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(c) Der Opernfreund

 

 

 

Bundesjugendorchester & Kirill Petrenko

featuring: Wieland Welzel (Pauke)

Leonard Bernstein Sinfonische Tänze für Orchester aus West Side Story

William Kraft Timpani Concerto - Konzert Nr. 1 für Pauken und Orchester

Igor Strawinsky Le sacre du printemps

Zugabe: Schostakowitsch Marsch aus Lady MacBeth von Mzensk

 

Montag 7. Januar 2019 / 20 h

 

Ich liebe dieses Orchester. Ihr spielt wundervoll und ihr seid unsere Zukunft. Mit der Musik in euren Händen bin ich voller Hoffnung. Sir Simon Rattle / Ehrendirigent

 

Das Bundesjugendorchester – abgekürzt BJO – ist das nationale Jugendorchester der Bundesrepublik Deutschland mit Sitz in Bonn. Es beschäftigt als Sinfonieorchester junge Leute zwischen 14 und 19 Jahren und wird getragen von der Projektgesellschaft des Deutschen Musikrates. Gefördert wird das Orchester durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sowie den Westdeutschen Rundfunk, das Unternehmen Daimler, die Stadt Bonn und die Deutsche Orchestervereinigung. Darüber hinaus wird das Bundesjugendorchester durch Spendengelder unterstützt. Ehemalige Mitglieder des Bundesjugendorchesters gründeten 2011 die Stiftung Bundesjugendorchester mit dem Ziel, Sonderprojekte und Musikinstrumente zu finanzieren. Auch gibt es viele CD-Einspielungen.

Namhafte Dirigenten wie Herbert von Karajan, Kurt Masur, Gerd Albrecht, Carl St. Clair, Steven Sloane, Eiji Ōue, Kirill Petrenko und Sir Simon Rattle leiteten das Kollektiv bisher. Jährlich werden drei vierwöchige Arbeitsphasen mit anschließender Konzerttournee durchgeführt. Dabei haben wechselnde Dirigenten die künstlerische Leitung inne. Das Bundesjugendorchester kann ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Berufsmusiker-Karriere in einem großen Orchester oder als Solist sein.

Doch nun zum Essener Konzert:

Brav, friedlich und gut kleidet – die jungen Burschen mit Fliege und die meisten Damen im langen Schwarzen – betreten rund 110 angespannt wirkende Jungmusiker das leicht amphitheatrisch erhöhte Musikerpodest in der Philharmonie. Die Einstimmung des Ersten Geigers mit dem Kammerton a ist außergewöhnlich lang. Was bei den Berufsmusikern ein mehr oder weniger meist kurzes, traditionelles Abnicken ist, wirkt hier schon außergewöhnlich konzentriert und intensiv. Ab jetzt hört der Spaß auf – merkt jeder im Auditorium. Und wenn Dirigent Kirill Petrenko dann erscheint, steigern sich die Publikums-Akklamationen zu einem ungewöhnlich langen Vorschussbeifall und Jubel.

Schon hier vermerkt der erfahrene Rezensent, daß die Konzertende-Zielvorgabe mit 21.45 Uhr sehr optimistisch – wohl ohne Berücksichtigung der Pause – gesetzt ist. Wir werden dann später um viertel vor zehn gerade einmal fünf Minuten Sacre gehört haben. Und das ist gut so.

Bernsteins West Side Story Tänze sind auf dem Konzertpodium fast noch populärer als das Werk selbst. Sowohl Publikum als auch Musiker warten immer gespannt auf das Fingerschnippen und die Mambo-Rufe der Musiker – akustische Begleitkommentare, die ja schon Strauss bei einigen seiner Walzer (siehe unsere Kritik vom Neujahrkonzert) vorsah. Das laute Mambo rufen natürlich auch eingefleischte Bernstein-Fans im Publikum immer mit – versteht sich. Doch viel gespielt heißt nicht unbedingt immer auch gut gekonnt.

Diese Bernstein-Musik ist nämlich bei aller Grandiosität wirklich unfassbar diffizil und rhythmisch teuflisch schwer. Wer sich auch nur annähernd einmal damit beschäftigen möchte, um einen Einblick zu erhalten, dem sei die DVD Making West Side Story sehr ans Herz gelegt, wo der alte Lenny 30 Jahre nach der UA zum ersten Mal das Stück selbst einspielt. Machen wir es kurz: An den Musikern des BJO hätte Bernstein seine wahre Freude gehabt. Unter Petrenkos präzisem und motivierendem Dirigat – der Maestro hat eine unfassbar großartige Ausstrahlung – spielen die Jungmusiker, als wäre es ihr tägliches Brot mit einer Qualität, wie wir sie in der Albert Hall vielleicht vom LSO serviert bekämen. Man spielt phänomenal. Der Kritiker möchte seinen Ohren kaum trauen; da sitzen blutjunge Künstler und spielen, als machten sie das routiniert seit 30 Jahren. Was für ein Einsatz! Was für eine konzentrierte Spielfreude! Was für eine Fulminanz bei aller Konzentration! Aufatmen mit dem letzten Takt – „Wow, geschafft“ signalisieren die sich entspannenden Gesichter nach dem letzten Takt. Das freundliche Nicken des Maestros bestätigt: Ihr wart toll! Schon jetzt scheint der Jubel kein Ende zu nehmen ...

Gut, dass wir jetzt mit Krafts höchst seltenem Paukenkonzert – wer hat das in seinem Leben schon einmal gehört? – in anfangs etwas friedlicheres Fahrwasser geraten, denn hier steht der Solist, oder soll ich besser sagen Artist, im Vordergrund. Da hat man mit Wieland Welzel einen der renommiertesten internationalen Paukisten – seit 1997 Mitglied im Schlagzeug-Ensemble der Berliner Philharmoniker – einen regelrechten Magier des Schlagwerks verpflichtet.

In einem kurzen Gespräch mit dem hochsympathischen Musiker in der Pause hatte ich allerdings den Eindruck, dass sein Mitwirken bei diesem eindrucksvollen Stück schon praktisch Ehrensache sei. Auf seine lockere Kleidung – langes Poloshirt, dunkle Jeans – angesprochen, erklärt er, dass eine Interpretation im klassischen Musiker-Outfit mit Sacco praktisch ausgeschlossen sei, da er sich ja im fast 360-Grad-Zirkel inmitten seiner Pauken teilweise blitzschnell bewegen muss; und wer Welzel erlebt hat, wie er beispielsweise mit vier Klöppeln an nur zwei Händen divergierende Rhythmen spielt, dazwischen sogar noch seine Pauken umstimmt, der glaubt an Magie; das sind nicht nur außergewöhnliche, das sind schon fast außerirdische Qualitäten. Der pure Trommler-Wahnsinn!

Die seltsam irisierenden Streicherklänge bei dem Kraft-Konzert irisieren wie sie irritieren und erzeugen eine Gänsehaut beim kinoerfahrenen Zuhörer. Hier gruselt es irgendwie, und man hat das Gefühl, dass sich gleich die Geister aus dem Bühnenboden erheben. Eine ganz außergewöhnliche Musik, spannend und hörenswert. Von der höchst sensiblen, fast lautlos gehauchten Klangemotion bis hin zum fortissimo aller Paukenwirbel dieser Welt hat das Stück eine ganz außergewöhnliche Faszination.

Nach der Pause ging dann die sprichwörtliche Post mit Strawinskys Sacre du Printemps ab. Man kann gut nachfühlen, daß es bei der UA in Paris 1913 im gerade neu erbauten Théâtre des Champs-Élysées zu Tumulten und Massenschlägereien kam. Die Mehrheit der Besucher erwartete Friedfertiges und Harmonie. Man bekam Anarchie, Atonalität, akustische Gewalt und diabolische Asymmetrien – erste Anklänge an spätere Maschinenmusik im Stampf-Rhythmus der Tänzer. Das war für viele Traditionalisten zuviel. Schön klang anders. Der Komponist flüchtete, um sein Leben fürchtend, sicherheitshalber. Harte Zeiten für Avangardisten. Später hatte George Antheil, der in seiner Musik Flugzeugmotoren, mechanische Klaviere und Feuerwehrsirenen einbaute, wenn er vorne mit am Flügel saß, immer seinen 45-er Smith und Wesson demonstrativ mit den Worten „Achtung, ich bin bewaffnet“ auf den Flügel gelegt.

Heute ist Sacre ein Welthit – Alibi für moderne Musik und Aufgeschlossenheit – und selbst sehr traditionell eingestelltes Publikum akzeptiert es als grandios ... wenn danach noch Beethovens Fünfte kommt. Mit Sacre nach Hause entlassen zu werden, geht gar nicht. Unglaublich setzte Petrenko als überraschende Zugabe mit seinen Jungmusikern noch einen drauf, nämlich Schostakowitschs skurrilen Marsch aus der Lady Macbeth von Mzensk. Man hatte den Eindruck, daß die ohnehin einem Ufo nachempfundene akustische Runddecke der vorderen Philharmonie nun endgültig abhebt ins Universum der fortissimo-Klänge. Der musikalische Gipfelpunkt war erreicht. Besser und exzellenter hätte man diesen Ausnahmeabend eines superben Konzertes kaum abschließen können. Der Jubel im Publikum war nicht mehr familiär friedlich, sondern ging in Richtung fulminanter Extase. Zurecht!

 

Peter Bilsing 9.1.2019

Bilder (c) Philharmonie Essen / Saad Hamza

 

1. Konzerttournee-Plan 2019

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06.01.2019 Luxemburg, Philharmonie / Petrenko

07.01.2019 Essen, Philharmonie / Petrenko

08.01.2019 Hamburg, Elbphilharmonie / Petrenko

09.01.2019 Berlin, Philharmonie / Petrenko

11.01.2019 Schweinfurt, Theater *

12.01.2019 Bonn, Bundeskunsthalle *

13.01.2019 Coesfeld, Theater *

14.01.2019 Paderborn, Paderhalle *

 

* Hermann Bäumer übernimmt ab dem 11. Januar den Taktstock. Mit dem Mainzer Generalmusikdirektor durfte das Bundesjugendorchester bereits mehrmals zusammenarbeiten, zuletzt für die Indien-Tournee 2018.

 

 

 

BABI YAR

Yuri Temirkanov & Sankt Petersburger Philharmoniker

Herren des Wiener Singvereins - Chorleitung: Johannes Prinz

Bass: Petr Migunov

 

Nikolai Rimski-Korsakow

Musikalische Bilder aus "Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronia" (arrangiert von Maximilian Steinberg)

Dmitri Schostakowitsch

Sinfonie Nr. 13 b-Moll für Bass, Männerchor und Orchester, op. 113 "Babi Yar"

 

Es gibt nicht viele Stück, die man ernsthaft als Jahrhundertwerk bezeichnen kann, aber es gibt Stücke welche diese Bezeichnung ohne wenn und aber verdienen. Dazu muß Schostakowitschs 13. Sinfonie - Untertitel Babi Yar, beruhend auf einem Gedicht von Jetuschenko - unbedingt gezählt werden. Sie ist ein Mahnmal an die Ermordung von mindestens 100 000 Menschen durch die Nationalsozialisten - anfangs überwiegend Juden. Das geschah 1941 in jener Schlucht namens Babi Yar, in der Nähe der ukrainischen Stadt Kiew.

Das Stück gehört zu den beeindruckendsten und erschütternsten Meilensteinen der Musikgeschichte und wenn am Ende in einem quasi Piano der Stille nur noch das Totenglöcklein ertönt, schnürt es auch heute noch den Zuhörern die Kehle zu, man hat Tränen in den Augen, und es folgen statt Beifall erst einmal viele unendliche wichtige, im Konzert ungewöhnliche Sekunden der Stille. Ähnlich wie nach dem Finale der Poulenc-Oper Dialogues des Carmélites. Das sind jene großen Momente, wo Musik in die tiefste Seele der Zuhörer eindringt und die Menschen nachhaltig bewegt.

Wenn dann noch ein solch phänomenales großes russisches Orchester, wie die St. Petersburger Philharmoniker mit einem Urgestein als Dirigenten namens Yuri Temirkanov (Bild oben) - der immerhin dieses grandiose traditionelle Klangkollektiv schon seit 1988 leitet - aufspielt, kann man ohne Zögern schon im voraus von einer idealen Wiedergabe ausgehen.

Die Erwartung des Rezensenten wurde nicht enttäuscht. Auch wenn 100 Stimmen des Männerchores doch schon etwas voluminöser klingen, als die "nur" 45 des Wiener Singvereins. Und auch wenn dieser wirklich fabelhaft singende Männerchor (Johannes Prinz) - das letzte Tüpfelchen auf dem "i" - wohl noch toller von der Chorempore geklungen hätte, ist ein Traumabend zu attestieren. Ich denke, Schostakowitsch selber hätte das nicht besser dirigieren können und hat sich irgendwo aus den ätherischen Wolken oben im Musikgötterhimmel über eine so grandiose Interpretation und Ernsthaftigkeit gefreut.

Der junge Petr Migunov (Bild rechts) - Gewinner diverser internationaler Gesangswettbewerbe - sang sich, trotz seiner für einen Bass relativ hoch liegenden Tessitura, ganz großartig in die Herzen der Zuschauer. Eine Entdeckung!

Lobenswert, daß man in Form einer Ouvertüre eine kurze 15-minütige Zusammenstellung von Auszügen aus Nikolai Rimski-Korsakows in unseren Landen praktisch nie gehörter Oper Die Legende von der unsichtbaren Stadt Kitesch und der Jungfrau Fewronija voranstellte. Immerhin klangmalerische Schönheit ohne größeren Tiefgang, in der man thematisch die Schlacht am Kershenez zwar etwas weit hergeholte, aber doch als thematische Verbindung sehen kann.

Schade, daß die Essener Philharmonie bei so einem Jahrhundertwerk in vollendeter Interpretation und geschliffenster Wiedergabe nicht ausverkauft war. Musik aus der Tiefe der russischen Seele, wie man sie auch auf besten Silberscheiben so sonst nicht zu hören bekommt; berauschender und ergreifender Beifall nach einer halben Gedenkminute. Danke.

Peter Bilsing 16.10.2018

Bilder (c) Phil Essen / Bolshoi Opera

 

Aktueller CD Tipp der Opernfreund-Redaktion

 

Fimtipp zu dem Thema

TRAILER

 

 

 

 

 

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