Rennes: „L’Annonce faite à Marie“ Philippe Leroux

Neue Oper! Ein „christliches Mysterium“ von Claudel in der Bretagne: in Angers, Nantes und Rennes – wo viele neue Opern uraufgeführt werden.

„Kinder! macht Neues! Neues! Und abermals Neues!“ schrieb Richard Wagner in einem berühmten Brief an Franz Liszt am 8. September 1852. Damals wurden in Paris im Schnitt mehr als 100 neue Opern im Jahr uraufgeführt – jetzt sind es nicht einmal 10 pro Jahr in Frankreich. Dabei rufen alle überall, dass das Genre Oper nur überleben kann, wenn man auch neue Opern nach neuen Stoffen schreibt. Doch wenn einige große Häuser sich mutig an solche Uraufführungen wagen, werden diese so gut wie nie am eigenen Haus nachgespielt oder durch andere Opernhäuser übernommen. So erinnere ich keine einzige in den letzten Jahren an der Wiener Staatsoper uraufgeführte Oper, die an die Opéra de Paris kam – und umgekehrt. Von den Dutzenden Uraufführungen, die ich in den letzten 30 Jahren rezensiert habe, scheinen nur die Opern von Kaija Saariaho und Peter Eötvös in die europäischen Spielpläne eingegangen zu sein – vor allem seine „Tri Sestry“ (Drei Schwestern), die seit der Uraufführung 1998 in Lyon mindestens 20-mal in 10 Ländern gespielt wurden, in den unterschiedlichsten Sprachen und Besetzungen. Und so freut es mich sehr, dass die allererste Oper von György Kurtag, „Fin de partie“, seit ihrer Uraufführung 2018 in Mailand, inzwischen schon 2019 in Amsterdam und im April dieses Jahres in Paris nachgespielt wurde (wir haben berichtet) und nun mit der gleichen Besetzung in Antwerpen spielt (Opera Ballet Vlaanderen am 19/20. November), bevor hoffentlich nächstes Jahr eine deutsche Erstaufführung in Dortmund folgt. Das Datum ist noch nicht bekannt, aber es ist an sich schon ein beachtlicher Erfolg, wenn ein neues Werk Eingang in das Repertoire findet. Das wünschen wir nun auch dieser neuen, sogar allerersten Oper von Philippe Leroux.

Violaine (Raphaëlle Kennedy) / Pierre de Craon (Vincent Bouchot) ©Martin Argyroglo /
AngersNantesOpera

Rennes, Hauptstadt der Bretagne, mag vielleicht als Ort einer Uraufführung etwas verwundern, denn die mittelalterliche Stadt mit vielen Fachwerkhäusern gibt zuerst einen recht rückwärtsgewandten Eindruck und das Museum ist vor allem bekannt für seine prächtige Sammlung aus dem 17. Jahrhundert. Ganz anders als die Hafenstadt Nantes, überregional bekannt für seine Kunstszene voll sprühender gegenwärtiger Kunst. Der Auftrag dieser neuen Oper kam auch von der Oper in Nantes, die jetzt Angers Nantes Opéra heißt, weil sie zugleich in Angers spielt und nun mindestens vier Produktionen im Jahr mit der Opéra de Rennes koproduziert. So ist dieses neue Werk gleich in drei Städten zu sehen, die – obwohl gute 100 Km voneinander entfernt – alle noch in der Bretagne liegen. Der Initiator des Projektes war Alain Surrans, ehemaliger Direktor der Oper in Rennes und seit 2018 Direktor der neuen Angers-Nantes-Oper, der schon viele Jahre in der Musikszene arbeitet und viele Komponisten kennt. So bekam Philippe Leroux einen Auftrag für eine allererste Oper. Das mag erstaunen, denn Leroux, 1959 geboren, hat einen Katalog von über 90 Werken (davon gut 30 auf CD), und man kennt ihn in Paris schon seit vielen Jahren am von Pierre Boulez gegründeten Ircam. Doch dort hatte das Genre Oper keinen guten Ruf und Leroux gestand nun in einem Interview vor der Première, dass er gut vierzig Jahre über eine Oper nachgedacht hätte, „weil er keinen geeigneten Text fand“.

Opéra de Rennes aus dem Jahr 1856 ©mrw zeppeline bretagne

Die Wahl des lang ersehnten Textes mag erstaunen, denn er ist in keinster Weise „modern“, im Gegenteil, eher gewollt altertümlich. Das Oeuvre von Paul Claudel (1868-1956) lässt sich genau so schwierig zusammenfassen wie das seines deutschen Altersgenossen Stefan George (ebenfalls 1868 geboren). Die Themen kreisen um Religion und bei Claudel steht das Motiv des Sich-Aufopferns oft im Mittelpunkt, mit einem bewussten Verzicht auf eine spannende Handlung (auch in seinen Theaterstücken). Seine Sprache gilt als gestelzt, theatralisch oder „pathetisch lyrisch“. „L’Annonce faite à Marie“ ist ein Theaterstück, an dem Claudel von 1892 bis 1948 über fünfzig Jahre getüftelt hat: ein Drama von Liebe und Eifersucht zwischen zwei Schwestern auf dem Land, in einem abstrahierten Mittelalter, unweit von der (namentlich nie genannten) Kathedrale von Reims. Die Hauptfigur Violaine ist schön, begabt und durch alle geliebt und so glücklich nach ihrer geheimen Verlobung mit Jacques, der seit Kindesbeinen mit ihr in der Familie erzogen wurde, dass sie allen Menschen nur Gutes wünscht. Sogar dem hässlichen Architekten und Kathedralen-Bauer Pierre de Craon, der u.A. versucht hat sie zu vergewaltigen und dafür als göttliche Strafe die Lepra bekam. Aber trotzdem gibt sie ihm „zum Abschied“ einen (total verbotenen) Kuss auf den Mund. Bald danach beschließt ihr alter Vater, Anne Vercors, dem Ruf der Glocken zu folgen und nach Jerusalem zu pilgern, zum Leidwesen seiner Frau Elisabeth (die danach vor Kummer sterben wird). Er ruft den ganzen Hof zusammen, um seine Abreise bekannt zu geben und gleichzeitig auch die Verlobung von Violaine und Jacques, der nun der neue Herr im Hause wird. Doch kurz vor ihrer Hochzeit gesteht Violaine ihm den verbotenen Kuss, der sie (auch) leprakrank gemacht hat. Danach wird sie gnadenlos in die Einöde verstoßen. Acht Jahre später kommt sie dort ihre böse Schwester Mara besuchen, die immer eifersüchtig war. Denn Mara hat nun endlich mit Jacques heiraten können, doch ihr erstes Kind, eine kleine Tochter, ist gleich nach der Geburt gestorben. Sie legt das kalte Mädchen in die Hände ihrer erblindeten Schwester, die inzwischen als eine Heilige gilt. Violaine nimmt die kleine Aubaine an ihre Brust, die beim Läuten der Weihnachtsglocken in der Ferne erwacht, ihre Milch trinkt – und danach Violaines blauen Augen bekommt. Deswegen der etwas irreführende Titel Mariä Verkündigung. Alle Achtung an Raphaèle Fleury, die das „Mysterium in 4 Akten und einem Prolog“ in ein wesentlich kürzeres Opernlibretto zu kürzen wusste, ohne dabei die Ruhe der Handlung und die altertümliche Sprache Claudels zu verlieren. Der Stoff wurde übrigens schon 1935 durch Walter Braunfels vertont als „Die Verkündigung“, doch wir haben diese nirgendwo je gesehen oder gehört.

Mara (Sophia Burgos) / Violaine (Raphaëlle Kennedy) / „Waldarbeiter“ (Vincent Bouchot, Marc Scoffoni, Charles Rice, Els Janssens Vanmunster) ©Martin Argyroglo / AngersNantesOpera

Philippe Leroux komponierte nun eine vielschichtige Partitur, in der er sich großzügig bei den modernen Möglichkeiten des Ircam bediente. So fing der Abend an mit einer alten Aufnahme, in der Paul Claudel selbst die Handlung erzählt, bevor er später a cappella zwei Kirchen-Lieder singt. – Als ich den Komponisten auf diese total unbekannten Aufnahmen ansprach, erzählte er mir, dass sie im Ircam mit einem Computer Claudels Stimme „gefälscht“ hatten – was man heute nicht alles machen kann! Er hatte mit den sechs Sängern im Ircam auch 1.200 „Tonkonserven“ auf-genommen. Sie sangen also nicht nur auf der Bühne, sondern ihre Stimmen wurden auch noch gleichzeitig per Mikrophon leicht verfremdet und sie dialogierten zusätzlich dazu auch noch mit ihren eigenen Aufnahmen. So konnte man die gleiche Stimme, den gleichen Ton also manchmal drei Mal gleichzeitig hören! Alle Achtung für den Dirigenten Guillaume Bourgogne, der die Sänger und das Ensemble Cairn souverän dirigierte, als ob dies alles das Selbst-verständlichste der Welt sei, und an die Musikingenieure des Ircam, Carlo Laurenzi und Clément Charles, die 2,5 Stunden lang mit einer unglaublichen Präzision alle diese technischen Hürden meisterten. Nur Lob für die Inszenierung von Célie Pauthe! Es ist heutzutage selten, wenn Werk und Inszenierung „Hand in Hand gehen“. Das einfache und passende Bühnenbild von Guillaume Delaveau „atmete“ in jedem Takt mit der Musik in wunderbaren Landschafts-Videos von François Weber, wo man die „dunklen Wolken“ ziehen sehen konnte (aufgenommen in der Nähe von Fère-en-Tardenois, wo Claudel geboren wurde). Nur Lob für die Sänger, vor allem für Raphaëlle Kennedy als Violaine und Sophia Burgos als Mara. Es ist wirklich unglaublich, was sie beide für hohe Töne von sich gaben – immer haarfein zusammen mit dem Trompeter André Feydy im Orchestergraben (der quasi einen Solistenpart hatte). Da hatten ihre Bühnen-Eltern Marc Scoffoni (Anne Vercors) und Els Janssens Vanmunster (Elisabeth Vercors) es wesentlich einfacher, sowie Charles Rice als Jacques Hury und Vincent Bouchot als Pierre de Craon – der in der letzten Szene wie ein Wunder von der Lepra befreit war. Wunder über Wunder – und nicht das Wenigste, dass die Oper in Rennes damit drei Abende nach einander (quasi) voll besetzt war, mit auffallend vielen Jugendlichen.

Denn der junge Direktor Matthieu Rietzler weiß ein neues Publikum zu finden: Nach der Pandemie gab es auch hier keine Abonnenten mehr. Weil verständlicherweise niemand noch Abos kaufen wollte, nachdem 2021 mehr als die Hälfte der Vorstellung in Rennes abgesagt werden mussten (!). Die Ex-Abonnenten bekamen als Ausgleich eine „Carte de fidélité“, wo man zu einem Sonderpreis in fünf oder zehn beliebige Vorstellungen gehen kann (wie hier üblich beim Kino). Und da steht Spannendes auf dem Programm: denn wenige Tage nach dieser Vorstellung gab es schon die nächste neue Oper in Rennes: „Les Enfants terribles“ von Philip Glass, nach dem gleichnamigen Stück von Jean Cocteau, mit bald 25 Vorstellungen in zehn Städten in Frankreich (!). Seit 2020 gab es in der Opéra de Rennes schon „L’Inondation“ von Francesco Filidei, „Trois Contes“ von Gérard Pesson, „Le Petit Chaperon rouge“ von Georges Aperghis, „Red Waters“ von Keren Ann und „L’Odyssee“ von Jules Matton. Alles neue Opern! Richard Wagner würde dem zustimmen: „Kinder! macht Neues! Neues! Und abermals Neues!“

Waldemar Kamer, 09.11.2022


Philippe Leroux: „L’Annonce faite à Marie“ (Uraufführung) / Opéra de Rennes

Inszenierung: Célie Pauthe

Musikalische Leitung: Guillaume Bourgogne