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SIMON KEENLYSIDE - MALCOLM MARTINEAU

Ruheloser Wanderer im Schubert-Universum

Stephaniensaal Graz am 11. 1. 2018

 

Die beiden Endfünfziger Simon Keenlyside und Malcolm Martineau arbeiten seit Jahrzehnten bei Konzertauftritten und CD-Aufnahmen zusammen, und viele der Schubert-Lieder, die an diesem Abend in Graz erklangen, können auf der schon 1994 entstandenen und 2003 neu aufgelegten CD mit dem Titel Favourite Lieder nachgehört werden.

Durch das CD-Cover darf man sich allerdings nicht täuschen lassen:

Bei Simon Keenlyside gibt es nicht Classics for Pleasure und nicht biedermeierliche Beschaulichkeit, wie der Name des Labels und das Bild vermuten lassen könnten. Simon Keenlyside ist ein ruheloser Wanderer durch das unerschöpfliche Universum der Schubert-Lieder und Malcolm Martineau unterstützt diese stets nervöse-angespannte Wanderung mit scharfen Akzenten am Steinway-Flügel. Natürlich haben sich Stimme und Interpretation in den Jahrzehnten gewandelt und weiterentwickelt. Simon Keenlyside ist heute auch ein anderer als der, den man in Graz im Oktober 2014 mit seiner exzeptionellen Interpretation der Winterreise in Erinnerung hat. Knapp nach seinem umjubelten Graz-Konzert gab es  ja an der Wiener Staatsoper seinen dramatischen Ausfall während der „Rigoletto“-Premiere. Simon Keenlyside hielt sich danach fast ausnahmslos an die ärztlich verordnete Singpause. Und dann folgte im Jahre 2015 eine unerwartete Schilddrüsen-Operation, über die Keenlyside seine Fans freimütig in einer persönlichen Internet-Botschaft informierte.

An diesem neuerlichen Grazer Abend, der ausschließlich Schubert gewidmet war, erfreute man sich zunächst vor allem am markant-dunklen Timbre, an dem mächtigen Stimmvolumen in den dramatischen Passagen, an sehr schönen Piano-Phrasen und an der makellosen Textartikulation. Es war aber auch nicht zu überhören, dass Simon Keenlyside diesmal an einer leichten Indisposition litt, die er mit großer Könnerschaft und überzeugendem Engagement nicht nur überwand, sondern geradezu zum Bestandteil seiner Interpretation machte.

Im ersten Teil des Abends erklangen neun Lieder aus dem Schwanengesang, in die kontrastierend lyrische Ruhepunkte eingefügt waren - so etwa das wunderbar-poetische An den Mond in einer Herbstnacht. Die in idealem Samt-Pianoklang und großer Ruhe geformte Phrase Doch dein Schimmer dringt nicht in die dunkle Kammer, wo sie ruhen von des Lebens Müh’n, wo auch ich bald ruhen werde berührte ungemein und war wohl Ausdruck des generellen existenziellen Empfindens des Sängers. Und um noch ein Beispiel für die besondere Intensität der Interpretation anzuführen: Simon Keenlyside, der seine Liedgestaltung immer mit expressiven Bewegungen und Gesten unterstützt, steht bei den 7 Takten des Klaviernachspiels des aufwühlenden Doppelgängers plötzlich völlig regungslos.

Malcolm Martineau ist ein überaus routinierter Liedbegleiter und passt sich der intensiven Gestaltung partnerschaftlich an - manches Detail ist mir persönlich dann doch allzu kantig - etwa wenn er im Vorspiel zu Kriegers Ahnung nach den einleitenden drei Pianissimo-Takten anstelle des notierten Fortepiano geradezu ein Fortissimo-Sforzato setzt oder wenn er im Abschied die staccato-Achteln eher mechanisch-straff als „mit Heiterkeit und Lebendigkeit“ spielt (wie dies Gerald Moore in seinem Buch über Schuberts Liederzyklen anregte).

Bereits nach diesem gewichtigen ersten Programmteil gab es reichen Beifall und Bravorufe.

Nach der Pause wurde das Programm mit dem Ständchen und mit An Silvia, eröffnet - beide nach Shakespeare-Texten. Wenn man das zunächst im Programmheft liest, vermeint man, dass es nun als Kontrast zum ersten Teil harmlosen, lautenhaften Serenadenton geben werde. Aber bei Keenlyside gibt es nichts Harmloses - auch Serenaden werden zu existenziellen, manchmal fast ein wenig skurril-übersteigerten Bekenntnissen. Nun könnte man einwenden, eine derartige Gestaltung habe etwas Manieriert-Künstliches an sich, jedoch Keenlyside ist in jedem Lied so ungemein glaubhaft und intensiv-authentisch er selbst, dass man diese ungewohnte Interpretation nicht nur akzeptiert, sondern in diesem konkreten Fall auch als werkgerecht schätzt. Und man kann gut verstehen, wenn einem ein Konzertbesucher (literarisch sehr gebildet und musikalisch wenig erfahren) begeistert sagt, in Keenlysides Interpretation erlebe man, „dass es Schubert wohl nicht leicht im Leben gehabt habe“ - wie wahr!

Und dann folgen auf die düster-dramatische Gruppe aus dem Tartarus (mit der meisterhaft gestalteten Pianophrase Folgen tränend seinem Trauerlauf) drei sehr lyrische Strophen aus Himmelsfunken und die ruhig und konzentriert gespannten Bögen der Sterne. Beim Heidenröslein geht es dem Zuhörer so wie bei den einleitenden Serenaden-Liedern - da gibt es keine biedermeierliche Betulichkeit, sondern man denkt an folgenden Ausspruch von Simon Keenlyside, den er vor einigen Jahren in einem lesenswerten Zeitungsinterview getan hat: Bei Liedern geht es darum, wie man als Einzelner leben und lieben kann . Großartig war auch der Jüngling an der Quelle (aus Schuberts Nachlass) mit den ausklingenden, fast tonlosen Luise-Seufzern.

Der offizielle Programmteil ging mit Bei dir (nach einem Text von Johann G. Seidl) effektvoll zu Ende - mit der wohl bewusst als Abschluss gewählten Textzeile: Ich fühl mich mein bei dir allein.

Der Beifall war intensiv - und so gab es noch drei Zugaben: zunächst den Gondelfahrer und dann den  Wanderer an den Mond - beide auf der eingangs genannten CD nachzuhören. Da der Beifall nicht enden wollte, ließ sich das Duo noch zu einer dritten Zugabe bewegen. Es war Der Wanderer (D 649) - ein Lied, von dem manche annehmen, der 22-jährige Schubert habe es gleichsam als Selbstbekenntnis geschrieben - die Schlusszeile Froh umgeben, doch alleine  mag wohl auch als Motto für diesen bewegenden Liederabend von Simon Keenlyside und Malcolm Martineau gelten!

Hermann Becke, 12. 1. 2017

 

Hinweis:

-         Interview mit Simon Keenlyside für das Februar-Magazin des Musikvereins Wien, wo Keenlyside - Martineau am 21.2.2018 einen  Liederabend mit Werken von Hugo Wolf, Francis Poulenc und Gabriel Fauré gestalten werden.

-         Nächster Liederabend im Grazer Musikverein am 12. April 2018: René Pape mit Camillo Radicke, Details: hier

 

 

 

ELISABETH KULMAN

Tell me the Truth - großartiger Liederabend!

Stephaniensaal Graz am 9. 10. 2017

Elisabeth Kulman ist eine fesselnde Persönlichkeit, die ein reines Liederprogramm in ein Musikdrama, in ihr ganz persönliches Drama zu verwandeln versteht, das sie dem Publikum offenlegt und das sie mit ihm teilen will.

Diesen Satz schrieb ich im  Februar 2016 über den letzten Grazer Liederabend von Elisabeth Kulman mit dem Titel "frauen.leben.liebe" - und ich freute mich, als ich genau dieses Zitat in der Ankündigung ihres jüngsten Konzerts in Raiding (mit dem weitgehend identen Programm wie in Graz) wiederfand. Offenbar fühlte sich Elisabeth Kulman verstanden - und diesen Satz kann ich heute nur wiederholen, er gilt wahrhaft auch für das neue Programm unter dem Titel Tell me the Truth !

Ich beginne meinen Bericht mit dem Zugabenteil, den Elisabeth Kulman und ihr getreuer Partner am Flügel  Eduard Kutrowatz dem begeisterten Publikum gewährte, denn diese drei Zugaben bündeln für mich in idealer und höchst berührender Weise wie in einem Brennspiegel die Botschaft der Elisabeth Kulman an ihr Publikum - und wohl auch an sich selbst …..

Als erstes erklang Gretchen am Spinnrade des 17-jährigen Franz Schubert, ein absolutes Meisterwerk der Liedkunst. Meine Ruh ist hin, mein Herz ist schwer - wann hat man das je so wahrhaft, so ehrlich und gleichzeitig stimmlich und technisch so perfekt gestaltet erleben dürfen? Jede Nuance, jedes Wort wird mit größter Kunstfertigkeit ausgedeutet, ohne dass dies je in die Nähe von künstlicher Manieriertheit oder vordergründiger Dramatisierung gerät. Es war ein Höhepunkt großer, größter Liedinterpretation.

Aber es wäre nicht die Kulman, wenn sie nicht diesen tief empfundenen Ausbruch ihrer Emotionen sofort mit dem nächsten Stück relativieren würde, gleichsam, um davon Abstand zu gewinnen. Und so wählte sie als 2. Zugabe einen Text von Erich Kästner, den Herwig Reiter unter dem Titel Portrait einer Chansonette im Jahre 2015 effektvoll und durchaus Chanson-nah vertont hat. In diesem Lied heißt es unter anderem: Sie singt, was sie weiß. Und sie weiß, was sie singt. Das merkt man am Gesang. Und manches, was sie zum Vortrag bringt, behält man jahrelang - und dann weiter im Text: Das Herz tut ihr manchmal beim Singen weh. Denn sie singt nicht nur mit dem Mund. Sie kennt den Kakao, durch den man uns zieht, genauso gut wie wir, und sie weiß zu dem Thema so manches Lied. Da stand plötzlich der extrovertierte Bühnenmensch Elisabeth Kulman auf dem Podium - jedes Detail effektvoll und publikumswirksam präsentierend und dabei die gesamte Podiumsbreite „bespielend“.

Aber auch das ist natürlich nicht die ganze Elisabeth Kulman - und so erlebte man als 3. Zugabe in Franz Liszts Es muss ein Wunderbares sein eine weitere Seite der großen Künstlerin: sehr melancholisch, ja fast ein wenig resignativ erklang dieses gefühlvoll-schlichte Lied - geradezu als Verzicht, ja als eine Absage an die Realisierbarkeit großer Liebe.

Das Programm vor diesem umjubelten Zugabenteil war dramaturgisch genau so aufgebaut, wie es dann die Zugaben selbst waren. Im 1. Programmteil waren überwiegend selten gehörte Lieder von Franz Schubert  mit Kästner-Liedern von Herwig Reiter (geboren 1941) kontrastreich verschränkt. Da folgten beispielsweise nahtlos auf die Romanze aus Rosamunde Der Vollmond strahlt auf Bergeshöh’n (leider mit unpassend hart-trockenen Sforzati in der Klavierbegleitung anstelle der von Schubert notierten fp ) Herwig Reiters Sachliche Romanze und auf den Kästner-Text Alte Frau auf dem Friedhof attacca Franz Schuberts Ruh’n in Frieden alle Seelen. Diese Gegenüberstellung von reiner, klarer Schubert-Emotion mit den Liedern aus unserem Jahrhundert fügte sich ideal zusammen - dies nicht zuletzt deshalb, weil Herwig Reiters Tonsprache leicht rezipierbar ist. Er selbst beschreibt seine Kompositionsweise so: Seine Partituren sind konventionell notiert, motivisch durchgeformt und melodisch-harmonisch auf Skalen, nicht auf Reihen aufgebaut. Unmittelbare Verständlichkeit und Nachvollziehbarkeit in der Vorstellung werden angestrebt. "Modernität" im Sinne eines absichtlichen Zerschlagens von fassbaren melodisch-rhythmischen Gestalten bzw. des Ersetzens von "Form" durch "Strukturen", von Harmonik durch reine Klang- und Geräuschwirkungen und von "Vision" durch "Provokation" lehnt Reiter ab. Er versucht, das Publikum zu "erreichen", zu "berühren", und nicht zu verstören.

Zusätzlich zum dramaturgischen Element der Gegenüberstellung Schubert/Reiter kamen noch als Klammer des Programms die drei Strophen des Schubert-Liedes Dithyrambe mit dem ekstatischen Schillertext - einem Loblied auf Dionysos, den Gott der Ekstase und der Verwandlung. Bei diesem feurigen Lied, das am Strophenende recht tief liegt, vermeinte man zu hören, dass Elisabeth Kulman an diesem Abend stimmlich nicht optimal disponiert war - die Tiefen erklangen nicht in der gewohnten pastosen Breite und Wärme. Aber mit der ihr gegebenen technischen Meisterschaft und mit gezielt schlanker Stimmführung machte sie dies perfekt wett - und ich weiß gar nicht, ob es wirklich eine kleine Indisposition war oder vielleicht ein bewusst eingesetztes Stilmittel.

Nach der Pause erklangen dann zunächst die drei Petrarca-Vertonungen von Franz Liszt. Da ließ Elisabeth Kulman dann erstmals an diesem Abend ihre Stimme in breitem Glanze strömen - wunderbar schon der Aufschwung Benedettti le voci tante im ersten Sonett. In Pace non trovo erlebte man die große italienische Bühnengeste - ideal verbunden mit der belkantesken Pracht des Organs von Elisabeth Kulman.

Nach diesen hochromantischen Liszt-Ergüssen beschlossen - wiederum in effektvollem Kontrast - vier Cabaret-Songs von Benjamin Britten nach Texten von W.H.Auden das offizielle Programm. Da stand wieder die effektvolle Bühnenkünstlerin auf dem Podium - nein, sie stand nicht, sie stürmte beim ersten Lied während des Vorspiels mit einer Trillerpfeife auf das Podium und sang atemlos: Driver, drive faster and make a good run. Daran schlossen sich dann nahtlos das dem gesamten Programm das Motto gebende Lied Tell me the Truth About Love und dann der Liebhaber Johnny, der seine Verehrerin nicht erhört, bevor der Funeral Blues das Programm endgültig abschloss.

Elisabeth Kulman versteht es, diese effektvollen Kabinettstücke von Benjamin

Britten in ihrer Interpretation immer in der Schwebe zu halten - in der Schwebe zwischen effektvoller Kabarett-Stimmung und Ernsthaftigkeit - und so bleibt offen, wie der letzte Satz des Programms zu deuten ist: For nothing now can ever come to any good - Nichts wird jemals wieder gut.

Und wie zu Beginn geschildert: der brillante Zugabenteil bündelte nochmals die facettenreiche Vielfalt der Kulmanschen Interpretationskunst - das Publikum war begeistert!

Hermann Becke, 10. 10. 2017

Ein TV-Bericht (3:20) über das Programm und ein Interview (3:49) mit Kulman und Kutrowatz 

 

LE NOZZE DI FIGARO

Förderung des Opernnachwuchses - ein Vorzeigeprojekt!

Kammermusiksaal Graz

25. 9. 2017

Die Angelika-Prokopp-Sommerakademie der Wiener Philharmoniker fördert die Ausbildung des Orchesternachwuchses. Seit rund zehn Jahren existiert die Sommerakademie der Wiener Philharmoniker in Salzburg, die als Kammermusik-Camp über rund drei Wochen während der Salzburger Festspiele durchgeführt wird. Das Orchesterspiel höchster Qualität hängt mit dem Aufeinander-Hören und Aufeinander-Eingehen und der Flexibilität zwischen den Musikern zusammen – dies ist aus Sicht der Wiener Philharmoniker am besten über die Kammermusik erlernbar. 

Zusätzlich bekommen die Teilnehmer der Akademie Gelegenheit auf und hinter der Bühne „Bühnenmusik“ zu spielen - in den Opern-Werken, die von den Wiener Philharmonikern bei den Salzburger Festspielen präsentiert werden…..Künstlerischer Leiter der Sommerakademie ist seit 2010 Prof. Michael Werba. Die rund 50 Teilnehmer erhalten während ihres Salzburgaufenthaltes von rund 25 Mitgliedern der Wiener Philharmoniker intensiven Unterricht in Masterclasses und in Kammermusik.

Das liest man auf der Homepage der Wiener Philharmoniker. Und man liest auch interessiert die  Biographie der Stifterin - wie wunderbar, dass es solche Persönlichkeiten gab, denen Kulturförderung wichtig ist!.

Die Sommerakademie kooperierte in diesem Jahre zum zweiten Male mit der MUK - das ist die Musik-und Kunst-Privatuniversität der Stadt Wien - für eine Opernproduktion. Der Grazer Musikverein hat sich dieser Kooperation wiederum angeschlossen - und so konnte Graz eine sehr erfreuliche Opernproduktion erleben. Gleichzeitig war es die 9. Kammeroperproduktion, die der Musikverein in sein Konzertprogramm seit 2009 regelmäßig einbaut - auch das eine sehr erfreuliche Aktivität der Nachwuchsförderung.

Die Aufführung fand nicht im großen Stephaniensaal, sondern im intimen, rund 300 Plätze fassenden Kammermusiksaal des Grazer Congresses statt. Das Orchester saß auf dem selben Niveau wie das Publikum, vor und hinter dem Orchester waren Stege aufgebaut. Außer zwei Stühlen gab es keinerlei Dekoration - eine sehr geschickte Regie (Wolfgang Gratschmaier und Rita-Lucia Schneider) führte die stilgerecht kostümierten Solisten temperamentvoll über die „Bühne“ und bezog auch die Orchestermusiker, ja sogar den Dirigenten in die Aktionen ein. Dazu kam eine sparsame, aber stets wirkungsvolle Ausleuchtung. In der Ankündigung hieß es noch „halbszenische Aufführung“ - im Programmheft steht dann zu Recht „szenische Aufführung“ - man vermisste eine „echte“ Bühne überhaupt nicht, so lebensvoll und engagiert agierte die zehnköpfige Sängerschar.

Das Stück hatte man klug gestrafft - die Chornummern im 1. und 3. Akt fielen ebenso weg wie die Marcellina- und Basilio-Arien im 4. Akt. Die Solisten waren unter Studierenden der österreichischen Musikuniversitäten bei einem Vorsingen ausgewählt worden. Unter der Patronanz von Kammersängerin Angelika Kirchschlager erarbeitete die wahrhaft internationale Sängerschar (aus 10 verschiedenen Ländern: Island, Deutschland, Polen, Iran, Südkorea, Österreich, Kasachstan, Russland, Südtirol und Slowakei!) Mozarts Meisterwerk. Zu den Endproben kam dann das Orchester dazu, das aus der Sommerakademie der Wiener Philharmoniker gebildet worden war. Die Gesamtleitung des ganzen Projekts lag bei dem Solofagottisten der Wiener Philharmoniker und Professor an der MUK Michael Werba. Als Dirigenten hatte man den 25-jährigen Oberösterreicher Felix Hornbachner gewonnen, der gerade erst vor zwei Jahren sein Dirigierstudierstudium abgeschlossen hatte.

Der junge Mann machte seine Sache grundsätzlich ausgezeichnet - er hielt Solisten und Orchester sicher zusammen und wählte natürlich dahinfließende Tempi. Der einzige Einwand: das Orchester war für die gegebenen Saalverhältnisse wiederholt ganz einfach zu laut und speziell in den großen Ensembleszenen auch zu wenig differenziert, wenn man auch klanglich sehr schöne Instrumentalsoli hören konnte.

Alle zehn Solisten sangen und spielten mit großem Engagement - durch ihre frische Jugendlichkeit schlugen sie das Publikum von Beginn an in Bann. Alle stehen am Übergang vom Studium in das professionelle Sängerleben - allen ist große Einsatzfreude zu bescheinigen, die Partien waren ausgezeichnet studiert. Wenn man eine Anregung anbringen kann, die praktisch alle in gleichem Maße betrifft: an der Intonationsgenauigkeit speziell in den Rezitativen wird weiter zu arbeiten sein - in der Begeisterung der Spielfreudigkeit gab es da manche Ungenauigkeit. Alle 10 Solisten seien ausdrücklich namentlich genannt: KRISTJÁN JÓHANNESSON Conte, LAURA MEENEN Contessa, ALEKSANDRA SZMYD Susanna, MINSOO AHN Figaro, GHAZAL KAZEMI Cherubino, HELENE FELDBAUER Marcellina, TAIR TAZHIGULOV Bartolo, SAVVA TIKHONOV Basilio, Don Curzio, ZUZANA BALLÁNOVÁ Barbarina, JAKOB MITTERRUTZNER Antonio

Für mich boten sowohl stimmlich als auch als Bühnenpersönlichkeit die Perserin Ghazal Karemi als Cherubino und der Finne Kristján Jóhannesson als Graf die reifsten Leistungen. Beide könnte ich mir schon heute in diesen Partien auf einer größeren Bühne vorstellen.

Aber auch alle anderen boten Erfreuliches und Ausbaufähiges.

Insgesamt war es eine sehr gelungene Aufführung - die jungen Leute in Orchester und auf der Bühne bewährten sich in Mozarts Meisterwerk - und so gab es am Ende reichen Beifall und Bravorufe. Durch die Kooperation der beteiligten Einrichtungen konnte wahrhaft ein Vorzeigeprojekt mit Modellcharakter verwirklicht werden.

Hermann Becke, 26. 9. 2017

Fotos (c) im jeweiligen Bild

 

 

PURCELL

Barock-Crossover mit Philippe Jaroussky und L‘Arpeggiata

Stephaniensaal Graz am 14. 9. 2017

Der Countertenor Philippe Jaroussky und das Ensemble L’Arpeggiata unter der Leitung der Lautenistin Christina Pluhar machten im Zuge ihrer gemeinsamen Europatournee in Graz Station. Und auf dieser Tournee wird nicht Routine abgespult: wie man dem Internet unschwer entnehmen kann, wechselte das Programm von Auftritt zu Auftritt - in Utrecht u.a. Schütz, Monteverdi, in Bremen und Bukarest Händel, in Sibiu Monteverdi - und nur in Köln erklang zwei Tage vor dem Grazer Konzert jenes Purcell-Programm, das es bereits seit 2014 als CD gibt - von der damaligen Besetzung sind allerdings diesmal außer Philippe Jaroussky und Christina Pluhar nur mehr der Klarinettist Gianluigi Trovesi dabei. Und eines sei gleich vorweg gesagt:

Es war ein glänzend aufeinander eingespieltes Spitzenensemble mit zehn absolut gleichrangigen Ausführenden aus der Barock- und aus der Jazzszene, die sich unter dem Namen L‘ Arpeggiata zusammengefunden haben, und die alle namentlich gewürdigt werden müssen:

Da waren einmal als Kern des L’ Arpeggiata-Ensembles der Amerikaner Doron Sherwin auf dem krummen Zinken, der finnische Lautenist Eero Palviainen und die japanische Cembalistin Haru Kitamika sowie die aus Graz stammende und in Paris lebende Ensembleleiterin und Arrangeurin Christina Pluhar auf der Theorbe. Dazu kam aus der Barockszene diesmal die holländische Violinistin Judith Steenbrink. Mit diesen Spezialisten der Alten Musik vereinten sich an diesem Abend folgende Jazzspezialisten: der italienische (Bass)Klarinettist Gianluigi Trovesi, der russische, in Spanien lebende Percussionist Sergey  Saprychev, der luxemburgische, in Belgien lebende Kontrabassist Boris Schmidt  und der italienische Pianist Francesco Turrisi.

Dieses überaus bunte internationale Ensemble stellte gemeinsam mit dem französischen Countertenor-Star Philippe Jarrousky den Orpheus Britannicus und Vollender des englischen Barock

Henry Purcell (1659 - 1695) in den  Mittelpunkt der diesjährigen Saisoneröffnung des Musikvereins für Steiermark. Und es wurde ein umjubelter Erfolg - das Publikum war begeistert.

Es hat schon seine Berechtigung, Henry Purcell mit Jazzelementen zu verbinden. Mit Purcell hatte sich ja das Bild des englischen Liedes entscheidend gewandelt - der basso continuo, der ostinate Chaconne-Bass verdrängten die bis dahin vorherrschende polyphone Liedbegleitung. Und genau diese ostinaten Basslinien sind auch das entscheidende Element für die swingenden Jazzimprovisationen über die üppig dahinströmenden Melodieeinfälle von Henry Purcell, von dem einmal wohl nicht zu Unrecht geschrieben wurde, die unerschöpflich Fülle seiner Gedanken sei mit Schubert vergleichbar.

Der hohe Rang aller Ausführenden ermöglichte ein ungemein ausgewogenes Klangbild - alle hörten merklich konzentriert aufeinander. Da bedurfte es keinerlei elektronischer Verstärkung und keines Mischpultes. Da gingen die virtuosen Figuren des Zinken nahtlos und ohne jeglichen Bruch in die Improvisationen der Bassklarinette über, da hörte man die gezupften Töne des Kontrabasses und war froh, keinen E-Bass hören zu müssen. Der zarte Klang der Barockvioline geriet nie ins akustische Hintertreffen - und selbst als der Pianist zum (Kinder)Instrument der Melodica griff, war dies nie vordergründig-platt, sondern fügte sich ebenso harmonisch in das Gesamtbild ein wie die artistischen Percussionseinlagen.

Auch wenn sich die einleitenden Bassfiguren der einzelnen Stücke - angestimmt vom ruhenden Pol der Theorbe und der Laute - im Laufe des 90-Minuten-Programms wiederholten: die musikantische Spielfreude aller Ausführenden sorgte ständig für Abwechslung und ein ungemein farbenreiches Gesamtbild.

Dazu kam natürlich der souveräne Gesang des Countertenors - die Phrasen wuchsen mit ruhigem Atem gleichsam aus dem Nichts heraus. Der Sänger kostete die Spannungen der Dissonanzen und Leittöne aus und war in den grotesk-heiteren Stücken auch ein plastisch artikulierender Gestalter des Textes.

Als Zuhörer versank man geradezu in einem Film-Sound-Gefühl - man konnte im barock-jazzigen Wohlklang gleichsam baden. Das war diesmal ein so ganz anderer Zugang zu Purcells Musik, als man es vor drei Jahren bei der Fairy-Queen-Interpretation von Nikolaus Harnoncourt erlebt hatte. Der Concentus Musicus Wien hatte damals Purcell zwar durchaus auch klangschön, aber stets ein wenig aufgeraut und kräftig-zupackend interpretiert - beim Zuhörer stets aufmerksame Unruhe und Spannung fordernd. Diesmal erlebten wir nichts Aufgerautes, nichts Beunruhigendes - sondern nur puren Wohlklang.

Natürlich gab es auch Zugaben:

Zunächst den heiteren Purcell-„Ohrwurm“ Man is for he Woman Made  - und zuletzt gar Leonard Cohens „Halleluja“, das auf der CD als Bonus Track angekündigt ist. Es war durchaus überzeugend, wie es Philippe Jaroussky gelang, diesen berühmten Song des im Vorjahr verstorbenen kanadischen Künstlers mit der unverwechselbaren tief-rauen Stimme in die Countertenor-Lage zu transferieren. Es lohnt sich, die beiden Versionen zu vergleichen - hier das Original mit Leonard Cohen und hier die Jaroussky-Version.

Der Jubel im ausverkauften Saal war groß - dem Musikverein ist eine effektvolle Saisoneröffnung gelungen!

Hermann Becke, 16. 9. 2017

 

CDs mit L‘Arpeggiata:

-         2014 erschien die CD Henry Purcell: Music for a while ; sie enthält im Wesentlichen das Programm des besprochenen Konzerts; hier kann man ein wenig hineinhören

 

Von dieser Produktion gibt es auch einen sehr empfehlenswerten  Video-Ausschnitt

 

-          Und gerade erst jetzt im September 2017 brachte L‘Arpeggiata die CD Händel goes wild (allerdings mit Valer Sabadus und nicht mit Philippe Jaroussky) heraus; auch in diese brandneue CD kann man hier hineinhören

 

 

 

 

COLUMBUS

Dramatische Kantate von Heinrich von Herzogenberg

Stephaniensaal Graz

30. 5. 2017

MEGARARITÄT !

Gott sei Dank gibt es nicht nur ein informatives Programmheft, sondern auch eine in der Schweiz ansässige Internationale Herzogenberg-Gesellschaft, die die „Erstaufführung der Neuzeit“ von Columbus in Graz finanziell unterstützt und die eine umfangreiche Homepage betreut, wo man über den heute weitgehend in Vergessenheit geratenen Komponisten Heinrich von Herzogenberg (1843 bis 1900) lesen kann:

Herzogenberg entstammte einem französischen Adelsgeschlecht (Picot de Peccaduc). Seine Vorfahren emigrierten in der Revolutionszeit nach Österreich, traten in die Dienste der Donaumonarchie und führten seit 1811 den eingedeutschten Namen von Herzogenberg. Nach der Schulzeit in seiner Geburtsstadt Graz studierte Heinrich von Herzogenberg in Wien sowohl Jura an der Universität als auch Komposition am Konservatorium. Über seinen Kompositionslehrer Dessof kam er in Kontakt mit Johannes Brahms. In der adligen Wiener Gesellschaft lernte er seine Frau Elisabeth von Stockhausenkennen, Tochter des hannoverschen Gesandten am Hofe, eine musikalisch hochbegabte Frau, die Klavierschülerin von Brahms war. Nach einigen Jahren freischaffenden Künstlertums in Graz zogen die Herzogenbergs 1872 nach Leipzigin die damals lebendigste Musikmetropole Deutschlands. Entscheidend wurde hier die Bekanntschaft mit Philipp Spitta, dem Verfasser der epochalen Bach-Biografie (1873). Auf seine Anregung hin wurde 1875 der Bach-Verein gegründet mit dem Ziel, die bis dahin kaum aufgeführten Kantaten Bachs in Konzerten vorzustellen. Seit 1876 leitete Herzogenberg den Chor, was zu einer äusserst intensiven Beschäftigung mit dem Werk des Thomaskantors führte und seinen Kompositionsstil wesentlich beeinflusste. Aus der Bekanntschaft beider Herzogenbergs mit Brahms resultierten ein reger Briefwechsel mit Austausch von Kompositionen und die Gastfreundschaft der Herzogenbergs für Brahms bei dessen Leipziger Auftritten.

Heinrich von Herzogenbergs dramatische Kantate "Columbus" wurde am 4. Dezember 1870 im Grazer Stephaniensaal - schon damals Konzertsaal des Musikvereins - uraufgeführt und kehrt nun 147 Jahre später hierher zurück. Die beiden Aufführungen am 29. und 30.5.2017 wurden für eine CD-Produktion mitgeschnitten. Die Herzogenberg-Gesellschaft dokumentiert hier, welche Werke Herzogenbergs bereits auf Tonträger verfügbar sind - Columbus fehlte bisher, mit dem Mitschnitt der Grazer Aufführung wird nun diese Lücke geschlossen.

Als Grundinformation über das Werk sei nochmals aus der Homepage der Herzogenberg-Gesellschaft zitiert:

Die Textvorlage zum Columbus, schon im Untertitel als Drama deklariert, stammt von Herzogenberg selbst. Dass Dichter und Komponist in einer Person begegnen, muss als Parallele zu Wagner gesehen werden, der als Dichter ganz und gar Dramatiker war. Inhaltlich liegt dem Drama eine fiktive Episode zugrunde, wie sie sich während der Entdeckungsreisen des Columbus zugetragen haben könnte. Der eigentliche Plot ist verhältnismäßig schlicht und in wenigen Sätzen wiederzugeben: Nach langer, eintönig verlaufender Fahrt in der Weite des Ozeans leiden Columbus' Matrosen unter der Sehnsucht nach ihrer spanischen Heimat. Von einem Bootsmann zur Meuterei aufgehetzt, wollen sie die Umkehr erzwingen, da sie die Hoffnung aufgegeben haben, das

von Columbus angesteuerte fremde Land je zu erreichen. Columbus und seinem Freund Fernando, der für ihn Partei ergreift, wird von den Meuterern eine letzte Frist von drei Tagen eingeräumt, nach deren Ablauf sie über Bord geworfen werden sollen, falls sich noch immer kein Land zeige. Als die Frist endet und Columbus und Fernando schon an den Rand des Schiffes geführt werden, meldet der Aussichtsposten ‚Land in Sicht‘.

Das Werk ist an der Grenze zwischen Konzertstück und Bühnenwerk angesiedelt, man findet im Libretto szenische Anweisungen, die vermuten lassen, dass der Komponist an eine szenische Aufführung gedacht haben mag. Insgesamt ist das Werk des 27-jährigen Herzogenberg Richard Wagner näher, als dem später so verehrten Brahms (der sich übrigens wiederholt durchaus distanziert zu Herzogenbergs Werken geäußert hatte).

Die Grazer Aufführung blieb im konzertanten Rahmen - die drei erfahrenen Bühnenpersönlichkeiten in den Solopartien und der Dirigent sorgten dafür, dass blutvolles Musizieren gesichert war und man der Handlung gespannt folgte. Mit diesem Doppelkonzert geht die Grazer Zeit von Dirk Kaftan zu Ende. Er war von 2006 bis 2009 Erster Kapellmeister und ab 2013 Chefdirigent der Grazer Oper und des Grazer Philharmonischen Orchesters - nun geht er nach Bonn auf den Posten des Generalmusikdirektors. Mit der Herzogenberg-Rarität zeigte er nochmals seine Qualitäten - da erlebte man eine ausgezeichnet einstudierte Produktion mit packend-aktivem Zugriff. Das Grazer Philharmonische Orchester war gut disponiert - die dramatischen Elemente waren kräftig herausgearbeitet - die wenigen lyrischen Abschnitte, z. B. der große Columbus-Monolog zu Beginn des zweiten Teils mit seinen geradezu kammermusikhaften, sehr schön gelungenen Streichersoli waren ein effektvoller, wenn auch seltener Ruhepunkt. Insgesamt überwogen an diesem Abend die kräftigen Orchesterfarben und Akzente, wobei die Solisten manchmal Gefahr liefen, ein wenig in die dynamische Defensive zu geraten. Ich gestehe, beim erstmaligen Hören des Werkes kann ich nicht verlässlich abschätzen, ob dies an der dichten Orchestrierung mit großem Orchester liegt, oder ob nicht vielleicht doch der Dirigent für eine schlankere Interpretation hätte sorgen können. So war das akustische Gesamtbild eher von wuchtiger Dramatik geprägt.

Der über 60-köpfige Chor der Oper Graz (Leitung: Bernhard Schneider) hatte das nötige Stimmvolumen, um den Klangfluten standzuhalten und fiel vom ersten Einsatz an durch präzise und plastische Textgestaltung auf. Speziell der Männerchor hat umfangreiche Aufgaben (manchmal an Holländers Matrosenchor erinnernd), die durchwegs respektabel bewältigt werden.

Die drei Solopartien waren allesamt gut und rollendeckend besetzt.

Markus Butter ist ein scharf-konturierter SeemannDie Rolle liegt für ihn etwas tief - daher hat er speziell im ersten Teil einige Schwierigkeiten, sich gegen das Orchester zu behaupten. Aber durch seine ausgezeichnete Artikulation schaffte er es sehr gut. Michael Schade ist ein glaubwürdiger Freund Fernando. Man hört deutlich, dass er sich derzeit in das dramatischere Tenorfach begibt und kann sich nach diesem Abend auch den Stolzing vorstellen, den der einstige David nun schon an der Mailänder Scala und in Glyndebourne gesungen hat. Die Stimme ist zwar schmal, wirkte aber ausgeruht und gesund. Es lohnt sich, das ausführliche Interviewim Neuen Merker zu lesen, das Michael Schade vor einem Jahr  zu seinem Fachwechsel gab.

Die zentrale Figur des Columbus war dem jungen Andrè Schuen übertragen. Mit seinem dunklen, ausnehmend schön timbrierten und stets plastisch artikulierenden Bariton ist wohl auch er am Anfang einer Weiterentwicklung in das dramatische Fach. Etwa in der 6.Szene (Wie lang hab’ ich gerungen aus zweifelnder Umnachtung empor zum Lichte der Wahrheit) gemahnte er schon an den Wagnerschen Holländer - dazu strahlte er trotz seiner Jugend eine natürliche Autorität aus. Jedenfalls war dies neuerlich eine sehr schöne Leistung Schuens.

Das Publikum im vollbesetzten Saal dankte den Ausführenden nach der zweistündigen Aufführung mit reichem und herzlichem Beifall - und man freute sich, dass dieses Werk aus der Vergessenheit hervorgeholt worden war. Es ist mehr als nur von lokalhistorischem Interesse - weitere Aufführungen sind sicher zu erwarten.

Hermann Becke, 31. 5. 2017

(c) Petrucci Music Library

 

 

Andrè Schuen-Daniel Heide

Stephaniensaal am 21. 4. 2017

Ein junges, ideales Liedduo

„Dream Team: Andrè Schuen (Bariton) und Daniel Heide (Klavier) im Musikverein Graz! Ein Debüt der Extraklasse!“ - so jubelte noch in der Nacht nach dem Konzert der Veranstalter auf Facebook.

Und es stimmt schon: den stärksten Eindruck an diesem Abend vermittelte das ideale, partnerschaftliche Musizieren und das unprätentiös-sympathische  Auftreten der beiden jungen Künstler. Der Südtiroler Bariton Andrè Schuen  ist 33 Jahre jung und hat mit seinem aus Weimar stammenden und acht Jahre älteren Partner am Klavier Daniel Heide bereits eine reiche internationale Liederfahrung, wie man dem Terminplan entnehmen kann. An diesem Abend in Graz präsentierten die beiden das Programm ihrer ersten gemeinsamen CD, die sie 2015 bei AVI publiziert  hatten: Robert Schumann, Hugo Wolf und Frank Martin. Andrè Schuen wurde für diese Aufnahme in der Kategorie Nachwuchskünstler mit dem Echo-Klassik-Preis-2016ausgezeichnet. Hier kann man in die CD ein wenig „hineinhören“.

Nach den jüngsten Auftritten des Liedduos in Vevey, in Heidelberg und am Vortag im Wiener Konzerthaus war das gediegene und schwerblütig-melancholische Programm nun auch in Graz zu erleben - und das Grazer Publikum feierte das Graz-Debut derart begeistert, dass die beiden erst nach fünf (!) Zugaben entlassen wurden.

Der erste Programmteil war ganz Robert Schumann gewidmet und begann mit Schumanns allererstem Liedwerk, dem Liederkreis Op.24. Hier sind neun Gedichte Heines so zusammengestellt, dass sich die Andeutung einer Handlung ergibt: vergebliches Warten, Einsamkeit und Abschied. Und fast hat man den Eindruck, dass der ganze Abend von diesen Themen beherrscht wird, die dem jungen Sänger offenbar gefühlsmäßig derzeit am nächsten liegen. Mit seiner warmen und dunkel-timbrierten Stimme, die wunderbare Legatobögen zu spannen versteht, ist Andrè Schuen ein idealer Interpret für Schumann. Wenn man sich noch etwas Zusätzliches in Schuens Wiedergabe wünschen darf, dann vielleicht die deutlichere Herausarbeitung der Ironie Heines an so mancher Stelle - etwa bei der schönsten der schönen Jungfrauen oder bei Von zwei Jungfraun nehm’ ich Abschied. Diese Facette der Komposition herauszuarbeiten, blieb dem exzellenten Pianisten Daniel Heide vorbehalten, der glasklare Phrasierung mit dem nötigen Sentiment wunderbar zu verbinden verstand. Im zweiten Block des ersten Teils fielen die schönen Piano-Phrasen in Dein Angesicht und in Du bist wie eine Blume besonders auf ebenso wie die Intensität in Es fiel ein Reif. Daniel Heide interpretierte das Vorspiel und das Nachspiel in Mein Wagen rollet langsam mit großer Expression, ohne sich dabei in den Vordergrund zu drängen - wie schon eingangs gesagt: die beiden sind eine ideales Liedduo! Bei den Schumann-Liedern erinnerte man sich, dass vor fast genau einem Jahr Florian Boesch in Graz war, der die Heine-Texte mit expressiv-packender Dramatik interpretierte und auf kantablen Schöngesang verzichtete. Ich schrieb damals: Das macht in ihrer Konsequenz durchaus Eindruck, wenn man sich allerdings auch zum Beispiel für den wunderbaren Schumann-Liederkreis opus 24 eine ganz andere Interpretation vorstellen kann. Wie schön, dass das Grazer Liedpublikum in der nächsten Saison diesen Vergleich wird selbst anstellen können, entnimmt man doch der Programmvorschau 2016/17, dass dieser Zyklus neuerlich erklingen wird - dann in der Interpretation von Andrè Schuen. Und ich stehe nicht an, dass mich die Version von Schuen/Heide vollends überzeugt hat.

Nach der Pause erklangen zunächst die drei Harfnergesänge von Hugo Wolf. Sie hatte man von Andrè Schuen bereits vor zwei Jahren im Rahmen einer Festveranstaltung 200 Jahre Musikverein in Graz hören können. Damals hatte ich angemerkt: Schuen hat eine ausnehmend schöne Stimme und gestaltet auch die Wolf-Lieder klug disponierend. Aber noch ist seine Interpretation ein wenig zu bescheiden. Er kann mit seiner Persönlichkeit und der existenziellen Aussage dieses großen Werks von Goethe und Wolf – noch – nicht den großen Saal erfüllen.Diesmal habe ich die erhoffte Weiterentwicklung noch nicht registrieren können. Auch an diesem Abend fehlte mir das nötige stimmliche Gewicht - dazu ein Beispiel:

Im zweiten Lied An die Türen will ich schleichen ist für die Klavierstimme pp notiert, bei der Singstimme ist (nur) leise angegeben. Ich hätte mir hier mehr stimmliche Präsenz gewünscht - dann kommt auch der von Daniel Heide wundervoll gestaltete Dur-Schlussakkord im ppp kontrastreicher zur Geltung.

Ganz großartig gelang aber dann wieder der Schlussteil des Programms mit den expressiven Jedermann-Gesängen von Frank Martin. Da war Andrè Schuen mit seiner viril-kraftvollen Stimme am rechten Platz und gestaltete die Entwicklung des reichen Jedermanns plastisch, selbstbewusst und eindrucksvoll. Daniel Heide entfaltete am Flügel die nötige klangliche Pracht für das ursprünglich für Stimme und Klavier konzipierte Stück und nahm damit die Fülle der späteren Orchestrierung wirkungsvoll vorweg.

Ein Wort noch zur Wortdeutlichkeit von Andrè Schuen: ohne jegliche Übertreibung, Konsonantenüberspitzung und ohne Manieriertheit interpretiert der junge Sänger die Texte stets plastisch und verständlich. Es ist mit Bewunderung zu registrieren, wie es ihm gelingt, eine latent vorhandene leichte Lautbildungsstörung der Zischlaute in eine expressive Textgestaltung umzuwandeln - man hört ihm stets gespannt, ja geradezu gebannt zu. So soll Liedgestaltung sein - ihm gelingt die Verbindung von Melos und Text vorbildlich, und dabei wurde er von dem exzellenten Liedbegleiter Daniel Heide ideal unterstützt.

Nach den einzelnen Liedblöcken reagierte das Publikum zunächst - dem schwermütigem Programm angepasst - mit verhaltenem Applaus, wenn es auch schon zur Pause erste Bravo-Rufe gab. Natürlich waren aber im Saal viele, die Andrè Schuen noch von seiner Zeit an der Grazer Oper in bester Erinnerung haben - das mag mit ein Grund für den großen Jubel am Ende seines ersten großen Liederabends sozusagen auf „heimischem Boden“ gewesen sein. Die erste beiden Zugaben waren - so wie am Vortag in Wien - Schumanns Kerner-Vertonung Hörst du den Vogel singen und dann Tostis Ultima canzone. Das löste intensiven weiteren Beifall aus und es folgte ein schlichtes Volkslied in der ladinischen Muttersprache des Sängers. Mit einem weiteren Tosti-Schlager und dem abschließenden stürmischen Nachtgesang von Franz Schubert Willkommen und Abschied (mit einem charmant bewältigten Text-Hänger) ging dann ein wunderbarer Abend eines idealen Liedduos zu Ende. Die Zugaben waren wohl auch eine Art Vorgriff auf eines der nächsten Konzerte. Am 17. Mai 2017 tritt nämlich das Duo unter dem Motto „Junge Wilde“ in Dortmund auf - und dort werden die heutigen Zugaben auf dem regulären Programm stehen!

Hermann Becke, 21. 4 . 2017

 

Hinweise:

Video zur eingangs erwähnten CD

Eben wurde das Musikverein-Programm für 2017/18 vorgestellt - es lohnt es sich, das Programmheft d

 

 

CHRISTIANE KARG - GEROLD HUBER

Graz, Stephaniensaal am 6. 4. 2017

Märchenhafte Sagenwelt im Lied

Christiane Karg ist derzeit medial sehr präsent. Neben ihren Liederabend-Auftritten (zuletzt in Ingolstadt und Wien) mit durchwegs begeisterten Kritiken bewirbt sie intensiv ihr am Tag nach dem Grazer Liederabend bei Berlin-Classics der Öffentlichkeit vorzustellendes  Album Parfum. Dazu ist sie auch am 7. 4. um 18h30 im Fernsehen bei Rbb-TV zu Gast - mit der allerdings etwas missverständlichen Ankündigung: „Am Freitag stellt Christiane Karg bei zibb ihr neues Album vor. Es trägt den Titel „Parfum“ - Weil die Poesie der französischen Gedichte des späten 19. Jahrhunderts, die sie vertont hat, ebenso berührend und flüchtig ist, wie der Duft eines edlen Parfums.“

Also - so weit ist Christiane Karg doch noch nicht, dass sie Gedichte selbst vertont, aber immerhin: der Einführungstext im Programmheft des Grazer Liederabends stammt von ihr.

Christiane Karg hat mit ihrem Partner am Klavier Gerold Huber wiederum ein sehr kluges und spannungsvolles Programm zusammengestellt. Stand bei ihrem Graz-Debüt im Jahre 2013 (ebenfalls mit Gerold Huber) das Programm unter dem Titel Mädchenblumen, so ist diesmal das Motto Es war einmal…Märchenhafte Sagenwelt. Christiane Karg schreibt dazu im Programmheft:

Neben dem Erlkönig und dem Zwerg treffen wir auf Lorelei, eine Meerfee, den armen Peter, auf Hans und die Grete bis hin zu Fischerkindern, denen das Meer zum Verhängnis wird. Und wer auch Nachtwanderer, Löwen, Hexen und Gespenster nicht fürchtet, darf es wagen, in diese märchenhafte Sagenwelt einzutauchen.

Düsternis, Verzweiflung und Tod waren die beherrschenden Themen dieses Liederabends.

Der Abend begann mit dem letzten Lied aus Schuberts Winterreise und der Frage an den Leiermann: Willst zu meinen Liedern deine Leier dreh’n? - und das Programm endete mit Mahlers Wo die schönen Trompeten blasen, der Geschichte vom toten Soldaten, der nachts an das Fenster seiner Liebsten klopft.

Es ist wahrhaft ungewohnt, dass ein zart-schlanker Sopran ein derart düster-dramatisches Programm gestaltet - aber gerade das machte den besonderen Reiz dieses Abends aus. Christiane Karg ist eine hochmusikalische Interpretin mit einer exzeptionell großen Wortdeutlichkeit und plastischer Artikulation. Sie versteht es, ihrer Stimme vielfältige Klangfarben abzugewinnen. Besonders eindrucksvoll war ihre fahle Tongebung ohne vibrato in den Pianissimophrasen - sie wagt es, da fast bis zum Versagen der Stimme zu gehen (etwa in Schumanns Auf einer Burg). Da hört man wirklich gespannt zu. Aber auch so manche Pianophrase in der Mittellage blühte sehr schön auf. In der Höhe und ab dem Forte kam eine gewisse Schärfe dazu, die in den Dienst des Ausdrucks gestellt wurde. Man hatte den Eindruck, dass sich Christiane Karg erst im zweiten Programmteil so recht frei gesungen hatte.

Gerold Huber war ein packender Mitgestalter am weit geöffneten Steinway-Flügel. Er ist entscheidend daran beteiligt, dass die Spannung nicht nachließ. In der Schubert-Gruppe folgten auf den Leiermann gleichsam attacca Der Zwerg und dann der Erlkönig. Bei jeder Liedgruppe lagen die Notenblätter optimal vorbereitet auf dem Pult - da lenkte keine Notenumblätterer ab. Ebenso dicht war dann die Schumann-Gruppe - thematisch sehr effektvoll ausgewählt aus der Dichterliebe und dem Liederkreis op.39, gefolgt vom Armen Peter. Der regelmäßige Besucher des Grazer Liedabonnements konnte da interessante Interpretationsvergleiche anstellen. Vor nicht einmal drei Wochen hatte uns Piotr Beczala ein ganz anderen, belcanteskeren Zugang zur Dichterliebe vermittelt - und vor gerade vor einem Jahr hat Florian Boesch den Armen Peter geradezu selbstzerstörerisch vorgetragen, während Christiane Karg eher mit kühler Distanz an die kleine Trilogie heranging.

Der großartige Schlusspunkt des ersten Programmteils war die blutige Schreckensgeschichte von Chamissos Löwenbraut, die Schumann mit einem archaisierenden, immer wiederkehrenden Ritornell in Liedform zusammenhält. Bei aller Kunstfertigkeit, die Karg und Huber bei Schubert und den folgenden Schumann-Liedern, eindrucksvoll aufgewendet hatten, schien mir die Löwenbraut das erste Stück des Abends, bei dem die persönliche Betroffenheit der Interpretin im Vordergrund stand - ganz im Sinne der Textzeile Ich bin das Kind nicht mehr mit kindischem Sinn. Das war eine packende Interpretation am Schnittpunkt zwischen Lied und Bühne!

Nach der Pause gab es dann fünf Pfitzner-Lieder. Hier lag Christiane Karg natürlich besonders gut das von Pfitzner der Koloratursängerin Maria Ivogün gewidmete Ich fürcht nit Gespenster - wie überhaupt in diesen spätromantischen Gesängen, die man viel zu selten hört, die Sopranistin viel freier klang als im ersten Teil. Die Schlussgruppe war dann Gustav Mahler gewidmet. Da gab es mit dem Rheinlegendchen, Hans und Grete und Verlorne Müh zunächst Aufhellungen und mit Des Antonius von Padua Fischpredigt bitteren Humor, bevor der Abend dann mit Mahlers düsterem Pessimismus in Das irdische Leben und Wo die schönen Trompeten blasen zu Ende ging und damit zur verzweifelten Ausweglosigkeit zurückführte, mit der das Programm durch Schuberts Leiermann begonnen hatte. Bei Mahler setzte Gerold Huber zu Recht derb-kräftige Akzente, die zur zart-distanzierten Sopranstimme ein wirkungsvoller Gegenpol waren.

Das Publikum war begeistert. Klug und genau kalkuliert wie das gesamte Programm war auch die einzige Zugabe. Richard Strauss hat zwei Texte aus der Wunderhorn-Sammlung vertont - ein Beispiel davon erklang: Hat gesagt - bleibt’s nicht dabei. In dieser balladesken Gesangsszene mit drei verschiedenartig charakterisierten Strophen erlebte man - geradezu erleichtert nach so viel Düsternis! - die heitere und soubrettenhafte Seite Christiane Kargs.

Hermann Becke, 7. 4. 2017

Hinweise:

-        Christiane Karg hat in ihrer fränkischen Heimatstadt Feuchtwangen das Festival „Kunstklang“ gegründet und berichtet darüber in einem Video-Spaziergangvon BR-Klassik

-        Vorschau: am 14. 6. 2018 werden Christiane Karg und Gerold Huber wieder in Graz zu Gast sein: dann gemeinsam mit dem Bariton Michael Nagy in Hugo Wolfs Spanisches Liederbuch

 

 

PIOTR BECZALA - HELMUT DEUTSCH

Graz, Stephaniensaal am 18. 3. 2017

Das Einmalige in der Routine

„Liederabende sind viel intimer als Opernvorstellungen, man kann sich nicht verstecken. Jeder Abend ist ein neues Abenteuer, mit mir, dem Pianisten und dem Publikum. Man sieht das Publikum, man bekommt die Reaktionen viel stärker mit. Ja, ich genieße das, obwohl es nicht einfach ist.“  Das sagte der Opern-Weltstar Piotr Beczała  jüngst in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau.

In Graz hatte man Piotr Beczała bisher noch nicht als Liedsänger erlebt. Er war nur einmal  im Juni 2014 in einem Sonderkonzert mit dem Orchester der Wiener Volksoper in Graz zu Gast und präsentierte damals ein Operettenprogramm als „Tribut an Richard Tauber“. Soweit ich das überblicke, ist das Jahr 2014 jenes Jahr, in dem sich Piotr Beczała erstmals auf bedeutenden Konzertpodien als Liedsänger vorstellte. Bei den  Salzburger-Festspielen-2014 gab es einen Liederabend mit exakt jenem Programm, das seit damals in vielen Städten erklungen ist - und mit dem Piotr Beczała und Helmut Deutsch nun im Jahre 2017 auf Tournee sind. Anfang März gab es dieses Programm in Bilbao, Gran Canaria, Barcelona und in Frankfurt. Nach Graz folgen Auftritte in Berlin, in der Elbphilharmonie Hamburg, in Heidelberg, in Grafenegg…..Die ungeheure Routine, die Piotr Beczała mit diesem Liedprogramm durch Jahre erworben hat, ist vielleicht gerade das Besondere und das Reizvolle an diesem Abend. Denn es ist wirklich so: Jeder Abend ist ein neues Abenteuer - man kann sich nicht verstecken.

Und zweifellos ist es auch so, dass durch die Zusammenarbeit mit Helmut Deutsch speziell die Interpretation der Schumannschen Dichterliebe ständig vertieft und weiter entwickelt wird. Insofern kam also das Grazer Publikum zu einem besonderen und in seiner Ausprägung einmaligen Abend. Piotr Beczala  und Helmut Deutsch  haben nicht Routine abgespult, sondern die aufgeführten Werke vor dem übervollen Saal (auch die sonst kaum verkauften Klappsitze an der Saalwand waren besetzt) aus dem Augenblick heraus neu entstehen lassen.

Die Zusammenstellung des Programms ist für den polnischen Tenorstar klug und passend gewählt, wenn auch nicht neu. Persönliche Anmerkung dazu: Im Jahre 1963 erlebte ich in Graz den unvergleichlichen Nicolai Gedda - auch er sang vor der Pause Schumanns Dichterliebe und am Ende Rachmaninow.

Robert Schumann hat aus Heinrich Heines 65 Titel umfassenden „Lyrischen Intermezzo“ 16 Texte ausgewählt, sie genial als kunstvoll-raffinierte Miniaturen vertont und unter dem von ihm erdachten Titel Dichterliebe zusammengefasst. Piotr Beczała  beginnt den Zyklus sehr vorsichtig und zurückgenommen. Natürlich beherrscht er die Pianophrasen technisch perfekt und klangschön, aber persönliche Betroffenheit und Intensität erlebt man erstmals im 4.Lied Wenn ich in deine Augen seh, wenn er mit seinem großartigen Partner am Klavier bei den Worten Ich liebe dich nicht nur das in den Noten vermerkte ritardando macht, sondern davor einen deutlichen Einschnitt setzt. Plötzlich hat man den Eindruck, der Sänger hat sich nun ganz gefunden und hört gespannt zu. Die wunderschön timbrierte Stimme wirkt an diesem Abend gesund und ausgeruht - auch die tief liegenden Phrasen (etwa in Im Rhein, im heiligen Strome) gelingen rund und fundiert. Bei Ich grolle nicht und wenn das Herz auch bricht erlebt man erstmals, wie sich speziell bei den Vokalen a und o die große Stimme des Opernsängers ganz öffnet, ohne dass dabei vordergründige Theatralik entsteht. Und bei Und wüssten’s die Blumen, die kleinen erlebt man dann jene dem deutschen Lied adäquate Pianophrasierung, die man anfangs noch ein wenig vermisste. Großartig leichtfüßig und transparent gelingt den beiden Künstlern Hör ich das Liedchen klingen. Piotr Beczała artikuliert die Texte mit hervorragender Klarheit Er kommt bei der Textwiedergabe ganz aus dem natürlichen Klangmelos, da gibt es nie übertriebene Konsonanten - alles ist vorbildlich verständlich. Viele Details könnte man noch erwähnen - man merkt, wie intensiv an der Interpretation gearbeitet wurde. Vielleicht ein Beispiel: In der 3. Strophe von Allnächtlich im Traume ist die Passage heimlich ein leises Wort geheimnisvoll-plastisch hervorgehobenohne dass der Bogen des Gesamtzusammenhanges gestört wird. Sänger und Pianist realisierten eine ideale Synthese von Musik und Text. Beim Andante espressivo des wunderbar-langen Nachspiels, zu dem Helmut Deutsch erst nach einem winzigen, aber kostbaren Einschnitt ansetzte, hatte man den Eindruck, dass man nun endgültig in das Reich der Poesie gelangt ist, in dem sich Heinrich Heine und Robert Schumann zu einem Ganzen verbinden. Das Publikum war bis zum letzten Takt angespannt und aufmerksam. Der große Beifall setzte erst zögernd ein. Für mich war es eine gültige, geradlinig-ehrliche Wiedergabe mit vielen sehr schönen Details - wenn etwas anzumerken ist, dann vielleicht, dass das Zwiespältig-Gebrochene, das Distanzierte, das ja auch Heine immanent ist, in Beczałas Interpretation ein wenig fehlte. Aber das ist keine Kritik, sondern eben nur eine Anmerkung.

Nach der Pause geschah dann zunächst Überraschendes:

Auf das Podium traten nicht nur die beiden Ausführenden, sondern auch der Generalsekretär des Musikvereins Dr. Michael Nemeth. Er ehrte Helmut Deutsch, der seit 1972 als wesentlicher Faktor im Grazer Liederabendabonnement 37 Liederabende mit den größten Sängerpersönlichkeiten der letzten Jahrzehnte gestaltet hat. Helmut Deutsch bedankte sich mit launigen Worten und wiederholte - unter großen Beifall des Publikums! -  das, was auch in diesem Video von ihm zu hören ist: Liederabende leben, wenn auch manchmal gemeint wird, sie seien nicht mehr zeitgemäß. Graz mit seinem wunderschönen Saal und seinem fachkundigen Liedpublikum sei dafür ein leuchtendes Beispiel und Vorbild. Das Grazer Publikum - und auch der Schreiber dieses Berichts, der für sich in Anspruch nehmen kann, dass er wohl alle Auftritte von Helmut Deutsch in den letzten 45 Jahren erleben durfte - hoffen jedenfalls auf noch viele Abende mit Helmut Deutsch!

Im 2.Teil war dann Piotr Beczała ganz in jenem spätromantischen Milieu der effektvollen Podiumslieder, in dem er sich hörbar wohl fühlte. Die Stimme strömte frei - und auch wenn man weder polnisch noch tschechisch oder russisch versteht, vermittelte er einem den Eindruck plastischer Textgestaltung und vor allem prachtvolle slawische Belcanto-Phrasen. Das war Wohlklang pur. Mieczysław Karłowicz (1876 -1909) ist ein mir bisher unbekannter polnischer Komponist mit einem Œuvre, das in Polen zum festen Bestandteil der nationalen Musiktradition gehört. Die sieben Lieder, die Piotr Beczała an diesem Abend sang (übrigens nicht in der im Programmheft angeführten Reihenfolge, sondern genau in der seines Salzburger Liederabends) sind Jugendwerke - effektvoll und sängerfreundlich an der Volksmusik orientiert. Diese Lieder sind für Beczala wohl das, was in der letzten Zeile des 2.Liedes ausgesprochen wird: Die Musik meiner Seele. Dann folgten die dem Liedpublikum wohlbekannten Zigeunerlieder von Antonín Dvořák - packend und leidenschaftlich vorgetragen. Die letzte Gruppe des offiziellen Programms bildeten vier Lieder von Sergej Rachmaninow mit den strahlend-prächtigen Frühlingsfluten als effektvollen Schlusspunkt. Bei allen drei slawischen Komponisten strahlte die Stimme Beczalas in allen Lagen und dynamischen Abstufungen. Das Publikum war begeistert und feierte das Lied-Duo mit Standing Ovations.

Natürlich gab es Zugaben - auch sie allerdings im Rahmen des durch Jahre Erprobten. Da ist so wie im Programm selbst alles genau überlegt und dosiert. Als erstes erklang die effektvolle Zueignung des 18-jährigen Richard Strauss. Die zweite Zugabe war ein zungenbrecherisch flottes und effektvolles polnisches Lied - ich vermute, es stammt aus der Feder von Stanislaw Moniuszko. Die ersten beiden Zugaben erklangen übrigens vor kurzem auch in Frankfurt. Und als absoluten Abschluss gab es dann Italienisches: das berühmte Core N'grato - Catari, mit dem Piotr Beczała schon 2014 seinen Salzburger Liederabend gekrönt hatte - also auch bei den Zugaben Bekanntes und Bewährtes - und doch: es war großartig, eben genau so wie der ganze Abend - trotz oder vielmehr wegen der Routine und Erfahrung: Kunst des Augenblicks, Kunst des Jetzt! Generalsekretär Dr. Michael Nemeth kann zufrieden sein - mit solchen Programmierungen kann und wird er das Liederabend-Publikum noch lange begeistern können.

Hermann Becke, 19.3.2017

Hinweise:

-        Ausführliches Audio-Interview mit Piotr Beczała über Liedgesang und das heutige Programm für den Heidelberger Frühling, wo das Konzert am 7.4.2017 wiederholt wird

-        Wer einen Eindruck von den Karłowicz-Lieder gewinnen will, kann hier zwei Beispiele hören - allerdings nicht mit Piotr Beczała, der zwar auf eine ungemein reichhaltige Diskographie verweisen kann, in der man aber bisher keine Lieder findet. Der Grazer Abend wurde mitgeschnitten - bahnt sich da vielleicht die erste Lied-CD an??

-        Natürlich darf auch ein akustischer Eindruck von Piotr Beczała in diesem Bericht nicht fehlen: hier sein Core N‘grato

-        Der nächste Liederabend folgt in Graz schon am 6. April - mit Christiane Karg und Gerold Huber

 

 

 

 

ADAM PLACHETKA - GARY MATTHEWMAN

6. 2. 2017 im Stephaniernsaal

Schuberts Winterreise in junger Interpretation

„Just a little over two weeks to my first Winterreise. Can`t wait!“ - das schrieb der 31-jährige tschechische Bassbariton Adam Plachetka auf seiner Facebook-Seite (samt Autograph-Ausschnitt von Schuberts Leiermann). Und wirklich: es hat schon einen besonderen Reiz, wenn ein trotz seiner Jugend bereits weltweit arrivierter Opernsänger zum ersten Male mit Schuberts Meisterwerk auf das Konzertpodium tritt. Plachetka hatte schon mit 20 Jahren sein Operndebüt in Prag - aber er hat sich wohl immer auch mit dem Lied beschäftigt. Das kann man auf seiner Homepagesehr schön nachvollziehen: unter den acht dort angebotenen Musikbeispielen sind vier Liedaufnahmen (darunter auch Schuberts Lindenbaum) aus dem Jahre 2011 - alle mit dem britischen Liedbegleiter Gary Matthewman, der nun auch sein Partner bei dem Winterreise-Debüt in Graz war.

Und wenn man sich zusätzlich ins Bewusstsein ruft, dass Wilhelm Müller und Franz Schubert beim Verfassen der Gedichte und der Komposition etwa so alt waren, wie das Adam Plachetka und Gary Matthewman heute sind, dann nimmt man die Interpretation auf in einer adäquaten jugendlichen Frische und in einer Intensität, die dem Werk gemäß ist.

Trotz Verkühlungs-und Grippezeit war das Publikum im großen Stephaniensaal sehr diszipliniert - das von den Liedinterpreten immer gefürchtete Husten und Räuspern hielt sich sehr in Grenzen, ja verstummte im Laufe des Abends fast gänzlich. Das ist immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass es den Künstlern gelungen ist, das Publikum zu fesseln. Nach dem Verklingen des letzten Leiermann-Akkords hielt das Publikum den Atem an - und erst dann brachen der verdiente Beifall und die Bravo-Rufe los. Auch bei den Interpreten legte sich nun spürbar die Spannung und die beiden nahmen sichtlich erleichtert-dankbar den großen Applaus entgegen.

Das Grazer Liedpublikum kann sich glücklich schätzen, nach zwei großen und völlig unterschiedlichen Interpretationen von Schuberts Winterreise (Jonas Kaufmann mit Helmut Deutsch und Simon Keenlyside mit Emanuel Ax) im Jubiläumsjahr 2014 (200 Jahre Musikverein für Steiermark) nun eine ganz andere, aber ebenso gültige Wiedergabe erlebt zu haben.

Adam Plachetka sang den Zyklus in der tiefen Ausgabe - das unterstreicht den düsteren Charakter des Werkes. Seine virile Bassbariton-Stimme blüht (erst) ab dem mezzoforte  zu vollem Glanz auf - diese Stärke wurde gleich beim ersten Lied Gute Nacht deutlich erkennbar. Plachetka und Matthewman begannen sehr zurückhaltend, ja zögernd - also gar nicht so entschieden, wie dies der große Gerald Moore einst empfohlen hatte. Erst in der 3. Strophe - was soll ich länger weilen, dass man mich trieb hinaus - hörte man dann jenen metallisch-warmen Klang, den man bei Plachetkas Opernfiguren kennt und schätzt. Und dieser Eindruck setzte sich den ganzen Abend fort: Plachetkas Piano klingt oft seltsam flach - das mag man als legitimes Ausdrucksmittel sehen, aber es birgt auch das Risiko nicht immer ganz sauberer Intonation, und der Kontrast zu den großartigen Verzweiflungsausbrüchen im Forte ist ein wenig zu groß. Erst in den letzten Liedern wird das Auseinanderklaffen zwischen fahlem Piano und warm-glänzenden Forte überbrückt - etwa sehr schön im Wirtshaus oder in den Nebensonnen und geradezu ideal im abschließenden Leiermann. Ausgezeichnet sind die sprachliche Intensität und die große, absolut unmanierierte Wortdeutlichkeit Plachetkas - auch sein ehrliches Gestalten überzeugt. Das fallweise ein wenig vordergründig demonstrierte Selbstmitleid wird sich im Laufe der Jahre noch abschleifen und jener existenziellen Verzweiflung Platz machen, die schon jetzt etwa im Leiermann so berührend vermittelt wurde.

Gary Matthewman bestätigte mit seiner Interpretation der Winterreise das, was man auf der Website seiner Agentur lesen kann: one of the UK's leading song pianists. Er begleitete wahrhaft subtil und mit vielfältigen Klangfarben - etwa im Vorspiel zum Frühlingstraum. Schon vor fünf Jahren hat er eine vielbeachtete CD der Winterreise - damals mit dem englischen Bassisten Matthew Rose - eingespielt. In so manchem Punkte ist Gary Matthewman in seiner Wiedergabe nicht Gerald Moore gefolgt - obwohl er ihn als my ultimate musical hero bezeichnet. Auf die Auffassungsunterschiede bei der eröffnenden Gute Nacht habe ich schon oben hingewiesen. Ein anderes Beispiel: In der Wasserflut wird immer diskutiert, ob die Sechzehntel im Bass mit oder nach der Triole der Oberstimme kommen sollen. Matthewman wählte die rhythmisch ein wenig glatte und gefällige Lösung und spielte im Bass und in der Oberstimme Triolen, während Gerald Moore den Standpunkt vertritt, dass die nachhinkenden Sechzehntel (wie sie in der Partitur stehen) die müden, mühsamen Schritte des Wanderers symbolisieren. (Mir persönlich gefällt Moores Interpretation besser). Sehr schön und spannungsvoll fand ich, dass Matthewman gegen das Ende des Zyklus die Lieder immer enger aufeinander folgen ließ - so etwa der effektvolle direkte Übergang vom Stürmischen Morgen zur Täuschung. Ein wenig vermisste ich in der Klavierbegleitung den drängenden Zug des Vorwärtsgehens, der meiner Meinung nach so wichtig ist, um den Gesamtzusammenhang der 24 Lieder zu wahren. Die klanglich wunderschön nuancierten Klavierpassagen im Wirtshaus bremsten fast ein wenig, statt dass sie den Sänger auf seiner „langen Reise“ weiterführen.

Aber wie auch immer: alle meine Anmerkungen sind Anregungen für eine Weiterentwicklung der Interpretation der beiden jungen Interpreten und ändern nichts daran, dass insgesamt eine sehr intensive und das Publikum merklich anrührende Interpretation eines zentralen Werk des deutschen Liedrepertoires gelungen war.

Hermann Becke, 7. 2. 2017

 

Hinweise:

-        Bei Adam Plachetka geht es gleich mit Schubert weiter - am 8., 9. und 10. Februar gibt es in Prag Lieder in der Orchesterfassung von Reger und Berlioz

-        Gary Matthewman wird im Juli wieder in Graz sein - diesmal als Pädagoge bei einem Workshop für Pianisten

-        Am 22.3. 2017 gibt es in neuer Form die Programmpräsentation des Musikvereins für die Saison 2017/18  

 

 

CECILIA BARTOLI

Festkonzert mit Les Musiciens du Prince

am 1.12.2016

Ein wahrhaft großer Abend!

 

Heute wird im Stephaniensaal ein Koloratur-Vulkan ausbrechen, wenn Cecilia Bartoli und Les Musiciens du Prince "Händels Heldinnen" auf die Bühne bringen werden. Das Konzert ist ausverkauft! Das postete der Veranstalter „aufgeregt“ wenige Stunden vor Konzertbeginn auf Facebook.

Und es war wirklich der angekündigte Vulkan-Ausbruch - auf dem Konzertpodium, das zur Bühne wurde, ebenso wie im Saal, in dem sich schon zur Pause und erst recht am Ende die Begeisterung des Publikums mit vielfältigen Bravo-Rufen und standing ovations Luft machte.

Man wusste ja, was einen erwartete - man hatte die Berichte über die unmittelbar vorangegangenen Auftritte in München und Wien gelesen. All diese Berichte, Fotos, aber auch die reiche Discographie der Bartoli können das direkte, das persönliche Erleben nicht ersetzen - das wurde einem wieder einmal bewusst. Es war einfach ein großartiger Abend!

Das Originalklangensemble Les Musiciens du Prince wurde erst in diesem Jahr auf Initiative von Cecilia Bartoli gegründet - anknüpfend an die alte Tradition der Hofkapellen am monegassischen Hof. Nähere Informationen findet man auf der Homepage des neuen Ensembles. Von dort stammt auch das Foto, das den monegassischen Fürsten Albert II und seine Schwester Caroline mit dem Direktor der Opéra Monte-Carlo und Cecilia Bartoli zeigt.

Mit diesem - „ihrem“ -  Ensemble ist nun Cecilia Bartoli unter dem Titel HÄNDELS HELDINNEN auf den europäischen Konzertpodien unterwegs, und Graz konnte sich freuen, eine Station dieser Tournee zu sein. Die Bartoli war ja schon zu Beginn ihrer Weltkarriere vor fast 20 Jahren zu Gast im Grazer Stephaniensaal und schrieb daher diesmal im Programmheft: Liebes Musikvereinspublikum! Ich bin sehr glücklich, in dieser Spielzeit wieder in Ihre wunderschöne Stadt zurückkehren zu dürfen und freue mich ganz besonders, im phantastischen Stephaniensaal mein Händel-Programm und das neu gegründete Orchester Les Musiciens du Prince vorstellen zu dürfen!

Dieses Händel-Programm ist dramaturgisch höchst wirkungsvoll zusammengestellt, wie gleich der Beginn des Abends bewies: Das etwa 30-köpfige Instrumentalensemble unter der Führung der Konzertmeisterin Ada Pesch (alle in etwas düsterer Einheitskleidung) betritt rasch die Bühne, schneidet den Auftrittsapplaus fast ab und beginnt temperamentvoll mit der Ankunft der Königin von Saba aus Händels Solomon. In den Applaus für dieses effektvolle Eröffnungsstück tritt dann die Königin des Abends in großer blauer Robe auf das Podium und singt Szenen des Piacere aus Il trionfo del tempo e del disinganno. Die Bartoli ist eine Künstlerin, die immer mit höchstem persönlichen Engagement ihre Partien interpretiert und sofort ihr Publikum zu fesseln versteht. Sie singt nicht nur mit ihrer ganz individuell timbrierten Stimme (die mir nun dunkler und noch einheitlicher in allen Lagen gefärbt erscheint als vor einigen Jahren), sie singt auch mit ihren Blicken, ihrer Mimik und ihrer Körperhaltung. So werden mit ihr auch so bekannte „Schlager“ wie Lascia la spina  zu einem unmittelbar berührenden Erlebnis - man erlebt überzeugend, dass Musik eine Kunst ist, die sich in der Gegenwart des Augenblicks ereignet und nur hier ihre volle Gültigkeit erreicht. Diese Minuten kann keine mediale Aufzeichnung ersetzen und sie sind auch nicht wiederholbar, sie müssen jedes Mal neu entstehen.

Bevor die Bartoli dann zum ebenso berührenden Klagegesang des Acis kommt - in subtilem piano von den Streichern begleitet -, spielt der exzellente Oboist Luigi Fabretti die ersten beiden Sätze aus Händels Oboenkonzert in g-moll - und man bedauert, dass er nicht auch die beiden weiteren Sätze (Sarabande und Allegro) spielen durfte. Aber das hätte natürlich den theatralischen Ablauf des Barockspektakels (oder wie ein Besucher äußerte: der „Barockorgie“) allzu sehr gehemmt. Denn nun folgten tatsächlich höchst wirkungsvoll theatralische Aktionen, die nie künstlich aufgesetzt wirkten, sondern sich einfach aus dem geradezu unbändigen Gestaltungswillen und dem Darstellungstrieb der Bartoli entwickeln. Zu der delikat nur von Laute und Violoncello begleiteten Schlafszene der Semele räkelt sich Bartoli genüsslich und der rasch von der Konzertmeisterin gereichte Spiegel und dann das Smartphone passen geradezu zwingend dazu, wenn Semele/Bartoli singt: Myself I shall adore, if I persist in gazing. Das alles ist perfekt einstudiert und wirkt dennoch wie aus dem Augenblick geboren - das ist eben die große Kunst der Bartoli, perfekt-professionelle Vorbereitung mit der Spontaneität des Augenblicks zu verbinden. Mit der expressiven Verzweiflungs- und Racheszene der Melissa aus Amadigi di Gaula - gleichsam ein Virtuosenwettstreit zwischen Trompete, Oboe und Stimme geht man in die Pause. Das Publikum spendete schon jetzt begeisterten Beifall.

Nach der Pause kommt Cecilia Bartoli im schwarzen Hosenanzug mit weißem Spitzenjabot auf das Podium und bezaubert zunächst gemeinsam mit dem ebenso virtuosen Flötisten Jean-Marc Goujon (samt zusätzlichen Vogelstimmen, die der Trompeter und der Schlagwerker aus dem Hintergrund charmant beisteuern) in einer Dafne-Szene, bevor wir dann zu Ausschnitten aus Ariodante kommen, eine Händeloper, die szenisch  auf dem Programm der Salzburger Pfingstfestspiele 2017 stehen wird. In der großen Szene des Ariodante konnte man die exzeptionelle Artikulationkunst der Bartoli erneut bewundern. Ihr gelingt es, die scharfe, fast überdeutliche Aussprache der Konsonanten - etwa in Scherza in fida in grembo als drudo - markant herauszuarbeiten, ohne aber dabei den großen Legato-Bogen der ruhig geführten Stimme zu unterbrechen - das ist große italienische Gesangskunst. Am Ende gab es stürmischen Beifall im übervollen Stephaniensaal - und es gab natürlich ein perfekt vorbereitetes Zugabenprogramm, das selbst wieder geradezu ein Gesamtkunstwerk war.

Die drei Zugabenstücke findet man übrigens alle im Internet - es sind sozusagen „Bartoli-Hits“: Als erstes Vivaldis Sventurata Navicella - da begleitete sich die Bartoli selbst mit dem Tamburin, Und dann kamen auch noch die Bläsersolisten dazu. Zunächst das getragene Vivaldi- Arioso Sol da te, mio dolce amore  mit dem Flötisten Jean-Marc Goujon und dann virtuosen Höhepunkt aus dem Steffani-Project der publikumswirksame Wettstreit zwischen Trompete und Stimme A facile vittoria aus der Oper Tassilone (1709) von Agostino Steffani. Die Überraschung war dabei der nahtlose Übergang zu Gershwins Summertime. Das Publikum tobte und wollte die Bartoli gar nicht gehen lassen, aber nach vielen Verbeugungen des ebenso bejubelten Orchesters packte die Diva ihre Blumen und verließ mit ihrem Ensemble energischen Schrittes das Podium. Es war ein großer Abend im Grazer Musikverein!

Hermann Becke, 2. 12. 2016

Bilder (c) Musikverein

 

 

 

MAURO PETER MIT HELMUT DEUTSCH

Lieder von Schumann, Strauss und Liszt in überzeugender Interpretation

Stephaniensaal am 24. 10. 2016

Das Lied-Duo Mauro Peter/Helmut Deutsch ist zum beliebten Stammgast im Grazer Liederabendzyklus geworden - im Mai vorigen Jahres waren sie mit der Schönen Müllerin hier und im vergangenen November sprangen sie mit einem Goethe-Schubert-Programm ein für die absagenden Krassimira Stoyanova/ Vesselina Kasarova. Das Publikum begrüßte die Wohlbekannten und Hochgeschätzten mit herzlichem Beifall bei ihrem neuerlichen Auftritt in Graz, mit dem der diesjährige fünfteiligen Liederabend-Zyklus des Musikvereins eröffnet wurde.

Diesmal kamen die beiden gerade von einer Deutschland-Tournee - Mauro Peter schrieb dazu auf seiner Facebook-Seite: Die "Mini-Tournée" mit den deutschen Volksliedern von Brahms ist viel zu schnell vorüber gegangen...Es waren tolle, witzige, innige und spannende Liederabende; zusammen mit der wunderbaren Christiane Karg (die wir übrigens im April 2017 auch in Graz wieder begrüßen dürfen!) und dem einmaligen Helmut Deutsch!

In Graz begann nun eine neue Serie von Liederabenden - dieses neue Programm wird nach Graz u.a. auch in Bozen, Lugano, Wien (am 24. 11.), Dortmund, London, Madrid, Berlin…. zu erleben sein. Es ist eine kluge Zusammenstellung von liebevoll ausgesuchten, teils selten gehörten Liedminiaturen und baut im ersten Teil auf der erst vor zehn Tagen erschienenen Schumann-CD auf. Neben der Dichterliebe sind auf dieser neuen CD elf der in Graz interpretierten Schumann-Lieder vertreten.

Immer öfter wird heutzutage Liederabend-Programmen ein zusammenfassender Titel vorangestellt - Mauro Peter und sein Lied-Mentor Helmut Deutsch haben darauf verzichtet und so mag man vielleicht das Meisterstück Schumann’scher Heine-Interpretation Abends am Strande als Motto des Abends betrachten. Mit diesem in ruhiger Achtelbewegung dahinfließenden Lied eröffneten die beiden den Abend. Das Lied erzählt von fernen Ländern „vom SüdeProgrammtn und vom Nord“, „von seltsamen Menschen und seltsamen Sitten“ und von Mädchen, die „horchten einsam“. All das folgte nun tatsächlich im kaleidoskopartig-abwechslungsreichen Programm! Speziell in den elf ausgewählten Schumann-Liedern des ersten Teils fiel auf, wie ungeheuer zurückhaltend und kammermusikalisch diese feinen Miniaturen stimmlich und am Flügel gestaltet wurden. Da drängte sich nie Selbstdarstellung in den Vordergrund. Bewundernswert ist die eminente Wortdeutlichkeit und Genauigkeit der Textausdeutung durch Mauro Peter - da erlebt man größte Natürlichkeit bei gleichzeitig absolut sicherer Stimmtechnik und schön timbriertem Tenorklang. Die erste Schuman-Gruppe schloss mit dem wohlbekannten Belsazar. Allzu oft hat man diese schaurige Ballade in Interpretationen erlebt, die die Singstimme bewusst aufrauhen und fast ins Rezitativisch-Opernhafte führen. Nichts davon erlebt man bei Mauro Peter. Er gestaltet die Ballade geradezu zurückhaltend-lyrisch. Peter und Deutsch beachten dabei minutiös die dynamischen Vorgaben Schumanns. Bei Schumann ist der größte Teil des Liedes im piano geschrieben - da kommen dann die entscheidenden Forte-Stellen umso eindrücklicher und brauchen keine opernhafte Zuspitzung. Das Stück ist ein einziges diminuendo, das in das Schweigen des Todes mündet. Mauro Peter und Helmut Deutsch haben das eindrucksvoll vermittelt.

Im Mittelteil erklangen die Fünf Lieder, op. 40 von Robert Schumann, von denen vier auf Gedichte Hans Christian Andersens

(nun also der „Nord“!) in der Übertragung Adelbert von Chamissos komponiert sind. Da erleben wir im Muttertraum Düster-Pessimistisches und im Spielmann Grelles. Das fünfte Stück Verratene Liebe ist ein neugriechisches Liebesgedicht in Chamissos Übersetzung und leitet leichtgewichtig in die Schlussgruppe des ersten Progrsammteils über, in der wir erstmals Mauro Peter als Richard Strauss - Interpret erlebten.

Die Schlichten Weisen des jungen Richard Strauss - allesamt wohlbekannte und nach wie vor gerne gehörte Stücke im Repertoire der heutigen Liedinterpreten - interpretierten Mauro Peter und Helmut Deutsch eigentlich ganz im Stile der vorangegangenen Schumann-Miniaturen und nicht als Applaus herausfordernde Podiumslieder. Das war eine durchaus interessante Alternative zu Gewohntem.

Nach der Pause folgten zunächst die Mädchenblumen von Richard Strauss - ebenfalls ein Jugendwerk, dessen schwelgerische Texte von Felix Dahn wohl so gar nicht mehr unserem heutigen Frauenverständnis entsprechen. Der kleine Zyklus portraitiert vier Frauencharaktere: auf die romantischen, anspruchslos-friedfertigen "Kornblumen" folgen die koketten "Mohnblumen", die "nur geboren scheinen, die Kornblumen zu necken"; dann der seelenvolle, melancholische "Efeu", geschaffen, "sich zu ranken liebend um ein ander‘ Leben", und zuletzt die geheimnisvolle "Wasserrose", deren Zauber sich wie der einer Elfe nur nachts entfaltet. Der Zyklus wird meines Wissens immer von Sopranen gesungen - i

ch habe ihn jedenfalls erstmals von einem Mann interpretiert erlebt. Mauro Peter macht das charmant-unbefangen und die klangliche Meisterschaft des Komponisten und seiner Interpreten lässt die eher peinlichen Texte (fast) vergessen.

Das offizielle Programm schlossen dann die Tre Sonetti di Petraca von Franz Liszt ab - sie erklangen im italienischen Original (und nicht in der später von Peter Cornelius mit deutschem Text versehenen Fassung). Und hier erlebte man eine ganz andere Seite von Peters Gesangskunst. Hier breitete er in breiter Kantilene italienischen Belcanto-Glanzes aus und ließ die Stimme frei strömen. Im zweiten der drei Sonette - Pace non trovo -  bestach Mauro Peter auch mit eindrucksvollen Spitzentönen - zunächst gelang ihm das hohe ces in der Passage ed amo altrui  mit perfekter voix mixte. Am Ende schwang er sich in egualmente gar bis zu einem strahlenden hohen Des auf - in beiden Fällen hatte Liszt vorsorglich eine tiefere Alternativversion notiert, aber Mauro Peter konnte aus dem Vollen seiner reichen Stimme schöpfen und wählte beide Male die hohe Originalfassu

ng. Auch bei Liszt begleitete Helmut Deutsch plastisch, manchmal eindrucksvoll das Brüchige der Liszt-Komposition betonend.

Nun gab es Riesenbeifall im vollen Saal - es eilte eine Dame aus dem Publikum zum Podium und überreichte einen Strauß gelber Rosen - nein, zur allgemeinen Überraschung nicht an den Tenor Mauro Peter, sondern an den großartigen Liedbegleiter Helmut Deutsch, der seit 45 (!) Jahren ein hochgeschätzter Gast in Graz ist.

Das begeisterte Publikum wurde mit einem reichen Zugabenprogramm belohnt:

Zunächst zweimal Richard Strauss - das pathetisch-expressive Breit über mein Haupt dein schwarzes Haar und das effektvoll-heitere Nichts - beide nun nicht mehr so kammermusikalisch-zart präsentiert wie die bisherigen Strauss-Lieder des Abends, sondern mit gebührend-breiter Stimm

führung als große Podiumslieder - eine würdige Fortsetzung der großen Liszt-Lieder. Entsprechend groß war

der Applaus - mit den in Graz schon üblichen, oft ein wenig deplatzierten und exaltierten Bravi-Rufen. Bei Liszt und Strauss mag man sie tolerieren…..

Und mit den letzten beiden Zugaben kehrten Mauro Peter und Helmut Deutsch wieder zum Kammermusikalisch-Verhaltenen zurück:

Da erklang zuerst das gefühlvoll-herzliche Es muss ein Wunderbares sein von Franz Liszt und dann als absoluter Schlusspunkt der traurige Heine-Text von unglücklicher Liebe Es fiel ein Reif in der Frühlingsnacht in der berührenden Vertonung von Robert Schumann - meisterhaft wie Mauro Peter die Schlussworte sie sind verdorben, gestorben gestaltete und wie Helmut Deutsch die drei Takte des Nachspiels geradezu ins Nichts wegtropfen ließ. Das Publikum hielt den Atem an, bevor sich nochmals der begeisterte Schlussapplaus entlud - es war ein großer Liederabend!

Hermann Becke, 25. 10. 2016

 

Hinweise:

-        Die Rolex-Werbung mit großen Künstlerpersönlichkeiten (Domingo, Te Kanawa, Dudamel, Bartoli) ist in den einschlägigen Medien omnipräsent. Seit wenigen Tagen ist nun auch Mauro Peter Werbeträger für eine Schweizer Uhrenfirma - er repräsentiert Epos als Markenbotschafter: Mauro Peter steht für Präzision und Vielfältigkeit. Werte, die mit den anspruchsvollen EPOS-Uhren harmonieren. «Die Verbindung unserer Handwerkskunst mit Mauro Peters musikalischem Talent ist eine perfekte Symbiose»

-        Sehr erfreulich: beim letzten Konzert hatte ich moniert, dass die Namen von Sänger und Begleiter in der Ankündigung und im Programmheft unterschiedlich groß gedruckt waren. Diese Unbedachtheit hatte man diesmal vermieden - danke!

 

 

 

THOMAS QUASTHOFF-FLORIAN BOESCH

Ein spannender Abend rund um Heinrich Heine

Stephaniensaal 13. 4. 2016

Der ursprünglich schon für März 2015 im Liederabend-Abonnement anberaumte und damals wegen einer Erkrankung abgesagte Heine-Abend wurde nun nachgeholt - ein Programm, das Thomas Quasthoff und Florian Boesch seit 2013 schon wiederholt auf Europas Konzertpodien präsentiert haben (u.a. Dortmund, Hannover, Wien, Berlin und zuletzt im Februar dieses Jahres in Hamburg und Amsterdam). In Graz hatte dieser Abend nun eine neue Facette: hatte sonst immer Justus Zeyen, der jahrelange Duo-Partner von Quasthoff, am Flügel begleitet (er war ursprünglich auch für Graz angekündigt), war es diesmal der junge Österreicher Christian Koch, der - offenbar recht kurzfristig - den Klavierpart übernommen hatte.

Eines vorweg: es war ein wunderbares Programm, das die Vielfalt von Sprache und Gesang am Beispiel von Heinrich Heine ideal zur Geltung brachte. Die Rollenaufteilung zwischen Rezitator und Sänger wurde von Anfang an klar:

Der Abend begann mit dem wunderschönen Gedicht Das ist der alte Märchenwaldaus der Vorrede zur 3.Auflage zu Heines Buch der Lieder, dessen Entstehung bis in das Jahr 1822 zurückgeht und aus dem die meisten vertonten Heine-Texte stammen - ein Gedicht von Märchenwald, Nachtigall, Lindeblüte, Lieb und Liebesweh und der Vereinigung einer Wollust heischenden, lebendig gewordenen Sphinx. Diese Vorrede stammt aus dem Jahre 1839, als sich die Lähmungserscheinungen von Heines Nervenkrankheit schon deutlich zeigten. Heine schreibt zu diesem Märchenwald-Gedicht: O Phöbus Apollo! sind diese Verse schlecht, so wirst du mir gern verzeihen... Denn du bist ein allwissender Gott, und du weißt sehr gut, warum ich mich seit so vielen Jahren nicht mehr vorzugsweise mit Maß und Gleichklang der Wörter beschäftigen konnte... Du weißt, warum die Flamme, die einst in brillanten Feuerwerkspielen die Welt ergötzte, plötzlich zu weit ernsteren Bränden verwendet werden musste... Du weißt, warum sie jetzt in schweigender Glut mein Herz verzehrt...

Der Rezitator blickt zurück auf schmerzliche Liebesbegegnungen und Erlebnisse, die dann im darauffolgenden dreiteiligen kleinen Schumann-Zyklus Der arme Peter der Sänger in großer Verzweiflung geradezu selbstzerstörerisch ganz konkret durchlebt. Die einfachen eher im Volkston gehaltenen kurzen Lieder gewinnen durch diese Interpretation eine ganz andere Farbe, als man von ihnen gewohnt ist und wohl auch ein anderes Gewicht, als ihnen der Komponist selbst beigemessen hat. Der Sänger ist das von Emotionen geplagte Individuum - der Rezitator hat die Rolle des Zurückblickenden, des Berichtenden, der auch die romantische Ironie der Texte auskostet.

Und diese Rollenaufteilung zieht sich durch den ganzen Abend durch. Thomas Quasthoff ist der ungemein plastisch und in vielfältigen Farben artikulierende Rezitator - etwa im Gespräch auf der Paderborner Heide oder vor allem im 2. Teil mit einem grandiosen Vortrag von Heines gespenstischer BrautnachtQuasthoff stellt uns hier mit Wortgewalt jene unheimliche Gestalt vor, um die es geht. Er flüstert, schmeichelt, lästert hämisch oder schreit kurz und gellend - und verleiht so dem Mann, der sich in Heines verstörendem „Traumbild“ vom Teufel eine Braut zuführen lässt, eine zutiefst beeindruckende Mischung aus Liebesverlangen, (Todes)Sehnsucht, tiefer Verbitterung und Groteske - ohne dabei die romantisch-ironische Distanz zu vernachlässigen. Das war großartig.

Florian Boesch verzichtet in seinen Liedinterpretationen auf diese Vielfalt - bei ihm steht ganz der verzweifelte, gepeinigte Mensch im Vordergrund, der „die ganze Welt der Schmerzen tragen“ muss - etwa in Schuberts Der Atlas oder Der Doppelgänger. Das vermittelt Florian Boesch mit exzellenter, nie manierierter Textdeutlichkeit und mächtig-fahler Stimme, die auch hohle, ja hässliche Töne nicht scheut.  Selbst in jenen Lieder, wo lyrische Legato-Bögen und warme Farben gefragt sind (etwa in Schumanns Dein AngesichtDu bist wie eine Blume und Die Lotusblume ) bleibt Boesch bei seiner expressiven (stimmlich oft erstaunlich flach, ja ungestützt)  wirkenden Stimmführung, die auf kantablen Schöngesang verzichtet und sich auf das Schmerzenreiche konzentriert. Das macht in ihrer Konsequenz durchaus Eindruck, wenn man sich allerdings auch zum Beispiel für den wunderbaren Schumann-Liederkreis opus 24 eine ganz andere Interpretation vorstellen kann. Wie schön, dass das Grazer Liedpublikum in der nächsten Saison diesen Vergleich wird selbst anstellen können, entnimmt man doch der Programmvorschau 2016/17, dass dieser Zyklus neuerlich erklingen wird - dann in der Interpretation von Andrè Schuen.

Großartig war die deutliche Anteilnahme der Künstler beim aufmerksamen Zuhören der Beiträge des jeweils anderen. Bewundernswert auch das musikalische Feingefühl von Thomas Quasthoff. Für mein Empfinden traf er immer perfekt den Zeitpunkt, wann er nach Verklingen des letzten Akkords eines Liedes zu sprechen begann. Man sah und spürte geradezu körperlich, wie er in den Liedern mitlebte, die gerade erklangen und die er ja selbst so oft interpretiert hatte. Da erlebte man große Künstlerpartnerschaft. Der Pianist Christian Koch begleitete kraftvoll-markant und konzentriert - er schloss sich musikalisch ganz der Zugangsweise von Florian Boesch an.

Am Ende gab es lebhaften Beifall für alle drei Ausführenden - man hatte wahrhaft einen spannenden Abend erlebt, der einen in Atem hielt!

Hermann Becke, 14. 4 . 2016

Hinweis:

Eben wurde das Musikverein-Programm für 2016/117 vorgestellt - auch für Opernfreunde lohnt es sich, das Programmheft genau durchzuschauen, wird es doch z.B. Festkonzerte mit Cecilia Bartoli und Elīna Garanča geben, und auch der Liederabendzyklus mit Mauro Peter/Helmut Deutsch, Adam Plachetka/Gary Mathewman, Pjotr Beczala/Helmut Deutsch, Christiane Karg/Gerold Huber und Andrè Schuen/Daniel Heide verspricht Interessantes - wie schön, dass Graz zu den ganz wenigen Konzertveranstaltern zählt, die noch eine Liederabend-Serie anbieten!

 

 

DMITRI HVOROSTOVSKY

Comeback in Österreich

Festkonzert mit dem Ural Philharmonic Orchestra unter Dmitri Liss

Im  Stephaniensaal am 6. 4. 2016

 

Following a trio of widely-acclaimed North American recitals, Dmitri Hvorostovsky returns to Europe for a quartet of concerts in Hungary and Austria with conductor Dmitri Liss. Das liest man auf der Homepage des russischen Baritons Dmitri Hvorostovsky, der wegen einer ernsthaften Erkrankung vor etwa einem Jahr alle Auftritte, darunter auch den Jago bei den Salzburger Osterfestspielen absagen musste. Nach dem umjubelten Konzert am vergangenen Samstag in Budapest war nun der Grazer Abend das erste Auftreten in Österreich - am 9. 4. folgt dann der Auftritt im Wiener Konzerthaus und am 12. 4. das Konzert im Linzer Brucknerhaus, bevor dann Hvorostovsky viermal an der Wiener Staatsoper im Ballo in Maschera  und danach in Simon Boccanegra zu erleben sein wird.

Das Publikum in Graz hat den Ausnahmekünstler begeistert aufgenommen und man versteht , dass Hvorostovsky noch in der Nacht auf seiner Facebookseite postete: Good to be in Austria and looking forward to this month, next month, and — just announced — next season at Wiener Staatsoper: Three Verdi roles over the next eight months!

In Graz hatte man Dmitri Hvorostovsky vor zwei Jahren in einem eindrucksvollen Liederabend (Medtner, Tschaikowskij, Liszt, Rachmaninow) erlebt. Diesmal gab es ein Festkonzert mit dem Titel „Russisch-italienische Opernnacht“ - begleitet vom exzellenten Ural-Philharmonic-Orchestra unter Dmitri Liss .

Der Abend wurde klangprächtig mit der Polonaise aus Eugen Onegin eröffnet. Das groß besetzte Orchester spielte brillant unter der suggestiven Zeichengebung von Dmitri Liss - sogleich war klar, dass an diesem Abend das Orchester gleichberechtigter Partner eines Weltstars ist und nicht bloß Begleit-Staffage. Und dann trat Hvorostovsky auf das Podium und schaffte sofort spannungsvoll aufgeladene Bühnendramatik mit der Szene des Bojaren Schaklowity aus Mussorgskiijs Chowantschina. Die Stimme ist merklich dunkler geworden - mit kaum gebändigter Kraft, aber wohl auch mit ein wenig Anstrengung gestaltete er die Arie, und man wurde geradezu hineingezogen in düstere russische Religionsgeschichte. In der darauf folgenden Romanze aus Anton Rubinsteins Der Dämon strömte dann Hvorostovskys Prachtorgan schon viel freier. Als krönenden Abschluss des ersten Gesangsblock erlebte man dann eine überaus plastische, geradezu kraftstrotzend-saftige Wiedergabe der berühmten Ballade des Tomski aus Pique Dame. Bereits jetzt gab es Jubel und Bravo-Rufe des Publikums.

Tschaikowskijs Capriccio Italien lud die Stimmung im Saal weiter auf - zu Recht wurden nun auch Orchester und Dirigent bejubelt.

Die beiden Schluss-Stücke vor der Pause waren die Cavatine des Aleko von Rachmaninow - hier spannte Hvorostosky mit langem Atem große Melodiebögen - und die große Szene des Fürsten Igor von Borodin - mit heldenbaritonaler Emphase prächtig gestaltet.

Nach der Pause eröffnete das Orchester mit Maurice Ravels La Valse - effektvoll interpretiert und den akustischen Rahmen des Stephaniensaales fast sprengend. Nach dem lyrisch-verhaltenen Resta immobile aus Rossinis Wilhelm Tell, kam der erste Verdi-Beitrag: die große Renato-Szene Alzati aus dem Maskenball. Da hat sich Hvorostovsky selbst die Latte hochgelegt: Er hatte auf seiner Facebook-Seite den Youtube-Link zu einer Aufnahme aus dem Vorjahr gesetzt. In Graz erlebte man diesmal eine großartig-dichte Interpretation, aber eine gewisse Anstrengung war nicht zu überhören - die machtvollen, abgedunkelten Spitzentöne hatte nicht jenen metallischen Glanz, den man bisher bei ihm kannte und der auch auf seiner Youtube-Aufnahme nachzuhören ist.

Die effektvolle Rossini-Ouvertüre zu La gazza ladra gelang in konzentriert-gebändigtem, dennoch mitreißendem Tempo (und man war fast ein wenig erleichtert, dass es auch bei diesem ausgezeichneten Orchester kleinere Pannen - diesmal bei den sonst brillanten Hörnern -  geben kann).

Den Schluss-Block bildeten zwei große Verdi-Szenen - zuerst Rezitativ und Arie des Luna aus dem Troubadour - fast ein wenig resignativ interpretiert - und zuletzt die Rigoletto-Szene Cortigiani, vil razza. Hier erwies sich Hvorostosky als großer Menschengestalter. Mit kleiner Geste und kaum merklicher Veränderung der Körperhaltung war sofort die verzweifelte Vater-Figur präsent und stimmlich schöpfte Hvorostovsky nochmals aus dem Vollen seiner bronze-dunklen Baritonstimme. Der Jubel war groß, Bravorufe und auf das Podium gereichte und geworfene Blumen dankten dem großen Künstler für seinen - fast ist man versucht zu sagen: schonungslosen! - Einsatz.

Als erste Zugabe erklang (in einem opulent-pathetischen Orchesterarrangement) das russische Volkslied „Schwarze Augen“ (auch das gibt’s natürlich längst auf Youtube). Der Beifall nahm kein Ende - und so gab es noch einen A-Capella gesungenen russisch-orthodoxen Gesang - wenn ich mich recht erinnere, war es dasselbe Stück, mit dem Hvorostovsky vor zwei Jahren seinen Liederabend beendet hatte. Der vollgefüllte Stephaniensaal hatte ein eindrucksvolles Comeback in Österreich erlebt.

Hermann Becke, 7. 4 . 2016

 

Anmerkung zu Fotos !

Diesmal gab es zusätzlich zum üblichen Hinweis im Programmheft vor dem Konzertsaal noch weitere große Sonderhinweise auf das Verbot von Bild-und Tonaufnahmen. Da auch seitens des Veranstalters keine aktuellen Konzertfotos zur Verfügung gestellt werden konnten, muss sich dieser Bericht auf ein Foto aus dem vorangegangenen Budapest-Konzert (in Graz sah es ganz gleich aus!) und einen Blick auf den übervollen Grazer Konzertsaal beschränken

 

Nächste Hvorostovsky-Termine in Österreich:

9. April im Wiener Konzerthaus

12. April im Linzer Brucknerhaus

 

 

ELISABETH KULMAN

4. 2. 2016, Stephaniensaal

Eine opernabstinente Bühnenpersönlichkeit!

Lieder von Franz Schubert, Robert Schumann, Richard Wagner und Franz Liszt mit Eduard Kutrowatz am Flügel

Opernball-Abstinente sind am Donnerstag selbstverständlich in Graz beim Liederabend "frauen.leben.liebe"!

Mit diesem Satz warb Elisabeth Kulman auf ihrer Facebook-Seite für dieses Konzert, das am selben Abend stattfand, wie der Opernball in der Wiener Staatsoper. Elisabeth Kulman ist ja nicht nur „Opernball-abstinent“, sondern sie ist generell „opernabstinent“ und tritt nur mehr auf den Konzertpodien auf. Warum das so ist, kann man auf ihrer Homepage hier nachlesen.

 Elisabeth Kulman und ihr Klavierpartner Eduard Kutrowatz haben für Graz  das Programm ihrer im Jahre 2014 am historischen Érard-Flügel in Wagners Villa Tribschen bei Luzern aufgenommenen CD mit drei großen Frauenzyklen (Schumanns “Frauenleben und -liebe”, Schumanns Lieder nach Gedichten der deutsch-russischen Namensvetterin Elisabeth Kulmann sowie Wagners Wesendonck-Lieder) mit dem Programm ihrer Liszt-CD des Jahres 2011 durchmischt, auch Schubert-Lieder wurden dazu genommen. So entstand ein buntes Kaleidoskop - die Zyklen wurden aufgebrochen, nur Teile wurden gesungen - und im 2. Teil wurden zusätzlich solistische Klavier-Miniaturen aus Schumanns Kinderszenen eingefügt, die Schumann in einem Brief an seinen Freund Carl Reinecke „Rückspiegelungen eines Älteren für Ältere“ bezeichnet hatte.

Elisabeth Kulman  - mit ihren 42 Jahren wohl auf einem Höhepunkt ihres Lebens und ihrer Gestaltungskraft stehend - ist eine fesselnde Persönlichkeit, die ein reines Liederprogramm in ein Musikdrama, in ihr ganz persönliches Drama zu verwandeln versteht, das sie dem Publikum offenlegt und das sie mit ihm teilen will. An diesem Abend gewann man den Eindruck, für Kulman sei dieses Programm in Schumanns Sinne wirklich eine „Rückspiegelung“: im Spiegel der ausgewählten Werke gewährt sie dem Publikum einen bewegenden Rückblick auf ihre bisherigen künstlerischen und persönlichen Lebenserfahrungen. Das Programm beginnt mit dem verbitterten Ausbruch „Vergiftet sind meine Lieder“ (Franz Liszt/Heinrich Heine) und spannt den Bogen über alle Facetten der Liebe und Verzweiflung bis zum verklärt-friedlichen Ausklang in der Mondnacht (Robert Schumann/Joseph von Eichendorff). Das Programm ist charakterisiert durch ungewohnte Gegenüberstellungen - man hörte so Altgewohntes völlig neu. Wann hat man je so Berührendes gehört und erlebt, wie etwa Kulmans Gestaltung von Schuberts „Der Tod und das Mädchen“, die nahtlos in Schumanns Mondnacht überging - wahrhaft: die Seel flog durch die stillen Lande nach Haus. Großartig und unvergleichlich!

Die Aufstellung der beiden Protagonisten war abseits des Gewohnten - der Steinway-Flügel war an den rechten Podiums-Rand, der Begleiter - mit dem Rücken zur Sängerin - somit aus dem Zentrum gerückt.

Diese Aufstellung hatte zwei Aspekte: für das Publikum in den rechten vorderen Parterrereihen ergab sich dadurch eine allzu deutliche Dominanz der Klavierbegleitung - das hätte man übrigens leicht vermeiden können, wenn man den Flügel etwas weiter zurückgerückt hätte. Der zweite und wohl gewünschte Aspekt war, dass die Sängerin eindeutig im Mittelpunkt des Abends und der Aufmerksamkeit stand. Da stand hochragend eine schöne Frau - selbstbewusst, aber auch ein wenig verletzlich und einsam - es war wirklich ein wunderbares Bild, das die ganze Spannweite des Konzerttitels "frauen.leben.liebe" widerspiegelte. Und diese Aufstellung war auch ein Bild der Beziehung Sängerin - Klavierbegleiter: An diesem Abend und bei diesem Programm stand eindeutig die Sängerin im Mittelpunkt - der Pianist ist der dienende, der stets getreue und verlässliche Begleiter. Eduard Kutrowatz erfüllte diese Rolle seriös und sicher - musikalische Raffinesse, Subtilität und exquisite Einmaligkeit - das sind Attribute, die Elisabeth Kulman vorbehalten bleiben.

Exquisite Einmaligkeit war beispielsweise wie auf  Schuberts träumerisch-hoffnungsloses Mignon-Lied Nur wer die Sehnsucht kennt unmittelbar Schuberts Die junge Nonne folgte - von Kulman als glutvolles Seelengemälde von ergreifendem Ernst mit dem ungeheurem Farbenreichtum ihrer Stimme perfekt gestaltet - und ebenso unvergleichlich und exquisit war es, wie an das ausklingende  fromme Alleluja der jungen Nonne Richard Wagners Träume anschlossen. Das waren große Momente der Liedgestaltung!

Im 2.Teil war man dann besonders berührt, mit welch schlichter Einfachheit und gleichzeitiger Stimmraffinesse die Kulman das Muttersein in Schuberts Wiegenlied (in phänomenal-klarem Pianissimo, das spontanen Beifall auslöste!) und in Schumanns An meinem Herzen gestaltete, aber es bewegte auch die Atemlosigkeit in Schumanns Ich kann’s nicht fassen, nicht glauben.

Maßstab setzend war auch Kulmans Interpretation von Schumanns Nun hast du mir den ersten Schmerz getan - wann hat man je die Passage Die Welt ist leer je verzweifelter hören können?

Mit ihrer perfekten Technik und ihrem warmen Kupfertimbre konnte Kulman es sich erlauben, das offizielle Programm in überragender Ruhe mit Schumanns Mondnacht  zu beenden. Danach wagte man kaum zu klatschen - und selbst die notorischen Bravo-Brüller verstummten und traten Gott sei Dank erst beim zweiten Verbeugen auf den Plan. Der Beifall und der Jubel des Publikums waren groß und warm.

Der Zugabenteil war ein Kabinettstück der Bühnenkunst: Zuerst trat nur der Pianist auf die Bühne und begann mit dem (14 Takte langem!) Vorspiel - erst dann trat die Kulman dazu und gestaltete Liszts Die drei Zigeuner mit dem reichen Schatz all ihrer darstellerischen und stimmlichen Mittel. Für alle, die an diesem Grazer Abend dieses Lied erlebt haben, lohnt es sich unbedingt, sich Kulmans über 4 Jahre alte Youtube-Aufnahme anzuschauen - dann weiß man, was ich eingangs mit „Rückspiegelung“ gemeint habe. Heute erlebten wir eine andere, eine gereifte Kulman auf einem Höhepunkt ihrer Kunst! Und dann gab es noch zwei weitere Liszt-Lieder: Enfant, si j’étais roi nach Victor Hugo und Go not, happy day nach Alfred Tennyson. Auch in diesen beiden Liedern konnte die Kulman ihre sprachliche Präzision und ihre ungeheure Bühnenpräsenz eindrucksvoll unter Beweis stellen.

Graz kann sich schon jetzt auf den Juli freuen: da wird die Kulman (wieder mit Eduard Kutrowatz am Flügel, aber auch mit den „Wiener Theatermusikern“) das Konzertpodium der Styriarte zur Opernbühne werden lassen. Unter dem Titel La femme, c’est moi“ ist angekündigt: Musik von Saint-Saëns (Mon cœur s’ouvre à ta voix), Bizet (Habanera), Weill (Ballade von der Seeräuber-Jenny), Hollaender (Raus mit den Männern aus dem Reichstag), Porter (I hate men) u. v. a.

Elisabeth Kulman ist also zur Freude ihres Publikums nicht ganz opernabstinent!

Hermann Becke, 5.2.2016

 

Hinweise:

-         TV-Präsentation der CD frauen.leben.liebe im Jahre 2014

-         Sehr ausführliches Interview (51:19 min) mit Elisabeth Kulman und Eduard Kutrowatz zu frauen.leben.liebe

-         Ein aktueller Grazer Zeitungsartikel, der am Tag vor dem Konzert erschien und den Elisabeth Kulman dankbar als  „besonders fein“ bezeichnete

-         Video vom Jänner 2016: Elisabeth Kulman: Ich habe meinen Haushalt aufgelöst  „Endlich! Mit Ende 2015 habe ich meinen Haushalt aufgelöst und bin nun als reisende Minimalistin unterwegs. Mal sehen, wie das so geht. Das Leben bleibt spannend! :-)“        

 

 

MAURO PETER MIT HELMUT DEUTSCH

Goethe-Lieder von Franz Schubert

Stephaniensaal am 19. 11. 2015

In diesem Sommer hat der 28-jährige Schweizer Tenor Mauro Peter mit seinem einstigen Lehrer und nunmehrigen Konzertpartner Helmut Deutsch bei SONY Classical eine CD mit 19 Schubert-Liedern nach Texten von Johann Wolfgang Goethe aufgenommen. Diese CD ist seit August im Handel erhältlich und seither präsentieren Peter/Deutsch das Programm in Konzerten - im Oktober in Frankfurt, im November in Luzern und in Wien. Als im Grazer Liederabend-Zyklus der Duo-Abend Krassimira  Stoyanova/ Vesselina Kasarova kurzfristig abgesagt werden musste, hat der Musikverein raschentschlossen Mauro Peter und Helmut Deutsch eingeladen, die erst im Mai dieses Jahres mit einer beeindruckenden Interpretation von Schuberts „Die schöne Müllerin in Graz gewesen waren. Und so war dieses Duo genau an Schuberts 187.Todestag auf dem Konzertpodium im Grazer Stephaniensaal.

Dem Bericht über diesen Abend sei eine Anmerkung zu einer  Äußerlichkeit vorangestellt:

Das Lied ist eine der subtilsten vokalen kammermusikalischen Formen - es kann nur dann in optimaler Weise dem Publikum vermittelt werden, wenn es eine ausgewogene und gleichberechtigte Partnerschaft zwischen Gesang und Klavier gibt. Das wissen heute natürlich alle - die Ausführenden, die Veranstalter, das Publikum, die Kritiker, die CD- und DVD-Produzenten. Und dennoch wird das Duo der Ausführenden in der Ankündigung immer wieder unterschiedlich behandelt - so auch diesmal: schauen Sie sich das Foto der CD-Hülle an und schauen Sie sich die Titelseite des Abendprogrammes an - den Namen des Klavierpartners kleiner zu drucken als den Namen des Sängers, das ist eine Unbedachtheit, ja eine Unart, gegen die immer mit Nachdruck aufzutreten ist - und erst recht sollten die Namen der Autoren der Werke gleich wichtig sein - das ist wenigstens bei der CD-Hülle der Fall. Leider ist dem Abendprogramm noch ein anderer peinlicher Fehltritt passiert: statt der Lebensdaten von Franz Schubert wurden jene von Ludwig van Beethovens eingesetzt!

Nun aber genug dieser Äußerlichkeiten - musikalisch hat dieser Abend Bedeutendes geboten! Eröffnet wurde mit einer Komposition, die nicht auf der CD vertreten ist, nämlich mit der Ballade „Der Sänger“ - einem Werk, das Schubert mit 18 Jahren geschaffen hatte und das wohl ein Motto für den ganzen Abend sein konnte: das in unbefangenem Ton natürlich Erzählende, das Balladeske - das ist die Stärke von Mauro Peter, der immer den Text gleich wichtig nimmt wie die Musik und der dem Publikum plastisch eine Geschichte vermittelt. Wie heißt es in der Ballade? „Ich singe, wie der Vogel singt, der in Zweigen wohnet.“  Das gelang Mauro Peter überzeugend. Diese Ballade stellte aber auch gleich den Pianisten in den Mittelpunkt. Helmut Deutsch gestaltete die verschiedenen Szenen überaus plastisch, ob es nun die arpeggierten Akkorde für die Harfe des Sängers oder die punktierten Achteln des eilfertigen Pagen sind - und in der Mitte der Ballade kommt es gar zu einem längeren geschlossenen Klaviersatz.

Darauf folgte ein weiteres Lied, das nicht auf der CD ist: die selten gesungene „Sehnsucht“. An die wahrhaft „Rastlose Liebe“ schloss sich attacca in großer, geradezu bedrückender Ruhe die ungeheure Weite der „Meeres Stille“ mit ihren arpeggierten Akkorden und danach „Über allen Gipfeln ist Ruh‘“, bevor der 1. Liederblock mit der zweiten, durchkomponierten Fassung des Liedes „An den Mond“ abgeschlossen wurde. Im 2.Block vor der Pause folgten das Strophenlied „Der Fischer“ und die Balladen „Der Rattenfänger“, „Der König in Thule“ und der „Erlkönig“. Das sind - mit Ausnahme von Wanderers Nachtlied - alles Werke, die Franz Schubert in den Jahren 1814 und 1815, also mit 17, 18 Jahren geschrieben hatte - ein unvorstellbarer Reichtum an Einfällen! Mauro Peter ging an diese Lieder mit jugendlich-frischer Unbekümmertheit und exzellenter, aber nie manierierter Textdeutlichkeit heran und wurde von dem unendlich erfahrenen Liedgestalter Helmut Deutsch am Steinway exzellent durch die verschiedenen Stimmungen geleitet. Ein Kritiker schrieb einmal über Mauro Peter, er sei ein „Tenor mit Sonne in der Stimme“. Ich hatte an diesem Abend ein wenig den Eindruck, dass sich diesmal eine leichte - wohl November-bedingte - Belegtheit über die Stimme gelegt hatte, die auf der CD nicht zu hören ist. Hörproben aller Lieder der CD sind übrigens hierverfügbar.

Nach der Pause folgten zunächst die „Gesänge des Harfners“, die durch das akzentuierte Spiel von Helmut Deutsch an Prägnanz gewannen. Die jugendliche Ehrlichkeit von Mauro Peter berührte durchaus, wenn auch natürlich die abgeklärte Resignation des alten Harfners fehlen musste. In der letzten Gruppe des Programms freute man sich unter anderem über den schwärmerischen Ganymed (mit langem und sicherem Atem!), aber auch über das zart-leidenschaftliche „An die Entfernte“ (mit einer elegisch-dichten Klaviereinleitung). Mir schien, als habe sich Mauro Peter im zweiten Teil des Konzerts etwas freigesungen - da strömte die Stimme in vielen Phrasen so frei dahin, wie ich es von seiner wunderbaren „Müllerin“ in Erinnerung hatte.

Am Ende gab es großen Jubel des Publikums und sogar vier Zugaben: das bezaubernd-naive „Heideröslein“ und den unbändigen “Musensohn“ - beides von Helmut Deutsch auswendig(!) virtuos mitgestaltet. Danach brachte uns Mauro Peter einen Gruß aus seiner Heimat: Das „Schweizerlied“ von Schubert nach Worten von Goethe. „Dr Goethe het sich sogar emol mit beschiidenem Erfolg ame Schwyzerdütsche Gedicht versüecht het.“ - das liest man im Alemannischen Wikipedia (was es alles gibt!), wo Interessenten hier nicht nur den Liedtext, sondern auch Vermutungen nachlesen können, wie es zu diesem Schwyzerdütsch-Ausflug von Goethe gekommen ist.

Da die Begeisterung des Publikums noch nicht nachließ, gab es als allerletzte Zugabe  den „Liebhaber in allen Gestalten“ mit der Schlusszeile „ich bin nun wie ich bin; so nimm mich nur hin“ (am Klavier mit effektvoll servierten Schlussachteln!). Der Musikverein vermeldet noch in der Nacht: Jubel, Jubel: Ovationen begeisterter Autogramm-Jäger für Mauro Peter und Helmut Deutsch im Foyer vor dem Signieren“. Und Mauro Peter schreibt am Vormittag nach dem Konzert auf seiner Facebook-Seite : „Ein grosses Dankeschön an das wunderbare Grazer Publikum, dass mich gestern erneut so herzlich empfangen hat. Es ist auch immer wieder eine Freude, mit dem fantastischen Helmut Deutsch auf der Bühne zu stehen...Danke! Es ist mir diesmal aber ein speziell grosses Anliegen, meiner Mentorin und Lehrerin Fenna Kügel-Seifried zu danken, die mich seit Jahren mit so viel Erfahrung, Freude, Wissen, Können, Hingabe und Liebe unterstützt... Du bist einfach wunderbar!!“ 

Natürlich sei hier auch das von Mauro Peter gepostete Foto wiedergegeben:

Auf der Homepage von Mauro Peter kann man nachlesen, was in dieser Saison noch alles vor ihm liegt - u.a. der Tamino in München und Zürich, der Ferrando in Zürich und bei den Salzburger Festspielen und natürlich viele Liederabende. Wir hoffen sehr, dass wir das Liedduo Mauro Peter- Helmut Deutsch auch wieder einmal in Graz begrüßen werden können!

Hermann Becke, 20. 11. 2015 

Hinweise:

-         Ein Video über die Aufnahme der Goethe-Lieder für Sony

-         Ein besonders empfehlenswertes Video-Interview mit Helmut Deutsch über Grundsätzliches von Liederabenden, aber auch über die Qualität des Grazer Liederabend-Abonnements

 

 

 

 

 

 

 

 

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