DER OPERNFREUND - 50.Jahrgang
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REBECCA HORNER

Die Wienerin Rebecca Horner begann mit vier Jahren ihre Ballettausbildung im Performing Center Austria, wo sie 1995 für eine Hauptrolle beim Film entdeckt wurde. Weitere Filme sowie diverse Auftritte beim ORF folgten. Im Anschluss an ihre weitere Ausbildung an der Ballettschule der Wiener Staatsoper wurde sie 2007 an das Ballett der Wiener Staatsoper und Volksoper verpflichtet. Nach der Geburt ihrer Tochter 2011 kehrte sie 2012 zum Wiener Staatsballett zurück. 2015 wurde sie zur Halbsolistin ernannt. 2017 erfolgte ihr Avancement zur Solotänzerin.

Zu ihren wichtigsten Rollen zählen Potiphars Weib in John Neumeiers "Josephs Legende" und die Hauptpartie in dessen "Le Sacre", Blaubarts Mutter in Stephan Thoss' "Blaubarts Geheimnis", Maria Theresia in Patrick de Banas "Marie Antoinette", Gräfin Sibylle in Rudolf Nurejews "Raymonda", der Pas de deux "Out of Tango" und Prinzessin Budur in "Tausendundeine Nacht" von Vesna Orlic, der Pas de deux in Boris Nebylas "Der Nachmittag eines Fauns", Entenmutter in Andrey Kaydanovskiys "Das hässliche Entlein", Spanische Tänzerin in Rudolf Nurejews "Schwanensee" sowie Partien in Jiří Kyliáns "Bella Figura", William Forsythes "The Second Detail", Alexander Ekmans "Cacti", Vesna Orlics "Carmina Burana" und Ben van Cauwenberghs "Tanzhommage an Queen".

Auszeichnungen: "Goldener Roy" (1997), 10. Förderpreis des Ballettclubs Wiener Staatsoper & Volksoper (2015), Nominierung als "Beste Tänzerin des Jahres" (Zeitschrift "tanz") und für den "Leading Ladies Award" in der Kategorie Kultur (Zeitschrift "Madonna", 2015).

Rebecca Horner ist durch ihre ausdrucksstarken und geschmeidigen Interpretationen das Aushängeschild für modernen Tanz im Wiener Staatsballett und die Solistenriege gewinnt durch sie an Vielseitigkeit. So ist es nicht verwunderlich, dass sie nach dem fulminanten Erfolg der „Sacre“-Premiere zur Solotänzerin ernannt wurde. Mit Rebecca Horner sprach Katharina Gebauer.

OF: Die klassische Frage, wie sind Sie zum Ballett gekommen?

RH: Ich habe mich schon als kleines Kind immer sehr gerne bewegt, und durch meine Mutter, die nach einer Musicalausbildung dann 6 Jahre lang im Staatsopernchor war, bin ich mit Musik aufgewachsen. Mein Bewegungsdrang war das Ausschlaggebende, mich ins Ballett zu schicken, so hatte ich zuerst als vierjährige im Performing Center Austria Ballettunterricht. Später, mit 6 Jahren, habe ich auch noch Jazztanz dazugenommen, kurzfristig habe ich auch gesteppt, wobei dies nicht ganz so mein Fall war. Aber ich hatte dann 2 mal die Woche Ballett und Jazz, und es gab auch 2 Schulaufführungen im Jahr, die ich immer sehr genossen hatte. Es hat mich schon immer fasziniert, eine Rolle zu spielen, die schönen Kostüme zu tragen.

OF: 1995 wurden Sie dann als Kinderstar für die Hauptrolle in „Mein Opa ist der Beste“ entdeckt, später hatten Sie weitere Filmdrehs, sowie diverse Auftritte im ORF. Wie liess sich das mit der Tanzausbildung vereinbaren?

RH: Das hatte den Vorteil, dass die Filme immer im Sommer gedreht wurden. Meiner Mutter war es wichtig, dass ich ein „normales Schulkind“ bin. Die Ballettschule hatte im Sommer auch geschlossen, also habe ich auch dort nichts verpasst. Das Filmen war schon eine sehr spannende Sache für mich, hatte allerdings nie erste Priorität. Als 6-jährige war mir auch nicht bewusst, mit welchen „Promis“ ich drehte, heute, wenn ich den Film ansehe (Anm: „Opa ist der Beste“ wurde kurz nach der Beförderung von Rebecca Horner im ORF ausgestrahlt), ist es ein ganz anderes Gefühl, zu realisieren, welche prominenten Persönlichkeiten mit mir gedreht hatten.

OF: Wann war für Sie klar, dass Sie professionelle Balletttänzerin werden wollen?

RH: Mit 10 Jahren. Ich war damals im 14. Bezirk im Gymnasium, und kurz vor Beginn des 2. Semesters hat sich ein Gespräch mit der Mutter einer Volksschulfreundin ergeben, die damals Gouvernante im Internat in der Boerhavegasse war – heute ist sie Trainingsleiterin an der Staatsoper – und so kam ich dann für ein Probetraining an die Ballettschule der Wiener Staatsoper. Damals war noch Michael Birkmeyer der Direktor. Ja, und dieses Probetraining war wie eine Erleuchtung für mich, wo ich auch realisiert hatte, wie hart dieser Beruf ist, da wurde an der Technik viel genauer gefeilt, als an der privaten Ballettschule, das korrekte Ausdrehen, hohe Beine, und ich war nach diesem Training fix und fertig. Und danach kam die Zusage von Herrn Birkmeyer, dass ich sofort einsteigen könnte, obwohl ich damals noch in der Volksschule war. Nichtsdestotrotz bin ich erst im Wintersemester eingestiegen. Und dann hat eine sehr anstrengende Zeit für mich begonnen. Wir hatten das Glück, einen hervorragenden Ballettlehrer zu haben, der alles sehr gut erklärt hatte, aber natürlich auch sehr streng war. Es sind sehr viel Tränen geflossen, aber zum ersten Mal wurde der Begriff „Ehrgeiz“ bedeutend für mich. Meine Mutter hat mich auch sehr unterstützt – es kamen in dieser Zeit nämlich auch immer wieder noch Filmangebote herein, sie hat mich immer selbst entscheiden lassen, ob ich sie annehmen will oder nicht. Ich habe dann einige kleine TV Auftritte gemacht, aber mehr wollte ich nicht, da ich mich ganz auf das Tanzen konzentrieren wollte. In den ersten vier Jahren macht man quasi ohne zu überlegen das, was die Lehrer einem sagen, die Persönlichkeitsentwicklung beginnt eigentlich erst danach. Im 5. Jahr ging der Fokus vom Training auf das Rollen-Kreieren über, wenn die Technik sicher geworden ist. Das ist auch meistens das Jahr, in dem sich der Spreu vom Weizen trennt, wo viele aufhören. Ab der 7. Klasse waren dann ausschliesslich diejenigen, die eine professionelle Laufbahn als Tänzer anstrebten, und in der 8. Klasse durfte ich im „Schwanensee“ und der „Puppenfee“ an der Staatsoper mitwirken. Das war für mich ein komplett neues Gefühl, wie die Profis arbeiten, viel mehr Leute im Ballettsaal – in der Schule waren wir zu zehnt, in der Staatsoper 40 Damen, niemand uniformiert.

OF: Mit dem Modernen Tanz – für den Sie ja zweifelsohne das Aushängeschild der Staatsoper sind – haben Sie auch schon in der Boerhavegasse begonnen?

RH: Wir hatten schon Training für Modern Dance, wo wir auch unterschiedlichste Techniken gearbeitet hatten, allerdings war das in der Schule nie wirklich spannend für mich. Heute bin ich ganz klar eine moderne Tänzerin. Hätte es damals zu meiner Schulzeit schon so ein Stück wie „Cacti“ (Anm. Choreographie von Alexander Ekman, Jhg. 1984,, 2015 erstmals an der Staatsoper aufgeführt) gegeben, wäre der Zugang zum modernen Tanz definitiv ein sehr leichter gewesen; so war es damals lediglich ein Einstudieren und imitieren. Aber auch Choreographien wie z.B. Jiri Kylian benötigen eine klassische Ausbildung, um den technischen Ansprüchen gerecht zu werden. Sehr prägend allerdings war für mich das Wiesenthal-Training, das ich ab 12 Jahren auch erlernt habe. Das ist die Walzertechnik nach Grete Wiesenthal, das trainieren nur Mädchen. Wir trugen hierfür lange Röcke, das ganze war sehr elegant, alles in Schräglage durch ein vorgekipptes Becken, und da wir eine Pilotklasse waren, die ausnahmsweise dieses Training schon ab der 3., statt der 5. Klasse hatten, konnte ich sehr davon profitieren. Wir hatten jede Woche 3 Stunden - einmal eine Doppelstunde, einmal eine Einzelstunde – und der Lehrer hat es verstanden, zu tanzen und nicht nur zu exerzieren. Durch diesen Unterricht hatten wir dann auch mehrere Auftritte bei Bällen (Kaffeesiederball usw.), da tanzten wir als Eröffnungsstücke u.a. An der schönen blauen Donau, Rosen aus dem Süden, Künstlerleben. Das war auch ein ganz anderes Erlebnis, als die Matineen, die man hauptsächlich absolviert, sondern da ging es darum, ein Teil des Abends zu sein, dazugehörig zu sein.

OF: Direkt nach der Ausbildung wurden Sie ja dann ins Corps de Ballett der Wiener Staatsoper engagiert.

RH: Ja, das war anfangs eine sehr klassisch geprägte Zeit – Gyula Harangozo hat ja einige klassische Ballette auf den Spielplan gesetzt, wie Nussknacker, Schwanensee, Coppélia – und was für mich besonders schön war, dass ich bereits in der ersten Saison im „Nussknacker“ den spanischen Tanz machen durfte. Da waren wir zu viert. Mein erster solistischer Einsatz war dann in der Volksoper mit „Queen“ von Ben van Cauwenbergh. Dann hatte ich eine ziemlich schwierige Zeit. 8 Jahre lang war man ja in der Schule gewesen, und auf einmal ist man ein „Nobody“ in einer 80-köpfigen Company, ich fühlte mich ganz klein und bin sehr unsicher geworden. Und ein „Ellbogentyp“ war ich nie. Die Schwangerschaft war dann für mich ein Anlass, herauszufinden, was ich eigentlich vom Leben will. Und dann war das Baby da, und es hat kein halbes Jahr gedauert, bis mir klar geworden ist, dass ich unbedingt weitertanzen will, dass ich das Tanzen brauche! Durch die Karenz war ich damals nicht angestellt, also bin ich dann zu Vesna Orlic von der Volksoper gegangen und habe gefragt, ob ich dort das Training mitmachen kann, um wieder fit zu werden. Es ging mir auch darum, herauszufinden, ob es wirklich mein Lebensinhalt ist, zu tanzen. Das war ein grosser Selbstfindungsprozess für mich. Das Gute war, dass ich damals keinen Druck hatte, sofort perfekt tanzen zu müssen, sondern ich konnte mich in meinem Tempo wieder aufbauen. Die erste Woche nach der Pause war die Hölle, mein Körper hat sich angefühlt, als ob ich noch nie getanzt hätte. In der zweiten Woche hatte ich noch viel Muskelkater nach dem Training, aber ab der 3. Woche hat sich der Körper wieder erinnert, und ab der 4. Woche war dann alles wieder da. Und ich hatte eine grosse Freude am Trainieren. Vesna Orlic hat mich dann gefragt, was ich nach der Karenzzeit machen würde (Anm. Mai 2012), ich hatte damals für Ende 2012 in Deutschland ein Angebot für eine Schattenshow. Allerdings stand zur Diskussion, ob ich mit der Saison 2012/13 im Corps de Ballett der Volksoper wieder anfangen könnte, und meine Tochter ist nach dem Sommer auch in den Kindergarten gekommen. Dann war das noch ein längeres Prozedere, weil Vesna Orlic mir zwar einen Vertrag geben wollte, aber keinen Platz frei hatte. Also habe ich begonnen, für die Schattenshow zu proben – und prompt wurde eine Kollegin in der Volksoper schwanger und der Platz war doch frei. Also habe ich nicht einmal eine Woche dort geprobt, als der Anruf von Manuel Legris kam, dass der Vertrag für die Volksoper bereit ist. Glücklicherweise waren die Kollegen von der Schattenshow sehr kulant, und ich konnte direkt fix an die Volksoper. Und das war eine sehr gute Saison für mich – ich hatte gleich die Hauptpartie in „Carmina Burana“ bekommen, und das gemeinsam mit dem erfahrenen Mihail Sosnovschi zu tanzen, war ein tolles Erlebnis! Im Jahr darauf habe ich im „hässlichen Entlein“ und „1001 Nacht“ Hauptrollen getanzt.

OF: Wie hat es sich dann ergeben, dass Sie die Premiere in John Neumeiers „Josephslegende“ getanzt haben – die Staatsoper und die Volksoper trainiert ja getrennt.

RH: Da muss ich ein bisschen länger ausholen: Da mit der Saison 2013/14 ein sehr intensives Jahr an der Volksoper anstand, hatten wir bereits Mitte August Probenbeginn, dass wir rechtzeitig für die Premiere fertig wurden. Diese 2 Wochen wurden uns dann über die Saison verteilt als Urlaubswochen zurückgegeben, die eine über Weihnachten, das war sehr angenehm (lacht), und die andere war im April. Allerdings hatten wir unmittelbar nach dieser freien Woche im April gleich Vorstellungen von „Carmina“ und „Bolero“, also wollte ich mich fit halten und habe gefragt, ob ich ausnahmsweise in dieser Woche das Training in der Staatsoper mitmachen kann. Und am Mittwoch hiess es am Probenplan, dass John Neumeier kommen würde (Anm.: in der darauffolgenden Saison fand die Premiere von Neumeiers „Verklungene Feste“/“Josephslegende“ statt). Also habe ich erneut um das OK gebeten, gerade wenn jemand wie Neumeier zuschauen kommt und die Partien für seine Stücke auswählt. Die Anspannung der Kollegen von der Staatsoper war schon deutlich spürbar, ich hingegen habe sowieso nicht damit gerechnet, dass ich überhaupt in Frage kommen würde und habe einfach mein Training gemacht. Dann war die Sommerpause, in welcher ich spontan in der „Aida“-Produktion in St. Margarethen als Tänzersolistin angefragt wurde, und auch Eno Peci hatte mich für den „junge Choreographen“-Abend für sein Stück angefragt, dennoch spürte ich eine Unruhe in mir, wie das alles weitergehen sollte. Die zwei Jahre an der Volksoper waren schon sehr intensiv, aber trotzdem wusste ich nicht, was mich im nächsten Jahr erwarten würde. Dann hat eine Dame vom Büro der Staatsoper im Foyer eine Fotoausstellung gemacht, wo auch ein Foto von mir hing, das war am 22. September – anschliessend war eine „Schwanensee“-Vorstellung. Ich war vom Vorabend (Anm.: Vorstellung in der Volksoper) noch ziemlich müde, aber bin trotzdem hingegangen. Und bei dieser Gelegenheit informierte mich Manuel Legris, dass ich die 3. Besetzung für „Josephslegende“ sei! Drei Wochen später haben dann die Proben begonnen, zur ersten Probe kam dann Kevin Haigen, der „Original-Joseph“, der uns in den ersten 2 Tagen einen Teil der Variation, sowie den Pas de deux einstudierte. Ketevan Papava hat mit Denys Cherevychko geprobt und ich mit Davide Dato, weil Olga Esina nicht da war. Und am dritten Tag war John Neumeier da, der beim Pas de deux dann beide Paare alleine (Anm.: bei den Proben tanzt die 2. Besetzung im hinteren Teil des Saales) sehen, und wechselte dann die Paare, dass ich mit Denys tanzte. Schon in der ersten Probe mit Neumeier wurden gefühlstechnische Feinheiten gearbeitet, wie ich es noch nie erlebt hatte. Abends war wieder eine Probe angesetzt, ich bin in der Pause zunächst spazieren gegangen, und als ich später in der Kantine sass, rief Davide mich an, dass eine neue Besetzungsliste aushängt und dass ich die Premierenbesetzung sei.

OF: John Neumeier, bzw. seine Choreographien könnte man direkt als eine Art Glücksbringer für Sie bezeichnen – bei Ketevan Papava waren es Werke von Boris Eifman, bei Kirill Kourlaev Werke von Roland Petit, die den beiden die Beförderung zunächst vom Halbsolisten zum Solisten und dann zum 1. Solotänzer brachten. Bei Ihnen erfolgte ja unmittelbar nach der erfolgreichen Premiere das Rückengagement an die Wiener Staatsoper, und Ende der Saison die Beförderung zur Halbsolistin, und 2 Jahre später, direkt nach der „Sacre“-Premiere die Beförderung zur Solotänzerin.

RH: Ja, Neumeier ist in der Tat ein Glücksbringer! Er ist nicht nur ein toller Choreograph, sondern auch ein belesener und edler Mensch, der sich immer weitergebildet hat und dem es auch wichtig ist, sein Wissen weiterzugeben. Die Auszeichnungen sind natürlich schön, mit der Beförderung zur Solotänzerin hatte ich überhaupt nicht gerechnet. Aber viel wichtiger sind die Erfahrungen, wie ich bei der Probenarbeit wachsen konnte. Als die letzten Bühnenproben für die „Josephslegende“ liefen, hatte mir Manuel Legris gesagt, dass ich wieder an die Staatsoper zurückkommen könnte. Die letzten Vorstellungen von „Carmina“ und „Nachmittag eines Faunes“ habe ich noch in der Volksoper getanzt, aber dann war wieder alles anders. Im Nachhinein kann ich sagen, dass die Veränderungen immer dann geschehen sind, wenn ich eine innere Unruhe gespürt hatte. Beim „Sacre“ war es übrigens genauso. Ich liebe ja die Musik von Strawinsky, und mein grösster Wunsch war es, den „Sacre“ zu tanzen. Was ich für die Saison 2016/17 schon wusste, dass ich bei der Strawinsky-Premiere an der Volksoper (Anm.: „Petruschka“/“Der Feuervogel“, 28. April 2017) tanzen werde, und auch „Cacti“ war fix. Aber natürlich wäre eine erneute Arbeit mit John Neumeier phantastisch gewesen. Ich schätze besonders an ihm, dass man als Mensch im Vordergrund steht, damit man künstlerisch das Maximum aus sich herausholt und nicht nur Schritte absolviert. Wenn ich nicht genug für meinen Kopf zu tun habe, macht mich das auf Dauer unglücklich. Natürlich ist auch ein Walzer in einem 2. Akt – sei es jetzt „Dornröschen“ oder ein anderer Klassiker – schön zu tanzen, aber da steht in erster Linie Technik im Vordergrund und nicht die Interpretation. Da hatte ich manchmal geradezu „Panik vor Tutu-Balletten“, das können andere besser ohne grossen Aufwand, wenn ich ehrlich bin. Worüber ich mich aber sehr gefreut habe, dass ich bei der „Schneekönigin“ Wiederaufnahme die Zigeunerin tanzen durfte. Durch die Schwangerschaft von Olga Esina hat Ketevan Papava die Schneekönigin getanzt und ich bin dann „nachgerückt“. Ich mag klassische Ballette, aber mir sind die Charakterrollen wichtig. Ich bin mit meinen klassischen Fähigkeiten begrenzt, aber bei Charakterpartien liegt der Schwerpunkt auf der Interpretation.

OF: Das hat man auch bei Ihrer Gräfin in „Raymonda“ bewundern können, wie Sie aus den wenigen Schritten soviel Eleganz holen und die Rolle aufwerten.

RH: Danke schön! Das war auch eine schöne Rolle, die ich sehr gerne getanzt habe! Und es hat da sehr gut gepasst, dass die Partie jetzt nicht so tänzerisch anspruchsvoll ist, weil danach sehr intensive Partien auf mich zugekommen sind. Gerade über Weihnachten ist es sowieso schon stressig, da wollte ich nicht meine ganze Energie verpulvern, wenn noch ein arbeitsreiches Halbjahr vor einem liegt. Ausserdem war ich im November bei der „Balanchine/Liang/Proietto“-Premiere zunächst nur für „Murmuration“ (Liang) vorgesehen, und bin dann für den Balanchine auf die 1. Besetzung nachgerückt, weil eine Kollegin operiert und die andere schwanger wurde. Und auch wenn ich grossen Respekt vor Balanchine-Choreographien habe, konnte ich es doch sehr geniessen.

OF: Balanchine gehört ja unumstritten zu den anspruchsvollsten neoklassischen Werken.

RH: Oh ja! Und ich bin mir dessen sehr wohl bewusst, wie brillant die Solistinnen das getanzt haben. Die Company sieht optimal aus in diesem Stück. Da habe ich mich schon sehr gefreut, mit dabei zu sein. Ja, dann ist die Zeit sehr schnell vergangen, und auf einmal standen die Proben für den Neumeier-Abend an. Zuerst kam die Besetzung für „Pavillon“ heraus, wo ich nicht involviert war. Die „Sacre“ Besetzung hingegen hat eine Woche auf sich warten lassen, da war ich wie auf Nadeln! Trotzdem war ich zur Bekanntgabe schon ausser Haus, und der Jakob Feyferlik hat mir einen Snapchat mit der Besetzung und einem „Yeah“ geschickt, und das war eine riesige Freude, zu erfahren, dass ich für die Hauptpartie vorgesehen war.

OF: Ursprünglich wären ja zwei Besetzungen für den „Sacre“ vorgesehen, die Kollegin ist aber dann schwanger geworden. Gab es dann noch eine andere Zweitbesetzung für Sie?

RH: Zwei Kolleginnen haben den Hauptpart ebenfalls mitgelernt und bis eine Woche vor der Premiere war noch unklar, ob es eine zweite Besetzung gibt, da die eine Kollegin schon die 2. Besetzung für Ioanna Avraam war, diese wiederum die 2. Besetzung für „Pavillon“, und die andere im Ensemble im „Sacre“. Es sind soviele Leute beteiligt, dass es schwierig ist, die Besetzungen zu wechseln.

OF: Das war ja auch bei „Symphony in C“ der Fall, da hätte Natascha Mair in der 2. Besetzung den 4. Satz tanzen sollen und dann war Liudmila Konovalova – die 2. Besetzung für den 1. Satz - verletzt.

RH: Man denkt sich, es sind ja so viele Tänzer da, aber dann kommt immer alles anders, gerade bei den Tänzerinnen gibt es ja nicht nur Verletzungen, sondern auch Schwangerschaften. Wie dem auch sei, ich bin sehr glücklich, dass ich nun alle Vorstellungen tanze, bin aber auch froh, dass nach den ersten zwei Vorstellungen eine kleine Pause ist, um dann mit neuer Energie durchzustarten. Ich war überrascht über mich selber. Bei der „Josephslegende“ dachte ich, das ist jetzt das schwierigste, von der Anstrengung her, das ich jemals getanzt habe. Es ist zum einen körperlich sehr fordernd, aber auch psychisch! Diese Kombination, wenn man emotional alles gibt und dann noch die körperliche Anstrengung und Kondition dazukommt, ist schon heftig, danach ist man erledigt! Beim „Sacre“ habe ich als erstes mein Schlusssolo gelernt. Und ich habe es geschafft, in den zwei Wochen im November, einmal meine Variation durchzutanzen. Sie dauert 5 Minuten. John Neumeier meinte dann, ich sollte es noch einmal tanzen. Ich bin zuerst davon ausgegangen, dass ich die Variation zum Schluss der Probe einmal durchtanze und es dann ein paar Wochen „liegenlasse“ - es waren ja genug andere Produktionen dazwischen. Ja, und danach habe ich 1 Stunde und 45 Minuten gebraucht, um mich davon zu erholen! So etwas hatte ich noch nie erlebt. Ich habe Sternchen gesehen, konnte nicht aufstehen, bin nur am Boden gelegen, die Augen waren halb geschlossen, ich war nicht ansprechbar, wie eine Hülle! Und das Absurde ist, dass ich in der letzten Woche vor der Premiere, wo ich es jeden Tag getanzt habe, dass ich jeden Morgen danach ohne Schmerzen aufgewacht bin! Bis heute tut mir nichts weh! „Cacti“ hingegen ist ein Stück, nach welchem man ordentlich Muskelkater hat. Da ist alles angeschwollen und man fühlt sich am nächsten Morgen einfach nur fertig und zerknuddelt. Aber beim „Sacre“ habe ich das jedes Mal erlebt, fünf Minuten vor Ende ist noch alles gut, ich tanze das und bin fünf Minuten später nicht ansprechbar – bei den Endproben war das jeweils 14:30 Uhr und damit war der Tag gelaufen. Ich wusste nicht, wie ich den Tag noch rumkriegen soll. Und es ist auch nicht besser geworden, es hat sich nichts geändert an dieser Müdigkeit, die danach auf einmal wie ein Hammer auf einen niederfährt, und gleichzeitig eine ungeheure Befriedigung, dieses Solo geschafft zu haben. Und ich habe mich nach jedem Mal gefreut, es wieder zu tanzen. Es gibt wahrscheinlich nichts Schöneres, als etwas geschafft zu haben. Egal, in welchem Bereich. Das kann jeder bestätigen. Ich freue mich total auf die nächsten Vorstellungen. Am Tag nach der Generalprobe hatte ich nach fünf Endproben einen Tag Ruhe vor der Premiere, habe eine ruhige Kugel geschoben, ein bisschen Fahrrad gefahren, aber nicht überanstrengt. Sonntag war dann die Premiere, und da war es so schwer wie noch nie! Nicht einmal im November war der Schlusstanz so fordernd. Natürlich kam noch die Nervosität dazu, und man spürt den Erwartungsdruck nach der „Josephslegende“. Ich meditiere zwar gegen die Nervosität, aber es gibt Momente, da hilft nicht einmal das. Und ich merkte während dem Tanzen, ich gebe zuviel, nach 2 1/2 Minuten fühlte ich mich schon streichfähig – aber eben, das war gerade mal die Hälfte! Und den Schluss dann noch durchzustehen war heftig. Dann kam die grosse Überraschung mit der Beförderung und da spürt man auf einmal nichts mehr von der Müdigkeit. Aber am nächsten Tag war ja bereits die nächste Vorstellung! Und da lief es aber wie von selbst! Am Tag der Premiere war ich ja den ganzen Tag schon angespannt, am Tag der zweiten Vorstellung hingegen bin ich ganz ruhig aufgewacht. Und ich habe es noch mehr genossen, als bei der Premiere, weil ich die Ruhe hatte, und ich war nicht zu müde. Obwohl das auch andersrum sein könnte, wenn am zweiten Tag die ganze Anspannung der Premiere von einem abfällt. Bei der „Josephslegende“ war es übrigens dasselbe, dass die Reprise direkt am Tag nach der Premiere war. Das war für mich damals irrsinnig schwer, weil ich mich am Tag danach komplett leer gefühlt habe. Allerdings bekam ich dann das Feedback, dass es noch besser gewesen sei, als bei der Premiere. Das geschieht sehr häufig, dass man die Leistung nicht selbst einschätzen kann und dann bekommt man das Feedback „heute war es besonders stark“. Ich erlebe das immer wieder, dass ich zwar vor der Vorstellung nervös bin, aber ab dem Moment, wo ich auf der Bühne bin, ist die Nervosität auf einmal weg. Und Theater ist nunmal schön!

 

OF: Noch einmal zurück zu John Neumeier, welche Werke hatten Sie vor der Zusammenarbeit von ihm gekannt?

RH: „Wie es euch gefällt“ wurde an der Staatsoper gespielt, und das war der Grund, warum ich noch etwas von ihm sehen wollte. Es liefen natürlich immer wieder am Theater an der Wien Gastspiele vom Hamburg Ballett, aber mit 12, 13 Jahren interessierte ich mich mehr für Handlungsballette. Zu Weihnachten habe ich dann in München „Cinderella“ von ihm gesehen, das hat einen starken Eindruck hinterlassen.

 

OF: Wäre es eine Rolle für Sie?

RH: Ich vermute, ich wäre vom Typ her eher keine Cinderella, ich müsste es erst wieder sehen, da es doch schon ziemlich lange her ist. Aber den Abend habe ich sehr schön in Erinnerung.

 

OF: Aber die Kameliendame wäre etwas für Sie? Da braucht man ja dramatisches Talent.

RH: Das nach einer Alina Cojocaru zu tanzen wäre eine enorme Herausforderung, auch weil es doch sehr klassisch ist. Auch eine Tatjana in Crankos „Onegin“ ist interpretatorisch sehr spannend für mich und wenn ich die Gelegenheit bekäme, das zu lernen, ohne unbedingt eine Vorstellung zu tanzen, wäre es schon wunderbar. Ich glaube, Kameliendame geht in eine ähnliche Richtung vom klassischen Stil, aber trotzdem mit dramatischem Element. Jetzt wäre ich mir noch viel zu unsicher damit. Noch ein paar Jahre, und vielleicht ergibt sich dann irgendetwas. Aber ich bin mir dessen bewusst, dass es ein grosses Ding ist!

 

OF: Wer weiss, vielleicht folgt ja nach der Kameliendame die Beförderung zur Ersten Solotänzerin?

RH: (lacht) So weit in die Zukunft denke ich gar nicht. Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich überhaupt Solotänzerin werde, und deswegen frage ich auch gar nicht nach mehr, es ist jetzt schon zu schön um wahr zu sein. Auch über die Beförderung zur Halbsolistin – ein halbes Jahr zuvor war ich ja noch in der Volksoper – hat mich enorm gefreut.

 

OF: Es ist aber auch wichtig für das Staatsballett, in der Solistenriege eine würdige Vertreterin des modernen Tanzes zu haben – natürlich tanzen die Kolleginnen den modernen Stil sehr gut, sind aber doch grösstenteils deutlich im Klassischen zuhause.

RH: Ich freue mich total, dass das so ist und der moderne Tanz so geschätzt wird.

 

OF: 2015 erhielten Sie ja den Förderpreis des Ballettclubs der Wiener Staatsoper und Volksoper.

RH: Oh ja, das war eine riesige Überraschung, als der Anruf von Ingeborg Tichy-Luger kam! Das war kurz nach der „Josephslegende“. Nachdem die Preisträger vor mir alle direkt von der Schule kamen (Anm.: Die Preisträger seit 2010 waren Natascha Mair, Greig Matthews, Prisca Zeisel, Davide Dato, Masayu Kimoto), hätte ich nie damit gerechnet, aber Frau Tichy-Luger meinte „Für so etwas ist man nicht zu alt!“ Das war eine wunderschöne Auszeichnung!

 

OF: Und danach folgten auch die Nominierungen für die "Beste Tänzerin des Jahres" (Zeitschrift "tanz") und für den "Leading Ladies Award" in der Kategorie Kultur (Zeitschrift "Madonna", 2015).

RH: Es ist bereits eine grosse Ehre, nominiert zu sein, es muss erst einmal soweit kommen, dass man vorgeschlagen wird. Für mich ist es eine Auszeichnung, nominiert zu sein. Aber gerade wenn viele weitere Leute mit einem nominiert sind, sinkt nunmal die Wahrscheinlichkeit, den Preis tatsächlich zu bekommen.

 

OF: Ihr Lebensgefährte ist ja nicht nur ein hervorragender Balletttänzer, sondern auch ein mehrfach preisgekrönter Choreograph. Könnten Sie sich vorstellen, auch selbst zu choreographieren?

RH: Ganz ehrlich, nein. Ich traue es mir nicht zu. Ich liebe den kreativen Prozess mit Choreographen – aktuell sind wir ja schon in den Proben für „Petruschka“ und „Feuervogel“ und erleben die aktive Phase mit Choreographen, aber ich selbst könnte es mir nicht vorstellen. Vielleicht irgendwann später, aber momentan definitiv nicht. Aber der Prozess an einem Werk bringt mich weiter. Man verbringt ja doch mehrere Wochen an den diversen Werken und da kann man sich wirklich entwickeln. Und was mir persönlich auch wichtig ist, dass ich die Rollen von Vorstellung zu Vorstellung immer weiterentwickle. Ich möchte nicht einfach nur ein fertiges Produkt solide abliefern. Bei der „Josephslegende“ habe ich das ganz stark erlebt, als die Wiederaufnahme nach einem Jahr kam, gab es so viele neue Dinge zu entdecken. Andere Details, die auf ein Mal für mich wichtig geworden sind.

 

OF: Und welche Choreographien tanzen Sie am liebsten?

RH: Das hängt vom aktuellen Zeitpunkt ab. Vor ein paar Jahren ist die Gegenwart eine andere, man benimmt sich anders, man braucht andere Dinge, und deswegen ist es situations- und zeitabhängig. „Josephslegende“ ist natürlich ein ganz tolles Werk und ich freue mich wahnsinnig, dass es nächste Saison wieder am Spielplan steht. Ich war letzte Saison bei meiner letzten Vorstellung schon extrem traurig, weil ich nicht wusste, wann, bzw. ob es ein nächstes mal gibt. „Cacti“ habe ich auch sehr gerne getanzt. Auch „Bella Figura“ tanze ich wahnsinnig gerne, da ist man im wahrsten Sinne des Wortes nackt. Man muss ganz roh zeigen, wer man ist. Sobald man bei diesem Stück etwas aufgesetzt spielt, geht das nicht mehr. Im Allgemeinen sind mir Stücke wichtig, wo der Mensch mit seiner Persönlichkeit im Vordergrund steht.

 

OF: Gibt es ein zeitgenössisches Werk, das Sie sich ins Repertoire des Wiener Staatsballetts wünschen würden?

RH: Es ist zwar nicht modern, und ich habe jetzt auch keine konkrete Fassung im Kopf, aber die Partie der „Carmen“ würde mich sehr reizen. Das wäre spannend für mich, auch weil ich die Musik sehr mag.

 

OF: Ihre Tochter lernt ja auch Ballett – bekommt sie Tipps oder Korrekturen von Ihnen oder Andrey Kaydanovskiy?

RH: Sie ist bei Kirill Kourlaev in den besten Händen. Ich muss dazu sagen, dass es ausdrücklich ihr Wunsch war, auch Ballett zu lernen – Andrey und ich waren zunächst dagegen -, ich hätte sie definitiv nicht dorthin gepusht. Mir ist wichtig, dass sie gerade in dem Alter nicht gedrillt wird, sondern die Freude am Tanzen behält, der Spassfaktor an erster Stelle steht. Den Stress der professionellen Laufbahn als Balletttänzer möchte ich ihr so lange wie möglich ersparen. Ich bin mir sicher, dass das in der Schule von Kirill passt, die Kinder lernen natürlich, was wichtig ist, aber es wird nicht auf Gymnastik übertrieben.

 

OF: Käme für Sie später Unterrichten in Frage?

RH: Eher nicht, schon sehr lange nicht. Ich bin viel zu ungeduldig und das bereitet mir zuviel Stress. Vielleicht wäre es in 10 Jahren oder später interessant. Aber im Hier und Jetzt distanziere ich mich vom Unterrichtsgedanken.

OF: Und das Wiener Publikum freut sich hoffentlich noch viele Jahre auf Vorstellungen mit Ihnen! Frau Horner, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Katharina Gebauer 10.3.2017

Bilder sind alle von Ashley Taylor, Wiener Staatsballett.

 

Nächste Vorstellungen mit Rebecca Horner: 10., 13. und 16. März „Le Sacre“ (Staatsoper), April/Mai/Juni „Petruschka/Der Feuervogel“ (Volksoper)

 

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