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JOYCE DIDONATO

„Didon verschafft mir eine Gänsehaut!“

27.09.2018

Joyce DiDonato ist zum ersten Mal „richtig“ in Wien. Zwei Stippvisiten an die Wiener Staatsoper, einige kurze Auftreten im Theater an der Wien – ausführlich haben Wiens Opernfreunde den Weltstar (und Joyce die Stadt Wien) noch nie genießen können. Das ändert sich nun mit der Premiere der „Trojaner“, wo sie die karthagische Königin Didon singt – erstmals übrigens auf einer Bühne

Von Renate Wagner

Frau DiDonato, Sie kommen bestens studiert zu Ihrer ersten Didon auf die Bühne der Wiener Staatsoper.

Es gab im April 2017 die konzertante Aufführung der „Trojaner“ unter John Nelson in Straßburg, die dann auch auf CD aufgenommen wurde. Ich glaube, kaum jemand kennt die Partitur des Werks besser als Nelson, der sich schon ein halbes Jahrhundert mit dieser Oper beschäftigt. Mit ihm habe ich die Rolle gelernt und bin wirklich durch alle ihre Höhen und Tiefen gegangen. Ich habe die Didon zur gleichen Zeit studiert wie meine erste Semiramide für München, und weil ich beides nicht gleichzeitig singen konnte, habe ich mich bei der Didon zuerst auf den Text konzentriert, und es ist unglaublich, wie vielschichtig dieser Charakter ist. Ich habe sie geradezu „gelebt“.

Und haben Sie sich davor gefürchtet, sie auf der Bühne zu singen?

Nun, ich habe gehört, es soll eine Produktion gegeben haben, wo Didon wie Angela Merkel aussah. Da ist man schon sehr glücklich mit einer Aufführung wie jener von David McVicar, mit dem ich schon oft und gerne zusammen gearbeitet habe. David hat ein lebendes, atmendes, hoch spannendes Drama kreiert, wo wir Sänger als Schauspieler gefordert werden, als stünden wir auf der Bühne des Globe Theatre. Bei David weiß ich, wer ich bin, was ich sage, warum ich etwas tue. Er ist auch völlig vertraut mit der Partitur – ich verstehe die Regisseure nicht, die sich nicht darum kümmern, was der Komponist in den Noten notiert hat. Es ist wundervoll, wie unser Dirigent Alain Altinoglu und David McVicar sich quasi die Stichworte zuwerfen und über kleinste Details diskutieren.

Wie gefährlich ist es, eine Oper wie die „Trojaner“ mehr oder minder historisierend auf die Bühne zu bringen?

Ich finde es in diesem Fall schön, wenn das Optische zu dem passt, was die Geschichte erzählen will. Ich verstehe, dass Opernhäuser Angst vor diesem übergroßen Werk haben, auch Angst davor, dass eine stimmende Inszenierung „altmodisch“ genannt wird. Aber ich denke, es ist für das Publikum schon angenehm, wenn es eine Realisierung sieht, die zu der Geschichte passt, wo nicht zusätzlich auf ein „Konzept“ zu achten ist. Das Werk ist so überwältigend, so farbenreich, so dass man in der Interpretation ganz klar sein muss, sonst verliert man das Publikum. Ich meine wirklich, es ist ein Geschenk, dass Hören und Sehen in diesem Fall nicht auseinanderklaffen. Hier bin ich überzeugt, dass man die Länge von fünf Stunden nicht spüren wird.

Haben Sie sich die Londoner DVD dieser Inszenierung angesehen?

Nein, das mache ich nie, ich gehe immer völlig neu in ein Werk hinein, das ich noch nicht gemacht habe – es ist wie eine leere Seite, die ich aufschlage. Außerdem ist David McVicar, der auch bei dieser Wiener „Fassung“ vom ersten Probentag an dabei war, obwohl die Produktion schon in London, Mailand und San Francisco gelaufen ist, ein Regisseur, der sich völlig auf seine Sänger einlässt. Brandon und ich sind als Enée und Didon neu, und er richtet sich absolut nach unseren Persönlichkeiten. Er ist ein Mann, dem alle, einfach alle, zu Recht großes Vertrauen entgegen bringen. Und ich finde auch gut, dass er und Alain beschlossen haben, nichts zu streichen, auch nicht (bis auf ein paar Takte) bei den Balletten – sie sind wichtig, in meinem Teil erzählen sie von der Kultur Karthagos, und außerdem ist die Musik so wunderschön, warum soll man sie dem Publikum vorenthalten?

Wie sehen Sie den Charakter der Didon, der Königin von Karthago, wohin Enée /Aeneas kommt, nachdem er Troja und Kassandra hinter sich gelassen hat?

Es muss klar werden, dass sie eine Königin ist, die von ihrem Volk sehr geliebt wird, die sehr menschlich mit ihnen umgeht, so dass sie alles für sie tun. Sie hat eine tragische Vergangenheit, weil sie ihren ersten Gatten nicht begraben konnte, findet in Enée eine neue, große Liebe – und stürzt vollkommen in den Abgrund, als er sie verlässt, um, wie die Sage es verlangt, Rom zu gründen. Es ist herzzerreißend, wie sie nach dem letzten Duett verzweifelt, hilflos und verloren ist – und sich nur den dunklen Mächten verschreiben kann. Ich bin persönlich wirklich bewegt (personally shaken) von dieser Figur, dass ich eine Gänsehaut bekomme, wenn ich nur davon spreche… Die „Trojaner“ sind ein „dunkles“ Werk, mit einer tragischen Vision am Ende, dass die Welt immer wieder nur in Kriege fallen kann. Und für mich ist das eine starke Ermahnung (strong reminder), warum Kunst in unserer Welt nötig ist.

Und wie sind die stimmlichen Anforderungen?

Nun, ich habe früher schon Berlioz gesungen, die Beatrice in „Beatrice et Benedict“, die Marguerite in „La Damnation du Faust“, und er ist wunderbar für meine Stimme. Freilich, für Berlioz möchte ich kein Tenor sein, aber als Frau – herrlich. Allerdings spannt er mich in meinen Möglichkeiten bis zum Exzess an, aber auf organische und nicht gewaltsame Art. Ich könnte die Didon ununterbrochen singen…

Der Komponist, der einen ganz großen Stellenwert in Ihrer Karriere einnimmt, ist Rossini. Sie singen auch Mozart, demnächst wieder den Sesto an der Metropolitan Opera. Gibt es einen Lieblingskomponisten?

Ich wünschte, Sie würden mich das nicht fragen, denn wenn ich jetzt diese herrliche Berlioz-Rolle singe, ist es natürlich Berlioz. Aber einmal, am Ende meiner Karriere, werde ich vermutlich sagen, dass Händel für mich der wichtigste Komponist war, dass ich bei ihm am meisten gelernt habe und am meisten gefordert worden bin. Er gibt dem Sänger die größten Freiräume, die man aus eigener Kraft füllen muss. Bei Berlioz, bei Massenet ist viel mehr da, Drama und Musik sind kompakter, wenngleich ich natürlich auch jetzt bei der Arbeit jeden Tag etwas Neues bei Berlioz entdecke und die Aufgabe, das lebendig zu machen, natürlich auch groß ist.

Sie gehören auch zu den Sängerinnen, für die zeitgenössische Komponisten Opern schreiben, wie Jake Heggie, in dessen „Dead Man Walking“ Sie gesungen haben und der Ihnen 2015 „Great Scott“ sozusagen in die Stimme und auf den Leib komponiert hat?

Nur in die Stimme, ja. die Figur muss gar nichts mit mir zu tun haben, obwohl manche gefragt haben, ob die hysterische Operndiva, die Terrence McNally da erfunden hat, „biographisch“ sei. Das ist eine herrliche Komödie, und ich erinnere mich daran, dass Jake mich eines Nachts anrief und meinte: „Also, Joyce, ich habe ja nie besonders viel von Rossini gehalten, aber jetzt bewundere ich ihn, weil ich jetzt erst weiß, wie schwer es ist, komische Musik zu schreiben.“

Vor kurzem hat der ORF die Aufzeichnung eines „ernsten“ Rossini, von „La donna del lago“, aus der Met mit Ihnen und Juan Diego Florez gezeigt. Sehen Sie sich so etwas an?

Um Gottes Willen, nein. Ich weiß, dass es Kollegen gibt, die sich gerne sehen und hören – ich gehöre nicht dazu. Was ich hingegen sehr gerne mache, ist bei Kinoübertragungen aus der Met als Gastgeberin zu fungieren. Ich finde es schön, die Möglichkeit zu haben, dem Publikum die Kollegen, die auf der Bühne stehen, vorzustellen.

Kann man eigentlich sagen, dass die Metropolitan Opera, wo Sie sehr viel singen, Ihr „Zuhause“ ist?

Natürlich bin ich viel dort, aber ich möchte sagen, dass es für mich wichtig ist, überall, wo ich auftrete, „zu Hause“ zu sein, und das Gefühl der Nähe zum Publikum zu haben.

Kommen wir am Ende zu Ihrer seltsamen Beziehung zur Wiener Staatsoper – es gab für Sie im April 2009 exakt eine Repertoireaufführung des „Barbier“ und im April 2016 ein Solistenkonzert. Das ist nicht eben viel…

Oh, ich habe gute Erinnerungen an den „Barbier“ in einer Inszenierung, die älter war als ich selbst! Aber ich bin doch sehr froh, jetzt mit dieser großen Premiere wohl zur richtigen Zeit hier zu sein. Außerdem kann ich jetzt erstmals Wien entdecken, weil ich immer viel zu kurz hier war. Es ist die schönste Art, sich eine Stadt zu Fuß zu erwandern – und das muss ich auch, schon um die Mehlspeisen herunterzuarbeiten. Ich erinnere mich gleich am Anfang hier, als ich Wiener Schnitzel und Apfelstrudel gegessen habe und mir sagte, solche Tage darf es nicht allzu viele geben… Über die „Trojaner“ hinaus gibt es noch keine Pläne, es wird schließlich eine neue Direktion geben – aber ich hoffe nur, dass es nicht wieder zehn Jahre dauert, bis ich wieder hier singe…!

Renate Wagner 2.10.2018

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de