DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
Alle Premieren 19/20
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-(
Der OF-Stern * :-)
Neu im Kino
Neue Silberscheiben
Neue Bücher
Oper DVDs Vergleich
Musical
-----
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Abu Dhabi
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Amst. Concertgebouw
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Hersfeld
Bad Ischl
Bad Reichenhall
Bad Staffelstein
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Barcelona
Basel Musiktheater
Basel Sprechtheater
Basel Ballett
Basel Musicaltheater
Basel Konzerte
Bayreuth Festspiele
Bayreuth Markgräfl.
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Belogradchik
Bergamo
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstige
Bern
Biel
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bochum Sonstiges
Bologna
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bordeaux
Bozen
Brasilien
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Britz Sommeroper
Brühl
Brünn Janacek Theate
Brünn Mahen -Theater
Brüssel
Brüssel Sonstige
Budapest
Budap. Erkel Theater
Budapest Sonstiges
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Caen
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago Lyric Opera
Chicago CIBC Theatre
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Daegu Südkorea
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Semperoper
Dresden Operette
Dresden Ballett
Dresden Konzert
Duisburg
Duisburg Sonstiges
MusicalhausMarientor
Düsseldorf Oper
Rheinoper Ballett
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf Sonstiges
Schumann Hochschule
Ehrenbreitstein
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Phil NEU
Essen Philharmonie
Essen Folkwang
Essen Sonstiges
Eutin
Fano
Fermo
Flensburg
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Frankfurt Sonstiges
Frankfurt Alte Oper
Frankfurt Oder
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Sankt Gallen
Gelsenkirchen MiR
Genova
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Gießen
Glyndebourne
Görlitz
Göteborg
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte NEU
Graz Sonstiges
Gstaad
Gütersloh
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hanau Congress Park
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Oper Köln
Wa Oper Köln
Köln Konzerte
Köln Musical Dome
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Kriebstein
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leipzig Ballett
Leipzig Konzert
Lemberg (Ukraine)
Leoben
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
Loeben
London ENO
London ROH
London Holland Park
Lucca
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Luzern Sprechtheater
Lyon
Maastricht
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mahon (Menorca)
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim
Mannheim WA
Mannheim Konzert
Mannheim Opernstudio
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Meran
Minden
Minsk
Miskolc
Modena
Mönchengladbach
MG Sonstiges
Mörbisch
Monte Carlo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Nantes
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neustrelitz
Neuss RLT
New York MET
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oberhausen
Odense Dänemark
Oldenburg
Ölbronn
Oesede (Kloster)
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Paris Comique
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Paris Sonstiges
Parma
Passau
Pesaro
Pfäffikon
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag StOp
Prag Nationaltheater
Prag Ständetheater
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Remscheid
Rendsburg
Rheinsberg
Riga
Riehen
Rosenheim
Rouen
Rudolstadt
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festspiele
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sankt Petersburg
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Oper Schenkenberg
Schloss Greinberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Staatz
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Sydney
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Tel Aviv
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Tours
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Utting
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Versailles
Weimar
Wels
Wernigeröder Festsp.
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Wiesbaden Konzert
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfenbüttel
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Wuppertal TE
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Theater 11
Zürich Konzert
Zürich Sonstiges
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
Bilsing in Gefahr
Herausgeber Seite
YOUTUBE Schatzkiste
NRW Vorschau
Jubiläen
HUMOR & Musikerwitze
Essay
Nationalhymnen
Leser reisen
Doku im TV
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Lenny Bernstein 100.
Unsitten i.d. Oper
Buckritiken alt
Wiesbaden Archiv
Christoph Zimmermann
---
---
---


Diesjährige Hochschulproduktion am Theater Aachen

Dido and Aeneas

Premiere: 23.06.2019
besuchte Vorstellung: 29.06.2019

Hoffnungsvoller Nachwuchs

Lieber Opernfreund-Freund,

es ist mir schon eine lieb gewordene Tradition geworden, Ihnen zum Spielzeitabschluss von der Produktion zu berichten, die das Theater Aachen am Ende jeder Saison in Kooperation mit der Hochschule für Musik und Tank Köln auf die Bühne bringt. Dieses Jahr war uns eigentlich Hans Werner Henzes Elegie für junge Liebende versprochen, nun hat man sich aber, wie schon 2010, für Dido and Aeneas entschieden. Im Gegensatz zur recht unausgegorenen Schüler-Mobbing-Version, in der seinerzeit Tibor Torell Henry Purcells einzige „richtige“ Oper präsentierte, kann heuer nicht nur die musikalische, sondern auch die szenische Seite überzeugen.

Ramona Bartsch erfindet keine neue Handlung, psychologisiert allerdings die vorhandene stark. Dido ist bei ihr noch immer in der Trauer um ihren verstorbenen Mann gefangen und somit nicht frei für eine neue Liebe. Die Hexen, die ihr ihr neues Glück neiden und deshalb dafür sorgen, dass Aeneas abreisen und Dido verlassen will, sind in Aachen nur in Didos Kopf. Es sind die Stimmen der Vergangenheit, die Erinnerungen an den Verstorbenen, die Dido hemmen und verhindern, dass sie sich auf einen neuen Mann einlässt. Didos Gedankenwelt ist auf der Bühne durch gardinenartige Stoffbahnen abgetrennt, die deshalb immer wieder heruntergefahren werden. Zusammen mit der durchdachten Personenführung entsteht so eine Art innere Welt Didos. Zum Schlusschor dann werden die Schleier nach oben gezogen und Dido geht ihrem verstorbenen Gatten Sichäus entgegen – ein starkes Bild! Der Bühnenaufbau von Marie Harneit und Natalie Himpel – eine Art Gerüst – wird recht wenig bespielt, aber das ist für das innere Drama der jungen Witwe auch gar nicht notwendig. Schon deren prominenter Halskragen zeigt, dass sie nicht ganz so frei ist, wie der Rest der Gesellschaft, dessen Kostüme (ebenfalls von Harneit/Himpel) auf eine englische Adelsgesellschaft und damit auf das Entstehungsland des Werkes verweisen. Im Sinne des Regieansatzes ist Sichäus, Didos verstorbener Gatte, immer wieder präsent. Deshalb ist es nur schlüssig, ihn auch singen zu lassen. Das tut der junge Bass Donghyun Lee sehr überzeugend und kraftvoll, wenn er vor der Beginn der Oper den Cold Song aus Purcells King Arthur präsentiert, in der ein Geist die Kälte seiner Umgebung beklagt und ins Reich der Toten zurückkehren will – ein gelungener Regiecoup! Eine schlüssige Szenerie bildet also das Tableau für die kurze Barockoper; die ansteckende Spielfreude des jungen Teams tut ein Übriges, um die knappe Stunde wie im Flug vergehen zu lassen.

Die junge Japanerin Rina Hirayama hat am Theater Aachen schon kleinere Rollen übernommen und das merkt man ihr an. Ihr klarer, viel Wärme verströmender Mezzo ist raumfüllend und präsent, nonchalant und versiert gestaltet sie die betrübte Dido, lässt immer wieder Hoffnung aufkeimen und singt extrem farbenreich. Sie wird in der Intensität ihrer Darstellung nur von Marina Schuchert übertroffen, die die Second Woman allerdings stimmlich eher dezent über die Rampe bringt. Eddie Mofokengs lyrischer Bariton verfügt über eine satte Mittellage und funkelnde Höhen, die er als Aeneas gerne zeigt. Im tieferen Register scheint sich der Südafrikaner allerdings nicht allzu wohl zu fühlen. Chorong Kim ist eine quirlige, beschwingte Belinda mit feiner Höhe, während Anna Lautwein die Zauberin zu Beginn sehr überzeugend, im weiteren Verlauf allerdings eher polternd anlegt. Ying Lai und Julie Phan sind ein bezaubernd skurriles Hexenduo, Annika Stegger als Geist und Vincent Debus als Seemann komplettieren die junge Sängerriege.

Der Chor hat in Purcells Oper viel zu tun, die jungen Sängerinnen und Sänger singen und spielen engagiert, die Stimmen harmonieren prächtig und nicht nur die Beweinung Didos geriete so zum Erlebnis, würde Junichiro Watahaki nicht so durch den Schlusschoral hetzen und ihm damit jede Erhabenheit nehmen. Die sportlichen, beschwingten Tempi des jungen Japaners tun dem Werk ansonsten sehr gut, er lässt die Musikerinnen und Musiker der Orchesters der Hochschule für Musik und Tanz Köln am Standort Aachen außergewöhnlich farbenreich aufspielen, präsentiert Purcells Partitur beschwingt, ja geradezu entstaubt. Da ist der Run ins Licht, zu dem Didos Gang gerät, lediglich ein kleiner Wermutstropfen – und ich empfehle Ihnen diese Produktion ausdrücklich, ehe ich mich in die Spielzeitpause verabschiede.

 

Ihr Jochen Rüth 30.06.2019

Die Fotos stammen von Marie-Luise Manthei und zeigen teilweise die Alternativbesetzung.

 

 

 

La fedelta premiata

Premiere: 1.7.2017

Witzig die Kurve gekriegt

Es ist ein schöner Brauch des Theaters Aachen, dass es sein Haus der Hochschule für Musik, Standort Aachen, für die saisonale Bühnenproduktion zur Verfügung stellt, welche gleichzeitig die Spielzeit abschließt. Elf Sänger und Sängerinnen waren für diesmal zu beschäftigen. Eine Hälfte ist wohl deutsch, die andere stammt aus dem fernen Osten (wohl weitgehend Korea), zwei sind von gemischter Nationalität. In Haydns „La fedelta premiata“ („Die belohnte Treue“) fand man ein Werk, welches die jungen Künstler angemessen beschäftigt. Dennoch waren vier Doppelbesetzungen erforderlich, wobei die jeweilige Zweitbesetzung im kleinen Chor mitwirkt.

 

Haydns Schäferspiel fand zu seiner Zeit durchaus Interesse, wurde dann aber vergessen. Erst 1965 konnte eine definitive Partitur herausgegeben werden. Einige Jahre später kam es zu Aufnahmen unter Antal Dorati und Frigyes Sandor und auch zu Bühnenaufführungen (in zwei Fällen mit Jean-Pierre Ponnelle als Regisseur). Eine Standfestigkeit im Repertoire stellte sich jedoch nicht ein.

Das ist unschwer zu verstehen. Liest man die Inhaltsangabe in der Enzyklopädie des Musiktheaters (das Aachener Programmblättchen verzichtet auf Werkerläuterungen), überkommt einen - drastisch ausgedrückt - das kalte Grausen. Liebe kreuz und quer in antiken Gefilden, ein Meeresungeheuer, dem Menschenopfer zu bringen sind, Intrigen, beleidigte, dann aber großzügig verzeihende Göttin, Happy End. Ein Mosaik der Antiquiertheit.

Es ist kaum anzunehmen, dass die abstruse Handlung für die Aachener Werkentscheidung irgendwie bestimmend gewesen sein könnte, sondern lediglich Besetzungsüberlegungen die Wahl bestimmten. Und fraglos auch Haydns Musik, geschrieben für das nach einem Brand wieder aufgebaute Opernhaus von Esterházy (Premiere 1780). Das Werk enthält Nummern von reicher Er- und Empfindung, welche harmonisch teilweise wagemutige Wege gehen und mit etlichen instrumentalen Finessen aufwarten (z.B. eine Arie mit partiell konzertierendem Kontrabass). In einem Finale scheint Rossini vorweg genommen. Das Hochschulorchester unter Leitung des wie immer umsichtigen und anfeuernden Herbert Görtz (Direktor des Instituts mit langjähriger Kapellmeistererfahrung an verschiedenen Häusern) ließ Haydn Ehre widerfahren.

Einen besonderen Lorbeerzweig hat indes an die Regisseurin Tamara Heimbrock zu gehen, mit diversen Aufgaben bereits an Aachen gebunden. Ihre klare Überzeugung: die Wirrwarr-Story der Haydn-Oper muss unbedingt ironisch gebrochen werden, um sie dem Publikum anbieten zu können. Das geschieht witzig und clever. Schon vor Musikbeginn bevölkern die Sängerdarsteller in ausgelassener Stimmung die Bühne von Detlev Beaujean, ein Arkadien mit silhouettenhaften Bäumen, auf eine Treppenlandschaft gepflanzt. Durch die Drehbühne kommt immer wieder zusätzliche Bewegung auf. Schöne Kostüme mit skurrilem Anstrich steuert Lea Reusse bei. Es wirkt weiterhin ein präpariertes Schaf namens Olaf mit.

Inszenatorische Grundidee von Tamara Heimbrock ist, die Oper als studentisches Theatervergnügen zu präsentieren, als wie es in Aachen ja auch realiter stattfindet. Der intrigante Melibeo gibt als Maitre de plaisir mit lautem Glockenzeichen immer wieder das Startzeichen für die jeweils nächste Szene, deren Protagonisten durch Los festgelegt werden. Szeneninhalt und -abfolge erhalten solcherart eine „Begründung“, die aber natürlich psychologisch nicht tiefer hinterfragt werden will. Unwahrscheinlichkeiten werden humorvoll vergrößert ausgestellt, wobei hin und wieder auch die Übertitel mitwirken, welche andererseits auf die präzisen Arientexte gnädigerweise verzichteten. Besonders komisch wirkt das alles bei dem tumb verliebten Fileno, der sich immer wieder das Leben nehmen will und nicht dazu kommt. Der Junge ist ja eigentlich ein echter Waschlappen, aber Woongyi Lee macht das lieb und nett, singt dazu mit breitem, farbigen Tenor, der nur hin und wieder einen etwas helleren lyrischen Anstrich hätte vertragen können.

Es ist einigermaßen problematisch, bei jungen, noch in der Ausbildung befindlichen Sängern Wertungen vorzunehmen, vielleicht sogar überhaupt Namen zu nennen. Sagen wir also einmal so: alle Akteure in der Haydn-Oper können sich hören lassen und sind darüber hinaus famose, lustvolle Darsteller. Dennoch seien Hervorhebungen erlaubt. Da wären die reizende Soubrette Anna Christin Sayn (mit ihrem speziellen Jungmädchen-Timbre bei der Nerina überzeugend besetzt), die mezzo- und ausdrucksstarke Sissi Qi Wang als Celia und nicht zuletzt der in jeder Hinsicht präsente Michael Terada als giovannesker Conte Perrucchetto. Höchst Erfreuliches kommt aber auch von Milena Knauß, Jiyuan Qiu und Chanho Lee.

Das Theater Aachen war bei der Premiere dicht gefüllt (vermutlich viele Familienmitglieder und Freunde der Sänger) und es wurde heftig applaudiert. Wahrscheinlich verlaufen die nächsten drei Vorstellungen etwas temperierter. Aber der Erfolg des Unternehmens ist eindeutig.

Christoph Zimmermann (2.7.2017)

Bilder (c) Hochschule Aachen

 

 

Zum Zweiten

Spanisches Doppel aus Frankreich
Adams „Toréador“ und Ravels „Spanische Stunde“ in Aachen

Premiere: 25.06.16
besuchte Aufführung: 29.06.16

Lieber Opernfreund-Freund,

in Aachen ist es lieb gewordene Tradition, dass die letzte Musiktheaterproduktion der Spielzeit von Studierenden der Hochschule für Musik und Tanz Köln mit ihren Standorten in Köln, Aachen und Wuppertal gestemmt wird. In diesem Jahr präsentiert uns der Nachwuchs einen spanischen Doppelabend aus französischer Feder und zeigt nach Adolphe Adams 1849 uraufgeführter Oper „Le Toréador“ den knapp 60 Jahre später entstandenen Einakter „L’Heure espagnole“ von Maurice Ravel.

Beide Werke sind in Spanien angesiedelt und beide behandeln auf komische Art das Thema Untreue. Im „Toréador“ möchte die ehemalige Opernsängerin Coraline ihrer tristen Ehe mit dem gealterten und titelgebenden Torero Don Belfor, der sich nur noch um andere Frauen kümmert, entfliehen und mit ihrer Jugendliebe, dem Flötisten Tracolin, zusammen sein. Nach einigen reichlich konstruierten Irrungen und Wirrungen, einigt sich das Ehepaar allerdings auf einen Neuanfang – jedoch mit Tracolin als „Aufpasser“, so dass eine künftige Ménage-à-trois wohl vorbestimmt scheint. In Ravels Werk, das mit gut 50 Minuten nicht einmal die Dauer des Titels – also eine „spanische Stunde“ erreicht, schwankt Concepción zwischen ihrem Geliebten, dem schöngeistig dichtenden Gonzalvo, und dem reichen Bankier Don Inigo Gomez, um Abwechslung vom Ehealltag mit dem Uhrmacher Torquemada zu finden. Sie entscheidet sich zum Schluss für den Maultiertreiber Ramiro, der männlich-handfeste Stärke beweist, während Concepción versucht, die beiden Konkurrenten voneinander fern zu halten. Während Adolphe Adams Komposition mit heiter beschwingten Melodien und halsbrecherischen Koloraturen für Coraline aber gleichzeitig wenig musikalischer Abweschlung aufwartet (das Werk scheint zur Hälfte aus Variationen über das Lied „Ah! vous dirai-je, maman“ zu bestehen, dem sich schon Mozart in Variationen für Klavier angenommen hat), verfügt Ravels Werk über klangliche Tiefe, Farbenreichtum sowie musikalisches Lokalkolorit, das dem „Toréador“ völlig abgeht, in Aachen aber durch den eingeschobenen Paso Doble „España Cañi“ hinzugezaubert wird.

Musikalisch unterschiedlicher könnten die Werke, obwohl so verhältnismäßig nah beieinander entstanden, also kaum sein – und genauso unterschiedlich ist die Qualität, mit der sich Regiedebütant Christian Raschke den beiden Werken genähert hat. Denn Tradition ist auch, dass die szenische Umsetzung des Saisonabschlusses in Aachen in eher unerfahrene Hände gelegt wird; so hatte der am hiesigen Theater beschäftigte Abendspielleiter und Regieassistent die Gelegenheit, seine Lesart der beiden Werke zu präsentieren. Im „Toreádor“ sieht vieles schlicht zusammengewürfelt aus – fast als hätte man im Fundus gesucht, was man noch spanisch Anmutendes auf der Bühne postieren könnte: Neben dem obligatiorischen lebensgroßen Stier, einem Liegestuhl, einem Stierkampfplakat und einem im gaudíschen Stil der monumentalen Sitzbank im Park Güell verzierten Schrank zeigt man wenig sinnstiftende, aber dafür raumgreifende überdimensionale Blumen. Die anfangs durchaus gelungene Personenführung wird mit zusehender Dauer der Oper irgendwie vernachlässigt, so dass den szenischen Längen des letzten Drittels des mit gesprochenen Dialogen durchzogenen Werkes nicht entgegen gewirkt wird – im Gegenteil. Zwar gibt es durchaus gelungene Einfälle wie die Visualisierung der Figur der Caritéa, doch wirken abgeschnittene Stierhoden, Auftritte wie in einer David-Copperfield-Show und umhergeworfener Flitter allzu platt, um dem Werk irgendwie zu nützen.

Umso eingehender scheint sich der 30jährige mit Ravels Werk auseinander gesetzt zu haben. Hier hat auch Bühnenbildner Detlev Beaujean ganze Arbeit geleistet und zeigt den Uhrmacherladen als das Innere einer Uhr samt permanent schwingendem Pendel. Hier zieht Raschke alle Register, zeigt feine Komik und beschert einen vergnüglichen, heiteren Spaß, der auch gesanglich weitaus mehr überzeugt als der erste Teil des Abends. Der wird im Wesentlichen getragen von den reichen Koloraturen, die Larisa Vasyukina zaubert. Ihre nicht allzu leichte Stimme verfügt doch über die dafür notwendige Geläufigkeit und auch darstellerisch kann die gebürtige Russin als Coraline überzeugen. Tenor Tobias Glaugau ist nicht nur optisch ein Strahlemann, sondern verfügt auch durchaus über Strahlkraft in der Stimme, die mir allerdings im zweiten Teil des Abends, in der er als Torquemada ein wenig mehr Tiefgang in seine Interpretation legen darf, wesentlich besser gefällt, während er als Tracolin im „Toréador“ eher den Spieltenor gibt. Der Lette Argis Hartmanis verfügt über großes komödiantisches Talent und ansteckende Spielfreude, hat aber Schwierigkeiten mit den Extremtönen der für ihn offensichtlich zu tiefen Partie der Titelfigur bei Adolphe Adam. Der farbenreiche Sopran von Milena Knauss eignet sich wunderbar für die kapriziöse, von allen begehrte Concepción in der „Heure espagnole“, mit der sie gestern debütierte. Der Hang der jungen Sängerin zum so genannten Overacting wird sich mit zunehmender Bühnenerfahrung sicher noch geben. Der Koreaner Soon-Wook Ka gestaltet das Künstlerseelchen Gonzalve brüllend komisch und mit so sicherer wie strahlender Höhe. Seinem Nebenbuhler haucht Jan Schulenburg darstellerisch wie stimmlich überzeugend Leben ein. Überraschung des gestrigen Abends ist für mich aber Rollendebütant Michael Terada. Stimmlich perfekt und mit starker Bühnenpräsenz formt er den Mauleseltreiber Ramiro mit facettenreichem, weichem Bariton. Eine echte – Verzeihung! – Rampensau, der es einfach Spaß macht zuzuschauen und zuzuhören!

Die musikalische Leitung des Abends teilen sich Hochschuldozent Prof. Herbert Görtz, der die Musikerinnen und Musiker des Orchesters der Musikhochschule bei Adolphe Adam beschwingt und locker durch die Partitur führt, während Raimund Laufen beim Ravel zeigen darf, das das Orchester auch nuanciert, voller Farben und Tiefgang verschiedene Stile bedienen kann.

Alles in allem war‘s ein vergnüglicher Doppelabend, der einen Besuch lohnt – und was Herr Terada in Zukunft so macht, werd ich im Auge behalten wollen.

Ihr
Jochen Rüth aus Köln

30.06.2016

 

Die Fotos siehe unten!

 

 

 

LE TORÉADOR / L’HEURE ESPAGNOLE

Premiere: 25.6.2016 Gastspiel im Theater Aachen

Ein Spaßabend zum Saisonabschluss

Erkennen Sie die Melodie? „Ah vous dirai-je, mamam“ ist ein französisches Kinderlied, dessen Fasslichkeit reizt, es zu variieren, Mozart hat es getan und damit stark zu seiner Popularisierung beigetragen. Haydn zitiert die Melodie in seiner Sinfonie Nr. 94, Saint-Saens in „Karneval der Tiere“; auch Liszt, Dohnányi und andere bedienten sich ihrer. Adolphe Adam erweiterte die auch als „Morgen kommt der Weihnachtsmann“ bekannte Melodie zu Bravourvariationen, teils als Solostück, teils ensembleergänzt als Nummer in seiner Oper „Le Torédador“. Das Werk kam in jüngerer Zeit in Bielefeld heraus (2007), dann 2012 in Luzern und 2014 in Wuppertal. Allgemein wurde der Musik komödiantischer Charme bescheinigt. Das wird jetzt in Aachen unter Herbert Görtz bestätigt, wobei das Orchester der Hochschule für Musik und Tanz Köln, Standort Aachen, gerechterweise nicht streng dem Vergleich mit dem Sinfonieorchester Aachen ausgesetzt werden sollte, welches üblicherweise für Opernaufführungen zuständig ist.

Seit mehr als zwanzig Jahren existiert eine Kooperation von Theater Aachen und städtischer Musikhochschule; die Opernproduktionen bilden mit schöner Regelmäßigkeit den Saisonabschluss des Hauses. Zu den ehrgeizigsten Projekten der Vergangenheit gehörte Schuberts „Fierrabras“, inszeniert vom damaligen Hochschuldirektor Josef Protschka, welcher als aktiver Sänger die Titelpartie in der berühmt gewordenen Wiener Ruth-Berghaus-Aufführung verkörpert hatte. Auch die jetzige Werkkombination - Adolphe Adams „Le Toréador“ und Maurice Ravels „L’Heure espagnole“ – bedient sich rarer Stücke, denn auch Ravel gehört auf den Bühnen nicht eben zu den „Rennern“, obwohl eine ganz und gar entzückende Komödie.

Klammer beider Opern ist der Ort des Geschehens, Spanien nämlich. Dass bei Adam ein Toréador (a.D.) als Titelheld fungiert, muss man freilich nicht als besonders belangvoll ansehen, es könnte um einen Alters-Casanova jedweder Couleur gehen. Wesentlich interessanter ist der zweite Teil des Operntitels: „L’Accord parfait“, also „Die perfekte Abmachung“. Bei der psychologisch freilich nicht auf die Waagschale zu legenden Handlung geht es darum, dass ein (wie auch immer zueinander stehendes) Paar mit au0erehelichen Capricen beschäftigt ist. Sie – Coraline, ehemalige Opernsängerin – hat es mit einem gerne aus vollem Herzen ausflippenden Orchesterflötisten, er – Don Belflor, der einstige Stierkämpfer – mit einer im Original nicht auftretenden Caritéa. Nach einer emotionalen Explosion wird aufs Neue Treue geschworen, wobei Tracolin, der Flötist, als Aufpasser in die Hausgemeinschaft einbezogen wird. Künftigen Techtelmechteln sind damit natürlich Tür und Tor geöffnet.

Im moralstrengen 19. Jahrhundert war diese kesse Story nur möglich, weil Libretti nicht mehr der Zensur vorgelegt werden mussten. Was damals gewagt erschien, bewirkt heute freilich eher ein sanftes Lächeln, und die Inszenierung des Regiedebütanten Christian Raschke verlegt die Handlung nicht gerade auf die die Couch eines Psychoanalytikers. Sie bleibt stets Komödie, und das mit tausenden von witzigen Einfällen. Die überreife Caritèa (Irena Drawiec) gehört ebenso dazu wie die aufgekratzte Zwischenakt-Pantomime zur werkfremden Musik von „España cañí“, einem Paso doble von Pascual Marquina Narro (für Aachen eigens arrangiert). Natürlich haben auch die äußerst spiellaunigen Sänger ihren Anteil an diesem stark bejubelten Abend. Larisa Vasyukhina lässt die Koloraturen Carolines perfekt aus ihrer Kehle sprudeln und bewältigt (gebürtige Russin) den Dialogtext zudem akzentfrei. Tobias Glagau charmiert liebenswürdig den Tracolin und hat keine Mühe mit seinem hohen C. Die Extrembereiche seines Bariton müsste Agris Hartmanis (Don Belflor) hingegen noch etwas festigen. Aber auch er wirft sich voll auf seine dankbare Partie.

Ein besonders Kompliment hat dem Bühnenbildner Detlev Beaujean zu gelten. Aus der letzten (noch laufenden) Produktion, Smetanas „Verkaufte Braut“, hat er sich die rahmenden Bretterwände ausgeliehen, einen schmucken Durchgang hinzu gebaut und das Ganze mit Pflanzenarrangements herausgeputzt. Stieraccessoirs vermitteln ein wenig spanisches Kolorit.

Ein solches fehlt bei Ravels „Spanischer Stunde“ zur Gänze (auch bei den Kostümen von Lea Reusse). Aber es ist ja nicht à tout prix erforderlich. Diesmal versetzt Beaujeans Szene mit ihrem Räderwerk den Zuschauer in den Chaplin-Film „Modern Times“. Sehr erheiternd. Auch Christian Raschkes Inszenierung sorgt für Turbulenzen (übrigens unter nochmaliger Einbeziehung der Caritéa-Figur). Das Porträt des sentimental überkandidelten Sängers Gonzalve (Seon-Wook Ka typengerecht und mit geschmeidigem Tenor) gelingt ihm besonders. Aber auch den in seinem Uhrmacher-Beruf eingetrockneten Torquemada (Tobias Glagau typisiert jetzt ganz anders) und seine liebestolle Gattin Concepcion (sopranlodernd und sehr erotisch: Panagiota Sofroniadou) setzt er effektvoll in Szene. Die von der Dame des Hauses bewunderte muskulöse Statur des Maultiertreibers Ramiro ist Fabio Lesuisse (sängerisch zuverlässig) nicht eben gegeben (sein Tattoo ist kein Ersatz); da hätte die Kostümierung nachhelfen sollen. Auch der reiche, geile Gomez von Jan Schulenburg besitzt nicht den vollen karikaturistischen Umriss dieser Figur, kompensiert das aber sängerisch gekonnt. Ravels vitale und raffinierte Musik kommt unter Raimund Laufen gut zur Geltung. Ein sehr animierender Abend.

Christoph Zimmermann

Bilder (c) Hochschule / Ludwig Koerfer

 

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de