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 Laeiszhalle - Musikhalle Hamburg

http://www.elbphilharmonie.de/laeiszhalle...                 Foto: © Thies Rätzke

 

 

 

 

Laeiszhalle Hamburg. 09.11.2014

Arvo Pärt             Beethoven

„In spe“,                             Neunte Sinfonie

Pärt und Beethovens Neunte – ein gewagter und gewaltiger Simmungs- und Spannungsbogen 

Schon die Werkzusammenstellung war ungewöhnlich: Als Einstimmung zu Beethovens Neunter hatte Simone Young die Mediation „In spe“ von Arvo Pärt für das Sonderkonzert der Philharmoniker Hamburg anlässlich des Mauerfalls vor 25 Jahren gewählt. 

Das kurze Werk des estländischen Komponisten ist überaus bedächtig und klingt, obwohl für ein ganzes Orchester geschrieben, in seiner lyrischen Zartheit fast kammermusikalisch. Die Wirkung, die es beim Zuhörer entfaltet, ist tatsächlich die einer Meditation: Er kommt zur Ruhe und damit „bei sich selbst an“, was eine gute Voraussetzung für die konzentrierte Aufnahme von Musik ist. Just in jenem Moment jedoch, da er sich ganz im Einklang fühlt mit sich und dem Gehörten, endet das Werk abrupt und obendrein in einer unerwarteten und daher desto effektvolleren Dissonanz. Der plötzliche Bruch der Schönheit hat aufrüttelnde Wirkung, die Harmonie mit der Welt ist jäh zerstört, alle vermeintliche Gewissheit ist dahin und was zuvor wunderbar klar schien, ist schmerzhaft in Frage gestellt. Der Zuhörer konnte zu diesem Zeitpunkt noch nicht wissen, dass dieser unbekannte „Auftakt“ kluge Vorbereitung auf die im direkten Anschluss darauf erfolgende Wiederbegegnung mit Beethovens populärster Symphonie darstellen sollte. 

Parforceritt für die Solisten: Stuart Skelton (Foto), Camilla Nylund, Ida Aldrian und Wolfgang Koch

In der deutschen Ausgabe von Wikipedia findet man eine detaillierte Beschreibung der musikalischen Entwicklungen, die sich in Beethovens Neunter vollziehen, und deren Wirkung auf den Zuhörer. Die Beschreibung der Musik in diesem Text deckt sich relativ gut mit der Vorstellung, die man, ganz unabhängig von der beim Lesen erinnerten Einspielung, mit dieser Komposition verbindet. Seit Ende der Neunzigerjahre allerdings gilt das traditionelle Klangbild, das bis dahin mit Beethovens Symphonien assoziiert wurde, aufgrund neuerer Erkentnisse der Musikwissenschaft als überholt. Durchgesetzt hat sich mittlerweile die Auffassung, dass es eher durch Leichtigkeit und Eleganz charakterisiert sein sollte. Vor allem waren die vom Komponisten vorgesehenen Tempi deutlich rascher. 

Einen Eindruck davon, wie der „neue“ Beethoven klingt, konnte man im Frühjahr dieses Jahres gewinnen, als Simone Young mit den Wiener Symphonikern Eroika und Siebte von Beethoven in Wien zur Aufführung brachte. In diesen Interpretationen entpuppte sich der eher als behäbig geltende Komponist als erfrischend juveniler Wirbelwind, seine Siebte geriet im letzten Satz zum regelrechten Orkan. Das Finale der Neunten sieht demgegenüber sogar Stellen im „prestissimo“ vor – insofern war ich auf einiges gefasst. 

Doch auf das, was dann kam, konnte wahrscheinlich niemand gefasst sein. Die ersten drei Sätze zumindest entsprachen auf das Wunderbarste dem „neuen“ Beethoven-Klangbild: Der erste Satz ist hier nicht nur gravitätisch-schwer, sondern auch verblüffend anmutig, der zweite ein rascher, zuweilen gar verschmitzer Dämonentanz, der dritte voll der Trauer, aber auch durchsetzt von Trotz. 

Es ist der vierte Satz, auf den jeder wartet, auch an diesem Abend. Ihn meint man wirklich zu kennen, und man freut sich auf den majestätisch-erhebenden Abschluss, den diese Sinfonie dem Hörer beschert – wie Beethovens Freund Fischenich, der angeblich gesagt haben soll: „Ich erwarte etwas vollkommenes, denn so viel ich ihn kenne, ist er ganz für das Große und Erhabene“ (zit. n. Wikipedia). Und tatsächlich scheint Beethoven als Schöpfer der ersten drei Sätze dieser Sinfonie musikalisches Genie, aber immerhin doch Mensch zu sein. Im vierten Satz erweist er sich nun als kein Geringerer als Prometheus, und seine Musik ist nicht mehr nur schön, sondern birgt auch die Kehrseite der Schönheit: Sie ist erschreckend gewaltig. 

Gestern Abend konnte man erleben, wie es klingt, wenn sich die Massen erheben, wie bedrohlich ihre entfesselte Kraft ist – der vierte Satz der Neunten ist voller nie zuvor wahrgenommener Wildheit und Urgewaltigkeit. Man gewann eine Vorstellung davon, warum Wagner – so jedenfalls ist es kolportiert – zu den Klängen der „Ode an die Freude“ auf die Barrikaden stieg. Der Text, wohlgemerkt, spricht von Freude, nicht von Freiheit. Man konnte hören, wie stark Wagner von Beethoven beeinflusst ist – er schätze nicht nur dessen Neunte, sondern auch den „Fidelio“, was wiederum im „Lohengrin“ zutage tritt. Die musikalische Gigantomanie Wagners ist im vierten Satz der Neunten von Beethoven angelegt. Übrigens auch die betörende Wirkung, die Musik zu entfalten vermag: Das Finale ist nicht mehr bloß erhebend, sondern es reißt jeden mit, egal ob er will oder nicht. Bei diesen Klängen empfindet man es im Nachhinein als tatsächliches Wunder, dass die Revolution 1989 friedlich verlief. Die besungene Freude macht auch schaudern, ist Jubel und Warnung zugleich. Alle Gewissheit über die auf den ersten Blick eindeutige Botschaft ist dahin, alles ist in Frage gestellt. Es gehört nicht nur überragende Kompetenz dazu, Beethoven so zu interpretieren – gegen alle Gewohnheiten oder Erwartungen und im Sinne des Komponisten – sondern auch enormer Mut.  

Ein atemberaubender, mit Jubel, Stakkato-Applaus und Standing Ovations gewürdigter  Parforceritt aller Beteiligten: Philharmoniker Hamburg, Chor der Staatsoper Hamburg und dessen Leiter Eberhard Friedrich, die Solisten – Camilla Nylund, Ida Aldrian, Stuart Skelton sowie Wolfgang Koch – und für Simone Young.

Kaum dass der letzte Ton gestern Abend verklungen war, brachte ein Herr mit seinem Ruf das Ganze auf den Punkt und die Begeisterung zum Ausbruch: „Magnifico!“ Herrlich, prächtig, hervorragend – großartig.

Christa Habicht, 10. November 2014                          Foto: John Wright

Diesen Beitrag finden Sie auch auf   wozu-die-oper.de/

 

 

 

 

Laeisz-Halle, am 26.10.2014

Jörg Widmann und Anton Bruckner

HamburgerPhilharmoniker, Simone Young

 

Die Kombination der Elegie von Jörg Widmann und Bruckners 9. Sinfonie beschert ein intensives und erkenntnisreiches Hörerlebnis.

Jörg Widmann zeigte sich in der Konzerteinführung selbst ein bisschen überrascht, dass die von ihm komponierte Elegie für Klarinette mit der letzten Sinfonie Bruckners kombiniert wurde. Er sei aber sicher, dass sich den Zuhörern dadurch beide Werke vollkommen neu erschließen würden. Seine Vermutung wurde im anschließenden Konzert der Philharmoniker Hamburg unter Leitung von Simone Young am 26.10. wunderbar bestätigt.

Der schlichte Titel von Widmanns Werk, das er 2006 eigens für eine Aufführung in der Laeiszhalle Hamburg geschrieben hat, scheint zunächst Paradox: Es heißt „Klagelied“, hat aber keinen Text. Er erweist sich jedoch deshalb als höchst zutreffend, weil das Klangbild der Klarinette jenem der menschlichen Stimme besonders nahe kommt – und diese Eigenschaft wird in Komposition und Vortrag facettenreich genutzt. Der schon von Bach gepflegte Einsatz von Reihen absteigender Sekunden, die beispielsweise auch in der h-moll-Messe das „Seufzen“ hörbar machen, ist hier in unendlich kleine absteigende Mikrotonfolgen zerlegt, der klagende Gesang der Klarinette wird verstärkt von der „Melancholie“ der Streicher. Inspiriert durch Hölderlins Oden, lässt Jörg Widmann als Komponist und Vortragender Stimmungsbilder aufscheinen, die ohne Worte vollkommen plastisch und verstehbar werden.

Schon die ersten Takte verschlagen dem Zuhörenden beinahe den Atem – die Eingangstöne werden schier unendlich lang gehaltenen, und sie entwickeln eine Sogwirkung, in das Erleben des Klagenden einzutauchen. Ein Abschied vollzieht sich nämlich nicht linear, sondern in zirkularen Bewegungen. Der Abschiednehmende durchlebt dabei verschiedene Stadien, deren emotionale Färbungen – es gibt fünf Ausprägungen – höchst gegensätzlich sind und die sich in der Komposition ausmachen lassen. So verbreitet sich die Unruhe, die den Klagenden befällt, wie ein Lauffeuer durch die Streicher, seine Wut wird hörbar im Aufbegehren der Klarinette, seine Hoffnungslosigkeit in ihrem ersterbenden Klang, der Versuch, sich mit dem Unausweichlichen zu arrangieren, ist in den umwerbenden Dialogpartien zwischen Klarinette und Orchester angedeutet.

Vor allem jedoch ist Abschiednehmen nicht nur für den Klagenden ein höchst mühevoller, schmerzlicher Prozess – er verlangt auch dem Anteilnehmenden, dem Zuhörer viel ab: Geduld, Einfühlung, sogar Nachsicht. Das ständige Umkreisen des bevorstehenden Verlustes ist nicht nur schön, sondern auch aufreibend. Es gibt Momente, in denen einem durch den Kopf gehen kann: „Mag dieser Klagende nicht endlich einmal zum Schluss kommen?“ In dieser Frage liegt der Schlüssel zum Verständnis nicht nur der Elegie von Jörg Widmann, sondern auch der 9. Sinfonie Bruckners.

Die monumentalste von allen Bruckner-Sinfonien hat schon allein deshalb etwas Einschüchterndes, weil der Komponist sie – angeblich – dem „lieben Gott“ gewidmet hat. Im ersten Satz beschwört sie überirdische Allgewaltigkeit und ätherische Schönheit, im zweiten geradezu dionysische, brutale Kraft. Themen des Adagios wurden von Wagner in dessen „Parsifal“ verwendet, und die Textstelle „Zum Raum wird hier die Zeit“ ist hervorragende Charakterisierung auch des „musikalischen Testaments“ Bruckners.

Üblicherweise laden diese Klänge ein, großartige Bilder zu imaginieren – nicht jedoch jenen etwas verschrobenen, einzelgängerischen Mann, der dieses Werk komponiert hat. Er wusste, dass diese Sinfonie seine letzte sein würde, er war in stetiger Sorge, sie nicht vollenden zu können. Er lebte in der Gewissheit, bald Abschied nehmen zu müssen. Und wie alle, die in dieser Situation sind, durchlebte er die damit einhergehenden Phasen: Man versucht die Tatsache zu verdrängen oder zu verklären, man wird wütend und trotzig, man versucht mit dem Schicksal einen Handel zu schließen, man verfällt in unendliche Melancholie. Am Ende dieses perpetuierenden, auch durcheinander gehenden Prozesses, steht idealerweise die Aussöhnung: Die Annahme und Einwilligung, dass man alles, was einem am Herzen liegt, hinter sich lassen muss.

Eingestimmt durch Jörg Widmanns lebenskluge Elegie konnte man die 9. Sinfonie von Bruckner gestern nicht bloß als überwältigendes Monumentalwerk, sondern auch als eine überaus menschliche, berührende musikalische Mitteilung erleben. Und plötzlich begriff man auch, weshalb jeder Abschiednehmende sich so überaus schwer tut, zum Schluss seiner Elegie zu kommen: Ihm ist, im Unterschied zu jenen, die bleiben können, die Möglichkeit des „noch einmal“ versagt.

Ein ebenso ergriffenes wie begeistertes Publikum goutierte die hervorragende Leistung von Jörg Widmann, den Philharmonikern Hamburg und Simone Young. Die Möglichkeit, diesen intensiven „Abschied vom Leben“ noch einmal zu erleben, bietet sich heute Abend.

Christa Habicht, 27. Oktober 2014                 Foto: Marco Borggreve

 

 

 

Akustischer Schau-Prozess

JEANNE D’ARC AU BÛCHER

Dramatisches Oratorium von Arthur Honegger (1892 - 1955)

Simone Young ist nicht nur eine tief bewegende musikalische Interpretation gelungen – sondern auch eine kunstvolle Inszenierung des 1935 enstandenen Werks.

Ganz zu Beginn, als die Chorsänger im Bühnenhintergrund Platz genommen, die Orchestermitglieder bei ihren Instrumenten Stellung bezogen haben und Fanny Ardant mit Jean-Philippe Lafont ans Pult tritt – sie in schlichtem schwarzen Zweiteiler, er im silbergrauen Anzug – deutet noch alles auf eine ganz normale konzertante Aufführung hin. Doch nur kurze Zeit nach dem Einsetzen der Musik erscheint die Sopranistin Solen Mainguené im Hintergrund. Sie trägt ein zartes, ihren Körper wie einen Schleier umhüllendes weißes Kleid, ihre hochgesteckten goldblonden Haare umrahmen ihr ernstes Gesicht wie eine Gloriole. Auch wer mit der Handlung nicht vertraut ist erkennt, wer der auf dem Scheiterhaufen Stehenden erscheint. 

Denn der Aufführungsort ist diesem dramatischen Oratorium idealer Rahmen: Der mit Barockputten geschmückte große Saal der Laeiszhalle Hamburg, das Weißgold der Wände und der Lichthof, dessen Milchglas den gestirnten Himmel erahnen lässt, sind eine wunderbare Mischung aus Musikauditorium, Sakralraum und Theater. Der im ersten Rang platzierte Kinderchor der Hamburger Alsterspatzen wird hier zugleich zum Chor der Engel, ein über den Köpfen der Zuschauer ausgetragenes Wortgefecht zum Gezerre zwischen Gut und Böse, die Sprecher und Gesangssolisten auf der Bühne zu minimalistisch und dennoch höchst eindrucksvoll agierenden Protagonisten. Mehr szenische Mittel sind nicht erforderlich, um die Handlung – Jeannes Lebensbuch, das sie, wie sie Frère Dominique verrät, als dem einfachen Volk Entstammende nicht lesen kann – zu veranschaulichen. Vielleicht aber wäre das, was hier thematisiert wird, vollends verbildlicht auch gar nicht ertragbar.  

Ungeachtet dessen, dass es als Tanz- und Theaterstück in Auftrag gegeben und geschrieben wurde, ist die Besonderheit des Werks ohnehin nicht mit dem Augensinn zu erfassen. „Jeanne d’Arc au bûcher“ ist quasi paradoxes „Theater in der Musik“: ein akustischer Schau-Prozess. Dessen Funktion ist nicht etwa, der Angeklagten Schuld nachzuweisen oder ihr sorgfältig die Leviten zu lesen. In allererster Linie ist dies ein (stellenweise geradezu erschreckend komisches) Spektakel – für das Publikum. Es ist daher im Prinzip unerheblich, was über Jeanne gesagt wird und was sie selbst sagt. 

Nicht das Wort steht im Vordergrund, sondern die Emotion, nicht der Verstand, sondern der Glaube. Wie in der lateinisch gehaltenen Messe absichtlich nicht die Vermittlung von Bedeutung, sondern das (unsagbare) Erleben des Mysteriums für den Teilnehmenden im Zentrum steht, geht es darum, das akustische Geschehen als solches in sich aufzunehmen und sich davon verwandeln zu lassen. 

Um diesen Effekt beim Hörer zu bewirken, hat der Komponist tief in den Farbkasten der Klangmalerei gegriffen. Vom choralen Kirchengesang bis zur fetzigen Jazzparodie, vom schlichten Volkslied bis zur kunstvoll-barocken B-A-C-H-Variation wird hier überaus üppig aufgetragen, vermischt und furios variiert. Staatsopenchor (Einstudierung Eberhard Friedrich) und den Philharmonikern Hamburg wird enormes Ausdrucks- und Einfühlungsvermögen abverlangt. Und auch die Solisten müssen ihr ganzes dramatisches Potential, einschließlich Lautmalerei und -imitation (allen voran ist William Nadylam gefordert), einsetzen – und überdies mehrere Rollen darstellen. Alle Akteure bewerkstelligen hier wahre Bravourleistungen – im Besonderen Jürgen Sacher als Vorsitzender des Tiergerichts, das über Jeannes Schicksal entscheidet: Er muss sich durchsetzen als Lautstärkster des brüllenden und pöbelnden Plebs. Allein, ohne die entfesselte und aufputschende Meute im Rücken, hätte er wahrscheinlich gar nicht den Mut, die Stimme gegen sie zu erheben. Honegger versteht sich bestens auf die Vertonung sowohl von Gruppendynamiken als auch der Psyche einzelner Charaktere (hervorragend interpretiert von Jean-Philippe Lafont als Frère Dominique, Solen Mainguené als La Vierge, Katja Pieweck als Marguerite, Deborah Humble als Catherine, Wilhelm Schwinghammer als Héraut 2). 

Aus dieser stetig changierenden Klangkulisse, die ansetzt als ernster, aus der Tiefe der Sphären herabschwebender Gesang der Heiligen und sich zwischendurch steigert zu tumulthaftem weltlichen Getöse, dringt die herzenswarme, melodische Stimme Fanny Ardants, wie ein wohltönendes Musikinstrument, sanft und doch überlegen, harmonisch selbst in Momenten der Wut. Aus den Inhaltsangaben ist der Hörer auf eine Erschütterung gefasst, die diese Stimme ihm bereiten wird: Zum Ende singt Jeanne, mit dem naiven Gottvertrauen eines Kindes, das Trimazô-Lied – und wie sie selbst ist man den Tränen nahe, wenn ihr darüber die Stimme versagt. Der zweite Schock jedoch trifft ihn unvorbeitet: Die Tortur der Flammen verzerrt die vokale Schönheit zum markerschütternd grässlichen Schrei. 

Fast ist es schade, dass der Zuhörer nicht mit diesem Gefühl der inneren Aufruhr aus dem Werk entlassen wird. Der später hinzugefügte süßlich-triumphale Prolog ist der Befreiung Frankreichs von den deutschen Besatzern gewidmet und lobpreist die einst Abgeurteilte als Retterin der Nation. Andererseits jedoch ist hier nur das vertont, was ohnehin lang zuvor stattgefunden hatte: die Rehabilitierung Jeanne d’Arcs. All dies besitzt für den heutigen und hiesigen Konzertbesucher eine etwas sonderbare, weit entfernte und abgeschlossene Thematik. 

Jeanne, wie auch Honegger und Librettist Paul Claudel sie porträtieren, scheint übrigens eine kämpferische, schlagfertige Frau gewesen zu sein, jedoch kein Mann-Weib, sehr couragiert, aber nicht furchtlos. Ihrer Berufung fraglos folgend, übernimmt sie eine Männerrolle, was sie den Leuten zu damaligen Zeiten höchst suspekt macht. Dabei geht es ihr nie um Selbstverwirklichung, sondern einzig um die Erfüllung ihrer Mission: „Es bleibt Gott, der der Stärkste ist.“ Als sie dies zum ersten Mal ausspricht, herrscht ein Moment ehrfurchtvollen Innehaltens. Am Schluss ruft sie es mehrfach aus, ihren Widersachern unbeirrbar die Stirn bietend. Die Freude über den auf sie zurückzuführenden Erfolg versuchen die Neider ihr in dieser Komposition zu verhageln. Dass sie ihn nicht vollenden kann, liegt, historisch betrachtet, nicht an ihr: Der König (heute wäre er Politiker) sah sich nicht in der Lage, ihr die dafür notwendigen Mittel zur Verfügung zu stellen. 

Ein langer Moment fast andächtigen Schweigens beim Publikum. Dann setzte großer Applaus ein. Und bei dem einen oder anderen Besucher vielleicht auch Nachdenklichkeit. 

Christa Habicht, 20.10.2014                               Foto: Dirk Messner

 

 

 

SUMMERTIME AROUND THE WORLD

Konzertbesuch am 6.7.2014 

Das Beste aus allen Welten, musikalisch vereint

„Die ganze Welt ist himmelblau“ – mit diesem Text ist die deutsche Fassung der Titelmelodie des Films „In 80 Tagen um die Erde“ unterlegt. Die Philharmoniker Hamburg und Dirigentin Simone Young hatten den Zuhörern ihres diesjährigen Sommerkonzerts eine musikalische Weltreise versprochen – und dies nicht etwa in 80 Tagen, sondern in kurzweiligen 80 Minuten. Orchester und Dirigentin überboten ihr Versprechen um ein Vielfaches. Die himmlisch beschwingte sommerliche Musikmatinee dauerte 45 Minuten länger als geplant – und wenn es nach dem rundweg begeisterten Publikum gegangen wäre, hätte sie niemals enden sollen.

Anliegen des Didgeridoo-Musikers William Barton ist es, die älteste Kultur der Welt mit Europas reicher musikalischer Tradition zu mischen

Alle Kompositionen dieser überaus unterhaltsamen Reise ins Himmelblaue enthielten Zitate und Anspielungen auf die volksmusikalischen Wurzeln des jeweiligen Landes. Gleich das erste mitreißende Stück, eine orchestrale Fahrt nach Dänemark, phantasievoll gewürzt mit Trillerpfeifen, Lokomotiven-Pfiffen und Stations-Ansage, brachte die Zuhörer gehörig auf Trab. Von hier aus ging es in musikalischen Siebenmeilenstiefeln weiter durch alle Kontinente: über die von Johann Strauß jr. zum wirbeligen Walzertanz gebrachte Nordsee zur anmutigen Hochzeitsfeier der norwegischen Trolle, durch die elegisch klagende Steppe Sibiriens zu ungeahnten Klassik-Klängen aus Kanton, in die Tango-Bars von Buenos Aires bis hin nach Tahiti. Musikalisch bestens sekundiert von den „Glorreichen Sieben“, hätten die Zuhörer in den dramatischen Melodien des dort vorherrschenden „Fluchs der Karibik“ nur nur allzu gern verweilt und weigerten sich mittels frenetischem Applaus beharrlich, ins beschauliche Hamburg zurückkehren zu müssen. Ganz nebenbei und wie bei allen Sommer- und Silvesterkonzerten der Philharmoniker Hamburg mit Simone Young, kamen abermals die vielfältigen und besonderen musikalischen Begabungen, die in diesem Orchester zusammenfinden, eindrucksvoll zu Gehör. Und bei der Ouvertüre zu „Ein Morgen, ein Mittag und ein Abend in Wien“ von Franz von Suppé flatterte nicht nur Rossinis „Diebische Elster“ ins musikalische Gedächtnis – die Philharmoniker Hamburg bewiesen bei dieser melodiösen „Stadtführung“, dass sie über ebenso feinfühligen musikalischen Wiener Charme verfügen wie die dort beheimateten Wiener Symphoniker, die dieses Stück in ihrem diesjährigen, ebenfalls von Simone Young geleiteten Osterkonzert präsentierten.

Simone Young hat nicht nur einen umwerfenen Sinn für Komik – in ihr steckt auch eine gewitzte Komödiantin. Und so verwandelte sie die Halle während ihrer mit an Assoziationen und Tiefsinn reichen Moderation zwischenzeitlich vom Eisenbahnabteil in ein Flugzeug – und schließlich das ganze Orchester in einen rasanten Cabrio-Corso, mit einer tempostarken Bikerin an der Spitze.

Das eindrucksvollste Reiseerlebnis bescherte den Zuhörern jedoch ein längerer Stopp in Australien. Der dort geborene Musiker William Barton zog die Zuhörer mit seinem Didgeridoo-Spiel komplett in seinen Bann. Schon die Art, wie der mit vielen Auszeichnungen geehrte Künstler in Erscheinung trat – er setzte, noch während er langsam den Gang entlang der Zuschauerreihen bis zur Bühne schritt, mit dem Spielen an – verdeutlichte das Außergewöhnliche seines Auftritts. Die ebenso rhythmisierenden wie hypnotisierenden Klänge des traditionellen Instruments der Aborigines wechselten sich zunächst ab mit Orchesterpassagen, als Frage- und Antwortspiel. In Peter Sculthorpes „Earth Cry“ entsteht daraus im Verlauf jedoch ein faszinierendes Zusammenspiel, ein geradezu mystisches gegenseitiges Durchdringen der musikalischen Sphären. Das Beste aus zwei musikalischen Welten wird hier vereint – ganz im Sinne von William Barton, die älteste Kultur der Welt mit Europas reicher musikalischer Tradition zu mischen. Wie überaus reich an musikalischer Kunst und musikalischem Witz die Kultur ist, aus der er stammt, wurde in der vom Publikum leidenschaftlich eingeforderten Zugabe deutlich: Nur mit seinem Atem, seinem Kehlkopf, seiner Stimme und den geschmeidigen Fingern, die ganz nebenei den Reichtum der Tierwelt Australiens anzudeuten vermögen, zaubert William Barton Klanggemälde hervor, die sich mit dem Farbenreichtum und der Ausdruckstärke eines ganzen philharmonischen Orchesters mühelos messen können.

„Earth Cry“ endet mit einer Art Aufschrei des Didgeridoo – es tönt wie ein Aufbegehren der Erde und ihrer ältesten Kultur, gehört und anerkannt zu werden. In seiner herzlichen Umarmung mit Simone Young, die, während sie ihm beinahe entrückt zuhörte, die Rhythmik seiner Musik in ihren Bewegungen spiegelte, kam schließlich noch eine tiefere Art der gegenseitigen Wertschätzung dieser beiden aus Australien stammenden Künstler zum Ausdruck, die das Konzert unvergesslich machten. Dass Musik nicht nur die Entfernungen zwischen den Kontinenten, sondern auch zwischen den Menschen zu überwinden vermag: Nichts weniger als dies gelang auf dieser fantastischen und fantasievollen musikalischen Reise. Die Zuhörer dankten mit ausgiebigem Jubel und Applaus.

Christa Habicht, 6.7.2014                            Fotos: Holger Douglas Kirkland

 

 

 

 

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