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KÖLNER KINDEROPER

Trailer: "20 Jahre Kinderoper"

Trailer: "Die Heinzelmännchen von Köln"

 

 

Hoffmanns Erzählungen für Kinder

Premiere am 1.4.2017

Ein echtes Sahneschnittchen im Staatenhaus

Die Schneiderinnen der Oper Köln dürfte einige Sonder- und Nachtschichten eingelegt haben, galt es doch, zwei hintereinander liegende ausstattungsintensive Premieren mit passenden Gewändern zu versorgen. Das ist zum einen das „große Haus“ mit Puccinis bekannter Oper „Turandot“ (gesehene GP am 31.3., Premiere 2.4. 2017), mit einer immensen Ausstaffierung an Kostümen, die der Oper in Verona kaum nachstehen dürfte. Angesagt am Vortag war die berühmte fantastische Oper „Hoffmanns Erzählungen“, hier in einer Version für Kinder, über deren Fertigstellung der Komponist, ein Sohn der Stadt Köln, erfolgreicher Operettenkomponist und Varieteebetreiber in Paris, bankrott ging und verstorben war. Am hinterlassenen Fragment beißen sich die Musikwissenschaftler bis heute die Zähne aus. Natürlich gibt es in Köln einen vor der hochproblematischen Kölner Oper gelegenen und somit oft erwähnten „Offenbachplatz“ und natürlich auch eine „Offenbachstraße“ in Pesch sowie eine Ofenbachfigur am historischen Rathausturm. Mehrere Werke von ihm wurden immer wieder in der Kölner Oper aufgeführt, darunter die berühmte Inszenierung des „Hoffmann" vom ehemaligen Intendanten Michael Hampe, die sogar von einem renommierten Fachmagazin als „Opernproduktion des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Und dann gibt es den jährlichen „Offenbach-Preis“, der von den „Freunden der Kölner Oper“ www.opernfreunde-koeln.de beim jährlichen „Fest der schönen Stimmen“ (nächster Termin30. April) an einen herausragenden Nachwuchs-Sänger verliehen wird. Der ist aber noch geheim.

Die originale Oper hat mehrere Spielebenen. Der Dichter Hoffmann erzählt im Suff Studenten von drei Frauen, die er unglücklich geliebt hat - Traumbilder in seinem Leben: Stella, eine singende mechanische Puppe, Antonia, die an ihrem Gesang zu Tode kommt, und die Kurtisane Giulietta. Und dazu natürlich die Ebene der Träume, der unerfüllten Liebe, der Sehnsucht, der Trunksucht zu entkommen und zum Künstlertum zurückzukehren. Eine Geschichte, die auch manchem älteren Opernbesucher nachzuvollziehen schwer fallen dürfte, da Traum und Wirklichkeit immer wieder verschwimmen. Zumal es noch eine wirkliche Sängerin gibt, mit der Hoffmann nach einer zeitgleich laufenden Opernaufführung verabredet ist. Und einen Widersacher, hier das Phantom genannt, der ihm die Sängerin wegschnappt, aber auch in den drei Frauengeschichten die Puppe zerstört, Antonia zum Singen animiert und Giulietta ihr Spiegelbild abluchst. Nicht ganz einfach, daraus eine für die Jugend verständliche Kurzfassung zu zaubern; die angegebene Untergrenze von acht Jahren erscheint auf den ersten Blick etwas niedrig. Aber eine spannende Szene, originelle Kostüme und eine tolle Musik machen unseren ganz Kleinen auch viel Spaß ohne tieferes Verständnis. In den Schulklassen, von denen die meisten Aufführungen besucht werden, wird das Stück im Unterricht ohnehin gut vorbereitet. Lotte Götze (7), kinderopernerfahrene Enkelin des Rezensenten, entgegnete auf die Frage eines Kölner Kulturjournalisten zur Handlung der Oper ganz entspannt: Nacherzählen könne sie nicht alles, aber toll wäre es gewesen. So dürfte es ohnehin den meisten Erwachsenen gehen.                                                   

Rainer Mühlbach, Leiter des Opernstudios und Dirigent der Aufführung, hat zusammen mit der Regisseurin Kai Anne Schumacher, welche auch die Puppen schuf, aus der fast vierstündigen Oper eine aufwendige Fassung für Kinder erstellt, eine gute Stunde prall gefüllt mit  Offenbachs phänomenaler Musik, mit faszinierenden Kostümen, den bekanntesten Arien, und mit vielen inszenatorischen Feinheiten, die schwerlich auf einmal erfasst werden können. Und natürlich kindgerecht entschärft: die Kurtisane mutiert zur Zauberin, die Freier begnügen sich mit Kartenspiel, und Hoffmann ist kein betrunkener Dichter; ihm ist nur ein wenig die Fantasie ausgegangen, aber die nach den erzählten Geschichten wiedergekommen sind: seine Muse der Dichtung führt ihn durch ein Traumland und reicht ihm nach all den Abenteuern eine neue Schreibfeder, nachdem er seine zuvor im Frust zerbrochen hatte. 

Julius Theodor Semmelmann hat im weiträumigen Saal in der ersten Etage des Staatenhaues, in dem die Feuerwehr leider nur 250 Zuschauer erlaubt, eine breite Guckkastenbühne gebaut, inklusive des reduzierten Gürzenich-Orchesters, von dem sieht man durch einen Gazevorhang allerdings bewusst wenig; auch der Dirigent ist schwer auszumachen. Die Bühne ist voll von beschriebenem Papier, der Schriftsteller sitzt bereits schreibend inmitten seiner Werke, die er aber immer wieder im Frust sofort entsorgt. Diese können später komplett hochgezogen und als Hintergrund verwendet werden. Eine hübsche Idee sind die hängenden Notenblätter, die später mit einzelnen Noten bestückt werden und beim Tod von Antonia alle herunterfallen. So auch der Zwerg Klein Zack aus gerolltem Schreibpapier, der zur berühmten Arie tanzt und danach zerlegt wird. Die äußerst fantasievollen Kostüme von Valerie Hirschmann sind entzückend und manchmal ein wenig gruselig und zum Teil aus der Kinderwelt entlehnt (die Muppets oder aus E.T.); sie sind, auch ein wenig der commedia dell´arte entliehen, so vielschichtig, dass sie hier kaum erschöpfend zu beschreiben sind. Eine sinnhafte Idee ist die Führung von Puppen als „alter ego“ durch Hoffmann, Olympia und das Phantom; letztere brauchten gar eine „Bewegungshilfe“ durch eine zweite Person. Die Wiedererlangung der Fantasie von Hoffmanns lässt dann auch seine Puppe, das Sinnbild seiner Probleme, leblos zusammensacken. Ein schöner kindgerechter Schluss einer rundum tollen Inszenierung, welche die meisten Premierenbesucher sicher gerne noch einmal sehen möchten und mit langem stehenden Applaus und Trampeln belohnt haben.

Zumal die musikalischen Qualitäten herausragend gut waren. Die „Gürzenichs“ unter dem aufmerksamen Dirigat von Rainer Mühlbach zeigten, dass die Oper auch in deutlich kleinerer Besetzung wunderbar zum Klingen gebracht werden kann. Und natürlich die Sänger, die bis auf Julian Schulzki (Frantz/Cochenile), Susanne Niebling (Muse) und Netta Or (Antonia) ausnahmslos aus dem Kölner International Opernstudio stammen. Es ist immer wieder verblüffend, welcher Schatz an hervorragenden Stimmen und wunderbaren Schauspielern hier versammelt ist, der von den Kölner Opernfreunden regelmäßig finanziell unterstützt wird. Daher sollen hier nur die Namen ohne detailliererte Wertung genannt werden: Dino Lüthy (Hoffmann), Sara Jo Benoot (Muse der Dichtung), Maria Kublashvili (Olympia), Insik Choi (Phantom) und Maria Isabel Segarra (Zauberin). Es dürfte spannend zu beobachten sein, welchen musikalischen Weg diese bereits dermaßen qualifizierten jungen Sänger gehen werden.

Lobend erwähnt muss unbedingt auch noch Michaela Riger (16), die den Comic-Wettbewerb für das Programm gewonnen hat; reizend gezeichnet und die kindgerechte Handlung sehr gut erklärt.Der Kinderoper Köln unter ihrer Chefin Brigitta Gillessen, die auch als Spielleiterin fungiert, ist hier ein echtes „Sahneschnittchen“ gelungen, dem man auch eine Präsentation in größerem Rahmen oder in anderen Häusern gönnt. Bravo, bravo !

Michael Cramer

Fotos © Matthias Jung

 

DIE KLUGE

von Carl Orff

am 29.1.2017

Die erste Wiederaufnahme der erfolgreichen Kinderoper „Die Kluge“ von Carl Orff (Kölner Premiere am 13. März 2016) geriet auf Anhieb bestens, obwohl überwiegend andere Sänger, statt eines Orchesters zwei Klaviere und ein anderer Dirigent Dienst taten. Orff hatte 1956 Wilhelm Killmayer, seinen Privatschüler und späteren Hochschullehrer in München, gebeten, diese Fassung für ihn einzurichten. Musikalisch hat diese Version zweifellos ihren eigenen Reiz, denn durch die Verwendung von zwei Klavieren gewinnt die ohnehin schon stark ausgeprägte rhythmische Ebene dieser Musik eine andere, intensivere Wirkung. Und abgesehen von den Kosten für ein ganzes Orchester ist diese Version auch „reisefähig“ für Aufführungen außerhalb des Hauses.

Die beiden blendenden Pianisten Amandine Duchênes und Luca Marcossi ließen sich von Rainer Mühlbach, Leiter des Kölner Internationalen Opernstudios, mit präzisem und anfeuernden Dirigat hör- und sichtbar regelrecht anstecken, ebenso die große Gruppe der Perkussionisten. Auch wer die Orchesterversion kennt - man vermisste wahrlich nichts, so glutvoll, spannend, fast aufregend, aber auch sanft und zärtlich kam die Musik rechts von der Bühne und für alle gut sichtbar herüber; eine gute Gelegenheit für die Kinder, auch mal ordentlich nach den Schlagzeugern die Hälse zu recken. Auch die neun Solisten ließen sich anstecken, im Gesang wie auch beim Spiel; Brigitta Gillessen, die Leiterin der Kinderoper, hatte das Stück inszeniert und den neuen Akteuren den Orff´schen Geist erfolgreich eingehaucht. Mit dabei im vergangenen Jahr waren Michael Mrosek als 2. Strolch und John Heuzenroeder als missmutiger Eselmann. Das Opernstudio hatte als König den Koreaner Insik Choi mit wunderbar balsamischem Gesang und königlichem Gehabe und den quirligen Dino Lüthy mit herrlichem Tenor „ausgeliehen“, beide hatten zuvor die „Heinzelmännchen“ erfreulich bereichert.

Julian Schulski ergänzte das Trio der Strolche, herrlich und amüsant ihr Terzett „als die Treue ward geboren“. Optisch und gesanglich entzückend ist Ivana Rusko als die kluge Bauerntocher, ihr Bühnen-Vater Lucas Singer ist wie Wolfgang Stefan Schweiger als Maulesel-Mann ein bereits sehr erfolgreicher Spross des Opernstudios. Der Kerkermeister Miroslav Stricevic sorgte mit mächtiger Stimme fast für Ehrfurcht unter den aufmerksam zuhörenden Kindern. Und die Herren der Statisterie, Diener des Königs, kellnerten so perfekt, dass sie glatt im Kölner Nobelhotel Exelsior Ernst anfangen könnten.

 Alles in allem eine rundum erfreuliche Wiederaufnahme der letztjährigen Produktion, die bis zum 18. Februar noch häufig auf dem Spielplan steht. Karten gibt es übrigens auch für Erwachsene. Und auch für junge Autogrammjäger, siehe unten.

Michael Cramer 31.1.2017

Herzlichen Dank an Paul Leclaire (c) für die wunderbaren Bilder
 

Die Heinzelmännchen zu Köln

Fröhliche Jazzoper für Kinder von Ingfried Hoffmann

Uraufführung am 11. Dezember 2016 zum 20. Geburtstag der Kinderoper Köln

Wer kennt ihn nicht, den Heinzelmännchenbrunnen vor dem Traditions-Brauhaus „Früh am Dom“: 1899 geschaffen von Vater und Sohn E. und H. Renard und seither von Millionen Köln-Touristen fotografiert. Die kleinen Wichte gehören fest zum lokalen Sagenschatz, haben sie doch über Nacht den Kölner Handerkern die Arbeit abgenommen. Ernst Weyden beschrieb sie bereits 1626 in “Cöln's Vorzeit“ Es mag noch nicht über fünfzig Jahre seyn, daß in Cöln die sogenannten Heinzelmännchen ihr abentheuerliches Wesen trieben. Kleine nackende Männchen waren es, die allerhand thaten, Brodbacken, waschen und dergleichen Hausarbeiten mehrere; so wurde erzählt; doch hatte sie Niemand gesehen.“

Der schlesische Dichter August Kopisch dichtet 1836 daraus eine populäre Ballade

„Wie war zu Cölln es doch vordem, mit Heinzelmännchen so bequem! Denn, war man faul, man legte sich hin auf die Bank und pflegte sich: da kamen bei Nacht, ehe man’s gedacht, die Männlein und schwärmten, und klappten und lärmten, und rupften, und zupften, und hüpften und trabten, und putzten und schabten. Und eh ein Faulpelz noch erwacht, war all sein Tagewerk bereits gemacht!“

Nun, da passt es ja gut, die Heinzelmännchen als Sujet für die Feier zum 20. Geburtstag der Kölner Kinderoper zu wählen. Denn diese Institution, die allererste dieser Art überhaupt in Europa, rackert in ähnlicher Weise seit zwei Jahrzehnten mit vielen fleißigen Helfern, Musikern und Sängern. Zunächst in einem kleinen hölzernen Theatergebäude im Foyer der Oper am Offenbachplatz, dann wegen der Renovierung im Oval des Alten Pfandhauses, und jetzt in der ersten Etage des Staatenhauses, wo auch die „normale“ Oper residiert. Die Intendantin Dr. Birgit Meyer hatte vor anderthalb Jahren mit dem 82-jährigen Kölner Komponisten Ingfried Hoffmann aufgenommen, der sich mit der Kinderoper „Vom Fischer und seiner Frau“ bereits blendend präsentiert hatte, und zum Jubiläum eine neue Oper in Auftrag gegeben. Hoffmann ist vielfältiger Jazzpianist und Kompositeur, er hat nicht nur eine fetzige Musik, sondern auch alle Dialoge und Songs geschrieben – ein wahres Prachtstück ist dabei herausgekommen.

Der Bühnenbildner Christof Cremer hat originelle peppige Kostüme geschaffen und den bekannten Brunnen stilisiert nachgebaut, im unteren Bereich mit Türen für die Akteure, es darüber thront das Jazz-Ensemble der Kinderoper. Ein aufklappbares Zimmer mit Bett und Waschbecken ergänzt die Szenerie, dazu ein überdimensionaler Motorroller mit bergeweise Einkaufstaschen. Die Zuschauer (die Feuerwehr erlaubt nur 250 Personen) sitzen auf V-förmig gestellten Tribünen, die Kinder auf Kissen auf der Erde; jeder kann prima sehen in dem weitläufigen Saal. Und da ging richtig die Post ab mit den sieben Sängern des Kölner Internationalen Opernstudios, welche unter der Regie ihrer Chefin Brigitta Gillessen immerhin 13 Rollen zu stemmen hatten; da war fleißiger Kostümwechsel angesagt. Bekanntlich hatte die Schneidersfrau zur Nacht Erbsen auf die Treppe gestreut, um die Heinzelmännchen zu erwischen; diese purzelten hinunter und verzogen sich beleidigt und für alle Zeiten aus der Stadt, so dass die Kölner fortan wieder selbst arbeiten mussten.

Hoffmann schafft um die Heinzelmännchen eine moderne Rahmen-Story mit zeitgenössischen Accessoires wie Kommunikation über das Internet und Verabredung per Handy. Der angehende Musikstudent Peter (Dino Lüthy) versucht sich erfolglos als Straßenmusiker mit der Moritat von den Kölner Heizelmännchen, eckt aber mit shoppenden Passanten an. Nur die junge Eve (Maria Isabel Segarra) hört ihm zu, glaubt ihm aber nicht. In einer Eisdiele (Reminiszenz an den legendären Gigi Campi, der in Köln um die Ecke logierte), dem geheimen Treffpunkt der Heinzelmännchen, entsteht der Plan zu einer großen Life-Show, mit Dirigent und den Musikern auf einmal in silberglänzenden Fräcken. Mittels eines von den Kindern gesungenen Passwortes werden die Wichte sichtbar und arbeiten wie ihre Vorfahren, backen Brot, machen Wurst, schreinern und bauen eine Mauer. Einheitlich in schwarz-rot, mit leuchtenden Zipfelmützen und wunderbar originellem Gehabe.

Die jungen Sänger des Opernstudios, die 2 Tage zuvor noch ein langes Konzert für die Opernfreunde gestaltet hatten (siehe unter "Staatenhaus"), spielten und sangen mit hoher Qualität und Leidenschaft, ist die Bühne doch ihr zukünftiger Profess. Ein eigens engagierter Sprachtrainer hatte es geschafft, dass die beiden Koreaner Young Woo Kim und Insik Choi, die Belgierin Sara Jo Benoot, die Spanierin Maria Segarra und Maria Kubliasvili aus Georgien problemlos zu verstehen waren, wie Ida und Lotte, die kinderopererfahrenen Enkelinnen des Berichterstatters, begeistert bestätigten. Für den Chef-Heinzelmann Matthias Hoffmann und für Judith Thielsen (Heinzelfrauchen und Kellnerin) war dies natürlich entbehrlich. Der Choreograf Athol Farmer war erfolgreich in der Einstudierung der zahlreichen komplizierten Bewegungsabläufe. Rainer Mühlbach, Dirigent und Chef des Opernstudios, hatte seine Musiker fest im Griff mit einem herrlich frischen Sound, mit Drive, vielfältiger Farbigkeit und einer köstlichen Nonchalance. Eine bunte Revue war zu erleben, mit vielen inszenatorischen Feinheiten und Späßen, mit zahlreichen Anspielungen auf die Stadt Köln wie „die Elfen helfen beim Elften im Elften“, und vor allem mit einem großen Loblied auf die tollen Kinder dieser Stadt, das Wichtigste überhaupt. Die Heinzelmännchen sind nämlich im Verborgenen immer noch da, man muss nur das Passwort singen und natürlich dran glauben. Denn eigentlich ist jedes Kind ein Heinzelmännchen, welches anderen helfen kann.

Es war eine rundum gelungene Geburtstagsfeier, mit Ansprachen der Kulturdezernentin Susanne Laugwitz-Aulbach, der Intendantin Dr. Birgit Meyer, dem Vorsitzenden des Fördervereins Hansmanfred Boden und natürlich der Chefin selbst, die auch die riesigen Heinzelmännchen-Torte anschneiden durfte.

Der Kinderoper auch von hier aus herzlichen Glückwunsch mit vielen erfolgreichen Produktionen und glücklichen kleinen Zuschauern.

Michael Cramer  13.12.2016                                                       

Fotos © Paul Leclaire

 

König Arthur

WA-Premiere an der Kinderoper: 18.9.2016

Spiellaunige junge Sänger

TRAILER

Wer dächte bei dem Namen „König Arthur nicht an den legendären Herrscher der Tafelrunde? Doch obwohl in der Semioper Henry Purcells das Schwert Excalibur eine Rolle spielt und von der Burg Camelot gesprochen wird, ist das Werk eine Abenteuergeschichte eigener Art, von Mythosernst weitgehend unbelastet. Das Werk diente seinerzeit vornehmlich dazu, ein spektakelsüchtiges Publikum zufrieden zu stellen. Anders als bei dem dramaturgisch festgefügten Genre Oper könnten bei der im England des 17. Jahrhunderts sehr beliebten Semioper Musik und Dichtung durchaus für sich bestehen. Aber die „eindrücklichste Wirkung werden sie hervorbringen, wenn sie vereinigt sind, Geist und Schönheit in einer Person“, so Librettist John Dryden. Im Original sind Gesangsaufgaben ausschließlich Nebenfiguren übertragen, während die Protagonisten sprechen. Das ist bei der Fassung für die Kölner Kinderoper nicht so. Die einzelnen Veränderungen wären bei Bedarf zu prüfen; sie betreffen auch das Orchester. Für die Aufführungen der Kinderoper gelten wie immer folgende Bedingungen: Spieldauer nicht mehr als eine Stunde, Sängerbesetzung gemäß den Möglichkeiten des Opernstudios.

Die Leiterin der Kinderoper, Brigitta Gillessen, führt Regie. Bei ihr ist Arthur nicht sogleich König, sondern ein junger Mann, der am Theater Kulissen schiebt. Ein netter, aber etwas tumber Boy, dessen Ungeschicklichkeit fast eine Aufführung zu Fall bringt. Aber der Zauberer Merlin hat sich diesen Tolpatsch nun einmal ausgeguckt, sieht in ihm etwas „Hohes“ und hilft ihm, zum Helden Arthur zu reifen. Als solcher kämpft unser Boy erfolgreich gegen seinen Erzfeind Oswald und erringt bei dieser Gelegenheit auch noch die schöne Emmeline.

In diese Story könnte man fraglos einige politische Sprengkraft hinein interpretieren. Brigitta Gillessen vermeidet dies klugerweise und setzt voll auf die Zauberstory, zumal in dieser auch einige Geister mit von der Partie sind. Die Aufführung, fantasiereich gestaltet, gewinnt solcherart hohen Schauwert, und das dürfte für kleine Zuschauer (Empfehlung im aktuellen Falle: ab 8 Jahre) das Wichtigste sein. Von eher sekundärer Bedeutung ist, ob die Mitglieder des Gürzenich-Orchesters ausgepichte Barock-Interpreten sind. Rainer Mühlbach nimmt als musikalischer Spiritus Rector der Kinderoper auch diesmal seine Aufgabe enorm ernst und bietet die inspirierte Musik Purcells klanglich wirkungsvoll und mit Elan. Bei der berühmten Frost-Szene des 3. Aktes friert es einen wirklich.

Das Theater-auf-dem-Theater-Konzept gibt Ute Lindenbeck reichlich Gelegenheit zu malerischer Ausstattung auf der Bühne ihrer „Round Table Opera“. Die Kostüme sind eine Augenweide und werden von den Sänger offenkundig gern getragen.

Der Transfer der Produktion vom Alten Pfandhaus in Kölns Südstadt, wo die Premiere des Purcell-Werkes am 2. Mai des Vorjahres stattfand, in das derzeitig als Interim genutzte Staatenhaus (besonders weitläufig das Arreal im oberen Stückwerk), wurde geschickt vorgenommen. Neu bzw. wesentlich deutlicher sichtbar sind die Fernsehmonitore, das Gürzenich-Orchester ist nunmehr ebenerdig platziert, während es früher auf einer hoch gelagerten Tribüne spielte, was der Aufführung etwas mehr Intimität verlieh.Doch der Unterschied ist qualitativ ohne Belang.

Im Ensemble des Opernstudios, welches die Sänger der Kinderoper stellt, hat sich nach anderthalb Jahren naturgemäß Einiges geändert. Der einstige Arthur, Stefan Wolfgang Schwaiger (in Wien wohlbekannt) wurde mittlerweile ins Hausensemble übernommen. Der Koreaner Insik Choi ist ein etwas kräftigerer Typ, aber gleichfalls ein liebenswerter Bursche (mit sehr markanter Stimme). Ale hilfreicher Merlin steht neuerlich Keith Bernard Stonum auf der Bühne. Zwischenzeitlich war der junge Tenor am Stadttheater Aachen engagiert (besonderer Erfolg: Wenzel), über weitere Karriereschritte wird man sicher erfahren. Matthias Hoffmann verkörpert überzeugend den grimmen Grimbald. Als Ritter über alles und Arthur-Gegner Oswald macht Dino Lüthy mit einem überaus klangvollen Tenor (das Timbre erinnert ein wenig an Jonas Kaufmann) auf sich aufmerksam. Im Sopranfach zwitschern ohne Fehl und Tadel Maria Isabel Segarra (Emmeline), Sara Jo Benoot (Matilda) und Maria Kubiashvili /(Philidel).

Enorm viel Beifall. Und wie4 immer war es bezaubernd, die Reaktion der kleinen Zuschauer zu beobachten.

Christoph Zimmermann 18.9.16

Foto (c) Kinderoper

 

 

 

Lollo – ein musikalische Klanggeschichte

Premiere am 23.4.2016

Endlich konnten die Kölner Kids ihre „Kinderoper“ in der ersten Etage des Staatenhauses „in Besitz nehmen“, da der Raum bisher für ältere Zielgruppen genutzt wurde. Auch mit der rundum entzückenden Produktion von Orff´s „Die Kluge“ unter der Regie von Brigitta Gillessen wären die jungen Opernbesucher etwas überfordert gewesen. Nun also ein Stück für den jungen Nachwuchs im weitläufigen Raum, von dem man eine Ecke abgetrennt hatte; nur 65 Zuschauer waren vom Bandschutz zugelassen worden. Auch zwei alte Bekannte waren mit im Spiel, Mira Lobe und Susi Weigel, die das musikalisches Erzähltheater „Das kleine Ich-Bin-Ich“ - noch im Alten Pfandhaus aufgeführt - ersonnen hatten. Die beiden Österreicherinnen haben auch das Kinderbuch „Lollo“ geschrieben und gezeichnet, die vielfach ausgezeichnete Regisseurin Ela Baumann hat nach der Komposition von Elisabeth Naske daraus eine „Klanggeschichte zum Mitgestalten“ für Kinder von 6-9 Jahren inszeniert. Man durfte gespannt sein.

Lollo ist eine nackte schwarze Puppe, die jemand achtlos auf den Abfall geworfen hatte. Sie erwacht zum Leben, klettert den Müllberg herunter, findet unter alten Kleidern, Dosen und Töpfen einen rot-weißen Lumpen, den sie als Gewand nimmt, und entdeckt nach und nach alle möglichen kaputten Spielfiguren und Tiere: den Maxerl mit nur einer Hacke, einen kaputten Dackel, einen Elefanten ohne Rüssel, ein Krokodil ohne Schwanz, einen Hasen mit nur einem Ohr und viels andere mehr. Die alle beschließt sie zu heilen. Hier kommt die wichtige Botschaft rüber: nicht einfach alles Kaputte gleich wegschmeißen, was man selbst auch reparieren könnte.

Noch im Foyer in Empfang genommen wurden die Kinder von vier gelb gekleideten jungen Damen mit Lollo-Shirt, welche die Gruppe erst einmal aufteilten und aus großen Bottichen allerlei Spiel- und Bastelmaterial ausschütteten. Daraus galt es nun Xylophone, Glockenspiele, Trommeln und Rasseln zu basteln, vorgedruckte Pappen, Bänder, Klangstäbe, Scheren und Sägemesser erleichterten die Arbeit; die Kleinen waren eifrig und hoch konzentriert bei der Arbeit.

Lollo, die aus Ruanda stammende farbige Sopranistin und Schauspielerin Marie-Christiane Nishimwe, welche die Rolle bereits im Kindermuseum Wien inne hatte, stellte sich singend und mit kräftig rollenden Augen vor, lustig begleitet von Francois de Ribaupierre auf der Klarinette und tatkräftig unterstützt vom Ausstatter Raimund Pleschberger. Sie fischte mit wunderbar leichtem Sopran und köstlicher Mimik ein Spielzeug nach dem anderen aus dem Müllhaufen, klebte und nähte es wieder zusammen, erzählte den Kindern tanzend und steppend die ganze Geschichte, und dirigierte mit großen ausladenden Bewegungen das aufmerksame Kinderorchester vor sich auf dem Boden, unter das sich auch einige der Erwachsenen gemischt hatten. Jede Figur wurde mit einem eigenen Sound begrüßt und gefeiert, die Kids reagierten auf Lollos Dirigat wie echte Musiker. Und wurden natürlich entsprechend immer wieder gelobt.

Und dann musste für jede reparierte Figur ein Haus gebaut werden; so entstand die Schachtelstadt. Lollo hatte sogar ein Krankenhaus für die „Verwundeten“ gebaut. Mit glühenden Wangen wurden aus großen Pappkartons Fenster und Türen ausgeschnitten und ein Dach gebaut, alles mit rot-weißem Band zusammengeklebt; und dann ging es in einer langen Polonaise mit Musik auf den Eigenbau-Instrumenten und unter Lollos hellem frischen Gesang über den sinnvollen Umgang mit dem Abfall und die Resourcen um die neu gebauten Häuser - und nach 90 Minuten dann auch Richtung Ausgang.

Ida und Lotte, die jungen Autogrammjäger

Natürlich durften die Instrumente mit nach Hause genommen werden; Ida und Lotte, die Enkelinnen des Rezensenten, wollten nicht nur ein Autogramm von Lollo ins Lollobuch, sondern sogar die Papphäuser mitschleppen, mit denen zu Hause noch intensiv gespielt wurde. Eine arge Plackerei. Aber: „Das war das beste Stück, welches wir jemals gesehen haben“, meinten die beiden bereits kulturerfahren jungen Damen. Dem kann man sich nur anschließen.

Fotos © Mathias Jung und privat

Michael Cramer 26.416

 

 

 

Carl Orff

 

DIE KLUGE

Premiere am 13. März 2016

Ganz großer Wurf in der Kölner Kinderoper

Die Oper Köln beging die „Inbesitznahme“ der ersten Etage des Staatenhauses, des Saal 3, durch die Kinderoper mit einem echten Paukenschlag. Nicht dass etwa eine frisch angebrachte Scheinwerferbatterie heruntergekracht wäre, nein, für die Wiedereröffnung hatte man das Beste aufgeboten, was das Haus derzeit zu bieten hat: Sänger und -innen vom feinsten, ein richtig großes Orchester mit einem wunderbaren Dirigenten, und eine märchenhafte Inszenierung von der Kinderopernchefin persönlich sowie eine entzückende Bühne und Kostüme. Wenn es auch anschließend keinen Umtrunk und Imbiss vom Sponsor für die Kleinen gab wie früher im „Alten Pfandhaus“. Leider muss sich die auch „neue Kinderoper“ am Offenbachplatz in separatem Gebäude bis zur Eröffnung noch mindestens zwei Jahre gedulden; belastbare Zahlen sind derzeit nicht zu erhalten.

Der Saal 3 (gibt es kein hübscheres Wort dafür ?) wurde bereits im Januar für Britten´s „The Rape of Lukrezia“ eindrucksvoll genutzt: stark begrenzte Höhe, leider aber auch stark begrenzte Zuschauerzahl; mehr als 200 Personen hatte die Feuerpolizei vehement abgelehnt. Der Vorteil ist natürlich, dass man wunderbar in die Breite spielen kann und dass viel Platz für die Musiker zur Verfügung steht. So auch bei Karl Orff´s berühmter kleiner Oper „Die Kluge“ von 1943; hier spielt das nur wenig reduzierte Gürzenich-Orchester, aber mit voll angetretenen Schlagzeugern schräg rechts neben der Bühne, wunderbar zu sehen und zu hören. Schon ein großer Vorteil, waren doch für die Premiere am Offenbachplatz nur 2 Klaviere und Schlagzeug vorgesehen; in dieser Version soll die Inszenierung später im Kölner Schulen „auf Reisen“ gehen. Der vielfältig gefragte Dirigent Alexander Rumpf, Professor an der Musikhochschule Köln, machte seinen Job hervorragend: mit klarer Diktion hat er alles im Griff, wusste seine Ideen gut umzusetzen und hatte vor allem viel Spaß an dem Stück. Das hörte und sah man. Das Gürzenichorchester war wie immer voll bei der Sache, glänzte durch Präzision, Schwung und wunderbare Bläser. Insbesondere die vielen sehr rhythmischen Anteile und das ständige Vorwärtsdrängen im musikalischen Fluss hielten die Zuhörer in Atem.

Orff hatte sich für die heiter-hintergründige Oper nach dem Grimm´schen Märchen „Die kluge Bauerstochter“ selbst als Librettist betätigt; neben dieser Vorlage fand er in einem Sprichwörter-Bändchen von 1846 Anregungen für ein Trio von Strolchen mit drastisch derben Sprüchen, welche ungeschminkte Zeitkritik äußern durften: „Denn wer viel hat, hat auch die Macht, und wer die Macht hat, hat das Recht, und wer das Recht hat, der beugt es auch“. So versammelten sich auf der schicken königsblauen Bühne mit bourbonischen Lilien wie auch mitten unter den Zuschauern drei köstlich komödiantische Tagediebe (Martin Koch, Dennis Wilgenhof und Michael Mrosek) nebst zwei Eselsmännern (deftig und stimmstark John Heuzenroeder und Martin Kronthaler), die sich um ein neugeborenes Fohlen stritten und den König Recht sprechen lassen wollten.

Aber den interessierte nur das Schachspiel mit seiner neuen Frau (die entzückende, puppenhafte Anna Palimina mit makellosem Sopran), die er wegen ihrer vermeintlichen Schläue geheiratet hatte. Sie hatte ihrem Vater, einem Bauern, der auf seinem Acker einen goldenen Mörser, allerdings ohne den zugehörigen Stößel, gefunden hatte, geraten, den Mörser nur ja nicht dem König (Oliver Zwarg mit tiefschwarzem, aber auch durchaus auch lyischem Bass) zu bringen, da dieser ihn sonst wegen Diebstahls des Stößels in den Turm werfen würde. So kam es auch; der Vater (Bjarni Thor Kristinsson mit herrlichem tieftönenden Organ) und köstlicher Mimik jammert ständig „Ooh hätt´ ich meinerTochter nur geglaubt“. Der neugierige König stellt ihr drei Rätsel, die sie natürlich locker löst, heiratet sie und lässt den Vater frei.

Als die kluge mit ihrer Schläue dem einen Eselsmann trickreich hilft, wird der König argwöhnisch und verbannt sie aus seinem Palast; mitnehmen darf sie nur, was ihr am liebsten ist. Und das ist natürlich der König, den sie mit einem Trunk schläfrig gemacht hatte und ihre Truhe gelegt hatte; denn ihn sie liebte doch so sehr.

Brigitta Gillessen hat im märchenhaften prachtvollen Simultan-Bühnenbild und den Kostümen von Christof Cremer mit mehreren parallelen Spielorten und mit ein wenig in Comedia del´Arte-Manier einen Ort geschaffen, in dem die Handlungsstränge leicht nachvollziehbar sind; der Gefängnisturm, der mit Gold eingefasste schicke Palast des Königs, ein blau-weiß karierter Teppich zum Schachspielen, Platz für einen großen Tisch, der dann zur Kiste für den schlafenden König wird, und große Tücher mit Naturmotiven, mit denen am Schluss alle königlichen Machtmotive überdeckt werden. Köstlich gekleidet und fast wie ein Henker gibt sich auch der mächtige Kerkermeister (Zelotes Edmund Toliver).

Die Figuren von Gillessen schaffen es, ihre Eigenständigkeit und Identität klar und für jedermann verständlich zu spielen, wenn auch die angegebene Untergrenze von 7 Jahren etwas niedrig angesetzt erscheint, auch im Hinblick auf das Verfolgen der Übertitel. Sehr lesenswert ist das Programmheft von der Dramaturgin Tanja Fasching u.a. mit einem Interview mit der Regisseurin; das sollte man sinnvollerweise vorher an der Vorverkaufskasse erwerben. Und dazu gibt es erneut ein Comic über den Inhalt der Oper aus einem Wettbewerb wie bereits 2015 bei König Artur, diesmal gezeichnet von Enya Olbert. Gratulation, liebe Enya.

Der Kölner Oper ist hier ein weiterer wunderbarer Baustein in ihrer durch personelle und bauliche Querelen ramponierten Vita gelungen. Herzlichen Glückwunsch ! Wer noch reingehen möchte: Für die Aufführungen in dieser Spielzeit gibt es kaum noch Karten.

Michael Cramer 16.3.16

Bilder (c) Kinderoper / paul@leclairefoto.de

 

 

 

DIE KLUGE

Zweiter Premierenbericht vom 23.5.2015

Wirklich nett gemacht

Dass Orffs „Kluge“ eine auf Anhieb erfolgreiche Oper war, belegt u.a. die Tatsache, dass sie nach der Frankfurter Uraufführung 1943 an weiteren 21 Bühnen gespielt wurde. Die von Heinz Tietjen 1941 für Berlin geplante Erstpremiere kam nicht zustande. Gustaf Gründgens war als Regisseur vorgesehen gewesen, in dem aus Sängern und Schauspielern gemischten Ensemble hätte Käthe Gold die Titelpartie übernehmen sollen. Nach dem Krieg machte vor allem die Felsenstein-Inszenierung 1948 nachdrücklich von sich reden. Zehn Jahre später wurde das Werk sogar in Tokio im Stil des klassischen Kabuki-Theaters gegeben. Ob die „Kluge“ immer in Kombination mit einem anderen Werk gespielt wurde, wäre näher zu eruieren. Der Komponist selber hatte es als Ergänzung zu seinem „Mond“ geplant; für dessen Burschen wären die Strolche der „Klugen“ dann eine Art Pendant gewesen. Kaum von ungefähr wurden die beiden berühmten Londoner Sawallisch-Einspielungen mit dem Philharmonia Orchestra sukzessiv aufgenommen.

Die neue „Kluge“ in Köln ist durchaus gezielt eine Soloproduktion. Ursprünglich war sie für die Kinderoper gedacht. Die räumlichen Veränderungen als Folge der Gebäude-Sanierung am Offenbach-Platz (eine mittlerweile unendliche Geschichte) führte zu einer Etikettierung als Familienoper, bei voller Orchesterbesetzung und Sängern aus dem Ensemble, also nicht aus dem Opernstudio.

Dennoch sollten die Kleinen voll einbezogen bleiben. Die Kölner Kinderoper ist ja auch eine unendliche Geschichte, aber eine erfolgreiche; dereinst wird sie einen eigenen, unterirdisch gelegenen Saal erhalten. Die Spielplanambitionen reichen von mobilen Aufführungen für Kindergärten bis hin zu Koproduktionen etwa mit dem ZOOM Kindermuseum Wien und den Bregenzer Festspielen (Elisabeth Naskes „Lollo“). Es gibt weiterhin begleitende Aktivitäten wie einen Wettbewerb, bei welchem Jugendliche bis zwanzig die Opernhandlung in Comic-Manier nacherzählen sollen

Für den Verstandeshorizont ganz kleiner Zuschauer ist die „Kluge“ vielleicht schon etwas zu anspruchsvoll. Die Orff’sche Sprachvirtuosität erfordert manchmal auch ein intellektuelles Ohr und nach dem Sinn einzelner Szenenvorgänge soll – so ein Erfahrungsaustausch nach der Premiere – verschiedentlich gefragt worden sein. Andererseits konnte man auch beobachten, dass eine Nummer wie das saftige Terzett der Strolche („Als die Treue ward geboren“) adoleszente Zuschauer außerordentlich entzückte und zum gestischen Mitmachen animierte.

Ein wenig biedermeierlich und zahm ist das Werk im Laufe der Zeit aber wohl doch geworden, da hätte die Inszenierung etwas mehr Zunder geben können. Brigitte Gillessen, Leiterin der Kinderoper, lässt die Sänger (alle übrigens mit Rollendebüts) höchst aufgekratzt spielen, dennoch fühlt man sich über weite Strecken wie in einer Märchenstunde. Der optische Reiz der Aufführung ist freilich generell hoch, auch wegen der Ausstattung Christof Cremers. Auf einer nach vorne geschrägten Spielfläche gibt es einen Turm, eine Riesentruhe mit diversen Inhalten und andere Versatzstücke. Im Hintergrund hat der König sein Domizil, eine Art Bühne auf der Bühne mit lauter Lilienenblemen, die sich auch auf den Kostümen der Bediensteten finden. Der später ausgerollte Teppich gleicht einem Schachbrett, auf dem sich Kluge und König sinnfällig ihr Match liefern. Alles wird am Schluss bedeckt oder ummäntelt mit naturhaft bemalten Stoffbahnen: ein naturhaft lichtes Ambiente für das lieto fine.

Alexander Rumpf und das Gürzenich-Orchester geben der Musik Orffs allen notwendigen Pfeffer; die etwas hallige Akustik des Raumes (Saal 3 im Staatenhaus) ist nicht ideal, aber auch nicht wirklich störend. Die Strolche (Martin Koch, Michael Mrosek, Dennis Wilgenhof), die Eselsmänner (John Heuzenroeder, Martin Kronthaler) sowie Bjarni Thor Kristinsson als Bauer und Zelotes Edmund Toliver (mittlerweile 67) als Kerkermeister sind prall singende und agierende Komödianten. Oliver Zwarg, in Köln u.a. als Scarpia erfolgreich, gibt dem König die geforderten heterogenen Schattierungen, Anna Palimina schwelgt als Kluge in sphärischen Soprantönen. Eine in toto liebenswerte Produktion für – wie man so schön zu sagen pflegt – jung und alt.

Christoph Zimmermann 16.3.16

Bilder siehe oben Erste Kritik!

 

KÖNIG ARTHUR

Nach der Oper von Henry Purcell (Musik) und John Dryen (Text)

Premiere am 2. Mai 2015

Highlight des Saison

Mit der Musikwissenschaftlerin Brigitta Gillessen, Regisseurin und neue Leiterin der Kinderoper, hat das Haus offensichtlich einen sehr guten Griff getan. Nicht nur dass die Akzeptanz dieser Spielstätte, die noch bis Ende des Jahres im Alten Pfandhaus angesiedelt ist, stark angestiegen ist, was allerdings auch an der guten Arbeit ihrer Vorgängerin Elena Tzavara liegen dürfte; von den geplanten 15 Aufführungen ist jetzt schon über die Hälfte ausverkauft.

Gillessen hat zusammen mit dem Dirigenten Rainer Mühlbach die Barockoper von Henry Purcell auf ein kindgerechtes Maß von einer Stunde zurechtgeschnitten, mit einer geschickten Mischung von gesprochenen und gesungenen Texten, Musik, Tanz und Action, ganz so wie im Original. Und eine hoch spannende Inszenierung geschaffen, mit aufwändigen zeittypischen und sehr hübschen Kostümen (Bühne und Kostüme Ute Lindenbeck), viel für Auge und Seele. Die Bühne ist ein Guckkasten im hinteren Teil des Ovals, durch Folien Im Hintergrund leicht als Wald, Landschaft oder mit dem Schlosses Camelot im Hintergrund änderbar. Davor auf dem Boden eine alten Weltkarte, auf der Knappe Arthur durch die Welt zieht und Prüfungen bestehen muss, nachdem er das Schwert Excalibur aus einem Stein hat ziehen können.

Entzückend und völlig neuartig ist das Programmheft in Form eines Comics über die Geschichte. Die Kinderoper hatte dafür einen Wettbewerb für Jugendliche von 12-20 Jahren ausgeschrieben, aus über 70 Einsendungen wurde der Entwurf der achtzehnjährigen Victoria Schmied aus Hennef ausgewählt; zwölf weitere gelungene Arbeiten werden demnächst in der Kinderoper und dann im “Cölner Comic Haus“ präsentiert.

Das Spiel um den späteren König Arthur ist hoch spannend, auch für Erwachsene. Von den Mitgliedern des Gürzenich-Orchesters in feinster Barock-Manier knackig gespielt, erleben die Besucher den Weg des ängstlichen und etwas naiven Knaben zum König und Gemahl der schönen Emmeline. Der junge Mann muss sich dem Zauberer Merlin stellen, um knifflige Prüfungen zu bestehen, einen großen Baum fällen und vor allem seinen Erzfeind im ritterlichen Kampf besiegen, um endlich eine Rüstung zu erhalten. Das ganze passiert nicht nur im inneren Oval der Kinderoper, sondern auch mit viel Getöse und Getrampel ringsherum und sogar auf der Orchester-Empore. Da tauchen allerlei merkwürdige und fantasievolle Gestalten auf, in Tier- und Pflanzenkleidung, mit Fellen und Hörnern, mit Rüstungen und Schwertern, die einen heftigen Kriegslärm verursachen; dazu das Flackern eines riesigen Stroboskops von oben. Aber keines der Kinder in den ersten Reihen schien Angst gehabt zu haben, trotz wilder Aktionen lief alles recht friedlich. Auch Emmeline war nicht tatsächlich blind, sondern trug nur eine Augenbinde, die bei ihrer Verlobung mit Arthur natürlich verschwunden war.

Die Sängerriege mit Wolfgang Schwaiger, Keith Bernard Stonum, Taejun Sun, Justyna Samborska, Judith Thielsen, Dongmin Lee und Luke Stroker stammen allesamt aus dem internationalen Opernstudio des Hauses, wo sich herausragende junge Sänger und Sängerinnen, die bereits ihre Ausbildung abgeschlossen haben, auf ihren Beruf vorbereiten können; der Andrang auf einen Platz ist groß. So hat Schwaiger in Köln jüngst schon den Papageno und den Grafen Dominik in der Arabella gesungen. Sie allesamt spielten und sangen mit großer Hingabe und Leidenschaft, einheitlich in stimmlicher Qualität und Darstellung, so dass niemand besonders gerühmt werden muss. Lobend erwähnt werden sollten allerdings die fleißigen Geister hinter der Bühne, da die Akteure als Darsteller der zahlreichen Fantasiefiguren ständig neu verkleidet werden mussten.

Der Verein der Freunde der Kölner Oper www.opernfreunde-koeln.de unterstützt übrigens tatkräftig das Opernstudio und damit die Kinderoper bereits seit 1992; sehr freut man sich dort über neue Mitglieder.

Natürlich bekommt zum Schluss König Arthur seine Emmeline und verschont gnädig den am Boden liegenden besiegten Oswald. Und schlägt viele der Kinder in der ersten Reihe zu Rittern bzw. Ritterinnen, darunter auch die knapp achtjährige Ida, Enkelin des Rezensenten und seine regelmäßige Begleiterin. Sie meinte draußen „Das hat sich diesmal wirklich total voll gelohnt“. Kann man so sagen.

Michael Cramer 4.5.15                              

 

 

 

Natur gegen Maschine

DIE NACHTIGALL (Le Rossignol)

Oper von Igor Strawinsky nach Hans Christian Andersen

Premiere am 10. Januar 2015

2.Kritik

Eigentlich ist Igor Strawinskys Märchenoper „Die Nachtigall“ (Le Rossignol) – ebenso wie die oft geschundene Zauberflöte – keinesfalls ein einfaches Kinderstück, sondern ein kleines, hochpoetisch funkelndes Juwel der Opernliteratur. Nach dem Märchen von Hans Christian Andersen, durchkomponiert, mit originärer und origineller, chinesisch angehauchter Musik, chromatisch und mit vielfältigen Farbwechseln, allerdings mit nur wenigen Gesanglinien. Die kurze Dauer von 45 Minuten und das Märchensujet legen es nahe, das Stück auch auf die Kinderbühne zu bringen. Die Kölner Bühnen hatten zur Eröffnung der Kinderoper 1996 wegen des opulenten Orchesters eine reduzierten Instrumentalfassung in Auftrag gegeben, durchgeführt von der Kompositionsklasse des Kölner Hochschullehrers Manfrad Trojhan, sozusagen als „Heimspiel“.

Die Geschichte ist bekannt: der chinesische Kaiser hatte von einem Vogel gehört, der betörend singen kann und ließ nach ihm suchen. Der ganz Hof erfreute sich an seinen Melodien, bis der Kaiser den Fehler machte, dem gefiederten Original einen Kunstvogel vorzuziehen, ein Geschenk des Kaisers von Japan. Die Nachtigall flog enttäuscht davon, die Mechanik der Maschine konnte ohnehin immer nur dasselbe Stück spielen und versagte irgendwann. Der Kaiser wurde sterbenskrank, niemand konnte helfen, der Tod nahte, bis die Nachtigall zurückkehrte und ihn mit ihrem Gesang vertrieb. Eine eingängige Geschichte und auch ein Lehrstück über die Natur gegen die Technik, über die Menschen da oben und da unten, über die Macht und die Untertanen.

Das Oval des „Alten Pfandhauses“ in der Kölner Südstadt bietet der sehr lebendigen wie auch romantisch zarten Inszenierung von Beka Savić einen idealen Raum, man schaut von oben auf die Bühnenfläche, die Akteure singen und spielen ringsherum, beziehen dabei auch die vorne sitzenden Kids mit ein. Ein Fischer (Taejun Sun mit schönem lyrischen Tenor) und fernöstlichem Hut und Habitus (entzückende bunte, aber nicht grelle Kostüme von Darinka Mihajlovic, wie die Regisseurin mit serbischen Wurzeln) sitzt bereits auf einer kleinen Brücke (Bühne von Céline Demars), während das Publikum einströmt; er angelt früh am Morgen, schläft immer wieder ein und wartet auf den Gesang der Nachtigall. Die Koreanerin Dongmin Lee singt, nein sie imitiert den grauen Vogel mit bestechender Stimme und anrührendem Spiel, ihr blitzreiner Sopran ist makellos und schafft mühelos alle verzwickten Koloraturen.

Der Kaiser (etwas blass: Wolfgang Schwaiger) tritt ins Spiel, sein Thron (auf dem viele Kinder nach der Vorstellung unbedingt sitzen wollten) kommt nach vorne, der Wald als Schattenriss weicht zur Seite. Die Köchin (energisch: Justyna Samborska) hatte die Nachtigall überzeugt, für den Kaiser zu singen. Wenn sich auch die Textverständlichkeit in Grenzen hielt, konnten die jungen Zuschauer - so sie die Geschichte bereits kannten – sehr gut folgen. Es gab viel zu sehen und zu bewundern, die bewundernde Erstarrung aller, wenn die Nachtigall anhob zu singen, und die knallrote Kiste, in der die künstliche Nachtigall steckte, die immer wieder laut ratschend aufgezogen werden musste. Ida, die kinderopernerfahrene siebenjährige Enkelin des Rezensenten, rührte sich mit großen weiten Augen die ganze Zeit fast nicht von der Stelle, bis auf den Moment, wo der Tod mit der Sense nahte (schöner lyrischer Alt von Judith Thielsen) und dem Kaiser Zepter und Krone nahm: Da wollte sie doch mal kurz auf den Schoß. Schon etwas gruselig, die Szene bei blauer Beleuchtung.

Das kleine Orchester aus Mitgliedern der „Gürzenichs“ unter dem Chef der Kinderoper Rainer Mühlbach machte eine sehr propere, klangvolle Musik, äußerst präzise und im Einklang mit den Sängern, gut zu hören, mit Schlagwerk, Bläsern und Klavier (Michael Avery). Auch der kleine Chor des Hauses und der Hochschule Köln, der unauffällig hinter dem Publikum sang, machte seine Sache genauso gut wie die Sänger der kleineren Rollen: Peter Rembold, Luke Stroker, Keith Bernard Stonum und Lucas Vanzelli, überwiegend Mitglieder des Kölner Internationalen Opernstudios.

 Die „Nachtigall“ ist eine blendende Produktion, hinreißend gesungen und gespielt, feinfühlig und ernsthaft inszeniert, ganz ohne alberne Regiemätzchen und Lachnummern, daher auch für Erwachsene sehr empfehlenswert. Ida hatte allerdings etwas auszusetzen: Daß die Nachtigall kein Federkostüm hatte und daß der Kaiser nach seiner Heilung den Dienern, die ihn eigentlich tot vermuteten, nicht „Guten Morgen“ sagte: Das hätte doch so im Märchen gestanden.

Michael Cramer 11.1.15

Danke an Paul Leclaire für die schönen Fotos

 

 

DIE NACHTIGALL

Erste Kritik

Premiere am 10. Januar 2015

 Mit Sängerleistungen bei einer Institution wie dem Kölner Opernstudio zu beginnen, welche den Besetzungskern der Kinderoper bildet, mag ungewöhnlich erscheinen, aber nach der Premiere von Strawinskys Nachtigall scheint es geboten. Dass sowohl DONGMIN LEE (Nachtigall) als auch TAEJUN SUN (Fischer) aus Korea stammen, macht einmal mehr deutlich, wie sehr sich das Nationalitätenverhältnis in den Ensembles deutscher Opernhäuserin den letzten Jahrzehnten gewandelt hat. Dongmin Lee bewältigt ihre Koloraturpartie mit atemberaubender Perfektion und bestechender Mühelosigkeit; Taejun Sun ist ein lyrischer Ausnahmetenor mit schöner baritonaler Grundfarbe.

Strawinskys „Nachtigall“ ist das bislang einzige Werk, welches an der Kinderoper ein zweites Mal inszeniert wurde. Vielleicht wollte man daran erinnern, dass die kammermusikalische Version des Werkes, 1996 erarbeitet von Studenten der Kölner Kompositionsklasse Manfred Trojahns, als Auftragswerk vor Ort seine Uraufführung erlebte. Die Kurzoper besitzt nun freilich auch einen besonderen Zauber, welcher von der weitgehend tonal grundierten Musik ebenso herrührt wie vom Stoff. Wer denn schrieb schönere, rührendere Märchen als Hans Christian Andersen? Und in ihnen steckt so viel poetische Lebensphilosophie. Kinder von 7 Jahren (so die Altersempfehlung der Kölner Oper) mag das etwas überfordern, zumal sich der Spaßanteil des Sujets in Grenzen hält. Aber die sehr raumorientierte und feinsinnig operierende Inszenierung von BEKA SAVIC bietet außerordentlich viel Sehvergnügen, zumal das Dekor (CÉLINE DEMARS) und die Kostüme (DARINKA MIHHAJLOVIC) wirklich zauberhaft sind.

Im bald sanierten Theaterkomplex am Offenbach-Platz (Herbst 2015 ist die nach wie vor geltende Prognose) wird die Kinderoper ein unterirdisches Domizil finden. Bis dahin spielt man weiterhin im „Alten Pfandhaus“ der Kölner Südstadt, wo sonst Jazz-Veranstaltungen u.ä. stattfinden. Der Theaterraum ist eine Kleinarena, die Musiker des GÜRZENICH-ORCHESTERs (diesmal unter der engagierten Leitung von RAINER MÜHLBACH) sind auf einer Empore platziert, stören also nie den Blick auf das Bühnengeschehen. Dieses architektonische Prinzip wird hoffentlich für den neuen Ort übernommen.

 Neben den anfangs genannten Ausnahmesängern agieren auch die anderen Mitglieder des seit der laufenden Saison neu zusammengestellten Opernstudio- Ensembles. Die vokalen und darstellerischen Leistungen sind allesamt imponierend: JUSTYNA SAMBORSKA (Köchin), PETER REMBOLD (Kammerherr), LUKE STOKER (Bonze), KEITH BERNARD STONUM (Höfling), JUDITH THIELEN (Tod) und LUCAS VANZELLI (Japanischer Gesandter – einen weiteren gibt Taejun Sun, der bei seinen Auftritten als Fischer ja eine größere Pause hat). Die Partie des Kaisers von China erlaubt es WOLFGANG SCHWAIGER, sich besonders günstig in Szene zu setzen.

Christoph Zimmermann 12.1.14

 

HEXE HILLARY GEHT IJN DIE OPER

Kinderstück von Peter Lund

Premiere am 22.11.2014  Dauer 50 Minuten, keine Pause

Unseren Kiddies, quasi den Abonnenten von morgen, die bunte und spannende Welt der Oper früh zu zeigen und schmackhaft zu machen, ist sehr sinnvoll; und was liegt daher näher, dies gleich mit einem „Lehrstück über die Oper in der Oper“ zu versuchen. Peter Lund hat dazu 1997 ein Kinderstück geschrieben: „Hexe Hillary geht in die Oper“, es wurde im deutschsprachigen Raum vielfältig aufgeführt, etliche Trailer mehrerer Bühnen finden sich bei YouTube. Lund hat den Regisseuren freie Hand in der Auswahl der Musik und der Handelnden gegeben; so kann auch der Rabe in der Kölner Inszenierung durch eine Maus namens „Wühli“ ersetzt werden, auch die Anzahl und Wahl der Musikstücke ist frei. Wegen der erforderlichen geringen Ausstattung ist die Produktion auch als „Wanderbühne“ durch Schulen geeignet.

Eike Ecker, bewährte Kölner Regisseurin und Spielleiterin, hat die „Hexe Hillary“ im Oval des „Alten Pfandhauses“ neu in Szene gesetzt, einem Ort, der viele hervorragende Inszenierungen für Kinder gesehen hat. Auch diese zeigt viele nette Szenen und Regiegags, wenn das Stück auch kleine Mankos zeigt: viel Text, wenig Oper.

Die Hexe (sehr nett und quirlig: Judith Thielsen), ein hübsches Mädel ohne die obligate Warze auf der Nase, mit blonder Wuschelmähne, Reifrock, bunt gekleidet (Bühne und Kostüme Alexandra Tivig) und gar nicht garstig oder furchteinflößend, wird von ihrem Raben, einer großen Handpuppe, die vom Chef der Kinderoper Rainer Mühlbach persönlich und sehr originell „gesprochen“ und geführt wird, geweckt. In einem alten Dampfradio wird in der Sendung „Kultur für Kurze“ der Gewinner einer Verlosung durchgegeben: Hexe Hillary gewinnt zwei Eintrittskarten für die Oper. Nur- was ist überhaupt Oper ? Auch die per Post zugeschickten Freikarten enttäuschen: Bloß zwei Stücke Papier ? Nach Recherche in einem alten Hexen-Lexikon – furchtbar, da muss man ja die ganze Zeit singen - zaubert sie eine leibhaftige Opernsängerin herbei: die rührige Maria Bellacanta (Karola Pavone), die unablässig Süßes in sich hineinstopft. Die erklärt nun ausführlich, was es mit der Oper auf sich hat, trällert einige Fetzen aus Arien von Verdi und Donizetti und versucht sich mit etwas Mühe gar an den Koloraturen von Mozart´s „Königin der Nacht“. Hillary zaubert auch einen Dirigenten herbei: Rainer Mühlbach nun als schmalziger Maestro mit Schnurrbart und im schicken Outfit hangelt sich an einem Seil von der Empore herunter, Notenblätter fliegen durch die Gegend. Der Dirigent setzt sich ans Klavier (leider arg im Hintergrund), spielt recht lang „Kleine Nachtmusik“ und aus einem Mozart´schen Klavierkonzert – was wenig mit Oper zu tun hat - und schreibt eifrig in seinen Noten herum.

 Verhaltensregeln gibt es auch: 2 Stunden sitzenbleiben und nicht reden (Hillary: „…das schaffe ich nie“) und unbedingt schick anziehen – ein Fingerzeig auf die nachlassende Klamotten-Kultur in der Oper. Dazu schwebt von der Decke ein schickes langes Kleid mit Stola und passenden Schuhen herab, Hillary hat zur Freude der Kinder sichtlich Mühe, auf den hohen Hacken zu gehen. Und steht dann sichtlich beeindruckt vor dem sich im Hintergrund öffnenden Opernvorhang – die Instrumente werden gestimmt, die Ouvertüre ertönt - eine entzückende und anrührende Szene. 

Es gibt natürlich vieles zum Schauen und Amüsieren, ein Fahrrad, welches von der Decke schwebt, bei der Vorstellung der Stimmlagen wird die Koloratur zur Klosett-Reparatur, die Noten werden als Fliegendreck bezeichnet. Hübsch ist die Idee, die Menschen im Hintergrund (Maskenbildner, Techniker, Beleuchter, Inspizient etc.) aufmarschieren zu lassen; das ging allerdings leider nur recht beiläufig vonstatten. Insgesamt ist das Stück sehr textlastig, ist auch keine Oper, sondern ein Schauspiel mit etwas Musik vom Band, Hillary eine reine Sprechrolle. Gibt es keine Musiker, die ihre Instrumente vorführen, keine kleinen Opernszenen anstatt langer reiner Klaviermusik ? Auch die „Königin der Nacht-Arie“ kann life und aus der Nähe erlebt bei einem etwas hartem und lautem Sopran Kinder manchmal eher erschrecken als erfreuen. Auf die direkten Fragen ins junge Publikum etwa „was ist Oper?“ gingen immer viele Finger hoch, aber kein Kind durfte antworten. Und: der Besuch „ab fünf Jahre“ ist ohnehin etwas niedrig angesetzt.

Sehr schön sind allerdings die Erläuterungen zur Musik und zum Singen, womit man Trauer, Wut, Freude, Liebe oder Lachen sehr viel genauer und verständlicher ausdrücken kann als nur mit Sprechen. Und das ist sowieso die Hauptsache und kam gut rüber. Langer begeisterter Applaus im vollbesetzten Hause.

Michael Cramer 23.11.14

 

 

DER GESTIEFELTE KATER

von Xavier Montsalvatge

Kammermusikfassung: Albert Guinovart, Libretto: Néstor Luján, Übersetzung: Mechthild von Schoenbeck. Dauer ca. 50 Minuten (keine Pause)

Angst, List, Mut und Happy End in der Kinderoper

Premiere am 26.April 2014

Schwierig war er zu entdecken, der struppige graue Kater, der sich über dem Oval des Alten Pfandhauses, Interim-Spielstätte der Kölner Kinderoper, fläzte und gelassen auf seinen Auftritt als "Gestiefelter Kater" wartete. Vielleicht freute er sich auch auf den Neubau des Hauses, der wohl planmäßig im Herbst 2015 eröffnet werden kann.

Das volkstümliche Grimmsche Märchen über die Ungerechtigkeit beim Erben und das Glück des Ärmeren basiert vermutlich auf italienischen Ursprüngen und ist auch in Frankreich als „Le chat botté“ veröffentlicht worden; eine gleichnamige Komödie von Ludwig Thieck erschien bereits 1797. Neben weiteren musikalischen Umsetzungen (César Cui 1913) , Günter Bialas (1975) und zahlreichen Filmversionen – auch als Zeichentrickfilm – ist die Zauber- und Märchenoper des Spaniers Xavier Montssalvatge (1912-2002), uraufgeführt 1947, sicherlich die ansprechendste Version, musikalisch einfach schön, mal romantisch, mal modern, mit kurzen ansprechenden Arien und allerlei Anleihen aus der Welt des Musiktheaters.

In Köln spielte das Gürzenichorchester unter dem präzisen und lebendigen Dirigat von Oliver Imig die schon wegen der kleinen Empore personell reduzierte kammermusikalische Fassung von Albert Guinovart so frisch, farbig und vital, dass sie glatt als die Originalkomposition durchgehen konnte.

Die Geschichte selbst ist den zahlreichen erwachsenen Premieren-Besuchern sicherlich hinlänglich bekannt: Lediglich einen Kater (Quirlig: Marta Wryk ) hat der jüngste Sohn eines Müllers (wunderbar: Lucas Vanzelli ) geerbt, den er braten und aus dessen Fell er eine hübsche Mütze machen will.

Dieser ist aber clever, verspricht seinem neuen Herrn Reichtum und einem Prinzessin zur Frau, wenn dieser ihn mit Hut, Mantel, einem Schwert und vor allem mit schicken Stiefeln ausgestattet. So gestylt wird der Müllerssohn als Marquis bei dem tumben und schwerhörigen König (köstlich: Marcelo de Souza Felix ) eingeführt, ein böses Monster (geheimnisvoll-gefährlich:Luke Stoker) muss mit List überwältigt werden, das Könisschloss wird vom seinem Zauberbann befreit und der Müllerssohn bekommt nach herrlicher Belcanto-Arie (wie so oft in der Oper) die Prinzessin (reizend und mit stattlicher Sturmfrisur:Erika Simons) zur Frau – die sich noch fast in den stattlichen Kater verliebt hätte. So spielt es halt auch im wahren Leben.

Die nicht ganz einfache Geschichte wurde von PiaMaria Gehle, freie Regisseurin und zuvor Intendantin des Kölner Kellertheaters, entzückend und mit vielen feinen Gags in Szene gesetzt, Thomas Unthan schuf eine variable Szene in dem engen Theateroval mit Cowboyfilm-Ambiente aus dem Monument Valley und silbernen Lametta-Vorhängen. Der König fährt zur Freude der Kinder ständig auf dem Tretroller, Unthan verpasst dem Monster einen Mix aus Elvis-, Batman- und Technoklamotten, und der Müller lamentiert gleich zu Anfang über seinen Kater, lokalpatriotisch auf einer leergetrunkenen Kölschkiste sitzend. Was natürlich eher an die zahlreichen Erwachsenen ging, denen auch die gebührende musikalische Würdigung dieses kleinen Opernjuwels vorbehalten sein dürfte.

Die bunte Multikulti-Sängerriege sang und spielte auf hohem Niveau, es war eine Freude zu schauen und zu hören. Für die Kiddies gab es dagegen sehr viel rasante und köstliche Action zu verfolgen; Ida, die siebenjährige Begleiterin des Rezensenten, verfolgte das bunte, phantasievolle Geschehen mit Hochspannung, allerdings auch gut vorbereitet. Das ist sinnvoll, denn alleine aus der Aufführung heraus dürfte - trotz guter Wortverständlichkeit - die Handlung nicht ganz einfach zu verstehen sein.

Unterm Strich hat die Kölner Kinderoper nach vielen Erfolgen erneut eine herausragende Produktion im Programm, welche auch den begleitenden Erwachsenen viel Spaß machte, wie der lange begeisterte Applaus zeigte. Daher: Sehr empfehlenswert für die ganze Familie.

Michael Cramer 27.1.14

 

ORPHEUS IN DER UNTERWELT

Musikalische Bearbeitung von Uwe Sochaczewsky (Deutsche Dialogfassung von Elena Tzavara); Dauer ca. 60 Minuten (keine Pause)

Uraufführung in der Kinderoper Köln am 13. Juni 2013

Qualmende Klappen in die Unterwelt

Welch ein Segen - die Kölner Oper hat wieder eine prachtvolle Aufführung von Offenbachs Meister-Operette "Orpheus in der Unterwelt" im Repertoire. Acht Jahre nach dem Desaster und historischem Kölner Tiefpunkt mit dieser bereits nach wenigen Aufführung abgesetzten Inszenierung (einer der Sargnägel für den damaligen Intendanten Christoph Dammann) hat sich die Kinderoper unter der Regie ihrer Chefin Elena Tzavara des Stoffs angenommen - und wie!

Die gesellschaftskritische Parodie antiker Mythen mag selbst für Erwachsene schon ein wenig kompliziert sein, und erst recht für Kinder – wie ausgeschrieben – ab acht Jahren. Aber die Geschichte um Götter und Menschen, um Liebe, Ehestreit, Entführung und Intrige ist so spannend und optisch vielfältig und kindgerecht inszeniert, dass selbst die ganz Kleinen gebannt bei der Sache waren. Das unter anderem, weil der beliebte TV-Jugend-Moderator Ralph-Caspers („Wissen mach Ah“) als "öffentliche Meinung" und spiritus rector im karierten Sakko die Geschichte mächtig und quirlig vorantreibt und durch Olymp und Unterwelt führt - bis zum typisch neuzeitlichen Ende; aber davon später mehr.

Das Oval des Alten Pfandhauses war eingehüllt in rosa-graue Wolken-Vorhänge, die hochgezogen weitere Spielorte freigaben. In der Arena ein silberglänzender Steg mit allerlei geheimnisvollen und heftig qualmenden Klappen und einem Fenster als Zugänge in die besagte Unterwelt. Der Götterhimmel öffnete sich unter der Musiker-Empore, und natürlich gab es einen großen Fernseher für die "öffentliche Meinung". Und wie es sich für eine echte Operette gehört, durften auch die Nummern-Girls in 20er-Jahre-Outfit nicht fehlen.

Orpheus (Juraj Hollý) als stimmgewaltiger Stehgeiger a la André Rieu mit Gummi-Violine will seine Frau Eurydike (Erika Simons) an den langschwänzigen Teufel Pluto im Schafspelz (Leonard Bernhard) loswerden, aber das passt der „Öffentlichen Meinung“ ganz und gar nicht. Im Götterhimmel schiebt eine köstlich gewandete Schar laszive Langeweile, informiert vom wunderbar dezent schwulen Merkur (Marcelo de Souza Felix) und aufgemuntert über die Entführungsaktion von Eurydike, die auf Befehl von langbärtigen Göttervater Jupiter (Lucas Singer) in der Unterwelt versteckt werden soll. Hier wartet der schwerhörige und vergessliche Hans Styx als Prinz von Arkadien (köstlich das Urgestein Werner Sindemanns im Popsänger-Look), Jupiter verwandelt sich in eine Fliege mit mächtigem blau schimmernden Panzer und schlüpft durch das Schlüsselloch, um Eurydike während des Höllen-Cancans zu entführen. Pluto erwischt jedoch die beiden; auf Vermittlung der Öffentlichen Meinung darf Orpheus seine Eurydike auf die Erde zurückführen - aber nur, wenn er sich nicht nach ihr umdreht. Was er natürlich nicht schafft. Aber auch hier gibt es eine Lösung: Eurydike bekommt eine eigene Fernsehshow, ein heutzutage durchaus gängiger Ablauf bei Menschen, nach denen man sich auf der Straße umdreht. Und dem heulenden Orpheus bleibt nur noch die Fernbedienung.

Uwe Sochaczewsky hat die Musik und Elena Tzavara den Text kindgerecht auf eine Stunde reduziert, ohne die Handlung zu zerstückeln; das geschrumpfte Gürzenichorchester spielt engagiert und launig unter Rainer Mühlbach, dem neuen musikalischen Chef von Kinderoper und Opernstudio. Aus dem Studio stammen überwiegend auch die Sänger, die hier ein hervorragendes und anspruchsvolles Podium vorfinden, um den sängerischen und darstellerischen Alltag zu trainieren. Und um einfach auch Spaß zu haben, was man durchgängig merkt; alle zeichnet eine hohe Gesangsgüte und Spielfreude aus. Dazu passen die originelle Bühne, die prachtvoll-witzigen Kostüme und die skurrilen Accessoires von Elisabeth Vogetseder, die bereits zahlreiche Produktionen der Kinderoper erfolgreich ausstaffiert hat.

FAZIT: Eine wunderbar bunte, originelle, spannende und durchaus auch kindgerechte Adaptation der berühmten Operette. Ebenfalls für Eltern und Großeltern sehr empfehlenswert.

Michael Cramer  14.6.14                                                  

 

 

DIE ZAUBERKÜCHE

Kinderoper nach einer Idee von Thomas Witzmann - gemeinsam erarbeitet von Rüdiger Pape (Regie), Maike Raschke und Thomas Witzmann

Uraufführung in der Kinderoper Köln am 2. Mai 2013

Die Welt ist Klang: Klappershow in der Zauberküche

Essen muss man ja täglich mehrfach, das braucht man den Kindern im ausverkauften Haus bei der Uraufführung der Zauberküche in der Kölner Kinderoper nicht extra beizubringen. Aber dass auch Musik quasi als Grundnahrungsmittel immer verfügbar sein sollte, dass die Welt aus Klängen besteht, wenn man nur gut hingehört, und dass man diese Klänge sogar überall selbst erzeugen kann – das ist die Grundbotschaft des Teams, welches Regisseur Rüdiger Pape, die Sängerin Maike Raschke und der Perkussionist Thomas Witzmann, Ideengeber und selbst als Klangkoch auf der Bühne aktiv, aus den Proben heraus entwickelt haben. Die Kinderopern-Chefin Elena Tzavara hat hier erneut ihr gutes Händchen für die Auswahl der Stücke und Akteure bewiesen. Dass die Inszenierung ganz ohne Musikinstrumente auskommt, ist nicht den Einsparbemühungen der Kölner Oper geschuldet, sondern liegt daran, dass neben dem Gesang auch Rhythmus, Takt, Bewegung und Tanzgleichwertige Teile der Musik sind. Und wie Kinder selbst aktiv werden können, wurde ihnen in turbulenten 45 Minuten praktisch und ganz ohne „Klangweile“ demonstriert.

Die Tages-Fee Chorianda wohnt in einem explosionsgefährdeten, geräuschvollen und verqualmten Kessel und hat große Not, hat sie doch ihr Rezeptbuch für den hellen Weltenklang verlegt, den sie bereits zum Frühstück braucht, da ihre Ohren sonst verhungern. Glücklicherweise hat sie mit ihren futuristisch gekleideten Klangköchen Crescendo, Andante und Tremolo eine bewährte Brigade, die ihr in der Klangküche Ohrenspeisen mit „hohem C und einem Schuss Vitamin D“, einen Mittagsohrenschmaus und mit einer "großen Nachtmusik" sogar ein „Mehr-Klänge-Menü“ bereiten.

Das Oval des Alten Pfandhauses fungierte als ein einziges großes musikalisches Schlag- und Klapperinstrument. Auf Holzlatten ringsum konnte man mit Kochlöffeln quasi Xylophon spielen, an einer Rutsche, die vom Eingang des Kessels auf einen Herd sogar mit fließendem Wasser („Das ist ja cool“) hingen unzählige Küchengeräte, Töpfe, Pfannen, Geschirr bis hin zu großen Backformen, Einmachkesseln und riesigen Paella-Pfannen. Am Ende eine Art Taucherglocke: Vakuum-Zufluchtsstätte für Chorianda, die sie erst bei schönen Klängen wieder verlassen wollte. Das spannende Rein- und Rauskrabbeln klappte natürlich, denn die drei „Musiker“ (noch dazu Rie Watanabe & Jonny Axelsson) klapperten, klopften, schepperten, raschelten und polterten unentwegt mit allem auf allem. Da gab es ein Konzert für sechs Glasschüsseln mit Eierlöffeln, anstatt eines Schlagzeug-Besens wurde ein Bündel Spaghetti eingesetzt, getrocknete Erbsen dienten als Rassel für südamerikanische Rhythmen. Ohne Berührungsängste wurden die heruntergefallen Exemplare vom kleinen Publikum aufgesammelt und verspeist: Lebensmittel zum Spielen – eigentlich ein Unding – darf man auch essen. Stereo-Sphärenklänge entstanden durch Reiben auf den Rändern zahlreicher Gläser, an dem geriffelte Deckel eines Nutella-Glases konnte man wunderbar ratschen. Verblüffend auch für die Erwachsenen war die ungeheure Präzision und Vielfalt von Ideen, Klängen und Zusammenspiel der Profi-Schlagzeuger; schon ein exzellenter Ohrenschmaus, denn selbst die Pfeffermühle wurde im Takt gedreht. Und wer genau hinhörte, konnte auch die charakteristischen Taktfolgen unterschiedlicher Musikrichtungen erkennen, vom Barock über Klassik bis hin zum Schlager. 

Chorianda, die phantasievoll gekleidete Maike Raschke, sang a capella mit sicherem glockenreinem Sopran von ihrer Not, wies ihre Klangköche an und ließ sich auch durch manch unruhige Kinder nicht aus der Ruhe bringen. Und zufrieden war sie auch, denn ihre Köche schrubbten und putzen anschließend ihre Klangküche aus Leibeskräften, natürlich nicht einfach so, sondern fein rhythmisch austariert.

Trotz aller Fröhlichkeit, Spaß und reichlichem Zwischenapplaus bei der Aufführung ist sicherlich Einiges bei der jungen Schar hängen geblieben. Nämlich das Vergnügen am Laut alltäglicher Gegenstände, denn das Leben ist Klang und Musik gleichermaßen. Kinder sollen lernen, aufmerksamer in ihre Umwelt hineinzuhören und auch auf die vielfältigen kleinste Töne zu lauschen und bewusster aufzunehmen. Schon eine wirksame Prophylaxe gegen die verdummende musikalische Monotonie und extremen Lautstärkepegel mancherlei Pop-Rock-Musik, die man oft durch geschlossene Autofenster oder trotz Kopfhörern mitbekommt.

Ida und Lotte, die obligaten Begleiterinnen des Rezensenten, haben das Erlebte dann sogleich auf dem Heimweg im Auto und erst recht in der häuslichen Küche begeistert und lautstark umgesetzt; dem Vernehmen nach ist aber nichts entzwei gegangen.

Eine spaßige Idee mit professioneller Umsetzung - ohne moralischen Zeigefinger, aber dennoch wichtig und lehrreich.

Michael Cramer  3.5.14                              

 

 

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