Wiesbaden, Konzert: Orchestra of Ukraine

Unter diesem Motto stand das jüngste Konzert im Rahmen der Wiesbadener Meisterkonzerte. Zu Gast war das Nationale Sinfonieorchester der Ukraine, das auf eine mehr als hundertjährige Geschichte zurückblicken kann. Seit 1918 residiert es in Kiew und gilt als einer der zentralen musikalischen Botschafter des Landes.

Am Beginn des Konzerts stand eine Komposition des Ukrainers Borys Ljatoschynskyj, der eine besondere Wertschätzung in seinem Land genießt. Er gilt als Vater der ukrainischen Musik und studierte Komposition bei Reinhold Glière.

»Grazhyna« heißt seine Tondichtung und erzählt vom Freiheitskampf einer unerschrockenen Heldin der litauischen Mythologie. Aufrauschende Höhepunkte im deutlichen Kontrast zu unheilvollen dunklen Farben sind in dieser Komposition vorherrschend. In der musikalischen Expressivität erinnert das Werk zuweilen an Kompositionen von Glière.

Es war ein spannender Beginn, den das Nationale Sinfonieorchester der Ukraine den Zuhörern im Wiesbadener Kurhaus schenkte. Mit ruhiger Hand und sehr klaren Gesten breitete Dirigent Vlodomyr Sirenko einen üppigen Geschichtsbogen aus.  Das hervorragend einstudierte Orchester begeisterte von Beginn sogleich mit einem vorzüglich abgestimmten und ausgewogenen Klangbild. Die Aufmerksamkeit der Musiker untereinander war vorbildlich. Es ist selten zu erleben, dass der Zusammenklang derart mustergültig gerät wie bei diesem Klangkörper. Die Streichergruppe erklang geschmeidig. Klagend und intensiv die flehenden Holzbläser, außergewöhnlich in der Homogenität die sauber intonierende Horngruppe. Dazu in außergewöhnlicher Sonorität die Gruppe der Blechbläser. Sehr differenziert und offensiv das explosiv tönende Schlagzeug.

(c) Ansgar Klostermann

Solistin des Abends war die ukrainische Geigerin Diana Tishchenko, die das sehr beliebte, jedoch inzwischen allzu selten anzutreffende erste Violinkonzert von Max Bruch interpretierte. 1868 wurde es uraufgeführt und ist letztlich eines der ganz wenigen Werke, die von Bruch zur Aufführung gelangen. Leider. Denn auch die ausgezeichneten Sinfonien des Kölner Meisters verdienen große Aufmerksamkeit.

Bruch sah seinen ersten Satz des Violinkonzerts als Vorspiel. Eine kontrastreiche Vorbereitung auf das Herzstück, das Adagio des zweiten Satzes. Eine wunderbar kantable Romanze. Mitreißend dann im tänzerischen Duktus das beschließende Allegro Energico. Ein rhythmisches Feuerwerk, für das der Solist seine ganze Virtuosität aufbieten muss, um die vielen diffizilen Doppelgriffe treffsicher zu meistern.

Diana Tishenko spielte mit Noten dieses Repertoirestück und wirkte zuweilen wie eine Konzertmeisterin, die ein ausgiebiges Solo überantwortet bekommen hat. Technisch gelangen ihr die ersten beiden Sätze am besten. Das war ein sauber artikulierter Geigenton mit schöner kantabler Farbe im Adagio. Bewundernswert war ihre Nervenstärke. Ausgerechnet im herrlichen langsamen Satz störte das Plärren eines Säuglings (!) empfindlich ihren Vortrag. Die Mutter ging mit dem Störenfried ins überakustische Treppenhaus des Kurhauses. Nun, der kleine Erdenbürger verstand dies als Aufforderung, sich noch insistierender am musikalischen Vortrag beteiligen zu wollen.

Nach dieser intensiven Störung ging es in das finale Allegro energico. Aber hier reduzierte sich deutlich die Tonintensität der Solistin. Dünn und teilweise gepresst trat die Solo-Violine allzu sehr in den Hintergrund. Das Ganze wirkte nun doch erkennbar bemüht und wenig charakteristisch. Überhaupt fehlte es dem Vortrag Tishchenkos an Persönlichkeit. Gediegen und solide in der technischen Umsetzung. Zu wenig für den Anspruch, den Max Bruch an seine Solisten stellte.

Der insgesamt allzu blasse Vortrag war bedauerlich, da auch hier das Nationale Sinfonieorchester der Ukraine und sein Dirigent Sirenko formidabel aufspielten. Das Orchester verbarg sich dabei nicht im Hintergrund, sondern agierte klanglich selbstbewusst als Energiezentrum. Vor allem in den Instrumentalsoli kam es zu besonders schönen Effekten, wie z.B. vom butterweich intonierenden Solo-Horn im Adagio des zweiten Satzes.

(c) Ansgar Klostermann

Das Publikum war in Geberlaune und feierte Tishchenko mit dem Lokalpatriotismus der anwesenden Ukrainer. Bei der seltsam tönenden Zugabe eines zeitgenössischen Belgiers, die Tishchenko auswendig vortrug, wirkte sie völlig gelöst und befreit. Hier zog sie alle Register ihrer Technik, was viel Anklang beim Publikum fand. Allein die kompositorische Qualität dieser Zugabe war doch reichlich dürftig und wenig markant.

Hauptwerk und absoluter Höhepunkt des Abends war die zweite Sinfonie von Jean Sibelius, die in ihrer finalen Gestalt 1903 erstmals aufgeführt wurde. Sie umfasst traditionell vier Sätze. Eher ungewöhnlich der nahtlose Übergang vom dritten in den vierten Satz. Beeindruckend ist die emotionale Bandbreite dieser Musik, die sehr bildhaft wirkt und oft an Naturschilderungen denken lässt. Und natürlich verfehlt der Schlusssatz mit seinen strahlenden Trompeten seine Wirkung nicht, vor allem auch deshalb nicht, weil die pathetische Coda am Schluss der Symphonie den Zuhörer unweigerlich in höchste Höhen des Lichts aufsteigen lässt.

Was ist ihr nicht alles angedichtet worden? Eine „Kampfsinfonie der Unabhängigkeit“ oder „Tschaikowsky Plagiat“ und viele weitere Unsinnigkeiten. Es ist ein emotionsgeladenes Meisterwerk, das der große Finne in herrlichen Farben niederschrieb.

Es war schon verblüffend, wie stilistisch treffsicher sich das Orchester der Klangsprache des großen Meisters näherte. Es spielte hoch engagiert und ungemein souverän in den schwierigen rhythmischen Anforderungen. Intensive Holzbläsereinwürfe spielten mit den maximal geforderten Streichern. Der große Streicherapparat entwickelte eine bestechende Kraft und Überzeugung in seiner Kantabilität. Sirenko gab den Ruhepunkten intensiven Raum, damit sich neue Spannungsmomente aufbauen konnten. Mystisch anmutende Schwebeklänge führten zu einer tief empfundenen Kontemplation.

Dazu müssen die Blechbläser häufig schwierige Intervalle realisieren, um dann am Schluss in einer gewaltigen Steigerung alles hineinzulegen, was die Lungen hergeben. Und die Blechbläser nutzten ihre grandiosen spieltechnischen Möglichkeiten, um die Anforderungen zu überwältigenden Klangeffekten zu gestalten. Sirenko wusste sehr treffsicher, wann er seine großartigen Blechbläser komplett von der Leine lassen konnte. Die Klangwirkung war frappierend. Die Bläser entwickelten eine derartige Klangballung, als wären sie plötzlich verdoppelt. Hinreisend!

Und es war sehr bewegend, wie wunderbar Sirenko die Steigerungen des Finales auskostete. Hier war sie plötzlich, die Utopie in hellsten Tönen, Friede den Menschen und tiefe Zuversicht auf eine bessere Welt. Es blieb der extrem dichte Moment der Überwältigung in der beschließenden Coda. Eine berstende, ja leuchtende Intensität, eine Beschwörung in eine einende, friedliche Welt, die sich wie ein gewaltiges positives, dynamisches Ausrufezeichen in das Ohr der Zuhörer einbrannte.

Das Publikum spürte diesen Moment genau und war außer sich vor Begeisterung. Stehende Ovationen feierten den denkbar besten Repräsentanten des Landes. Vlodomyr Sirenko zeigte sich ob der Zuwendung bewegt und pfefferte mit seinem Orchester zwei fabelhaft musizierte Zugaben in den Saal: einen Walzer und einen Marsch. Spasybi!

Dirk Schauß, 10.11.2022


Konzert im Kurhaus Wiesbaden, 09. November 2022

Borys Ljatoschynskyj: Sinfonische Dichtung „Grazhyna“ op. 58

Max Bruch: „Violinkonzert Nr. 1“ g-Moll op. 26

Jean Sibelius: „Sinfonie Nr. 2“ D-Dur op. 43

Musikalische Leitung: Volodymyr Sirenko

Solistin: Diana Tishchenko (Violine)

National State Symphony Orchestra of Ukraine