Graz: „Missa Solemnis“

Stephaniensaal am 5. Juli 2015

Mit Harnoncourt ein zu Herzen gehendes Elementarereignis!

Der im 86.Lebensjahr stehende Maestro Nikolaus Harnoncourt ist die zentrale Figur der Styriarte. Wegen einer Erkrankung musste er das Dvorak-Konzert zurücklegen, aber die drei Konzerte mit der Missa Solemnis von Ludwig van Beethoven konnte er in Graz intensiv proben und dirigieren. Er bescherte damit allen Ausführenden und dem Publikum ein wahrhaft überwältigendes Erlebnis und verwirklichte in idealer Form jenen Wunsch, den Beethoven selbst in die Partitur über den Anfang des Kyrie geschrieben hatte: „Von Herzen – möge es wieder – zu Herzen gehen.“

Es gibt Aufnahmen dieses gewaltigen Werkes mit Harnoncourt – eine mit dem Royal Concertgebouw Orchestra Amsterdam und eine weitere mit dem Chamber Orchestra of Europe. Diesmal konnten wir aber erstmals eine Aufführung mit alten Instrumenten erleben. Dadurch bekommt „die gesamte musikalische Rhetorik ein vollkommen neues Gewicht“. Nikolaus Harnoncourt hat das Werk mit jenen beiden Ensembles erarbeitet, die ihm seit Jahrzehnten am nächsten stehen: mit dem von ihm selbst vor über 60 Jahren gegründeten Concentus Musicus Wien (am ersten Pult mit Konzertmeister Erich Höbarth und Ehefrau Alice Harnoncourt) und mit dem Arnold Schoenberg-Chor Wien (Leitung: Erwin Ortner), mit dem Harnoncourt auch schon über 30 Jahre zusammenarbeitet. Dazu kam ein ausgewogenes und stilsicheres Solistenquartett: Laura Aikin (Sopran), Bernarda Fink (Alt), Johannes Chum (Tenor) und Ruben Drole (Bass)

Bevor die Aufführung begann, wurde ein Film über die aktuelle Probephase gezeigt und man bekam einen kleinen Eindruck, wie intensiv Nikolaus Harnoncourt mit Orchester, Chor und Solisten an einem Werk gearbeitet hatte, das für Instrumentalisten und Sänger an die Grenzen des Möglichen geht. Wenn Harnoncourt am Dirigentenpult steht, dann geht es immer und in jedem Takt um diese Grenze – oder wie er sagt: „das, was Schwierigkeiten macht, was Mühe erfordert, um es zu realisieren, ist ein Teil des Werkes.“

Als Berichterstatter war man von der Intensität des Werkes und der Interpretation so gepackt, dass man gar nicht weiß, welche Details und Qualitäten man hervorheben soll – ob es das ungemein farben- und kontrastreiche Orchesterspiel mit Streicherglanz und warmen Bläsertönen ist oder beispielsweise das entrückte Duo Violine/Flöte und das geradezu himmlische „Dolce e cantabile“ der Solovioline im Benedictus oder der ganz trocken-spannungsvolle Paukeneinsatz im Agnus – überzeugender kann man den Orchesterpart wohl nicht spielen. Der Concentus hat einen Standard erreicht, der für alle Ensembles, die sich auf alten Instrumenten versuchen, Vorbild und Maßstab sein muss!

Nicht hoch genug kann man auch die Leistung des Chors loben – die strahlenden obertonreichen Damenstimmen ebenso wie die klar artikulierenden Männerstimmen – bedrückend-stechend wurde etwa im Credo das „crucifixus“ geradezu „angenagelt“, um nur ein Detail herauszugreifen. Wunderbar war zum Beispiel auch eine scheinbare Kleinigkeit: der Chor sang im Benedictus seinen Part im Sitzen. So blieben das Geigensolo und die Gesangssolisten – akustisch und auch optisch – im Vordergrund. Auch für den Chor gilt das für das Orchester Gesagte: vorbildlich und maßstabsetzend!

Und das Solistenquartett ergänzte souverän, uneitel und ohne Pose: Sopran und Tenor führten mit hellen und klaren Tönen, Alt und Bass gaben das warm-timbrierte Fundament – alle vier Stimmen stets in ausgewogener Balance.

Dieses Wunderwerk an Geschlossenheit, Intensität und interpretatorischer Tiefe, das an diesem Abend Orchester, Chor und Solisten zustande gebracht haben, ist der immensen Kenntnis sowie Begeisterungs- und Motivationsfähigkeit von Nikolaus Harnoncourt zu danken – es war wahrhaft eine Sternstunde, die wir erleben durften!

Zwischen den einzelnen Messteilen herrschte im vollbesetzten Saal geradezu atemloses Innehalten und Schweigen – am Ende gab es standing ovations für alle.

Hermann Becke, 6.7.2015

Probenfotos: Styriarte, Werner Kmetitsch

Inzwischen findet man übrigens den gesamten Konzertmitschnitt bereits auf youtube

PS:

Einziger (kleiner) Wermutstropfen:

Dass die Missa Solemnis via „Klangwolke“ des Rundfunks flächendeckend in der Steiermark im öffentlichen Raum ausgestrahlt und in den sommerlichen Gastgärten bei einem kühlen Getränk „konsumiert“ werden konnte, geht mir persönlich gerade bei diesem Werk zu weit und ist zu viel der „medialen Ausschlachtung“ eines bedeutenden musikalischen Ereignisses.

Die Übertragung in 3SAT und ORF3 hätte durchaus gereicht! Zusätzlich kann man die Aufführung am 19.Juli im Rundfunk in OE1 nachhören. Und dann kommt ja auch noch die Wiederholung im Rahmen der „Ouverture spirituelle“ bei den Salzburger Festspielen am 22.Juli 2015 (da dann mit Elisabeth Kulman statt Bernarda Fink – sonst ist die gesamte Besetzung ident)