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MARIINSKY THEATER

(c) Saint-Petersburg.com

 

 

Eine Woche am Mariinsky-Theater, St. Petersburg

Ein Tagebuch – 10. bis 17. April 2016

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Die (nur für Mitglieder des Theaters geöffnete) Brücke, die das alte und das neue Mariinsky-Theater verbindet (Foto: Archiv Sune Manninen)

Seit der Eröffnung der neuen Bühne vor nunmehr 13 Jahren hat das St. Petersburger Mariinsky-Theater eine entscheidende Wandlung vollzogen: Neben dem altehrwürdigen historischen Theater und der 2006 eröffneten Konzerthalle gibt es nun die sog. Neue Bühne, eine der größten und modernsten der Welt, und in ihr vier Kammermusik-Säle, die nach den für diese Stadt bedeutsamen Komponisten Mussorgsky, Prokofiev, Stravinsky und Shchedrin benannt sind. Kürzlich hinzugekommen ist die sog. Primorsky-Bühne des Mariinsky-Theaters im 10 ½ Flugstunden entfernten Vladivostok, eine willkommene Gelegenheit, bei einem der zahlreichen lukrativen Gastspiele Valery Gergievs mit seinem Orchester in China oder Japan praktischerweise „zu Hause“ einen Zwischenstopp einlegen zu können. Führungspositionen dieses Ablegers sind mit Mariinsky-Künstlern besetzt. So fungiert die renommierte Mezzosopranistin Larissa Diadkova als Operndirektorin, und Pavel Smelkov und Vladislav Karklin sind Chef- bzw. Erster Gastdirigent.

Der Besucher des St. Petersburger Mariinsky-Theaters hat also die Qual der Wahl, denn nicht selten werden am selben Tag alle Bühnen bespielt, teilweise in Nachmittags- und Abendvorstellungen sogar desselben Werks, dazu noch Konzerte in den Kammermusik-Sälen. Der Personalbedarf des Theaters ist demzufolge enorm. Das Solisten-Ensemble verzeichnet über 100 Sänger, im Orchester spielen über 300 Musiker, mehr als 150 Choristen! Für den Besucher aus dem Westen grenzt die Arbeitsbelastung der Sänger und Musiker ans Unmenschliche – kein Wunder bei einem Theaterchef wie Gergiev, der z.B. bei seinem Ende des Monats beginnenden sog. Moskauer Oster-Festival in 15 Tagen 38 Konzerte dirigieren wird, über ganz Russland verstreut, manchmal 3 Stück pro Tag. Wenn man nicht gerade im Flugzeug unterwegs ist, fährt man im eigens dafür gecharterten Zug, in dem es sogar einen eigenen Wagon für Proben gibt. Vor bzw. während meines jetzigen Aufenthaltes kam es vor, dass Musiker dasselbe Werk nachmittags und abends spielten (dazu Proben vor der Aufführung), und der Bariton Roman Burdenko war sicherlich nicht sehr erfreut, Giorgio Germont in zwei Vorstellungen am Tag singen zu „dürfen“.

 

Sonntag, 10.4. Shostakovich: Moskva, Cheryomushki (Konzerthalle)

Neben diversen Konzerten in den Kammermusik-Sälen hatte ich zur Auswahl: In Mariinsky I (Historische Bühne) Verdis „Don Carlo, in Mariinsky II (Neue Bühne) die Abschlussgala des 16. Internationalen Ballett-Festivals und in der Konzerthalle Shostakovichs einzige Operette „Moskva, Cheryomushki“. Trotz eines Stars wie Alexei Markov als Posa entschied ich mich für den Shostakovich, denn so oft hört man dieses witzige Stück mit seiner fetzigen Musik nicht. Aufgeführt wurde es von Mitgliedern der Mariinsky-Akademie für Junge Sänger, einer Art Opernstudio, geleitet von Larissa Gergieva, einer Schwester Valery Gergievs. Wenn auch über 50 % des Solisten-Ensembles des Theaters sich aus ehemaligen Akademie-Mitgliedern rekrutiert, so ist doch festzustellen, dass in den letzten Jahren der Nachschub ins Stocken geraten ist, nicht zuletzt, seitdem Larissa Gergieva als Chefin des Opernhauses in Vladikavkaz fungiert, also in ihrer und Gergievs Heimatstadt, und somit viel weniger als früher vor Ort ist. Außerdem fehlt es offensichtlich an Sponsorengeldern, die früher diverse Konzerte im Ausland ermöglichten sowie Meisterklassen prominenter internationaler Künstler. Somit fungiert die Akademie derzeit als eine Art „Staat im Staat“, mit eigenen, von „Akademisten“ bestrittenen Aufführungen wie z.B. in diesem Jahr die Rossini-Opern „Cenerentola“ und „L’italiana in Algeri“ sowie einer Serie von Opern sowjetischer Komponisten wie Dzerzhinsky, Shebalin, Kabalevsky und Molchanov.

Auch für den nicht des Russischen Mächtigen wie mich war der Spaßfaktor bei „Moskva, Cheryomushki“ enorm hoch, dank der spritzigen Musik Shostakovichs und der animierten und animierenden Leistung der Mitwirkenden, und selbst die Musiker im Orchestergraben (DirigentPAVEL PETRENKO) ließen sich von dieser Stimmung anstecken. Aus dem durchweg homogenen Ensemble ragten vier Sänger heraus: die Soprane ANNA BARKHATOVA (Masha), MARGARITA IVANOVA (Lidochka), ANNA SHULGINA (Lyusya) sowie der in vielen Aufführungen dieser Woche beschäftigte Bariton YAROSLAV PETRYANIK (Boris Koretsky). Besonders Letzterer dürfte eine Zukunft am Mariinsky-Theater haben.

Montag, 11.4. aufführungsfrei

Dienstag, 12.4. Rimsky-Korsakov: Die Legende der unsichtbaren Stadt Kitezh (Mariinsky)

Zur Auswahl standen an diesem Abend (Mittags- oder Nachmittagsaufführungen gibt es meistens nur am Wochenende) in Mariinsky I das Ballett „La Sylphide“ sowie in der Konzerthalle ein Konzert. Somit fiel meine Wahl auf eine meiner russischen Lieblingsopern, diese Rimsky-Korsakov-Oper mit dem Bandwurmtitel, kurz: Kitezh genannt.

Eigentlich hätte VALERY GERGIEV mit den Münchner Philharmonikern, deren Chefdirigent er ist, eine Kurz-Tournee durch Schweden, Dänemark, Finnland mit Abschluss in St. Petersburg leiten sollten, doch nachdem diese – dem Hörensagen nach, wegen Finanzierungsschwierigkeiten – nicht realisiert werden konnte, schob er kurzerhand 8 Konzerte binnen 5 Tagen von Tomsk via Vladivostok nach Moskau ein, zu dem sich am Abend vor der Kitezh-Aufführung die Münchner Philharmoniker in Moskau gesellten. Was soll dieser Mann mit dem für ihn typischen Horror vacui auch sonst mit seiner Freizeit anfangen? Zum Glück war am Abend weder bei ihm noch bei den Musikern etwas von Müdigkeit zu spüren, und es gelang eine eindrucksvolle Wiedergabe des „russischen Parsifal“ (O-Ton  Gergiev). Mitte der 90er Jahre hatte Gergiev dieses Werk mit einem kaum zu überbietenden Solistenensemble vielerorts im Ausland aufgeführt: Gorchakova, der jüngst verstorbene Grigorian, Galuzin / Pluzhnikov, Putilin, Bezzubenkov / Aleksashkin – das war die Crème de la crème des Mariinsky-Theaters. Die Namen eines Gastspiels an der Met im Jahre 2003 ließen auf eine Dürre-Periode am Theater schließen: Sergeyeva, Grishko, Gorshkov, Mozhaev konnten dem Vergleich mit ihren Vorgängern nicht standhalten. Doch jetzt wächst – wenn ich dem Maßstab dieser Aufführung trauen darf – eine neue, ganz ausgezeichnete Generation heran, zum Teil ehemalige oder noch aktuelle „Akademisten“, dazu Sänger, die von anderen Bühnen Russlands ans Mariinsky kamen. Jedenfalls kam meiner Meinung nach IRINA CHURILOVA als Fevronia dem Ideal einer Galina Gorchakova (heute Lehrerin an der Mariinsky-Akademie) sehr nahe. Eine sehr schöne, klar timbrierte Stimme von großer Gestaltungskraft, die lediglich im Schlussakt (die Vorstellung, beginnend um 18 Uhr, endete kurz vor Mitternacht) leicht ermüdete – kein Wunder, wenn man bedenkt, dass Gergiev noch vor der Aufführung probte und gerade im letzten Akt eindrucksvolle, aber ausgesprochen langsame Tempi nahm! Bei dem als Vsevolod debütierenden ALEXANDER TROFIMOV, der bisher die kleine Rolle als Bärenführer gesungen hatte, bin ich mir noch nicht im Klaren, wohin die Reise gehen wird. Zweifellos eine angenehm timbrierte Stimme, deren Tonproduktion nicht immer mühelos und durchschlagskräftig genug war. Als Grishka Kuterma haben 20 Jahre zuvor Vladimir Galuzin und Konstantin Pluzhnikov, obwohl gänzlich verschieden, gleichermaßen Maßstäbe gesetzt – Ersterer vokal ausladender, Letzterer mit geradezu überbordender Gestaltungskraft. Doch wie Wagners Loge verträgt auch dieser tragische Trunkenbold verschiedene Ansätze. Somit gelang ANDREI POPOV mit seinem schmaler fundierten Charaktertenor, aber überragender Ausdruckskraft, eine eigenständige eindrucksvolle, sogar bewegende Interpretation. ALEXEI MARKOV als Fyodor Poyarok klang am Anfang etwas müde – kein Wunder, zwei Tage nach seinem Posa und einen Tag vor seinem Onegin, aber in seiner großen Szene im 3. Akt erklang sein samtiger und doch so markanter Bariton mit gewohnter Stimmpracht. Im Bassfach benötigt das Mariinsky-Theater dringend Blutauffrischung, zumal die „Veteranen“ Aleksashkin, Bezzubenkov und Kit zwecks Taschengeld-Aufbesserung häufig im Ausland auftreten und ein Star wie Ildar Abdrazakov (nominell Ensemblemitglied), zudem kein reiner Bass, zu Hause nur bei besonderen Gelegenheiten auftritt. In STANISLAV TROFIMOV, Neuzugang vom Opernhaus in Yekaterinburg, scheint das Mariinsky-Theater ein würdiges Mitglied der Bass-Riege gefunden zu haben. Relativ dunkel timbriert, leicht weich-gaumig, von großem Stimm- und Tonumfang. Sein Fürst Yuri machte jedenfalls Appetit auf mehr. Die junge YULIA MATOCHKINA, Gewinnerin des letztjährigen Tschaikowsky-Wettbewerbs, machte mit herrlichem Mezzosopran als Junger Knabe auf sich aufmerksam. Zwar noch Akademie-Mitglied, gehört sie doch zu jenen Künstlern, die vom Theater – und dies nicht erst nach ihrem Wettbewerbserfolg – besonders gefördert und in großen Partien (sie sang kürzlich ihre erste Carmen) eingesetzt werden. Ein eindrucksvoller Abend, der das große Potenzial des Mariinsky-Theaters unter Beweis stellte. Schade, dass ein Teil der Zuschauer das Haus bereits in der letzten Pause bzw. während des letzten Akts (besonders störend angesichts der High Heels der Damen) verließ. Andererseits aber auch verständlich, wenn man bedenkt, dass eine von Gergiev geleitete Aufführung traditionell mit mindestens 20minütiger Verspätung beginnt und die 3 (!) Pausen diesmal besonders lang waren.

Mittwoch, 13.4. Prokofiev: Die Liebe zu den drei Orangen (Konzerthalle)

Auch an diesem Tag fiel die Wahl schwer: In Mariinsky I „Onegin“ mit einer großartigen Besetzung (Yastrebova, Skorokhodov, Markov unter dem aufstrebenden Dirigenten Stanislav Kochanovsky) oder im Konzertsaal „Die Liebe zu den drei Orangen“. Ich entschied mich für die Prokofiev-Oper, zumal das Dirigat Gergievs und eine hochklassige Besetzung geradezu zum Besuch einluden.

Eigentlich besitzt das Mariinsky-Theater eine Produktion dieser Oper in der Realisierung durch den französischen Regisseur Alain Maratrat, doch scheint diese in die Filiale nach Vladivostok verpflanzt worden zu sein. So entschloss man sich kurzerhand zu einer halbszenischen Wiedergabe in der Konzerthalle, vom Akademie-Regisseur ALEXANDER MASKALIN fantasievoll in Szene gesetzt – ein eindrucksvolles Beispiel, mit wie wenig Aufwand man große Wirkung erzielen kann. Wenn der Chef (GERGIEV bei einem seiner Lieblings-Komponisten) am Pult steht, kann man meistens sicher sein, dass die besten eines Stückensembles auf der Bühne stehen. So auch diesmal. Abgesehen von der mit zu unruhigen Tonproduktion enervierenden Fata Morgana von YEKATERINA SHIMANOVICH und einem verquollen klingenden König Treff von ANDREI SEROV gibt es nur Erfreuliches zu berichten. Die beiden Tenorpartien Truffaldino und Prinz waren mit dem immer metallischer werdendenSERGEI SEMISHKUR und dem jungen vielversprechenden Akademie-Tenor ILYA SELIVANOV sehr gut besetzt, während als Celio PAVEL SHMULEVICH einen schwarzen Bass hören ließ und YURI VOROBIEV als Köchin einmal sein komisches Talent ausleben konnte. Ein Opernhaus, das die drei Apfelsinen mit YEKATERINA SERGEYEVA, YULIA MATOCHKINA und ANASTASIA KALAGINA(Ninetta) besetzen kann, ist ob dieses Luxus nur zu beneiden. Langer Beifall eines begeisterten Publikums. Ein würdiger Einstieg zu den Prokofiev-Festivitäten (125 Jahre).

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Schlussapplaus nach einer mit viel Beifall aufgenommenen „Liebe zu den drei Orangen“ (Foto: Archiv Sune Manninen)

Donnerstag, 14.4. Shchedrin: The Lefthander (Mariinsky II)

Zur Auswahl standen an diesem Abend im Mariinsky I das Ballett „Don Quixote“, in der Konzerthalle eine konzertante Aufführung der „L’italiana in Algeri“ mit Kräften der Mariinsky-Akademie sowie im Shchedrin-Saal ein Porträt-Konzert des Baritons Alexander Gergalov.

Am Mariinsky-Theater gehört Rodion Shchedrin zu den meistgespielten zeitgenössischen Komponisten, von dem viele seiner Opern und Ballette auf dem Spielplan stehen. Den Valery Gergiev gewidmeten „Linkshänder“ hatte Shchedrin zum 60. Geburtstag des Dirigenten (2013) komponiert, eine für diesen Komponisten so typische Groteske auf der Basis einer überall in Russland bekannten Geschichte von Leskov, ein Stück, dessen zwischen Tragödie und Buffoneske schwankenden Inhalt wohl nur ein Russe verstehen kann. Wie immer ist Shchedrins Komposition keinem bestimmten Stil zuzuordnen, wie immer sehr interessant anzuhören. Für VALERY GERGIEVist es wohl eine Herzensangelegenheit, bei einem Shchedrin-Stück am Pult zu stehen, zumal er als Chef dieses Instituts die Autorität besitzt, diese teilweise mit schwerem Blech orchestrierte Komposition volumenmäßig nicht ausufern zu lassen. Aus diesem Viel-Personen-Stück ragten zwei Leistungen heraus: in der Titelrolle dominierte ANDREI POPOV, ein Charaktertenor von höchster Güte, und wenn ein Opernhaus eine Mezzosopranistin mit Sex in der Stimme suchen sollte – hier ist sie: YEKATERINA SERGEYEVA als britische Prinzessin Charlotte. Es macht Freude, die Entwicklung dieser jungen Sängerin zu verfolgen. Was für eine Carmen müsste sie sein! Kompliment an die übrigen Mitwirkenden, die nicht mit großen Partien bedacht sind.


Freitag, 15.4. Liederabend Markus Suihkonen, Bass (Prokofiev-Saal)

Wohin gehen? Im alten Haus wieder das Ballett „Don Quixote“, in Mariinsky II „Carmen“ mit Yulia Matochkina in der Titelrolle und Mikhail Vekua, dem Jung-Siegfried des Theaters, als José, oder in die Konzerthalle zu einem Konzert mit jungen Musikern des Mariinsky-Orchesters als Solisten unter der Leitung von Lorenz Nasturica-Herschcowic, dem dirigierenden Konzertmeister der Münchner Philharmoniker. ich entschied mich für den Liederabend des erst 23jährigen finnischen BassistenMARKUS SUIHKONEN und seiner Pianistin TUULA HÄLLSTRÖM. Ich hätte es nicht tun sollen, denn offensichtlich waren meine Erwartungen zu hoch gewesen und wurden nicht erfüllt. Ich hatte diesen jungen Mann vor zwei Jahren bei einem Gedenkkonzert für Martti Talvela im finnischen Juva (wo Talvela begraben liegt) gehört und war von dem schönen und schon reifen Material des damals 21Jährigen außerordentlich angetan gewesen. Ein Jahr später hatte Suihkonen den Timo-Mustakallio-Wettbewerb in Savonlinna gewonnen und bereits kleine Rollen an der Finnischen Nationaloper gesungen. Doch heute klang sein damals so vielversprechendes Material nicht reif, sondern überreif – mit knorriger Tonproduktion und vielen Nebengeräuschen in der Stimme. Natürlich weiß ich nicht, ob er schlecht disponiert war; jedenfalls gab seine Leistung zumindest an diesem Abend leider keinen Anlass zu großem Optimismus. Tuula Hällström war mit hartem Anschlag weniger Begleiterin als dominierende Solistin in einem Konzert für Piano und Bass. Schade!

Samstag, 16.4. Shchedrin: A Christmas Tale (Mariinsky II)

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Der Zuschauerraum der 2013 eröffneten Neuen Bühne des Mariinsky-Theaters (Foto: Archiv Sune Manninen)

11 (!) Vorstellungen wurden an diesem Samstag gegeben, darunter das Ballett „La Sylphide“ in Mariinsky II, „Rusalka“ (szenisch) mit Kräften der Akademie in der Konzerthalle sowie nachmittags und abends Rodion Shchedrins erst im vergangenen Dezember uraufgeführte Oper „A Christmas Tale“. Eine Weihnachtsgeschichte im April? Gar nicht so abwegig in St. Petersburg, hatte es doch zwei Tage zuvor hier geschneit! Der Titel dieses Stück hatte offenbar viele Eltern veranlasst, ihre kleinen Lieblinge mit ins Theater zu schleppen. Für die Nerven eines sich auf die Musik konzentrieren wollenden Besuchers war es allerdings nervtötend, dass viele Eltern sich bemüßigt fühlten, ihren Sprösslingen die Handlung während der Aufführung zu erzählen.

Doch ich war nicht nur gekommen, dieses neue Stück Shchedrins zu hören, sondern vor allem eine junge Sopranistin, die mich im vergangenen November bei einem Konzert in München begeistert hatte. Ihr Name: PELAGEYA KURENNAYA, blutjung, im 5. Studienjahr am St. Petersburger Rimsky-Korsakov Konservatorium und trotzdem schon von Mariss Jansons und Valery Gergiev erkoren, unter Ersterem in München Prilepa in „Pique Dame“ und von Letzterem in eben dieser bayerischen Metropole Shchedrins Romanze für Sopran und Streicher mit dem Titel „Tanya-Katya“ zu singen.

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Pelageya Kurennaya mit ihrer Lehrerin Tamara Novichenko, der Lehrerin Anna Netrebkos (Foto: Archiv Sune Manninen)

Mit diesem Stück hörte ich diese junge Dame in München und war spontan begeistert von der Schönheit dieser wahrhaft jungen Stimme, ihrem hohen Wiedererkennungswert, ihrer durch alle Lagen hindurch homogenen Tonproduktion und ihrer großen Ausdrucksstärke. Nun ist Zamarashka, eine Art Cinderella in Shchedrins Oper, gänzlich anders geartet: meistens in einer hohen Lage notiert, kaum einmal piano oder sogar pianissimo überschreitend. Erfreulicherweise bestätigte sich auch in dieser Partie mein in München gewonnener Eindruck, es hier mit einem großen Talent zu tun zu haben, das über Kurz oder Lang bei lyrischen Partien wie z.B. Susanna (hat sie schon am Konservatorium gesungen) landen wird. Das Mariinsky scheint sich der Tatsache bewusst zu sein, ein Juwel auf der gegenüberliegenden Straßenseite des Theaters gefunden zu haben. Glücklicherweise ist Pelageya Kurennaya nicht in die Schublade „Shchedrin-Sängerin“ gesteckt worden, sondern wird, obwohl weder Mitglied des Theaters noch der Akademie, Schritt für Schritt auf größere Aufgaben vorbereitet. Das Mariinsky ist eben eines der letzten Opernhauses mit einer echten Pflege des Ensembles!

Neben diesem jungen Talent ist von einer weiteren herausragenden Leistung zu berichten: Wie schon im „Linkshänder“ fiel YEKATERINA SERGEYEVA wieder durch ihr apartes Timbre und großes Spieltalent auf. Unter den vielen kleineren Rollen machte der junge Tenor ALEXANDER MIKHAILOVauf sein angenehm klingendes, lyrisches Material aufmerksam, während EDWARD TSANGAunüberhörbar mit angegriffenem Organ seinen vielen Auftritten in dieser Woche Tribut zollen musste. Der Dirigent VLADISLAV KARKLIN hatte Shchedrins Oper einstudiert, während sein Chef („ius primae noctis“) die Premiere und die ersten Folgevorstellungen übernommen hatte. Karklin war also mit Werk und Besetzung(en) sehr vertraut; jedoch hätte ich mir gewünscht, wenn er in manchen Szenen (Schluss des 1. Aktes) das Orchester etwas mehr gedrosselt hätte. Trotzdem: eine Aufführung, die zu besuchen Spaß machte. Den Namen Pelageya Kurennaya sollte man sich unbedingt merken!

Sonntag, 17.4. Simon Boccanegra (Mariinsky II)

„Giselle“ mittags und abends im Mariinsky I, „Rusalka“ im Konzertsaal, „Simon Boccanegra“ nachmittags und abends im Mariinsky II sowie Konzerte in den Kammermusik-Sälen machten wieder einmal die Wahl schwer. So entschied ich mich (trotz Mikhail Petrenkos Fieso-Debüt am Nachmittag) wegen der homogeneren Besetzung für die Abendvorstellung von „Simon Boccanegra“, nach „Christmas Tale“ erst die zweite Neuproduktion dieser Saison (Premiere erst im Februar), und brauchte meine Entscheidung nicht zu bereuen.

Man möge mir verzeihen, dass in diesem Bericht das Hauptaugenmerk mehr auf die Sänger gerichtet wurde und die Inszenierungen darüber zu kurz kamen. Um meinen Haupteindruck wenigstens in kurzen Worten zusammenzufassen: Nach den von mir in dieser Woche gesehenen Produktionen kann ich das Vorurteil nicht bestätigen, am Mariinsky-Theater würde „Oper für Staubis“ gezeigt werden. Der Name DMITRI TCHERNIAKOV (Kitezh) steht sicherlich nicht für konventionelles Theater, und ALEXEY STEPANYUK (Lefthander, Christmas Tale) sind im Verein mit seinem Bühnenbildner ALEXANDER ORLOV eindrucksvolle, die hervorragende Bühnentechnik des neuen Hauses voll ausnutzende Inszenierungen gelungen. Der Eindruck von „Simon Boccanegra“ dagegen war zwiegespalten – eine Ko-Produktion mit La Fenice in Genua, war das Bühnenbild (Regie und Bühne in der Hand von ANDREA DE ROSA) wunderschön anzusehen, die Farben von erlesenem Geschmack, doch es hatte den entscheidenden Nachteil, nicht besonders sängerfreundlich zu sein, da deren Klang zu sehr in den offenen Kulissen verschwand, statt mit gewohntem vollen Volumen in den Zuschauerraum zu gelangen.  Darunter litt vor allem der Fiesco YURI VOROBIEVs, der mir kleinstimmiger als gewohnt vorkam. Gewiss ein angenehm, weich timbrierter Bass mit erst in der Tiefe slawischer Knarzigkeit, doch etwas zu leichtgewichtig. Vielleicht lag es auch an diesen akustischen Bedingungen, dass mir IRINA CHURILOVAs Amelia instrumentaler, kühler, gläserner als noch im „Kitezh“ vorkam – trotzdem: eine gute Leistung. Einer der wenigen mediterran timbrierten Tenöre in der undankbaren Partie als Gabriele Adorno: AKHMED AGADI – keine große Stimme, aber gut genug fokussiert, um das Orchester zu übertönen. Damit hatte ROMAN BURDENKO in der Titelpartie keine Probleme. Ein großvolumiger Charakterbariton, trotzdem zu feinster Verdi-Kantilene fähig. Eine großartige Leistung! ALEXANDER GERGALOV, einstmals ein guter lyrischer Bariton, bemühte sich, durch unschön klingende zu offene Tonproduktion um das nötige Volumen. Dem amerikanischen Hausdirigenten CHRISTIAN KNAPP gelang eine temperamentvolle, Bühne und Graben souverän kontrollierende Wiedergabe. Dass das Orchester gegenüber den Sängern lautstärkemäßig dominierte, scheint dem nicht optimalen Bühnenbild geschuldet zu sein, das offensichtlich bei dieser Ko-Produktion die Verhältnisse des Mariinsky-Theaters zu wenig berücksichtigte.

Sune Manninen

Noch ein Nachtrag: Nach Absendung meines Mariinsky-Tagebuchs fiel mir auf, dass ich eigentlich noch zwei Neuigkeiten einflechten wollte, die vielleicht von Interesse sind. Offiziell ist das Programm der diesjährigen „Weißen Nächte“ noch nicht angekündigt, doch intern hörte ich (u.a. von Gergiev, also aus verlässlicher Quelle) :
Plácido Domingo wird am Mariinsky Ende Mai La Traviata dirigieren (Violetta : Olga Peretyatko) und Simon Boccanegra singen,
Anna Netrebko wird dort am 4. Juni als Elsa auftreten.

Sune Manninen 21.4.16

Besonderen Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online (Wien)

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