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Liebe Opernfreunde!

Wir möchten unseren "crossover" kultur-orientierten, cineastisch zu begeisternden Lesern - Musiktheater heute hat ja auch viel und oft mit Kino zu tun ! - einen besonderen Service bieten.

Gute Filme sind wie Opern. Fast jeder gute Film ist daher auch immer ein Kunstwerk. Wir berichten nur über gute, lohnenswerte Filme

Mit Dr. Renate Wagner (Wien) haben wir eine der besten Fimkritikerinnen Europas; besser können Sie sich nicht informieren.

Viel Spass im Kino wünscht Ihr Peter Bilsing (Hrg.)  

 

 

 

 Filmstart 10. November 2017

Deutschland, Österreich / 2017

TRAILER

Regie: Barbara Albert

Mit: Maria Dragus, Devid Striesow, Maresi Riegner, Stefanie Reinsperger u.a.

 

In Wien hat man sie nicht vergessen – nicht nur der Paradisgasse in Döbling wegen (Betonung auf dem zweiten A). Aber man denkt an Maria Theresia Paradis ((1759-1824), die damals so berühmte blinde Pianistin der Mozart-Zeit, doch vor allem im Zusammenhang mit Franz Anton Mesmer (1734-1815), dem Zauberer und Scharlatan der Epoche (dessen „magnetische“ Behandlungsmethode Mozart bekanntlich in „Cosi fan tutte“ parodiert hat, wenn Despina sich als Arzt verkleidet). Um die Geschichte der versuchten „Heilung“ der jungen Frau durch Mesner ranken sich die bösen Gerüchte, dass er sie auch missbraucht haben soll – eine seltsame Geschichte voll Ungewissheit.

Der romantische Plüsch des 18. Jahrhunderts, der diese real-historische Episode in konventioneller Weise einrahmen würde, wird in dem Film „Licht“ von Barbara Albert höchst kritisch eingesetzt: Es ist keine reizvolle Welt, die sie pinselt, so üppig Rokoko-Kostüme und Perücken auch wogen. In dieser Umgebung wird die junge, fast grotesk hässliche blinde Pianistin vorführt, die von ihren unangenehmen Eltern herumgeschleppt und wie ein Ausstellungsstück vorgeführt wird und an der nur fasziniert, wie sie das Klavier beherrscht. Da wird das unsichere halbe Kind zur bewunderten Meisterin. Von Anfang an stellt die Regisseurin klar, was hier vorgeht: ein junges Mädchen als hilflose Marionette, als Opfer ihrer Umwelt, von gierigen Eltern, die sie vermarkten, und einer gierigen Gesellschaft, die sich an ihr wie an einer Jahrmarktskuriosität weidet…

Und da ist Franz Anton Mesmer, den man heute wohl als Guru oder Alternativheiler betrachten würde, der behauptet, er könne dieses Mädchen von seiner Blindheit befreien. Also wird die 18jährige 1777 in das Schloß gebracht, wo er residiert und wohin man ihm schon andere Kranke (vor allem Nervenkranke) hin- und abgeschoben hat. Eine Heilanstalt, die kläglich und armselig anmutet, nichts von dem Glanz vermittelt, den Mesners Name damals umstrahlt haben muss.

Barbara Albert zeigt nach dem Drehbuch, das Kathrin Resetarits nach Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ geschrieben hat, nicht wirklich, was Mesner nun mit dem armen Geschöpf angestellt hat, außer hypnotisch beschwörend auf sie einzureden und seine Idee vom magnetischen Fluidum zu beschwören, und man erfährt auch nicht, ob ihre Bestätigung, nach und nach etwas zu „sehen“, einfach nur eine Schutzbehauptung war. Es spielt sich auch nichts besonders Spannendes zwischen den beiden ab. Wenn die Regisseurin etwas darstellt, dann die Glanzlosigkeit des ganzen Unternehmens und die Armseligkeit des Schicksals dieser jungen Frau. Die dann, als sie vielleicht tatsächlich Schatten sieht, die atemberaubende Sicherheit verliert, mit der sie früher die Klaviertasten bearbeitete…

So, wie Maria Dragus (einst in Hanekes „Das weiße Band“ als eines der Kinder dabei) diese „Resi“ spielt, gelegentlich fast ein wenig debil wirkend, in hohem Maße hilflos jedenfalls, sich durch die Welt tastend, entfaltet sich kaum eine Ahnung ihrer Genialität, selbst wenn sie sich ans Klavier setzt – und wenigstens das hätte man ihr nicht schuldig bleiben sollen. Und auch Devid Striesow als Franz Anton Mesmer hat nicht die geringste Ausstrahlung eines Wunderdoktors, ja, nichts Besonderes haftet ihm an. Und das scheint dann doch etwas wenig für die Geschichte, sie ist irgendwie rund um die berühmten Protagonisten zu klein geraten.

Interessant, wie weit eher Nebenfiguren zu genuinem Leben erwachsen, vor allem Maresi Riegner als die Magd Agnes, neugierig um die Blinde herumstreichend, später – auch sie ein klassisches Opfer – weggeschickt, weil sie sich von einem Patienten verführen ließ und schwanger geworden ist. Oder Stefanie Reinsperger als die Köchin Johanna, Mutter eines debilen Kindes, die demütig hinnehmen muss, als es ums Leben kommt.

 Doch nicht alle Frauen sind Opfer – sowohl die stets betriebsame, die Tochter gnadenlos vorschiebende, an ihr herumzupfende und herumbessernde Mutter von Resi (Katja Kolm) wie auch die Gattin von Mesmer (Johanna Orsini-Rosenberg) behaupten ihren Platz, ebenso wie einzelne Männer (Lukas Miko als Resis angeberischer Vater, der auf einen Adelstitel besteht, den er nicht besitzt) oder Hermann Scheidleder als der Professor, der Mesner nach Möglichkeit erniedrigt und Resis Heilung anzweifelt – sie alle auf Kosten der Schwachen.

Man will nicht denken, was ein konventioneller Fernsehfilm aus dieser Geschichte Spektakuläres gemacht hätte, die Barbara Albert hier so gnadenlos und zweifellos absichtsvoll trocken anpackt. Aber etwas mehr dramatischer Grip hätte dem Film nicht geschadet, der sich allerdings auf seinen ehrlichen Zugang zum Geschehen berufen kann. Dass diese Maria Theresia Paradis nach dieser Behandlung noch zu einer Weltberühmtheit ihrer Zeit wurde und an Fürstenhöfen konzertierte – man würde es diesem Geschöpf, das dieser Film zeichnet, nicht zutrauen…

Bilder (c) Farbfilm

Renate Wagner 21.11.2017

 

 

Filmstart: 10. November 2017

USA / 2017

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

TRAILER

Regie: George Clooney

Mit: Matt Damon, Julianne Moore, Noah Jupe, Karimah Westbrook, Leith M. Burk, Oscar Isaac u.a.

 

Es gibt sie nicht oft, aber doch: Jene Filme, die ihre „Macher“ geradezu herausschreien. Man sieht „Suburbicon“ und weiß – Coen Brothers, Coen Brothers! George Clooney, der sicher ein ambitionierter Mann ist und diesen Film inszeniert hat, hat sich ein altes, bis dahin unverfilmtes Drehbuch der beiden hergenommen und teils daran mitgeschrieben. Aber die Handschrift des Ganzen zeugt vor allem von der Lust der Coens, ein scheinbar ganz durchschnittliches Amerika in seinem Wahnsinn mit allerschwärzestem Humor zu durchleuchten.

Freilich, grundsätzlich Neues ist ihnen dazu nicht eingefallen, wenn sie eine Muster-Kleinstadt namens Suburbicon erschaffen, ganz USA der fünfziger Jahre (der gewisse Doris-Day-Look in allem), eine selbstzufriedene weiße Gesellschaft, die sich unheimlich gut vorkommt – und empört rebelliert, als die „schwarze“ Familie Myers (Karimah Westbrook und Leith M. Burke) es wagt, hier einzuziehen. Die will man nun einmal gar nicht hier haben, und ein starkes (und allzu zeigefingerhaft deutliches) Segment des Films besteht darin, was die guten Bürger alles tun, um die tapfere kleine Familie samt Sohn Andy (Tony Espinosa), die standhaft durchhalten, zu terrorisieren… Das hat voll grausame, starke Momente – ist aber in jedem Detail so schrecklich auf der Hand liegend.

Aber das ist eigentlich nur die Nebenhandlung. Diese Myers sind die Nachbarn der Familie Lodge, um die es eigentlich geht und die auf den ersten Blick so verlogen perfekt scheint. Ein starr braver Papa, wie es scheint (Matt Damon, in anderen Filmen durchaus smart, ist hier dicklich und stockig), mit einer Gattin im Rollstuhl und ihrer Schwester im Haushalt (beide – die eine blond, die andere braunhaarig – gespielt in ironischer Meisterschaft von Julianne Moore). Und der kleine Sohn Nicky (meisterlich, wie er kritisch in die Welt schaut: Noah Jupe), der mehr begreift, als den Eltern lieb ist – und mit dem schwarzen Nachbarjungen die selbstverständliche Freundschaft von Gleichaltrigen pflegt.

Nun, die Rollstuhl-Mama gibt es bald nicht mehr: Auch in einer idealen Welt werden brave Familien überfallen (Glenn Fleshler und Alex Hassell sind beängstigend wie aus dem Bilderbuch), und dabei stirbt die Mutter. Die Schwester muss sich natürlich um Schwager und Neffen kümmern – sie erblondet, und Nicky merkt bald, dass das Interesse der Erwachsenen verdächtig einander gilt.

Ja, es ist kein Spoiler, es zu verraten, denn es wird ohnedies klar – in dieser scheinbar ach so braven Welt werden auch Morde bestellt, wird nach Kräften gelogen, um alles zu verschleiern, und Kinder, die das durchschauen, geraten in Lebensgefahr. Papa sieht sich unter Erpresserdruck genötigt, selbst mörderisch Hand anzulegen. Ein Onkel (Gary Basaraba), der den Neffen retten will, bezahlt das teuer. Desgleichen ein Versicherungsbeamter (Oscar Isaac), der wittert, was der Zuschauer längst weiß: Die Sache mit der kürzlich aufgestockten Lebensversicherung für die Ermordete stinkt zum Himmel…

Freilich, wie die Coens dann den Lauf der Handlung drehen, dass sich die Bösen in ihren eigenen Netzen fangen – das ist die Hohe Schule dieser Art von Filmen. Gar nicht Hohe Schule ist es, dass hier eigentlich die tausendfach repetierte Geschichte über die Abgründe der braven Bürger wieder einmal mehr oder minder nach Schema F erzählt wird – auch wenn es schwer sein mag, dem Thema noch eine neue Facette abzuringen, denn es ist in seiner Wohlfeilheit oft genug gedreht und gewendet worden.

Jedenfalls kommt hier eigentlich nichts wirklich Bemerkenswertes heraus, so stylish Regisseur George Clooney das Milieu zu pinseln vermag – auch wenn man es als Attacke auf speziell die Selbstgefälligkeit (und notabene Verlogenheit) des Trump-Amerika nehmen kann. Was auch abgegriffen genug und absolut keine Neuigkeit ist.

Bilder (c) Concordia

Renate Wagner 11.11.2017

 

 

 

 

Filmstart: 10. November 2017

 

TRAILER

Regie: Kenneth Branagh

Mit: Kenneth Branagh, Michelle Pfeiffer, Penelope Cruz, Johnny Depp, Willem Dafoe, Judi Dench, Derek Jacobi u.a.

 

Wahrscheinlich wurde kaum ein Agatha-Christie-Roman so oft verfilmt wie „Mord im Orient Express“ – bisher dreimal, davon 1974 so exemplarisch und glanzbesetzt unter Regisseur Sidney Lumet, dass man jedem neuen Versuch nur skeptisch entgegen sehen musste. Nun, alle Befürchtungen sind unbegründet – der neue „Orient Express“ von 2017 ist ein Gustostück für sich, und das verdankt man dem Hercule Poirot des Kenneth Branagh, der auch Regie führte. Und dabei hat er seine Figur sehr, sehr gut bedacht und ganz gezielt in den Mittelpunkt gestellt. Aber wer ein so großartiger, witzig-ironischer Schauspieler (und ein so geschickter Regisseur) ist wie er, der darf das…

Alle bisherigen Verfilmungen sind recht frei mit dem Original umgegangen, haben einzelne Figuren verändert und umgetauft, aber das grundlegende Konzept bleibt dasselbe: Edward Ratchett, ein wahrer Schurke, wird ermordet, und 12 Passagiere des Orient Express, der irgendwann in den dreißiger Jahren in einer Schneekatastrophe im Balkan stecken geblieben ist, sind tatverdächtig. Ein Fall für Poirot…

Bis es dazu kommt, wird die Handlung noch ein wenig ausgebaut: Sie beginnt an der Klagemauer in Jerusalem, lässt einen kleinen Jungen mit Eiern zweimal durch die Stadt in ein Luxushotel laufen – warum? Weil Monsieur Poirot seine Frühstückseier auf ganz bestimmte Weise wünscht und sie zurückschickt, wenn sie nicht passen… Der ganze Mann wird in seinem exzentrischen Charme und seiner reizvollen Zickigkeit umrissen, „schlanker“ als Peter Ustinov (der übrigens nicht im „Orient Express“ spielte, aber in seiner Epoche „der“ Poirot schlechthin war) und so anders, dass Branagh keinen Vergleich scheuen muss, weil es keinen gibt: Er ist so unikat, wie es sein Vorgänger war…

Wenn er sich auf den Orient Express begibt, blättert der Film nach und nach seine Mitreisenden auf, die man alle in Konfrontation mit ihm erlebt. Vielleicht war die Besetzung 1974 um einiges stärker, etwa wenn das junge Grafenpaar Andrenyi damals mit Jacqueline Bisset und Michael York besetzt war, während es diesmal mit Lucy Boynton und Sergei Polunin so gut wie unter den Tisch fällt. Aber es gibt auch hier genügend starke Besetzungen. Schön, dass sich für die unverändert attraktive Michelle Pfeiffer doch noch Rollen finden, auch wenn sie (eine unverzeihliche Sünde in Hollywood) auf die 60 zugeht: Sie kann immer noch sexy, süffisant und leinwandfüllend sein (so wie einst Lauren Bacall in dieser Rolle). Und wenn Johnny Depp auch nicht kraftvolle Ausstrahlung eines Richard Widmark hat – dass er ein Bösewicht ist, glaubt man dieser halbseidenen Erscheinung ohne weiteres – und verurteilt ihn glatt zum Tode. Passiert auch. Erstochen. Oftmals.

Ungemein witzig ist Willem Dafoe in der Rolle eines Detektivs diesmal in der deutschen Fassung, weil er sich als Wiener ausgibt und einen hinreißenden Kunstdialekt hinlegt (muss auf Englisch auch ganz lustig sein, aber nicht so wie diesmal in der Synchronisation). Der gute Mr. Arbuthnot, einst als Sean Connery ein grundsolider Colonel, ist hier (politische Korrektheit) ein farbiger Arzt (Leslie Odom junior) geworden, wieder in Mary Debenham verliebt. Einst war das eine junge Vanessa Redgrave, nun erlebt man die junge, frische Daisy Ridley, die man bisher nur aus der letzten „Star Wars“-Verfilmung kannte. Ein zwielichtiger Sekretär konnte einst nicht besser besetzt werden als mit Anthony Perkins – nun gibt sich der Sonst-Komiker Josh Gad ernsthaft.

Branagh hat ein paar der kostbarsten englischen Schauspieler mitgebracht – Judi Dench überstrahlt in ihrer trockenen Art als alte Prinzessin Natalia Dragomiroff sämtliche (auch berühmte) Vorgängerinnen, und Derek Jacobi liefert als todkranker Kammerdiener des (bald) Toten eine wunderbare Leistung.

Nicht zu vergessen ist die Rolle, die Ingrid Bergman (für eine Charge, wie man offen sagen muss) einst den Nebenrollen-„Oscar“ einbrachte: Die gibt es hier nicht. Sie ist zu einer Latina namens Pilar Estravados geworden, gespielt von der köstlichen Penélope Cruz, die sich allerdings darstellerisch nicht ganz so weit aus dem Fenster hängen darf wie die Vorgängerin in derselben Rolle (mit anderem Akzent…).

Branagh begnügt sich als Regisseur nicht damit, diese Figuren (und Darsteller) lustvoll aufzubereiten, er hat auch Sinn für das Ambiente und das Flair der dreißiger Jahre, dann erst für den Orient, später für den Luxuszug und für die zunehmend verschneiten Umwelt (bald ist man ja von Istanbul kommend im Balkan), und er lässt Kameramann Haris Zambarloukos die köstlichsten Kunststücke vollbringen, etwa dem Geschehen immer wieder auf den Kopf sehen, was durchaus als zynische inszenatorische Schräglage zu begreifen ist. Und er führt die Handlung immer wieder auf Poirot zurück. Logisch. Bei ihm laufen ja alle Fäden zusammen…

Dieser wird übrigens, nachdem er den Fall gelöst hat, schnell abberufen: Er müsse sich sofort nach Ägypten begeben, dort hätte es einen rätselhaften Mord auf dem Nil gegeben. Ja, wir freuen uns auf „Tod auf dem Nil“ und andere weitere Poirot-Filme, wenn das schöne Niveau dieser hier so hoch vergnüglichen Unterhaltung auch sicher gehalten werden kann…

 

Renate Wagner 9.11.2017

Bilder (c) FOX

 

 

 

Filmstart 6. Oktober 2017

USA / 2017

Regie: Denis Villeneuve, Ausführender Produzent: Ridley Scott, Mit: Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Robin Wright, Jared Leto, Sylvia Hoeks u.a.

TRAILER 1

TRAILER 2

Als der erste „Blade Runner“ 1982 in die Kinos kam, spielte er in scheinbar ganz ferner Zukunft – im Jahre 2019. Das ist uns ja nun schon sehr nahe gerückt, und ungeachtet der Digitalisierung stellen wir fest, dass wir doch noch nicht von „Replikanten“ (künstlichen Menschen, von uns kaum zu unterscheiden) überschwemmt sind. (Oder erkennen wir sie bloß nicht?)

Das war die Grundidee des Klassikers von Ridley Scott, nach einer Geschichte von Philip K. Dick, und er zeigt uns die seit langem schwelende, nun viel näher gekommene Sorge der Menschen, dass sie eines Tages von den „Maschinen“, in welcher Form auch immer, abgelöst, verdrängt, ausgerottet werden…

Der neue Blade Runner, der nun 35 Jahre nach dem ersten in die Kinos kommt (in dem gelungenen Bestreben, „die Geschichte weiter zu erzählen“), spielt 30 Jahre nach dem ersten, basiert wieder auf den Ideen von Dick, hat sich der Beratung von Ridley Scott versichert. Denis Villeneuve ist dem neuen „Blade Runner“ ein ingeniösen Regisseur. Das Problem der Geschichte ist inetwa dasselbe geblieben, nur dass es eine neue Generation von Replikanten gibt, die „braver“ und fügsamer sind als die alten – und ausersehen, unkontrollierbare frühere Modelle, vor denen man sich fürchtet, aus dem Weg zu schaffen.

So lernt man „K“ kennen („K“ wie Kafka, kommt dem Europäer unweigerlich in den Sinn), und es hat sich gelohnt, einen Film nicht auf eines der leeren neuen Star-Gesichter, sondern auf einen Schauspieler zu bauen: Ryan Gosling trägt die zweidreiviertelstündige Handlung fast allein, in Auseinandersetzung mit einer harten (menschlichen? Jedenfalls unmenschlich coolen) Vorgesetzten (Robin Wright), begleitet von seiner digitalen Traumfrau: Diese „Joi“ kommt auf Knopfdruck aus einem Computerprogramm, ist ein Hologramm, das sich in Sekundenschnelle verwandeln kann (anderes Kleid, andere Frisur, Traumfrau auf Abruf), die aber – da liegen die Probleme – offenbar wirklich Anteil an „K“ nimmt, den sie Joe nennt, um ihn zu vermenschlichen, und die selbst so gerne wirklich leben würde… Das macht die schöne Puppe Ana de Armas zu einer faszinierenden Figur.

Eine geschätzte halbe Stunde vor dem Ende trifft „K“ auf ein Relikt von damals, sprich: Harrison Ford, der so verwittert aussehen darf, wie er ist (er ist schließlich legitim gealtert). Er lebt als der aus dem ersten Film bekannte Rick Deckard einsam in einem verfallenen Casino von Las Vegas und weiß nicht, was aus seinem Kind geworden ist.

Dieses hat „K“ die ganze Zeit auf Anordnung der „Bösen“ (Jared Leto als perverser Replikanten-Produzent Niander Wallace, Sylvia Hoeks als Luv, die wirklich beängstigende Killerin) gesucht und gejagt: Denn wenn die Kunstmenschen echte Kinder gebären – wo kommen wir da hin? Und damit sind wir wieder und jede Minute lang beim Thema des Films, bei dem Problem vom Selbstverständnis der „Maschinen“, bei der Frage, was man noch aufhalten kann – wenn wir nicht davon abgelenkt sind, einfach „Bilder“ zu schauen.

Denn Denis Villeneuve, der natürlich eine ganz andere technische bzw. digitale Möglichkeiten zur Verfügung hat als Ridley Scott vor ihm, zaubert phantastische optische Visionen, wo eine heruntergekommene, dystopische Welt zu einem eigenen Faszinosum wird, und lässt sich keine Sekunde verführen, billige Sci-Fi-Action auf die Leinwand zu bringen. Im Gegenteil: Indem der über die fließenden Grenzen zwischen maschinenkalt agierenden Mensch und vermenschlichter Maschine reflektiert, ist das ein echtes Stück Leinwand-Philosophie, ungemein poetisch, ungemein stark in der Wirkung.

Und nur die Jungen im Kinosaal werden es erleben, wenn in drei Jahrzehnten und mehr dann der nächste Blade Runner kommt? Auch das macht nachdenklich...

Bilder (c) Sony & Warner

Renate Wagner 7.10.2017

 

Ergänzung des Herausgebers

Bitte schauen Sie sich den Film UNBEDINGT (wenn verfügbar) in einem möglichst großen Kino in 3-D an. Ich habe nie einen perfekteren 3-D-Film gesehen - vor allem, weil hier diese Technik hoch-künstlerisch zur Bildgestaltung mit beiträgt. Sie ist nicht nur purer Effekt, sondern trägt und gestaltet den Film mit, der übrigens im Original sogar im hochaufwendigen IMAX gedreht wurde (dabei ist das Negativformat noch erheblich größer als bei einem alten 70 mm Film).

Wichtig erscheint mir - der ich den Film auf meiner ewigen Science Fiction Liste meiner Filmgeschichte der letzten 100 jahre unter die Top Ten setzen würde, die man als Science Fiction Fan UNBEDINGT im Leben gesehen haben muß. Wichtig noch der Hinweis auf die grandiose Filmmusik von Hans Zimmer, der hier stellenweise die Ur-Musik von Vangelis (Bladerunner 1982) mit ihren schwebenden Synthesizer Klängen perfekt mit eingebaut hat. Ich hoffe, daß man diesmal bei der Oscar Verleihung auch Zimmer mit diesem mehr als verdienten Preis honoriert.

Für mich ist dieser Film ein monumentales Kunstwerk - auch filmtechnisch das Maaß der Dinge, was heute machbar ist - welches durchaus mit einer Oper verglichen werden kann. Unglaublich phantasiereiche Bühnen/Szenebilder und optisch brillant durch-choreographiert. Fast erschlagen den Zuschauer die langen Kamerafahrten, die man so noch nie gesehen hat. Die opulenten Aufnahmen - man gerät schon fast in einen Bilderrausch - sind so gewaltig, daß man danach erst einmal eine Weile braucht um das alles zu verkraften. Ein Film, der erschlägt. Auch die Philosophischen Hintergründe sind nachdenkenswert. Man wird über diesen Film noch lange und viel reden können.

Es ist absolut kein Film fürs Popcorn-Kinovolk, daher bezweifele ich den ganz großen Kassenerfolg; aber Bladerunner 1982 war ja auch zuerst ein Flop und wurde viel später dann als erst hypergenialer Kultfilm erkannt.

Peter Bilsing 10.10.17

 

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OPERNFREUND FILMTIPP: BLADE RUNNER 1982

Da es mittlerweile fünf verschiedene Versionen und Bearbeitungen gibt:

  • Die Arbeitsfassung [105:27 Min.]

    10,97%
  • US-Kinoversion (1982) [112:34 Min.]

    21,94%
  • Internationale Kinoversion (1982) [112:49 Min.]

    2019,42%
  • Director's Cut (1992) [111:49 Min.]

    76,80%
  • Final Cut (2007) [112:48 Min.]

gilt diese letzte als besonders empfehlenswert:

 

 

 

 

 

 

Filmstart: 29. September 2017

Österreich / 2017

TRAILER

Drehbuch und Regie: Julian Roman Pölsler

Mit: Martina Gedeck, Matthias Brandt, Mala Emde, Julius Hagg u.a.

 

Die Bücher von Marlen Haushofer galten stets als typische Frauenliteratur, allerdings mit einer tragischen Marmonierung, die ihr Schreiben besonders machte und ihm fraglose literarische Qualität verlieh. Schon zum zweiten Mal, nach „Die Wand“, liest der österreichische Regisseur Julian Roman Pölsler einen Haushofer-Text für die filmische Umsetzung als Psychothriller, der seelische Schmerzen intensiv transportiert. Er will dies, wie er in einem Interview sagte, noch ein drittes Mal, mit Haushofers „Die Mansarde“, versuchen.

„Wir töten Stella“ ist ein Stück bürgerlicher Seelenkälte. Zu Beginn setzt sich Anna, die Frau, die diese Geschichte zuließ, Schuld eingesteht und das Geschehen reflektieren will, an das Tablet – eine sehr heutige Aktion, Marlen Haushofer (1920-1970) ist seit bald einem halben Jahrhundert tot, in ihrer Welt war die Digitaliseriung noch nicht einmal gedacht. Auch die Videosequenzen, die der Regisseur später eingefügt hat, wirken eigentlich fremd (und dramaturgisch nicht so völlig überzeugend).

Original Haushofer ist es, Anna erzählen zu lassen, immer wieder kommt die Stimme von Martina Gedeck aus dem Off. Sie ist schon im vorigen Haushofer / Pölsler-Film immer wieder „an die Wand“ gestoßen, sie darf hier noch viel mehr Verzweiflung offenbaren, viel mehr Gesichter zeigen: von der gepflegten Dame, Frau des über die Maßen erfolgreichen Scheidungsanwalts, von der gewissermaßen Bilderbuch-Mutter bis zum bleichen Gespenst, das teils von seinen Erinnerungen, teils von seiner Gegenwart gejagt wird.

Die Geschichte ist so einfach, dass es der vollen, eingebrachten Regiekünste bedarf, um sie zu sehen. Wir haben eine scheinbar perfekte Familie vor uns, wobei die besondere Bindung zwischen Anna und ihrem halb erwachsenen Spät-Teenager-Sohn Wolfgang besteht, während ihr Gatte Richard sich an Schulkind Anette hält. Ein Quartett, das funktioniert, wenn auch ohne besonderes Temperament (nimmt man das kleine Mädchen aus), und in das Stella gewissermaßen einbricht – wider Willen aller, das muss man eingestehen, sie wollen sich eigentlich nicht stören lassen. Aber eine Verwandte bittet, ihre junge Tochter, die an der Wiener Universität studiert, für zehn Monate aufzunehmen, die Villa ist wahrlich groß genug, warum also nicht.

„Störe ich?“ fragt Stella immer, weil sie spürt, dass sie es tut – Anna ist höflich, sagt „Sie“ zu ihr, aber niemand macht Anstalten, sie wirklich in die Familie aufzunehmen oder ihr gar mit etwas Wärme entgegenzukommen. Freilich – und das zeichnet der Film meisterhaft – entwickeln sich die Dinge schleichend, wobei Julian Roman Pölsler offen lässt, wie weit Anna die junge Stella, die sie aus ihrer Unscheinbarkeit erlöst (ein rotes Kleid hat immer Signalwirkung), in die Arme des Gatten treibt, dessen Gleichgültigkeit und Rücksichtslosigkeit sie kennt…

Als Zuschauer, der bei diesem Film schnell lernt, genau zu beobachten und kleine Zeichen zu lesen, weiß man bald Bescheid – Stellas Ausreden, warum sie Abends erst spät heimkommt, ihre zunehmende Verzweiflung, die unbeteiligte Eiseskälte des Mannes, der sie verführt hat und fallen lässt (zumal da offenbar eine Schwangerschaft dazu kommt), aber auch der starre Mangel an Empathie, den Anna angesichts der Situation zeigt, wo man doch erwarten würde, dass sie in die Ereignisse aktiv eingreift.

Relativ unschuldig, aber letztlich auch gleichgültig, reagiert die kleine Tochter auf die unausgesprochenen negativen Ströme in der Familie, während der Sohn sich absetzt – hier gibt es noch eine Parallelhandlung, dass im Gymnasium offenbar die „Ilias“ gespielt wird und sich Anna immer wieder sinnend am Computer einen Stream ansieht, wo Christa Wolf aus ihrer Novelle „Kassandra“ liest…

Manchmal überzieht Pölsler bei aller Stille, die er wahrt, die Vordergründigkeit der Dramatik, manchmal muss Martina Gedeck auch zu leichenbleich vor sich hin leiden, aber die unendliche Schwere der Geschichte ist der Vorlage geschuldet. Am eindrucksvollsten ist wohl Matthias Brandt in seiner absolut coolen Unberührbarkeit, seine Nüchternheit lässt kein Pathos zu. Dieser Anwalt spielt nicht eine Rolle im Leben, er ist er selbst, alles in seiner bürgerlichen Welt funktioniert, er will und braucht nicht mehr. Mala Emde darf das Leid Stellas auch nicht herausschreien, das würde die Spielregeln brechen, und ähnlich frisst Julius Hagg als Sohn Wolfgang das Unbehagen an der Situation in sich hinein, aus der er sich selbst durch freiwilligen Abgang in ein Internat befreit. Und die kleine Tochter (Alana Bierleutgeb als Anette): Wie sie auf die finale Katastrophe von Stellas Tod vor dem Lastwagen („Es war ein Unfall“, wird beschlossen) reagiert, erfährt man nicht. Stellas Freitod wird so still unter dem Tisch gekehrt, wie man ihre Existenz ignoriert hat.

Am Ende sitzt man starr vor Beklemmung in seinem Kinosessel. Ein Lehrstück für bürgerliche Kälte ist die Haushofer allzumal, und Pölslers Film erst recht.

Renate Wagner 6.10.2017

Bilder (c) Picture Tree International

 

 

 


USA / 2017 
Regie: James Ponsoldt 
Mit: Emma Watson, Tom Hanks u.a.

TRAILER

Als George Orwell im Jahre 1948 den Roman „1984“ schrieb, gab er der Menschheit dreieinhalb Jahrzehnte bis zu dem von ihm prophezeiten Überwachungsstaat. 1984, als noch nicht jedem sein Smartphone auf der Handfläche angewachsen war, konnte man noch hoffen, dass es vielleicht nicht ganz so schlimm wird.

Heutige Voraussagen wissen, dass es schon viel schlimmer ist – und das Allerschlimmste daran? Nur einiges (etwa der Tugendterror derzeitiger politisch korrekter Sprachregelungen) ist wirklich „von außen“ her aufgezwungen. Im übrigens sind vor allem die jungen Menschen begeistert in ein System der totalen Veröffentlichung ihres Lebens hineingestürmt, aus dem einfachen Grund, weil sie sich endlich wichtig und beachtet fühlen können (und gar nicht darauf kommen, welch ein Irrtum das ist – weil selbstverständlich jeder, wie sie selbst, sich nur für sich selbst interessiert…).

Nach dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers (2013) erzählt der Film „The Circle“ von James Ponsoldt nun eine Geschichte, die erschreckt, weil sie so total echt wirkt und Ereignisse aufzeigt, die wohl vor der Türe stehen. Da spielt Emma Watson – so sympathisch, klar, auch klug – die junge Mae Holland, die nach ihrem Studium einen Job bei „The Circle“ bekommt, eine Firma, deren Engagements bei den jungen Digitalgenies so begehrt sind wie heutzutage wohl ein Job bei Google. Man wird von einer Menge von Leuten empfangen, die gleich inniges Interesse an dem Neuling hegen, wobei man sich natürlich geschmeichelt fühlt.

Und da ist da auch noch der charismatische Chef, der große Mann: Tom Hanks spielt diesen Bailey so freundlich-gelassen, dass man nie auf die Idee käme, er könne vielleicht Böses im Schild führen. Auch wenn er bei öffentlichen Veranstaltungen seines Konzerns als souveräner Moderator seiner selbst einzelne Mitglieder des Teams vorführt – das ist doch eine Ehre, nicht wahr, auch wenn Mae sich begreiflicherweise anfangs nicht ganz in solcher „Prüfungssituation“ wohlfühlt.

Was will diese schöne neue Welt des „Circles“? Sie möchte jeden Menschen auf dieser Welt einbeziehen, möchte immer wissen, beobachten, aufzeichnen, was er macht, jede Sekunde seines Lebens. Man stelle sich den Vorteil vor – keine Verbrechen mehr! Jeder Abweichler kann sofort erwischt werden! Es gibt Spiele, wie man Menschen, die sich der totalen Überwachung entziehen wollen, jagt und findet, wer ist am schnellsten dabei? Das ist doch beste Unterhaltung!

Man kann nicht sagen, dass es nicht an Warnung für Mae fehlte, nicht zuletzt von der Freundin, die ihr den Job vermittelt hat und die zu Einsichten gekommen ist. Aber unsere Heldin, die schrittweise in diese Circle-Welt gerutscht ist, ist eigentlich sehr angetan von dem Ganzen. Mehr noch, sie wird auserwählt, die neue BodyCam des Konzerns auf sich zu tragen, das heißt, die ganze Welt sieht ihr jede Sekunde ihres Lebens zu! Das gibt Zuspruch ohne Ende!

Dass jeder, mit dem sie in Kontakt kommt, auch betroffen ist, steht auf einem anderen Blatt. Doch selbst als ihre Eltern ihr eines Tages sagen, dass sie das bitte nicht mehr aushalten… selbst als ihr Boyfriend auf der Flucht vor den „Circle“-Jägern tödlich verunglückt… selbst als sie begreift, dass die Chefs in ihren Taten von der Überwachung selbstverständlich ausgenommen sind…

… der Film zeigt uns am Ende nicht das Aufbegehren der Mae Holland, nicht den üblichen Kampf gegen die erstickende Überwachung, die sich wie eine Krake über die Menschheit gelegt hat. Sie bleibt am Ball. Die Allmacht des Konzerns bleibt unangetastet. Und das ist an dieser würgenden Geschichte das schrecklichste…

Unfreundliche Kritiken in den USA werfen dem Film vor, dass alles, was er zeigt, so schrecklich simpel auf der Hand liegt. Aber kann es solcherart nicht umso einleuchtender die Zukunft sein? „The Circle“ ist das Menetekel an der Wand, vor der wir bereits zentimeternahe stehen. Man sollte das überlegen und sich fragen, was man tut, bevor man schnell wieder seine tiefsten Geheimnisse auf Facebook mit der ganzen Welt teilt.

Renate Wagner 10.9.2017

Bilder (c) Universum

 

OPERNFREUND-BUCHTIPP

 

 

 

 

HURRA HURRA - es geht endlich weiter !!!

Filmstart vom vierten Film: 26. August 2017

Deutschland / 2017

Regie: Ed Herzog

Mit: Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Enzi Fuch, Eisi Gulp. Branko Samarovski, Lisa Maria Potthoff, Nora Waldstätten u.a.

TRAILER

Es begann vor vier Jahren mit dem „Dampfnudelblues“ (2013), und bei vielen wird die Sucht nach Franz-Eberhofer-Krimis (deren literarische Vorlage mit der Gattungsbezeichnung „Provinzkrimi“ von Rita Falk stammen) schon damals eingesetzt haben. Mit dem Ergebnis, dass sie nun in Folge kommen – und von einem süddeutsch / österreichischen Publikum (in Norddeutschland startet man die Filme angeblich gar nicht – Mentalitätsprobleme!) geradezu mit Begierde erwartet werden. Nach den „Winterkartoffelknödel(n)“ (2014) und (nach einer unziemlichen Pause!) dem „Schweinskopf al dente“ (2016) ist nun die „Grießnockerlaffäre“ an der Reihe, denn ums Essen muss es immer irgendwie gehen bei den Eberhofers. Oder auch darum, dass die ewig so hinreißend kochende Oma plötzlich streikt…

In diesen Filmen ist die Handlung nicht entscheidend, sondern einzig die Figuren und das Milieu. Der Kriminalfall – der diesmal sogar Franz Eberhofer, Polizist im ebenso fiktiven wie überecht bayerischen „Niederkaltenkirchen“, unter Mordverdacht bringt – ist so wenig ernst zu nehmen wie sonst, auch wenn da mit einer undurchsichtigen Ostblock-Dame (Lilith Stangenberg), einer unglücklichen, aus Lourdes heimkommenden, eben verwaisten Tochter (Franziska Singer) und vor allem mit einer eiskalten Kommissarin aus München (Nora Waldstätten) sehr viel neue Frauenpower am Werk ist. So sehr die scheinbar nur gnadenlos coole Kollegin auf den Eberhofer auch los geht – am Ende rettet sie ihm ja doch das Leben, was er gelassen hinnimmt: Er hat in scheinbar aussichtsloser Gefangenschaft im Keller ja nur Gurken gegessen, während Freund Rudi tränenselig an seinem Testament bastelte…

Im Grunde geht es nur um den ewig groben und ewig ungerührten Franz, mit dem Sebastian Bezzel die Rolle seines Lebens gefunden hat, um seinen umtriebigen Freund Rudi, den Simon Schwarz nun schon zum vierten Mal perfekt-skurril konturiert, um Eberhofers kiffenden Vater, den Eisi Gulp samt Schimpfkanonaden einfach überwältigend hinknallt, um die ewig unzufriedene Susi, die nicht und nicht geheiratet wird (Lisa Maria Potthoff mit bayerischem Mundwerk) – und natürlich immer um die Oma. Was täten die Eberhofers ohne sie – und die Filme ohne Enzi Fuchs.

Normalerweise kocht und schimpft sie, diesmal tritt sie mit einer späten Liebesgeschichte in den Vordergrund – als der greise Paul an ihre Türe klopft und mit einer Ohrfeige empfangen wird (Branko Samarovski nimmt sie rührend entgegen), wird eine ganz alte Liebe neu aufgewärmt, und weil sich auf einmal alles nur um den Paul dreht und nicht um die althergebrachten Familienmitglieder, und weil der alte Störenfried Schweinsbraten und Knödel nicht „derbeißt“, gibt es sehr zur Empörung der Rest-Familie meist Grießnockerlsuppe…

Na ja, und die Mordfälle – eigentlich ein Unfall, oder, wenn der alte Hausladen besoffen die Treppe hinunter gefallen ist? Aber dass der unsympathische Polizeidirektor Barschl (Francis Fulton-Smith), mit dem der Franz Eberhofer im ewigen Clinch lag, nach einer wüsten (typisch bayerischen, brüllend lauten und komplett besoffenen) Fete erschossen wird – das ist schon echt gewesen? Und die Ostblock-Gattin ist nicht einmal erschüttert…

Wie gesagt, darum geht es weniger als um die Typen, die da herumschwirren, wozu auch unverzichtbar der törichte Eberhofer-Bruder (Gerhard Wittmann) gehört, der Dienststellenleiter (Sigi Zimmerschied, diesmal nur Nebenfigur, nicht Hauptfigur wie im vorigen Film), weiters Daniel Christensen als irrwitzig komischer Ignatz Flötzinger (von Beruf Heizungspfuscher) und Stephan Zinner als Metzger Simmerl, die sich dann alle mit Eberhofer beim Wirten Wolfi (Max Schmidt) zusammen finden. Mein Gott, die können saufen … und blödeln.

Wie Regisseur Ed Herzog dieses krachende bayerische Wesen, an dem der Humor genesen kann, und dessen ironische Stilisierung unter einen Hut bringt, das ist wieder einmal prächtig gelungen. Bitte bald um eine Fortsetzung – die Autorin hat ja noch ein paar Romane geschrieben, in denen Leberkäs, Zwetschgendatschi, Sauerkraut, Weißwurst und sonstige Köstlichkeiten eine Rolle spielen. Man wird schon nicht verhungern in der Zukunft… und man bleibt Fan.

Renate Wagner 20.8.2017

Bilder (c) Constantin

 

 

 

Filmstart: 11. August 2017

MONSIEUR PIERRE GEHT ONLINE

Un profil pour deux / Frankreich / 2017

Regie: Stéphane Robelin

Mit: Pierre Richard, Yaniss Lespert, Fanny Valette u.a.

TRAILER

Monsieur Pierre ist uns bestens bekannt, allerdings in einer jüngeren Ausgabe seiner selbst – als Pierre Richard, einst („der große Blonde“) ein wuschelköpfiger Karacho-Komiker des französischen Films, damals neben Louis de Funes der Größe.. Nun ist er ein alter Herr und als solcher Held einer sehr heutigen Geschichte, die den Menschen unrettbar in die Welt der sozialen Medien einbettet. Einer Komödie zumal, die einen bekannten Schauspieler völlig neu, unbekannt – und wunderbar erscheinen lässt.

Monsieur Pierre, er ist fast 80, hat eine mittelalterliche, rundliche, betriebsame Tochter namens Sylvie (Stéphane Bissot), die sich fast zu sehr um ihn kümmert. Jedenfalls schenkt sie ihm ihren alten Computer, um ihn zu beschäftigen (er ist seit zwei Jahren Witwer), und sie hat auch den Mann dazu, der ihm Einführungslektionen erteilen wird: Alex (sympathisch, ruhig und ein gar nicht „heutiger“ Typ: Yaniss Lespert) ist nicht nur der Freund ihrer Tochter Juliette (Stéphanie Crayencour als streitbares Blondinchen), sondern auch noch ein Schriftsteller, der es absolut nicht schafft (selbst Juliette findet nichts an seinen Werken) und der dringend Geld braucht. Also – Nachhilfestunden für Opa.

Wenn vor diesem plötzlich per Skype das Gesicht seiner Tochter auftaucht, schreckt er ein wenig zurück, aber dann lässt er sich auf das neue Spielzeug mit der Neugierde eine lustvollen Kindes ein. Schau, man kann sogar ein Selfie machen – Alex zeigt es ihm mit einem eigenen Bild. Und dann findet Pierre auch bald die Seiten, auf denen man Damen kennen lernen kann. Und was er einer gewissen Flora schreibt, ihres Zeichen Physiotherapeutin in Brüssel (Fanny Valette, wunderbar auf erwachsene Art reizvoll), rührt diese so sehr, dass sie ihn gerne kennen lernen möchte.

Und wir hätten, wenn es sich nicht um eine Komödie handelte, eine klassische, kritische Situation von heute vor uns – das Internet als Lügenplattform, wo jeder jedem vormachen kann, was er will. Denn auf der Frage nach einem Foto schiebt der alte Mann natürlich nicht seines ins Netz, sondern das, das Alex praktischerweise von sich gemacht hat… Auch das ist tragisch: Einer, der weiß, dass ein Alter in dieser Welt nichts wert ist. Und der doch noch einmal fühlen und leben will.

Die Ähnlichkeit mit dem Sujet von „Cyrano de Bergerac“ wurde zu Recht immer wieder hervorgehoben, denn auch darum geht es: dass einer den Geist und die Seele hat und die Worte dazu, und der andere die „Looks“. Also wird Alex, unter Begleitung des alles beobachtenden Pierre, nach Brüssel geschickt (wenn man ihn bezahlt, tut er es eben). Da kommt es zu klassischen Komödiensequenzen – Pierre hat sein jüngeres Ich als Sinologen ausgegeben, wovon Alex keine Ahnung hat (und Flora hat ein paar chinesische Worte gelernt!). Aber zwei hübsche Menschen, da macht es offenbar nichts, dass einer im Leben nicht so eloquent ist wie beim Schreiben: Alex wird als „Ersatz-Vögler“ vorgeschickt, und irgendwie schmeckt die ganze Geschichte nicht so wirklich gut, wankt in ihrer Glaubwürdigkeit total, hat auch so manches peinliche Element.

Es gibt allerdings in der Regie von Stéphane Robelin wirklich schönen Szenen: Wenn Flora dann nach Paris kommt, beim „Opa“ ihres Alex wohnen darf und die beiden sich nun wirklich kennen lernen. Wenn Tochter und Enkelin herbeirauschen und die „Neue“ des Alten, wie sie glauben, mehr als misstrauisch besichtigen (zumal der auftauchende Alex ja dann kein Familienmitglied, sondern der abtrünnige Freund der Enkelin ist).

Am schönsten an der Geschichte, die nicht wirklich stimmt, ist dann eine der letzten Szenen: Wenn die beiden Männer zu einer verwirrten Flora kommen, sie ihre Liebe gesteht, sie dabei fest Pierre anblickt, der alte Mann wirklich denkt, er sei gemeint – und dann nur erkennen muss, dass sie aus Schamhaftigkeit Alex, ihrem wahren Ansprechpartner, den Rücken zugewendet hat. Als sie diesen dann umarmt, muss Monsieur Pierre wieder etwas erkennen… und die wundersame, minimalistische Schauspielkunst des Pierre Richard entfaltet sich in diesem stillen alten Mann, der noch einmal unruhevoll auf Gefühle und Erleben gehofft hat und ja doch resigniert, auf die wunderbarste Weise.

Das muss man gesehen haben, wenn auch das dramaturgische Gefüge ächzt und krächzt (ein Rostand-Stück für die Bühne ist kein Filmsujet für heute), wenn dann die verlassene Juliette und am Ende noch Monsieur Pierre mit anderen Partnern getröstet werden (Happy End überall!) – so wie die französischen Filme neuerdings es kaum mit der Realität, sondern mit schaumgebremsten Beschönigungen halten. Macht nichts – Pierre Richard als Monsieur Pierre: Du großer Blonder, zum weißhaarigen alten Wundermann mutiert, das ist großartig.

Renate Wagner 19.8.2017

Bilder (c) Neue Visionen

 

 

 

Viceroy’s Hous/ GB, Indien / 2017

Regie: Gurinder Chadha

Mit: Hugh Bonneville, Gillian Anderson, Michael Gambon, Manish Dayal, Huma Qureshi u.a.

TRAILER

 

Es ist ein „BBC“-Film, wenn auch von einer indischen Regisseurin gedreht, und das zeigt, dass sich die Briten verstärkt ihrer kolonialen Vergangenheit stellen – wie ja auch im Vorjahr mit „A United Kingdom“ die koloniale Geschichte Botswanas nicht ohne (britisch) selbstkritische Note aufgearbeitet wurde. So richtig gnadenlos streng ist man mit sich selbst in der Vergangenheitsbewältigung allerdings auch nicht…

In „Viceroy’s House“, wie der Originaltitel lautet, geht es um die Unabhängigkeit Indiens 1947, die die Teilung des Subkontinents in zwei Staaten, Indien und Pakistan, zur Folge hatte, weil die Briten (angeblich) glaubten, dass Hindus und Moslems nicht in einem Land zusammen leben könnten – obwohl Gandhi genau das beschworen hat…

Damals wurde Lord Louis Mountbatten (1900-1979), ein Urenkel von Queen Victoria, verwandt mit allen Royals von Europa, mit dem schmückenden Beinamen eines „Earls of Burma“ versehen (für seine Leistungen im Zweiten Weltkrieg), mit dem Titel eines „Vizekönigs“ und begleitet von Gattin und einer Tochter nach Indien geschickt, um die Unabhängigkeit in die Wege zu leiten. Wer an diese Zeit denkt, dem fällt die berühmte Affäre von Lady Edwina Mountbatten mit Nehru ein, aber die wird hier schamhaft verschwiegen.

Die indische, aus dem Punjab (heute Region Pakistan) stammende Regisseurin Gurinder Chadha, deren Großeltern diese „Teilung“ Indiens mitsamt ihrer Massenflucht am eigenen Leib mit erlitten, versucht hier Historie höchst filmisch aufzubereiten, was dem Film zwei Ebenen verleiht und den Kitschfaktor stark forciert.

Ein Teil des Films gilt den Briten, einerseits der immensen Prachtentfaltung indischen Kolorits rund um den Palast des Vizekönigs (wo unendliche Scharen von Dienerschaft herumwieselten, jeder Handgriff zum Zeremoniell wurde und der Vizekönig natürlich von Dienern angekleidet wird, die auf Schnelligkeit und Präzision gedrillt waren…). Hier arbeiteten alle Religionen und Stämme nebeneinander, fast ein ideales Konglomerat Indiens, das sich jenseits der Palastmauern nicht fortsetzen ließ (und auch innerhalb dieser ja doch immer wieder zu Spannungen führte).

Im übrigen war Mountbatten mit den Verhandlungen befasst, hier Nehru für die Hindus, dort Muhammad Ali Jinnah für die Minderheit der nichtsdestoweniger sehr starken Muslimen (beide Darsteller, Tanveer Ghani und Denzil Smith erreichen, wenn man sich Originalfotos ansieht, große Ähnlichkeit mit den Vorbildern), und in seinem Nacken die Briten (Michael Gambon als intriganter Lord Ismay), wobei unterstellt wird, dass Mountbatten eigentlich aus der Ferne wie eine Marionette von Churchill agierte, der die Teilung (die Zerstückelung Indiens aus Machtgründen) um jeden Preis wollte… Gandhi (Neeraj Kabi) mit seinem Bestreben nach einem Einheitsstaat konnte sich bekanntlich nicht durchsetzen.

Aber um die Politik geht es erst in zweiter Linie. Die Regisseurin erzählt die innerindischen, konfessionellen und offenbar unüberwindlichen Konflikte an einer typischen „Romeo und Julia“-Geschichte – am Hof des Vizekönigs treffen sich der Hindu Jeet (Manish Dayal) und die Muslima Aalia (Huma Qureshi), in die er schon verliebt war, als beide noch in demselben kleinen Dorf lebten. Hier sind die Gegensätze unter Erwachsenen offenbar unüberwindbar, auch wenn der alte Moslem-Vater ein freundlicher, toleranter Mann ist – dass die Tochter dennoch an einen Verwandten zwangsverheiratet werden soll, darüber gibt es keine Diskussion…

Die Ereignisse rund um die Unabhängigkeit und die Teilung, die dann im „Hinauswurf“ (der Vertreibung) von 14 Millionen Muslimen in den Norden, die beiden Pakistans, mündete, spitzen sich dramatisch zu, der Flüchtlingsstrom erinnert tragisch an heute, die elenden Schicksale desgleichen. Und dass die Liebenden ein Happyend bekommen, ist eigentlich nur Kintopp zur Beschönigung des Grauens, das die Regisseurin – in wirkungsvollem Kontrast zur glanzvollen „Indien“-Folie rund um die Briten – durchaus ungeschönt auf die Leinwand bringt.

Wenn man ein bisschen von der Geschichte weiß, wird man mit der Besetzung von Lord Louis Mountbatten („Dickie“ für die Briten) nicht glücklich. Dass Hugh Bonneville ein Fernseh-Lord (in „Downtown Abbey“) ist, macht ihn und seine gemütliche Feistheit in keiner Weise zu einer überzeugenden Besetzung des so schlanken, gewissermaßen kantigen, britisch klar und kühl konturierten Lord, der sicher – wie die Regisseurin auch eingesteht – das Beste für Indien wollte. Sein Scheitern war sicher weniger triefend als das seines Darstellers. Und ob die ach so chicke Society-Lady Edwina wirklich die Ausstrahlung von Gillian Anderson hatte, die so amerikanisch wirkt, bezweifelt man auch.

Dergleichen wird letztendlich die Briten aber mehr stören, die den Film natürlich auch dazu benützten, je nach politischer Couleur pro und contra Churchill (Mountbatten war vielleicht wirklich nur eine Marionette) darüber zu diskutieren, was die Politiker damals mit Indien gemacht haben…

Renate Wagner

Bilder (c) TOBIS

 

 

In der freien Welt nicht zu verbieten !


The Promise / USA / 2016 (ab 17. August im Kino)
Regie: Terry George 
Mit: Oscar Isaac, Christian Bale, Charlotte Le Bon u.a.

TRAILER

Es ist dem armenischen Volk nie gelungen, den an ihnen verübten Genozid im Jahre 1915 (trotz Franz Werfels „Die 40 Tage des Musa Dagh“) so im Bewusstsein der Welt zu verankern wie etwa die Juden den Holocaust. Nicht zuletzt deshalb, weil die Türken – anders als die Deutschen, die ihre Schuld annahmen und in alle Ewigkeit schwer daran tragen werden – nicht bereit waren und sind, das Geschehen zuzugeben, geschweige denn, eine Art von Schuld daran anerkannten.

Noch bevor die „Fake News“ zum täglichen Sprachgebrauch zählten, hat man von türkischer Seite das Ereignis stets als aufgebauschte Propagandalüge bezeichnet. Und wenn nun ein Film wie „The Promise“ sich mit diesem Thema befasst, so wurden alle sozialen Medien zu Hilfe genommen, um hier desavouierend zu wirken und Publikum möglichst abzuhalten, sich diesen Film anzusehen…

Es beginnt wie eine Geschichte in eleganter Gesellschaft, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs in Konstantinopel. Da ist eine sehr schöne, elegante, in Paris aufgewachsene Armenierin Ana (Charlotte Le Bon), ihr Geliebter, der amerikanische Journalist Christopher (Christian Bale, der einen etwas verwahrlosten Eindruck macht) – und Mikael, ein ambitionierter Apotheker, der aus einem Dorf (wo er eine Verlobte hat) in die Hauptstadt kommt, um hier Medizin zu studieren: Oscar Isaac ist genau der Typ, auf den Hollywood zurückgreift, wenn etwas Exotik angespielt werden soll, allerdings von der strikt positiven Sorte: Seine Ausstrahlung ist untadelig. Kein Wunder, dass die beiden Armenier sich in einander verlieben…

Die Dreiecksgeschichte versinkt aber schnell in den politischen Ereignissen, was sich nicht nur auf den Weltkrieg und die hier herumwieselnden, propagandistisch tätigen Deutschen bezieht: Das wahre Thema des Films liegt jenseits der tränenreichen Schnulze.

Denn nun beginnt in einer Art „ethnischer Säuberung“ die Jagd der Osmanen auf die Armenier, und es ist beklemmend, wie in diesem Film der Zusammenbruch von zahllosen Menschenleben gezeigt wird – hier wird das Anliegen von Regisseur Terry George ganz klar: Er hat schon als Drehbuchautor an vielen „kritischen“ Filmen mitgewirkt und als Regisseur in „Hotel Ruanda“ einen Völkermord dargestellt. Hier ist man mit den Vertriebenen und blutig Verfolgten, die plötzlich den Boden unter den Füßen verlieren und Opfer gänzlicher Willkür werden. Unsere drei Protagonisten werden auseinander gerissen und vom Schicksal wild hin und her geworfen, wobei sich ihre Wege (wie dramaturgisch notwendig) immer wieder kreuzen.

Was die herrschenden Türken betrifft, so zeigt der Film, wie Menschen sich zu Menschen verhalten, die für sie nicht Mitmenschen sind, sondern die sie einfach für „minderwertig“ halten, und zu welchen Brutalitäten und Gräueltaten sie fähig sind, wenn sie wissen, es straflos tun zu können – eine Situation, die sich vom Dritten Reich bis zu den Balkan-Kriegen (und davor und danach) in der Geschichte unaufhörlich wiederholt hat. (Immerhin gibt es auch den „guten Türken“, der allerdings unter der Übermacht seiner Kollegen nichts bewirken kann.)

Das Ganze ist eine so schmerzliche, auch stellenweise so grausam erzählte Begebenheit, dass ein Film wie dieser (den herzustellen sichtlich teuer war, was von einem reichen armenischen Sponsor finanziert wurde) kaum Publikum gefunden hat – wozu die Anti-Propaganda und die Kritik, die angesichts des ausufernden, großen Epos von einem billigen Melodram sprach, beitragen haben mag. Im Grunde erinnern Vertreibungs- und Ermordungsszenarien aus der Vergangenheit auch an die Gegenwart, und damit wird der „Fluchtort“ Kino zum Konfrontations-Medium: Schwer für ein breites Publikum, damit umzugehen.

Im Film erscheint übrigens am Ende James Cromwell als Henry Morgenthau und protestiert im Namen Amerikas bei den Osmanen gegen das Vorgehen. Die US-Presse hat in ihren Kritiken zu „The Promise“ übrigens auch daran erinnert, dass Barak Obama sein Versprechen, er werde den armenischen Genozid anerkennen, nie eingehalten hat. Kurz, die Geschichte lebt…

Renate Wagner 15.8.2017

Copyright capelight pictures / Jose Haro

 

Weitere unzensierte freie Kritiken:

Warum der Film schon vor dem Kinostart sabotiert wird (Musikexpress)

Die Erinnerung bleibt (kino.de)

Die Propagandaschlacht (Spiegel-online)

Liebesdrama und historisches Grauen (Focus-online)

 

 

 

 

Filmstart: 14. Juli 2017

PARIS KANN WARTEN

Bonjour Anne / USA / 2016

Drehbuch und Regie: Eleanor Coppola

Mit: Diane Lane, Arnaud Viard, Alec Baldwin u.a.

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Dass ein Mann Filme macht – kommt vor. Dass dessen Tochter als Filmemacherin in seine Fußstapfen tritt, auch das gibt es. Aber dass dann noch die Ehefrau bzw. Mutter ihren eigenen Spielfilm machen möchte und das im nicht gerade jugendlichen Alter von 80 Jahren – für dergleichen ist neuerdings die Familie Coppola zuständig. Eleanor Coppola, Jahrgang 1936, Gattin des „Pate“ Regisseurs Francis Ford Coppola und Mutter der filmenden Sofia, hat sich bisher auf Dokumentarisches beschränkt. „Paris kann warten“ ist nun ihr erster Spielfilm, und alles daran wirkt so „persönlich“, dass man gewissermaßen an eine Herzensangelegenheit denkt, die eigenes Erleben und eigenes Lieben aufarbeitet…

Die Liebe gilt zweifellos Frankreich, aber vielleicht war die Ausgangsposition wirklich eine solche: Dass Anne, die Gattin eines Produzenten (sie bekommt von Diane Lane so viel Attraktivität und Herzensflirren, dass man eine so delikate Leistung nur bewundern kann), es müde ist, in Cannes herumzusitzen, während der Ehemann beruflich (und wie auch immer) herumschwirrt: Die Rolle von Alec Baldwin ist klein, aber überzeugend – diese oberflächliche Höflichkeit der Gattin gegenüber, während er so viel anderes im Kopf hat. Vielleicht hat Anne (Eleanor?) wirklich gesagt, dass sie lieber gleich nach Paris fährt, statt mit ihm jetzt nach Budapest zu jetten – und vielleicht war da ein französischer Kollege, dessen genaue Funktion und genaue Berufsbezeichnung man nicht erfährt, der angeboten hat, sie per Auto nach Paris mitzunehmen.

Ein begeisterter Franzose liebt sein Land bis zu den Römern hinab, und es ist klar, dass man selbstverständlich einen Schlenker zum Pont du Gard machen muss, diesem sensationellen Aquädukt, bei dem jedem der Mund offen steht. Ein begeisterter Franzose ist aber auch ein Gourmet erster Ordnung, der überall das beste Lokal kennt… Also!

Also zischt man nicht auf der Autobahn von Cannes nach Paris, sondern schlenkert auf der Landstraße, übernachtet vielfach (wobei die Produzentengattin ihre Kreditkarte zücken muss – aber sie bekommt es später zurück…), und es ist wohl so, dass dieser Monsieur Jacques Clement, der Anne zwar anflirtet, aber nicht anrührt, auch noch seine persönlichen Interessen hat: Während sie in Lyon durchaus interessiert das Museum der Brüder Lumière besichtigt, ist er mit der dortigen Direktorin beschäftigt, immerhin beobachtet Anne, wie er nach kurzem Verschwinden seine Hose zumacht… und da war es wohl nicht nur auf der Toilette.

Es ist eine Huldigung an Frankreichs Kultur und Kulinarik, die im Vordergrund steht, und als solche schön, wenn auch ein bisschen langatmig – vielleicht hätte Eleanor Coppola einen weiteren Drehbuchautor hinzuziehen sollen, der ihrer etwas lahmen Geschichte Pepp gibt. Aber wahrscheinlich liegt die Schwäche des Ganzen vor allem darin, dass dem Film etwas Entscheidendes fehlt, nämlich der Franzose, der ihm Spritzigkeit und Erotik gäbe – man denke nur an Spitzbuben wie den hinreißenden Yves Montand oder Womanzier wie Alain Delon, um festzustellen, dass Arnaud Viard hier nur wie ein nasser Lappen wirkt, kein „Franzose“, wie er im Buch steht, und auch kein Begeisterter, einfach nur ein nicht sehr interessanter Schauspieler.

Gewiß, Diane Lane trägt ihren Teil des Films, der manchmal dann auch (wenn es um Privates geht) ein bisschen Sentimentalität triefen lässt, aber so reizvoll, wie das französische Abenteuer hätte werden können, ist es dann leider doch nicht ausgefallen…

Renate Wagner 16.7.2017

Bilder (c) Tobis

 

 

 

 

Filmstart: 7. Juli 2017

Their Finest / GB / 2016 

Regie: Lone Scherfig

Mit: Gemma Arterton, Sam Claflin, Bill NighyHilliard, Jeremy Irons u.a.

TRAILER

Man weiß, dass der Zweite Weltkrieg im Rückblick für die Briten eines ihrer „Heldenzeitalter“ war: Die Tapferkeit, mit der die Bevölkerung den „Blitz“ (die deutschen Bombardements) durchgehalten hat, die Solidarität, mit der man unter Churchills Führung zusammen stand, und letztendlich das Bewusstsein, mit der gerechten Sache gesiegt zu haben – ja, das ist ihre große Zeit, über die es schon eine Menge Filme gegeben hat.

Nun drehte die dänische Regisseurin Lone Scherfig nach dem Roman „Their Finest Hour and a Half“ von Lissa Evans einen Film, der vieles bringt und vieles will, vielleicht mehr, als man gleichzeitig in eine Geschichte hineinstopfen kann. Keinesfalls will die Regisseurin vergessen, dass das Jahr 1940 für die Briten eine grausame Zeit war, die viele Menschenopfer kostete (dieser Tatsache opfert sie zum Kummer der Besucher, mehr noch der Besucherinnen auch das Happyend für die Heldin). Vor allem aber wollte sie eine parodistische Komödie drehen – eine, die sich ums Filmemachen dreht…

Nun weiß man ja, mit welch eisernem Griff zur gleichen Zeit Goebbels die deutsche Filmindustrie in der Hand hatte, um die Bevölkerung nicht nur durch Ablenkung zu unterhalten, sondern ununterbrochen mehr oder minder unterschwellige Kriegspropaganda zu betreiben. Aber – cosi fan tute, die Amerikaner machten es nicht anders und die Briten erst recht nicht.

Erzählt wird die Geschichte von Catrin Cole, früher in der Werbebranche tätig, die in der Filmwelt als Drehbuchschreiberin anheuert. Die Herren, die zuständig sind – nicht nur die Filmgewaltigen, sondern auch die Politiker, die ein genaues Auge auf die Filme werfen -, wollen auch den „weiblichen Blick“ auf das Kriegsgeschehen. Mit großen Augen spielt Gemma Arterton perfekt die liebenswerte, kluge Superfrau, die sich dennoch nie vordrängt – und natürlich das Herz des Kollegen Tom Buckley gewinnt, der anfangs nicht so begeistert war, dass er da mit einer Frau zusammen arbeiten muss… (Sam Claflin).

Das erwünschte Filmthema ist aus dem damaligen Leben gegriffen: Die Engländer haben den Schock von Dünkirchen gerade hinter sich (die Deutschen hatten sie eben in dieser Schlacht in Frankreich besiegt, aber den Briten gelang es, den Großteil ihrer Soldaten zu evakuieren und zu retten) – das soll nun nicht nur ein prächtiger Durchhalte-Film werden, sondern auch noch die Amerikaner bewegen, möglichst schnell in diesen Krieg einzusteigen (woran sie ja vor Pearl Harbour nicht zu bewegen waren).

Dazu werden nicht nur Superfrauen erfunden, sondern auch Helden, die auf der englischen Seite kämpfen, um die Amerikaner zu motivieren – es ist überaus amüsant, wie an einem kitschigen Drehbuch, nur auf Effekte und Manipulation ausgerichtet, gebastelt wird, wobei Catrin und Tom sich zusammen raufen und ein paar Nebenfiguren ganz klug Farbe geben – es darf auch eine ganz patente, selbstbewusste, aber immer sympathische bekennende Lesbe dabei sein, damals! (Gespielt von Diana Riggs Tochter Rachael Stirling.) Oder eine tüchtige Agentin (herrlich: Helen McCrory), die meint, es könne nichts schaden, einem eitlen alten Star nicht immer zu schmeicheln, sondern auch einmal ein paar Wahrheiten zu sagen… Kurz, die englischen Frauen im Krieg waren, man sieht es, enorm tüchtig, und sie schafften das, ohne sich penetrant emanzipatorisch zu geben…

Aber der alte, eitle Star ist natürlich der Höhepunkt des Films, der großartige Bill Nighy spielt die Skala darstellerischer Virtuosität hinauf und hinunter und bleibt dennoch ein wunderbarer, echter Mensch – allein um seinetwillen ist der Film ein Muß für alle, die sich an großer Schauspielkunst ergötzen. Dazu trägt auch Jeremy Irons ein – leider nur winziges – Schärflein bei, wenn er als Staatssekretär für Kriegsfragen Shakespeare zitieret, die große, aufrührende Rede des Heinrich V. vor der Schlacht, St. Crispin’s Day! Kurz, aber kostbar!

Wie die Welt des Films sich hier entfaltet, macht den besonderen Reiz des Streifens aus. Dass, wie gesagt, die Tragik des allgegenwärtigen Todes nicht ausgeblendet wird… das sorgt dafür, dass die schöne Geschichte nicht billig wird. Sie hat nur einen Fehler – sie ist zu lang. Nach der großen Tragödie geht es weiter und weiter, auch wenn man es gar nicht mehr weiter sehen will…

Renate Wagner 7.7.2017

Bilder (c) Concorde

 

 

 

Filmstart: 30. Juni 2017

La mort de Louis XIV / Frankreich, Portugal / 2016

Regie: Albert Serra

Mit: Jean-Pierre Léaud, Patrick d’Assumçao u.a.

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Offen gestanden hat man zu dem Thema anderes und vor allem mehr erwartet. Der Tod von Ludwig XIV. – das war Frankreichs Sonnenkönig, Versailles das Zentrum der europäischen Welt, der Mann selbst eine singuläre Größe, der sein Land mehr als ein halbes Jahrhundert lang (eigentlich auf dem Papier sieben Jahrzehnte, da er als Kind auf den Thron kam) regiert hatte, als er sich im August 1715 zum Sterben anschickte – ein Wundbrand am linken Bein löste das Ende aus, doch der 77jährige hatte ein Leben ungeheurer Aktivität hinter sich, mochte wohl auch müde sein… war er doch ein König gewesen, der diese „Würde“ (wie man es damals sah) verkörperte wie wenige andere.

Nun könnte man dieses Sterben in die gewaltige Welt von Versailles einbetten, wo ein Hofstaat ohnegleichen nach ausgefeilten Regeln lebte (und sich gegenseitig intrigierend auszuhebeln suchte). Welche Folgen hatte das Sterben eines Königs auf die Umwelt? Wie viele Bündnisse wurden geschlossen, Abmachungen getroffen, wie viele Spione ausgeschickt? Wer bangte panisch um seine Existenz, wer hoffte verzweifelt auf die Zukunft?

Aber das interessiert den katalanischen Regisseur Albert Serra so gut wie gar nicht. Nach der ersten Szene, der einzigen, die außerhalb seines Schlaf- und Sterbezimmers spielt (der König im Park, in einem Rollstuhl), zeigt er einen kleinen, zusammen geschrumpften Mann, der immer kleiner wird, bis er endlich – und das zieht sich – verlischt. Einfach ein Sterben, das ihn von dem anderer Menschen nur unterscheidet, dass allzeit mehr Leute um ihn herum sind, als sich um die armen Durchschnittsbürger kümmern.

Da ist sein Leibarzt Fagon (Patrick d’Assumçao), natürlich völlig hilflos, aber des schweren Drucks bewusst, dass man ihn für das Sterben des Königs, dem er nicht helfen kann, verantwortlich macht. Angstvoll bemüht, dem Kranken irgendetwas einzuflößen, ohne zu wissen, was in dieser Situation richtig ist. Er will nur eines – möglichst keine anderen Ärzte als Konkurrenz an seiner Seite. Als angesichts der Aussichtslosigkeit die Größen der Sorbonne dann doch aufmarschieren, herrscht dieselbe Ratlosigkeit. Ein großmundiger Wunderheiler wird hingegen bald wieder expediert.

Und wenn nicht ein-, zweimal Madame de Maintenon (des Königs morganatische Gattin, vertrocknet gespielt von Irène Silvagni) hereinsähe, gelegentlich ein Priester geholt würde, sich noch Leute herbeidrängten, die für einen Festungsbau Geld vom König bewilligt bekommen wollen, der die Entscheidung von sich schiebt, sind es nur die Diener, die sich um den Sterbenden kümmern.

Wie es uns die Geschichte lehrt (Albert Serra stützte sich in dem Film auf historische Quellen, Hofleute, die den Tod aus erster Hand erlebt haben, aber hier nicht vorkommen), lässt der König, der in einer Art ruhiger Resignation seinem Ende entgegengeht, seinen fünfjährigen Urenkel und Erben kommen und warnt ihn, sich an ihm ein Beispiel zu nehmen: Er, der lebenslang Kriege geführt hat, kann es am Totenbett nicht mehr verantworten…

Im Zentrum des Geschehens steht, eigentlich liegt die meiste Zeit Jean-Pierre Léaud in einer Pose unendlicher Geduld, die ihn trotz der Perücke, in der er versinkt, nicht lächerlich erscheinen lässt. Er gibt dem Mann Würde, sogar Größe, obwohl alles um ihn einschrumpft. Auch wirkt der Film, der in zwei Wochen ohne weitere Proben heruntergedreht wurde, in der Machart eigentlich billig, weil er mit der Kamera so gut wie nie über das Bett hinausgeht, man hat den Eindruck, dass ein Zimmer in einem Atelier gereicht haben muss, das Ganze herzustellen, selbst Übergänge sind schlechtweg ungenau geschnitten, die Beleuchtung zwielichtig (es handelte sich schließlich um Kerzen), vieles bleibt vage. Verschwommen. Die Einförmigkeit des Sterbens zerrinnt.

Nein, es geht nicht um „Der König stirbt“. Ein Mensch verdämmert. Langsam. Bedrückend. Alltäglich. Nichts von der „Majestät“ des Sonnenkönigs und nichts von der Majestät des Todes. Einfach sterben.

Renate Wagner 29.6.2017

Bilder (c) Grandfilm

 

 

 

Filmstart: 15. Juni 2017 
I AM NOT YOUR NEGRO USA  / 
2016  Regie: Raoul Peck / Dokumentation

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Gewisse Themen kommen in Schüben. Das „schwarze“ Amerika hat eine Geschichte, die dunkel genug ist und die offenbar nach Aufarbeitung schreit. In erfundenen Geschichten, in verfilmten Dramen und Romanen, in historischen Begebenheiten. Wir hatten zuletzt viel davon. „I am not your Negro“ zählt zu den dokumentarischen Filmen, wenngleich er so spannend ist wie ein Drehbuch nur sein könnte – und sich dabei auf den besten Geschichtenschreiber der Welt stützt: auf die Realität.

James Baldwin (1924-1987) war zu seiner Zeit besonders in Europa, aber auch im liberal-fortschrittlichen Amerika ein Aushängeschild, ein Mann von großer Bedeutung, ein „afroamerikanischer“ Autor (als noch niemand auf die Idee gekommen wäre, anstelle der Bezeichnung „Neger“ den „Afroamerikaner“ zu setzen…), dessen Romane, vor allem aber Essays als wichtige Beiträge und Kommentare zur Rassenfrage in den USA fungierten. Nun hat der Filmemacher Raoul Peck das unvollendete Manuskript „Remember This House“, das sich nach Baldwins Tod in dessen Nachlass fand, gewissermaßen „bebildert“. Aber wie!

Der in Hawaii geborene Raoul Peck, der einen Teil seiner Jugend im Kongo verbracht hat, war bei der diesjährigen Berlinale mit zwei Filmen vertreten, die sein extrem historisch geprägtes Interesse zeigten: die sehr gelungene Biographie „Der junge Karl Marx“ – und die Baldwin-Dokumentation. Letzteres auch, weil, wie er in einem Interview meinte, „meine Geschichte als Schwarzer nirgendwo erzählt wird“. Der Originaltext von Baldwin, der in der Originalfassung des Films ganz überzeugend von Samuel L. Jackson gesprochen wird, schließt hier eine Lücke.

Man hat es ja selbst in seiner frühen Jugend (natürlich aus der Distanz und den Medien) miterlebt und fast schon vergessen – welch entsetzlich zerrissenes Land die USA in den fünfziger und sechziger Jahren waren. James Baldwin war damals nach Europa „geflohen“, in der Überzeugung, nichts, was ihm dort begegnete, könnte schlimmer sein, als das, was ihn in seiner Heimat erwartete: sozialer Terror und Gefahr an Leib und Leben. Dann war er aber in die USA zurückgekehrt, um seinen Beitrag zum Kampf der Schwarzen um ihre Bürgerrechte zu leisten.

Sein Text ist ein biographischer, der zugleich die Geschichte des Landes erzählt: Zurück zu den Morden an Schwarzen, an den Haß, der beide Seiten beutelte, zu dem Widerstand, den gemischte Paare, den schwarze Kinder in weißen Schulen erfuhren. Man erinnert sich an den friedvollen Martin Luther King und den radikal kämpferischen Malcolm X – und daran, dass James Baldwin selbst sich nicht zu den „Black Panthers“ bekennen wollte, weil er sich nie dazu entschloss, alle Weißen kollektiv zu hassen (wobei er den „Rassismus“ auf Seite der Schwarzen durchaus erkannte).

Das Filmmaterial zeigt Baldwin selbst in alten Dokus, vor allem aber, was das Fernsehen damals an Aktuellem aufgezeichnet hat – wie die schwarze Bewegung Schritt für Schritt an Boden gewann, wie sie Unterstützung fand (etwa von Bobby Kennedy, der sagte, „Wer auf ein schwarzes Kind spuckt, spuckt auf die ganze Nation“), wie das Bild der demütigen Diener und bescheidenen Hausangestellten und billigen Arbeiter, das aus der Sklavenzeit stammte, sich langsam wandelte. Von Symbolwert war ein Film wie „Flucht in Ketten“ mit Tony Curtis und Sydney Poitier – Weiß und Schwarz, einander verabscheuend, aber hoffnungslos an einander gekettet und gezwungen, mit einander auszukommen…

Sähe ein Schwarzer die Welt wie John Wayne, vermerkte James Baldwin einmal, betrachtete man ihn nicht als Patrioten, sondern als „Maniac“ (Tollwütigen). Unsere Vorfahren hatten gar keine Ambition, in dieses Land zu kommen, erinnerte der Autor an die Verschleppung Hunderttausender Schwarzer aus Afrika, um auf den Baumwollfeldern des Südens die Plantagenbesitzer reich zu machen. Zu Baldwins Zeiten herrschte die Angst der Schwarzen: Wenn sie uns nicht mehr brauchen, werden sie uns ausrotten wie die Indianer. Als die Gewalt von schwarzer Seite ausbrach, analysierte Baldwin die Umkehrung der Emotionen: Heute sind die Schwarzen wütend, die Weißen aber haben Angst…

Wobei Gestalter Raoul Peck dann die schwarze „Rassengeschichte“ der USA weit über den Tod von Baldwin hinaus weiterverfolgt, bis zu Obama, dem farbigen Präsidenten… Dennoch: Noch immer scheint „Weiß“ das Synonym für Macht. Und die USA seien nicht das Land der Freien – es sei nur manchmal das Land der Tapferen… „Ihr  habt uns Nigger erfunden!“

Das ist ein Film, der nicht nur Erinnerungen beschwört und Unwissende etwas lehrt. Er transportiert auch Emotionen, ohne in billige, einseitige Effekthascherei zu verfallen.

Renate Wagner 14.6.2017

Bilder (c) Karma Films / Edition Salzgeber

 

 

USA / 2016 

Start 19. Mai 2017

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Regie: David Mackenzie

Mit: Chris Pine, Ben Foster, Jeff Bridges u.a.

Texas heute, nicht die großen Städte, sondern die kleinen Orte in einem weiten Land. Hier konnten die Western des 19. Jahrhunderts spielen. Heute ist das Leben weniger romantisch als einst im Kino. Hier wird ein glanzloses Stück amerikanischer Gegenwart geboten, stark gestaltet von dem Briten David Mackenzie. Eine Geschichte von Leuten, die so arm sind, dass sie ihr kleines ererbtes Stück Land nicht halten können, betrogen von Banken…

Zwei Brüder, die nicht gerade das große Los gezogen haben. Wahrscheinlich ist die ehrliche Zuneigung zueinander das Beste, was sie besitzen. Von Toby Howard, den Chris Pine mit dem sympathischen Look, aber einigermaßen bedrückt spielt, weiß man (und erlebt man auch), dass er eine ungute Ex-Gatin hat und Probleme, seine Kinder sehen zu dürfen. Tanner Howard ist in Gestalt des immer negativ hoch gespannten Ben Foster der andere Bruder, der gerade aus dem Gefängnis kommt. Was tun angesichts der finanziellen Probleme, wenn man den Zwangsverkauf von Mutters Farm, die sie eben geerbt haben, verhindern will?

Sie überfallen maskiert die kleinen Banken der kleinen Orte – und man ist ganz auf ihrer Seite. Ein versierter Texas-Ranger wie Marcus Hamilton (eine kleine große Rolle für Jeff Bridges) ist einem solchen Räuberpaar natürlich bald auf den Fersen. Aber er müsste sie in flagranti erwischen oder die Taten beweisen können… Aber das schaffen er und sein Indianer-Kollege (Gil Birmingham), obwohl sie die Täter bald kennen, zumindest für die Dauer des Films doch nicht. Die Brüder waschen das Geld in einem der indianischen Kasinos und retten ihr Land – für die Söhne von Toby.

Und bis es zum tragischen Ende kommt, das ungemein dramatisch verläuft, wird man in dieser traurig-staubigen Texas-Welt ganz heimisch, wozu auch die stimmige Musik (zu der auch Nick Cave einiges beisteuert) ihren atmosphärischen Anteil hat. Dabei wohnt in der Figur des Sheriffs, der die Brüder jagt, einiges an Pointen und Humor.

Gespielt wird die Geschichte ungemein stark, dabei trotz der Gefühlsintensität weitgehend unpathetisch. Die spannende Bankräuberstory wird durch die harte Kritik an einer Kapitalismus-Welt konterkariert, die aufzeigt, wie rücksichtslos daran gearbeitet wird, die Armen immer ärmer und chancenloser zu machen. „Hell or High Water“, Hölle oder Hochwasser mögen kommen, sagt eine amerikanische Phrase – man wird sich dem stellen. Die Brüder Howard tun es, und man schaut ihnen gespannt und mit eindeutiger Sympathie dabei zu.

Renate Wagner 11.6.2017

(c) Paramount

 

 

Filmstart: 4. Mai 2017


USA  /  2017 

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Drehbuch und Regie: Jordan Peele 
Mit: Daniel Kaluuya, Allison Williams, Catherine Keener u.a.

Rose Armitage ist so hübsch und blond, Chris Washington, von Beruf Fotograf, ist so schwarz und kuschelig, eindeutig ein Paar, das sich mag – das ist doch heutzutage kein Problem mehr, oder? Dennoch, wenn Rose ihren Chris den Eltern vorstellen möchte, zitiert der Film „Get Out“ (eine Warnung, die der Held nicht berücksichtigt) geradezu die legendäre Situation von „Rat‘ mal, wer zum Essen kommt“. Man erinnert sich – damals, 1967 (also vor einem halben Jahrhundert!), wurde Spencer Tracy und Katherine Hepburn in Gestalt von Sidney Poitier ein schwarzer Schwiegersohn präsentiert, und das war eine bahnbrechende, die Öffentlichkeit erregende Geschichte, die Regisseur Stanley Kramer damals zeigte. Will man zeigen, wie viel sich seither geändert hat – oder nicht?

Jordan Peele, Drehbuchautor und Regisseur dieses Films, Sohn einer weißen Mutter und eines schwarzen Vaters, geht die Sache enorm raffiniert an. Man muss es zugeben: Man lässt sich von diesem Film aufs Glatteis führen, denn erst sieht es eben nur nach dem Ausloten eines vielleicht übertünchten Rassismus aus. Das hat auch komödiantische Elemente, und man ist ganz auf der Seite des vorzüglichen  Hauptdarstellers Daniel Kaluuya, mit dessen Augen man alles erlebt, was da kommt…

Die Eltern sind scheinbar reizend, wenn die Psychiaterinnen-Mama auch etwas penetrant erscheint und der Bruder blöde Bemerkungen macht. Aber Chris ist einer jener „fortgeschrittenen“ Afroamerikaner, der mit dem alltäglichen Rassismus in den USA sehr souverän umgehen kann. Roses Familie hat auch schwarzes Personal, aus humanitären Gründen, wie sie sagen. Diese Dienerschaft ist (mit geradezu gefrorenem Grinsen) so überfreundlich, dass Chris misstrauisch wird. Und der Kinobesucher mit ihm. Da stimmt doch etwas nicht. Zumal, wenn er in den Gesellschaftskreis von Roses Leuten näher eingeführt wird.

Tatsächlich gerät man nach und nach in einen Horrorschocker, der es in sich hat und vor allem die amerikanische Kritik begeistert hat. Die Idee, dass weiße Fundamentalisten die Schwarzen in ihre alte Sklavenrolle zurückversetzen wollen, wird mit allen Mitteln des Krimis und der Spannung und des Schreckens durchgeführt. Mehr zu verraten, würde die Geschichte, die einige Pointen auch menschlich-gruseliger Art zu bieten hat, spoilen…

Am Ende liegen dann viele Ebenen der Interpretation über einander, und man bewundert die Raffinesse, mit der das im Kino derzeit besonders virulente Thema von Schwarz und Weiß in Amerika abgehandelt wird. Echte Horror-Schockeffekte inbegriffen.

Renate Wagner

Bilder (c) Universal

 

 

 

Filmstart: 21. April 2017

Frankreich / 2016 

Drehbuch und Regie: Rachid Djaidani

Mit: Gérard Depardieu, Sadek, Louise Grinberg u.a.

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Wer wäre nicht a priori ein Fan des französischen Films, der Legendäres hervorgebracht hat? In letzter Zeit aber häuften sich die „schaumgebremsten“ Produktionen, die echte Themen auf einen verlogenen Gefälligkeits-Nenner brachten – ob es die schwarz-weiße Behinderten-Schnulze „Ziemlich beste Freunde“ oder die Multi-Kulti-Familienschlacht „Monsieur Claude und seine Töchter“ war. Aber wenn sich die Franzosen für diese wohlmeinende Verzerrung ihres Alltags so dankbar zeigen, dass sie millionenfach ins Kino stürmen – wer wird dann noch wagen, ihnen die Wirklichkeit als solche vorzusetzen?

Wenn man nun als Vorgabe eines Films liest, dass Gerard Depardieu als alter Rassist sich mit einem jungen Moslem auf einer „Tour de France“, einem Road Movie durch Frankreich, zusammen raufen soll, dann waren die Erwartungen auf das Gebotene nicht sonderlich hoch. Doch Regisseur Rachid Djaidani (Franzose algerisch-sudanesischer Herkunft) macht in diesem seinen auch in Cannes präsentierten Film zwar Fehler, aber erst einmal nicht die auf der Hand liegenden. Allzu verbindlich wird es erst später.

Der Ärger, den sich in Paris rivalisierende Banden auf den Straßen bereiten, ist sicher echt und annähernd beängstigend. Wenn da Todesdrohungen ausgesprochen werden, glaubt man das aufs Wort. Also zieht der Manager eines jungen Musikers – begabter und bekannter Rapper, der sein Gesicht meist unter einer roten Schirmkappe versteckt – diesen lieber bis zum Konzert in Marseille aus dem Pariser Verkehr.

Far’Hook (gespielt von einem jungen Mann namens Sadek, der auch im wahren Leben Erfolge als Rapper erzielt) erhält den Auftrag, Serge, den Vater des Managers, in einem Klapperauto herum zu kutschieren. Dieser Vater ist, fett wie immer und entschieden ungepflegt, Gerard Depardieu – offensichtliche Idealbesetzung für den faschistoiden, in der Vergangenheit auch kriminellen Unterschichts-Franzosen, der jeden Grimm der Welt gegen die Muslime hegt, die da sein Land überfluten.

Im übrigen aber ist der Papa Maler und stolzer Freund französischer Geschichte – hat also zumindest eine feinsinnige Seite, wenn er dem jungen Migranten („Warum sprichst Du mich immer auf meine Herkunft an?“ beschwert sich dieser) die Schönheiten der Gemälde von Claude Joseph Vernet vermitteln will. Es sind Hafenansichten, die dieser im 18. Jahrhundert im Auftrag von Ludwig XV. malte und die Serge nun, mit Staffelei, Farben und Spachtel unterwegs, in den Hafenorten nachempfinden will…

Was die Musik betrifft, so liebt Serge es eher gestrig: Wenn er seinem Begleiter, den er anfangs gar nicht mag, „zurück-rappt“, tut er es mit aller Verachtung. (Musik durchzieht den Film übrigens und spielt eine große Rolle, vielleicht im Hinblick auf ein jugendliches Publikum.)

Sicher, was sich nun auf dieser Tour durch Frankreich begibt, sind die üblichen Auseinandersetzungen, die zwischen Menschen verschiedener Herkunft und verschiedener Weltanschauung logischerweise empor kochen. Da raschelt das Papier des theoretischen Schlagabtausches gelegentlich durch die Dialoge, so sehr Depardieu sie auch differenziert erfüllt und so sympathisch der junge Mann letztlich guckt…

Indem er beide Figuren nicht ultimativ extrem zeichnet (zumal der junge, sehr hellhäutige und neutral aussehende Araber ist nicht furchteinflößend wie so viele seiner Kameraden, sondern wirkt eher sanft), kann man dem Regisseur vorwerfen, das Thema zu verwässern, besonders wenn die Klischees stärker werden (die hübsche junge „Zigeunerin“, Louise Grinberg, wird eingeführt, damit sie mit Far’Hook locker ins Bett geht und ihm eine Predigt hält, wie die Muslime ihre Schwestern und Frauen behandeln), wenn es dann einfach albernes Kintopp ist (Depardieu fesselt Far’Hooks Gegner in der Badewanne).

Und doch, so schlecht die Kritiken des Films teilweise ausgefallen sind, ganz verschenkt er sein Thema nicht. Und kann man letztendlich einem „betroffenen“ Autor / Regisseur nicht nachfühlen, lieber die „menschliche Möglichkeit“ des Zusammenlebens auszuloten, als immer wieder Öl ins Feuer zu gießen – was ohnedies ausreichend geschieht (und auch thematisiert wird)?

Renate Wagner 21.4.2017

Bilder (c) Arsenal

 

 

 

 

Filmstart: 20. April 2017

THE FOUNDER

USA / 2016 

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Regie: John Lee Hancock

Mit: Michael Keaton, Laura Dern, John Carroll Lynch, Nick Offerman u.a.

Warum heißt „McDonald’s“ nicht „Kroc’s“? Weil Ray Kroc, der die Idee dieser Burger-Läden optimierte, genau wusste, dass er einen so uramerikanischen Namen wie jener der Brüder McDonald brauchte, um ein Millionen-, was heißt: Milliarden-Unternehmen aufzuziehen. Gestohlen hat er ihnen Idee und Firma ohnedies. Denn dieser Ray Kroc (1902-1984) war schon eher ein üblicher Kerl. Und man wundert sich über die Lust, mit der Michael Keaton ihn auf die Leinwand bringt.

Als man Ray Kroc zuerst begegnet, ist der Mann aus Illinois Vertreter, der sich die in den fünfziger Jahren so beliebten Motivations-Bänder anhört – mach was aus Dir! Wie man erfolgreich wird! Aber „No thanks“ sagen die Besitzer von Essensläden, denen er sich mit seiner Idee einer Milkshake-Maschine nähert. Wenn er seine Frau (Laura Dern) anruft, simuliert er natürlich enormes Interesse, das angeblich an seinem Angebot herrscht (die Ehe geht später auseinander).

Im übrigen ärgert Kroc sich darüber, dass in den Essensläden die Bedienung für den Kunden so schlecht funktioniert. Und eines ist klar, er gibt nicht auf. Mit ein paar historischen Filmaufnahmen aus den fünfziger Jahren sorgt Regisseur John Lee Hancock für das Flair eines Amerika, durch das Doris Day zu tänzeln scheint… und das zur Beute von Abenteurern wurde.

Alles änderte sich, als Kroc den Brüdern Brüder Mac (John Carroll Lynch) und Dick McDonald (Nick Offerman) begegnete, die in ihrem kleinen Burger-Restaurant vieles besser machten. Aber Kroc sprudelte vor Ideen nur so über –kurze Wartezeit aufs Essen, Konzentration auf Burger, Fritten und Cola, der Ort als Treffpunkt für eine Familie, die sich kein Restaurant leisten kann, hier aber satt wird. Zweifellos hatte Kroc das Marketing System der Zukunft begriffen.

Und er war rücksichtslos genug, um alle Ängste der Brüder – denen es ganz strikt um Qualität ging – wegzuwischen. (Sie wollten beispielsweise kein Milkshake, in dem keine Milch war…) „Think bigger!“ war Krocs Motto, „wir sind nicht gierig“, setzten sie ihm entgegen. Es ist wirklich hart, dem Untergang der Anständigen zuzusehen.

Kroc war gierig, und er hebelte die beiden gnadenlos aus, sie waren hilflos gegen seine fundamentale Unanständigkeit. Denn am Ende stahl er ihnen nicht nur das Geschäft, sondern auch den Namen, den er für unabdingbar hielt, „weil er wie Amerika klingt“. Und er hatte ja tatsächlich recht Mit der Magie des Namens, mit der Effizienz der Vorgangsweise, mit der gnadenlosen Ausbeutung, die sich nie wirklich um Qualität kümmerte.

Der Film folgt dem furiosen geschäftlichen Triumphzug, den Keaton als Kroc hinlegt, bis zu 1600 Restaurants in 50 Staaten. Dann darf, um wieder das historische Flair zu beschwören, der echte, uralte Kroc kurz auf die Leinwand. Er hat den amerikanischen Traum verwirklicht. Es ist ein Traum des Brutalo-Kapitalismus, und er wird unsympathisch genug als solcher dargestellt. Wie schön, dass Kino einmal von der schrankenlosen Verherrlichung des Geldes um jeden Preis abrückt…

Dass das US-Publikum aber den Film nicht sehen wollten (die Flops mehren sich), mag gut und gern damit zu tun haben, dass sie sich ihr McDonalds’s von keiner Realität madig machen lassen wollen.

Renate Wagner 20.4.2017

Bilder (c) Spendid Film GmbH

 

 

Filmstart: 13. April 2017

Ah-ga-ssi / The Handmaiden / Südkorea /   2016

Regie: Chan-wook Park

Mit: Kim Min-hee, Kim Tae-ri, Ha Jung-woo, Cho Jin-woong u.a.

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Man kann sich die Geschichte, die ein hoch raffinierter psychologischer Krimi ist, sehr gut in England vorstellen – dort spielt auch die Vorlage, der Roman „Solange du lügst“ von Sarah Waters. Regisseur Chan-wook Park – der mit Ausnahme des amerikanischen Krimis „Stoker“ bisher nur Filme im heimatlichen Korea gedreht hat (und damit immer Festival-Erfolge einfuhr) – hat die Handlung nun in die dreißiger Jahre versetzt, in ein von den Japanern besetztes Korea. Das Hin- und Her zwischen den beiden Nationen, die für den europäischen Zuschauer optisch nicht wirklich zu unterscheiden sind, löst hierzulande vielleicht Verwirrung aus, zumal der Film in Originalfassung gezeigt wird: Vor allem die zweifellos angesprochenen kulturellen Differenzen sind ziemlich undurchsichtig. Jedenfalls ist es ein historischer Film mit opulentem Ambiente, in dem europäische Herrenhäuser offenbar die übliche Wohnform für die Reichen und Schönen darstellten…

Undurchsichtig ist auch der Krimi, bei dem sich Chan-wook Park (wie auch schon bei „Stoker“) auf Hitchcock beruft. Erst später, wenn man Kapitel 2 und 3 sieht, weiß man, warum ein Kapitel 1 angekündigt wurde: Dieselbe Geschichte wird gewissermaßen dreimal erzählt, aus verschiedenen Aspekten, sie sieht dann ganz anders aus, und man merkt schnell, dass das Vertrauen, dass man zu Beginn aufgebaut hat – naiv in der Annahme, die Dinge seien, wie sie sind, wenn auch kompliziert genug -, nicht trägt: Alles ist immer anders. Fragt man nach Guten und Bösen, kommt man zu keinem Schluß. Nach „Ehrlichen“ zu fragen, wäre lächerlich, denn Betrüger sind sie alle…

Details zu erzählen, wäre Spoiling, aber einiges muss sein, um zu verstehen, worum es eigentlich geht: Da ist Fräulein Hideko, eine wunderschöne, reiche Erbin (eine Augenweide: Kim Min-hee), die mit ihrem Onkel Kouzuki (Cho Jin-woong) offenbar im besetzten Korea lebt. Dieser Onkel missbraucht sie dazu, vor männlichen Gästen erotische Vorlesungen zu halten – und im übrigen selbst auf sie und ihr Geld spitzt (wie man später herausfindet).

Und da ist ein koreanischer Hochstapler, der so genannte Graf Fujiwara (schmierig: Ha Jung-woo), der einen ganz ausgefeilten Plan hat: Er will Hideko in sich verliebt machen, sie heiraten, dann ins Irrenhaus sperren und mit ihrem Geld abpaschen. Als Hilfe setzt er die titelgebende Taschendiebin Sookee ein (hinreißend, halb offen, halb hintergründig: Kim Tae-ri).

Sie soll die Situation ausspionieren und dem „Grafen“ den Boden bereiten… Was zuerst herauskommt und dem Film zweifellos eine breite männliche Klientel verschafft, ist eine (echte?) Zuneigung der beiden Frauen, in der Folge eine ausführliche lesbische Liebesgeschichte, die sich zum süffigen Soft-Porno ausweitet: Da gibt es etwas zu sehen zwischen zwei ebenso attraktiven wie sensiblen Frauen…

Der erste Teil der Geschichte führt bis zur Einlieferung ins Irrenhaus, wo man die erste Kardinalpointe der Geschichte serviert bekommt: Wer hat jetzt wen betrogen? Eine Frage, die sich verdichtet, wenn die Sache noch einmal (und dann noch einmal) erzählt wird und wir lernen, den Motivationen zu misstrauen, bis zum Ende, nicht wissend, was da läuft… bis zu etwas, das auf einem Schiff ein Happyend sein könnte. Wenn’s diesmal wahr wäre.

 Das ist ein Krimi mit zahllosen vertrackten Drehungen und Wendungen und ein Erotik-Thriller von eigener Qualität… Asien-Kino der anderen Art, aber keinesfalls abgehobenes Arthouse, das nur für ein minimales Publikum gedacht wäre.

Renate Wagner 13.4.2017

Bilder (c) Koch Films

 

 

Filmstart: 17. März 2017

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Argentinien/Chile/Frankreich/Spanien / 2016

Regie: Pablo Larrain

Mit: Luis Gnecco, Gael García Bernal, Mercedes Morán u.a.

Der chilenische Dichter Pablo Neruda (1904.1973), 1971 mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet, hat seine Mitwelt und seine Nachwelt nicht nur durch seine Werke, sondern auch durch sein Leben fasziniert. In „Der Postmann“ ist er – in der Verfilmung eines Romans von Antonio Skármeta – Leinwandheld geworden, dann auch noch Opernheld, als Daniel Catán 2010 eine Oper für Placido Domingo daraus machte… Skármeta zeigte Neruda in den fünfziger Jahren in seinem Exil auf einer italienischen Insel. Der Film, den Pablo Larrain (der eben erst mit dem Biopic „Jackie“ nachdrücklich auf sich aufmerksam machte) nun vorlegt, spielt früher, zeigt Nerudas Flucht aus seiner chilenischen Heimat im Jahre 1948.

Aber ein richtig handfester biographischer Film ist es nicht geworden – vielmehr eine Dichtung über einen Dichter… Denn die Biographie hätte wohl viel härter ausfallen müssen, da wäre der Polizeistaat anders hinter dem „bedauernswerten“ politischen Opfer her gewesen. Aber nein, hier scheinen zwei Männer in einer seltsamen Beziehung beinahe über die Leinwand zu tänzeln (insofern, und nur insofern, dem „Postino“ verwandt, als Neruda einen für die Geschichte absolut notwendigen Gegenspieler erhält).

Die Ausgangssituation des bemerkenswerten Drehbuchs von Guillermo Calderón ist historisch. Da lebte in der Nachkriegszeit in Chile ein unendlich populärer Dichter, dessen Gedichte sozusagen „jeder“ zitierte – den man auch immer nach einem Gedicht fragte, wenn er irgendwo erschien, und er scheint, glaubt man dem Film, den Bitten gerne nachgekommen zu sein. Wie sehr man der Geschichte glauben kann, ist natürlich in Hinblick auf harte Fakten fragwürdig, aber um die geht es ja wohl nicht.

Das filmische Gedicht über den Dichter und seinen Verfolger handelt erst einmal davon, dass Neruda als erklärter Kommunist überall aneckt, vor allem bei einer Regierung, die sich ja mit Hilfe der Amerikaner immer stärker in deren Richtung bewegte. Bis Neruda den Bogen überspannt und vor der Verhaftung steht. Auf der Flucht mit der schönen Gattin Delia taucht er erst einmal ab, bleibt vorerst im eigenen Land, wo er viele Freunde und Genossen hat und nicht aufhört zu dichten (Freunde verschicken die Werke in vielen Briefen, um sie zu retten).

Aber nun kommt Oscar Peluchonneau ins Spiel, der Polizist, der Neruda fangen soll und der das Geschehen über weite Strecken aus dem Off kommentieren darf. Und wie er so hinter dem Dichter herhetzt, ihn immer versäumend, wird die Gestalt fast drollig und die Geschichte geradezu irreal poetisch…

Gelegentlich werden Szenen aus dem „echten“ Chile eingeblendet, wenn Arbeiter verhaftet werden, aber sie passen fast nicht zu dem Film. Erst am Ende stellt sich eine Spur von hier richtig empfundenem, scheinbarem Realismus ein, da muss Neruda dann wirklich fliehen, weg nach Argentinien, allein in die Berge, wo er wieder Helfer findet, knietief durch den Schnee. Und ihm buchstäblich auf den Fersen der „Jäger“, der es dann ist, der es nicht schafft. Als Neruda vor dessen Leiche steht, fragt man ihn, ob er ihn gekannt hat. Nein, sagt er zuerst. Dann „Ja“. Und: „Er war mein Polizist“. Schnitt – Neruda in Paris, wo er u.a. von Picasso, einem Freund und Bewunderer, aufgenommen wurde. Da erzählt er die Geschichte von sich und seinem Verfolger, als wäre es ein Stück von ihm erfundene Literatur…

Und die schönsten Szenen des Films haben auch mit Literatur zu tun, wie Neruda etwa in ein Bordell kommt (Kommunist zu sein, hat er nicht spartanisch interpretiert…), vom Transvestiten zum Rezitieren seiner Lyrik aufgefordert wird, was dieser mit einem Kuß belohnt – und als Frau verkleidet, übersteht Neruda, dass der Polizist einmal am richtigen Ort wäre, aber ihn nicht erkennt. Der Zauber der Literatur.

Luis Gnecco ist Neruda, dicklich, mittelalterlich, alles andere als ein typischer Kinoheld – aber man glaubt ihm den Dichter, man glaubt ihm auch den Dandy und ebenso die Abgehobenheit vom wahren Leben. Gael García Bernal als Polizist ist wesentlich schneidiger, gespannter, besser aussehend, mit Hut rast er anfangs durchs Geschehen wie in einem Hollywoodfilm der vierziger Jahre (die vierziger Jahre sind es auch, die im Ambiente – Kleidung, Autos – überzeugend beschworen werden). Wenn er immer ratloser wird, weil er scheinbar einem Phantom nachjagt, weil er von Nerudas Gattin, als er sie findet (da ist der Dichter schon weg) so liebevoll belächelt wird, hat man fast Mitleid. Und vergisst, dass die Situation des Gejagten und der Jäger in der Realität vermutlich so lustig nicht war.

 

Aber ein Regisseur kann die Position wählen, die er einnehmen will, Pablo Larrain hat es getan, und wenn man mit ihm in diese seine Geschichte einsteigt, ist man völlig gefesselt, so langsam sie sich in ihrem hintergründigen Humor auch bewegt…

 

Renate Wagner 14.3.2017

Boder (c) Piffl Medien

 

 

 

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Österreich / 2016 

Drehbuch und Regie: Walter Wehmeyer

Mit: Sarah Born, Johannes Schüchner, Benjamin Muth, Michaela Ehrenstein, Gerhard Rühmkorf u.a.

Man nannte sie „Silberne Dame“, Dichter wie Peter Altenberg und Franz Theodor Csokor lagen ihr wohl nicht nur metaphorisch zu Füßen, und Adolf Loos, als Architekt eine der bekanntesten Persönlichkeiten des künstlerischen Wien um 1900, bestand darauf, sie zu heiraten: Jene „Kaffeesiederstochter“ Lina, die noch den unromantischen Familiennamen „Obertimpfler“ trug und als eines der schönsten Mädchen von Wien galt: Das sprach sich in diesen Kreisen, den Kaffeehaus- und Gesellschaftskreisen, herum.

Dass man Lina Loos (1882-1950) heute keinesfalls mehr wahrnehmen würde, hätte sie nicht Adolf Loos geheiratet – das war wohl die Tragödie einer jungen Frau, die ein modernes, selbstbestimmtes Leben führen wollte. Nach der Ehe mit Loos – der „Moderne“ mit den altmodischen Lebensformen – , in der sie sich eingeschlossen fühlte, hat sie sich als Schauspielerin und Autorin versucht, aber trotz aller Bemühungen, ihren eigenen künstlerischen Nachruhm zu sichern, ist das wohl nicht gelungen.

Wenn nun Walter Wehmeyer nach zahlreichen Dokumentarfilmen hier (zusammen mit fünf weiteren Autoren/innen) einen Spielfilm über Lina vorlegt, muss er sich natürlich auf die Jahre mit Loos beziehen, nicht das glanzlose Danach, das sie danach zwischen Städten, Kontinenten und einer zweitrangigen Karriere als Schauspielerin, Journalistin und Schriftstellerin hin- und herwarf.

Als Rahmenhandlung wird die noch junge Lina gezeigt, die „am Land“ (offenbar in ihrem Haus in Sievering) ihre Erinnerungen an ihre Ehe niederschreibt. Es beginnt im Kaffeehaus, wie auch anders, wo man neben dem historischen, Lina bewundernden Peter Altenberg noch eine fiktive Dame der Gesellschaft eingefügt hat, die gelegentlich auftaucht.

Adolf Loos sieht Lina, die hier intelligent, von erlesenem Geschmack erscheint, ungeschliffenes Material, „so jung und unerfahren“, ideal für einen Lebemann (von dem die Nachwelt weiß, dass er sich auch an Kindern vergriffen hat). Die zentralen Sätze der Epoche („Ornament ist Verbrechen“) werden eingefügt, man hält sich ja weitgehend an die wahre Geschichte.

Die zeigt nach kurzer Werbung eine schlechte Ehe, wo der „freie, moderne Mensch“ von Loos zwar postuliert wird, aber nicht für seine Frau vorgesehen ist. Ein dauernd abwesender, von seiner Arbeit okkupierter Ehemann, Geldsorgen – und ein Verehrer.

Die Geschichte mit Heinz Lang ist historisch, der junge Mann liebte Lina und bekannte es, Loos war nicht amused, hat die Gattin unter Psychoterror-Druck gesetzt, damit sie Lang nicht folgte, vielleicht hat Peter Altenberg, der ewige, gewissenlose Schwätzer, tatsächlich „Bring Dich um“ gesagt – in Schnitzlers Stück „Das Wort“ wird die Geschichte konzentrierter erzählt als hier (oder der Realität), Tatsache ist, dass Heinz Lang sich erschoß, vermutlich tatsächlich aus vergeblicher Liebe zu Lina Loos

Das ist dann auch das Ende des Films, wo viel herumpsychologisiert wird (nicht unwahrscheinlich im Wien des Sigmund Freud), die Personen uns immer expressis verbis wissen lassen, wie es ihnen geht, was nicht der Künstlichkeit entbehrt. Wenn dann beim Heurigen „Das Glück is a Vogerl“ angestimmt wird, dann wird es schon arg mit der Kino-Unnatur.

 

Und Lina selbst, die von der Südtiroler Schauspielerin Sarah Born ein hübsches, manchmal leeres, manchmal entschlossenes Gesicht erhält, kommt hier nicht so recht als jene Kämpferin heraus, die sie wohl gewesen sein muss. Auch der Loos des Johannes Schüchner wirkt eher harmlos und wenig konturiert, einzig der unglückliche Heinz Lang des Benjamin Muth versprüht einige Intensität. Gerhard Rühmkorf als Altenberg und Michaela Ehrenstein als fiktive Baronin ergänzen, alle braver, als man sich die Originale vorstellt. Es war eine wilde Zeit.

Das soll zweifellos ein Film für Lina Loos sein. Aber es wirkt wie eine zarte Bleistiftzeichnung, wenn man ihr doch mindestens ein Gemälde hätte widmen sollen…

Renate Wagner 10.3.2017

Bilder (c) Walter Wehmeyer Filmproduktion

 

 

 

USA / 2016

Drehbuch und Regie: Barry Jenkins

TRAILER

Mit: Alex R. Hibbert / Ashton Sanders / Trevante Rhodes, Naomie Harris, Mahershala Ali u.a.

Die Zeiten ändern sich, manchmal sogar zum Besseren. Früher wäre ein Film wie „Moonlight“ irgendwo in Independent Filmhäusern gelaufen und hätte kaum Beachtung gefunden. Heute bekommt er wichtige „Oscars“, voran für den „Besten Film“, dazu noch den besten Nebendarsteller und das beste adaptierte Drehbuch. Starke Anerkennung für eine Geschichte, die man heute für erzählenswert hält.

Ein Randschicksal, das vielleicht gar nicht so untypisch ist. Wer fragt sich schon, wie kleine schwarze Jungen, die vom Leben so eindeutig benachteiligt sind, aufwachsen müssen und was dann aus ihnen werden kann? Der 37jährige farbige Regisseur Barry Jenkins, der mit „Moonlight“ seinen ersten „richtigen“ Spielfilm vorlegt, hat das (nie aufgeführte) Theaterstück „In Moonlight Black Boys Look Blue“ von Tarell Alvin McCraney auf die Leinwand gebracht und die Teilung in „drei Akte“ als drei Lebensstationen seines Helden beibehalten. Es ist, ähnlich wie bei „Fences“, ein Film, dessen Theaterdramaturgie man auch im Setzen der Effekte zwar genau merkt, aber es sind die Figuren, auf die man sich einlässt und die funktionieren.

Zuerst Miami in den Achtzigern, der neunjährige Chiron (Alex R. Hibbert) ist ein typischer Außenseiter, einer, der anders ist als die anderen, von ihnen gemobbt und als „Little“ verspottet wird. Nur einer der Schulkollegen, Kevin (Jaden Piner), schließt sich den alltäglichen Gemeinheiten nicht an. Herzzerreißend die Lebensumstände mit einer Mutter, die dem Crack verfallen ist – Naomie Harris war für den Nebenrollen-„Oscar“ nominiert. Bekommen hat ihn auf männlicher Seite zu Recht Mahershala Ali, denn es ist keine leichte Sache, einen Drogenhändler zu spielen, der dennoch Gefühle des Mitleids für diesen kleinen Jungen empfindet und ihm Vaterersatz bietet: Dass man gleichzeitig kein wertvolles Mitglied der Gesellschaft und doch ein innerlich gütiger Mensch sein kann, das zählt zu den Erlebnissen des Films. Und die mittlerweile schon berühmt gewordene „Schwimmszene“ (als Juan dem kleinen Chiron ein Gefühl von Schweben und Freiheit vermitteln will) ist unvergesslich. Hier wird auch die im Theaterstück-Titel angesprochene „Farbe“ erklärt – dass schwarze Haut im Mondlicht blau erscheint…

Im zweiten Akt, um es so zu sagen, ist Chiron (Ashton Sanders) ein Teenager, und als ob er in seiner Eigenschaft als schwarzer Unterschichtsjunge nicht schon genügend Probleme hätte – nun zeigt sich, dass er tatsächlich anders ist, und die Qualen, die eigene Homosexualität zu begreifen und dann auch zu erleben, hier zuerst mit Schulkollegen Kevin (Jharrel Jerome), trifft wohl jeden jungen Menschen, der sich seiner sexuellen Orientierung klar werden muss…

Der nächste Sprung zeigt Chiron zehn Jahre älter und in der Großstadt Atlanta, es ist aus ihm geworden, was die Vorgaben indiziert haben, ein Drogendealer, den man „Black“ nennt (Trevante Rhodes) und der dem eigenen Klischee dieser Kaste entspricht, im Outfit, im Benehmen. Eine späte Konfrontation mit der Mutter, der er nicht verzeihen kann, zeigt ihre Schuld an seinem Werdegang auf. Die ganze Selbstsicherheit des nunmehrigen „Black“ geht allerdings verloren, wenn er in Kevin (nun André Holland) seine Vergangenheit trifft. Geradezu sensibel schwebend geht der Film seinem Ende zu, die beiden Männer mit minimalen Gesten der Annäherung an die einstige Intimität.

Hier werden keine Lösungen geliefert, keine Zukunftsaussichten, der Film hat nur ein „armes“ schwarzes Schicksal in drei Stationen gezeichnet. Und der Regisseur hat es geschafft, die Szenen des Kindes, des Jugendlichen und des jungen Erwachsenen jeweils ihren eigenen Charakter zu geben, die Welt quasi gespiegelt in diesem Chiron, in genau ausgetüfelten Kinobildern, die keine Angst vor Poesie haben, die manchmal an der Kippe zum Kitsch tänzeln, aber letztendlich doch die Kurve bekommen.

 Barry Jenkins erreicht, dass auch ein „weißes“ Publikum mit einem schwarzen Jungen mitlebt und mitfühlt, den man auf der Straße vielleicht keines Blickes würdigen würde. Und das ist doch ein Fortschritt…

Bilder (c) DCM Filmdistribution

Renate Wagner 9.3.2017

 

 

 

 

Filmstart: 3. März 2017

USA / 2016

TRAILER

Drehbuch und Regie: Martin Scorsese

Mit: Andrew Garfield, Adam Driver, Liam Neeson, Ciarán Hinds u.a

Ein Kunstwerk und ein Denkanstoß ohnegleichen

Irgendwo herrscht das Grauen in diesem Jahr 1633, Menschen werden gekreuzigt. Eine Stimme aus dem Off wird zu einem Brief, der in Rom, im Vatikan, vorgelesen wird. Ein Händler hat ihn gebracht, und er besagt, „dass Vater Ferreira für uns verloren ist“. Der Jesuit, einst aufgebrochen, den christlichen Glauben in Japan zu verbreiten, hat angeblich abgeschworen. Das können, das wollen sie nicht glauben – Pater Sebastião Rodrigues und Pater Francisco Garrpe, zwei junge Jesuiten, Schüler des verehrten Mannes. Was bedeutet es, wenn das wahr ist? Sie müssen gehen und ihn finden…

Regisseur Martin Scorsese, einer von Hollywoods Spitzenregisseuren, Spezialist für so vieles, ob Mafia oder Wall Street, Thriller oder Historisches, war in seiner Jugend selbst in einer Jesuitenschule. Das historische Thema um den Versuch, Japan zu missionieren (Pater Cristóvão Ferreira, 1580-1650, gab es wirklich), hat ihn seit Jahren so fasziniert, dass er diesen Film drehen „musste“. Glücklicherweise. Er ist bei aller Grausamkeit, die hier gezeigt wird, einer der tiefsten Eindrücke, die man seit langem von der Leinwand herab empfangen hat.

Es könnte ein „Abenteuerfilm“ sein, voll von billigen Spekulationen. Nichts ist Scorsese (sein eigener Drehbuchautor nach dem Roman des Japaners Endō Shūsaku) ferner. Gewiß, die beiden jungen Jesuiten reisen verkleidet in ein mystisches, nebeliges, regnerisches, bedrückend und faszinierend gefilmtes Japan, treffen auf heimliche Christen, wissen aber nicht, wem sie trauen können, da die japanischen Machthaber diese fremde Religion gnadenlos verfolgen, Katholiken foltern, zum Abschwören bringen oder brutal hinrichten… Und doch sehnt sich diese Gesellschaft im Untergrund nach nichts so sehr wie nach Priestern, denen sie beichten und von denen sie Absolution empfangen können.

Immer wieder fragen die beiden jungen Priester nach Pater Ferreira, verteilen die Perlen ihres Rosenkranzes, erleben grauenvolle Szenen dieses Glaubenskrieges und stoßen letztendlich selbst mit den Machthabenden zusammen, die einen „Inquisitor“ mit dem Problem betraut haben (wie die Europäer bei ihren Glaubenskriegen auch…) Und dennoch wird den „anderen“ nicht die Rolle der problemlos „Bösen“ zugeschoben. Sie erhalten auch eine Stimme, dürfen ihren Standpunkt klarlegen, sehen nicht ein, warum sie sich von dieser fremden Religion ihr eigenes System unterminieren lassen sollen (mit der freien Meinungsäußerung und Glaubensausübung hatte man es im 17. Jahrhundert noch nirgends so richtig auf der Welt…): Das Christentum habe für sie keinen Sinn und keinen Wert, heißt es, es sei einfach eine Gefahr, die ausgemerzt gehört…

Muss man für den Glauben schier unglaublich (unter der Folter) leiden, muss man dafür grauenvoll sterben oder ist das Leben doch der Güter Höchstes? Darauf läuft dieser Film hinaus, ohne dass er mehr an „dramatischer“ Handlung böte als die Situationsschilderung von Verzweiflung und exzessiv auf die Leinwand gebrachten Grausamkeiten, so dass man sich fragt, welche Religion es wert sein kann, dermaßen zu leiden.

Schließlich erlebt einer der Padres, Rodrigues, am eigenen Leib, was es bedeutet, hier unentrinnbar selbst in die Maschinerie zu geraten, eingesperrt in einen Käfig, sein Schicksal immer in Zusammenhang gebracht mit Menschen, die grauenvoll für ihn sterben müssen, wenn er nicht abschwört. Und so tut er es, wie Pater Ferreira es getan hat, mit dem er einmal kurz zusammen treffen darf… und der nun für den japanischen „Inquisitor“ arbeitet. Weil er begriffen hat, dass die Denkungswelt der Japaner so anders ist, dass das Christentum für sie, die Söhne der Sonne, nicht wirklich zu begreifen sei.

Wie alle, die abschwören, muss auch Rodrigues auf ein Bild von Christus treten (nein, Gott schweigt nicht, scheint nicht Christus vom Kreuz herab ihm zu sagen: Mach es, es ist in Ordnung, tritt auf mich!?). Noch tragischer als alles, was man an Brutalitäten Menschen gegenüber erlebt hat, sind die letzten Szenen, die ihn als den angeblich Bekehrten, mehr noch: als Vorzeige-Bekehrten der Herrschenden zeigen: Wie ein Zombie lebt er nach Vorschrift mit einer Ehefrau, die man ihm aufgezwungen hat, nicht den kleinsten Hinweis auf sein ehemaliges Priestertum darf es geben (denn jeder, der ihn diesbezüglich anspricht, könnte ein Agent provocateur sein). Man erfährt nicht, was er denkt, denn er zieht sein Weiterleben bewegungslos durch: Rodrigues und Ferreira sitzen in japanischen Gewändern zusammen, die abtrünnigen Priester…

Am Ende erzählt ein holländischer Händler vom Ende des zum Japaner gewordenen Rodrigues, den die Kamera bis in den Behälter verfolgt, in dem seine Leiche verbrannt wird: Hat ihm seine Frau da noch ein winziges Kreuz in die Hände geschmuggelt? Was die Holländer berichten können, besagt nur, dass der Buddhist Rodrigues mit dem christlichen Glauben nichts mehr zu tun hatte…

Wenn Scorsese im Nachspann dieses Werk auch den japanischen Christen und ihren Priestern widmet, so hat er doch keinen frommen, keinen triefenden, keinen sentimentalen Film gedreht. Man würde ihn nicht einmal für ein Plädoyer für den Katholizismus halten. Es ist die Darstellung einer historischen Situation, einer von vielen in der Geschichte, wo die Religion unendliches Leid über die Menschen gebracht hat. Es ist ein Beitrag zum ewigen Thema der Rolle der Religion im Leben der Menschen. Es ist ein Meisterstück.

Andrew Garfield ist der junge Jesuit, der den langen, schweren, düsteren Weg mit so viel ruhiger Selbstverständlichkeit geht, dass er heute (immerhin liefert er eine ähnlich starke Leistung in Mel Gibsons „Hacksaw Ridge“) einer der bemerkenswertesten jungen Schauspieler Hollywoods ist (der den „Spiderman“-Unsinn weit hinter sich gelassen hat).

Adam Driver ist sein Gefährte, der ihm in Japan im Lauf der dramatischen Ereignisse verloren geht, Liam Neeson der konvertierte Jesuit, der – ohne den geringsten Zynismus – nicht erklären und entschuldigen kann, was er getan hat, Ciarán Hinds der kopfschüttelnde Kapazunder im Vatikan, und eine Reihe japanischer Schauspieler liefern ebenfalls eindrucksvolle Leistungen.

 Aber der Film ist ein Gesamtkunstwerk – die Geschichte, die Atmosphäre, das Land, die wie selbstverständlich hingestellten und teils schier unvorstellbaren Grausamkeiten, die sich in dieser Welt begaben, und mittendrin die einzelnen Menschen. Tief durchatmen – schwer auszuhalten und nie wieder aus dem Kopf zu bekommen. Ein Kunstwerk und ein Denkanstoß ohnegleichen. Nein, keine „Oscar“-Nominierung: kein bester Film, kein bester Regisseur, gerade einmal die beste Kamera. Weiß der Himmel, warum. Zu heikel?

Renate Wagner 4.3.2017

Bilder (c) Concorde

 

 

 

Frankreich 2016 / Filmstart: 24. Februar 2017

TRAILER

Regie: Paul Verhoeven /  Mit: Isabelle Huppert , Laurent Lafitte, Anne Consigny, Charles Berling, Christian Berkel u.a.

Wer außer Isabelle Huppert würde es wagen, mit größter, coolster Selbstverständlichkeit eine so „unsympathische“ Heldin jenseits jeder Moral- und Anstandsvorstellungen auf die Leinwand zu bringen? In Zusammenarbeit mit Regisseur Paul Verhoeven gelingt ihr in „Elle“ (nach dem Roman „Oh …“ von Philippe Djian) Außerordentliches – langsam setzt sich ein Frauenporträt zusammen, das man stückweise begreift, nicht mag, nicht billigt, aber dann doch versteht. Es gibt diese von ihrer Umwelt so stark distanzierten Menschen, denen die Regeln, nach denen unsere Gesellschaft angeblich funktioniert, völlig egal sind…

„Elle“ („Sie“), das ist Michèle Leblanc, Geschäftsfrau, geschieden, in einem schlampigen sexuellen Verhältnis mit dem Mann ihrer besten Freundin und Geschäftspartnerin, umgeben von einer Familie, um die sie nicht zu beneiden ist. Gleich zu Beginn des Films wird sie brutal vergewaltigt. Sie bricht nicht zusammen, ruft nicht die Polizei, heult ihren Bekannten am Telefon nichts vor. Sie hält ganz gelassen still und wartet ab. Er wird wiederkommen. Er kommt wieder. Man weiß, dass sie dazu Pläne hat. Ein Teil des Films ist zweifellos ein erotischer Psychokrimi.

Ein anderer Teil setzt diese Frau aus den Mosaikstücken ihrer Vergangenheit und Gegenwart zusammen. Das Geheimnis ihres Vaters wird erst gegen Ende bekannt, danach versteht man so einiges, vor allem, wie ein kleines Mädchen einmal sehr stark und selbständig werden musste. Zumal ihre Mutter eine lächerliche Figur ist, die sich nicht schämt, ihren jungen Liebhaber mit sich herumzuzerren (samt Absicht, ihn zu heiraten). Ihr Ex-Mann ist ein „Künstler“ und in Michèles Augen ein Schwächling. Ihr Sohn ist wirklich einer, lässt sich von seiner ekelhaften Freundin vorführen, und als sie ihm ein farbiges Kind angeblich als seines in die Arme legt, spielt er Vater dafür… die Groteske leuchtet. Großbürgerlich, denn Michèles Geld steht ja zur Verfügung.

Man wundert sich nicht, dass sie einer Firma vorsteht, die Gewalt-Computerspiele kreiert – sie will es immer noch schlimmer, ärger, brutaler. Ihre Untergebenen ducken sich, wehren sich höchstens untergriffig. Sie agiert zurück, nimmt nichts hin. Ihre Geschäftskollegin ist eine wahre Freundin, auch als sie entdeckt, dass Michèle mit ihrem Mann schläft. Im übrigen absolviert Michèle, wie es sich gehört, gesellschaftliche Beziehungen, auch mit den neuen Nachbarn, einem nicht ganz durchschaubaren Ehepaar, sie so erzkatholisch, er so verbindlich. Und im Hintergrund lauert das Warten – wann wird der Vergewaltiger wieder zuschlagen?

Und Isabelle Huppert zeigt uns, wie ihr dieses banale Leben im Grunde auf die Nerven geht, wie gelangweilt sie ist, wie angeödet, ja sogar angewidert von einer Umwelt, in der sie keinen gleichwertigen Widerpart findet. Am Ende ist es auch der Vergewaltiger nicht, der mit Karacho entlarvt wird. Der? Wirklich der?

Neben dem Charakterporträt und der Krimispannung ist es das gesellschaftliche Puzzle kläglicher Figuren, das sich in diesem Film so großartig-beklemmend verdichtet, und da hat der niederländische Regisseur Paul Verhoeven Brillantes geleistet. Der Mann mit der einstigen Hollywood-Karriere (Höhepunkt: Sharon Stone 1992 mit diskret gespreizten Beinen in „Basic Instinct“), der lange verschwunden war, taucht als fast 80jähriger (Jahrgang 1938) wieder auf und zeigt, dass er der richtige Mann für herrlich zynisches europäisches Kino ist. Besser geht’s nicht.

Renate Wagner 26.2.2017

Bilder (c) MFS

 

 

 

Indignation / USA / 2016

Start: 17.2.17

Regie: James Schamus

Mit: Logan Lerman, Tracy Letts, Sarah Gadon u.a.

Das Nobelpreiskomitee wird Philip Roth den verdienten Literatur-Nobelpreis vermutlich so lange verweigern, bis es zu spät und er tot ist – was nichts an der Bedeutung dieses Autors für die amerikanische Literatur ändert. Mittlerweile verfilmt man ihn auch des öfteren, obwohl seine Geschichten natürlich keinerlei Harold-Robbins-Vordergründigkeit zu bieten haben. Zuletzt hat Ewan McGregor ein „Amerikanisches Idyll“ auf die Leinwand gebracht, der Zerfall von Familien durch die bürgerkriegsartigen Zustände anlässlich der Vietnam-Proteste. Nun ist „Empörung“ an der Reihe.

Die Deutschen haben die unauslöschliche Schuld auf sich geladen, die Juden körperlich vernichten zu wollen (was ihnen bei sechs Millionen Menschen auch geglückt ist). An der Diskriminierung der Juden haben sich auch andere Völker und Nationen beteiligt. Philip Roth – selbst Jude – erzählt das an einem Beispiel aus den fünfziger Jahren in den USA…

Zu Beginn gibt es Krieg, junge Amerikaner im Angriff auf eine Koreanische Stellung, viele von ihnen sterben. Erst später wird klar (was der Leser von Roths Roman allerdings schon weiß), dass einer, der hier starb, rückblickend seine Geschichte erzählt. Es ist Marcus Messner, Sohn eines – wie man in Österreich sagt – jüdischen Fleischhauers aus Newark, NJ. Das rangiert gesellschaftlich in den USA nicht hoch, aber innerhalb der jüdischen Gemeinde ist Vater Max Messner (Danny Burstein). ein angesehener Mann. Man kennt ihn ja nicht so genau wie seine Frau Esther (Linda Emond), die am Ende am erratischen Benehmen des Gatten so sehr verzweifelt, dass sie sogar überlegt ihn zu verlassen. Aber das kommt erst später.

Wie die meisten Juden sehen die Messers den wahren Aufstieg im intellektuellen Bereich, und es ist eine große Sache, dass Sohn Marcus klug genug ist, um eine Stipendium am Winesburg College in Ohio zu erhalten. (Roth hat diese Universität erfunden, um mit keiner konkreten Institution in Konflikt zu geraten.) Die Studenten hier sind großteils weiß und katholisch, tatsächlich zählt es zur Pflicht, hier bei Messen zu erscheinen. Was die jüdischen jungen Männer (ein paar, die sich zu einer Gemeinschaft zusammen gefunden haben, der Marcus nicht beitritt) sogar auf die Idee brachte, sich einen Ersatzmann zu kaufen, der ihre Anwesenheit dabei bestätigt – was am Ende sehr schief geht.

Die Versuche des sehr klugen, sehr überlegten jungen Marcus Messner (eine Meisterleistung des knapp 25jährigen Logan Lerman, der sich seit seinem jungendlichen D’Artagnan enorm weiter entwickelt hat), im College unter seinen zutiefst gewöhnlichen, keinesfalls intellektuellen Kollegen nicht anzuschrammen, gelingen so halb und halb. Was er nicht schafft, ist die tückische, hinter schleimiger Höflichkeit verbrämte antisemitische Niedertracht des Dekans der Universität, Caudwell, auszuhebeln. Tracy Letts, auch als Dramatiker bitteren amerikanischen Alltags bekannt (wir haben in Wien 2009 im Akademietheater „Eine Familie“ gesehen, inszeniert von Alvis Hermanis, später übrigens verfilmt mit Meryl Streep und Julia Roberts), ist hier atemberaubend in seiner hintergründig herabsetzenden Gesprächsführung, so dass man die „Indignation“ (so der Originaltitel – hat auch mit Indignation, Abscheu zu tun) des jungen Marcus nur zu gut versteht. Unbegreiflich übrigens, dass Letts nicht auf der „Oscar“-Liste der besten Nebendarsteller steht.

Und noch eines wird klar: Er kann sich noch so bemühen, seine Leistungen können noch so brillant sein, man wird ihm eine Falle stellen, in die er tappt – und ohne Universität im Hintergrund ist der Kriegseinsatz (und das letale Ende eines so vielversprechenden jungen Mannes) unvermeidlich…

Im Grunde würde all das für eine Geschichte, für einen Film reichen, aber natürlich muss Roth (der als ewiger homme à femmes natürlich keinen schwulen Helden zeichnet, wie so viele seiner Zeitgenossen es tun) auch von der „ersten Liebe“ schreiben. Die für Marcus allerdings ziemlich erschreckend ausfällt, als die scheinbar unschuldvolle Blondine (wir sind Anfang der 50er Jahre, Doris Day was das Idol) ihm gleich bei der ersten Begegnung die Art von sexueller Befriedigung gewährt, die den jungen Mann nur entsetzen kann. Dennoch verliebt er sich in sie und lässt sich auf das, wie sich bald herausstellt, schwer gestörte Geschöpf ein (Sarah Gadon gibt dieser Olivia Hutton mehr als doppelten Boden) – und verzichtet auf sie, weil seine jüdische Mutter sich ein solches Geschöpf nicht als Schwiegertochter vorstellen kann. Roth macht auch klar, dass es zwar eine Stärke bedeutet, in einer jüdischen Community geborgen zu sein, gleichzeitig aber auch all die Nachteile mit sich bringt, die sich durch die Orientierung an der gnadenlosen Meinung der Mitmenschen ergeben… Es ist also nicht nur die amerikanische Gesellschaft, der er in seinem Werk die Leviten liest, sondern auch seine eigene jüdische.

Und Regisseur James Schamus begnügt sich nicht mit der nostalgischen Szenerie, die hier nicht die fröhliche Frische der Doris Day-Films, sondern durchaus etwas Bedrohliches hat, sondern inszeniert auch die ganze Geschichte (mit der großen Auseinandersetzung zwischen Marcus und dem Rektor im Zentrum) mit der Spannung eines guten Theaterstücks. Und dabei hat Philip Roth nur ein Stück alltäglichen amerikanischen Alltags anno dazumal geschildert…

Renate Wagner 16.2.2017

Bilder (c) X Verleih

 

 

 Filmstart: 10. Februar 2017

Deutschland / 2017

Regie: Robert Thalheim

TRAILER

Mit: Henry Hübchen, Michael Gwisdek, Thomas Thieme, Jürgen Prochnow, Winfried Glatzeder, Antje Traue u.a.

Dass die DDR für uns in der Retrospektive komische Seiten hat, ist erleichternd, denn die echte Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Regimes hat (nehmen wir das Meisterwerk „Das Leben der anderen“ einmal aus) ja noch nicht wirklich stattgefunden. Man möchte schließlich in Frieden mit den „Ossis“ leben, und es wäre ja am gescheitesten, wenn sie sich selbst nicht mehr als solche fühlten…

Also lachen wir über die Vergangenheit, und das konnte man selten so herzlich und unbeschwert tun wie bei dem Film „Kundschafter des Friedens“. Der ja noch eine zweite Ebene hat – die in unserer Gesellschaft so gerne gering geschätzten und beiseite geschobenen „Oldies“. Dass sich aus diesen Geld machen lässt, hat Hollywood mit den (ähnlich hoch besetzten) „R.E.D.“-Filmen bewiesen. Und auch hier kann man nur sagen: Hut ab vor der alten Garde… Robert Thalheim hat das mit wunderbar leichter Hand und exaktem Platzieren der Pointen inszeniert.

Die gute, alte DDR. Überall hießen sie schlicht und einfach Spione, die ins Ausland geschickt wurden, um zu schnüffeln und Geheimnisse heimzubringen. Dort allerdings nannte man sie „Kundschafter des Friedens“ (angeblich hat die sowjetische „Prawda“ diesen Ausdruck erfunden). Jedenfalls waren sie ganz gewitzte Kerle, auf die der deutsche BND (sprich: Bundesnachrichtendienst) zurückgreifen muss, als sie einen wichtigen Agenten in „Katschekistan“ (schön fiktiv, aber dergleichen Provinzen und Länder gab es massenhaft) verlieren.

Ausgerechnet Jochen Falk (hinreißend der trockene Berliner Humor von Henry Hübchen) soll gefälligst seine Ortskenntnisse auspacken, damit das Jungvolk in Gestalt von Paula Kern (Antje Traue hat mehr drauf, als man anfangs meint) in den Mittleren Osten abreisen und den guten Mann, um den es geht, befreien kann. Er ist übrigens ihr Vater und Jochen Falks Nemesis, denn dieser Frank Kern hat ihn einst lustvoll enttarnt. Da ist noch ein Hühnchen zu rupfen, da will Falk mit, und zwar nicht er – der Stratege – allein, sondern gemeinsam mit seinen einstigen Helfern: der perfekte Techniker Jacky (man sieht Michael Gwisdek, den nachdrücklichsten, verschmitztesten Komiker des Films, zuerst, als er in seinem Minigeschäft einen gerichteten Toaster über die Theke reicht) und der zynische Logistiker Locke (Thomas Thieme wirft seine volle, „grantig“ wirkende Persönlichkeit ins Geschehen).

Die jungen Spunde beim BND können gar nicht genug spotten: Ob Paula Erfahrung in der Altenpflege habe, wird geätzt, und: Die werden noch froh sein, wenn wir ihnen über die Straße helfen, oder: Werden die wohl den Flug überleben? Die Oldies hingegen wollen beweisen, „dass wir der bessere Geheimdienst waren“. Und so geht es los, eine junge Frau und drei alte Männer ins staubige Katschekistan, wo die Zeit fast stehen geblieben ist, die ehemalige Sowjetrepublik noch überall gegenwärtig. Und die alten Spione haben ihre Beziehungen – und ihre Tricks. Was braucht Jacky, um eine Tasche zu öffnen, in der sich vielleicht eine Bombe befindet? Vier Büroklammern…

Nichts an diesem Film ist ernst zu nehmen, aber die satirischen Pfeile schwirren in alle Richtungen. Die Agentenparodie, aufgehängt an der guten alten DDR, funktioniert durch ihre Pointen und ihre Darsteller. Der Fortschritt wird gezaust, wenn Jochen Falk den Computer seiner jungen Mitarbeiterin kurzerhand aus dem Fenster wirft: „So arbeite ich nicht!“ Und natürlich bewähren sich die alten Methoden, wobei man sich nur Stichworte zuwirft – „Stockholm 83“ (totaler Stromausfall, Verwanzung, das ganze Programm) oder „Kugelschreiber mit Mikrophon? Das hatten wir schon 72 bei Euch im Kanzleramt!“ Also.

In Katschekistan gibt es viele alte Bekannte, unliebsamer und freundlicherer Natur (Winfried Glatzeder als Harry), die Handlung wird immer parodistischer, und schließlich holen sie Erzfeind Frank Kern (Jürgen Prochnow) aus der Misere, der natürlich kein Quentchen dankbar ist, sondern sofort mit den alten Querelen beginnt… Am Ende gibt es nicht „Beirut 82“, sondern „Bonn 2016“, Kern, für den man natürlich auch keine Verwendung mehr hat, schließt sich den anderen an – welch eine Viererbande!

Und angesichts dieser Oldies-Schelmengeschichte, die mit allen Wassern gewaschen ist, kann man nur bedauern, dass das kein Fernsehfilm war. Dann könnte man mit Sicherheit noch ein paar Fortsetzungen erwarten. Na, R.E.D. brachte es ja auch auf Teil 2 und 3…

Renate Wagner 11.2.2017 

Bilder (c) Majestic Film

 

 

 

 

Filmstart: 27. Jänner 2017

USA / 2016

TRAILER

Regie: Pablo Larrain

Mit: Natalie Portman, Peter Sarsgaard, Greta Gerwig, Billy Crudup, John Hurt u.a.

Zu einer Ikone wird man nicht von selbst. Dafür muss man schon sorgen – selbst. Bewusst. Nachdrücklich. Da steckt viel Ego, Arbeit, Wollen und Selbstdisziplin dahinter. Viele Frauen haben es getan, im 20. Jahrhundert waren Evita Peron, Jackie Kennedy und Prinzessin Diana, die am nachdrücklichsten und erfolgreichsten an ihrem Image bastelten. Und genau das ist das Thema des Films „Jackie“ des chilenischen Regisseurs Pablo Larrain.

Sicher kommt es dem Film zugute, dass der Regisseur kein Amerikaner ist, dem Mythos Kennedy und gar „Jackie“ folglich einigermaßen emotionslos gegenüber steht. Denn ein Film über eine so über die Maße bekannte, auch verehrte und bewunderte, ebenso verachtete und verfemte Persönlichkeit steht vor einigen Gefahren – der Apologie einerseits, der Diffamierung andererseits. Hier wird nun gezeigt, wie Jackie Kennedy nach dem Tod ihres Gatten bewusst ihr eigenes Selbstbild „für die Nachwelt“ prägte (dass sie es später selbst zerstörte, als sie sich an den Millionär Onassis „verkaufte“, steht auf einem anderen Blatt und ist hier nicht Gegenstand). Dennoch steht sie nicht als die eiskalt berechnende Egozentrikerin da. Aber auch nicht als die zerstörte Witwe, an jeder Hand eines ihrer kleinen Kinder… Unvergessliche Bilder, die in die Welt gingen, weil Jackie Kennedy dafür gesorgt hat.

Pablo Larrain schafft es, seinen absolut bemerkenswerten Film auf vielen Ebenen laufen zu lassen. Einen festen Rahmen geben die Szenen mit dem Journalisten Theodore H. White von „Life“ (Billy Crudup), ein Interview, das Jackie bald nach Kennedys Begräbnis gab. Das spätherbstliche Kennedy-Anwesen in Hyannis Port ist der gewissermaßen elegische Schauplatz, und Jackie lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass es ihr darum geht, die Dinge in ihrem Sinne darzustellen (und dass nicht sein kann, was nicht sein darf – selbstverständlich wird der Journalist nicht schreiben, dass sie raucht, obwohl sie es tut, aber das ist nicht für die Öffentlichkeit gedacht).

Nun verfließt die Handlung in vielen Ebenen, ohne dass dies hier ein Problem darstellte, denn jeder kennt die Geschichte. Die Rückblenden zeigen Dallas an diesem 22. November 1963, das Attentat, die unvergesslich schrecklichen Szenen der Frau im rosa Kostüm, deren Gatte plötzlich mit halb weggeschossenem Kopf in ihrem Schoß liegt. Man sieht, wie Jackie – vom Schock keinesfalls gänzlich paralysiert – sich danach nicht zur Seite schieben ließ, wie alle es wollten („Der Präsident ist tot, es lebe der Präsident“, alles scharte sich sofort um Lyndon B. Johnson.) Und nein, sie wird das blutbefleckte rosa Kostüm nicht ausziehen – jeder soll sie so sehen… Man erlebt später auch das logistische Durcheinander rund um ihren Auszug aus dem Weißen Haus, den sie zelebrierte.

Wie sie dieses „Weiße Haus“ den Amerikanern in einer viel gezeigten Fernsehsendung präsentiert hat, geht dann noch hinter die erste Ebene der Rückblenden zurück, zeigt das von Jackie Kennedy initiierte CBS-TV-Special „A Tour Of The White House“ von 1962 – Jackie, die letztlich unsicher herumstaksend, die Präsidentenräume präsentiert, denn bei all dem Glamour, der sie umgab, war sie ja doch unsicher und wartete auf die Anweisungen ihrer Sekretärin (Greta Gerwig): Lächeln nicht vergessen, grins, grins!

Da sind der Schwager Robert (Peter Sarsgaard), da sind die Szenen mit dem weisen alten Priester (John Hurt in seiner letzten Rolle), der gar nicht vorgibt, Trost spenden zu können. Und da ist Jackies Wunsch, den sie mit eiserner Energie durchzieht, ihrem Gatten ein grandioses Begräbnis zu bereiten, mit sich selbst im Mittelpunkt, wozu sie die Geschichte heranzog – wie hat man einst den auch ermordeten Abraham Lincoln begraben? Und man beugte sich ihrem Willen, wenn auch (schon in dem Interview mit „Life“) der Einwand kommen sollte, dass John F. Kennedy ja eigentlich gar keine Zeit gehabt hatte, ein wirklich bedeutender Präsident zu werden und dass das Begräbnis-Spektakel hypertroph war…

Der Film geht überhaupt nicht auf die schlechte Ehe der Kennedys und auf die Frauenaffären von John F. (die damals allerdings der Öffentlichkeit noch nicht bekannt waren) ein, für Jackie war er vom Augenblick seines Todes an der Mann, als dessen Witwe sie sich zelebrierte. Und das spielt Natalie Portman mit einer wunderbar kühlen, klaren Entschlossenheit, nie die Emotionalität, sondern den Verstand der Kinobesucher ansprechend.

Man könnte glatt einen alten deutschen Filmtitel zitieren: Eine Frau, die weiß, was sie will. Sie wollte die berühmteste Witwe aller Zeiten sein – und wurde es. Am Ende erklingen Melodien aus dem Musical „Camelot“, das John F. Kennedy so geliebt hat. Ja, und „Camelot“ war das Weiße Haus unter den Kennedys, so glanzvoll wie nie davor und nie danach… Und Jackie, die etwas steife Ikone, schreitet noch einmal durch eine Welt, die ganz und gar ihr Werk war.

Renate Wagner 7.2.2016

Bilder (c) Tobis Film

 

 

 

Filmstart: 3. Februar 2017

TRAILER

Ma Loute / Frankreich / 2016 

Drehbuch und Regie: Bruno Dumont

Mit: Juliette Binoche, Fabrice Luchini, Valeria Bruni Tedeschi, Brandon Lavieville, Raph u.a.

Nicht alle Filme sind dazu gedacht, einem Publikum vorgesetzt zu werden, das eine normale Geschichte erzählt bekommen möchte. Die Welt des Kinos hat Platz für allerlei bunte Vögel, und der knapp 60jährige Franzose Bruno Dumont zählt zu ihnen. Immerhin hat er eine Juliette Binoche gewonnen, immer wieder für ihn vor die Kamera zu gehen, und Futter für Festivals sind Filme wie die seinen immer. Auch die heuer in Cannes gezeigte „Feine Gesellschaft“, die im Originaltitel „Ma Loute“ heißt – so wird ein junger Mann aus sehr schlicht bäuerlicher Familie genannt… mit dem wirklich nicht gut Kirschen essen ist.

Dumont stammt aus dem äußersten Nordzipfel von Frankreich, und dorthin, in die Normandie, an die sandig-steinigen, immer windigen Küsten am Kanal ist er mit diesem Film hingezogen. Dass die Handlung 1910 spielt, sieht man nur an der Kleidung der „feinen Herrschaften“, die schlichten Leute sehen wohl immer gleich aus. Und sagen wir es gleich – da gibt es nicht „gut“ und „böse“, bei allen sozialen Spannungen, denn wenn Dumont die großbürgerliche Familie Van Peteghem, die allsommerlich für die Ferien auf ihr „Schloß“ kommen, auch als fast durchwegs debile Trottel darstellt – die stur und stockig vor sich hinblickenden Mitglieder der Bauernfamilie Brufort sind auch kein Preis. Sie tragen die feinen Leute für ein geringes Entgelt übers Wasser – und ja, wenn jemand bei einer Bootsfahrt verschwindet (man sieht einmal ein tödlich geschwungenes Paddel), dann bessern die Bruforts schon einmal ihren Speiseplan auf. Zwischen schrillen Idioten hier und dumpfen Menschenfressern dort darf man sich zwei Stunden lang bewegen, ohne erhellendes Gefühl, das hätte irgendetwas mit der Wirklichkeit zutun.

Die Handlung befasst sich damit, die Figuren vorzuführen, besonders die durch Inzucht verblödeten, den Zuschauer schnell nervenden Van Peteghems, die gnadenlos ausgeschlachtetet werden. Da sind dann auch zwei Polizisten, Böswald (Cyril Rigaux) und Blading (Didier Després), die wie Stan Laurel und Oliver Hardy durch die Dünen stapfen und vermisste Personen suchen. Und schließlich gibt es die Geschichte einer seltsamen Verliebtheit: Billie Van Peteghem (gespielt von einer jungen Schauspielerin, die sich „Raph“ nennt), ein junges Mädchen, das gerne Bubenkleidung trägt, verliebt sich (man kann es ihr absolut nicht nachfühlen) in Ma Loute (Brandon Lavieville), den Bauernsohn mit dem blöden Gesicht. Nun, sie wird es bereuen, wenn auch ihre Versuche, gesellschaftliche Abgründe zu überbrücken, ganz komisch sind.

Es dauert gut eine halbe Stunde, bis Juliette Binoche als Aude Van Peteghem (meist mit großen Hüten) auftaucht, und eine der besten, interessantesten Schauspielerinnen Frankreichs mag für manchen Filmfreund schon ein Motiv darstellen, ins Kino zu gehen. Zu welchen Blödheiten und Exzessen sie sich allerdings hier hinreißen lässt, das sucht seinesgleichen, das kann man ehrlicherweise auch nicht als schauspielerische Herausforderung betrachten, weil es einfach die ultimative Schmiere ist. Man schaut ihr kopfschüttelnd zu – immerhin. Fabrice Luchini, der auch blöde sein darf, und Valeria Bruni Tedeschi, von der man nicht weiß, was in ihrem Kopf vorgeht, interessieren allerdings weniger.

Immerhin darf sich die Bruni Tedeschi gegen Ende des Films in die Lüfte erheben, und damit verliert die „Feine Gesellschaft“ das letzte bisschen Boden unter den Füßen, so sie je eines hatte. Dafür schickt der Regisseur auch den dicken Inspektor auf einen Flug über Schloß, Strand und Menschen – und weiß der Teufel, ob man eine Ahnung hat, was Bruno Dumont mit diesem Film, den er auch selbst geschrieben hat, im Kopf herumwirbelte. Zwei Stunden Teppen auszulachen und ein bisschen schwarzen Humor darunter zu würzen, scheint als mageres künstlerisches Konzept.

Renate Wagner 5.2.2017

Bilder (c) Neue Visionen

 

 

 

Österreich / 2017 

Regie: Stefan Ruzowitzky

Mit: Violetta Schurawlow, Tobias Moretti, Friedrich von Thun, Robert Palfrader, Sammy Sheik u.a.

TRAILER

Es ist zwar schon eine zeitlang her, aber man wird nie vergessen, dass es Stefan Ruzowitzky war, der mit „Die Fälscher“ 2008 einen echten, schönen, goldenen Auslands-„Oscar“ nach Österreich brachte. Im übrigen ist er ein Regisseur, der sich in allen Genres umgetan hat: Nach dem Wiener Jugendkrimi („Tempo“) hat er vor allem mit den „Siebtelbauern“ auf sich aufmerksam gemacht. Er drehte die beiden knallharten „Anatomie“-Krimis, begab sich nach den „Fälschern“ nicht ganz begreiflich in die Welt des Kinderfilms („Die Hexe Lili“), hatte mit einem Abstecher nach Hollywood („Cold Blood“) nicht wirklich Erfolg, drehte einen Dokumentarfilm – und legt nun mit der „Hölle“ sicher seinen radikalsten Film vor, nimmt man allein die aggressive Brutalität, die das Geschehen durchzieht. Dass der Regisseur auf der anderen Seite extrem sentimental werden kann, macht das Ergebnis letztendlich uneinheitlich. Obwohl Drehbuchautor Martin Ambrosch „Das finstere Tal“ geschrieben hat (und damit ist er heilig).

Die Heldin des Geschehens, und sie ist wahrlich eine, ist von Anfang an im Bild, hinter dem Steuer ihres Taxis, Nachts und bei Regen unterwegs in Wien, Stau am Gürtel, die Lichter der Großstadt flackern düster: Schon ist man bereit, angesichts dieser Bilder jede Art von Gewalt zu erwarten, und sie kommt gleich. Wenn man Özge, der Türkin, blöd kommt, so wie zwei Autofahrer, die den Weg blockieren, dann schlägt sie zu. Und wie. Dass die beiden sich stöhnend am Boden wälzen. Wie im Kino. Eigentlich wie im Hollywood-Trash.

Der Film heftet sich auf Özges Fersen, man erlebt sie bei ihrem Chef (Robert Palfrader als Samir schafft es, einen Türken zu spielen, der sich so assimiliert hat, dass er aus den Österreichern nicht mehr herausfällt), mit ihrer Cousine (Verena Altenberger), die ihr Kleinkind (Elif Nisa Uyar) herumschleppt und Samir betrügt, bis er sie rausschmeißt, man erlebt sie in dem Club, wo sie Thaiboxen mit aller Härte so rabiat betreibt, dass ihr Ex-Liebhaber (Murathan Muslu) ihr Hausverbot erteilt (und da wird auch angedeutet, wie unabhängig sie ist und unwillig zu einer Beziehung), schließlich bei den „türkisch“ gebliebenen Eltern, Mitleid mit der Mutter, offensichtlicher Haß auf den Vater, der sie in der Kindheit missbraucht hat…

Und dann, als sie allein in ihrer schäbigen Wohnung ist, erlebt Özge einen Mord im Hof des Hauses, und der Täter muss da noch irgendwo gewesen sein und sie gesehen haben… Als die Polizei kommt, gibt sich der Kommissar Steiner sehr herablassend – Türkin, vielleicht Nutte, niemand, mit dem er sich besonders abgibt, Zeugenschutz? Das gibt’s im Fernsehen.

Allein, dass Tobias Moretti diesen Steiner spielt (und er tut es, wie bei allen seine Filmrollen, wieder einmal hervorragend), zeigt dem Kinobesucher, dass dieser Kommissar keine Nebenfigur bleibt, sondern der zweite große „Player“ im Geschehen der „Hölle“ wird. Die bricht dann vollends aus, als der Killer wiederkehrt und in Özges Wohnung nicht sie, sondern ihre Cousine tötet, der sie ihre gelbe Jacke geborgt hat… wie oft war dergleichen im Kino schon da, die fatale Verwechslung? Oder zitiert das Drehbuch absichtsvoll Krimi-Klassiker, auch später, wenn sich herausstellt, dass der Killer seine Taten nach den Flüchen des Koran begeht, die dieser über Nutten ausspricht? Natürlich ist es Özge, die zur richtigen Zeit einen Koran und dort die richtige Stelle findet…

Aber das ist nicht die einzige Kindergarten-Wendung, die das Drehbuch leider nimmt. Sind die beiden Morde, vor allem der zweite, mit aller nur erdenklichen optischen Brutalität vor dem Zuschauer ausgebreitet worden, ist Özge (mit dem Kind der Cousine, das sie nicht bei ihrem Kinderschänder-Vater und ihrer alles hinnehmenden Mutter lassen will) selbstverständlich auf der Flucht. Und wenn sie nun – natürlich – bei diesem ruppigen Kommissar Steiner landet, dessen goldenes Herz schon hie und da aufgeblitzt ist, dann bleibt die Handlung eine zeitlang stehen und ein neuer Film beginnt. Denn da wird – jeder Mensch hat sein Geheimnis, meist zuhause, nicht wahr? – erst ausführlich der edle Charakter des Polizisten gezeigt, nicht nur, weil er Özge und das Kind behält (und, wie auch anders, lieb gewinnt…), sondern weil Drehbuch und Regie da auch noch in einer Kitschorgie die Gestalt des dementen Steiner-Vaters ausspielen, samt bekleckten Windeln und schrulliger Verwirrung: Friedrich von Thun genießt sichtlich die Herausforderung…

Dass Özge den entscheidenden Hinweis auf den Täter gibt (aalglatt und besessen: Sammy Sheik), dass sie mit ihm im Nacken eine Autoraserei durch Wien unternimmt, die es mit jedem Hollywood-Vorbild aufnehmen kann, dass Steiner ihn schließlich bei der UNO aufstöbert, dass dieser mörderisch geifernde Herr im Nadelstreif selbstverständlich Özge, das Kind und den Vater in dessen Wohnung in seine Gewalt bringt (samt eine schaurig- grausame Szene, wo der Bösewicht – ein böser Moslem, der traut sich was, der Ruzowitzky! – Özge dabei anzündet) … das sind alles zusammen gestoppelte Drehbuch-Klischees, die dem Geschehen jegliche Glaubwürdigkeit nehmen, die doch eigentlich angestrebt ist.

Und das Ende? Selbstjustiz mit Auto, mit Karacho voll aufs Gas und hinein in die Mölkerbastei – ja, man sieht es ein, man wird als Zuschauer ganz blutrünstig: So ein UNO-Diplomat ist doch, wenn man ihn vor Gericht stellt, in Nullkommanix draußen und in Saudi-Arabien verschwunden! Da bringt man die Sache doch besser selbst zu Ende (Charles Bronson, schau oba), wenn man eine entschlossene Özge ist – die verwundet, blutend in seinen Armen, dem Kommissar noch das Happyend entgegenblinzelt…

Nun ist das, bei aller Akkumulation von Klischees, doch ein sehr gut gemachter Film, dessen Stärke wohl auch in der Figur der Özge liegt: Violetta Schurawlow ist nicht hübsch, sie ist störrisch, sie wird auch nie wirklich sympathisch, und das macht den eiskalten, einsamen Engel, der sie ist, dann doch sehr interessant. Man fragt sich tatsächlich, wie schwer es eine Muslima hat (auch wenn die Religion sie nicht interessiert und sie sicherlich kein Kopftuch trägt – in den Augen ihrer Umwelt wird sie immer eine solche sein), sich allein in der „fremden Welt“ (auch wenn sie per Paß Österreicherin ist) durchzusetzen, ob da nicht die Bereitschaft und die Fähigkeit zur Gewalt als Überlebensstrategie dazu gehört. Weil es solche Goldschatzerln von Polizisten, wie Moretti ihn spielt (mit Love Interest-Charakter), ja im wirklichen Leben nicht gibt, schon gar nicht als Retter aus den existenziellen Gegebenheiten…

Also, die „Hölle“ hat Ruzowitzky mit allen handwerklichen Fähigkeiten eines souveränen Filmemachers bei vielen großen Kollegen abgekupfert, gewissermaßen als Verschnitt der Vorlagen den österreichischen Kommentar zu den Kinoklassikern geliefert. Die Figur des Özge hingegen wird in Erinnerung bleiben.

Renate Wagner 19.1.2017

Bilder (c) Splendid Film

 

 

Cézanne et moi / Frankreich / 2015

Drehbuch und Regie: Danièle Thompson

Mit: Guillaume Canet, Guillaume Gallienne u.a.

TRAILER

Einer lebt im Bewusstsein als einer der größten Schriftsteller Frankreichs, einer ist der wichtigsten Maler des Landes. Die Ikonen von heute waren einst Menschen, die auf ihre Mitwelt keinesfalls großartig gewirkt haben. Zumal, wenn sie aufeinander prallten...

Emile Zola (1840-1902) und Paul Cezanne (1839-1906) kannten sich von frühester Jugend an, waren Freunde, rieben sich an einander geradezu seelisch wund, gingen im Bösen auseinander, aber Cezanne soll einen Tag lang über Zolas Tod geweint haben… Eine Männerliebe (Freundschaft wäre zu wenig), ganz ohne sexuellen Hintergrund (es sei denn, dass sie einander die Frauen wegnahmen), die von der Leidenschaft von Künstlern bestimmt wurde, jeder in manischer Egozentrik auf sein eigenes Werk konzentriert. Der Beginn des Films von Danièle Thompson zeigt die längste Zeit nur Schreibfeder und Tintenfass, Palette und Farben, die Werkzeuge ihrer Arbeit… und zwei Besessene der von ihnen gewählten Kunst.

Dann hat sich die Filmemacherin nach eigenem Drehbuch in einem opulenten, sorglich ausgestatteten und „schön“ fotografierten biographischen Film ausführlich auf die Spuren der beiden gesetzt, dort, wo sich die Lebenswege immer wieder kreuzten. Dabei wechselt sie die Zeitebenen, stellt die Protagonisten in verschiedenen Lebensaltern hin, und sie erwartet vom Publikum auch einige Kenntnis über die Welt der Dichter und Maler in der französischen Welt der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts.

Interessant ist grundsätzlich die verschiedene soziale Ausgangssituation von zwei Jungen, die in Aix aufwachsen – Emile, der mit seiner Mutter in armen Verhältnissen lebt, von den anderen Kinder als „der Italiener“ verlacht, und Paul, der Sohn aus reichem Haus. In Paris wendet sich dann das Blatt: Zola arbeitet sich zum hoch angesehenen, auch wohlhabenden Schriftsteller hoch, Cezanne sinkt zum Bohemien ab, dessen niemand schmeichelndes Werk zu Lebzeiten keinesfalls die Achtung erlangt, die es verdiente.

Guillaume Canet (im Privatleben Ehemann von Marion Cottilard) als Emile Zola und Guillaume Gallienne (den man aus „Maman und Ich“ als genialen Komiker in Erinnerung hat) als grimmiger, zerzauster Paul Cezanne liefern sich eine Schlacht aus Zu- und Abneigung, die als Tragikomödie mehr zur Tragik neigt. Sie streiten über Kunst und über die Rolle des Künstlers in der Gesellschaft und driften im Zorn immer mehr auseinander. (Das Thema „Dreyfus“ im Zusammenhang mit Zolas Biographie steht hier nicht weiter zur Debatte.)

Eingebettet einerseits in eine Künstlerwelt (viele berühmte Maler der damaligen Zeit kommen vor), andererseits in eine Bürgerwelt, die dazu neigt, Cezanne auszugrenzen (was Zola wiederum in innere Konflikte bringt), ist das Biopic üppig und ehrwürdig konventionell, schwelgt in Landschaften und erfüllt auch voll den Nebeneffekt dieser Filme, nämlich dem Wissen und der Bildung der Zuschauer ein wenig aufzuhelfen.

Renate Wagner 5.1.17

Bilder (c) Prokino

 

 

 

Filmstart: 22. Dezember 2016

USA / 2016 

Regie: Tom Ford

Mit: Amy Adams, Jake Gyllenhaal, Michael Shannon, Aaron Taylor-Johnson, Armie Hammer u.a.

TRAILER

Die erste Ebene: Eine Ausstellungseröffnung in einer superchicen Galerie in Los Angeles. Eine elegante Chefin: Susan Morrow. Später wird sie zugeben, dass sie alles, was sie ausstellt und verkauft, für absoluten Mist hält. Ein verfahrenes Berufsleben. Ein verfahrenes Privatleben auch, denn der Gatte sieht zwar gut aus, ist aber nie da, und dass er nichts wert ist, weiß der Kinobesucher schon, bevor er ihn mit einer anderen Frau im Hotel sieht, während die Gattin zuhause allein ist.

Die zweite Ebene: Auch Susan hat sich das Leben anders, besser, gewissermaßen idealistischer vorgestellt. Man begegnet ihr (Hauptdarstellerin Amy Adams verjüngt sich mühelos um zwei Jahrzehnte) als Studentin, die Künstlerin werden will, und der ihr Kommilitone Edward, der Schriftsteller sein will, sehr gut gefällt. Auch wenn ihre Mutter sie warnt, dass dieser nie den Killer-Ehrgeiz aufbringen wird, Karriere machen zu wollen, reich und berühmt zu werden. Damals ist Susan das ganz recht. Bis sie nach kurzer Ehe, enttäuscht von dem, was sie von ihm zu lesen bekommt, merkt, dass sie auf einen Loser doch keine Lust hat … und ihn auf recht schäbige Art verlässt.

Die dritte Ebene erzählt eine ganz andere Geschichte: Eine Familie (Mann und Frau sehen ganz aus wie Susan und Edward, dazu eine halbwüchsige Tochter), die im Auto über die leeren Landstraßen von Texas fahren. Das ist der Roman „Nocturnal Animals“, den Edward doch noch geschrieben hat, und wir sehen nebeneinander Susan zu, wie sie ihn fasziniert und verängstigt liest, und die Handlung, die einen amerikanischen Mythos vom Ausbrechen der brutalen, sadistischen Gewalt erzählt. Denn da kommen Ray Marcus und seine fiesen Genossen, halten den Wagen an, terrorisieren die Familie, bringen schließlich Frau und Tochter um. Der Mann entkommt und kann nur mit Hilfe eines todkranken Sheriffs, der nichts mehr zu verlieren hat, die „Ein Mann sieht Rot“-eigenhändige Rache vollziehen…

Drei Ebenen, die sich verstricken, verpfuschtes Leben, das – wie Susan merkt – nicht mehr zu korrigieren ist. Tom Ford, als Modemacher berühmt, hatte bislang erst einen Film gedreht, den allerdings niemand vergessen wird: In „A Single Man“ hat er sein eigenes Homosexuellen-Problem meisterhaft auf die Leinwand gebracht. Dieses Thema spielt nun in diesem seinem zweiten Film (nach dem Roman „Tony & Susan“ von Austin Wright, 1993) gar keine Rolle. Die „Nocturnal Animals“ erzählen von Lebensentwürfen, von verfehltem Leben, und Ford bringt es mit psychologischer Meisterschaft und dem Stil eines Mannes, der etwas von Stil versteht, auf die Leinwand.

Vor allem die immer so vorzügliche Amy Adams darf hier die Wandlung spielen. Von der liebenswert natürlichen Studentin (als wahre Schreckschraube sitzt ihr in einer Szene Laura Linney als hoch gestylte, reiche Mutter gegenüber – eine warnende Ahnung der Zukunft) zur Kunstfigur, in ihrem Unglück erstarrt. Die dann, durch ihre verfehlte zweite Ehe (Armie Hammer ist die Glätte selbst) und das Buch des Ex-Gatten zu Erkenntnissen kommt, zum Wunsch, alles noch einmal ändern zu wollen. Aber so einfach ist das nicht…

Jake Gyllenhaal begegnet einem nur kurz als der (echte) junge Edward Sheffield, die meiste Zeit ist er, mittelalterlich, sein eigener Romanheld Tony Hastings. Der Durchschnittsamerikaner, in dessen Leben eine Katastrophe einbricht und der sich selbst wehren muss, wenn er Rache haben will. 

Der als Meisterwerk gehandelte Roman Edwards, der einfach nur ein Stück amerikanischen Brutalitätsmythos’ bietet, lebt von dem grauenvoll widerlichen, sadistischen Ray Marcus (hervorragend: Aaron Taylor-Johnson), den kein Gesetz erwischen kann, und dem klassischen (natürlich todkranken) Sheriff (großartig: Michael Shannon), der angesichts seines baldigen Endes darauf verzichten kann, auf eine Gerechtigkeit zu warten, die vom Gesetz nicht geboten wird, und der Beihilfe zum Rachemord leistet. Während Gyllenhaal auch seinen Romanhelden spielt, sind Isla Fisher (Amy Adams programmatisch überaus ähnlich) und Ellie Bamber die Tochter, zwei Frauen, die vom Terror der Straße gemetzelt werden.

Die körperliche Grausamkeit der Romanhandlung wird von der seelischen Grausamkeit der Rahmenhandlung gekontert: Beides geht gleicherweise unter die Haut. Man wartet auf den nächsten Tom Ford-Film. Bisher hat er nur Besonderes geliefert.

Renate Wagner 29.12.2016

Bilder (c) Universal Pictures

 

 

 

Filmstart: 29.Dezember 2016
GB  /  2016 
Regie: Whit Stillman
Mit: Kate Beckinsale, Stephen Fry, Chloë Sevigny, Morfydd Clark u.a.

TRAILER

Die durchaus zahlreichen Jane-Austen-Filme kommen als äußerlich schöne Kostümschinken auf die Leinwand. Aber unter Taft und Spitzen brodeln menschliche Abgründe, und das macht die Geschichten immer wieder interessant. Aber so interessant wie „Love & Friendship“ – das war die Austen auf der Leinwand lange nicht.

Eigentlich dachte man, alle Romane von Jane Austen seien mittlerweile verfilmt – von „Sinn und Sinnlichkeit“ mit Emma Thompson über Gwyneth Paltrow als „Emma“ und „Mansfield Park“ mit Frances O’Connor bis „Stolz und Voruteil“ mit Keira Knightley. Abgesehen davon, dass sich die arme Jane Austen ihre Romane auch mit Zombies verquicken lassen muss – „Stolz und Vorurteil und Zombies“ rangierte dann nicht unter den Literaturverfilmungen, sondern unter den Horrorproduktionen des Jahres 2016. Na ja, wenn man wie Jane Austen (1775-1817) seit 200 Jahren tot ist (2017 wird es dann manches zu feiern geben), hat man keine Rechte.

Aber auch eine tote Dichterin kann Glück haben. Da hat sich Whit Stillman, ein Regisseur, der selten arbeitet, aber dann offenbar gründlich, einen ihrer weniger bekannten Romane vorgenommen, „Lady Susan“, und brachte das unter dem Titel „Love & Friendship“ als so scharfzüngige Gesellschaftskomödie (mit tragischen Einsprengseln) auf der Leinwand, als hätte kein Geringerer als Oscar Wilde mitgeschrieben…

Die Welt der Jane Austen mag äußerlich voll von Plüsch und Spitzen sein, innerlich ist sie ziemlich hohl. Damals, im späten 18. Jahrhundert, drehte sich in großbürgerlichen und adeligen Kreisen alles ums Geld (Tut es das nicht immer…?). Und scheinbare Ehrbarkeit war verpflichtend, wenn auch die unkonventionellen „bunten Vögel“, die Klatsch und Tratsch fütterten, den Alltag amüsant machten.

So wie Lady Susan, die vor ihrem schlechten Ruf zu ihren Verwandten flüchtet, die nichts gegen ihre Anwesenheit unternehmen können. Auch wenn sich die Dame hier so schlecht benimmt wie eh und je. Nun möchte die Witwe wieder heiraten und auch ihre Tochter, die ihr äußerst lästig ist, unter die Haube bringen – zwei reiche Männer gesucht. Das reicht für jede Menge amüsanter Intrigen und Komplikationen.

Neben der herrlichen Bloßstellung hohlköpfiger, engstirniger, unglückseliger Charaktere, über die man legitim lachen darf, wird aber auch viel von dem eminenten gesellschaftlichen Druck erzählt, unter dem Frauen der „Gesellschaft“ standen, die letztlich auf „lukrative“ Ehen angewiesen waren, um nicht in ein ziemlich aussichtloses Leben gepresst zu werden.

Wie Kate Beckinsale als Lady Susan Vernon mit ihrem Schicksal umgeht, das ist souverän in der Skrupellosigkeit, köstlich differenziert in der berechnenden Bosheit und zeigt, dass diese Schauspielerin weit mehr kann, als periodisch als Vampir in den „Underworld“-Filmen aufzutauchen.

Auch die übrigen, bei uns weniger bekannten Darsteller (Stephen Fry vielleicht ausgenommen) bringen die hohe Schule britischer Schauspielkunst, die sonst meist in opulenten Fernsehserien zu sehen ist, mitreißend auf die Leinwand. Noch nie war Jane Austen so komisch und giftig.

Renate Wagner 28.12.2016

Bilder (c) KSM

 

Allied  /  USA  /  2016
Regie: Robert Zemeckis
Mit: Brad Pitt, Marion Cotillard, August Diehl, Jared Harris, Matthew Goode u.a.

TRAILER

Dieser Film bekam – und dergleichen schadet nie –gewaltige Vorreklame. Marion Cotillard sei schuld, dass die Ehe von Brad Pitt und Angelina Jolie zerbrochen sei, jubelte die Regenbogenpresse. Das ist mit Sicherheit reiner Blödsinn, aber wenn man es oft genug liest, wird vielleicht der eine oder andere Konsument(in) der Bunten Blätter das Bedürfnis haben, sich „Allied – Vertraute Fremde“ anzusehen. Dann bekommt sie/er vermutlich genau, was sie/er erwartet hat und auch genießt – eine alberne Schnulze, die mit allen denkbaren Klischees des Kinogenres jongliert.

Wenn Szenen schon während des Krieges in Casablanca spielen… mein Gott, welche Assoziation! Die Heldin sieht mit Ingrid-Bergman-Hut so gut aus wie in der chicen Mode der Kriegszeit. Dieser Film ist allerdings im Gegensatz zum Bogart/Bergman-Klassiker, an den man nicht einmal denken darf, bunt. Und wenn sich ein schönes Paar mitten in der Wüste in einem herrlich altmodischen Auto liebt… hier lässt der „Englische Patient“ grüßen. Dann kommen die bösen Nazis mit ihren schwarzen, bedrohlichen Uniformen, die man einfach umbringen muss: Tapfere Spione im Krieg tun ihre Pflicht… wie in zahllosen Filmen zuvor.

Max, der französische Kanadier, für die Briten unterwegs, und Marianne, die französische Widerstandskämpferin, verlieben sich notgedrungen in einander, wenn man so gut aussieht wie Brad Pitt und Marion Cotillard (die ja nun wahrlich eine Schönheit mit ganz besonderer Ausstrahlung ist)… In Casablanca geben sie sich als französisches Ehepaar aus, wobei er Probleme damit hat, dass sein „Quebecois“ (die Kanadier sprechen Französisch mit ganz eigenem Akzent) nicht wirklich Pariserisch klingt. Sie arbeitet für den deutschen Befehlshaber (die Nazi-Studien in amerikanischen Filmen sind heute so kläglich wie eh und je, und auch August Diehl muss so ein Klischee abziehen), und wenn sie diesen bei einem Abendempfang tapfer umgebracht haben, ist ihre Mission in Marokko erledigt…

Spione sollten sich in Ausführung ihrer Pflicht nicht mit einander einlassen, aber nachher, wenn sie es glücklich überlebt haben? Da nimmt der Kanadier, der nun in London stationiert ist, seine Französin mit nach London, sie heiraten, bekommen eine kleine Tochter, Glück perfekt? Natürlich nicht, sonst würde kein aufrauschendes Kino-Kriegs-Epos  daraus. Der britische Nachrichtendienst verdächtigt Marianne, die Identität einer gefallenen Widerstandskämpferin angenommen zu haben und eigentlich eine deutsche Spionin zu sein. Wir sollen nun vor Spannung in den Kinosesseln wetzen, während Brat Pitt alles tut, um das Gegenteil zu beweisen. Aber das Tremolo des Films arbeitet sich auf die tränenreiche Tragödie zu…

Robert Zemeckis ist ein Regisseur, der das eine oder andere Bemerkenswert gedreht hat („Forrest Gump“ beispielsweise) und viel Banales. Hier ist er wieder bei einem Film gelandet, der nur durch den Namen seines Hauptdarstellers Beachtung findet und im übrigen ganz schnell vergessen werden kann.

Dabei unterliegt Brad Pitt, aus dem Tarantino beispielsweise doch darstellerisch einiges herausgeholt hat, der Cotillard um Lichtjahre, wenngleich auch sie ein bisschen zu sehr auf bebende Lippen und angstvolle Augen macht – aber doch noch um einiges besser als er.

Stilistisch passt es zu dem Film, der als Melodram den Eindruck erweckt, er stamme mit all seiner triefenden Liebe und dem ganzen Heldentum aus den fünfziger Jahren. Retro nennt man so etwas…

Renate Wagner  27.12.2016

Bilder (c) Paramount

 

 

 

 

La Danseuse  /  Belgien, Frankreich, Tschechische Republik  /  2016
Regie: Stéphanie Di Giusto
Mit: Stéphanie „Soko“ Sokolinski, Lily-Rose Depp, Gaspard Ulliel, Mélanie Thierry u.a.

TRAILER

Die Nachwelt ist nicht gerecht. Sie hat Loïe Fuller vergessen, obwohl Toulouse-Lautrec sie porträtierte – aber da war sie wohl nur eine von vielen. Als Tänzerin, die wohl auch ein „Show Star“ war und innovativ und kreativ in ihrem Bühnenauftritt arbeitete, kennt man sie nicht mehr, sehr wohl aber Isadora Duncan, die in ihrer Truppe begann und als Weltstar des Modern Dance bis in die Gegenwart strahlt.

Nun, Loïe Fuller war Stéphanie Di Giusto einen Film wert, ihren ersten, und es ist für das Verständnis der Geschichte und deren Umsetzung auf der Leinwand sicher dienlich, dass die Regisseurin auch in der Foto- und Modebranche tätig war.

Loïe, die als Marie Louise Fuller 1862 in Illinois zur Welt kam, wird von Stéphanie Sokolinski, bekannt als Sängerin „Soko“, gespielt. Sie ist herb, fast männlich, man glaubt ihr das Cowgirl im ländlichen Amerika, als das sie zu Beginn vorgestellt wird. Für die Wandlung zur Künstlerin bringt sie vor allem glaubhaft die Sturheit und Entschlossenheit mit, ihren Traum durchzuziehen.

Man weiß zu wenig über Loïe, wenn man den dem Film zugrunde liegenden Roman nicht gelesen hat. Vielleicht hat sie tatsächlich als Statistin in einem New Yorker Theater begonnen, wild über die Bühne zu tanzen, und damit so viel Applaus gelernt, dass sie dies nun in größerem Ausmaß  machen wollte. Jedenfalls war sie keine Tänzerin im herkömmlichen Sinn – sie kleidete sich in riesige Stoffbahnen, die sie an langen Bambusstangen befestigte, die sie zu rauschhafter (von ihr selbst inszenierter) Beleuchtung mit mitreißendem Effekt schwenkte – im Film hinreißend gezeigt, wird man an die Wunderwerke des Cirque du Soleil erinnert.

Loïe Fuller war entschlossen genug, nach Europa zu gehen, in Paris die Widerstände von Theaterdirektoren zu überwinden. Sie landete von den Folies Bergère kommend an der Pariser Oper, hatte ihre eigene Truppe junger Mädchen, die mit ihr tanzte, kreierte Gesamtkunstwerke aus Kostümen, Ausstattung, Licht. Welche Opfer sie körperlich (mit der entsetzlichen Belastung ihres Knochengestells durch die Stangen und Bewegungen, ihrer Augen durch die hellen Scheinwerfer) und seelisch (die nie endenden Kämpfe und Widerstände) brachte, wird überzeugend klar gemacht, mit allen extremen Stimmungstiefs und Verhaltensweisen.

Der Film zeigt natürlich auch Privates – wie sie in Gabrielle Bloch (Mélanie Thierry) eine treue, unerlässliche Mitarbeiterin fand, wie sie den morphiumsüchtigen Grafen Louis d’Orsay (Gaspard Ulliel) hinter sich her schleppte, vor allem aber, wie sie Isadora Duncan begegnete und von dieser gezielt als Sprungbrett benützt und dann ausgetrickst wurde.

Diese Isadora spielt die junge, zarte Lily-Rose Depp, gerade mal 17 Jahre alt, die ihre Abstammung nicht verleugnen kann: Sie hat die Augenpartie ihres Vaters Johnny Depp, die unverkennbare Mundpartie ihrer Mutter Vanessa Paradis, vor allem aber Talent von beiden, denn sie liefert eine hinreißendes Studie der Berechnung im Gewand der Unschuld.

Nach Isadoras Abrauschen in Richtung Weltruhm bleibt Loïe zurück, und der Film ist zu Ende – seltsamerweise hat die Regisseurin das Milieu der Pariser Künstler, in dem Loïe Fuller sich bewegte, ausgespart. Und auch, dass sie bis 1928, dem Ende ihres 66jährigen Lebens, noch eine Karriere als Choreographin fremder Ballette vor sich hatte. Kurz, man bekommt Loïe Fuller nur partiell, aber jedenfalls interessant genug dargeboten, dass man gerne eine Biographie über sie lesen würde.

Renate Wagner  20.1.2016 

Bilder (c) Prokino

 

 

 

USA / 2016 

Regie: Clint Eastwood

Mit: Tom Hanks, Laura Linney, Aaron Eckhart u.a.

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In den Lüften kann man gut dramatische Filme drehen – von „Airport” gab es eine ganze Serie, attraktive Piloten, die schöne Stewardessen liebten, Passagiere, die ängstlich, seltsam, interessant oder bedrohlich waren, und immer „passierte“ etwas Dramatisches während des Fluges bis zum Happyend, für das die Helden an den Steuerknüppeln sorgten (damals schaltete man noch nicht den Autopiloten ein und ließ die Computer ihre Arbeit tun…).

Üblicherweise steigen heutzutage alle Beteiligten (mit den geringen Ausnahmen der „Flugangst“-Geschlagenen) ziemlich sorglos in die Flugzeuge, denn in 99,9 Prozent der Flüge kommt man problemlos vom Ausgangflughafen zum Ziel. Aber eben nicht immer, und dann sind die Piloten gefragt. So wie Chesley Sullenberger am 15. Januar 2009, als wenige Minuten, nachdem er vom Flughafen New York-LaGuardia gestartet war, ein Vogelschwarm in die Triebwerke geriet – und der seine 155 Passagiere nur retten konnte, indem er sein Flugzeug in einem Akt der „Notwasserung“ in den Hudson River setzte. Eine große Leistung – aber das allein ergäbe noch keinen Film.

Doch Clint Eastwood als Regisseur interessierte mehr an der Geschichte, er bekümmerte sich um das, nämlich um das, was „Sully“ – so der allzu niedliche Spitzname des Piloten, der, in Zusammenhang mit Tom Hanks als Hauptdarsteller, am Ende gar den Eindruck erweckt, man habe es mit einer netten Tiergeschichte zu tun – danach geschah. Jeder normale Mensch würde diesem Piloten für seine Aktion höchste Hochachtung aussprechen, gratulieren und mit den Passagieren erleichtert sein. Aber ganz so einfach lieft die Sache nicht ab – und als Zuschauer kommt man nicht um das Gefühl herum, dass es schlicht und einfach eine Gemeinheit war, was man Sullenberger dann antat (und was Tom Hanks die Gelegenheit gibt, Verwirrung und Leiden prächtig auf die Leinwand zu bringen und vor den Augen der Zuschauer in seiner Erschütterung geradezu zu altern).

Natürlich ging es um Geld, um Geld nämlich, das die Versicherungen nicht zahlen wollten. Also wurde der Held zum Sündenbock, der angeblich eine falsche Entscheidung getroffen hat – er hätte durchaus zum Flughafen zurückkehren können, heißt es. Und man zerrt ihn vor Gericht, wo der gute Mann verständlicherweise erschüttert ist: Er sei seit 42 Jahren Pilot, sagt er, „it has been my life“. Und er hat in einer Notsituation in Sekunden die für ihn einzig mögliche Entscheidung getroffen, um nicht das Flugzeug, sondern die Menschen zu retten…

Man leidet mit Sullenberger – da ist die Medienhetze, wie man sie kennt (mit ihren gnadenlosen Verhöhnungen auch), da ist die loyale Gattin (Laura Linney), die gemeinsam mit der Familie schwer unter dem Verhalten der Umwelt leidet, da sind Sullys eigene Alpträume, dass er in die Stadt New York hineinfliegt… Da ist der loyale Co-Pilot Jeff Skiles (Aaron Eckhart), der in der Verhandlung ganz auf seiner Seite ist: Sully landete nicht „in the Hudson, but on the Hudson“, stellt er klar, und wenn er den „damned rules“ gefolgt wäre, „we all would be dead“…

Clint Eastwood will einerseits eine Heldengeschichte erzählen, denn Sullenberger wurde nicht nur durch seine Leistung, sondern auch durch den Prozeß, den er durchstand, ein solcher. Andererseits drehte er auch einen hoch kritischen Amerika-Film, in dem er die Ebenen des Geschehens wild durcheinander schneidet – die Ironie kommt auch nicht zu kurz, wenn ein Barkeeper Sully erklärt, man habe einen Drink nach ihm benannt, „The Sully“ – „With a splash of water, haha“…

Tom Hanks als Sully kämpft hier um seine Karriere, um seine Reputation, um seine Existenz: Das ist geradezu schmerzlich mitanzusehen. Dass die Geschichte ihr Happyend hatte, dass man am Ende zugestand, dass es keine bessere Lösung gab, Menschenleben zu retten – das hätte man auch erkennen können, ohne Sullenberger und seine Familie durch die Hölle zu schicken.

Im übrigen: Natürlich ist das auch kein Film, den man sich im Flugzeug ansieht. Die Szenen des Unfalls, des Evakuierens der Fluggäste im Wasser… da kommt man schon ins Grübeln.

Renate Wagner 18.12.16

Bider (c) Warner

 

 

 

Filmstart: 8. Dezember 2016

Deutschland, Frankreich, Polen / 2016

Drehbuch und Regie: Marie Noelle

Mit: Karolina Gruszka, Charles Berling, Arieh Worthalter, Samuel Finzi u.a.

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Es ist die Zeit der großen Kino-„Bio Pics“ – die Schriftstellerin Lou Andreas- Salome war schon an der Reihe, die Malerin Paula Modersohn-Becker kommt demnächst, Wissenschaftlerin Marie Curie erscheint nun in den Kinos. Während die Männer (ob Politiker, ob Sportler, ob Künstler) eigentlich permanent auf der Leinwand waren, sind nun (endlich?) die bedeutenden Frauen an der Reihe.

Aber wie „zeigt“ man wissenschaftliche Arbeit? Das ist noch schwieriger als alles andere, das ein Ausnahmeschicksal kennzeichnet, wenn ja doch nur die Fachleute verstehen, was da in den Labors gesucht (und, wie man weiß: auch gefunden) wurde. Also schildert man das Frauenschicksal selbst, am besten als solches – denn jede Frau, die noch im so restriktiven 19. Jahrhundert zur Welt gekommen ist, musste über gewaltige rebellische Kräfte verfügen, um sich durchzusetzen.

Für Marie Curie (1867-1934), gebürtige Polin, in Paris verheiratet und arbeitend, war es besonders schwer: Zwar waren ihre Leistungen als Physikerin und Chemikerin überragend, aber sie bewegte sich in einer Männerwelt – und anfangs war es nur ihr Gatte, der hoch anerkannte Physiker Pierre Curie (1859 – 1906), an dessen Seite sie sich hielt. Wobei die beiden eine ganz besondere Lebens-, Liebes- und Arbeitsbeziehung verband.

Wenn die Filmemacherin Marie Noelle (man kennt sie aus der Zusammenarbeit mit ihrem verstorbenen Gatten Peter Sehr, die beiden hatten zuletzt einen sehr interessanten Film über Ludwig II. gemacht) nun auf das Doppelschicksal der Marie Curie als Frau und Wissenschaftlerin zugeht, bietet sie zu Beginn ein sehr überzeugendes Bild an – über das Reagenzglas gebeugt, findet Marie eigentlich nicht wirklich Zeit, sich ihren Wehen zu widmen… Evi, die zweite Tochter des Ehepaars Curie, wurde 1904 geboren. Maria Salomea Skłodowska und Pierre Curie hatten 1895 geheiratet, die erste Tochter Irene war 1897 zur Welt gekommen. Die Curies hatten gemeinsam in idealer Symbiose gearbeitet, Polonium und Radium entdeckt (die beiden sprechen liebevoll von „unserem Radium“), 1903 gemeinsam den Nobelpreis für Physik erhalten.

Der Film zeigt sie bei diesem ersten Nobelpreis und geht, die Biographie entlang, über den Tod von Pierre (1806 bei einem sinnlosen Unfall, als er unter eine Kutsche geriet) bis zum zweiten, Marie allein gewidmeten Nobelpreis von 1911, den man am liebsten wieder zurückgezogen hätte – denn damals brachte ihr außereheliches Verhältnis mit dem verheirateten Paul Langevin, dem ehemaligen Schüler ihres Gatten, mit dem sie nun zusammenarbeitete, sie völlig in Verruf. Die Entschlossenheit, mit der sie darauf bestand, diesen Nobelpreis dennoch entgegen zu nehmen, steht am Ende des Films, der ihre schwersten Jahre nachzeichnet.

Sicher, wenn man Wissen vermitteln will, fällt das leicht ein wenig „volkshochschulmäßig“ aus, aber irgendwie muss man ja zeigen, welche Sensation die Entdeckung der Röntgenstrahlen damals bedeutete, welche Hoffnung man für die Medizin (Krebsbekämpfung) man darein setzte, und man muss auch auf die wunden Finger der Marie Curie aufmerksam machen, die unter Strahlenerkrankung litt.

Die Witwe mit zwei Töchtern, die anfangs noch die Unterstützung ihres Schwiegervaters und einer ihrer Schwestern hat – da ist vielleicht ein bisschen viel Familienidylle, ein paar mehr Kitschbilder, als gut tun, wenngleich der Vorwurf „Pilcher“, der in einer deutschen Rezension fiel, etwas zu harsch ist.Vermutlich ging es der Drehbuchautorin / Regisseurin um den schlichten Beweis, dass auch eine Frau, die voll in einem schweren Beruf aufgeht, nicht, wie man heute meint, auf jegliches Privatleben verzichten muss, sondern sich sehr wohl für andere Menschen interessieren kann…

Vielleicht liegt die Beschönigung und Weichzeichnung von manchem auch an der Attraktivität der polnischen Hauptdarstellerin Karolina Gruszka (kein Vergleich mit der „echten“ Marie Curie, wie man sie streng von Fotos kennt), wenngleich diese die Mischung aus Belastung und Selbstbewusstsein ohne pompöse Geste sehr überzeugend zu vermitteln weiß.

Ein Großteil ihres Lebens war Kampf, Kampf gegen eine hochmütige Männerwelt, die sie als „Pollakin“ und „Jüdin“ (was sie nicht war) diffamierte, die ihr keine Chance einräumen wollte, den Lehrstuhl ihres Mannes an der Sorbonne zu übernehmen (eine Frau, eine Ausländerin?), die sie in jeder Hinsicht demütigte: „Nicht schlecht für eine Frau…“ Und, am Beispiel eines Kapazunders (Daniel Olbrychski in großartiger Ekelhaftigkeit als Physiker Emile Amagat, Mitglied der Akademie, der Marie nicht im „Männer-Verein“ haben will): „Dieses Frauenzimmer… immerhin wäre sie gut zu ficken.“ Man musste schon die Größe eines Albert Einstein (Piotr Glowacki) haben (der hier in einer kleinen Episode fröhlich erscheint), um die Bedeutung, die ohnedies jeder erkannte, auch zu würdigen, statt sie zu leugnen.

Hatte Pierre Curie (Charles Berling), der früh im Film stirbt, nur wenig Raum, so zeichnet Marie Noelle die Liebesgeschichte mit Paul Langevin (Arieh Worthalter) ausführlich und auch ein wenig melodramatisch nach. Marie verlangt, dass er sich von seiner rasenden Frau trennt, die einen Journalisten bemüht, die Affäre in die Öffentlichkeit zu tragen – eine gute Rolle für Samuel Finzi. Und Paul, der noch so ein hochrangiger Wissenschaftler und verlässlicher Mitarbeiter sein mag – als Privatmann verlässt ihn die Courage. Die starke Frau, so will die Regisseurin klar machen, ist letztendlich immer allein…

Allein auch lässt Marie Noelle im Nachspann Marie Curie in ihrem schwarzen Mantel, das Fahrrad schiebend, durch das Paris von heute gehen. Sie sind unter uns, will sie sagen, die tapferen Frauen von gestern. Wenn es nur wahr wäre, und wenn ihr Gedächtnis nur die Chance hätte, in einem Film, der nicht der Verkäuflichkeit wegen mit allzu viel Kitsch und Pathos belastet ist, wirklich an die Nachwelt zu kommen.

Renate Wagner 8.12.16

Bilder (c) NFP

 

 

Filmstart: 18. November 2016
American Pastoral / USA /  2016
Regie: Ewan McGregor
Mit: Ewan McGregor, Jennifer Connelly, Dakota Fanning, David Strathairn u.a.

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Sieht man diesen Film, möchte man gleich in die Diskussion einsteigen, was sich die schwedische Akademie eigentlich dabei denkt, Philip Roth (und jetzt wird er bald 85, es ist also hoch an der Zeit) Jahr für Jahr den Nobelpreis für Literatur nicht zuzusprechen? Der Mann hat eine beeindruckende Reihe meisterlicher Romane geschrieben, die ihn, wie man so schön sagt, immer „am Puls der Zeit“ zeigten, ein Chronist seines Amerika, das er aus dem Standpunkt eines jüdischen Intellektuellen betrachtete, ohne alle anderen Amerikaner auszusperren.

Sein „American Pastoral“ aus dem Jahre 1997 leistete aus der Distanz von gut einem Vierteljahrhundert eine Aufarbeitung dessen, was der Vietnamkrieg dem Land angetan hat, wie die unschuldigen Opfer nicht nur unter den Vietnamesen und den Gefallenen zu suchen waren, sondern auch unter der amerikanischen Bevölkerung selbst. Ja, die USA sind derzeit wahrlich nicht zum ersten Mal ein „gespaltenes“ Land, und Bombenterror und Straßenschlachten sind nicht nur Gegenwart.

Was kann man in den USA mehr sein als ein Sportler-Star an der Highschool, so wie „der Schwede“, wie alle den blonden jungen Mann nennen, ungeachtet seiner jüdischen Herkunft, die man ihm nicht ansieht. Was kann man in den USA mehr sein als eine lokale Schönheitskönigin (und als solche eine begehrte „Beutefrau“?). Selbst wenn Dawn Dwyer keine Jüdin ist, was Vater Levov schon schwer im Magen liegt – kann es eine schönere Liebesgeschichte geben als jene zwischen Seymour „Swede“ Levov und Dawn, die auch die nicht gering anzusetzenden konfessionellen Schwierigkeiten überwindet?

Dann führt Seymour noch die kleine, aber sehr feine Handschuhfabrik der Familie in Old Rimrock in der Umgebung von New York, und er ist anständig und zutiefst liberal, 80 Prozent seiner Angestellten sind Schwarze, und sie würden für ihn durchs Feuer gehen. Und wenn Dawn (die ihrerseits am ländlichen Anwesen der Familie noch Kühe züchtet) und Seymour eine entzückende blonde Tochter bekommen – ja, dann ist das „amerikanische Idyll“ perfekt, mehr kann man vom Leben nicht verlangen. Die Belohnung dafür, dass man ein so grundanständiger Mensch ist, bleibt also nicht aus. Oder?

Ewan McGregor, der blonde, immer interessante Schotte, ebenso in „Star Wars“ und Unterhaltungsfilmen dabei wie bei hoch anspruchsvollen Produktionen, hat sich voll in das „Amerikanische Idyll“ gestürzt. Er spielt nicht nur die Hauptrolle, er war auch an der Drehbuchfassung von John Romano beteiligt und führte erstmals Regie. Er hat der Geschichte eine Rahmenhandlung gegeben, in der er Nathan Zuckerman (eine Roth-Lesern wohl bekannte Figur aus zahlreichen seiner Romane) als Schulkollegen des „Schweden“ einführt, der in der Gegenwart bei einem Schultreffen Seymours Bruder begegnet, von Seymours Tod erfährt und auch dessen Geschichte erzählt bekommt.

Ein perfekter Kunstgriff auch für das Kinopublikum, dem das Zeitgemälde aus den sechziger / siebziger Jahren nicht als solches hingestellt wird, sondern als Erinnerung, in die auch viel historisches (oft noch schwarzweißes) Filmmaterial eingearbeitet wird. Die amerikanische Idylle wird durch die politischen Ereignisse zur amerikanischen Tragödie, und man folgt ihr mit nicht alltäglicher Faszination.

Dass mit Töchterchen Meredith, „Merry“ genannt, nicht alles stimmt, zeigt sich von früher Kindheit daran, dass sie stottert. Die Psychiaterin schiebt das auf den Wettkampf der Tochter mit der Mutter um die Gunst des Vaters (und tatsächlich gibt es Annäherungen des Kindes an Papa, die ein weniger diskreter Regisseur wie McGregor vielleicht peinlich ausgewalzt hätte). Obwohl es Merry, man sieht es, man weiß es, an nichts fehlt, nicht an Liebe, nicht an Verständnis, wird sie ein unleidlicher Teenager – und schließlich eine radikale politische Aktivistin, die das Elternhaus verlässt und mit Terroranschlägen schuldig wird…

Nicht nur die bürgerkriegsartigen Szenen, die das Land damals erschüttern, sind quälend mit anzusehen, ebenso tragisch ist, wie der von Polizei und FBI bedrängte Seymour (im Gegensatz zu Dawn, die die Tochter fallen lässt und ein neues Leben für sich wünscht) an Merry festhält, obwohl er später erfährt, dass sie eine mehrfache Mörderin ist, wie er bereit ist, alles auf sich zu nehmen, um wieder Kontakt mit ihr aufzunehmen – und die Tragödie (an der eine radikal-bösartige Freundin von Merry beteiligt ist) kulminiert am Ende in einem Wiedersehen, das klar macht, wie hoffnungslos zerstört alle Leben dieser Familie sind.

Ewan McGregor ist der anständige Mensch, der nur aus Liebe zur Tochter gelegentlich aufhört, der gewissenhafte, brave Bürger zu sein (was nicht hinterfragt wird), Jennifer Connelly spielt die Wandlung der entschlossenen jungen Schönheitskönigin zur zerbrochenen Frau, die sich neu erfindet, großartig, aber es ist Dakota Fanning, die Merry vom Teenager bis zur selbst zerstörten Ruine einfach faszinierend verkörpert.

Philip Roth verteilt keine Schuldzuweisungen, zieht kein moralisches Resümee. Er zeigt ganz einfach, dass mit des Geschickes Mächten kein ewiger Bund zu flechten ist. Und er zeigt es atemberaubend – und Ewan McGregor, der auch einen lauten Film hätte machen können, entschied sich für einen leisen. Umso tiefer ist die Wirkung.

Renate Wagner

 

 

Filmstart: 25. November 2016
GB  /  2016
Regie: Stephen Frears
Mit: Meryl Streep, Hugh Grant, Simon Helberg u.a.

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Die Geschichte der Florence Foster Jenkins evoziert in sensiblen Menschen das Gefühl des Fremdschämens ebenso wie jenes des Mitleids. Lachen kann man wohl nur, wenn man von eher robustem Naturell ist.  Da hat sich eine alte Frau, die nie zur Erkenntnis ihrer selbst kam, als „Sängerin“ vor der Welt lächerlich gemacht. Und das Schlimmste daran: Niemand hat es ihr gesagt. Denn sie war reich. Und reiche Leute dürfen alles, dürfen erwarten, dass man sie anlügt, nur um ihnen den Schmerz zu ersparen, den jeder Normalmensch ertragen muss: Das kannst Du nicht, bis hierher und nicht weiter, sorry. Niemand sagte das zu Florence Foster Jenkins angesichts ihrer Millionen…

Und doch – ist es nicht tragisch, dass jemand berühmt wurde und blieb, weil die Welt ihn auslachte? FFJ als Lachnummer, als Witzfigur, als tragischer Clown kam auf die Bühne – man hatte in Wien schon dreimal Gelegenheit, sich für sie zu schämen. 2007 zeigte Vienna’s English Theatre die Fast-Solo-Show „Souvenir“ von Stephen Temperley, 2010 taten es die Josefstädter Kammerspiele, indem man Deisrée Nick mit diesem Stück als Gastspiel aus Berlin holte. „Solider“ ist das breit gefächerte Theaterstück „Glorious!“ von Peter Quilter, das nicht zuletzt die Zusammenarbeit der FFJ mit ihrem Pianisten Cosme McMoon zeigte – abgesehen von den Gesangsszenen, bei denen man sich schmerzlich wand: Maria Bill machte das (an der Seite von Til Firit als Pianisten) 2013 im Volkstheater sensationell. Das tat weh, und das sollte es auch.

Im Kino tut die Geschichte, eingebettet in allen Luxus, den das superreiche New York zu bieten hat (fast als wär’s ein Film von Scorsese), nicht weh. War es Regisseur Stephen Frears, der sich nicht dazu entschließen konnte und statt dessen die schönen Fassaden pinselte? Oder ausnahmsweise Meryl Streep, die, wie man weiß, „alles kann“ – aber hier konnte sie sich nicht überwinden, FFJ preiszugeben.

Die reiche Dame, die so unerschütterlich davon überzeugt ist, eine große Sängerin zu sein, die keine Ohren hat, wenn es um sich selbst geht, die sich für fähig hält, mit Opernarien (auch Koloratur!) sich öffentlich in der Carnegie Hall zu exponieren…

Nach Auftritten vor Freunden  im Ritz-Carlton-Hotel wagte sie es am  25. Oktober 1944 tatsächlich und gab ein öffentliches Konzert dort – mit 76. Sie ist in Gestalt von Meryl Streep ein kleines bisschen lächerlich, sie ist  auch ein wenig bedauernswert (wenn sie die Kritiken liest, die man um jeden Preis vor ihr verbergen will), aber immer in Maßen, immer im Rahmen ihrer Eleganz und Würde. Die wahnsinnige Sturheit, Besessenheit, Verblendung kommt in ihrer Tragik nicht heraus. Solcherart wirkt eine der grellsten, extremsten Geschichten, die man sich denken kann, ecken- und kantenlos. Hätte man je gedacht, dass man Meryl Streep nicht für eine Idealbesetzung halten könnte?

Wirklich ideal hingegen Hugh Grant als ihr Gatte, denn obwohl so britisch, so elegant, hat der Mann, der sie in jeder Hinsicht belügt (nicht nur, weil er sie betrügt), doch etwas an sich, das man auf Englisch „fishy“ nennt. Nicht ganz kosher. Untadelig, auch mit allen großen Eigenschaften von Mitleid und Großherzigkeit – aber nur, wenn man nicht genau hinsieht.

Dass Aida Garifullina – die  „Allerschönste“ unter den vielen Schönheiten der Dominique-Meyer-Staatsoper – einmal vor der Filmkamera landen musste, war unvermeidlich. Sie singt als Lily Pons die „Glöckchen“-Arie aus „Lakmé“, dramaturgisch aus dem einsichtigen Grund, um vielleicht naive Kinobesucher aufhorchen zu lassen – so kann das klingen? Aber im Vergleich zu Florence Foster Jenkins hätte wohl jede Durchschnittsstimme aus dem Kirchenchor glorios reüssiert…

Also, das ist Florence Foster Jenkins entschieden schaumgebremst. Da wäre schon noch einiges mehr drinnen gewesen.

Renate Wagner 24.11.16

Bilder (c) Constantin

 

 

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Regie: Dieter Berner

Mit: Noah Saavedra, Maresi Riegner, Valerie Pachner, Marie Jung u.a.

Es sah nach einem vorauseilenden Skandal aus, der einem Film über einen stets skandalumwitterten Künstler als Werbung durchaus wohl getan hätte, es wurde dann nur keiner: Als Facebook im Juli den Filmtrailer zu „Egon Schiele“ wegen „Nacktbildern“ sperrte, gab das keinesfalls den vom Verleih sicherlich erträumten Medien-Shitstorm. Inzwischen laufen die Trailer allerorten auf YouTube und auch in Facebook, und der Film, den Dieter Berner nach dem Roman & Drehbuch seiner Frau Hilde Berger über Egon Schiele gedreht hat, steht für sich allein.

Er ist allenfalls – neben Publikum und Kritik – Egon Schiele selbst verantwortlich, dessen Leben in einem sehr sauber gemachten, das Milieu schön auspinselndem „Biopic“ dargestellt wird, Berner kann schließlich seit Menschengedenken sein Handwerk. Das Problem liegt darin, wie glatt, gesäubert und damit verharmlost ein Künstler dargestellt wird, der nur aus den Extremen seiner Persönlichkeit zu begreifen ist.

Wenn heute sein Werk aus dem „Existenziellen“ her interpretiert wird, hat das natürlich seine Berechtigung – aber sich in einer Halbwelt zu bewegen, wo schnell hingekritzelte Nacktbilder (den Damen auch zwischen die Beine geschaut) Geld brachten, kann wirklich nicht dermaßen verharmlost werden. Warum legen wir eigentlich heuchlerisch bei großen Künstlern die „Unschuldsvermutung“ an, obwohl wir genau wissen, dass das Unsinn ist?

Egon Schiele also, der so jung und genial war und mit erst 28 (!) Jahren 1918 in Wien Opfer einer Grippewelle wurde. Bis dahin hatte er unfassliche rund 350 Gemälde und an die 3000 Zeichnungen und Aquarelle geschaffen. Der Film bietet als nahe liegende Rahmenhandlung das Sterben Schieles und seiner Frau in einer kalten Wohnung und in Rückblenden die Streiflichter seines Lebens. Wobei es, gemäß dem zugrunde liegenden Roman von Hilde Berger, um Schiele und die Frauen geht.

Eine stark und eifersüchtig an ihn gebundene Schwester (Maresi Riegner), die schon – ungeachtet ihrer beider Jugend – sein erstes Nacktmodell ist, wobei Inzest kaum sanft angedeutet wird. In einem Praterbordell, dem Nina Proll als strenge Herrin vorsteht, taucht die farbige Moa Mandu (Larissa Breidbach) als Bürgerschreck so unvermittelt in Schieles Leben auf, wie sie urplötzlich wieder verschwunden ist. Von Klimt (Cornelius Obonya) „erbt“ er dessen Modell Wally Neuzil (Valerie Pachner wirkt viel zu alt und schwer für diesen Inbegriff eines ausgebeuteten „süßen Mädels“), die Frau seines Lebens.

Dann, als er meint, nur durch eine bürgerliche Heirat einen einigermaßen angemessenen Lebensstil erlangen zu können, bandelt Schiele mit zwei Schwestern Harms in Hietzing an: Adele (Elisabeth Umlauft) lässt er fallen, was sie ihm begreiflicherweise übel nimmt, Edith (Marie Jung) heiratet er, was ihn mit seinem Lebensstil zwischen Nacktbildern und Nacktmodels in Bedrängnis bringt, aber nicht genug, um schwer wiegend zu sein – er ist davor gestorben.

Der Film bringt auch noch die Episode, als Schiele in Tulln der Verführung einer Minderjährigen angeklagt wird (als Richter waltet ratlos angesichts des Falls André Jung) – das Drehbuch weiß natürlich, dass er unschuldig ist, man kann es aber auch bezweifeln. Nebenbei wird der arme Künstler als Spielball der Sammler gezeigt, die ihn ausbeuten. Und all das durchschreitet der exotisch aussehende Burgenländer Noah Saavedra, der Schiele durchaus ähnlich (wenn auch viel hübscher ist), mit unbeweglicher Freundlichkeit. Was in ihm vorgeht – wer weiß? Hier erfährt man es nicht.

Fazit: Der junge Herr Schiele, dem man da auf der Kinoleinwand begegnet, hätte nie Bilder von solcher Kraft, Dämonie und Exzessivität schaffen können wie der originale Schiele, um den man sich hier herumdrückt… Bekommt man hierzulande ein Prädikat „besonders wertvoll“ dafür, einen bösen Buben zu einem braven Bubi gemacht zu haben?

Renate Wagner 7.10.16

Bilder (c) alamode

 

 

 

USA / 2016

Drehbuch und Regie: Oliver Stone

Mit: Joseph Gordon-Levitt, Shailene Woodley, Melissa Leo, Zachary Quinto, Tom Wilkinson u.a.

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Am 15. September dieses Jahres hätte man Regisseur Oliver Stone zu seinem 70. Geburtstag gratulieren können, aber das amerikanische Kinopublikum machte ihm kein Geschenk. Ganz im Gegenteil: Noch nie, so hieß es in den Pressemeldungen, hätte ein Oliver-Stone-Film einen so verheerend schlechten Start hingelegt wie „Snowden“ (8 Millionen Dollar am Weekend). Und dabei hatte Stone unendliche Mühe in die Entstehung gerade dieses Films investiert… Gleichzeitig behauptet Clint Eastwood mit seinem (um die Wahrheit zu sagen: grottenlangweiligen) Film „Sully“ über Wochen die Spitze der Charts (21 Millionen Dollar am Weekend). Und beides ist ganz leicht zu erklären…

Denn bei „Sully“ handelt es sich um einen „echten“ Helden, dem Unrecht geschehen ist, den Piloten Chelsey B. Sullenberger, der 2009 seine Passagiere rettete, indem er sein Flugzeug im Hudson River „parkte“, wofür ihm später der Prozeß (!) gemacht wurde. Ehrenrettung für einen Mann, der nicht biederer und treuherziger verkörpert werden könnte als von Tom Hanks.

Der heute 33jährige Edward Snowden hingegen ist neben Wikileaks-Gründer Julian Assange der berühmteste „Whistleblower“ der Welt, der die Machenschaften der USA, nämlich die ganze Menschheit zu „überwachen“, aufgedeckt hat: Donald Trump würde ihn hinrichten lassen, und vermutlich ist dessen Wählerschaft (also halb Amerika?) derselben Meinung. Und von den übrigen haben es überaus viele vermutlich doch für „unamerikanisch“ gehalten, das eigene Land dermaßen vor der Welt bloßzustellen. Die wenigen, die ihn in seiner Heimat bewundern, sind vermutlich ins Kino gegangen…

Und haben einen schönen, aber doch ziemlich glatten Politthriller gesehen, den Stone erst machen konnte, als er einen deutschen Produzenten fand: Kein Amerikaner hatte den Stoff angerührt. Die Entstehung des Films glich, glaubt man den vielen Zeitungsberichten, selbst fast einer Spionagegeschichte…

Oliver Stone (der Mann hat immerhin drei „Oscars“) hat sich in den Augen der US-Kinobesucher das falsche Thema ausgesucht. Das waren noch Zeiten, als er süffig von Wallstreet, JFK und Nixon berichtete, da durfte er auch kritisch sein. Heldenhaft und uramerikanisch war „World Trade Center“, die Verkitschung von 9 / 11. Lieber als einen Alexander-Schinken sah das Publikum von ihm eine griffig-brutale Rauschgift-Händler-Geschichte (Savages). Aber einen „Verräter“ zum Helden machen? Das geht in den Augen seiner Landsleute zu weit.

Und er hat einen Helden aus ihm gemacht, obwohl er keinen „schönen“ Hauptdarsteller wählte –Joseph Gordon-Levitt ist tatsächlich, was bei „Biopics“ so gut wie nie vorkommt, nicht so attraktiv wie der originale Snowden, den man am Ende des Films „he himself“ in seiner Moskauer Wohnung (wo er wohl sterben wird) sieht. Aber man glaubt Gordon-Levitt gleicherweise das Computer-Genie und den anständigen Charakter, der nach und nach einsieht, dass er bei der CIA und der NSA verbrecherischen Institutionen angehört, denen es auch auf Menschenleben nicht ankommt – von Menschenrechten gar nicht zu reden. Überwacht wird von den Amerikanern jeder – schuldig, nichtschuldig, verdächtig, unbeteiligt… einfach jeder.

Der Film manövriert sich auf die übliche Art und Weise geschickt durch eine Story, die als Polit-Thriller höchst attraktiv verkauft wird. Hongkong, Luxushotel „The Mira“, ein Hotelzimmer, der Mann, der sich den Journalisten des britischen „Guardian“ anvertraut, die Dokumentarfilmerin Laura Poitras (Melissa Leo) sowie Glenn Greenwald (Zachary Quinto) und Ewen MacAskill (Tom Wilkinson). Ihnen stellt er die zahllosen geheimen Unterlagen zur Verfügung, die er (nicht ohne Gefahr für Leib und Leben) aus den Computern der NSA kopiert hat.

Dann Rückblenden – das Computergenie, das ursprünglich ein braver US-Soldat sein wollte, aber an dem harten Training scheiterte. Der dann zur CIA kam – dort ist dann Corbin O’Brian (ein sehr versnobter, zynischer Rhys Ifans) sein Chef und der enttäuschte Programmierer Hank Forrester (Nicolas Cage, einmal in einer totalen Nebenrolle) sein Kollege.

In einer dick und viel zu ausführlich gezeichneten Liebesgeschichte, wo Shailene Woodley als Snowdens Freundin Lindsey Mills von geradezu penetranter Präsenz ist, will Stone auf simple Art, die Wandlung des ursprünglich brav konservativen Snowden zu den liberalen Anschauungen seiner Gefährtin darstellen.

Auslandseinsätze zeigen die CIA in ihrer schlimmsten Art und Weise, Informationssammlung durch Erpressung und Manipulation, Mord wird achselzuckend als nötig hingenommen. Dann merkt Snowden nach und nach (Oliver Stone erzählt es so, dass auch kleine Kinder es kapieren), wie unverantwortlich die Abhörtechniken der NSA (National Security Agency, doppelt so groß wie die CIA) sind. Irgendwann, gerade als er im „paradiesischen“ Hawaii lebt, hält er es nicht mehr aus – die Welt muss es wissen, sagt er.

Die Folgen – dramatische Flucht, Stranden in Rußland – werden eher kurz behandelt, bis dahin war es die simpel gestrickte Hochglanzgeschichte eines „ehrenwerten Mannes“. Man würde keinen Weltklasseregisseur hinter dem Unternehmen vermuten.

Was bleibt von der Geschichte? Das Wissen um die totale Überwachung – und die Hilflosigkeit des Einzelnen, etwas dagegen zu tun. Und traurige Wirklichkeit für Snowden, der immerhin sein Leben aufgegeben hat, um die Wahrheit zu verbreiten: Wie einst die englischen Spione Philby und Co. besteht seine grausame Strafe darin, dass er vermutlich den Rest seines Lebens (und das kann noch lang sein) in Rußland verbringen muss. In Putins Rußland. Die Hoffnung, dass Obama ihn, den Staatsfeind Nr. 1, noch rasch begnadigen würde (Clinton oder Trump werden es vermutlich nicht tun), hat sich erledigt – zumal Obama in dem Film nicht sehr gut wegkommt. Man erinnert sich daran, dass er sogar Angela Merkel, die große Verbündete, abhören ließ…

Irgendwie unfassbar, in welcher Welt wir heute leben. Immerhin das macht Oliver Stones Film klar.

Renate Wagner 2.10.16

Bilder (c) universum Film

 

 

 

Deutschland / 2016

Drehbuch und Regie: Cordula Kablitz-Post

Mit: Katharina Lorenz, Nicole Heesters, Matthias Lier, Katharina Schüttler, Petra Morz, Julius Feldmeier, Alexander Scheer, Philipp Hauß u.a.

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Man kennt ihren Namen, hat ihn zumindest vage schon gehört, wenn auch die meisten Menschen vermutlich keine konkrete Vorstellung mit ihr verbinden: Tatsächlich teilt Lou Andreas-Salomé das Schicksal vieler Frauen, nur als Anhängsel berühmter Mann im Bewusstsein zu leben.

Der legendäre, von allen am liebsten zitierte Spruch Nietzsches, „Wenn du zum Weibe gehst, vergiss die Peitsche nicht!“, wurde durch ein Foto illustriert, das ihn, Lou und Paul Rée zeigt, wobei es die Dame ist, die die Peitsche hält und die beiden Herren vor ihren Karren gespannt hat…

An diesem Foto erkennt man auch, warum bei der Verfilmung von Lous Schicksal durch Cordula Kablitz-Post (die vor 13 Jahren mit ihrem Spielfilm „Sophie!!!“ erfolgreich war, ohne dass man die Regisseurin in der Folge wahrgenommen hat) Burgschauspielerin Katharina Lorenz für die „mittlere Lou“ gewählt wurde, denn da besteht optische Ähnlichkeit – wenngleich die spröde Ausstrahlung der Darstellerin nicht unbedingt mit der Faszination Hand in Hand geht, die man Lou nachsagt.

Tatsächlich folgt das Drehbuch klassischerweise dem Lebensweg, wobei die „alte Lou“, die mit der schillernden Nicole Heesters ideal besetzt ist, für die relativ ausführliche Rahmenhandlung steht. Lou, in den dreißiger Jahren vergessen in Göttingen lebend, betreut von ihrer Haushälterin (verschlossen, Lou beschützend: Katharina Schüttler), die eigentlich ihre Adoptivtochter ist (der Film deutet an, sie wäre Lous Tochter, was in der Realität nicht stimmt).

Es ist erwiesen, dass der junge Germanist Ernst Pfeiffer damals zu Lou kam, noch in ihrer Eigenschaft als Psychoanalytikerin, aber dass er Gesprächspartner, Vertrauter, Mitarbeiter und Nachlassverwalter wurde. Matthias Lier, der Darsteller des Pfeiffer, ist optisch und vom Talent her eine Neuausgabe von Ulrich Tukur und/oder Heino Ferch, still in der Erscheinung, stark in der Ausstrahlung. Das gibt der Rahmenhandlung zusätzlich Kraft.

Zurückgeblendet wird in die Kindheit der seltsamen, 1861 in St. Petersburg geborenen Lou von Salomé, Tochter aus wohlhabender russischer Adelsfamilie, die Eltern Immigranten-Nachkommen (Lou wuchs mit drei Sprachen auf, neben Russisch wurde in der Familie Deutsch und Französisch gesprochen) – in einer Miniszene darf Peter Simonischek den verständnisvollen Papa der seltsamen kleinen Tochter spielen, während Petra Morzé als konventionelle Generalin im Leben der Tochter bis zu ihrem eigenen Tod (1913) zumindest so weit präsent war, dass sie ihr mit reichlich Geldzuschüssen ein Leben relativer „Freiheit“ ermöglichte. (Auch das muss man bedenken, dass der Entschluss, als unabhängige Intellektuelle zu leben, erst einmal von jemandem finanziert werden musste.)

In einer Welt, in der Sigmund Freud um die Jahrhundertwende die Existenz des Unterbewusstem bewusst machte, sind frühe sexuelle Erlebnisse durch einen aufdringlichen Hauslehrer prägend, erklären den lange durchgehaltenen Abscheu vor sexueller Vereinigung. Lou, die sich nur geistigen Interessen widmen wollte und ihre persönliche, von Religion, von Männern und von gesellschaftlichen Zwängen unabhängige Freiheit entschlossen durchsetzte, ist in der Folge der Inbegriff der emanzipierten Frau, die keinerlei Schranken, die sich ihrem Geschlecht entgegenstellen, anerkennt.

Ironischerweise konnte sie nicht verhindern, dass Männer (noch dazu berühmte) in ihrem Leben eine besondere Rolle spielen – der Weg führte über Zürich nach Rom, wo sie bei Malwida von Meysenbug (Ruth Reinecke) erst einmal den Philosophen Paul Rée kennen lernte (Philipp Hauß, demnächst der „Tasso“ des Burgtheaters), durch diesen wiederum Friedrich Nietzsche (Alexander Scheer). Dass das Verhältnis der drei schlechtweg durch „Seltsamkeit“ gekennzeichnet war (beide Männer machten ihr Heiratsanträge, beide lehnte sie ab), wird in dem Film von Cordula Kablitz-Post gänzlich klar (sie schrieb zusammen mit Susanne Hertel das Drehbuch, ziemlich korrekt an den historischen Tatsachen entlang). Der unsexuelle Dreibund (in dessen Rahmen in Luzern das berühmte Peitschen-Foto entstand), währte nicht allzu lange, scheiterte wohl nicht zuletzt an Nietzsches berüchtigter, besitzergreifender Schwester Elisabeth (Katrin Hansmeier) – kreischender Krach zwischen den Frauen.

Zu den Rätseln von Lous Leben zählte wohl, dass sie 1887 eine Josefsehe mit dem Orientalisten Friedrich Carl Andreas einging (Merab Ninidze macht klar, dass dieser Mann auch nicht mit gewöhnlichen Maßstäben zu messen ist). Inzwischen hatte Lou auch eine Karriere als Romanschriftstellerin eingeschlagen und kam in den Kreis von Sigmund Freud (Harald Schrott), aber über Jahre hinweg entscheidend wurde für sie 1897 die Begegnung mit dem um 14 Jahre jüngeren Rainer Maria Rilke (Julius Feldmeier) – eine Amour Fou zwischen einem exzentrischen jungen Dichter und einer Frau, die mittlerweile ein Aushängeschild der Frauenbewegung war – und die offenbar erst hier sexuelle Leidenschaft entwickelte.

Mit der nur noch vage geschilderten Beziehung zu Friedrich Pineles (Daniel Sträßer) schwingt die Geschichte, die immer wieder stückweise in Rückblenden erzählt wird, langsam aus, als Lou dann als Psychoanalytikerin – dem Freud-Kreis verbunden – seßhaft und weniger interessant wird. „Schillert“ ein Frauen-Schicksal nur, wenn es im Zusammenhang mit Männern erzählt werden kann?

Cordula Kablitz-Post erlaubt sich keine filmischen Experimente auf Kosten ihrer Figur, der sie allen Respekt zollt (eher geraten die Männer schrullig – aber sie waren es auch!). Sie betont das „historische“ Element bei den Rückblenden höchstens durch einen formalen Trick – Postkarten von anno dazumal werden filmisch lebendig. Allerdings hat man das Gefühl, dass man zwar vielan äußerem Lebensweg mitbekommt, aber nicht zu Lous Wesen vordringt: Wie sie eigentlich war, weshalb sie so faszinierte – das wird nicht klar. (Liegt es daran, dass die Hauptdarstellerin über weite Strecken unlebendig, wie eine trübe Tasse wirkt?) Dabei haben sich alle so bemüht, sie als die besondere Frau auszustellen, die sie zweifellos gewesen sein muss…

Renate Wagner 12.9.16

Bilder (c) Wild Bunch Germany

 

 

 

Schweden, Finnland, Deutschland, Frankreich, Kanada /   2015

Regie: Mika Kaurismäki

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Mit: Malin Buska, Sarah Gadon, Michael Nyqvist, Martina Gedeck, Peter Lohmeyer

Schwedens Königin Christine (1626-1689) hat schon in hohem Maße das Interesse der Mitwelt, wie sehr erst das der Nachwelt erregt. Kunststück, ist sie doch eine „Aussteigerin“ erster Ordnung in Zeiten, als das absolut unüblich war. Sie hat schier Undenkbares unternommen: Nachdem sie als sechsjähriges Kind zur Königin von Schweden erklärt wurde, nachdem ihr Vater, der legendäre Gustav Adolf im (später so genannten) Dreißigjährigen Krieg gefallen war, entsagte sie 1654 mit Ende 20 dieser Bürde, wandte dem kalten Norden den Rücken und ging nach Italien, um dort bis zu ihrem Tod zu leben (im Palazzo Corsini in Rom kann man ihr Sterbezimmer besichtigen).

Schlimmer noch, die Frau, deren Land den rigiden Protestantismus repräsentierte, konvertierte auch noch zum Katholizismus (übrigens auf der Durchreise – bei uns in Innsbruck). Skandal schon damals, Futter nicht nur für Klatsch und Tratsch der Zeitgenossen, sondern auch später für seriöse Biographien, zahllose historische Romane und viele Filme.

Die berühmtesten davon hatten große Skandinavierinnen für die Titelrolle zu bieten: 1933 war die Schwedin Greta Garbo die Königin, hier in Liebe zum spanischen Gesandten verstrickt, während 1974 die Norwegerin Liv Ullmann in Rom einen Kardinal liebte… Mag alles sein, aber dass die Königin jedoch starke lesbische Neigungen empfand, ist bekannt, wird aber erst in dem neuesten Film über sie thematisiert. Die typisch europäische Co-Produktion, zu der sich Schweden, Finnland, Deutschland und Frankreich noch Kanada dazugeholt haben, kann mit Ausnahme von Michael Nyqvist (bekannt aus der schwedischen Verfilmung von Stieg Larssons Millennium-Trilogie) mit keinen großen Namen prunken: Co-Partner Deutschland durfte noch Peter Lohmeyer als Bischof von Stockholm, vor allem aber Martina Gedeck als Christinas deutsche Mutter Maria Eleonora von Brandenburg beisteuern, eine Studie der Hysterie, die jede Tochter nerven würde…

Regisseur Mika Kaurismäki, zwei Jahre älter, aber weit weniger berühmt als Bruder Ari, erzählt – entgegen der Tradition – von Christinas jungen Jahren, das kleine Mädchen, das von den mächtigen Herren am Hof auf den Thron gehievt wird, um „König“ zu sein. Mit ihrer Abreise nach Italien endet das Geschehen, das an sich als veritabler, atmosphärische Kostümfilm daherkommt (man lernt beim Zuschauer in der nordischen Kälte frieren), der aber die Psychologie der Figuren mit harter politischer Realität durchwirkt.

Nur eines, das muss man gleich sagen, gelingt auch hier nicht: Wirklich klar zu machen, warum Christina abgedankt ist. Andererseits vermochte das auch noch keine Biographie zu klären, und so mag man sich mit den vielen kleinen Steinchen begnügen, die sich zu einem Mosaik der Motivationen zusammen setzen…

Die knapp über 30jährige, dunkelhaarige schwedische Schauspielerin Malin Buska spielt, nach kurzen Kinder-Episoden der kleinen Christine, die Königin vom jungen Mädchen bis zur Abdankung. Die strengen Herren des Rates ließen sie gut erziehen, ohne zu bedenken, dass eine begabte, interessierte, intelligente junge Frau (sie holte sich doch tatsächlich René Descartes – Patrick Bauchau – an den Hof) dann auch über den Tellerrand hinaussieht. Erkennt, dass es andere Welten gibt als jene des düsteren Protestantismus bei ihnen im hohen Norden. Hoffnungslos eingekreist in einer Welt, die ihr keinen Freiraum bietet. Sie erkennt auch, dass ihre Ambitionen, selbst zu regieren, immer beschränkt sein werden (vor allem von Kanzler Axel Oxenstierna – Michael Nyqvist), und dass man sie eines Tages zwingen wird, ihren Cousin zu heiraten, um das Königinnen-Schicksal der Nachfolge zu erfüllen…

Warum sie das nicht wollte, wird an ihrer Liebesgeschichte mit ihrer Hofdame Ebba Sparre klar (die süße blonde Kanadierin Sarah Gadon zwischen Unschuld und Weibchenhaftigkeit). Darüber gemunkelt wurde immer, wie weit sie gegangen ist, weiß niemand genau, hier wird eine veritable, ausgespielte, aber nie geschmacklose lesbische Liebesgeschichte daraus, die viel Widerstand fand und die Geliebte in eine Ehe trieb: Auch Christina weiß bei aller persönlicher Aufgeklärtheit doch nicht, wie weit sie in ihrer Stellung ihre Bedürfnisse ausleben darf…

Ja, und da kann man es dann doch verstehen: Dass eine junge, gebildete, auf die Welt neugierige junge Frau der kalten Männerwelt ihren König gibt (Abdankung zu Gunsten des Cousins) und sich selbst die Freiheit nimmt, in sonnigeren Gefilden das Leben einer reichen unabhängigen Frau zu führen.

Das, wie gesagt, zeigt dieser Film nicht. Aber er führt, vor allem dank der Hauptdarstellerin, einigermaßen glaubhaft diesen Weg vor, der immerhin einen Vorteil hat: Man weiß, so ist es gewesen. Im Detail mag es anders gelaufen sein, aber in den Grundzügen stimmt’s… Wer ein bisschen etwas für Geschichte und andere Welten übrig hat, wird das alles sehr interessant finden.

Rernate Wagner 22.8.16

Bilder NFP

 

 

 

Deutschland / 2016

Drehbuch und Regie: Maren Ade

Mit: Sandra Hüller, Peter Simonischek, Michael Wittenborn u.a.

TRAILER

So viel Wirbel wie um „Toni Erdmann“ hat es für einen deutschen Film seit langem nicht gegeben, und da der umjubelte Hauptdarsteller Österreicher ist (Burgschauspieler Peter Simonischek, gebürtiger Grazer), hat die Begeisterung auch auf Österreich über gegriffen. In Cannes lag man den Filmemachern zu Füßen, es gab zwar nicht den Hauptpreis, andere und seither weitere Preise. Vielleicht ist diese Hektik um das zweidreivierelstündige Werk doch nicht ganz berechtigt.

Erzählt werden die Geschichte einer Tochter und eines Vaters, welche von beiden dominiert, vermöchte man nicht zu sagen, aber immerhin ist „Toni Erdmann“ der Titelheld, also blickt alles auf ihn. Eigentlich heißt der Herr Winfried Conradi, Mitte 60, gibt Klavierstunden, tritt bei Kindergeburtstagen als Clown auf, ist für seine Familie, von der er sich weitgehend abgekoppelt hat, zu unkonventionell, und als sein Hund stirbt, hält ihn zuhause nichts mehr. Seine Tochter Ines, Ende 30, offenbar hoch erfolgreiche Erscheinung des Geschäftslebens, macht einen der schnellen Pflichtbesuche zuhause, bevor sie gleich wieder zu einem Geschäftstermin nach Bukarest abzischt…

Ines arbeitet für eine jene Unternehmensberatungen, die nur zur „Flurbereinigung“ da sind, Kündigungen, Umstrukturierungen, den reichen Konzernen Geld sparen und Gewinne maximieren, die armen Menschen dafür opfern. Im Wirtschaftsleben die Widerlichsten, Verhasstesten von allen. Da „freut“ man sich fast zu sehen, dass diese brutale Machtausübung mit persönlicher Machtlosigkeit Hand in Hand geht, dass die Unternehmensberater peinlich denen gefallen müssen, die sie engagieren und bezahlen, dass das von außen her so chice Management eine einzige Schule der Demütigung, des Sich-Verbiegens, des Arschkriechens ist… Und dabei soll man, in immer wechselnden sündteuren Hosenanzügen, „Bella Figura“ machen und sich möglichst nichts anmerken lassen.

Würde Drehbuchautorin / Regisseurin Maren Ade nur diese Geschichte von Ines erzählen, mit den vielen Peinlichkeiten des Alltags, mit Chefs, Kollegen, hartem Agieren unter Tags und nötigem „Socialising“ am Abend, sie hätte einen höchst bemerkenswerten Film aus der Arbeitswelt gedreht, um den sich vermutlich niemand gekümmert hätte, so schmerzhaft wahr er auch ist. Dennoch ist dieser Teil der Rolle der Ines, ist dieser Teil des Films die Glanzleistung der Sandra Hüller und die unanfechtbare Stärke des Ganzen.

Denn wenn Papa Conradi spontan beschließt, der Tochter nach Bukarest nachzufahren, eine alberne Perücke aufsetzt, sich falsche Zähne aufsteckt (mit denen er sonst bei den Kindergeburtstagen reüssiert und das Kopfschütteln der Erwachsenen daheim erntet) und sich „Toni Erdmann“ nennt, wenn er sich nun ganz unverschämt in ihre Geschäftswelt schiebt, dann ist das natürlich ein köstlicher Drehbucheinfall – mit Realität, die auf anderer Ebene so großartig beschworen wird, hat es nichts mehr zu tun. Zumal angesichts der vielen Verrücktheiten, die sich Maren Ade ausdenkt und die letztlich nur Künstlichkeit beschwören.

Natürlich, da ist Peter Simonischek als zähnebleckender Toni, der eigentlich gar nicht weiß, was er der Tochter mit seiner peinlichen Präsenz antut. Simonischek ist gänzlich unaggressiv, er hat sogar eine leise Traurigkeit, und er versprüht zweifellos Charme, aber nicht den eines brillanten Spitzbuben – er ist einfach liebenswert. Das macht das Unmögliche dann doch möglich.

Was erzählt werden soll? Wie die Herausforderung des unkonventionellen Papas die Tochter nach und nach dazu bringt, sich zu verändern? Bis sie beispielsweise, am Rande des Nervenzusammenbruchs, sich ein viel zu enges Kleid wütend vom Leib zerrt und aus ihrer Abendeinladung eine „Nacktparty“ macht (was ebenso wenig zu ihr zu passen scheint wie die absolut perverse Sexszene mit einem Kollegen, bei der Petit Fours eine unappetitliche Rolle spielen). Auch das Drehbuch wird immer extremer, wenn Papa sich in einem riesigen Zottelbärfell versteckt…

Letztlich glaubt man nur die Schlusswendung: Dass Ines zwar ihren Job in ihrer derzeitigen Firma verliert, dazu ist einfach zu viel passiert, aber am Ende verkündet, sie trete demnächst in Singapur ihren Stellung bei McKinsey an – und die sind ja nun in Sachen Unternehmungsberatung die Allerschlimmsten und Allerrücksichtslosesten… Findet Maren Ade hier den Boden der Realität wieder unter den Füßen, der ihr einen großen Teil des Films hindurch einfach allzu schwankt? Denn wann ändert sich ein Mensch wirklich, was hätte man vom Auftreten des Toni Erdmann in Ines’ Leben sonst konventionellerweise erwartet? Die Einsicht, ihr Geld auf miese Art zu verdienen, hatte sie immer. Dass sie es zu ändern wünschte – das nun doch nicht…

Neben der absoluten Künstlichkeit der Geschichte, die so phantastisch gespielt (und solcherart gerettet) wird, leidet Maren Ade unter noch einem Fehler: Sie weiß nie, wann es genug ist. Immer wieder versäumt sie den wirkungsvollen Schnitt und setzt noch irgendetwas drauf (das dann im stummen Spiel kaum zu erspielen sein). Sie walzt und walzt und walzt, und wenn Toni Erdmann etwa bei einer Familienfeier unter heimischen Rumänen noch Klavier spielen und Ines am Ende noch singen muss – dann rast sie in jeder Hinsicht zu weit ins Kitscheck. Maren Ade vergisst auch, rechtzeitig aus der Geschichte auszusteigen – das „Nachspiel“ (wieder zuhause beim Großmutter-Begräbnis) könnte sie sich als Antiklimax total schenken, zumal ihre rätselhafte Schlusspointe nichts bringt.

Aber keine Frage, die Künstlichkeit, die dem Drehbuch in dieser Besprechung angekreidet wird (weil sie sich so stark mit der Echtheit der Berufswelt konfrontiert), hat dem Film zweifellos das allgemeine Entzücken eingetragen: Ist das der Traum, aus der Reihe zu tanzen, Leute zu brüskieren, sich gänzlich unkonventionell zu benehmen, der hier für viele Betrachter eine Art Wunscherfüllung findet?

Renate Wagner 14.8.16

Bilder (c) NFP

 

 

 

The Man Who Knew Infinity / GB / 2015 
Regie: Matt Brown
Mit: Dev Patel, Jeremy Irons, Toby Jones, Jeremy Northam, Stephen Fry u.a.

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Es gibt Begabungen, für die es keine Erklärung gibt, und die so außerordentlich sind, dass die Mitmenschen nur zu den Begriffen „Genie“ oder gar „Gottesgabe“ Zuflucht nehmen können. Und da sucht sich Gott dann nicht nur jemanden aus, der unbedingt „passt“ (wie der kleine Musikersohn aus Salzburg) – da schüttete er die Gabe eines Verständnisses für Höhere Mathematik auch an einen Inder aus dem bescheidenen indischen Bundesstaat Tamil Nadu aus.

Briten und Inder haben lange daran gearbeitet, um Srinivasa Ramanujan (1887-1920) jenes filmische Denkmal zu setzen, das er verdient – BBC berichtete schon 2006 von dem Projekt, knapp zehn Jahre später kam es dann doch zur Welt – und ist ein Meisterstück von Regisseur / Drehbuchautor Matt Brown geworden, den man eigentlich nicht kennt. Er hat es geschafft, sowohl die drei Persönlichkeiten, um die sich die Geschichte dreht, plastisch zu machen – wie auch das Thema an sich, die „Mathematik“, als etwas Faszinierendes hinzustellen.

Ramanujan – hinreißend dargestellt von Dev Patel, dem unvergessenen „Slumdog Millionär“ – wird zuerst in seiner Jugend in Indien gezeigt. Wie kann ein solches Talent, das Heft um Heft mit Formeln füllt, die keiner versteht, Verständnis finden? Bei einem reichen Briten (Stephen Fry als Sir Francis Spring) darf er gerade Buchhaltung machen: Man rät ihm, doch pro forma den Abakus zu benützen, damit er nicht zu sehr auffällt, aber bei ihm geht jede Rechenoperation natürlich im Kopf viel schneller. (Nebenbei haben auch Ehefrau und dominierende Mutter ihre Rolle im indischen Teil von Ramanujans Geschichte.)

Das ist kein Drehbuch, sondern ein echtes Schicksal, also kann man eigentlich nur dankbar sein, dass einer der vielen Briefe, die Ramanujan nach Cambridge an G. H. Hardy, den berühmtesten Mathematiker seiner Zeit, schrieb, von diesem geöffnet wurde. Der hielt ihn zuerst für einen Scherz (die Briten neigen zu dergleichen) seines ebenbürtigen Kollegen John Edensor Littlewood, aber dieser leugnete. Gemeinsam setzten sie sich über die Formeln, die nur sie verstehen konnten – und tatsächlich wurde Srinivasa Ramanujan nach Cambridge eingeladen, wo er sich von 1914 bis 1919 am Trinity College aufhielt.

Der Film zeigt ziemlich schonungslos den englischen Rassismus auf – Indien, die Kronkolonie, war eigentlich nur dazu gedacht, die Briten reich zu machen, nicht, selbständig Menschen zu produzieren, die Anspruch erhoben, sich gleichwertig neben den Herrenmenschen zu bewegen. Demütigungen und Ausgrenzungen blieben Ramanujan nicht erspart. Aber er konnte auch mit G. H. Hardy zusammen arbeiten (Littlewood holten die Briten in den Ersten Weltkrieg, damit er ihnen die Positionen der Kanonen mathematisch berechnete), und die beiden müssen – Hardy als strenger Lehrer, Ramanujan als Genie, das gezwungen wurde, seine aus der Luft gegriffene mathematische Inspiration auch zu beweisen – gemeinsam Großartiges geleistet haben. Sagen die Fachleute, und man glaubt ihnen natürlich, weiß man es doch selbst nicht.

Gehen wir davon aus, dass die meisten Menschen froh sind, ihre Mathematik-Matura geschafft zu haben, und, wenn sie nicht gerade bei Versicherungen, Steuerberatern oder in Buchhaltungen landen, am liebsten gar nichts mehr von Mathematik hören wollen. Will sagen: Die meisten von uns haben keine Ahnung, was die Leute da oben auf der Leinwand besprechen. Und doch schafft es dieser Film, dass man der Geschichte mit selten erreichter Faszination folgt. Nicht nur den privaten Aspekten, wobei vor allem Jeremy Irons als Hardy, aber ebenso Toby Jones als John Edensor Littlewood differenzierte Meisterleistungen von denkenden Menschen liefern. Als Durchschnittsmensch ist man froh, in Gestalt von Jeremy Northam dem verständnisvollen Bertrand Russell in Cambridge zu begegnen – diesen, der als Philosoph weltberühmt wurde, kennt man wenigstens…

Kann man sich seit langer Zeit an ein schöneres, tiefer gehendes Biopic erinnern als an diese Geschichte des so früh, mit 33 Jahren verstorbenen Genies, der Inder in England? Nein!

Renate Wagner 12.7.16

Bilder (c) Wild Bunch Germany

 

GB  /  2015  
Regie: Ben Wheatley
Mit: Tom Hiddleston, Jeremy Irons, Sienna Miller, Luke Evans u.a.

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Keine Frage, diese Geschichte spielt irgendwann in der Zukunft. Keine Frage, das ist auch eine Art von Thriller. Aber das Seltsamste an diesem Film ist die Tatsache, dass er einem so möglich vorkommt. So „lebensnah“ – weil man sich gut vorstellen kann, wie Menschen, zumal, wenn sie den „höheren Klassen“ angehören, in Ghettos unter ihresgleichen leben und dort die seltsamsten Rituale abgehen…

Autor J. G. Ballard, von Sci-Fi-Fans hoch geschätzt, schrieb 1975 „High Rise“, im Deutschen als „Der Block“ bzw. in einer späteren Ausgabe als „Hochhaus“ übersetzt. 40 Stockwerke ist das Haus in London hoch, und nicht jeder kann sich eine Wohnung „oben“ in dieser Welt für sich leisten, wo Bäder, Restaurants, Supermarkt und andere Angebote dafür sorgen, dass man eigentlich gar nicht mehr in die Außenwelt gehen müsste (wie es ja in den „Clubs Med“ längst praktiziert wird – wenn auch nur in den Ferien).

Hauptperson ist der Arzt Dr. Robert Laing, verkörpert von Tom Hiddleston, der im Moment immer wieder als „der nächste James Bond“ genannt wird, was für die gestiegene Popularität des derzeit 35jährigen spricht – sein tückischer Gott Loki in „Thor“ war vor fünf Jahren sein Durchbruch (er verkörperte die Rolle noch zweimal), Woody Allen besetzt ihn in der Nebenrolle des Scott Fitzgerald in „Midnight in Paris“, im historischen Horror „Crimson Peak“ war er Hauptrollen-Held, und hier ist er es wieder, mit der Fähigkeit, mühelos einen Film zu tragen. Er spielt den durchaus sympathischen Normalmenschen, der (stellvertretend für den Zuschauer) in die seltsame Welt des Hochhauses hinein gleitet, bis es kein Zurück mehr gibt…

So lange man es nur mit hübschen, vielleicht ein wenig freizügigen Nachbarinnen, die aussehen wieSienna Miller, zu tun hat, bewegt sich alles sozusagen noch in der Welt des Üblichen. Manche Leute sind ein bisschen seltsam wie jener Architekt Anthony Royal, der den Gebäudekomplex errichtet hat (wenn Jeremy Irons auftaucht, glitzert Schauspielkunst), aber auch das geht noch als normal durch. Es gibt eine Menge Partys und Unterhaltungen, an Luxus fehlt es oben nicht, aber eine gewisse Unsicherheit ist stets festzustellen. Die Geschichte ist personen- und handlungsreich, driftet auch nach und nach aus der Normalität. Auch wird klar, dass das soziale Gefälle mit den Stockwerken des Hauses wandert – Lainge, der im 25. Stock wohnt, gehört quasi zum „Mittelstand“, der immer wieder bei denen „da oben“ gefragt ist. Je höher, desto reicher und eleganter, je tiefer, desto ärmer und proletarischer.

So wird das Haus, in dem immer wieder dies und jenes nicht funktioniert (die Aufzüge, die Müllbeseitigung), so dass sich zunehmend Spannungen zwischen den Bewohnern zeigen, schlicht und einfach zum Abbild der Gesellschaft, nur dass in der Literatur (bzw. jetzt im Kino) alles viel schneller geht, viel deutlicher ausfällt und letztlich viel fataler, nämlich letztendlich apokalyptisch ausgeht…

Es gibt seltsame Tode, Gruppen rotten sich zusammen, grimmige Feindschaften werden gepflegt, und schließlich hat man den gesellschaftlichen Verfall, der sich nicht nur im Zerbröckeln des Hauses, sondern auch in den sich negativ verändernden Persönlichkeiten spiegelt. Dabei wird die Geschichte immer absurder, alptraumhafter und erschreckender.

Dass Regisseur Ben Wheatley bisher vordringlich im Horror-Genre tätig war, bewährt sich angesichts dieses anspruchsvollen Drehbuchs durchaus, kann er doch die Unsicherheit, die Ungewissheit der Situation,  die den Zuschauer beunruhigt und zugleich neugierig macht, perfekt steigern und alle Beteiligten Schritt für Schritt in den Wahnsinn einer untergehenden Welt hineinspazieren lassen… Das hat schon etwas von einer Warnung.

Renate Wagner 4.7.16

(c) DCM Film

 

 

Angry Indian Goddesses  /  Indien  /  2015
Regie: Pan Nalin
Mit: Sarah-Jane Dias, Tannishtha Chatterjee, Amrit Maghera u.a.

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Sie werfen ihre Haare und kreischen, sie überschlagen sich, einander zu begrüßen und zu umarmen und schnattern dann gleich hinter jeweils dem Rücken von Abwesenden über die andere – kurz, die Damen könnten auch in irgendeiner amerikanischen Stadt leben, sie würden sich nicht anders verhalten und trügen ähnliche Shorts und leichte Blusen. Würden genau so klatschen, trinken, Musik hören, abhängen und die Kinder (eine hat ihr kleines Mädchen mit) beiseite lassen… Fast ein bißchen nervtötend, diese allgemeine Hektik.

Ist das Indien, normale junge Frauen von heute, weit entfernt vom Bollywood-Kitsch? Nicht ganz. In den „7 Göttinnen“, was ein sehr schlechter deutscher Titel ist für „Angry Indian Goddesses“, die zornigen indischen Göttinnen (da steht doch die große Kali dahinter, Bollywood-Schönheiten sind nicht gemeint), blättert Regisseur Pan Nalin viele, fast zu viele Themen auf – aber Indien ist mehr als ein großes Land, es ist eine Welt für sich, erschüttert von Problemen, die in ihrer Radikalität auch immer wieder den Weg in die westliche Presse finden.

Wenn die Fotografin Frida ihre Freundinnen zu sich nach Goa holt, Treffen im großen Haus des abwesenden Vaters, ganz geheimnisvoll zuerst, dann mit der Ankündigung, dass sie heiraten werde (ohne die längste Zeit zu sagen, wen), merkt man in diesem fast männerlosen Film (nur der Freund einer der Frauen taucht ganz kurz auf und zeigt Anteilnahme an der zum „Mädelstreffen“ abgetauchten Freundin), dass hier die Frauen- und die Männerwelten geradezu radikal getrennt sind.

Wer kommt hier? Der Damenreigen ist (wie es die Dramaturgie verlangt) breit gefächert, eine eiserne Geschäftsfrau, die dauernd am Handy hängt und sich von ihrer Fabrik unabkömmlich fühlt, ebenso wie eine unglücklich verheiratete, wegen ihrer Kinderlosigkeit von der Familie des Mannes gequälte junge Frau oder eine Engländerin, die in Bollywood-Filmen Fuß fassen will und gereizt ist, wenn man sie auf ihren Akzent in der Hindi-Sprache aufmerksam macht. Eine Szene von Dreharbeiten dort zeigt zu Beginn, wie im Kino die Frauen die wehrlosen Opfer starker Männer werden… und wie eine Schauspielerin, die sich dagegen wehren will, nur Kopfschütteln erntet.

Nun werden einerseits hier Schicksale abgehandelt, wobei der erste „Höhepunkt“ der Handlung darin besteht, dass Frida sich als Lesbe outet und ihre Geliebte heiraten wird – kein Wunder, dass ihr traditioneller Vater sich weigert, an der Hochzeit teilzunehmen.

Dass nicht alles so kreischend heiter ist, dass es hier nicht um ein weibliches Buddy-Movie geht, zeigt sich an den Tragödien, die die Damen aufblättern (wobei die Dienerin mit einem Revolver herumläuft, weil der Mord an ihrem Bruder in einer Männergesellschaft nie gerichtet werden wird). Und Zusammenstöße mit einer Männergesellschaft, für welche Frauen (zumal, wenn sie sich nicht züchtig verhüllen) offenbar eine einzige Herausforderung zur Gewalt darstellen, spitzt sich dann zur Tragödie zu. Indien, das Land der Vergewaltiger, steht am Pranger – am Ende ist eine der Frauen tot, hat sich am Strand nur ein wenig von den anderen wegbegeben, wurde zum Opfer, vergewaltigt und ermordet.

Freilich, an ihrem Sarg geht es ganz schön triefend zu, und dass die Freundinnen wirklich hingehen und die schuldigen Männer selbst richten… ganz glaubhaft ist es nicht. (Hier wetterleuchtet ideologisch dann an die „böse“ Göttin Kali, die hinter den Frauen zu stehen scheint, die sich wehren.) Aber als der Polizist am Ende in die Kirche kommt, wo die Tote im offenen Sarg liegt und die Freundinnen trauern, und er nach der Schuldigen fragt – da stehen nicht nur alle Frauen auf, sondern auch nach und nach die Männer…

Der Traum der Solidarität, im Leben höchstens in ganz kleinen Zellen zu verwirklichen, hier wird er zur großen Moralkeule des Endes. Schön wär’s…

Dass der Film im Westen, wo man mit den Fingern auf die „Bösen“ zeigen kann, besser ankommt als in Indien selbst, wo man dergleichen nicht sehen will (schon nicht die selbständigen Frauen, noch weniger die abweichenden Lesben), versteht sich. Manchmal geht es auch für unseren Geschmack reichlich klischiert zu. Am Ende so melodramatisch wie in den leicht verachteten Bollywood-Filmen. Andererseits steckt da ganz ohne Frage sehr viel echtes, erschreckendes Indien da drinnen.

Renate Wagner 19.6.16

Bilder (c) NFP

 

 


Nie yin niang  /  China/ Hongkong/Taiwan /  2015
Regie: Hou Hsiao-hsien
Mit: Shu Qi, Chang Chen, Zhou Yun u.a.

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Rein äußerlich betrachtet, etwa von der Ausstattung her, erinnert das an die großen chinesischen Kampfspektakel von „Tiger“, „Hero“ und „Flying Daggers“ – aber obwohl (wenn auch geringfügig) gekämpft wird, ist das nicht die Martial Arts der (geliebten) Hongkong-Filme, das ist vielmehr hohe Filmkunst (ein bisschen auch spürbar darauf angelegt). „The Assassin“ ist die Art von Filmen, die dann auf Festivals reüssieren – 2015 in Cannes gab es den Preis für die beste Regie. Für Fans des Arthouse-Kinos zweifellos ein Fest, ein ganzer Film wie eine Meditation. Wer allerdings im Hinblick auf die genialen Action-Wirbel früher China-Filme ins Kino kommt, läuft am Ende gar Gefahr, hier einzuschlafen…

Schon die ersten fünf Minuten sind seltsam faszinierend – in Schwarzweiß, an kostbare chinesische Tuschzeichnungen gemahnend, Kurosawa lässt grüßen. Der aus Taiwan stammende Regisseur Hou Hsiao-Hsien (vielleicht getragen ein wenig von der Weisheit des Alters – nächstes Jahr wird er 70) spinnt einen ruhigen Prolog aus scheinbar unzusammenhängenden Szenen, wobei man irgendwie begreifen muss, dass die Heldin wie ein Dämon aus dem Nichts einen Mann anspringt, der dann langsam tot vom Pferd fällt…. Aber offenbar nicht die Heldin immer erfüllt ihre „Pflicht“. „Töte!“ befiehlt die Meisterin ihrer Schülerin, töte ohne Gnade dein Opfer und seine Angehörigen…

Nach fünf Minuten wird es bunt, gibt es den Vorspann, man erfährt, wo man ist (im China des 9. Jahrhunderts, während der Tang Dynastie), und schnell wird auch klar, dass es vordringlich ein Film über Frauen ist. Sie mögen teilweise wie die wunderschönen, reich geschmückten Puppen aussehen, aber tatsächlich geht es um Politik – um Intrige, um Verrat, um Mord.

Wenn man den Film auf Chinesisch mit Untertiteln erlebt, tut man sich nicht immer leicht, der Handlung zu folgen. Im Zentrum steht – dunkel und geheimnisvoll – Nie Yinniang (gespielt von der wunderschönen Shu Qi, die sich vielfach, u.a. in „The Transporter“, im internationalen Film umgetan hat). Dass sie die Killerin, die Assassin(a) des Titels, ist, steht außer Zweifel. Sie wird in eine Welt politischer Unruhe gestellt – nichtsdestoweniger verhandelt man mit leiser Stimme den geplanten Untergang der Dynastie (wenn es nicht ein paar blöde kichernde Beamte gibt – eine kurze Ausnahme in der unheimlichen verhaltenen Eleganz dieses Films).

Töten soll die Killerin nun einen mächtigen Provinzchef des Nordens, Gouverneur Tian Jian (Chang Chen), der allerdings einst als ihr Gatte vorgesehen war und für den sie tiefe Gefühle hegt. Stark und schön ist ihre Gegenspielerin, die nunmehrige Gattin des einstigen Geliebten, Lady Tian (Zhou Yun). Wie gesagt, es ist ein Frauenfilm… und wenn er inhaltlich nicht von überwältigender Klarheit ist, sagt man sich, dass es eben nicht in erster Linie darum geht.

Sondern um das Grundsätzliche: Pflicht, Liebe, Ehre, die schönen alten Begriffe, die man in unserer Welt den Menschen längst ausgetrieben hat, bestimmen hier das stille Handeln von so gut wie allen Beteiligten. Das ist nun tatsächlich nicht „Martial Arts“, sondern fällt in das Genre der „Wǔxiá“, wo ein stark magisches Element zum Tragen kommt (da gibt es einen Magier-Meister, da hüllt auch schon einmal grüner Nebel bedrohlich die mächtige Dame Tian ein…).

Hou Hsiao-hsien zaubert Landschaften von gewollt ausgesuchter Schönheit auf die Leinwand, dazu magische Momente, wenn man gefühlte Minuten lang zusieht, wie weißer Nebel über einen Hügel zieht, auf dem die unbewegte Heldin steht. Es gibt weiträumige Gebäude mit der üblichen Pracht, zitternde Flammen und wehende Vorhänge werden bisweilen manieristischen ausgestellt. Szenen von imperialer Repräsentation spiegeln die übliche chinesische Historie, aber da ist auch der traurige Blick der einsamen Heldin. Hie und da zieht sie das Schwert, aber das ist im Grunde Nebensache.

Was dieser Film letztendlich bietet, ist eine Zeremonie der Langsamkeit. Da ist die Poesie der Bilder, da ist die Stille (gesprochen wird vergleichsweise wenig). Schönheit und Geheimnis walten. Perfekt – wenn auch ein wenig geschmäcklerisch.  Ein kleiner Wermutstropfen – man merkt bisweilen die Absicht zu sehr, einen Kunstfilm zu machen. Aber doch nicht so, dass man verstimmt wäre.

Renate Wagner 14.6.16

Bilder (c) Fox

                                                          

 

Erlösung : Kinoposter

Flaskepost fra P. / Dänemark, Schweden, Norwegen, Deutschland / 2016

Regie: Hans Petter Moland

Mit: Nikolaj Lie Kaas, Fares Fares, Pål Sverre Valheim Hagen u.a.

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Wir sagen nach wie vor „Schweden-Krimi“, weil die Welle uns mit Mankell (und Wallander) erreicht hat, aber längst sind es alle Skandinavier, die den deutschen Buchmarkt mit ihren eigentümlichen, meist harten, realitätsnahen, oft grausamen Krimis bestücken. Etwa der Däne Jussi Adler-Olsen, der den Ermittler Carl Mørck erfunden hat, zuständig für ungelöste Kriminalfälle in Kopenhagen.

Der dritte Roman mit ihm ist nun auch schon (nach Erbarmen, 2013, und Schändung, 2014) der dritte Film mit ihm im Mittelpunkt geworden, und auch „Erlösung“ hat dieselben Darsteller am Polizeirevier. Nur der Regisseur hat gewechselt, was aber für den Zuschauer keinen Unterschied macht.

Da diese „europäischen“ Filme auch EU-Koproduktionen sind, hat fast ganz Skandinavien und Deutschland gemeinsam produziert, aber dass Teile des Films in Hamburg gedreht wurden, ist geschickt genug versteckt – man befindet sich in einem düsteren Dänemark.

„Düster“ ist überhaupt das Wort, mit denen man diese Filme beschreiben würde. Immer düster gelaunt ist Carl Mørck in Gestalt von Nikolaj Lie Kaas, menschlicher und lockerer ist sein Kollege Assad, gespielt von Fares Fares (Schwede mit libanesischen Vorfahren). Da es in diesem Film auch um Religion geht – vielmehr um den Missbrauch religiöser Bedürfnisse der Menschen durch Sekten -, gibt es zwischen dem Agnostiker Mørck und dem Moslem Assad auch einige, wenn auch eher undramatische Auseinandersetzungen, die dem Publikum – nicht allzu penetrant – verschiedene Standpunkte darlegen: Weil Glauben missbraucht wird, ist Glaube an sich nicht grundsätzlich schlecht…

Es beginnt, wie der dem Film zugrunde liegende Roman im Original heißt, mit einer Flaschenpost: Jahre alt, ein nie wirklich gelöstes Rätsel, aber offenbar der Hilfeschrei eines Kindes. Verschwundene Kinder gab es einige in den letzten Jahren, darum werden die Polizisten hellhörig, als man ihnen die Beobachtung berichtet, dass offenbar Kinder in ein Auto gezerrt wurden. Die ausfindig gemachten Eltern, die die Polizisten erst gar nicht bei der Türe hereinlassen wollen, erklären, ihre Kinder seien in Schweden bei Verwandten… 

Das Bauernpaar Elias (Jacob Lohmann) und Rakel (Amanda Collin), er völlig abgeschottet, sie in Angst um die Kinder eher bereit, sich zu öffnen, führen nun den Zuschauer die Welt eines Sektenwesens, das mit brutaler Seelentyrannei über seine Mitglieder wacht. Details (und Namen) erfährt man nicht, es geht um das Grundsatzproblem.

Den Täter lernt man bald kennen – der blonde Schönling, der sich als Missionar ausgibt, ist der hinreißende Norweger Pål Sverre Valheim Hagen – als Thor Heyerdahl in dem „Kon Tiki“-Film war er viel sympathischer… Was ihn treibt, Kinder zu entführen, in einem Bootshaus zu quälen und dann zu töten, wird in Rückblenden in eine eigene tragische Biographie einigermaßen geklärt. Warum er sich als „Teufel“ versteht und sich auf ein privates Duell mit Carl Mørck einlässt, den er in eine Falle lockt… das ist vielleicht zu sehr „Kino“ in einem Film, der sonst so hart an der Alltagsrealität bleibt.

Der neue Regisseur, der Norweger Hans Petter Moland, bleibt im Stil der Vorgänger-Filme, und das bedeutet, dass sie nicht nur wirklich spannend sind (etwa die Szene, wo der Täter eine ganze Polizeicrew austrickst, die ihn bei der Übergabe des Lösegelds für die entführten Kinder fassen will), sondern auch überaus brutal: Die Ermordung des Vaters der Kinder mit Hilfe einer Schere wird so nachdrücklich präsentiert, dass man sich vor Entsetzen im Kinosessel windet… Da weicht die „Krimi-Unterhaltung“, die es bei aller Düsternis ja doch noch sein soll, kurzzeitig dem real empfundenen Schock, wie grausam Menschen sein können.

Renate Wagner 12.6.16

Bilder (c) NFP

 

 

Fathers and Daughters / USA / 2015

Regie: Gabriele Muccino

Mit: Russell Crowe, Amanda Seyfried, Kylie Rogers, Diane Kruger, Aaron Paul u.a.

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Väter und Söhne ist ein großes Stück russischer Literatur (von Turgenjew), „Väter und Töchter“ als den großen amerikanischen Roman, gekrönt mit dem Pulitzer-Preis, gibt es nur als Fiktion in dem gleichnamigen Film. Der durchaus das Kitsch-Problem der üblichen Familienfilme hat – und der italienische Regisseur Gabriele Muccino neigt doch stark dazu, dem Publikum die Taschentücher aus der Tasche zu ziehen…

So werden die Seelenschmerzen schon über die Maßen gerollt, wenn Russell Crowe den Schriftsteller darstellt, der sich buchstäblich zu Tode arbeitet, um seine kleine Tochter behalten zu können („Wir leben in den United States of Money“, sagt er einmal so richtig und verzweifelt), der sie in die Literatur einschreibt – und trotzdem nur erreicht, dass sie eine total verstörte, beziehungsunfähige junge Frau wird, deren Schicksal trotz aller realer Zeitverschiebung auf der Leinwand doch parallel zu jenem des Vaters (als sie selbst noch ein Kind war) erzählt wird. Amerika sind auch die United States der Neurosen…

Es beginnt mit einer Alptraumszene, die jeder nachvollziehen kann, weil man weiß, dass sie ums Eck lauern könnte, wenn das Schicksal nicht gnädig ist: Die an sich glückliche Familie – Vater, Mutter und Katie, die achtjährige Tochter – im Auto, die Eltern fauchen einander an, Krach, Unfall, die Mutter ist tot. Was nun, wenn ein von Gewissensbissen für den Rest seines Lebens geplagter Vater jetzt außerdem nach seinen Verletzungen nicht nur permanente Schmerzen, sondern auch so schwere Depressionen davon getragen hat, dass er schließlich freiwillig für ein Jahr in eine Klinik geht?

Man könnte sich vorstellen, die kleine Tochter sei das Problem, aber sie ist es nicht – sie liebt ihn heiß und innig, will nicht länger als nötig bei der reichen Tante bleiben, sondern sofort zum Vater zurück. Was er sich ebenfalls innigst wünscht, die Umwelt aber zu verhindern sucht (Schwägerin und Gatte bekämpfen ihn gnadenlos, bis fast vor die Gerichte, gäbe es nicht einen albernen Drehbuch-Dreh) – und eine Schiene des Films handelt nun von den wirklich verzweifelten Versuchen das Vaters, an einer Universität zu unterrichten, den großen Roman zu schreiben (auf Schreibmaschine, wir sind in früheren Zeiten), für die kleine Tochter (die brav neben ihm sitzt, wenn er arbeitet) da zu sein (Kylie Rogers ist leider so herzig, rührend, niedlich wie in dieser Art von Filmen…)

Das ist ein Brocken an darstellerischer Herausforderung, und ein „Brocken“ von Schauspieler bewältigt ihn grandios: Russell Crowe hat durch die mentalen und anderen Krankheitsprobleme dieses Jake Davis eine ähnliche Rolle wie einst jene in „A Beautiful Mind“ (für die er nicht den „Oscar“ bekam, aber tausendfach verdient hätte). Man spürt, wie hier ein Mann zwischen Schuld, Liebe und Krankheit faktisch zerrissen wird und mit unendlicher Anstrengung kämpft bis ans Ende – bis er eines Tages umfällt und tot ist. Den großen amerikanischen Roman über sich und seine Tochter, den später jeder ambitionierte College-Literatur-Student offenbar liest, hat er unter allen Schwierigkeiten (einigermaßen verständnisvoll begleitet von Jane Fonda als seiner Agentin) letztlich doch noch geschrieben…

Katie ist noch klein, als er stirbt, wir erleben sie aber die ganze Zeit erwachsen in Gestalt von Amanda Seyfried. Dabei erscheinen die Szenen von Jung-Katie gar nicht als Rückblick, es laufen einfach zwei Zeitebenen nebeneinander. Und diese erwachsene Katie ist nun trotz des väterlichen Opfers nicht ein strahlend starker Mensch geworden, sondern eine recht verzweifelte, verzagte, in Männer-Beziehungen völlig verkrampfte junge Frau. Man erlebt sie einerseits in ihrem Beruf als Jugendpsychologin (unter den Augen der gestrengen Vorgesetzten, stark gespielt von Octavia Spencer), wo sie mit aller Anteilnahme der Welt versucht, ein unglücklich-verstocktes kleines schwarzes Mädchen (Quvenzhané Wallis, die Musical-„Annie“ hier voll Seelenqualen) quasi für die Welt zu öffnen.

Dass das gelingt und dass die von ihr völlig verfahrene Beziehung zu Literaturstudent und Jungautor Cameron (Aaron Paul), der den Roman des Vaters grenzenlos bewundert und zuerst deshalb ihre Bekanntschaft gesucht hat, schließlich doch zum Happyend führt… das sind die Kitschelemente der Geschichte, die hier den Mainstream-Erfolg sichern sollen. Was Russell Crowe spielt, ist die „Oscar“-Ebene.

Und in einer faszinierenden kleinen Szene erklärt Diane Kruger als die reiche Tante, die Papa Jake Davis immer um den Besitz von Klein-Katie bekämpft hat, später, sie sei wohl die einzige erwachsene Frau, die nie Liebe kennen gelernt hat. Sie tut es mit so viel trockenem Schmerz, dass man diese Mini-Szene stark in Erinnerung behält.

Renate Wagner 9.6.16

Bilder (c) Spoton Distribution

 

 

 

 

 

Deutschland, Österreich  /  2016 
Drehbuch und Regie: Maria Schrader
Mit: Josef Hader, Barbara Sukowa, Aenne Schwarz, Matthias Brandt u.a.

TRAILER

Setbesuch (Video)

Ein Film wie dieser bietet Überraschungen. So hätte man kaum für möglich gehalten, dass eine Schauspielerin, die man stets interessant fand (vor allem in den Filmen von Dani Levy), deren erste Regiearbeit vor neun Jahren jedoch ziemlich unbeachtet blieb, einen Film dieser Größenordnung auf die Beine stellen würde – der noch dazu für sich in Anspruch nehmen kann, an einem ganz großen Thema nicht zu scheitern: Maria Schrader hat es geschafft.

Denn ist das Leben von Stefan Zweig ein Thema? Der elegante, hochgeistige Herr aus Wien, Novellist (die „Schachnovelle“ ist nicht das einzige seiner weltberühmt gewordenen, bis heute weltweit gelesenen Prosawerke), populärer Sachbuchautor („Sternstunden der Menschheit“, Biographien über Maria Stuart und Marie Antoinette) und mit „Die Welt von gestern“ einer der überzeugendsten Analytiker der Habsburger-Monarchie – was hat sich äußerlich in seinem Leben, viel auf Reisen, dann in Salzburg residiert, schon viel getan?

Nun, er emigrierte notgedrungen wie alle jene seiner jüdischen Mitbürger, die den Absprung aus Nazi-Deutschland und –Österreich schafften, er ließ sich ganz komfortabel, wie man weiß, in Brasilien nieder, schöne Gegend, schönes Haus, und hat sich doch gemeinsam mit seiner zweiten Frau Lotte mit Hilfe von Gift in der Nacht vom 22. auf den 23. Februar 1942 das Leben genommen. Sein Abschiedsbrief, immer wieder zitiert, enthält die ergreifenden Schlussworte: „Ich grüsse alle meine Freunde! Mögen sie die Morgenröte noch sehen nach der langen Nacht! Ich, allzu Ungeduldiger, gehe ihnen voraus“.

Unter dem Titel „Vor der Morgenröte“ hat Maria Schrader nun Zweigs Emigration nachgezeichnet, allerdings nicht in Form eines linearen und am Ende gar sentimentalen „Bio-Pics“. Vielmehr wählte sie vier signifikante Stationen seiner „letzten Reise“ von 1936 an, bis sie im Epilog in beispielhafter Diskretion den Tod des Ehepaar Zweigs schildert – nur in einem Spiegel, durch eine aufgehende Kastentür, sieht man die beiden tot auf dem Bett (es gibt ein Foto davon).

Die gewählten Stationen sind ungemein aussagestark und zeichnen auch eine Entwicklung nach. Zuerst begegnet man dem gefeierten Stefan Zweig 1936 bei einem Schriftstellerkongress des Pen-Clubs in Buenos Aires. Obwohl im Deutschen Reich 1933 auch seine  Bücher verbrannt worden sind, will er in einem Interview nicht pauschal gegen die Deutschen Stellung beziehen – in irrationaler Verbundenheit mit einer Welt, in die er nicht zurückkehren würde. Stärkster Moment dieser Episode ist es, wenn andere, kämpferischer, der Bestialität den Krieg erklären – als Höhepunkt liest Schriftsteller Emil Ludwig die Namen jener vor, die aus Deutschland vertrieben wurden: die Creme de la Creme des Geisteslebens…

Auf der Suche nach einem Ort, wo er sich niederlassen könnte, kommt Stefan Zweig mit seiner zweiten Gattin Lotte nach Brasilien und versucht dort (am Beispiel einer Zuckerrohr-Plantage, wo er sich Pflanzen und Ernten erklären lässt) gewissenhaft eine neue Welt zu erobern, sich für Land und Leute zu interessieren, auch wenn sie ihm so fremd sind. Lotte, die einst seine Sekretärin gewesen war, organisiert noch immer alles für ihn – die Besuche bei den heimischen Potentaten, die alle so stolz sind, sich den großen Dichter anheften zu können, die Weiterreise…

Am beklemmendsten ist vielleicht die Episode im eiskalten New York (nach dem glühend heißen Brasilien), wo Zweig seine Ex-Gattin Friderike besucht, der er mit ihren beiden Töchtern (seine Stieftöchter, die ihm in Salzburg immer so auf die Nerven gegangen waren, wie man aus Zweig-Biographien weiß) zur Ausreise verholfen hat. Hier liegt der Schwerpunkt auf all den Freunden und Bekannten, die irgendwo an den Rändern Europas verzweifelt versuchen, Visa für die Vereinigten Staaten zu bekommen – und letztendlich von Zweig Hilfe erwarteten, was als Verpflichtung wie eine Zentnerlast auf seinen Schultern liegt…

Und dann wieder Sonne, staubige Straßen, aber doch ein schönes Haus: Stefan Zweig in seiner letzten Station, in Petrópolis, der angenehm in den Bergen gelegenen Stadt bei Rio de Janeiro (wo auch Brasiliens „österreichische“ Kaiserin, Leopoldine – die Tochter von Kaiser Franz I. –  ein Sommerschloß hatte). Zweig, anerkannt, auch arbeitsbereit (er schreibt an der „Schachnovelle“ und seinen Memoiren), ist wegen seines „Brasilien“-Buchs angegriffen worden, weil er sein Gastland in Dankbarkeit allzu rosig gezeichnet hat. Er trifft Ernst Feder, den Journalisten aus Berlin, der sich auch hier niederlässt. Freunde schenken ihm einen Hund… man könnte hoffen, dass dies der Ort ist, wo er das Ende des in Europa tobenden Krieges in Ruhe abwarten kann.

Er hat es nicht getan, es fehlte ihm die Kraft, und der ergreifende Epilog mit kurzem Blick auf die Toten und dem Verlesen des Abschiedsbriefes schafft es, genau so nüchtern und unsentimental zu sein wie der ganze Film – und das ist letztlich seine Stärke.

Maria Schrader, deren Budget nicht für die Originalschauplätze, wohl aber für Portugal reichte, hat viele fremdsprachige Schauspieler besetzt, nur wenige bekannte Namen gewählt. Weniger affektiert, als sie in ihren eigenen Memoiren erscheint, spielt Barbara Sukowa die erste Gattin Friderike, in New York unermüdlich in Emigrantenkreisen unterwegs. Vom Burgtheater hat die Regisseurin zwei Schauspielerinnen geholt – weniger überzeugend Sarah Viktoria Frick, die ihren Hang zur Übertreibung auch einer Zweig-Tochter schenkt, großartig hingegen in ihrer Zurückhaltung istAenne Schwarz als zweite Gattin Lotte (sie hat in ihrer ganzen  Tätigkeit am Burgtheater noch nichts ähnlich Überzeugendes geleistet).

Bemerkenswerte Darsteller in kleinen Rollen – Charly Hübner etwa als der leidenschaftlich argumentierende und Zweig damit beschämende Emil Ludwig oder Matthias Brandt als Ernst Feder mit der tiefen Traurigkeit der Entwurzelten, der sich, wie alle Emigranten, ein neues Leben aufbauen muss. Zweig ging den Weg bewusst nicht zu Ende (Feder, einer der wichtigsten Zeugen von Zweig in Petrópolis, ist nach dem Krieg nach Berlin zurückgekehrt).

Erstaunlich, in welchem Ausmaß Josef Hader (an den man für diese Rolle auf Anhieb ja nun wirklich nicht gedacht hätte) Stefan Zweig gleich sieht: ein feiner, schüchterner Herr in tadellosen Anzügen, persönliche Verklemmtheit ahnen lassend, die hinter guten Manieren und höflicher Verbindlichkeit verborgen wird, auf jeden Fall eine zunehmend verlorene Seele.

Aber Hader ist nur Stefan Zweig, solange er nicht den Mund aufmacht. Unfasslich, dass weder die Regisseurin noch er selbst begriffen haben, was die Sprache zerstören kann. Sobald „Stefan Zweig“ spricht, ist er Josef Hader, in seinem bekannt-unverkennbaren Vorstadt-Jargon, ja, der Prolo-Einschlag ist nicht zu überhören. Für Zweig, einen Mann, dessen „Vornehmheit“ geradezu zelebriert wurde, der edelstes, gebildetes, vielsprachiges österreichisch-jüdisches Großbürgertum verkörperte, undenkbar – nein, so darf er nicht klingen.

Unglaublich, wie viel Abstriche man solcherart bei einem im Grunde so gelungenen Film machen muss.

Renate Wagner 31.5.16

Bilder (c) X-Verleih

 

 

 


USA  /  2015
Regie:  Jodie Foster
Mit: George Clooney, Julia Roberts, Jack O’Connell, Dominic West u.a.   

TRAILER

Dass die „Money Maker“ schlimme Finger sind, hat sich herumgesprochen, wurde auf der Filmleinwand auch schon ausreichend abgearbeitet. Dennoch geht Jodie Foster als Regisseurin das Thema in ihrem „Money Monster“ genannten Film noch einmal an – das heißt, sie klaubt einfach so viele Aspekte, wie sie finden kann, zusammen und stopft sie in einen Drehbuch-Sack. Dass das Ganze dennoch einigermaßen gut ausgeht, hat sie ihrer prominenten Besetzung zu verdanken – ohne Clooney und Roberts würde die ganze Jodie Foster (die ohnedies nicht mehr im Fokus der Filmwelt steht) als Regisseurin vermutlich nichts nützen, um diesem Film zu Beachtung zu verhelfen.

Man kommt also ins Fernsehstudio: Hier brilliert Lee Gates mit seiner Finanzshow, und George Clooney ist schön genug, dass man ihm den All-American-Star-Liebling glaubt, und als Schauspieler gut genug, um das egozentrische Monster jede Sekunde glaubhaft zu machen. Und Julia Roberts als seine Regisseurin Patty Fenn ist hinreißend souverän, ihn cool ins beste Fernseh-Licht zu setzen – und dabei zu wissen, wie wertlos er als Mensch eigentlich ist (und ihn doch irgendwie zu mögen).

Wohlfeile Erkenntnis Nr. 1: Fernsehshows sind gewissenlose Unternehmungen, und wer ein Wort von dem glaubt, was da gelabert wird, ist selber schuld, Star-Moderatoren sind eitle Laffen, die nichts im Kopf haben als sich selbst und die ihre Mitarbeiter ausbeuten und nicht würdigen. Man glaubt’s.

In dieser Show gibt Gates flotte Anleger-Tipps, die er einfach daherplappert und die nur wie bunte Vögel über die Bildschirme flattern. Was interessiert ihn, dass Menschen auf Grund seines oberflächlichen Geschwätzes möglicherweise ihre sämtlichen Ersparnisse verlieren? So wie in dem Fall des Zusammenbruchs einer Riesenfirma (angeblich aufgrund eines Computerfehlers!), wodurch alle Aktien im Keller sind und Anleger mit leeren Händen dastehen… Wundert es, dass einer von ihnen – ein sehr verzweifelter junger Mann –  mit einer Pistole die Sendung stürmt, Lee Gates dafür verantwortlich macht und ihm eine Sprengstoff-Weste anzieht, mit der Bedingung, dass der Wunder-Fuzzi die Kurse wieder zum Steigen bringt, anderenfalls macht es einen ganz, ganz großen Krach und das Studio samt Insassen fliegen in die Luft…

Wohlfeile Erkenntnis Nr. 2: Man hat sich schon lange gefragt, wie lange es sich die Verlierer in dieser Welt des Geldes gefallen lassen, dass man mit Achselzucken über sie hinwegtrampelt…

Freilich fängt der Film hier schon an, dramaturgisch zu hinken, zumal Jodie Foster den jungen Geiselnehmer mit Jack O’Connel gröblich unterbesetzt hat: Der spielt nicht in der darstellerischen Oberliga, dem glaubt man gar nichts, die Hilflosigkeit des Schauspielers mag zwar die der Figur sein, aber schon, dass er sich diesen Coup ausdachte und dann wirklich so ohne weiteres ins Fernsehstudio kam… nein, das ist eigentlich nicht drinnen.

Von da an wird die Handlung so turbulent, dass sie in alle Richtungen auseinanderstiebt. Einerseits sieht bei einer Live-Geiselnahme natürlich die ganze Welt zu (Medienschelte!), aber niemand ist bereit, den ja doch so fiesen Moderator zu retten (verständlich!), wenn er sich auch plötzlich (welche Wandlung, aber Clooney erspielt, dass dieser Lee Gates mehr drauf hat, als man dachte) mit dem Geiselnehmer, der ihn bedroht, verbündet: Der Mann sieht ein, was das arme Schwein antreibt…

Wohlfeile Erkenntnis Nr. 3: Die Medien sind ein Hund – und das sensationsgierige Publikum erst recht.

Inzwischen geht die Polizei in Position (Wohlfeile Erkenntnis Nr. 4: Menschen zu opfern, ist bei solchen Aktionen keine Frage, man muss es nur der Öffentlichkeit richtig argumentieren) und die Sekretärin (eine Dame so schön wie ihr Name: Caitriona Balfe) des nicht auffindbaren Chefs der angeblich zugrunde gegangenen Firma beginnt ihre verzweifelten Recherchen: Erstens, wo ist der Verantwortliche, zweitens, was ist eigentlich passiert?

Wohlfeile Erkenntnis Nr. 5: Natürlich sind die Finanzhaie Gangster, die das angeblich verschwundene Vermögen der armen, dummen Anleger skrupellos in die eigene Tasche stecken.

Einiges akkumuliert sich recht spannend in einer Geschichte, die in „Echtzeit“ durchläuft, aber Tatsache bleibt, dass hier schon zu viele Handlungs- und Argumentationsstränge nebeneinander laufen: Was da mit der zu erwartenden Tragik-Schlußwende bis zum Ende erzählt wird, sind letztlich Erkenntnisse, die von Banalitäten nicht weit entfernt sind. Und der Wunsch aller, dass sich ein verantwortlicher Wirtschaftsverbrecher (Dominic West) zu seinen schnöden Taten öffentlich bekennt – das ist einfach Kino… nur da passiert’s.

Und wenn ganz am Ende ein geläuterter Clooney nicht ins Luxusrestaurant geht wie üblich, sondern mit seiner Julia Roberts chinesische Nudeln aus der Pappbüchse isst, in tiefer Erkenntnis über den Wert der Frau, die die ganze Zeit an seiner Seite war – dann rutscht dieser handwerklich sauber gemachte Film von Jodie Foster schon recht tief hinunter, bleibt schlicht und simpel Mainstream-Star-Kino ohne allzu tiefere Bedeutung.

Die Schiene der üblichen Klischees hat sie nur ganz selten durchbrochen – etwa in der Szene, wo man den Entführer mit seiner schwangeren jungen Braut konfrontiert. Und die weint ihm nun nicht etwas vor und betört ihn mit Sirenentönen, sondern brüllt ihn an, was für ein Versager er sei. Manche Leute haben halt gar kein Glück, weder mit Geld noch mit Beziehungen…

Aber Jodie Foster hatte Glück. George Clooney und Julia Roberts beweisen, dass Schauspieler einer gewissen Größenordnung absolut jedes Drehbuch vergolden. Und eine „Moral“ bliebe ja doch – Finger weg vom Finanzmarkt! Der kleine Einzelne kann da nichts gewinnen. Und im wahren Leben dringt man ja auch nicht mit der Waffe in der Hand zu den Verantwortlichen vor…

Renate Wagner 26.5-16

Bilder (c) Sony

 

Kanada, Deutschland  /  2015
Regie: Atom Egoyan
Mit: Christopher Plummer, Martin Landau, Bruno Ganz, Jürgen Prochnow u.a.

TRAILER

Die längste Zeit hindurch darf man der Meinung sein, dass es sich hier um einen der ehrenvollen Filme über die letzten Holocaust-Überlebenden handelt, die Gerechtigkeit suchen, bevor es zu spät ist. Und in diesem Fall die Gerechtigkeit selbst in die Hand nehmen, weil niemand sonst es tut… Später, wenn die gänzlich unerwartete, verrückte und dennoch nicht unmögliche „Lösung“ den Film zu einem Thriller gemacht hat, merkt man, dass viele Unebenheiten hätten auffallen müssen. Und doch – daran hat man nicht gedacht. Kurz, Regisseur Atom Egoyan hat den denkbar trickreichsten Film zu dem Thema gedreht, den man sich vorstellen kann.

Es beginnt in einem New Yorker Altersheim, dessen Insassen offenbar vor allem Juden sind. Max Rosenbaum und Zev Guttman haben gemeinsame Erinnerungen an Auschwitz. Und an den Blockführer Otto Wallisch, der ihre Familien auf dem Gewissen hat, der unter angenommenem falschen Juden-Namen in den USA lebt und der gar nichts zu befürchten hat…

Max ist die treibende Kraft, hat vier Männer namens „Rudy Kurlander“ aufgetrieben, die der Gesuchte sein könnten, aber Max sitzt im Rollstuhl. Zev wiederum leidet an schwerer Demenz – dass seine Frau seit kurzem tot ist, das kapiert er nicht. Keinesfalls der Richtige, zur Rache losgeschickt zu werden – oder doch? Schließlich kann sich Max (Martin Landau glüht innerlich für seine „Mission“) nicht bewegen, Zev hingegen doch.

Mit dem leeren Blick des Mannes, der immer wieder ins Unbewusste abtaucht, dann gelegentlich wieder „da“ ist, im Grunde aber durch sein Leben schlafwandelt, liefert Christopher Plummer auf der Odyssee des Zev eine Gänsehaut-erzeugende Meisterleistung.

Viermal „Rudy“ stehen auf der Liste  – der Erste ist Bruno Ganz, der sehr alte, weißhaarige Mann, der aber schnell beweisen kann, dass er nicht der Gesuchte ist: Er war bei Rommel in Afrika. Der zweite Rudy liegt im Sterben und ist tatsächlich selbst Jude.

Der dritte Rudy ist bereits gestorben, aber in seinem Sohn, einem Sheriff (Dean Norris), findet Zev die Inkarnation des Neonazis, der alle Memorabilia sammelt und den Besucher, als dieser seine Identität bekennt, als „dreckigen Juden“ beschimpft. Nun trägt Zev schon die längste Zeit eine Pistole mit sich, bereit, sie zu benützen. Er tut es. (In einer grotesken Szene am Rande, wird er von einem Kaufhausdetektiv irrtümlich aufgehalten. Als dieser die Glock im Nylonsäckchen sieht, wundert er sich nicht eine Sekunde – bekommt nur angesichts der Waffe sehnsüchtige Augen… Das ist Amerika.)

Der vierte Rudy Kurlander, von Jürgen Prochnow uralt gezeichnet, scheint Zev erwartet zu haben. Der „brave“ Mann mit großer Familie, lauter liebenswürdige Frauen, schließt den Besucher sogar in die Arme (auch bezeichnend, dass Zev sich ans Klavier setzt und „Isoldes Liebestod“ spielt…). Will er Buße tun? Aber nein, hier zeigt sich, dass alles ganz anders ist und war – und dass Max offenbar ein teuflisches Spiel gespielt, ein letales Netz geknüpft hat, so dass Verdrängung, Lebenslüge, Demenz zusammen sich wahnsinnig und zu keiner anderen Lösung als dem Tod finden.

Wie gesagt, über weite Strecken scheint nur das Holocaust-Thema angesprochen: Wie viel Sinn macht es, hier noch hinter Sterbenden und Toten herzujagen? Andererseits gibt es Facetten, an die man nicht gedacht hat. Und dann ist der „Bedenkfilm“ am Ende ein Krimi mit Überraschungs-Knalleffekt.

Renate Wagner 13.5.16

Bilder (c) Tiberius Film

 

 

Frankreich, Italien  /   2015
Regie: Luca Guadagnino
Mit: Tilda Swinton, Matthias Schoenaerts, Ralph Fiennes, Dakota Johnson u.a.

TRAILER

Den Sinn der Anfangsszene begreift man erst später – Tilda Swindon in einem riesigen Stadion, eine grölende Menge, sie auf der Bühne, offenbar ein glitzernder, schräger Pop Star. Und dann Ferienidylle: eine felsige italienische Insel, ein wunderbares Steinhaus, unten glitzert das Meer, ein harmonisches Paar, auch wenn sie offenbar nichts spricht. Nicht, weil sie zickig oder böse wäre, sondern weil sie sich die Stimme ruiniert hat und nach einer Operation Redeverbot hat – Marianne Lane, der Star, den auch die Inselbewohner kennen, so dass sie ihr begeistert huldigen, auf Erholungsurlaub. Und man sieht, wie ehrlich Paul De Smedt (er ist eine Art Medienkünstler) sie liebt – und sie ihn. Es gibt viel ungehemmten und dabei ehrlichen Sex. Zwei Menschen, in Ruhe, bei sich.

So sehr es um Tilda Swinton auch immer irrlichtert, hier ist sie zuerst vor allem die glückliche Frau (die darstellerisch aus ihrem erzwungenem Schweigen das Optimum holt!) Und Matthias Schoenaerts ist ohnedies der ruhige Typ, an den man sich vertrauensvoll anlehnen kann. Die Zuschauer sehen einen „Ferien-Film“ und träumen ein bisschen von intakten menschlichen Beziehungen…

Es kann der Beste nicht in Frieden leben, wenn… – der „böse Nachbar“ des Schiller-Zitats stürmt mit lauter, ungebremster Egozentrik ins Geschehen. Es ist Harry Hawkes, legendärer Manager der Pop-Szene, der Ex von Marianne, der Mann, der sie gemacht, geguidet und bevormundet hat, bevor er sie Paul in die Arme geworfen hat, weil er selbst der unruhige Typ ist. Eine Rolle, in der Ralph Fiennes explodiert, glaubhaft in seinem unreflektierten Egoismus, mit einem Mutwillen, dessen Zerstörungspotential geradezu körperlich spürbar wird (und manchmal am Rande der Übertreibung – aber es ist die Schamlosigkeit des Mannes, nicht des Schauspielers, die hier bis zum Exzess geht).

Dass Penelope, das allzu knackige junge Mädchen, das er mitbringt, seine Tochter sein soll (Dakota Johnson, ja, die von „Fifty Shades of Grey“, aber hier nicht als graue Maus, sondern als Sexbombe, die sich ihrer Reize bewusst ist) – man glaubt es am Ende, wo sie dann auch ihren Paß zeigen muss. Und dann steht bei zwei Paaren das unvermeidliche Kreuz und Quer der Beziehungen an… Harry bedrängt Marianne, Penelope bedrängt den treuen Paul, Gefühle schaukeln sich dann doch ein wenig hoch, Eifersucht, Erinnerung, Begierde, wie geht’s weiter?

Immer wieder wird darauf hingewiesen, dass „A Bigger Splash“ eine Neuverfilmung von „Swimming Pool“ mit Romy Schneider und Alain Delon (1969) sei, aber darauf muss man sich nicht einlassen: Die äußere Konstellation der beiden Paare mag stimmen, die psychologischen Details laufen anders und ganz selbständig (Romy war weiblicher und sexier als die Swinton, Delon ungleich intensiver als Schoenaerts, Ronet nicht annähernd so exzentrisch wie Fiennes und das Knochengespenst Jane Birkin keine Sexbombe wie Dakota).

Vor allem lässt der Krimi geradezu quälend auf sich warten, während Regisseur Luca Guadagnino(ein Sizilianer, der schon einige Male mit Tilda Swinton zusammen gearbeitet hat) schier endlos und immer stylish die Situation zelebriert – nur die Vier in dem Haus, in der Feriensituation, wie wird es weiter gehen, wann kommt es (verdammt noch mal!) endlich zum Showdown?

Einer muss sterben, sitzt dann tot im Swimmingpool – und was nun? Wenn die Polizei kommt, wenn sich unsere Überlebenden aufs Kommissariat „in der Stadt“ bewegen, dann sieht man auch die Flüchtlinge im Lager, ein winziges Aufblitzen von Hier und Jetzt in einer Welt, die sich bis dahin in ihrer hedonistischen Behaglichkeit kaum stören ließ.

Immerhin, ein kleines bißchen Spannung, ob der Schuldige Konsequenzen zu erwarten hat oder ob man „davonkommt“ – nun, nervenzerreißend ist das auch nicht.

„A bigger Splash“ lebt nicht von der Handlung, sondern einzig und allein von den Fäden, die sich zwischen den vier Protagonisten spinnen, langsam, hintergründig, manchmal zu behäbig. Kein echter Thriller, „nur“ ein erotisches Kammerspiel im Ferien-Look. Glorios besetzt. Und darauf kommt es an.

Renate Wagner 5.5.16

Bilder (c) studioCanal

 

 

 


Pawn Sacrifice  /  USA  /  2014
Regie: Edward Zwick
Mit: Tobey Maguire, Liev Schreiber, Peter Sarsgaard, Michael Stuhlbarg u.a.

Zwei Meister spielen Schach, gut. Gegeneinander, wie auch anders. Aber sind es nur zwei Männer? Damals, als 1972 durchaus noch der „Kalte Krieg“ herrscht, stehen in Gestalt von Bobby Fisher und Boris Spassky einander auch Nationen gegenüber. Die USA und die UDSSR. Das macht die Geschichte einer legendären Auseinandersetzung, wo vordergründig ja gar nicht so viel passiert, zur unheimlich spannenden Kinostory, die Edward Zwick, Spezialist für den Thrill, in schöner Auslotung seiner Hauptdarsteller auf die Leinwand bringt.

Man nannte es das „Match des Jahrhunderts“, es war vielleicht das spannendste Schachspiel aller Zeiten (das natürlich aus vielen Runden bestand). Es fand an einem entlegenen Ort der Welt statt, in Islands Hauptstadt Reykjavik. Bis dahin waren die Russen die unangefochtenen Schachmeister der Welt. Nun gab es Bobby Fisher, damals 29 Jahre alt und ein Schachgenie, das alle verblüffte. Ihm stand der 35jährige Boris Vasilievich Spassky gegenüber, seit drei Jahren regierender Weltmeister. Beide nicht nur von ihren Nationen mit der Verpflichtung des Sieges belastet, sondern auch von ihren Geheimdiensten eskortiert. Eine prachtvolle Nervenschlacht – für die Außenstehenden, die mit Spannung zusahen.

Wer ein Genie ist, ist auch ein Star und wahrscheinlich halb verrückt. Anzunehmen, dass Bobby Fisher dies war, und diese Borderline-Figuren finden ja keinen besseren Interpreten als Tobey Maguire, der sich mit irrem Blick dauernd verfolgt fühlt (und zumindest teilweise damit recht hat), und dauernd neue Forderungen stellt, als ob er das ganze Unternehmen dieser Schach-Weltmeisterschaft damit platzen lassen möchte. So richtig sympathisch wird er wirklich nicht (und war es wohl auch nicht). Da ist Spassky schon gelassener, zerbricht sich den Kopf über seinen „spinnenden“ Gegner. Obwohl es auch in Liev Schreiber (er spricht übrigens Russisch) gelegentlich brodeln darf – so wie einst die Originale, stehen sich da die Schauspieler auf der Leinwand gegenüber, im Dauerclinch um die Vorherrschaft. Eingebettet ist dies in die ununterbrochene Reaktion der damaligen Medien auf alles, was da vorgeht.

Wir erleben klein Bobby auch in der Rückblende, ein einsames, unglückliches Kind mit ungeheuren mathematischen Fähigkeiten, der früh als Meister angesehen wird, dem Druck nicht standhält, aber dann zwei Leute findet, die ihn unterstützen (Michael Stuhlberg und Peter Sarsgaard als Anwalt und Priester wirbeln durch den Film, der ja auch Nebenfiguren braucht).

Bis man in Island ist, 12 Spiele gegen Weltmeister Spassky – und das macht dann den ganzen Film aus. Mit immer von der Regie hoch gestachelter Hysterie. Das einzige Pech ist, dass man halt aus der Geschichte weiß, wie es ausgeht. Für den „Krimi“, der in diesem Stück Biopic steckt, wäre es natürlich besser, man wüsste es nicht. Aber hätte er letztendlich nicht doch noch gewonnen, Bobby Fisher wäre nicht bis zu seinem Tod im Jahre 2008 und bis heute weltweit ein Begriff…

Renate Wagner 1.5.16

Bilder (c) studiocanal

 


Kollektivet  /  Dänemark  /  2016 
Drehbuch und Regie: Thomas Vinterberg
Mit: Trine Dyrholm, Ulrich Thomsen, Helene Reingaard Neumann, Martha Sofie Wallstrøm Hansen u.a.

Der 46jährige Däne Thomas Vinterberg ist stark im Film und weniger im Theater unterwegs. Aber im Fall von „Die Kommune“ kann das Wiener Theaterpublikum (als einziges) von sich behaupten, das Stück früher zu kennen als die Kinobesucher der Welt, denn es wurde 2011 am Akademietheater uraufgeführt, seither allerdings nirgends nachgespielt. Denn es war trotz brillanter Besetzung nur ein mäßiger Erfolg, und es scheint, dass alle Schwächen, die man damals bemerkt hat, sich in die Filmfassung hineingeschleppt haben, die heuer bei der Berlinale gezeigt wurde.

Tatsache ist, dass es nur im geringsten Ausmaß um das im Titel postulierte Thema geht. Als Erik und Anna samt 14jähriger Tochter Freja beschließen, das Riesenhaus, das Erik in einem Vorort von Kopenhagen geerbt hat, einer Kommune zu öffnen, wird diese Aktion schon in der Motivation völlig unzureichend ausgeführt. Dann ziehen ein paar schräge Gestalten bei ihnen ein, von denen man so gut wie gar nichts erfährt und die im Verlauf des Geschehens auch nur sehr vage eine Rolle spielen.

Was an dem damals – wir sind in den siebziger Jahren, die Erwähnung des Vietnam-Krieges gibt zumindest einen Zeitrahmen, es wird dauernd geraucht und gibt keine Handys und Computer – so virulenten Experiment „Kommune“ als Möglichkeit und Unmöglichkeit des Zusammenlebens spannend war, kann nicht durch den Hinweis befriedigt werden, dass mehr Bierflaschen fehlen als zugegebenerweise getrunken wurden… Von der Praxis dieser Raum- und Lebensteilung erfährt man ebenso nur Rudimentäres. (War das nicht auch ein Schnorrer- und Schmarotzer-Konzept?)

Tatsächlich entwickelt Vinterberg ohnedies nur eine – zugegeben sehr spannende – Dreiecksgeschichte. Die könnte glatt auch ohne „Kommune“ so letal werden, überall, wo ein egozentrischer Mann verlangt, dass er eigentlich beide Frauen haben möchte, und sie mögen sich doch bitte um Gottes Willen vertragen, ist denn das so schwer… So steht es schon in Goethes „Stella“, und vielleicht denkt sich hier mancher westlicher Mann, die Moslems haben’s leichter. Da werden die Frauen gar nicht gefragt, ob sie teilen wollen, und die Männer müssen sich nicht – bis zum Wutausbruch – dauernd mit Weiberproblemen befassen, wo sie doch eigentlich arbeiten sollen. Wie geht denn das, wenn man dauernd emotional belästigt wird?

Das ist das Problem. Erik, der Architekt, der als Dozent in der Universität arbeitet, und Anna, die allseits populäre, souveräne Fernsehsprecherin, werden als fast ideales Paar (ob Ehepaar, ist nicht ganz klar), eingeführt. Und die Tochter (Martha Sofie Wallstrøm Hansen mit schier unglaublicher „seelischer“ Ausstrahlung) ist in der Folge auch noch die einzige, der Stück und Regie eine gewisse liebevolle Anteilnahme zuwenden. Ja, und natürlich der Geliebten, die vermutlich immer so ideal gedacht war, nicht nur, weil sie von der Gattin des Regisseurs gespielt wird…

Thomas Vinterberg hat hier nach „Das Fest“ (1998 im Kino) zum zweiten Mal ein von ihm verfasstes Theaterstück verfilmt. Die „Dogma“-Regeln, die er, Lars von Trier und andere skandinavische Regisseure als „Dogma 95“ viel beachtet einst aufgestellt haben, gelten in ihrer Filmarbeit nur noch bedingt, jedenfalls sind wir von den realistischen Wackelkameras befreit. Dass an Originalschauplätzen gedreht wird, war hier nicht schwer, außer der großen Villa gibt es noch Straßenszenen, Szenen im Fernsehstudio, am Meer (wo die ganze Band nackt ins Wasser springt), also alles vermutlich leicht bereitzustellen. Die Echtheit des Hier und Heute (wenn man als Heute die eigene Vergangenheit etwa 40 Jahre zurück nimmt) ist gegeben.

Und die Darsteller sind vorzüglich, wobei jene der „Kommunarden“ eigentlich auf eher leere Typen hinauslaufen, die – wie gesagt – nie wirklich zu Personen werden, die man zu kennen meint. Erik hingegen schon: Ulrich Thomsen, der schon im „Fest“ und in ein paar internationalen Produktionen dabei war (und manchmal so verbissen aussieht, wie auch Laurence Olivier es konnte), spielt den Mann zwischen zwei Frauen mit jener Gequältheit, die dem Täter eine gewisse anklägerische Attitüde verleihen. Er ist von Anfang an nicht wirklich der sanftmütige Kommunarden-Typ, aber er fährt zu großer Kraft und Wut auf, wenn er bereit ist, mit Karacho alle rauszuschmeißen, falls er seine Freundin nicht kriegt…

Diese wird von Helene Reingaard Neumann (sie ist mit Regisseur Vinterberg verheiratet) als reizvolles Geschöpf mit Herz, Seele und Verstand gespielt, aber doch eine Frau, die zu ihrer Liebe steht und nicht weicht. Obwohl man es innerlich von ihr verlangen würde, denn die abgelegte Ehefrau, die (und das ist ungemein schmerzhaft) am Ende aus der Kommune gewiesen wird, um das Zusammenleben der anderen nicht zu stören (!), geht daran zugrunde, dass man ihr den Mann und ihr Leben (und in der Folge auch den Beruf, für den sie nicht mehr die Nerven hat) wegnimmt. Nein, man kann den Liberalismus der „freien Beziehungen“ nicht weiter treiben, als Menschen es zu ertragen vermögen…

Wie Trine Dyrholm diese Anna spielt, von der strahlend-selbstbewussten Frau des Beginns bis zur zerstörten Frau des Endes, die nur mit Mühe beim Abgang noch etwas Würde wahrt, nachdem  man ihrem Zusammenbruch erschüttert zugesehen hat – das ist ein Erlebnis. In Berlin gab es dafür heuer den „Silbernen Bären“ als beste Darstellerin. Mehr als verdient. Sie hält einen dramaturgisch gewaltig wackelnden Film zusammen.

Renate Wagner

Bilder (c) Prokino

 

 

 


Lída Baarová  /  Slowakische Republik, Tschechische Republik  /  2016
Regie: Filip Renc 
Tatiana Pauhofová, Karl Markovics , Gedeon Burkhard, Zdenka Procházková  

TRAILER
Nun befassen sich auch unsere nördlichen Nachbarn auf der Filmleinwand mit der unbewältigten Vergangenheit – nicht mit der Nachkriegszeit (das Thema „Sudetendeutsche“ mögen sie nicht), aber mit dem Krieg. Und so, wie die Schweden ihren „Problemfall“ Zarah Leander, die Holländer ihren „Problemfall“ Johannes Heesters hatten, so ging es der Tschechoslowakei (die es damals noch gab) mit ihrer Lída Baarová. Denn so „deutsch“ der deutsche Film einerseits war, mit den attraktiven Ausländern (da waren auch noch die Rökk, die Söderbaum) schmückte man sich sehr gerne.

Die Karriere der Lída Baarová im deutschen Film blieb zwar schon 1938 stecken, nicht obwohl, sondern weil sie mit dem wichtigsten Mann der deutschen Filmbranche ein Verhältnis hatte. Ihre Landsleute hätten sie nach dem Krieg als Kollaborateurin und deutsche Spionin hingerichtet, hätte ihr Vater nicht die Begnadigung erwirkt – behauptet zumindest der Film, der sich einerseits streng historisch gibt, andererseits wohl vieles wirkungsvoll ausschmückt. Aber jedenfalls umschifft Regisseur Filip Renc die Frage nach einer möglichen Schuld der Baarová im Dritten Reich nicht mit Ausflüchten, wenn auch am Ende nur Naivität, Opportunismus und die „große Liebe“ zum „Teufel“ übrig bleiben…

Um das Thema gleich nach heutigen Gesichtspunkten anzupacken, wird das klassische Element der Rahmenhandlung und das noch klassischere des Interviews gewählt. Die uralte Baarová, Jahrgang 1914, wird im Jahr 2000, kurz vor ihrem Tod, in Salzburg gezeigt, wo sie seit längerer Zeit lebte. Sie gibt einer jungen jüdischen Journalistin ein Interview, in dem die allgemein üblichen  Fragen gestellt werden, oft abgewehrt, oft beantwortet. Die alte Frau ist eine große Leistung von Zdenka Procházková (die man vor Jahrzehnten auch gelegentlich in Wien im Theater gesehen hat). Es gibt, wie bei vielen Menschen aus dieser Epoche, weder Entschuldigungen noch Erklärungen. Nur dass hier die Liebe zu Goebbels zur Triebkraft des Lebens gemacht wird. Dies sieht man in Rückblenden, die immer wieder zwischen die Interview-Szenen geschnitten werden.

Da ist die sehr junge Lida in Prag, offenbar schon ein erfolgreiches Sternchen, das genau weiß, dass eine „Star“-Zukunft im Film nicht in ihrer Heimat, sondern nur in Deutschland zu erringen ist. Eine extrem ehrgeizige Mutter (der Typ, von denen es so viele gab und gibt) treibt sie an, begleitet die Zwanzigjährige nach Berlin, in die Filmstudios der allmächtigen Ufa, während der daheim gebliebene Vater nur gewarnt hat: Deutschland, das ist Nazi-Deutschland…

Man glaubt es der Baarová, wie man es so vielen anderen Schauspielern geglaubt hat, dass sie sich „nicht für Politik interessieren“: Sie hatten nur ihre Karrieren im Kopf, und wenn diese stattfanden, würdigte man das Drumherum mit kaum einem Blick. Die Baarová fand schnell einen höchst renommierten Geliebten, Gustav Fröhlich, einen der prominentesten männlichen „Liebhaber“ des deutschen Films. Es wird gezeigt, wie gern er wegsah, wenn etwas nicht passte (dass eine jüdische Ehefrau eine „Unannehmlichkeit“ war, von der er sich zu befreien dachte, wird so nebenher behandelt, wie es damals wohl der Fall war…) – und dass er, als ein Mächtigerer ihm die Frau wegnahm, es sich gefallen ließ, wutentbrannt zwar, aber ohne Protest, der seine Karriere gefährdet hätte…

Wie schön und begabt die Baarová war, müsste man – wenn es denn genügend interessierte – mit Hilfe alter deutscher Filme zu bestätigen suchen. Sie machte jedenfalls schnell Karriere, wenn auch „Tee bei Hitler“ höchst vage ausfiel, der Führer es schnell damit bewenden ließ, dass sie einer Frau ähnlich sähe, die er einmal gekannt hat.

Und dann – Auftritt des „Teufels“. In der Originalfassung heißt der Film schlicht „Lída Baarová“, nur im Deutschen hat man sich zu dem tremolierenden Titel „Die Geliebte des Teufels“ hochgeschaukelt, wobei Joseph Goebbels ja nicht zuletzt seines Klumpfusses wegen immer wieder so bezeichnet wurde. Gefährlich war er ja wohl wie eine Klapperschlange, und als Propagandaminister, der buchstäblich mit einem Fingerschnipsen alles entscheiden konnte, auch in der Filmbranche „allmächtig“. Vermutlich konnte er sich vor weiblichen Angeboten nicht retten. Aber er wollte Lída Baarová.

Sagen wir kurz, dass der Film, der das Milieu des Dritten Reichs auf jene „reizvolle“ Art und Weise nachmalt, wie es schon Visconti und andere getan haben, die der Ästhetik auf den Leim gingen, in der Goebbels-Baarová-Liebesgeschichte am schwächsten ist. Dass hier eine Ehefrau kämpfte, ist wieder stärker, dass die Baarová alles verlor, als sie „entfernt“ wurde, weil Hitler eben noch mächtiger war als Goebbels und dessen „Vorzeige-Ehe“ aus Propaganda-Zwecken braucht, auch das funktioniert wieder, inklusive der Nachkriegsszenen.

Wie es dann weiter ging (die Baarová hat noch zweimal geheiratet und „g’frettete“ sich mehr als ein halbes Jahrhundert durch eine nur noch mediokre Karriere), interessiert den Film nicht mehr. Am Ende ist die alte Dame, die auf ihr Leben zurückgeblickt hat, tot. Dass Goebbels zu der Sterbenden hinkt, um sie abzuholen… ja, das gehört wieder zu den schlechtesten Passagen.

Wie sagt man nun, was man meint, wo man doch Karl Markovics so sehr schätzt? Er hatte natürlich seine Skrupel einer so exzessiven Persönlichkeit wie Goebbels gegenüber. Sein Entschluß, ihn nur „privat“, als (geradezu lächerlich) schmachtenden Liebhaber zu „unterspielen“ und nichts davon zu bringen, was an diesem Mann faszinierend gewesen sein muss, auch seine Rücksichtslosigkeit nicht wirklich zu spüren lassen – das macht den Teufel nicht einmal zu einem Teuferl, sondern bloß zu einer mikrigen Figur. Mit diesem kraftlosen Goebbels ist diese Geschichte eigentlich nicht zu erzählen. (Man sehnt sich hier direkt nach Moritz Bleibtreu, der 2010 in dem „Jud Süß“-Film einen ungleich interessanteren, „hintergründigeren“ Joseph Goebbels abgegeben hat.)

Die coproduzierenden Slowaken und Tschechen haben sich nur noch einen deutschen Schauspieler geholt, Gedeon Burkhard als Gustav Fröhlich, Charmeboy mit Ecken und Kanten, brutal genug, wenn es um das eigene Interesse geht. Das überzeugt mehr als Goebbels.

Den Rest der Besetzung haben die Tschechen und Slowaken mit hoher Überzeugungskraft beigestellt, wobei Tatiana Pauhofová als Lída Baarová liebenswert und ätherisch zugleich wirkt. Interessant wie überzeugend Pavel Kríz als Hitler erscheint (hier ist man für die Diskretion der Darstellung dankbar), wie überzeugend Lenka Vlasáková als Magda Goebbels die blonde deutsche Frau in ihrer entschlossenen Verbissenheit gibt, ihren Ehemann nie und nimmer aus den Klauen zu lassen. Glänzend auch Simona Stasová als Lidas betuliche und opportunistische Mutter, Martin Huba als ihr aufrechter Vater.

Wie gesagt, das Milieu ist getroffen, Wagner-Musik wabert beim Tee bei Hitler, in der Bettszene mit Goebbels (hier eher lächerlich), beim Zerschlagen der jüdischen Geschäfte (hier von grauenvoller Richtigkeit). Man interessiert sich mehr dafür als für die „schuldhafte“ (?) Liebe der Frau Baarová, die teuer dafür bezahlt hat – den kurzen Platz in der strahlenden Sonne hat sie mit einem weiteren Leben in der Kälte bezahlt. Ein trauriges Einzelschicksal, nicht mehr, nicht weniger. Ein ordentlicher Film mit Schwächen, nicht mehr, nicht weniger.

Renate Wagner 11.4.16

Blder (c) Thimfilm

 

 

 


USA  /  2016 
Regie: Dan Trachtenberg
Mit: Mary Elizabeth Winstead, John Goodman, John Gallagher, Jr. u.a.

TRAILER

Irgendwo in den Südstaaten der USA. Die junge Frau hat Krach. Die junge Frau springt wütend ins Auto. Die junge Frau hat einen Unfall. Als sie erwacht, liegt sie angekettet in einem Bett in einem fensterlosen Raum. Und der Kinobesucher seufzt tief und möchte sagen: Bitte, nicht schon wieder. Nicht schon wieder Kampusch, „Raum“ und Klaustrophobie. Nicht schon wieder.

Und dann erweist sich „10 Cloverfield Lane“ als Überraschung, die ganz ohne Kenntnis des so erstaunlich erfolgreichen Vorgängers „Cloverfield“ aus dem Jahre 2008 zu erfahren ist. Mit dem ersten Film hat dieser kaum etwas gemeinsam als den Produzenten J.J. Abrams (und ein einziges Horror-Handlungselement, was man aber erst zu Ende des Films bestätigt bekommt). Cloverfield zum Zweiten ist deshalb Horror vom Feinen, weil er sich absolut nicht auf irgendein Gekreische angesichts von irgendwelchen Phantasieprodukten einlässt, sondern eine gewissermaßen fast real mögliche Geschichte erzählt. Und diese mit aller psychologischen Spannung.

Dass die Sache so gut funktioniert, hat mit den Darstellern zu tun, die Regisseur Dan Trachtenbergim engsten Ambiente eines Bunker-Kellers so bemerkenswert führt. Und Mary Elizabeth Winsteadals Michelle, die sich gefangen findet, überzeugt mit ihrem intelligenten Gesicht ohne weiteres davon, dass sie jetzt nicht in angstvolles Gewimmere ausbricht, sondern ziemlich schnell versucht, sich zu orientieren, etwas zu unternehmen und aus einer unguten Situation das Beste zu machen.

Großartig ist es auch, den Mann, der sie festhält, diesen Howard, mit John Goodman zu besetzen, denn einerseits ist sein Image (aus vielen Filmen früherer Zeiten) so positiv, dass man ihn als das nehmen würde, was er angibt: ein Retter für Michelle aus der Not. Andererseits benimmt er sich so, gelinde gesagt, seltsam, dass man die längste Zeit nicht weiß, was man denken soll. Und das ist gut für die Spannung.

Und da ist auch noch ein dritter Mann, Emmett (sehr überzeugend: John Gallagher jr.), eher ein schlichtes Geschöpf, der aber etwas sehr gut kann, nämlich sich unter denjenigen zu ducken, der die Macht hat, und das ist Howard. Michelle hingegen beginnt unausgesprochen, aber für den Zuschauer mit Interesse zu betrachten, mit ihren Strategien…

Tatsache ist, dass Howard behauptet, draußen habe ein „Überfall“ auf die Erde stattgefunden und Michelle, Emmett und er seien nur in diesem sorglich ausgestatteten Bunker sicher. Nun bezweifelt man solche Aussagen gemeinsam mit Michelle, andererseits (wir sind im Kino…) ist es natürlich nicht völlig ausgeschlossen. Wie sie nun einerseits beginnt, das Terrain räumlich zu erforschen, andererseits, die Männer gegen einander auszuspielen… das steigert sich in minimalen Werten in eine immer stringentere Situation hinein.

Bis es dann zur „Explosion“ so oder so (verraten möchte man es nicht) kommt, und was, wenn es denn die „Freiheit“ gäbe, auf Michelle wartet – das sollte man sich schon selbst ansehen. Das gibt eindreiviertel legitim spannende Kinostunden.

Und sagen wir so: Mögen auch „Monster“ auftauchen, Filme wie dieser beweisen es ja doch – der wahre Horror sitzt  im Kopf.

Renate Wagner 3.4.16

Bilder (c) Paramount

 

 

 

 

 


USA  /  2015

TRAILER
Drehbuch und Regie: Quentin Tarantino
Mit: Samuel L. Jackson, Kurt Russell, Jennifer Jason Leigh, Tim Roth, Bruce Dern u.a.

Eine gewaltige Schneelandschaft, durch die sich eine Kutsche mühsam den Weg bahnt – Wyoming, so um 1875, dass Abraham Lincoln Präsident ist, wird am Ende des Films noch eine  Rolle spielen (wenn auch eine ziemlich sinnlose). Und dann steht er da – Samuel L. Jackson. Das hatten wir doch schon, die Kutsche und der schwarze Mann. Ein Selbstzitat von Quentin Tarantino aus seinem vorangegangenen Film „Django Unchained“. Man wünschte, der Regisseur, dessen Nimbus seit „Pulp Fiction“ in der Filmwelt (und bei den Fans) schier ungeheuer ist, hätte sein Niveau gehalten. Und gar das von „Inglourious Basterds“, dem Film davor.

Aber ein Hattrick ist ihm nicht gelungen – so schwach wie in den „Hateful Eight“ war Tarantino lange nicht. Und er hat auch, man sage es gleich, selten so schwach besetzt, sprich: so viele zweitklassige Schauspieler in seinen Film gelassen. Ganz abgesehen davon, dass Christoph Waltz geradezu schreiend fehlt, was der Regisseur in Interviews selbst betont hat… Kurz, es ist kein Wunder angesichts von so viel mangelnder Überzeugungskraft, dass „The Hateful Eight“ heuer bei den „Oscar“-Nominierungen so gut wie nicht dabei ist, nur Jennifer Jason Leigh (die man auf den ersten Blick gar nicht erkennt) schaffte es zum Nebenrollen-„Oscar“ als einzige Hauptkategorie…

Die hasserfüllten Acht des Titels stoppeln sich so langsam zusammen in dem Film, den Tarantino in völlig ungleiche Kapitel aufgeteilt hat.. In der Kutsche sitzen John Ruth, „The Hangman“ (Kurt Russell, einigermaßen machtvoll) und Daisy Domergue, Beiname „The Prisoner“, wobei man seine Zeit braucht, das Verhältnis der beiden zu beschreiben – dass er sie nämlich nach Red Rock bringen will, wo sie aufgehängt werden soll, und er kassiert das Kopfgeld. Die Delinquentin in Gestalt einer schrecklich verwahrlosten, übel herumschimpfenden Jennifer Jason Leigh scheint sich allerdings nichts zu fürchten, obwohl sie im Laufe des Geschehens unendlich viele Prügel einstecken muss (brutal muss es zugehen bei Tarantino).

Dann steht der schwarze Mann vor ihnen (damals sagte man wohl noch nicht Afroamerikaner): Major Marquis Warren, „The Bountyhunter“ genannt, Ex-Sklave und dann ehrenwerter Soldat und Kriegsheld aus dem Bürgerkrieg (der unvermeidliche Samuel L. Jackson), der begehrt, bei der Reise mitgenommen zu werden. Und dann kommt gleich noch einer: Chris Mannix (eher farblos:Walton Goggins) behauptet „The Sheriff“ von Red Rock zu sein, der künftige sozusagen, ob es wahr ist, wird eigentlich nie wirklich klar.

Da hat man also die erste Hälfte der Achter-Besatzung in der Kutsche. Eng und nicht sehr angenehm, aber vor allem – und darauf kommt es bei den Kinobesuchern an – nicht sehr unterhaltend. Das wird noch schlimmer, als die vier beschließen, angesichts des Schauerwetters bei einer Art von Schenke zu halten. In diesem Laden von Minnie bleibt man nun den äußerst faden Rest des über dreistündigen Films, wo sich die Handlung undurchsichtig verwirrt, ohne dass man mit besonderer Spannung der Klärung der Verhältnisse zusehen würde.

Die anderen vier Herrschaften des Titels sind dann der britische Oswaldo Mobray, „The Little Man“ (von Tim Roth so gespielt, als sei er das Bodydouble von Christoph Waltz), angeblich der in Red Rock erwartete Henker; Bob „The Mexican“ (Demián Bichir), der den Laden angeblich für Minnie führt; Joe Gage,  „The Cowpuncher“ (Michael Madsen), angeblicher Kuhhirte, von dem man gar nicht weiß, was er da will –  kurz, diese drei werden in ihren Funktionen nicht wirklich profiliert. Bei dem Ex-Südstaaten-General (wir sind in der Zeit nach dem 1865 beendeten Amerikanischen Bürgerkrieg) namens Sandy Smithers, „The Confederate“ (Bruce Dern) kann man sich schon mehr vorstellen – auch wegen der Präsenz des Schauspielers.

Nun hocken diese acht in dieser Stube beisammen und spielen Katz und Maus. Die Frage ist, wer wen wann abknallen wird – wenn es einem nicht so egal wäre, da keine Figur, nicht einmal die mies-trickreiche Delinquentin, sich nachdrücklich ins Bewusstsein bohrt. Nach und nach wird das Geschehen immer blutiger, was bei diesem Regisseur nicht verwundert, interessanter wird es nie, man hat das lähmende Gefühl, dass absolut nichts weiter geht. Und so gänzlich klärt das Drehbuch nicht, wer da mit wem ein Hühnchen zu rupfen hatte (es hat wohl auch mit dem brutalen Tod des Sohns des Generals zu tun, der in einer Rückblende angedeutet wird), zumal ja von allen Beteiligten offenbar so viel gelogen wird…

Am Ende liest – als einer der wenigen nicht Toten – Major Marquis Warren einen Brief, den Abraham Lincoln an ihn gerichtet hat. Aha. Nein, mit all dem hat Quentin Tarantino viel zu wenig erzählt – und sich außerdem der Hauptsünde eines Regisseurs schuldig gemacht: Er hat das „Du sollst nicht langweilen“ gröblich missachtet.

Sagen wir, dass es noch zwei „Oscar“-Nominierungen gibt, und das sind die einzig verdienten: Kameramann Robert Richardson versuchte, eine in einen einzigen Raum „eingesperrte“ Handlung mit seinen Perspektiven etwas zu beleben. Und wenn dieser Film wirklich als „Western“ betrachtet werden soll, konnte Tarantino keinen besseren Komponisten wählen als Ennio Morricone (von der amerikanischen Kritik der „Mahler der Spaghetti Western“ genannt). Stimmung, die sich zu herrlichem Schwulst aufschwingt, ohne je billig zu werden – das kann keiner besser als er.

Tarantino hingegen kann es besser, er hat es uns oft genug gezeigt.

Renate Wagner 22.1.16

Bilder (c) Universum

 

 

 

 

 

 

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