dazu sparsames Mobiliar. Dominierende Farbe ist Grau. Die Kostüme von Christiane Luz signalisieren zeitlose Moderne.

In diesem weitgehend überzeugenden Ambiente führt Weber-Schallauer Regie, ohne das Sujet vordergründig oder plakativ neu beleuchten zu wollen. Aber er setzt intelligente Akzente. So bekommt die Figur des religiös eifernden, ständig aufdringlich mit seinem Kruzifix hantierenden Raimondo neue Beleuchtung (auch dank der dringlichen Darstellung durch Rainer Zaun), Psychologisch besonders reich ist die Figur Enricos gezeichnet. Er ist zweifelsohne ein Intrigant, aber kein bloßer Brutalo, seiner Schwester Lucia in wechselvoller Emotionalität auch eindeutig zugetan (ohne inzestuöse Konturen wie in Köln). Seine Untaten erklären sich aus starker familiärer Verpflichtung. Sie sind sicher nicht entschuldbar, aber doch nachzuvollziehen. Nicht ganz leuchtet das Finale der Inszenierung ein. Enrico sieht mit dem Tode Edgardos (erstochen durch Normanno, bestens besetzt mit Matthew Overmeyer) seinen Status nicht länger gefährdet, bleibt dann aber im Hintergrund sitzen, eine Pistole in der Hand. Doch noch Gewissensbisse?

Von der Regie wird Alisa (negativ) aufgewertet, im Libretto unscheinbar als „Vertraute“ klassifiziert. Kristine Larissa Funkhauser spielt hingegen die heimliche Aufseherin, macht sich ständig Notizen über ihre Schutzbefohlene und gibt die Aufzeichnungen nach oben weiter. Auch sorgen zwei „Krankenschwestern“ u.a. mit Fesselungen dafür, dass Lucias unberechenbares Verhalten in Zaum gehalten wird. Und Raimondo predigt ständig gotteshörig auf sie ein. In diesem Umfeld hat Lucias Liebe zum Familienfeind Edgardo wahrhaft keine Chance. Glänzend bebildert auch die geschäftsmäßig abgewickelte Hochzeit mit dem seine gesellschaftliche Entwicklung kühl kalkulierenden Arturo. Nachdrückliches Kompliment für diese stimmige Hagener Produktion; sie belässt (bei gelegentlichen Verlegenheiten - Introduktionschor, Sextett) der Musik ihre Vorrechte, ohne deswegen beiläufig zu wirken.

Den Enrico umreißt der virile Kenneth Mattice mit glutvoller Emphase. Ein dezidierter Belcanto-Sänger ist er mit seiner eher kantigen Stimme freilich nicht, ebenso wenig wie Kajia Xiong. Als Edgardo könnte ihn Peter Aisher (Gast vom Düsseldorfer Opernstudio) mit seinem lyrisch angenehm fließendem Organ ohne weiteres überrunden. Aber der chinesische Tenor bietet engagierten Gesang und ist nicht zuletzt eine starke Bühnenpersönlichkeit. Die Liebesszenen mit Lucia beispielsweise wirken plausibel, wie man es anderswo nur selten sieht.

Ein Schlusswort zur Musik. Alle in diesem Bericht angesprochenen „Lucia“-Aufführungen benutz(t)en in der Wahnsinns-Szene eine Glasharmonika, wie von Donizetti nicht grundlos vorgesehen. Gegenüber Köln und Bonn wirkt dieses exotische Instrument in der Akustik des kleinen Hagener Hauses besonders plastisch. Man erlebt tatsächlich so etwas wie Sphärenmusik.

Christoph Zimmermann 22.1.2017

Bilder (c) Theater Hagen

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Premiere: 26.9.2015

Besuchte Aufführung: 26.12.2016

TRAILER

Kommt irgendwo eine neue „Zauberflöte“ heraus, stellt man sich als Kritiker immer die Frage: „Muss ich das sehen?“, schließlich wird das Stück überall gespielt. Die Hagener Inszenierung von Annette Wolf hatte schon vor über einem Jahr Premiere und wurde von mir in der ersten Saison ignoriert. Nachdem die Produktion aber in ihre zweite Spielzeit ging, warf ich einen Blick auf die Bilder und das Werbevideo des Hagener Theaters und war neugierig: Eine „Zauberflöte“ im Museum, bei der die Kunstwerke lebendig werden! Das könnte ein interessantes Konzept sein.

Tatsächlich beginnt die Aufführung vielversprechend: Tamino ist ein Museumsbesucher, der sich in die Betrachtung von Caspar David Friedrichs „Frau in der Morgensonne“ verliert. Die Frau auf dem Bild verwandelt sich in ein schlangenköpfiges Ungeheuer, vor dem Tamino von den drei Museumwächterinnen beschützt wird. Das Bild Paminas wird als Videoinstallation vorgeführt und die Königin steigt schließlich leibhaftig aus dem Friedrich-Gemälde als Biedermeier-Frau.

Soweit, so gut, doch mit dem Fortschreiten der Aufführung wirkt das Konzept wie bloße Dekoration. Zudem ist die Inszenierung nicht zu Ende gedacht: Träumt Tamino die Geschichte nur? Warum nehmen die Kunstwerke immer weniger Raum ein? Immerhin ist das Bühnenbild von Jan Bammes, das aus verschiebbaren Säulen besteht, funktional und sehenswert.

Im zweiten Teil gibt es nämlich nur noch eine große Nana im Stile von Niki de Saint Phalle, während nun die politischen Elemente in den Vordergrund rücken und die Regie Sarastros Politik immer stärker kritisiert: Während Sarastro ein salbungsvolles „In diesen heiligen Hallen“ singt, hört man die Schmerzensschreie des gefolterten Monostatos von der Hinterbühne. Im Rahmen seiner Prüfungen muss Tamino einen ganzen Aktenberg ungesehen unterschreiben. Und im Finale erkennen Pamina und (nach langem Zögern) Tamino, dass sie mit diesem Priestersystem nichts zu tun haben wollen.

Eine Konzentration auf diesen politischen und Sarastro-kritischen Ansatz, hätte die Inszenierung wirklich spannend und schlüssig gemacht.

Die Besetzung ist durchwachsen: Kejia Xiong besitzt als Tamino zwar schönes Material, seine Stimme klingt aber sehr eng. Beim Papageno von Kenneth Mattice gefällt zwar der weiche Bariton, doch stört der starke englische Akzent. Ilkka Vihavainen als Sarastro besitzt eine warme Bassstimme, fokussiert diese aber nicht in den Zuschauerraum, sodass man viele Töne gar nicht richtig hört.

Maria Klier verfügt zwar über alle Töne, die eine Königin der Nacht braucht, doch hört man ihr die Anstrengungen der Rolle an. Die Stimmen der drei Damen Veronika Haller, Kristine Larissa Funkhauser und Gudrun Pelker vereinigen sich zu einem kraftvollen Ensemble, doch schleichen sich bei ihnen auch immer wieder Ungenauigkeiten ein.

Große Klasse ist jedoch die Pamina von Dorothea Brandt, die mit ihrem kraftvollen und energischen Sopran eine selbstbewusste junge Frau darstellt. Als starker Gegenspieler Sarastros profiliert Rainer Zaun den ersten Priester, so dass man sich fragt, warum er nicht den Oberpriester übernimmt. Eine zuverlässig-muntere Papagena ist Amelie Petrich.

Am Pult des Philharmonischen Orchesters Hagen leitet Generalmusikdirektor Florian Ludwig eine kraftvolle Aufführung. Der Klang ist rund und kompakt, doch hat man manchmal den Eindruck, dass sich bei einigen Orchestermusikern zu viel Routine eingeschlichen hat, denn die Einsätze sind nicht immer auf den Punkt musiziert.

29.12.2016 Rudolf Hermes

Bilder (c) Theater Hagen

 

 

 

Zum Zweiten

Le nozze di Figaro

Premiere: 1.10.2016

Besuchte Zweitvorstellung: 14. 10.2016

Wahrhaft ein „folle journée“

Die Programmhefte führen erfreulicherweise Buch: zuletzt war Mozarts „Figaro“ in Hagen 2004 zu sehen. Bei dieser repertoirefesten Oper gilt halt ein ständiges Wiederholungs-Muss. Ähnliches gilt für de „Zauberfllöte“, welche eine Inszenierung durch die „Figaro“-Regisseurin Annette Wolf in der letzten Saison erlebte und jetzt in Abständen wieder gezeigt wird. Bei „Figaro“ erfreut zunächst, was Florian Ludwig mit dem Philharmonischen Orchester Hagen hören lässt. Er dirigiert tempoflott, mit Hervorhebung koloristischer Details (z.B. Holzbläserläufe am Schluss der Ouvertüre). Einige Begleitformulierungen geraten akustisch vielleicht schon mal etwas vordergründig, aber immer ist Mozart-Nähe zu spüren. Der durchgehende Esprit dieser Interpretation wurde in der besuchten zweiten Vorstellung (leider erst zwei Wochen nach der Premiere) vom Publikum merklich mit besonderem Beifall honoriert.

Annette Wolf hat in Hagen schon verschiedentlich gearbeitet, ähnlich übrigens wie Roman Hovenbitzer, der aber mehr für zeitgenössische Werke geholt wird. Annette Wolf stellt die vielschichtige und deshalb zu inszenatorischen Extravaganzen durchaus einladende „Figaro“-Komödie nicht auf den Kopf, färbt sie aber im Detail neu ein, im Verein mit der Ausstatterin Imme Kachel. Traditionelles Rokoko findet sich im Mobiliar, die gestreift tapezierten Wände (welche sich im dritten Akt zu einer Kulissenbühne formen) sind schon mehr Biedermeier, die Kostüme mäandern durch die Zeiten, wobei Susannas Rüschenkleid auf Spaniens Mode verweist. Mit einem Auto inmitten grüner Kunstnatur ist man final in der Jetztzeit angekommen. Das alles besitzt optischen Witz und muss nicht einem strengen „warum gerade so?“ unterworfen werden.

Die Inszenierung nimmt den Titel des Schauspiel-Originals von Beaumarchais („La folle journée“) beim Wort und sorgt für ein quickes, wirbeliges Spiel, wobei mit erotischen Akzenten nicht gespart wird. So hat die Gräfin Almaviva (rote Blume im Haar!) noch recht viel von der Rossini-Rosina (auch ihr legerer Kontakt zu Figaro erinnert an vergangene Zeiten). In der – sagen wir mal – recht zugewandten Art, wie sie auf Cherubinos Avancen reagiert, ist sie ebenfalls noch etwas die Kokette von einst.

Auch der Graf hat sich Gefühle aus der Zeit bewahrt, als er Rosina den Hof machte. Ehejahre und vielleicht auch der höfische Betrieb haben die heiße Liebe von früher freilich abkühlen und nüchtern werden lassen, und mannesbedingte Geilheit lässt sich bei ihm kaum unterdrücken. Aber in guten Momenten fliegt er noch immer auf seine Frau, verschwindet mit ihr im zweiten Akt sogar – freilich nachdrücklich gelockt - für kurze Zeit unter der Decke des zentralen Bettes, was der Hofstaat kichernd mitbekommt. Almavivas cholerische Eifersucht wirkt emotional somit „echter“ als üblicherweise.

Den „Perdono“-Passagen im Finalbild (sie bezwingen durch besondere Mozart-Göttlichkeit) gönnen Ludwig/Wolf gedehnte Pausen: Momente glaubwürdiger Wiederannäherung. Sie – die Klügere – gibt verzeihend nach. Ein wirkliches „lieto fine“ ist das freilich nicht. Was nach diesem sommernachtstraumartigen Wirrwarr am nächsten Tag und danach folgt, muss offen bleiben, vermutlich neuerlich bonjour tristesse. Mozarts Opera buffa lässt, so wie sie am Theater Hagen gespielt wird, mit ernsten Gedanken zurück. Es ist halt doch nicht alles Spaß auf Erden.

In dem starken Ensemble wirken Cristina Piccardi und Kenneth Mattice besonders rollenstimmig. Susanna ist ein quirliges, bodenständiges Wesen, charmant und auch gefühlvoll, aber ohne Süßlichkeit, sängerisch wie auch im Spiel. Almaviva tobt (einmal sogar mächtig eine Axt schwingend) durch das Geschehen, testosterongesteuert wie ein Hirsch in der Brunft. Es ist ein Verdienst des famosen, flammenden Sängers, dass dies nie ordinär wirkt. Veronika Haller gibt die Contessa als eine immer noch blutvolle Frau, klarstimmig - bei leicht angestrengter Höhe. Der Cherubino von Kristine Larissa Funkhauser bekam gute Premierenkritiken. Die erlebte zweite Aufführung vermittelte in vokaler Hinsicht eher ungünstige Eindrücke: eine verhärtet klingende Stimme ohne den Charme pubertär quellender Erotik. Die Darstellung freilich überzeugte.

Bei den Comprimario-Partien gute Kräfte: Anna Lucia Struck (Barbarina), Rainer Zaun (als Bartolo wie immer voll aufgedreht), Richard Van Gemert (schleimig-buffonesk als Basilio, köstlich stotternd als Don Curzio) sowie der Gast-Antonio an diesem Abend, Hiroyuke Inoue. Ganz und gar abendfüllend die bühnenpralle Marcellina der Joslyn Rechter.

Christoph Zimmermann 15.10.16

Bilder siehe unten!

 

DIE HOCHZEIT DES FIGARO

2. Oktober 2016

In meisterlicher Leichtigkeit

Mit seiner ersten großen Premiere in der Spielzeit 2016/17 ist dem Theater Hagen mit Mozarts DIE HOCHZEIT DES FIGARO ( „Le nozze di Figaro“) ein absolut überzeugender Start in die neue Saison gelungen. Mehr noch, die gestrige Premiere wurde zu einem Ausrufezeichen dieses Theaters und seiner beachtlichen künstlerischen Möglichkeiten. Diese Inszenierung lohnt jede Anreise und sollte auf keinem Terminplaner eines Opernfans fehlen. Eine großartige Ensembleleistung auf der Bühne, ein Philharmonisches Orchester Hagen mit echten Mozartqualitäten und alles in den besten Händen von Hagens GMD Florian Ludwig, der dem begeisterten Publikum musikalisch einen großen Abend bescherte.

Mozarts Oper buffa in vier Akten , basierend auf dem Theaterstück von Beaumarchais, erzählt die Geschichte vom Graf von Almaviva der nichts gegen eine Hochzeit seines Kammerdieners Figaro mit der Zofe seiner Gattin, Susanna, einzuwenden hat. Denn bei ihr will er das von ihm abgeschaffte „Recht der ersten Nacht“ wieder zu seinen Gunsten einführen.

Doch er ahnt nicht, daß sich Figaro und seine Susanna nicht nur mit der Gräfin verbünden, sondern auch noch den dauerverliebten Pagen Cherubino ins Spiel bringen, der seinerseits für reichlich Verwicklungen sorgt. Als auch noch die Beschließerin des gräflichen Schlosses Marzelline auf ihrer heißersehnten Hochzeit mit Figaro besteht, ist die Verwirrung komplett und findet ihren Höhepunkt , als auch die Auflösung aller Intrigen, im nächtlichen Garten des gräflichen Schlosses. Am Ende ist der Graf es, der einsehen muss, dass er die Frau, die ihn tatsächlich liebt, auf schlimme Weise hintergehen wollte. Seine Entschuldigung an seine Gräfin und deren Verzeihen beschließen Mozarts musikalischen Geniestreich.

Der Regisseurin Annette Wolf gelingt es diesen Stoff mit einer geradezu meisterlichen Leichtigkeit auf die Bühne zu bringen. Auf den ersten Blick eröffnet sie den Zuschauern den Blick auf die Rokoko-Zeit, aber spielt dann doch immer wieder mit den verschiedenen Epochen, die dem Rokoko folgten. Sei es, wenn Figaro zu Beginn der Oper ein Regal in schwedischer Selbstbauweise zusammenbauen will, oder aber, wenn im letzten Bild der Oper ein amerikanischer Luxusschlitten aus den 1970-er Jahren auf die Bühne rollt, den sie sehr geschickt in die laufende Handlung einbezieht. Zumindest sind die Kostüme der Protagonisten und das sie umgebende Bühnenbild der ursprünglichen Handlungszeit nachempfunden. Hierfür zeichnete sich in besonderer Weise die Kostüm- und Bühnenbildnerin Imme Kachel verantwortlich. Ulrich Schneider, der für die in dieser Inszenierung besonders wichtige Lichttechnik zuständig war, komplettierte ein Regieteam, welches ganz besonders vom Premierenpublikum für seine einfallsreiche und raffiniert-zeitlose Umsetzung des alten, und doch ewig aktuellen, Theaterstoffes gefeiert wurde. Ebenfalls positiv zu vermerken ist, dass diese Inszenierung auch an vielen Stellen knisternde Erotik in Form von Gesten und Blicken aufweist, dabei aber nie zotenhaft, oder gar plump, daher kommt.

Auf der Bühne agierte ein Ensemble, dem die Begeisterung für das Werk und diese Inszenierung deutlich anzumerken war. Bis in die kleinste Partien hinein wurde hier Mozart auf hohem Niveau gesungen und (was ebenfalls von hoher Wichtigkeit ist) gespielt. Die Verbindung aus Gesang und Spiel der Sängerinnen und Sänger und dem von seinem künstlerischen Leiter Wolfgang Müller-Salow bestens einstudierten Chor des Theater Hagens erst machte diesen Mozartabend zu einem wahren Vergnügen für ein begeistertes Premienpublikum.

Neele Jacobson und Ann-Katrin Niemczyk als Blumenmädchen gaben persönliche und gelungene Bühnendebüts. Richard van Gemert sang gleich in zwei Rollen. Zum einen den Don Curzio, als auch den Basilio. Ebenso wie Rainer Zaun als Bartolo und Marilyn Bennett als herrlich aufgedrehte Marcellina wussten sie beim Publikum für ihre jeweiligen Leistungen zu punkten. Viel Applaus und Anerkennung für die vermeintlich kleineren Gesangspartien.

Den Cherubino gestaltete die Mezzosopranistin Kristine Larissa Funkhauser mit großem komödiantischem Talent und stand dem auch gesanglich in nichts nach. Ein Bilderbuch-Cherubino in vielerlei Hinsicht, den Frau Funkhauser da auf die Hagener Bühne gezaubert hat.

Die Gräfin wurde von Veronika Haller gesungen. Auch bei ihr ist die Darstellung hervorzuheben und die Hingabe, mit der sie diese Rolle der frustrierten und dann später sich revanchierenden Ehefrau spielte. Gesanglich steigerte sich Veronika Haller im Laufe des Abends und sang ein hingebungsvolles „Dove sono i bei momenti“ (Arie der Gräfin, 3. Akt) und wußte ihren Sopran besonders in den Ensembleszenen wirkungsvoll einzusetzen.

Andrew Finden als Figaro durfte viele menschliche Facetten seiner Partie zeigen und durchleben und steigerte sich im Laufe des Abends zu einer sehr respektablen Gesamtleistung, die vom Publikum entsprechend honoriert wurde.

Die Susanna ist in vielen Inszenierungen immer eine der zentralen Rollen dieser Oper. So auch in Hagen. Mit der Sopranistin Cristina Piccardi verfügt das Hagener Opernhaus über eine glänzende Vertreterin dieser anspruchsvollen Mozartpartie. Die spielerische Kombination aus naiv, schlitzohrig und sexy gelang ihr vortrefflich. Dazu mit einem Sopran, der anfangs viel Leichtigkeit vermittelte, aber im weiteren Verlauf auch kraftvoll zum Einsatz kam. Ein besonderes Lob an Cristina Piccardi für dieses gelungene Rollenportrait.

Der Graf Almaviva ist nicht wirklich zu beneiden im Spiel der Geschlechter untereinander. Ist er es doch, der den eigentlichen Auslöser zu allerlei Verwicklungen und Intrigen gab. Der anfangs arrogante Edelmann muss am Ende des Stückes nicht nur seiner Ehefrau Abbitte leisten und erkennen das Macht auch immer Verantwortung anderen gegenüber mit in sich trägt. Dem Hagener Bariton Kenneth Mattice gelang eine hervorragende Darstellung und Umsetzung dieser komplexen Rolle. Ein Sängerschauspieler erster Güte. Den Grafen sang er mit nobler, mitunter elegant klingender, Stimme, auch in den höheren Gesangsbereichen dieser Partie.Ein tolles, da überzeugendes, Rollendebüt des gebürtigen US-Amerikaners, der bereits im Frühjahr dieses Jahres als Eugen Onegin an gleicher Stelle zu überzeugen wusste.

Der Hagener GMD Florian Ludwig stellte schon zu Beginn der Oper mit der Ouvertüre klar, dass dies kein schleppender Figaro wird, sondern einer mit Tempo. Das Philharmonische Orchester Hagen geht Ludwigs Tempo mühelos und kongenial mit und musizierte dabei einen klangschönen, stets präzis und dabei auch anmutig wirkenden, Mozart.

Detlef Obens 4.10.16

Fotos (c) Theater Hagen / Klaus Lefebvre

 

 

Rettet das Theater Hagen! Herr OB Erik O. Schulz: Kassieren Sie die Sparvorgabe!

Die Existenz des Hagener Theaters ist massiv bedroht. Sollten die Sparmaßnahmen in Höhe von 1,5 Millionen zzgl. des 1 Prozentes der Tariferhöhungen umgesetzt werden müssen, wird das TheaterHagen ab 2018 in dieser über die Region anerkannten Form nicht weiter existieren können.

 Das Feuer des einzig verbliebenen, nennenswerten Hagener Leuchtturms wird erlöschen. Die Konsequenz werden Spartenschließungen sein, Abwanderung von hunderten Angestellten und Künstlern, Abfindungszahlungen, Prestigeverlust. Am Ende droht die Umwandlung in ein so genanntes "bespieltes Haus", was nichts anders bedeutet als der Einkauf teurer Fremdproduktionen. Und es steht zu befürchten, dass damit auch andere wichtige Kulturinstitutionen wie die MAX-REGER Musikschule, das KEO, der HOHENHOF oder die KULTURZENTREN in Mitleidenschaft gezogen werden.

 Hagen würde als erfolgreicher und regelmäßig positiv besprochener Standort von der Kulturlandkarte Deutschlands verschwinden.

 Zahllose Verbände und Einrichtungen haben Sie aufgefordert, ja geradezu angefleht, gemeinsam trag- und zukunftsfähige Lösungen zu erarbeiten.

 Die geballte bundesdeutsche Kulturkompetenz stünde Ihnen mit Rat und Tat zur Seite: die Deutsche Orchestervereinigung, der Deutsche Bühnenverein, der Deutsche Musikrat, Medien, Künstler und kompetente BürgerInnen.

 Verehrter Herr Oberbürgermeister: Geben Sie Ihren Widerstand auf. Beweisen Sie Ihren BürgerInnen, dass Sie in ihrem Interesse handeln, und setzen Sie sich für die Rücknahme der Sparvorgabe für 2018 ein. Ergreifen Sie die Chance, in letzter Minute die desaströse Entwicklung am Hagener Theater aufzuhalten.

 Hagen, in seiner jetzigen Verfassung, wird diese Einschnitte bei seinem Theater nicht verkraften.

 Sorgen Sie dafür, dass der Deutsche Kulturrat Hagens Theater von der Roten Liste Kultur streichen kann. www.kulturrat.de/dokumente/rote-liste-kultur/rote-liste-kultur-4.pdf.

 "Die ganze Kultur ist eine große, endlose Zusammenarbeit."  August Strindberg

Begründung:

"Von meiner Stadt verlange ich: Strom, Wasser und Kanalisation.

 Was die Kultur anbelangt, die besitze ich bereits."

 Mit diesem sarkastischen Zitat von Karl Kraus könnte man es bewenden lassen. Doch es gilt, einer unheilvollen Entwicklung - nicht nur in Hagen - aber hier im Besonderen - Einhalt zu gebieten, weil eine lebendige Kultur Spannung bedeutet im Kampf gegen den Rückschritt. Sollten die Sparpläne für das Hagener Theater ab 2018 umgesetzt werden müssen, würde das einen massiven Rückschritt nicht nur für die Kultur in Hagen, sondern für die Stadt selbst bedeuten.

 Rund 180.000 Besucher - auch aus dem Umland - zieht das Theater Jahr für Jahr in seinen Bann. Eine nicht zu ignorierende Menschenmenge, die Hagen besucht. Auch die rund 300 technischen und künstlerischen MitarbeiterInnen des Theaters tragen mit ihren Familienangehörigen, ihren vielfältigen künstlerischen Betätigungen, neben denen im Theater, dazu bei, den sozialen und wirtschaftlichen Abstieg Hagens abzufedern.

 Die Sparvorgabe birgt ein nicht zu kalkulierendes Risiko sowohl für das Theater, als auch für die Stadt.

 Dies alles gilt es aufzuhalten. Hierzu soll diese Petition beitragen.

 Hagen braucht mehr als Strom, Wasser, Kanalisation und unterirdische Mülleimer!

 Jeder, der fürchtet, das TheaterHagen werde die erzwungene Selbstbeschneidung in genannter Höhe nicht verkraften, sollte diese Petition unterzeichnen.

Christoph Rösner (Initiator)

Foto (c) T. Eicher

 

 

Der Rosenkavalier

Premiere am4.6.2016

Wie Gott Amor mit den Menschen spielt

„Ihrem Ende eilen sie zu“ überschrieb ein Magazin kürzlich die Situation des Theaters Hagen. Auf 13,5 Millionen € sollen die städtischen Zuschüsse 2018 eingefroren werden. Dann sind Intendant Norbert Hilchenbach (Pensionierung) und GMD Florian Ludwig nicht mehr am Haus, andere vieleicht auch nicht mehr. Wer nachkommt (wenn überhaupt) ist ungewiss. In der nächsten Saison zeigt das stets rührige Haus im Bereich Musiktheater erst noch einmal Flagge. An Repertoirewerken gibt es „Lucia“ und „Holländer“; mit Ludger Volmers „Tschick“ (UA) und HK Grubers „Geschichten aus dem Wienerwald“ wird zeitgenössisches Schaffen besonders stark berücksichtigt. In seiner noch laufenden TV-Reihe „Wie du warst, wie du bist – Opernland Nordrhein-Westfalen“ stellte der Westdeutsche Rundfunk kürzlich auch das Theater Hagen vor, welches in seiner Geschichte schon so manche Existenzbedrohung überlebt hat, so die Bilanz des Autors Georg Quander. Aber darauf sollte man sich nicht dauerhaft verlassen.

Wie zum Trotz gibt es jetzt den personalaufwändigen „Rosenkavalier“, wo man die Kleinpartien teilweise aus dem Chor besetzt, wie schon bei der letzten Produktion des Werkes 2002/3. Pauschales Lob ohne Namensnennung. Allerdings ausdrückliche Hervorhebung des Philharmonischen Orchesters Hagen, welches fast über sich hinaus wächst. Unter Florian Ludwig gelingt die Mischung aus Klangsüffigkeit und instrumentaler Scharfzüngigkeit ganz hervorragend. Hohe Spielkonzentration. Bei den Sängern gibt es darüber hinaus zwei nachgerade exemplarische Rollenporträts: Maria Klier (Sophie) und Rainer Zaun (Ochs). Davon später mehr. Schade, dass in diesen Befund die szenische Realisation nicht einbezogen werden kann.

In der Johann-Strauß-Operette „Karneval in Rom“ gibt es eine Nummer mit dem Text „Gott Amor schickt Pfeile“. Ob Regisseur GREGOR HORRES diese Nummer kennt? Seine Inszenierung nimmt immerhin Bezug auf das barocke Gemälde „Amor und Psyche“ von Francois-Edouard Picot (durchscheinender Hauptvorhang). Diese beiden Figuren durchgeistern verschiedentlich die Aufführung als Tänzer. Nett, harmlos. Da sind die Rahmenbilder wesentlich gewichtiger.

Zu Beginn verabschiedet sich der greise „Feldmarschall“ von seiner Gemahlin, der Fürstin Werdenberg (angesichts der modernen Ausstattung sind etliche Rollenbezeichnungen freilich zu relativieren), am Ende kehrt er zurück und „ersetzt“ damit auch den Auftritt des kleinen Mohren (der zuvor eine weibliche Bedienstete ist). Das alte Leben hat diese beiden Menschen wieder. Mit undurchdringlichem Gesicht sitzt die Marschallin während des „Traum“-Duetts an der Rampe und scheint zu sinnieren (vielleicht über einen nächsten jungen Verehrer).

Auch der Regisseur scheint zu sinnieren, ohne jedoch inszenatorisch zu einem wirklichen Ziel zu gelangen. Er bildet die Konturen der Handlung ab, ohne aber die fragilen Emotionen seiner Protagonisten unter der Oberfläche zu erschließen. Lieber widmet er sich Lachen machenden Details wie dem Entsetzen von Coiffeur Hippolyte über das harsche Urteil der Marschallin, er habe „ein altes Weib“ aus ihr gemacht, oder er bevölkert das Geschehen im Beisl mit überflüssigem Nuttenpersonal.

Auch die Bühnenoptik ist ein Problem. Nicht die Kostüme (Yvonne Forster), wohl aber die bühnenhohen und fahrbaren Regalwände von Ausstattungsleiter Jan Bammes, wie zur Aufbewahrung von Stasiakten angefertigt und von gesichtsvermummten „Friedhofsbeamten“ immer wieder neu arrangiert, wann immer es passt oder auch nicht. Die kalte Nüchternheit dieser (sparzwängig ersonnen?) Bauten reibt sich permanent an der Opulenz von Straussens Musik.

Zwei Positiva hält die Inszenierung (neben der Präsenz des „Feldmarschalls“) allerdings bereit und führt fraglos auch zu den exzellenten Porträts der beiden vorhin schon genannten Sänger. Wie Maria Klier sich von einem duckmäuserischen Heimchen zu einer emanzipationsbereiten jungen Dame entwickelt, ist einfach hinreißend. Besonders anrührend ihre Reaktion, wenn ihr klar wird, dass sich der ach so liebevolle Octavian erotisch seine Hörner bereits abgestoßen hat. Die Worte „So geh‘ er doch hin“ werden kaum noch gesungen, sondern verzweifelt heraus geschrien. Vokal zeigt sich die Sopranistin zumal in den heiklen Höhen ohne Fehl und Tadel. Rainer Zaun verfügt über keinen dröhnenden, auch nicht über einen schwarzen Bass, als Persönlichkeit ist er jedoch ein Schwergewicht. Wie er den einigermaßen clochardhaft und bajuwarisch (!) ausstaffierten Rüpel (was könnte der etikettengeile Faninal von diesem Rindvieh für seine gesellschaftlichen Eitelkeiten erwarten?) souveräne Schlitzohrigkeit ersingt und erspielt und ebenso körperintensiv wie detailreich in der Gestik diesen sanguinischen Genussmenschen konturiert, fasziniert nachhaltig.

Und dann kommt ein Moment, wo man fast weinen muss, weil’s gar so schrecklich ist. Wenn im dritten Aufzug die ganze Gesellschaft rächend über den Widerling herfällt, zeigt sein Gesicht (und auch das seines Kumpanen Leopold) echte Verzweiflung. Er versteht einfach die Welt nicht mehr, sein vollsaftiges Lebensverständnis nimmt (vermutlich) irreparablen Schaden. Ein Untergang, welcher mitleidig stimmt.

Veronika Haller gibt feinstimmig und pianosanft die Marschallin (mimisch bleibt sie ein wenig äußerlich), Kenneth Mattice vollstimmig und cholerisch, aber nur bedingt differenziert den Faninal. Als Leitmetzerin präsentiert sich die wie eine Krankenschwester gekleidete Sophia Leimbach mit leicht scharfem Sopran, Kejia Xiong gibt nicht ohne Höhenstress die beiden extremen Tenorpartien der Oper (Sänger, Wirt – auch Haushofmeister). Von Kristine Larissa Funkhauser sind etliche schöne Partien in Erinnerung. Der Octavian scheint sie jedoch zu überfordern, abzulesen nicht zuletzt an der durchgehend vagen Intonation. Es tut einigermaßen weh, dies aussprechen zu müssen.

Christoph Zimmermann 5.6.16

Bilder (c) Theater Hagen

 

 

EUGEN ONEGIN

Besuchte Vorstellung: 11.3.2016

Premiere 5.3.2016 /in Deutscher Sprache

In schwarz und rot

Diese Inszenierung muss erst wirken. Sie ist zart, unaufdringlich und dennoch eindringlich, sie ist düster, sie vermittelt Tschaikowskis „lyrische Szenen“ mit herber Melancholie in einem schwarzen Raum mit wenig Licht und viel Schatten. Die dominierenden Farben des Bühnenbildes sind rot und schwarz. Sinngebende Farben für eine Inszenierung im Spannungsfeld menschlicher Leidenschaften.

Regisseur Holger Potocki hat zusammen mit seiner Bühnen- und Kostümbildnerin Tanja Hofmann die Hagener Theaterbühne als einen großen, offenen schwarzen Raum gestaltet. Deren Mitte ist der Dreh- und Angelpunkt für das weitere Geschehen der Oper. Dabei nutzt er offensiv die technischen Möglichkeiten die ihm die Drehbühne zur Umsetzung der Handlung bietet.

Wenn dort, wie in einem vorbeiziehenden Tagtraum, Onegin der sich nach ihm verzehrenden Tatjana erscheint oder der tote Lenski wie ein mahnendes Menetekel seinen ehemaligen Freund Onegin stumm umkreist, hat es was berührendes. Sicher eine der interessantesten Eugen Onegin-Inszenierungen, die ich bisher gesehen habe.

Tchaikowskis berühmteste Oper ist eines der meisterhaftesten Werke der Musikgeschichte überhaupt. Wie er mit musikalischen Stilmitteln die Personen des Stückes, und deren Gefühlsleben, beschreibt ist genial. Eine große Aufgabe auch für das Orchester und den Chor dieser Oper. Und auch immer wieder eine Herausforderung für das gesangliche Bühnenensemble, besonders für den Sänger (Bariton) des Onegin und der Sängerin (Sopran) der Tatjana.

Musikalisch konnte Hagen seinem Ruf als sängerische Talentschmiede wieder einmal gerecht werden. Sehr ansprechende Gesangsleistungen bis in die kleinsten Rollen.

Kristina Larissa Funkhauser ist eine Olga, der man ihre kindliche Naivität unbedingt abnimmt. Eine ideale Rollenbesetzung. Das gilt auch für Marylin Bennett als Larina und Rena Kleifeld als Filipjewna.

Den Wladimir Lenski sang und spielte Kejia Xiong. Der Hagener Tenor war zu Beginn noch ein wenig zurückhaltend, konnte dann aber insbesondere in der Duellszene stimmlich glänzen und gestaltete die berühmte Lenski-Arie „Wohin, wohin seid ihr entschwunden..„mit viel Gefühl und Schmelz in der Stimme. Kenneth Mattice (Eugen Onegin), Ilkka Vihavainen (Fürst Gremin), Veronika Haller (Tatjana), Chor und Extrachor

Ilka Vihavainen hat als Fürst Gremin nicht wesentlich viel mehr als eine Arie zu singen. Die ist aber immerhin eine der bekanntesten Bass-Arien der Operngeschichte schlechthin. „Ein jeder kennt die Lieb‘ auf Erden..“ mit angenehm tiefen Bass dem Hagener Publikum vorgetragen.

Richard van Gemert sang das Couplet des Triquet im 3. Akt mit besonderer französischer Akzentuierung. Paul Jadach war für den Hauptmann und den Saretzki besetzt und Sebastian Klug gab den Guillot.

Die Sopranistin Veronika Haller ist eine lyrisch singende Tatjana im besten Sinne. Die Verwandlung von der kindlich-schwärmerischen Tatjana hin zur Gattin des Fürsten Gremin gelingt ihr stimmlich wie darstellerisch höchst überzeugend. Ihre mit viel Gefühl gesungene Briefszene „Und wär’s mein Untergang..“ war sicher einer der Höhepunkte des gestrigen Abends. Großartig auch ihr Einsatz in der finalen Szene zwischen ihr als Tatjana und Onegin. Eine wirklich sehr ansprechende Leistung der aus Südtirol stammenden Opernsängerin.

Eine Entdeckung war für mich Kenneth Mattice als Eugen Onegin. Vor knapp zwei Jahren sagte er in einem Zeitungsinterview, dass es ein großer Wunsch von ihm sei, diese Rolle einmal zu singen. Er hat sich offenbar sehr gut seitdem vorbereitet auf diese ganz besondere Baritonpartie. Mattice war vom ersten Moment an präsent. Er spielte den anfangs überheblich arroganten Onegin ebenso glaubhaft und überzeugend wie eben jenen zerbrochenen Onegin, der am Ende erkennen muss, dass es für ihn kein Glück und keine Liebe mehr geben wird. Das schauspielerische Talent des jungen US-amerikanischen Baritons ist bemerkenswert und wird nur noch durch seine gesangliche Umsetzung der Partie übertroffen. Ein absolut gelungenes Rollendebüt als Eugen Onegin. Hier empfiehlt sich ein beachtliches Operntalent für eine große Karriere.

Chor und Extrachor des theaterhagen unter der Leitung von Wolfgang Müller-Salow und Malte Kühn waren bestens szenisch und musikalisch in die Opernproduktion eingebunden. Das Philharmonische Orchester des theaterhagen konnte seine musikalischen Qualitäten anhand der anspruchsvollen Tschaikowski-Partitur unter der musikalischen Gesamtleitung von Mihhail Gerts eindrucksvoll unter Beweis stellen. Insbesondere die elegischen Ausbrüche des Werkes und die großen Szenen der Oper wurden zu herausgehobenen musikalischen Momente.

Fazit: Das theaterhagen präsentiert seinem Publikum einen sehens- und hörenswerten EUGEN ONEGIN in schwelgerisch-elegischen Bildern bei hoher musikalischer Qualität.

Detlef Obens 16.3.16

Bilder siehe unten: Erste Kritik

 

 

Zum 2.)

EUGEN ONEGIN

Besuchte Aufführung: 11.3.2016

Premiere: 5.3.2016

Inszeniert und vertan

„Ich suche ein intimes, erschütterndes Drama mit denselben Gefühlen und Gedanken, die ich auch ich habe und verstehe.“ Also schrieb Peter Tschaikowsky die Oper „Eugen Onegin“. „Ich glaube nicht, dass sie jemals Erfolg haben wird.“ In Russland und hier vor allem am Bolschoi-Theater sind die „lyrischen Szenen“ aber längst eine Art Heiligtum. Aber im Grunde wird jeder fühlende Mensch die von Alexander Puschkin herzzerreißend geschilderten Situationen nachvollziehen können. Ein großes Mädchengefühl, vom angebeteten Mann großspurig weggewischt, erweckt bei diesem nach Jahr und Tag das gleiche schmerzvolle Begehren. Doch obwohl die erotische Anziehungskraft nunmehr beiderseits stimmt, ist nachgeholtes Glück nicht mehr möglich. Über die Oper und ihre verzweifelte Botschaft kommt man unweigerlich ins Grübeln. Und wer Tränen vergießt, ist nicht zu tadeln.

Am Theater Hagen stellen sich Tränen allerdings nicht ein, denn die Aufführung (gesehen wurde die zweite Vorstellung) bleibt musikalisch (die meisten Sänger ausgenommen) und szenisch weit unter dem Anspruch des Werkes. Das bilanziert sich nicht leicht bei einem Theater, welches in punkto Werkwahl und Interpretation immer wieder Großartiges anzubieten hat, zuletzt mit Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“. Aber am jetzigen Ausfall ist einfach nicht vorbei zu schmeicheln.

Die Inszenierung, üblicherweise Stein des Anstoßes, ist einmal nicht alleine „schuld“. Der lettische Dirigent Mihhail Gerts, ein Kapellmeister mit viel Erfahrung (u.a. 2007-.2014 in Tallin tätig) vermag Tschaikowskys Musik nur wenig dinglichen Ausdruck zu entlocken. Im Orchester häufig Spielfehler wie sonst selten, der Chor (obwohl meist frontal postiert) singt dem vorgegebenen Rhythmus oft hinterher. Das Hören quält zeitweise regelrecht.

Regisseur Holger Potocki hat im Januar 2015 in Hagen einen über weite Strecken hochinteressanten „Faust“ (Gounod) erarbeitet. Sein „Onegin“ hingegen demonstriert Hilflosigkeit. Im sehr abstrahierenden Bühnenbild (Tanja Hofmann), in welchem die Drehbühne unermüdlich in Gang gesetzt wird, verharrt der Chor (schon oben gesagt) meistens starr, die Solisten bewegen sich meist wie zufällig. Mitunter möchte man gerne fliehen.

Die Rezensentenpflicht, bis zu einem (selbst bitteren) Ende auszuharren, erwies sich in Hagen zuletzt freilich als gute Direktive, denn wider Erwarten legt Potocki zuletzt inszenatorisch etwas nach. Der (hörbar aufschlagende) Papierschnee im Duellbild wird beim Tod Lenskis mit roten Schnipseln durchsetzt. Es gibt keinen hörbaren Schuss, kein letales Dahinsinken. Die den Gremin-Akt einleitende Polonaise zeigt Onegin auf den Sarg seines einstigen Freundes hingeworfen – totale Verzweiflung (Kenneth Mattice spielt diesen Schmerz beklemmend aus). In die Realität der Handlung mischen sich Erinnerungsbilder ein (teilweise symbolisiert durch den Schnee, teilweise – und etwas plakativ – durch Briefe, welche ebenfalls vom Bühnenhimmel flattern). Die Wirkung dieser optischen Details vermag die vorherige szenische Unbedarftheit freilich nicht vergessen zu machen.

Immerhin wirft sich Kenneth Mattice, welcher am Anfang mit den Händen in den Hosentaschen wie ein Rüpel auftreten muss, im Finalbild hingebungsvoll in seine Partie. Den Kriterien von Schöngesang genügt die Stimme des jungen Amerikaners vielleicht nur bedingt, aber sein etwas raues Timbre gibt für szenische Wahrheiten viel her. Der etwas flackrige Tenor von Kejia Xiong bleibt der Lenski-Figur hingegen Etliches an weicher Lyrik schuldig. Optisch erinnert seine Arie (ebenfalls mit den Händen in den Hosentaschen) an einem gemütlichen Winterspaziergang, Veronika Hallers Tatjana fehlt, bei aller Solidität und Emphase der Gestaltung, ein wenig das „Seelenhafte“. Einen noblen Gremin gibt Ilkka Vihavainen ab.

Die kleineren Partien sind zufriedenstellend besetzt: Marilyn Bennett (Larina), Rena Kleifeld (Filipjewna), Kristina Larissa Funkhauser (Olga), Richard Van Gemert (Triquet). Für Paul Jadach (Hauptmann, Saretzki) sollten bald einmal größere Partien anstehen: ein warmstimmiger Bariton von ausgesprochen vornehmem Charakter.

Christoph Zimmermann 12.3.16

Bilder siehe unten 1. Kritik

 

 

EUGEN ONEGIN

Premiere: 05.03.2016

besuchte Vorstellung: 11.03.2016

Mehr Schatten als Licht

Lieber Opernfreund-Freund,

ich bin ein großer Fan der so genannten „Provinz“. An Deutschlands kleineren Bühnen ist man oft mutiger bei der Spielplangestaltung, geht mit mehr Leidenschaft ans Werk, begeistert mit unmittelbar spürbarem Enthusiasmus und zeigt oft eine unerwartete Qualität auch ohne große Namen.Und auch am Theater Hagen, an dem ich gestern die neue Produktion von Tschaikowskis beliebtem „Eugen Onegin“ besucht habe, habe ich schon wundervolle Produktionen erlebt. Doch ließen mich eine mitunter wenig glückliche Hand bei der Besetzung, musikalische Unzulänglichkeiten und vor allem die nichts sagende Regie recht enttäuscht nach Hause zurück fahren.

Holger Potocki präsentiert die vielleicht beliebteste russische Oper auf leerer Bühne dermaßen öde, dass sich das ohnehin schon erschreckend schwach besuchte Theater nach der Pause noch weiter leert. Das Drama um die nicht erwiderte Liebe eines jungen Mädchens vom Lande zu einem Lebemann, um eine Freundestötung aufgrund übertriebenen Stolzes und die letztendliche Zurückweisung von Eugen durch Tatjana spielt sich auf sich endlos drehender Bühne ab, die wie die teils historisch, teils modern anmutenden Kostüme von Tanja Hofmann stammt. Personenregie findet quasi nicht statt, alle Protagonisten stehen herum, bewegen sich meist nur durch die Drehbühne.

Das kann als Passivität der Handelnden, als sich Treiben lassen verstanden werden, trägt aber keinen ganzen Opernabend. Zwar entsteht der eine oder andere interessante Moment dadurch, dass einzelne Figuren durch die Bühne automatisch vom Schatten ins Licht gefahren werden (für das durchaus durchdachte Licht zeichnet Ernst Schießl verantwortlich), doch auch dieser Effekt läuft sich bald tot, die Drehbühne wird schnell zum Selbstzewck. Die Titelfigur hat ihre joviale Attitüde durch übertrieben zur Schau gestellte Hände-in-den-Hosentaschen-Haltung auszudrücken, Tatjana erscheint bieder und beherscht selbst in den Momenten, in denen sie ausbricht. Am Schluss nimmt sie auf der Bank Platz, auf der zu Beginn ihre Mutter über die vergangene Jugend philosophierte. Dabei böte der Stoff auf Grundlage von Alexander Puschkins Roman genug für einen spannenden Opernabend.

Auch die Sängerinnen und Sänger vermitteln seltsam wenig Spielfreude, sondern wirken über weite Strecken vom eigenen Spiel gelangweilt - bis auf wenige Ausnahmen. Zu denen gehört Ensemblemitglied Kenneth Mattice, der in der Titelrolle mit vollem Bariton überzeugt und auch darstellerisch - zumindest im letzten Bild - beeindruckt. Er ist zudem mit der Olga von Kristine Larissa Funkhauser, die mit wunderbar facettenreichem Mezzo und engagiertem Spiel begeistert, der Einzige, der ein wenig russische Seele in seine Stimme zu legen versucht. Ansonsten klingt es seltsam deutsch - nicht nur, weil auf Deutsch gesungen wird. Veronika Hallers kraftvoller Sopran ist zu groß für die Tatjana - zumindest im ersten Bild. Sie klingt da eher nach Senta als nach verschüchterter Leseratte. Im letzten Akt hingegen trumpft sie auf und überzeugt als erstarkte Frau.

Der schlanke, in der Höhe ein wenig enge Tenor von Kejia Xiong passt eher zu einer Mozartpartie. Doch gelingt dem jungen Chinesen eine beeindruckende Szene im zweiten Akt - die einzige Szene übrigens, in der auch die enervierende Drehbühne Sinn macht und die Regie für eine gefühlte Sekunde ein eindruckvolles Bild zu erzeugen vermag. Rena Kleifeld stattet die mütterliche Filipjewna mit warmem Alt aus, Marilyn Bennetts Larina bleibt dagegen auch stimmlich eher eindimensional. Ilkka Vihavainen gelingt ein halbwegs bewegender Gremin, Richard van Gemert zeigt einen durchaus gewitzten Triquet, dessen Szene aber von der Regie jeglichen Esprits beraubt wird.

Der Chor müht sich redlich, singt an sich sauber (Einstudierung Wolfgang Müller-Salow und Malte Kühn), kämpft aber mit einem weiteren Problem des Abends, dem Dirigat von Kapellmeister Mikhail Gerts. Dass es dem aus Estland stammenden jungen Dirigenten so wenig gelingt, Tschaikowskis Geist zu beschwören, ist so bedauerlich wie erstaunlich.

Der Abend ist durchzogen von unsauberen Einsätzen, Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Bühne und Graben, sich über Gebühr hervortuendem Blech und unausgewogenem Klang. Dabei kenne ich das Philharmonische Orchester Hagen sonst als verlässlichen Partner des Sängerensembles.

Das Publikum applaudiert dementsprechend eher verhalten bis freundlich denn begeistert.

Ich bin ein großer Fan der so genannten „Provinz“. Doch was da gestern am Theater Hagen gezeigt wurde, wird weder dem Drama von Alexander Puschkin, noch der bewegenden Musik von Peter Tschaikowski gerecht. Schade!

Ihr

Jochen Rüth / 12.03.2016 

Fotos (c) Klaus Levebvre.

 

 

JONNY SPIELT AUF

Premiere: 16. Januar 2016 (Hagener Erstaufführung)

Wenn sich die Opernhäuser an ein Werk Ernst Kreneks wagen, dann ist es meist sein „Jonny spielt auf“. So auch im von Einsparungen bedrohten Hagen, wo Intendant Norbert Hilchenbach dem Publikum neben Klassikern wie „Das Land des Lächelns“ und „Der Rosenkavalier“ in jeder Saison auch eine Rarität vorstellt.

Regisseur Roman Hovenbitzer hat in Hagen viele spannende Inszenierungen auf die Bühne gebracht, besonders eindringlich sind mir Barbers „Vanessa“ und Floyds „Susannah“ in Erinnerung. Mit „Jonny spielt auf“ liefert er eine solide Handwerksarbeit, die aber kein großer Wurf ist.

Im ersten Akt steht die Dreiecksgeschichte der Opernsängerin Anita im Mittelpunkt, die zwischen dem Komponisten Max und dem Geigenvirtuosen Daniello hin- und hergerissen ist, im Zentrum. Der titelgebende Jazzgeiger Jonny ist da eigentlich nur eine Randfigur. Im zweiten Akt stehen die Selbstzweifel des Komponisten Max im Mittelpunkt des Geschehens.

Eigene Akzente setzt Hovenbitzer kaum: Zwar spielt Max am Beginn der Oper mit einem Bühnenbildmodell seiner eigenen neuen Oper, in die der Komponist dann selbst eintaucht, und am Ende schwingt sich die zu Jonny zugehörige Discokugel wie eine Abrissbirne über die Bühne und zerstört das Bühnenbildmodell. Hovenbitzer macht so deutlich, wie bedroht die Theater durch die Unterhaltungsindustrie sind, aber insgesamt ist das doch recht wenig.

Ausstatter Jan Bammes gelingt mit seiner Gebirgslandschaft aus gestapeltem und zerknülltem Paper ein eindrucksvolles Bühnenbild, während die Hotelhallen und anderen Räume eine gewisse Beliebigkeit besitzen. Alfonso Palencia hat die drei flotten Tänzerinnen choreografiert, die Jonny umschwirren.

Hagens Generalmusikdirektor Florian Ludwig macht klar, dass „Jonny“ nicht bloß eine Jazz-, sondern auch eine Künstler-Oper ist: Die Soloszenen klingen düster und grüblerisch, als sei man in Hindemiths „Mathis der Maler“. In den Jazzszenen kann sich der Schwung der Musik aufgrund der kleinen Besetzung des Philharmonischen Orchesters Hagen nicht optimal entfalten. Ein großer inszenatorischer Fehler ist es, dass Jonnys Jazzband nie auf der Bühne musiziert, sondern nur von der Hinterbühne in den Zuschauerraum schallt.

Mit der Bayreuth-erfahrenen Edith Haller ist dem Theater Hagen eine prominente Besetzung für die Anita geglückt. Eigentlich wäre zu erwarten gewesen, dass Haller die Marschallin im demnächst anstehenden neuen Hagener „Rosenkavalier“ singt, aber auch als Anita überzeugt sie mit kräftigem Sopran, den sie sehr genau einsetzt. Während Haller ihre Partie mühelos durch die Kehle fließt, wirkt Hans-Georg Priese als Max immer wieder verkrampft, wenn er höhere Töne ansteuert. Mit seinem hellen und kraftvollen Tenor gestaltet er seine Rolle aber sehr textverständlich und liefert eine eindringliche Charakterzeichnung.

Einprägsam gestalten die Baritone Kenneth Mattice und Andrew Finden die beiden Geiger Jonny und Daniello, wobei letzterer die interessantere Stimme besitzt. Maria Klier singt das Stubenmädchen Yvonne mit flottem Soprangezwitscher.

Insgesamt gelingt dem Theater Hagen mit „Jonny spielt auf“ ein solider, aber kein überwältigender Abend. Für Freunde von selten gespielten Opern ist diese Produktion aber auf jeden Fall empfehlenswert.

Rudolf Hermes 17.1.16

Bilder (c) Theater Hagen

 

 

IN DER KÜRZE LIEGT DIE WÜRZE

Redaktionelles Lob für ein gutes vorbildliches Programmheft.

Dorothee Hannappel zeichnet für die Redaktion eines sehr gelungenen Programmheftes verantwortlich und ihr gebührt dafür mein Lob. Ich finde daß hier, vergleiche ich das mit dem großen Wust der Programmhefte, die sich so im Laufe der Jahre bei mir angesammelt haben und die ich selten wirklich lese, vorbildliche Arbeit geleistet wurde. Es gibt den Inhalt kurz und prägnant wieder, lässt Krenek in wichtigen Sätzen zu Wort kommen und enthält auch einen wichtigen Beitrag zur Konzeptionsgeschichte. Nichts Überflüssiges! Dabei ist alles so übersichtlich und gut lesbar angeboten, daß es binnen 20 Minuten noch vor der jeweiligen Vorstellung auch für Unvorbereitete schnell und informativ rezipierbar ist; dazu ein paar schöne Erinnerungsbilder... Mehr braucht es nicht. Danke ;-)))                             P.B.

 

 

Zweite OPERNFREUND-Kritik

JONNY SPIELT AUF

Premiere am 16. Januar 2016

Die amerikanische Oper ist am Hagener Theater seit etlichen Spielzeiten ein Fixpunkt des Repertoires. Zu den Werken aus jüngster Zeit gehören Kurt Weills „Street Scene“ und Samuel Barbers „Vanessa“. Jetzt offeriert man Ernst Kreneks „Jonny spielt auf“, in den letzten Jahren – soweit recherchierbar – in Karlsruhe (1997), Wuppertal (2002), Neustrelitz (2003), Köln (2005), Kaiserslautern (2008) und Weimar (2014). Kein großer, aber doch solider Ertrag. Eine Rezension zur letztgenannten Produktion bestätigte, dass der Komponist den „Zeitgeist der ‚Roaring Twenties‘ traumwandlerisch getroffen“ habe. Nur “damit macht man heute kaum mehr Sensation“. Für die Hagener Erstaufführung sind Erfolg und Begeisterung allerdings nachdrücklich zu bestätigen.

Auch wenn Jazz-Geiger Jonny als Figur frühzeitig in die Handlung einsteigt, rätselt man doch bis zum von ihm dominierten Finale ein wenig darüber, warum er der Oper seinen Namen gab. Diesen Jonny muss man übrigens nicht unbedingt sympathisch finden. Alle Mädchen, denen er begegnet, legt er sogleich aufs Kreuz, macht sich ungeniert auch an die Diva Anita heran. Und dann klaut er dem Geiger Daniello auch noch seine wertvolle Amati und setzt damit eine Verfolgungsjagd in Gang, bei welcher Daniello tragisch zu Tode kommt. Viele andere Menschen brechen aber per Zug nach Amerika auf, unter ihnen Anita und der Komponist Max, ihr Geliebter. Mit seiner Geige hat Jonny das letzte Sagen. Sein Spiel beschwört neue Welten, ein neues Zeitalter

Der Jonny in Hagen ist mit dem virilen, baritonal etwas rauen KENNETH MATTICE attraktiv besetzt. Er gibt den Hallodri übrigens ohne schwarze Schminke, wie man es beispielsweise von Waldemar Staegemann, dem Darsteller der Dresdner Erstaufführung,  vor Augen hat. Sein Konterfei (mit Saxophon) war dann 1938 Plakatmotiv für die widerliche Düsseldorfer Ausstellung „Entartete Kunst“, bei der u.a. auch Kreneks Oper mit ihrer „frechen, jüdisch-negrischen Besudelung“ angepöbelt wurde.

Dabei wollte der Komponist, welcher von den Nazis zuletzt in die USA floh, den amerikanischen Lebensstil durchaus nicht hochjubeln, fand sein Werk als „Jazz-Oper“ ohnehin falsch verstanden, obwohl er den neuen, als attraktiv empfundenen Sound ausgiebig bediente. Grundsätzlich aber hatte er die „Antithese von vitaler und spiritueller Daseinsform“ im Sinn. Das Spirituelle wird in der Figur des Max deutlich: ein fast hermetisch in sich verschlossener Mensch, der in Gletscherhöhen sein Ich zu finden glaubt, bei einem Selbstmordversuch dortselbst sogar mit den Geisterstimmen des Gebirges konfrontiert wird (eine fast schon romantisch zu nennende Szene). Anita hingegen, seine große Liebe, ist in sich gefestigt, tendiert zu einer eher Lebensauffassung  des Leichthin und ermuntert Max, nicht alles so tragisch zu nehmen. Ob und wie die beiden im Land der unbegrenzten Möglichkeiten (miteinander?) glücklich werden, bleibt offen. Die lockenden Geigentöne Jonnys machen immerhin Mut.

Dem Sujet eignet viel Kolportagehaftes, es atmet auch „Tatort“-Milieu, wirkt in summa aber für heutigen Geschmack doch schon etwas angegilbt. Das Introduktionsbild im Hochgebirge (man fühlt sich an Catalanis „Wally“, Henzes „Elegie für junge Liebende“ oder Lehárs „Schön ist die Welt“ erinnert) hat etwas Abgehobenes, Irreales an sich. Die exotische Zeitgebundenheit versucht die Inszenierung ROMAN HOVENBITZERs (ständiger Regiegast in Hagen) einzufangen, und es gelingt ihr auch nachdrücklich und fantasievoll. Der Hausausstatter JAN BAMMES arbeitet ihm nicht zuletzt mit schicken Kostümen (auch für den Chor) wirkungsvoll zu. Besonders gelungen ist ihm die Glitzerwelt der Berge, wobei das Gestein aus lauter Folianten besteht, das Schaffen von Max symbolisierend. Video-Einblendungen in Schwarz-Weiß imaginieren Stummfilmzeiten. Die von Krenek etwas dick aufgetragene Künstlerproblematik bei Max bleibt durch den großartigen, sich emotional voll verausgabenden  Sängerdarsteller HANS-GEORG PRIESE immer glaubhaft. Er kommt vom Baritonfach her (der Fachwechsel geschah während seines Meininger Engagements, dort zuletzt Tannhäuser), was seine sattelfeste Höhe (in der Partie des Max manchmal fast rücksichtslos gefordert) nicht spüren lässt.

Zu den Gastsängern gehört auch EDITH HALLER, international gefragte jugendlich-dramatische Sopranisten, die sich (ohnehin Bayreuth-erfahren) inzwischen auch an die Isolde gewagt hat. Von minimalen Anstrengungen in der Extremlage abgesehen bezwingt ihr leuchtkräftiges Organ; auch versteht es die Künstlerin, das erotische Potential ihrer Figur (Anita) deutlich zu machen. Eine ganz und gar runde Leistung bietet auch der Australier ANDREW FINDEN als Daniello. Aus dem hauseigenen Ensemble ragen MARIA KLIER (sehr kess als Zimmermädchen Yvonne), RAINER ZAUN (Manager) und KEJIA XIONG (Hoteldirektor) mit ihren trefflichen Charakterstudien hervor. Drei Tänzerinnen geben der Inszenierung zusätzliches Show-Flair und sorgen darüber hinaus für ironische Farbtupfer. FLORIAN LUDWIG entlockt der Partitur und ihrem Stilmix mit demPHILHARMONISCHEN ORCHESTER HAGEN atmosphärischen Sound und rhythmischen Drive.

Appendix: „Jonny spielt auf“ gibt es auf CD derzeit nur in Form einer historischen Einspielung von RAI Milano (1958, Dirigent: Alfredo Symonetto). Eine Einspielung mit dem Gewandhausorchester Leipzig (1991, Dirigent: Lothar Zagrosek, Sänger: Alessandra Marc, Heinz Kruse, Michael Kraus) sollte wohl auch an die Leipziger Uraufführung des Werkes (1927) erinnern. Sie ist derzeit ebenso gestrichen wie eine einstündige Fassung von 1964 unter Heinrich Hollreiser mit dem Wiener Volksopern-Orchester und ersten Sängern wie Evelyn Lear, William Blankenship, Thomas Stewart und der jungen Lucia Popp.

Christoph Zimmermann 17.10.15

Mit besonderem Dank an MERKER-online

Bilder siehe oben "Erste Kritik"

 

Redaktionelle Anmerkung

Obige CD Gesamteinspielung ist via AMAZON (allerdings über Drittanbieter) aktuell ab 23 Euro erhältlich. Ich halte sie für das " Maß der Dinge" - also für Krenek Fans ein MUST HAVE - aber auch für sonstige, über die Grenzen von Aida und Cosi hinaus denkende interessierte Musiktheaterfreunde für hoch empfehlenswert.            P.B.

 

 

AVENUE Q

Musik und Songtexte von Robert Lopez und Jeff Marx

Buch von Jeff Whitty

Premiere: 5. September 2015

Wie wäre es, wenn die Puppen aus der Sesamstraße ihre Sexualität entdecken würden, miteinander im Bett landen und einige Figuren sogar schwul wären? Das Broadway-Musical „Avenue Q“ beantwortet diese Fragen. Nachdem das Stück 2012 bei seiner deutschen Erstaufführung in Mannheim einen starken Eindruck machte, ist auch die Premiere am Theater Hagen ein Riesenerfolg.

Die Tatsache, dass dieses Stück beim Publikum so einschlägt, hat neben den frechen Songtexten und der flotten Musik von Robert Lopez und Jeff Marx vor allem damit zu tun, wie Puppen und Menschen hier miteinander spielen: In der New Yorker Avenue Q leben beide Spezies nämlich friedlich miteinander.

Hausmeister der Straße war in Mannheim Daniel Kübelböck (nicht der echte, sondern auch er wurde gespielt), in der Hagener Aufführung ist es ABBA-Sängerin Agnetha Faltskög, die von Marilyn Bennett verkörpert wird. Das funktioniert erstaunlich gut, weil Bennett ein beliebtes Ensemblemitglied ist und aus den ABBA-Songs immer wieder Lebensweisheiten wie „That´s the name of the game“ oder „The winner takes it all“ eingestreut werden können, die einen sicheren Lacher garantieren.

Die einzigen anderen Menschen der Straße sind das Paar Christmas Eve und Brian, sie ist Therapeutin, er ein erfolgloser Komiker. Maria Klier spielt die Eve mit präziser Hysterie, während Tillmann Schnieders den Brian mit einer tapsigen Lässigkeit versieht.

Die anderen Figuren sind Puppen: Da sind die Ernie- und Bert-Doubles Nicky und Rod, bei denen Rod mit seiner Homosexualität hadert. Kim-David Hammann und Michael Thurner gelingt das Kunststück, dass sie zwar als Puppenspieler auf der Bühne immer körperlich präsent sind, aber soviel Energie in ihre Puppe fließen lassen, dass man die Darsteller nicht mehr als die eigentlichen Akteure wahrnimmt, sondern als Menschen, die neben der Puppe stehen.

Carolina Walker und Nicolai Schwab, die das Puppen-Liebespaar Kate Monster und Princeton spielen, sind darstellerisch etwas präsenter und verschwinden nicht hinter der Puppe. Bei ihnen nimmt man den Charakter als Doppelexistenz aus Akteur und Handpuppe war. Kates verruchte Nebenbuhlerin ist die Nachtclubsängerin Lucy, die von Joyce Diederich mit großer Soulstimme angelegt wird. Der schrägste Typ der Nachbarschaft ist Trekkie Monster, der von Maciej Bittner gegrölt wird.

Trekkie verkündet in einem der Songs „Das Internet ist für Porn“ und auch ansonsten scheren sich die Texte nicht um politische Korrektheit. Da heißt es einmal „Jeder ist ein bisschen rassistisch“ und auch die „Schadenfreude“ wird groß besungen.

Regisseur Sascha Wienhausen hat sich mit Ausstatterin Ulrike Reinhard sowie Choreographin Barbara Tartaglia weitgehend am Original orientiert. Wahrscheinlich scheint es da einige Auflagen zu geben, die ein Theater erfüllen muss, um „Avenue Q“ aufführen zu dürfen, denn sowohl in Mannheim als auch Hagen wird nicht mit selbst entworfenen Puppen gespielt, sondern mit den Rick Lyon entworfenen Originalpuppen.

Dem Publikum wird ein flotter, unterhaltsamer Abend präsentiert. Die von Kapellmeister Steffen Müller-Gabriel geleitete Band ist bestens aufgelegt, und die jungen Akteure, die fast durchweg ihr Musical-Studium an der Hochschule Osnabrück absolvieren, zeigen sich hochmotiviert und haben sichtbar Spaß an ihren Rollen. Natürlich haben auch einige ihrer Kommilitonen den Weg nach Hagen auf sich genommen, um die Studienkollegen zu bejubeln, aber im Publikum sitzen auch viele Inhaber eines Premieren- Abonnements, und bei denen scheint dieser Abend genauso gut anzukommen: Nach zweieinhalb Stunden gibt es stehende Ovationen.

„Avenue Q“ wird in Hagen bis Mai 2016 noch zehn Mal gespielt. Gastspiele gibt es am 24. und 25 Oktober in Minden sowie am 19. Dezember und 2. Januar im Theater Osnabrück.

Rudolf Hermes 6.9.15

Bilder Theater Hagen

 

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