Regensburg: „Frau Luna“

Besuchte Aufführung: 13. 3. 2014 (Premiere: 26. 10. 2013)

Arbeiterrevolte auf dem Mond

Sie stellt ein Highlight der Berliner Operette dar: Paul Linckes bereits 1899 aus der Taufe gehobene „Frau Luna“. Wer kennt die Glanznummern dieses Stücks nicht? „Das ist die Berliner Luft“ hat sich zu einem absoluten Hit entwickelt und Maries Lied „Schlösser, die im Monde liegen“ erfreut sich ebenfalls so hoher Popularität, dass es auch von Tenören oft im Konzertsaal gesungen und sogar auf Tonträger aufgenommen wurde. Jetzt hat das Regensburger Theater Linckes Werk in einer überaus vergnüglichen und sehr kurzweiligen Neuproduktion herausgebracht.

Frau Luna, Chor

Gespielt wurde in Regensburg die Urfassung von 1899. Thomas Enzinger, der einem schon von seinen Inszenierungen am Gärtnerplatztheater München und dem Staatstheater Nürnberg her ein Begriff ist, bewies auch hier, dass er sein Handwerk trefflich versteht. Ihm ist in Zusammenarbeit mit seinem Bühnen- und Kostümbildner Toto eine fetzige, rasante und reichlich aufgedrehte Inszenierung gelungen. Mit Personen vermag der Regisseur gut umzugehen. Den einzelnen Figuren nimmt er sich mit viel Liebe an. So führt er Frau Luna als zuerst recht gelangweilte Mondpatronin vor, die unbedingt einmal etwas erleben will und bei der Ankunft der Erdenbürger regelrecht aufblüht. Köstlich ist Enzinger auch die Zeichnung des Mondhüters Theophil gelungen, aus dem er geradezu einen kleinen Napoleon macht. Der in einem Oldtimer auftretende Prinz Sternschnuppe erscheint bei ihm als Elvis-Verschnitt und Frau Pusebach erweist sich als mit einer echten Berliner Schnauze gesegnetes Original. Es sind schon ausgemacht heitere Charakterisierungen, die dem Regisseur hier gelungen sind und an denen auch Toto erheblichen Anteil hat. Die Berliner sind bei ihm normal gekleidete Menschen. Der Mondbevölkerung hat er dagegen prächtige blau-gelbe Glitzerkostüme verpasst.

Christian Schossig (Pannecke), Matthias Wölbitsch (Lämmermeier), Matthias Ziegler (Steppke)

Gekonnt setzt Enzinger bei seiner Deutung in der Entstehungszeit des Werkes an und verknüpft die Mondfahrt der vier Berliner mit dem Preußischen Militarismus, wovon ein Reiterstandbild von Friedrich dem Großen zeugt. Das Ganze spielt sich vor einem den Flughafen Tempelhof um 1920 zeigenden Hintergrundaspekt ab. Man merkt, dass die Lust der Menschen am Fliegen im Lauf der Jahre immer mehr zugenommen hat. Die Berliner Wohnung der menschlichen Handlungsträger wird durch einige wenige Raumfragmente wie Tür, Fenster und Bett angedeutet. Mit letzterem wird von den drei Freunden samt Frau Pusebach als unfreiwilligem Anhängsel schließlich die Reise zum Mond angetreten, der von einer riesigen Freitreppe eingenommen wird. Das Treiben dort hat stark revueartigen Charakter. Auch hier zieht der Regisseur eine zutreffende Parallele zur Zeit Linckes, in der die Berliner gerne in Revuepalästen Abwechslung und Unterhaltung suchten. In diesem ästhetisch schönen Ambiente wimmelt es nur so von funkensprühenden Regieeinfällen und munterer Ausgelassenheit, bei denen auch mit erheiternden Anspielungen auf die Jetztzeit nicht gespart wird. So nimmt Theophil einmal von Guttenberg aufs Korn, wenn er lamentiert, dass er seine Doktorarbeit nun selbst schreiben müsse. Zum Schmunzeln gibt auch die Ankreidung von fragwürdigem Spekulantengehabe einigen Anlass. Ein eindringliches Fragezeichen setzt das Regieteam zudem hinter den ausgeprägten deutschen Imperialismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts, wenn die Berliner Eindringlinge mit Fahne und Kamera ausgerüstet den Mond für Deutschland in Besitz nehmen wollen.

Ensemble,Chor

Geradezu einen szenischen Knalleffekt stellte die Verbindung der ursprünglichen Handlung mit sozialistischem Gedankengut dar. Wenn es im Lauf des Geschehens auf dem Mond zu einer sozialen Revolte der Arbeiterklasse mit Forderungen nach „Mehr Lohn“, „Mindestlohn“, „Mindestrente“, „Solidarität“ und „Grundsicherung“ kommt und nachdrücklich die Abschaffung des Zweiklassenmondes verlangt wird, merkt man, dass die Verhältnisse auf diesem Gestirn denen auf der Erde nicht unähnlich sind. Nur gut, dass Frau Luna Sympathien für die Arbeiter entwickelt. Hier bemüht Enzinger aber nicht nur die Gegenwart, sondern erneut auch die Zeit des Kaiserreiches mit ihrer emporstrebenden Sozialdemokratie samt Aufstand der Arbeiterklasse und Marx’ Diktatur des Proletariats. Neben dem pompösen Äußeren sind es nicht zuletzt diese überaus gelungenen politischen Einlagen, die dieser vielschichtigen, abwechslungsreichen Produktion einen ganz spezifischen Reiz verleihen. Und der Tatsache, dass ein Flug zum Mond zu den ältesten Träumen der Menschheit gehört, trägt der Regisseur dadurch Rechnung, dass er am Ende die Frage in den Raum stellt, ob das Ganze nicht nur ein schöner Traum gewesen ist. Das war alles hervorragend durchacht und mit großem Esprit umgesetzt.

Claus J. Frankl (Theophil), Aurora Perry (Stella)

Dabei hatte auch das aus Sängern und Schauspielern bestehende Ensemble großen Anteil. Alle Solisten warteten mit großer Spielfreude auf und vermochten ihre Rollen zumindest in darstellerischer Hinsicht durch die Bank trefflich auszufüllen. Stimmlich waren die Leistungen insgesamt durchwachsen. Insbesondere die nur über flaches, kopfiges Sopranmaterial verfügende Gesche Geier vermochte in der Titelpartie nicht zu überzeugen. Sie sollte ihre Stimme besser im Körper führen. Das gilt auch für den dünn singenden Prinzen Sternschnuppe von Brent L. Damkier und den aus dem Chor kommenden Wilhelm Pannecke von Christian Schossig. Da war es um den über solides Baritonmaterial verfügenden Matthias Wölbitsch in der Rolle des August Lämmermeier und um Aurora Perrys ansprechend vokalisierende Stella schon besser bestellt. Ihr war der Schauspieler Claus J. Frankl als Theophil ein enormes komödiantisches Talent aufweisender Gatte. Übertroffen wurde er von der ebenfalls aus dem Regensburger Sprechtheater stammenden Doris Dubiel, die die Frau Pusebach einfach köstlich spielte. Beider Sprechgesang war indes nicht sonderlich gefällig, ebenso wie der von Verena Ulrichs Venus, die in Begleitung des dunkel gewandeten Mars von Angelika Hircsu auftrat. Als Mondgroom gefiel Julia Leidhold, die zusammen mit Yuki Mori auch für die gelungene Choreographie verantwortlich zeigte. Bei dem voll und rund singenden Matthias Ziegler war die männliche Hauptpartie des Fritz Steppke in vorzüglichen Händen. Die absolut beste Leistung des Abends erbrachte Anna Pisareva, die man am Tag zuvor bereits als ausgezeichnete Musetta hatte erleben dürfen, in der Rolle der Marie. Mit ihrem wunderbar warm und voll, dabei aber auch kräftig und ausdrucksintensiv klingenden Sopran ausgezeichneter italienischer Schulung, mit dem sie ihr berühmtes Lied zum Höhepunkt des Abends machte, ließ sie alle ihre Partner weit hinter sich zurück. Dieser famosen jungen Sängerin steht eine große Karriere bevor. Eine gute Leistung erbrachte der von Alistair Lilley einstudierte Chor.

Am Pult animierte György Mészáros das gut gelaunte Philharmonische Orchester Regensburg zu einem prägnanten, lustvollen Spiel mit markanten Akzenten.

Ludwig Steinbach, 16. 3. 2014
Die Bilder stammen von Ludwig Olah.