DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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JULIE FUCHS

© Sarah Bouasse

 

(OM) Wir treffen uns heute im Opernhaus Zürich am Abend der letzten Vorstellung von einer Neuproduktion der Oper DON PASQUALE, in welcher Sie mit riesigem Erfolg das Rollendebut als Norina gegeben haben. Wir durften Sie als äusserst lebhafte und raffinierte Darstellerin dieser Rolle bewundern. Fällt es Ihnen leicht, sich in eine solche Rolle einzuleben?

 

(Julie Fuchs-JF): Dies war meine erste Norina. Ich musste mich nicht an die Rolle anpassen, sondern konnte diese mitgestalten. Ich kam ganz offen zu den Proben. Christof Loy, der Regisseur, arbeitet sehr präzise und wusste genau, was er am Ende haben wollte. Wir suchten dann gemeinsam nach der richtigen Mischung der Rollengestaltung. Ich habe eine Vorliebe für Charakterfrauen. Norina ist ja alleine. Von ihrer Familie weiss man nichts. Sie ist verliebt, aber man kann nicht genau sagen, wie ernst Sie es meint. Sie ist aber auch eine ganz spontane Frau. Es war für mich nicht schwierig, mich in die Rolle einzuleben, da ich vieles selber zur Gestaltung beitragen konnte. Man findet ja immer auch einen Teil seines eigenen Charakters in einer Partie und das erleichtert die Darstellung. Es ist ein Privileg als Opernsängerin Gelegenheit zu erhalten, nebst dem Gesang die Rolle auch schauspielerisch interpretieren zu können. Bei der Probenarbeit hatten wir alle zusammen mit Enrique Mazzola, welcher das Werk nach der Originalpartitur der Uraufführung erarbeitet hat, viel Spass. Dies führte zu diesem erfolgreichen Resultat und machte allen grosse Freude.

 

(OM): Die Regisseure verlangen heute von den Sängern nebst dem Gesang auch schauspielerische Leistungen. Wie gehen Sie mit diesen Ideen und Erwartungen um?

 

(JF): Meist bin ich es selbst, die zur Interpretation Vorschläge macht. Es gibt natürlich auch Regisseure, welche nicht so flexibel sind. Doch diejenigen, mit welchen ich arbeiten will, sind immer offen für Ideen. Gerade Christof Loy war da sehr kooperativ. Es kommt aber auch vor, dass ich mich selbst zügeln und zu mir sagen muss: Das war jetzt zu viel von meinem Temperament.

 

(OM): Das Opernhaus Zürich ist ja eine wichtige Station in Ihrer bisherigen Karriere. Wie erlebten Sie die erste Zeit an diesem Haus?

 

(JF): Ich war sehr gestresst. Ich konnte kein Deutsch. Das ist jetzt aber besser und wird bei meinem kommenden Aufenthalt in Berlin, sicher noch weiter vertieft. Vom Ruf dieses Opernhauses war ich sehr beeindruckt. Es war meine erste Erfahrung als Mitglied eines Opernensembles. Meine erste Rolle war in Fidelio, in der Inszenierung von Direktor Andreas Homoki. Ich hatte Glück, dass diese Oper ohne die Dialoge gespielt wurde. Das erleichterte meine Aufgabe. Ganz schnell fühlte ich mich wohl in Zürich. Die Menschen im Haus sind sehr angenehm und hilfsbereit und bilden ein tolles Team. Die Grösse des Hauses ist ein Traum. Einerseits wegen der Akustik, aber auch wegen der Nähe zum Publikum, welche man auf der Bühne spürt. Gerade weil das Haus nicht so gross ist, hat man viel mehr Kontakt zu den Kollegen und Mitarbeitern. Alle waren so kollegial und freundlich zu mir.

 

(OM): Schon kurz nach Ihren ersten Auftritten hier in Zürich entwickelten Sie sich zu einem Publikumsliebling und haben hier eine grosse Fangemeinde. Wie erleben Sie heute diese Stimmung an diesem Haus.

 

(JF): Ich komme immer sehr gerne nach Zürich zurück. Ich mag diese Stadt einfach sehr gut. Dazu kommt, dass der Kontakt zur Direktion, den Dirigenten und allen Mitarbeitern sehr professionell und kollegial ist. Normalerweise unterschreibt man einen Vertrag schon einige Jahre vorher und weiss oft nicht genau, mit wem man dann zusammenarbeiten wird. In Zürich finden sehr viele Produktionen statt, was auch Möglichkeiten bietet, die passenden Rollen zu finden.

(c) Monika Ritterhaus - Die Kröung der Poppea (Zürich)

 

(OM): Paris, München, Wien, Madrid sind wichtige Stationen in Ihrer Karriere. Jedes dieser Häuser hat eine eigenständige Struktur und ein ganz unterschiedliches Publikum. Welches waren Ihre besonderen Highlights?

 

(JF): Es kommt sehr auf die jeweilige Partie an, welche ich interpretiere und was für eine Geschichte diese Oper am jeweiligen Haus hat. Mein Auftritt in der Oper «La fille du régiment» an der Staatsoper Wien war sicher ein solches Highlight. Gerade das österreichische Publikum ist ja ausgesprochen opernorientiert und wenn man dort Erfolg hat, ist man besonders glücklich. Es ist nicht einfach in Wien seine Position zu finden. Viele berühmte Sänger treten dort auf und es gibt ein grosses Ensemble. Für meinen Stimmtypus gibt es nicht so viele Rollen. Ich freue mich sehr auf die Neuproduktion von «Cosi fan tutte» unter Riccardo Muti. Dort werde ich die Despina singen. Es ist ein bewährter Weg, sich Schritt für Schritt den jeweiligen Partien anzunähern. Als Beispiel «Figaros Hochzeit»: Man beginnt als Barbarina, dann folgt Susanna und später die Contessa. Das hat seinen Reiz. Für mich ist es wichtig, Träume zu haben. Auch die Produktion von «Le comte Ory» an der Opéra-Comique in Paris und die «Poppea» in Zürich waren ganz besondere Momente.

 

(OM): Auf Ihrem Soloalbum «Mademoiselle» welches Sie zusammen mit Maestro Enrique Mazzola und dem Orchestre National d’Ile-de-France aufgenommen haben, kommt man in den Genuss von herrlichen Arien von Rossini, Donizetti, Raimondi, Berlioz, Pacini u.a.. Wie haben Sie dieses abwechslungsreiche Programm ausgewählt?

 

(JF): Nach meinen Auftritten in «La fille du régiment», machte ich mir Gedanken, weshalb ich gerade diese Rolle so mag. Was war der Grund dafür, dass ich mich von gewissen Partien so angezogen fühlte? Nach einem Arienkonzert wurde mir bewusst, dass all diese Frauen Waisenkinder waren. Dann machte ich mich auf die Suche nach unbekannten Arien aus dem Belcanto Repertoire. Diese Frauen mussten kämpfen, waren aber auch frei, was ja auch meinem Charakter entspricht. Dann nahm ich Kontakt mit einem Freund auf, der sich in dieser musikalischen Epoche gut auskennt und viele Manuskripte aus jener Zeit studiert hat. So fanden wir gemeinsam die Stücke für diese CD, welche die verschiedensten Stimmungen widerspiegeln. Sie enthält auch drei Werke, welche noch nie aufgenommen wurden. Die Zusammenarbeit mit Enrique Mazzola war zudem sehr inspirierend und voller Energie.

 

(OM): Sie sind in den sozialen Medien sehr präsent und geben viel Einblick in das Leben einer modernen Sängerin. Damit erreichen Sie auch viele jüngere Menschen, welche so Einblick in das Theater erhalten und sich dafür begeistern lassen. Auf diese Weise lernen wir eine spontane, humorvolle und offene Julie Fuchs kennen. Was ist Ihre Hauptbotschaft an die jungen Menschen?

 

(JF): Ja ich habe eine Botschaft und die lautet: «Oper ist offen». Es geht nicht darum, mich stets mit Bildern zu zeigen, sondern zu vermitteln, dass die Oper offen ist für alle. Ich finde Social Media ist eine ausgezeichnete Möglichkeit, diese Message zu verbreiten. Natürlich birgt es auch Gefahren und man muss sich genau überlegen was man posted. Ich möchte zeigen, wie das wirkliche Leben einer Opernsängerin auch abseits von der Bühne aussieht. Viele Menschen glauben, das sei nichts für sie, weil sie gewisse Vorstellungen und Vorurteile mit sich tragen und meinen, wir alle seien abgehoben. Auf diese Weise kann ich vermitteln, wie viel Freude und Spass das Theater machen kann. Mittels der Social Media kann ich so mit vielen Menschen in Kontakt sein, welche sich für andere einsetzen und tolle Ideen haben.

Im Rahmen meines Projekts «Opera is open» verlose ich regelmässig Eintrittskarten zu den Aufführungen. Bedingung ist jeweils, dass diese Tickets Leute erhalten, welche noch nie in der Oper waren. Ich zeige auch auf, dass es durchaus Möglichkeiten gibt günstig in die Oper oder das Konzert zu kommen, indem ich die Preise der Tickets nenne. Solche Informationen will ich jeweils an den Orten vermitteln, wo ich auftrete und auf die jeweilige Website hinweise. Es ist mir ein Anliegen, diese Botschaft möglichst weit zu verbreiten und damit die Türen auch für junge Leute zu öffnen und ein neues Publikum zu erreichen. Oper ist nicht nur eine Angelegenheit für die «Elite». Viele Inszenierungen sind entstaubt und dem heutigen Leben angepasst.

 

(OM): Gerade als junge Mutter und sehr viel unterwegs, ist es eine besondere Herausforderung alles gut zu planen. Wie bewältigen Sie diese vielfältigen Aufgaben?

 

(JF): Letztes Jahr war es sehr schwierig. Wir mussten zuerst den richtigen Weg finden, alles unter einen Hut zu bekommen. Wir waren sehr müde. Doch nun haben wir eine Nanny, welche während der strengsten Zeit mit mir reist. So kann ich entspannt in die Proben und Aufführungen gehen und weiss das bestens für das Kind gesorgt ist. Zusammen mit meinem Partner geht dies nun alles sehr gut. Das schwierigste ist das Rollenstudium. Kaum hat man begonnen, ist das Baby natürlich zum spielen bereit, doch auch dies lässt sich mit guter Planung meistern. Diese Reisen und Ortswechsel sind auch eine Chance für den Jungen und da er überhaupt nicht scheu ist und Menschen mag, ist dies auch spannend.

 

(OM): Welches sind Ihre kommenden Projekte?

 

(JF): Die nächste Produktion ist wie gesagt «Cosi fan tutte» an der Wiener Staatsoper und dann «La Bohème» in der Opéra Bastille in Paris. Die weiteren Projekte werden dann mit den neuen Spielplänen für 20/21 bekannt.

 

(OM): Vielen Dank für dieses Gespräch. Wir wünschen Ihnen weiterhin viel Glück und Erfolg mit der Familie und Ihrer Karriere.

 

Marco Stücklin, 29.1.2020

Besonderer Dank an unsere Freunde vom OPERNMAGAZIN

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de