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Liebe Opernfreunde!

Wir möchten unseren "crossover" kultur-orientierten, cineastisch zu begeisternden Lesern - Musiktheater heute hat ja auch viel und oft mit Kino zu tun ! - einen besonderen Service bieten.

Gute Filme sind wie Opern. Fast jeder gute Film ist daher auch immer ein Kunstwerk. Wir berichten nur über gute, lohnenswerte Filme

Mit Dr. Renate Wagner (Wien) haben wir eine der besten Fimkritikerinnen Europas; besser können Sie sich nicht informieren.

Viel Spass im Kino wünscht Ihr Peter Bilsing (Hrg.)  

 

 

Filmstart: 15. August 2019

 

 

USA / 2019

Drehbuch und Regie: Quentin Tarantino

Mit: Leonardo DiCaprio, Brad Pitt, Margot Robbie, Al Pacino u.a.

 

TRAILER

 

„Once upon a time“ bedeutet so viel wie unser „Es war einmal“, und so beginnen Märchen. Nur dass uns Quentin Tarantino, wenn es denn ein Märchen sein soll, das er in seinem neunten Spielfilm über Hollywood von einst erzählt, dieses zwar satirisch und überbordend anspielungsreich, aber auch ziemlich – zäh angelegt hat. Trotz Starbesetzung, die natürlich funktioniert. Aber die drei Stunden, die man durch das Patchwork von Szenen steigt, die „damals“, in diesem Fall 1969, in Hollywood spielen, ziehen sich.

Einerseits geht es um Atmosphäre, und in einer Welt ohne Internet und Handys war es gewissermaßen gemütlicher. Man fuhr in den Riesenschlitten durch Los Angeles und betrachtete abgerissene Hippie-Girls am Straßenrand. Man saß in Lokalen und drosch leeres Stroh (tut man das nicht noch immer?). Wenn man nicht arbeitete, wusste man nichts mit sich anzufangen. Alltagsszenen. War es wirklich so fad, damals in Hollywood?

Eine stringente Geschichte erzählt sich solcherart nicht, also hat der Film zwei Haupt-„Helden“, wenn man sie als solche bezeichnen kann (denn auch in ihrem Fall hat die Dramaturgie Löcher, sie sind auch nur punktuell da). Hauptfigur „Rick Dalton“ (so heißt ein Western-Darsteller damals) vermag schon vermitteln, wie hart sich der Beruf für jemanden in einer Welt anfühlt, wo man nur so viel wert ist wie sein letzter Erfolg: Leonardo DiCaprio, der längst aufgehört hat, ein hübscher junger Mann zu sein, bietet die Verbissenheit und Verkrampftheit eines „Stars“, der – wie jeder und er am besten weiß – eigentlich schon zu den „Has been“ gehört und der ununterbrochen kämpfen muss, den Boden unter den Füßen nicht zu verlieren.

Sei es mit Fernsehserien. Sei es, verdammt noch mal, mit verachteten Italo-Western, die man in Europa drehen muss. In einer köstlichen Szene gleich zu Beginn macht Al Pacino (in abenteuerlicher Maske) als schmieriger Agent Marvin Schwarz klar, dass die Möglichkeiten beschränkt sind…

Es ist kein „Buddy“-Film, aber dennoch würde dieses Handlungs-Minimum um Rick Dalton noch weniger funktionieren, wenn Tarantino ihm nicht einen Begleiter gegeben hätte. Und Brad Pitt als Cliff Booth ist fast die interessantere Figur. Er ist nicht nur Daltons Stuntman, er ist sein Bodyguard, Chauffeur, Mann für alles – und er wird nicht vor Neid auf den Mann zerrissen, der im Gegensatz zu ihm „berühmt“ ist. Nein, ihm gefällt seine gelassene „Rolle“ am Rande, er ist entspannt, weil der Druck auf ihn gering ist, er kann lachen und sogar trösten und meist die Achseln zucken. Wenn man ihm auch nachsagt – was er kommentarlos hinnimmt – er habe einst seine Frau umgebracht und sei damit davon gekommen, was soll’s? In einer unglaublich komischen Szene legt Bruce Lee (Mike Moh) sich mit ihm an – da er aber seine kämpferischen Fähigkeiten nur simuliert, Cliff hingegen echt zuschlägt, bleibt der Action-Held im richtigen Leben auf dem Boden. (Und die Kinder von Bruce Lee haben sich schon lautstark über die Darstellung ihres Vaters in Tarantinos Film beschwert…)

Es gibt viele, nicht immer zusammenhängende Szenen und Episoden (Rick dreht eine brutale Filmszene mit einer Achtjährigen – schaurig cool als Partnerin: Julia Butters, Cliff besucht einen alten Kollegen, der in den Händen der Hippies ist und sich nicht an ihn erinnert), außer den beiden Helden tritt kaum jemand hervor – außer natürlich Sharon Tate, die Schöne, die „mit diesem polnischen Regisseur“ verheiratet ist, den alle als großes Talent preisen. Sie ist schön, nett und vielleicht ein bisschen hohlköpfig (Margot Robbie), aber unter den Kindern dieser Epoche sicher nicht die übelste. Ihr Bungalow liegt neben jenem von Rick, und man sieht ihr zu, wie sie die Zeit totschlägt (ihr Mann ist in Europa), weil sie nichts Besseres zu tun hat…

Dann tauchen – und nun sollte es langsam nicht so plätschernd, sondern Tarantino-griffiger zugehen – die seltsamen, ja unheimlichen Groupies auf, die um diesen Charles Manson (Damon Herriman) abhängen, der komischerweise zu seiner Umwelt überraschend höflich agiert. Und natürlich sind alle immer wieder „stoned“, und weil man in Hollywood ist, taucht logischerweise die Frage auf: Are you real? Ja, was ist „real“?

Das Finale spitzt sich zu, man wartet schon etwas ungeduldig, etwas gelangweilt darauf, dass das unscharfe Genrebild von Hollywood endlich Farbe und Kontur gewinnt. Ja, wie war das damals, als Sharon Tate und ihre Begleiter von der Manson-Bande hingeschlachtet wurden?

Es ist gewissermaßen Ehrensache, dass kein Kritiker verrät, wie Tarantino nun mit dem Fall des historischen Tate-Mordes umgegangen ist – man kann jedenfalls sagen, dass er sich hier selbst so nahe ist wie in sonst keinen Passagen. Kino ist Kino, Hollywood ist Hollywood, das merkt man ganz am Ende besonders, da steht historische Akkuratesse nicht zur Diskussion. Da schlagen die grimmigen Pointen Purzelbäume, und man möchte wünschen, dass die Dinge im wahren Leben à la Tarantino gelaufen wären…

„What the fuck happened?“ lässt Tarnatino Roman Polanski (Rafal Zawierucha), aus Europa heimgekehrt, fragen. Ja, das fragt man sich auch. Immerhin versöhnt das Ende mit großen Teilen des Films, die den genialen Schwung des Regisseurs missen lassen. Sorry, er selbst hat die Latte gelegt, an der man ihn misst. Nun muss er sich mit seinem nächsten, dem zehnten Film – wenn er denn tatsächlich sein letzter sein soll – besondere Mühe geben, damit man (wie bei den „Inglourious Basterds“) genussvoll sagen könnte: typisch Tarantino… Denn der stand doch eigentlich immer für zähneklappernde äußere und innere Spannung.

 

Bilder (c) Sony Pictures

Renate Wagner 13.8.2019

 

 

 

Filmstart: 11. Juli 2019


GB / 2019 
Regie: Danny Boyle
Mit: Himesh Patel, Lily James, Ed Sheeran, Kate McKinnon u.a.

TRAILER


In der seriösen Geschichtsschreibung sind „Was wäre, wenn“-Fragen verpönt. Was wäre, wenn Alexander der Große nicht so jung gestorben wäre, wenn er die Vermengung der Kulturen fortgesetzt hätte, den östlichen Kosmos bis weit über Indien in den europäischen einbezogen hätte? Die Welt von heute sähe zweifellos anders aus. Aber er ist jung gestorben, und wir wissen nicht, wie alles anders gekommen wäre, wenn…

Das Kino muss es nicht so ernst nehmen wie die Historie, dort darf man eigentlich alles. Dieser Film stellt eine weit irrelevantere Frage, die trotzdem Millionen Menschen mehr interessieren wird als Spekulation über eine Alexander-Welt: Was wäre wenn – wenn es die Beatles nie gegeben hätte?

Die „Beatles“. Die was? Damit das möglich ist, dass sie nicht einmal in Google auffindbar sind, dafür muss die Welt schon einmal total „ausfallen“ – nur 12 Sekunden lang, aber das reicht (erklärt wird das nie, muss es auch nicht, der ganze Film basiert mehr oder minder auf Unsinn). Man hat Malik, den indischen Briten (Himesh Patel), schon kennen gelernt, man weiß, dass er gerne ein Pop-Star wäre, man hat auch längst kapiert, dass außer seiner reizenden Freundin Ellie (Lily James in bezaubernd gestrigem Look) gar niemand bereit ist, an ihn zu glauben. Man ist schließlich nur im ländlichen Suffolk…

Dann wird er während des Stromausfalls von einem Auto bewusstlos gefahren – und, weiß der Himmel, wieso, danach singt er einen Beatles-Song vor sich hin. Wenn er Ellie die weltberühmte Frage „Will you still feed me when I’m 64?“ stellt, weiß sie nicht, wovon er redet. Nur er erinnert sich – und folglich kann er „Yesterday“ oder „All you need is love“ neu erfinden. Kein Wunder, dass er jetzt Erfolg hat: Diese Songs sind ja auch verdammt überzeugend…

Der nächste Teil des Films macht aus einem kleinkalibrigen Briten einen Star, wobei er in die Hände der ekligen Managerin Debra (Kate McKinnon) fällt, die uns zeigt, wie ungut das Business eigentlich ist: Wie neulich auch in dem Elton-John-Film wird gezeigt, wie normale Menschen („Ist his the best you can look?“ fragt sie ihn) zu Kunstfiguren gemacht werden, um sie in einem leeren Glitzerbusiness zu „verkaufen“ und die „Schauer von Geld und Ruhm“  über sie zu ergießen… Und ohne „Image“ geht das nun einmal nicht. Doch wenn unser Held, der doch einmal ein schlichter britischer „Fish & Chips“-Boy war, dann merkt, dass er seine menschliche Seite (und seine Liebe) verliert – na, dann kommt es, wie es kommen muss.

Regisseur Danny Boyle hat mit „Trainspotting“ schon härtere Kost serviert, auch „Slumdog-Millionär“ war nicht ganz so nett, aber vielleicht liegt es am Drehbuch von Richard Curtis, der ein paar der hübschesten englischen Unterhaltungsfilme geschrieben hat („Vier Hochzeiten und ein Todesfall“ oder „Notting Hill“): Regisseur und Drehbuchautor blättern hier einfach ein irrationales Pop-Märchen auf – mit viel Gesang (Himesh Patel singt die Beatles-Schlager auf seine Art selbst) und vielen Konzert-Szenen mit kreischenden Fans.

Und für diese – wirklich nur für Pop-Fans – ist der Film gemacht, und sie werden auch Rotschopf Ed Sheeran erkennen, der sich selbst spielt und der Leuten, die vordringlich in die Oper gehen, möglicherweise unbekannt ist.

Das alles ist so weit nicht unlustig, aber eine Frage drängt sich unweigerlich auf: Wenn es doch die echten Beatles gegeben hat – warum muss man seine Songs von einem sympathischen, aber irrelevanten jungen Inder singen lassen? Und sie auf solchen Umwegen „unecht“ auf die Leinwand bringen? Nur um zu zeigen, wie unvorstellbar die Welt ohne ihre Songs wäre? Nun ja, das ist immerhin ein Argument…

 

Renate Wagner, 11.7.2019

(c) Universal Pictures

 

 

 

 

Fillmstart: 20. Juni 2019

GB / 2019

Regie: Dome Karukoski

Mit: Nicholas Hoult, Lily Collins, Derek Jacobi u.a.

TRAILER

 

Neuerdings gibt es gerne Filme über britische Literaten und die Entstehung ihrer berühmten Werke. Wer Tolkien sagt (John Tolkien, 1892-1973), sagt „Herr der Ringe“, und die Sache ist geritzt. Dennoch, wenn man ehrlich ist – vorangegangene Filme über A.A. Milne und die Idee zu „Pu der Bär“ und mehr noch, Charles Dickens, der seine „Weihnachtsgeschichte“ findet, sind weit überzeugender ausgefallen als dieser Weg in eine eher trockene Vergangenheit.

Biopics haben den Vorteil, dass sie ihr Publikum (im allgemeinen) gescheiter entlassen, als sie ins Kino hineingegangen sind – denn so viele Details, wie man in historischen Filmen zu hören und sehen bekommt, weiß man selten. Nun würde ein englischer Autor – ein englischer Autor eben – hierzulande wohl kaum viel Interesse finden, wäre da nicht das Reizwort „Mittelerde“: Tolkien ist der Mann, der einen Kosmos erfunden hat, der in der Literatur fast so groß ist wie jener von Wagners „Ring des Nibelungen“ in der Musik. Wie viel er diesem Werk verdankt, wird zumindest in einer langen Szene, wo er „Rheingold“ in der Oper erlebt (mit ein paar dramatischen Szenen des Werks herausgehoben), anerkannt.

„Der Herr der Ringe“ und „Hobbit“ – selbst, wer sie nicht gelesen hat, kennt vermutlich Peter Jacksons Verfilmungen. Die Frage ist nun wirklich, wie jemand darauf kam, diese Welten zu kreieren, mitsamt der dazugehörigen Sprache, wobei Sprache an sich – vor allem die Etymologie – eines der zentralen Interessen von Tolkien war.

Der Film des finnischen Regisseurs Dome Karukoski verfährt nicht chronologisch, sondern mixt die biographischen Ebenen. Das macht Geschichten üblicherweise etwas spannender, aber auch unübersichtlicher (man kann nicht alles haben…). Da ist ein Junge, dessen Mutter schon Geschichten von Drachen, Schwertern und Schätzen erzählt. Da ist nach deren Tod kein sehr angenehmer Priester sein Vormund, der ihn und seinen Bruder in ein Internat steckt (dass englische Schulen kein angenehmer Ort waren, leugnet niemand). In der Schule findet er drei Freunde, mit denen er sich auch intellektuell austauschen kann und die schon einen kleinen literarischen Zirkel bilden.

Die jungen Schauspieler switchen zu den Erwachsenen, und Nicholas Hoult übernimmt mit ernstem, intensivem Gesichtsausdruck den Tolkien der Universitätsjahre. Davor schon gab es die Liebesgeschichte mit Edith Bratt (die immer erfrischende Lily Collins), und dann kommt der Erste Weltkrieg mit ausführlichen, tragischen Kampfszenen in Frankreich, die sich mit seinen halluzinatorischen phantastischen Vorstellungen (da wandern dann auch die feuerspeienden Drachen am Schlachtfeld) vermengen.

Entscheidend in den Jahren in Oxford ist das Interesse an Sprache (was er auch schon seiner Braut klarmachen wollte – die es übrigens ist, die eine Passion für Wagner hat und ihn mit Wagners „Ring“ bekannt macht). In Oxford begegnete Tolkien Professor Joseph Wright (der große Derek Jacobi genießt dessen Exzentrik), der genial im Vergleichen der zahllosen alten Sprachen war, die er studiert hatte: Tolkien wurde – es war nicht leicht – sein berühmtester Schüler. Diese Dinge wirken vielleicht etwas theoretisch, aber man weiß ja, was daraus geworden ist.

Wenn der Kosmos, den Tolkien schließlich in „Der Herr der Ringe“ aus Überlieferung und Phantasie baute, hier bloß nicht so Englisch-trocken von der Leinwand käme… Irgendwie hätte man sich den Mann, der dies schuf, sprühender vorgestellt.

 

Renate Wagner, 20.6.2019

Copyright 2019 Twentieth Century Fox

 

 

 

 

Filmstart: 10. Mai 2019

USA / 2019

Regie: Jon S. Baird

Mit: John C. Reilly, Steve Coogan, Nina Arianda, Shirley Henderson u.a.

 

TRAILER

 

Der eine ein bisschen sauertöpfisch und dümmlich, der andere der aufgedrehte Dicke, der perfekte Kontrast – – das waren Stan & Ollie, der Brite Stan Laurel (1890- 1965) und der Amerikaner Oliver Hardy (1892- 1957), auf Deutsch so unfreundlich „Dick und Doof“ benannt und als Paar ein großes Kapitel Filmgeschichte. Dass ein biographischer Film über zwei Komiker, die Millionen zum Lachen brachten, aber seinerseits alles andere als eine reine oder gar platte Lachnummer ist, sondern eine tief empfundene, menschliche Geschichte– das macht eigentlich die Stärke davon aus, was der schottische Regisseur Jon S. Baird buchstäblich auf die Leinwand gezaubert hat.

Es sei eine „Liebesgeschichte“, meinte er (nein, natürlich nicht „so“, die Gattinnen der beiden spielen auch mit und sogar ziemlich nachdrücklich), auf jeden Fall eine Schicksalsgemeinschaft, zwei, die ohne einander nicht konnten – auch wenn sie einander gelegentlich verletzten. Wie das Leben so spielt.

Künstlerisch konnten sie nur als Duo existieren, einer war ohne den anderen nicht denkbar, sie lockten auf gleicher Höhe das Beste aus einander heraus. Wenn Laurel auch gewissermaßen der Intellektuelle der beiden war und auch versuchte, ihre Stellung in Hollywood finanziell zu etablieren: In einem (nicht langen) Vorspiel erlebt man die beiden 1937 in der Filmstadt, am Höhepunkt ihrer gemeinsamen Karriere, seit 1921 machten sie einen Film nach den anderen miteinander (106 sollen es laut Wikipedia geworden sein). Laurel verlangte mehr Geld und postulierte dafür, dass er an den Drehbüchern mitwirkte, auch mehr Würdigung, aber der schlichtere Hardy wollte sich nicht mit den Studios anlegen: persönliche Krise der beiden, ihre Wege trennen sich einige Zeit. Ollies „Verrat“ wird noch jahrzehntelang in Stan wühlen und zu bösen Worten führen … die sie dann beide zutiefst bereuen.

Dann springt die Handlung ins Jahr 1953 in England, kein künstlerischer Weg bleibt immer auf der Siegerstraße, in Hollywood gibt es mittlerweile Abbott und Costello, der eigene Ruhm des Duos ist so bescheiden geworden, dass sich bei einer Live-Tournee die Theatersäle anfangs nur zögerlich füllen. Obwohl man spürt, dass Ollie bereits krank ist, zieht es sie wie Theatertiere, die ohne „Manegen-Luft“ nicht leben können, immer wieder auf die Bühne – und nach und nach kommt auch das Publikum. Live-Auftritte bedeuten, die Lacher direkt zu hören. (Und es ist wunderbar, sich diese Bühnenszenen anzusehen.)

Die Handlung des Films ist weder auf der privaten noch der künstlerischen Seite hektisch aufgemotzt – man sieht das Leben zweier Arbeitstiere, und auch als die beiden Gattinnen erscheinen, um bei der Tournee dabei zu sein, lässt der Regisseur keine besondere Aufregung zu. Dabei rollt Nina Arianda den russischen Akzent und den Aplomb von Laurels Gattin (sie hatte in ihrer Heimat als Sängerin Karriere gemacht), und Shirley Henderson spielt die liebevolle Sorge der Lucille Hardy um ihren Mann aus – das ist komisch, wie vieles an diesem Film, aber im Grunde verliert man nie das Gefühl der Melancholie. Und ahnt etwas, das begreifen lässt, dass man Laurel & Hardy als Vorbilder für Wladimir und Estragon in Becketts „Warten auf Godot“ gesehen hat…

Es ist natürlich die Leistung der beiden Hauptdarsteller, die diesen Film letztlich so unwiderstehlich macht. John C. Reilly spielt für den „lustigen“ dicken Ollie immer auch ein wenig Melancholie mit, und auch Steve Coogan zeichnet als Stan keinen glücklichen Menschen. Aber man weiß es ja: Komiker sind im Privatleben alles andere als lustig. Und gegen Ende, wenn Ollie immer schwächer wird, wird es sogar richtig traurig. Die Darsteller sind so überzeugend, so seelenvoll, um dieses Wort einmal zu benützen, dass sie durch die Haut gehen (und direkt ins Herz hinein). Man liebt sie einfach – so wie den ganzen Film.

Der Nachspann mit den „Originalen“ – mit Szenen von Laurel & Hardy – beweist, dass die Interpreten deren Zauber und deren menschliche Anmut eingefangen haben.

Liebender, berührender und schöner hätte man der beiden nicht gedenken können.

 

Renate Wagner 12.5.2019

(c) SquareOne Entertainement

 

 

USA / 2017

Regie: Haifaa Al-Mansour

Mit: Elle Fanning, Douglas Booth, Tom Sturridge, Ben Hardy u.a.


TRAILER

 

Die Dichterinnen bevölkern die Kinoleinwand. Als man das Schicksal von „Astrid“ (Lindgren) als Jugendliche erlebte, ging es um die sozialen Härten, denen eine ledige Mutter ausgesetzt war: Das Recht an ihrer „Pippi Langstrumpf“ hat ihr niemand streitig gemacht. Anders ging es Mary Shelley (1797-1851), diese Woche im Kino, und Colette (1873-1954), nächste Woche im Kino: Obwohl diese beiden Autorinnen fast acht Jahrzehnte trennten, konnten beide ihre Werke nur im Namen ihrer Ehemänner veröffentlichen – als Frauen waren sie für Verleger ihrer Zeit untragbar. Frau sein und schreiben, Frau sein und sich als Schriftstellerin durchzusetzen, das waren bedeutende Mosaiksteine in der Geschichte er Emanzipation.

Dass Mary Godwin (Elle Fanning) von Kindesbeinen an literatursüchtig war, verstand sich aus ihrer Herkunft: Ihr Vater ((Stephen Dillane) war selbst Schriftsteller und betrieb einen Buchladen, ihre Mutter Mary Wollstonecraft war eine der berühmtesten Frauenrechtlerinnen ihrer Zeit gewesen (allerdings zehn Tage nach Geburt der Tochter gestorben). Mary lebte also als Teenager in einer liberaleren Welt als viele. Und wenn der 21jährige Percy Shelley (Douglas Booth) in ihrer Familie Gedichte rezitiert, treffen sich in ihm und der 16jährigen Mary zwei „Dichterseelen“, wobei sie auch zu unkonventionellen Aktionen bereit ist. Nicht nur ein Rendezvous am Friedhof, sie erwägt auch Shelleys Angebot, mit ihm davon zu laufen – obwohl er verheiratet ist. Er sieht nicht ein, warum eine Ehe gewaltsam gehalten werden soll, wenn die Zuneigung der Partner erloschen ist… Er sieht überhaupt nichts ein, was seinen Egoismus stört, wie Mary noch erfahren wird.

Der Stiefmutter (Joanne Froggatt) ist Marys Verhalten ein Dorn im Auge, worauf diese ihr entgegen schleudert: „Glaubst Du wirklich, ich kümmere mich um meine Ruf?“ Und läuft mit Shelley davon. Was, wie immer und überall und zu allen Zeiten, in ein finanzielles Problem mündet, da dessen Vater daraufhin nicht mehr bereit ist, den Sohn zu unterstützen… Ein Leben in Schulden und Geldsorgen folgt.

Nein, es ist nicht romantisch, aus Liebe davon zu laufen, noch dazu, wenn man schwanger ist wie Mary. Und es verwundert nicht, wie schnell die Liebe zu dem verantwortungslosen Shelley in einen spannungsgeladenen und keinesfalls mehr liebevollen Alltag übergeht. Später wird er behaupten, „I am not the architect of our misery“, aber tatsächlich ist er genau das.

Man schleppt sich durch den Alltag, bis der Film sich auf jene Situation zuspitzt, die Mary Shelley (sie haben später doch geheiratet) für die Nachwelt einzig interessant macht: Wie kommt eine junge Frau in einer Situation, die die Nachwelt immer als „romantisch“ betrachtet hat, dazu, eine der berühmtesten Horror-Geschichte der Weltliteratur zu schreiben und das Monster „Frankenstein“ zu erfinden?

Dichter treffen sich 1816 am Genfer See, der selbstgefällige Lord Byron (Tom Sturridge) hat ein Verhältnis mit Marys Schwester Claire (Bel Powley), die von ihm schwanger ist, der er allerdings ins Gesicht sagt, dass er sich nicht binden wird, die Luft schwirrt vor Drogen und Esoterik… Die seltsame Welt am Genfer See, mit Spannungen zwischen allen Beteiligten geladen, wird in ihrer Seltsamkeit gezeigt. Als sie quasi in den literarischen Wettbewerb treten , eine Horrorgeschichte zu schreiben, erklärt Mary ihr Monster aus dem seelischen Chaos, das hier in allen wütet – vor allem in ihr… Sie ist eine Pionierin, sie begründet ein neues Genre, sie schreibt wie ein Mann. (Das diabolische Feuer, das Regisseur Ken Russell 1986 in „Gothic“ zur Entstehung von „Frankenstein“ entzündet hat, lässt diesen Film allerdings verhältnismäßig „brav“ aussehen…)

Ein Verleger kann sich nicht vorstellen, dass „the wife guide companion of Mr. Shelley“ tatsächlich die Autorin dieses Buches ist, er wagt zu bezweifeln, dass eine Frau fähig sei, das zu schreiben. Zumal eine 18jährige… Außerdem sei das ein absolut unpassendes Thema für eine junge Dame. Eine Absage folgt auf die andere. Schließlich will man es veröffentlichen, wenn Shelley das Vorwort schreibt – und dann wird natürlich jedermann annehmen, er sei der Autor und überlasse großzügig der Frau die Ehre…

Sie ist wütend, weil Shelley selbst sie nicht anerkennt, die Beziehung wird immer schlechter, Marys Buchhändler Papa liest die Geschichte und seufzt tief, Lord Byron lässt wissen, dass er „Frankenstein“ verabscheut, und schließlich wird das Buch anonym veröffentlicht. Und Shelley gibt öffentlich zu, dass er keinen Anteil an dem Werk hat – nur dass er der Verursacher der Einsamkeit des Monsters sei…

Viel Bitterkeit weht durch diesen Film, der zwar ein klassisches, in seiner Zeit spielendes Kostüm-Biopic ist, das Regisseurin Haifaa Al-Mansour aber in „dunklen“ Farben gehalten hat, optisch und in der Stimmung. Keine Jeunesse dorée, diese so begabten jungen Leute, die so berühmt werden sollten. Sondern gequälte Geschöpfe, wobei Elle Fanning als Mary die Aufgabe stupend bewältigt, ein junges Mädchen und zugleich ungeheuere Stärke, Entschlossenheit und Selbstbewusstsein glaubhaft zu machen.

 

Renate Wagner 5.1.2019

Copyright © 2018 PROKINO Filmverleih GmbH

 

 

Filmstart: 1. November 2018


The Nutcracker and the Four Realms / USA / 2018 
Regie: Lasse Hallström
Mit: Mackenzie Foy, Keira Knightley, Helen Mirren, Morgan Freeman, Jayden Fowora-Knight u.a.

TRAILER

Wenn der Disney-Konzern nicht zu Weihnachten die Neuverfilmung von „Mary Poppins“ in die Kinos brächte, wäre der November-Start von „Der Nussknacker & die vier Reiche“ die reine Verschwendung, denn einen idealeren Weihnachtsfilm für Jung und Alt wird es schwerlich geben.

Man denke nur, welche Erfolge die Royal Opera in London alljährlich mit ihren Aufführungen von Tschaikowskys „Nussknacker“-Ballett einfährt. Und nun die Realverfilmung als Fantasy-Märchen… Wobei man Ballettfans auch den Besuch des Films anraten kann, nicht nur, weil die Tschaikowsky-Musik überbordend und stimmungsstark eingesetzt wird und es viele „Tanzszenen“ bei Drosselmeyers Ball gibt, sondern weil immer wieder auch Misty Copeland, die afroamerikanische Primaballerina des American Ballet Theatre, zu sehen ist – im Nachspann sogar in einer „Modern Dance“-Version zur bekannten Musik…

Die Geschichte von Clara und dem Nussknacker hat seit ihrem Original aus der Feder von E.T.A. Hoffmann viele Variationen erfahren, und das ist wieder eine, wobei die Drehbuchautoren sehr hübsch und kindergerecht gearbeitet haben. Hier ist Clara, die technisch über die Maßen begabte Tochter einer ebensolchen Mutter, die ein zweites Leben als Königin in einer Zauberwelt hatte.

Nach dem Tod der Mutter, die ihr ein geheimnisvolles Geschenk hinterlassen hat, gerät Clara beim Weihnachtsball von Onkel Drosselmeyer in diese magische Parallelwelt, wo sie von einem Nussknacker als Soldaten in Empfang genommen und begleitet wird. Da gibt es nicht nur kleine Mäuse und den riesigen Mausekönig, sondern auch vier Herrscher. Die Könige des Blumen- und des Schneereichs (Eugenio Derbez und Richard E. Grant) sind prächtig geschmückte Herren am Rande, während die Zuckerfee in heftiger Fehde mit „Mutter Ginger“ zeigt, dass man dringend eine neue Königin braucht, die hier Frieden stiftet. Was unserer Clara, vom Nussknacker unterstützt, fraglos gelingt, bevor sie ins richtige Leben zurück kehrt…

Der schwedische Regisseur Lasse Hallström, dessen Karriere lang und bunt (und qualitativ uneinheitlich) ist, hat für diese Geschichte von Menschen und Computeranimation (die gänzlich echt wirkt) die richtige leichte Hand bewiesen. Es geht um Ausstattungsprunk, der sich für seine Üppigkeit nicht geniert, es geht um lustige, möglichst nicht allzu schreckhafte Fantasy-Effekte, und schließlich haben wir es mit einer entschlossenen jungen Heldin zu tun, die Probleme mit Mut und vor allem ihrem Verstand löst.

Die 17jährige Mackenzie Foy spielt die Clara. Sie ist sehr hübsch (wenn man auch das Gefühl hat, an ihrem großen Mund und den künstlich-perfekten Zähnen sei trotz ihrer Jugend herumgedoktert worden), und es ist wichtig, dass man ihr auch das kluge Mädchen mit den wirbelnden Gefühlen glaubt. Inzwischen hat Hollywood aus allerlei lautstark verkündeten Protesten gelernt – der Nussknacker ist der junge afroamerikanische Schauspieler Jayden Fowora-Knight mit großen Augen und fesch in seiner bunten Soldatenuniform.

Aber der Clou des Films sind zwei Feen: Da ist Keira Knightley, auf den ersten Blick gar nicht zu erkennen, als die Zuckerfee, die sie als liebliche Monroe-Parodie anlegt, bevor… kurz gesagt, man soll sich von der holden Weiblichkeit nicht täuschen lassen. Vielleicht ist auch Helen Mirren als optisch wahrlich knorrige „Mutter Ginger“ gar nicht die Bösewichtin, wie man zuerst glaubt?

In der realen Welt hat Clara einen liebenswerten Vater, der um seine Gattin trauert (Matthew Macfadyen), während der Onkel Drosselmeyer in Gestalt des wunderbar weisen und humorvollen Morgan Freemanschon in die Zauberwelten hinüber verweist…

Dort ist man, ob jung oder alt, in 100 Minuten Disney-Welt bestens aufgehoben. Sie sind wahrlich die Letzten, die den Mut zu solchen Filmen haben. Und sie würden nicht so viel in Aufwand und Kosten investieren, wenn es nicht ein „romantisches“ Publikum gäbe, das dergleichen auch in unserer Welt noch gerne sieht…

Bilder (c) Walt Disney Germany

Renate Wagner 2.11.2018

 

P.S. weil es so schön ist noch ein Zusatzbild ;-)

 

 

 

 

Filmstart am 19. Oktober 2018

 

Deutschland / 2018

Regie: Sönke Wortmann

Mit: Caroline Peters, Florian David Fitz, Christoph Maria Herbst, Justus von Dohnányi, Janina Uhse, Iris Berben u.a.

 

Trailer

 

Dass die Amerikaner französische Erfolgsfilme neu auf amerikanisch verfilmt haben, weil sie keine ausländischen Filme - am Ende gar mit Untertiteln! - mögen, ist mehr als einmal vorgekommen. Dass die Deutschen das tun, dafür fiele einem kein Beispiel ein. Nun hat man es: Der Vorname ist das Remake des französischen Films Le Prénom aus dem Jahre 2012. Und ja, man versteht, warum es gemacht wurde…

Schon im Original, das auf dem gleichnamigen Theaterstück beruht, geht es um dasselbe Problem wie in der deutschen Fassung: Wenn ein werdender Vater seinen Verwandten und Freunden verkündet, das Kind werde Adolphe heißen, so ist dieses Thema für die Deutschen ja noch ungleich hitziger, kontroverser und politisch brisanter, denn so nahe wie ihnen konnte den Franzosen - bei aller negativen Besetzung der Person - Hitler ja doch nicht sein.

Also, die in jeder Hinsicht eingedeutschte Neufassung durch Regisseur Sönke Wortmann, was mit Hilfe einer brillanten Besetzung eine satirische Gesellschaftskomödie erster Ordnung ergibt. Und man muss auch sehr stark von der Besetzung sprechen, denn die Schauspieler bringen die Figuren zum Leben.

Da ist Caroline Peters, des Burgtheaters größter weiblicher Schatz, in der Rolle von Elisabeth, an sich eine brave Lehrerin, damit der Gatte Stephan, der immer köstliche Christoph Maria Herbst, hinreißend diesmal in seiner Humorlosigkeit, sich in seiner Position als Hochschulprofessor aufplustern kann; aber seine Dissertation hat sie ihm geschrieben, wie u.a. herauskommt, als die Stunde der Wahrheit schlägt. Die beiden haben Gäste zum Abendessen: Ihr Bruder Thomas - Florian David Fitz, locker und mutwillig der Musiker René - Justus von Dohnányi, ein bisschen verbissen, der mit ihnen aufgewachsen und fast ein Bruder für sie ist, und später kommt auch noch die schwangere Jana - Janina Uhse, sympathisch klug-  hinzu.

Das Geplaudere mag, wie das bei Intellektuellen so ist, ein bisschen hoch gestochen sein. Thomas sieht in der Bibliothek des überkorrekten Schwagers eine aufwendige, kommentierte, zweibändige Ausgabe von Hitlers Mein Kampf. Und lässt in der Folge nur als Provokation die Mitteilung fallen, dass er seinen zu erwartenden Sohn Adolf nennen wird…

Was immer man sich angesichts einer solchen Bombe vorstellen kann, explodiert. Die Empörung des politisch Korrekten führt direkt in das deutsche Bewusstsein unserer Zeit – wobei Hitler als Feindbild, an dem man ununterbrochen sich und den anderen die eigene Rechtschaffenheit beweisen kann, offenbar gerade für die Linken unentbehrlich ist.

Dass Gespräche, die so tief ins Ideologische gehen, schnell ins Persönliche abdriften, und dass eine unfreundliche Wahrheit, dem Mitmenschen ins Gesicht gesagt, die nächste nach sich zieht, versteht sich. Und schon ist man inmitten der Peinlichkeiten, die man normalerweise vermeidet, die aber herausplatzen, wenn die Reizschwelle überschritten wird. Auf einmal wird Neid offenbar, Eifersucht, Schäbigkeit, Bosheit, alles, was man sonst unter dem Deckel hält.

So ist es eine Komödie, die jede einzelne Figur in ihrem Wesen und ihrer Psychologie packt, andererseits aber auch ein Panorama deutscher Befindlichkeit in verschiedenen Facetten entfaltet. Dass die berühmte Toleranz aussetzt, wenn man ganz persönlich wird, zeigt sich an einem nur amüsanten und nicht problematischen Handlungsstrang, in den dann auch die Mutter der Familie  - Iris Berben ist wunderbar unkonventionell - verstrickt ist.

So ist am Ende des Films eine Menge Tünche abgewaschen, und wieder einmal erfährt man, was man ohnedies weiß: Dass das Leben ohne Lügen und Lebenslügen vermutlich gar nicht funktionieren würde. Man hat es nur selten – und das bloß anhand des Reizwortes Adolf – so amüsant vorgeführt bekommen.

(c) Constantin

Renate Wagner 19.10.18

 

Dazu der absolute Opernfreund-DVD Tipp

 

P.S. Ein must buy für Cineasten

Gebraucht ab 99 Cent erhältlic.  Was für ein grandioses Kino! So etwas können nur die Franzosen. Eine hinreissende Geschichte, die auf superb humorvolle Weise einen Bogen zieht von Who is afraid of Verginia Woolfe, über den Gott des Gemetzels in die aktuelle Zeit. Ein wunderbarer Film, der in der Mitte auch grandios die Untiefen menschlicher Seele auslotet und fast im Drama endet - am Ende aber mit grossem, halt typisch franz. Charme, alle wieder versöhnt. Wunderbar!! Muss man gesehen haben. Da wird es die neue deutsche Variante schwer haben.              P.Bilsing
 

 

 

 


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Deutschland 2018

Regie: Michael Bully Herbig
Mit: Karoline Schuch, Friedrich Mücke, David Kross, Alicia von Rittberg, 
Thomas Kretschmann u.a.

 

 
Wenn Michael Herbig, den man in diesem Zusammenhang nicht mehr „Bully“ nennen möchte, im Interview sagt: „Zuallererst wollte ich einen unterhaltsamen Thriller inszenieren“, greift er bescheiden zu kurz. Sicher, „Ballon“ ist spannend, es ist – vor allem im zweiten Teil – die übliche Gejgate / Jäger-Geschichte, wo man so sehr mit den Gejagten, die aus der DDR fliehen wollen, bangt und dann (so viel darf ja verraten werden) erleichtert, selig mit ihnen triumphiert. „Ist das der Westen?“ fragen die Geflüchteten verzweifelt, als sie durch den Wald irren, und bekommen die schöne Antwort: „Nein, Oberfranken…“

Aber wenn „Ballon“ nicht mehr wäre als eine spannende Geschichte, gäbe es keinen neuen Michael Herbig, der mit 50 Jahren zeigt, wie viel er über seine brillanten Komödien hinaus („Der Schuh des Manitu“, 2001 als Beginn und Krönung seiner „Bully“-Film-Karriere) zu bieten hat. Herbig erzählt eine wahre Geschichte, die nur der wagemutigste Drehbuchautor erfinden würde. Der Entschluß zweier im Raum Gera lebenden Ehepaare, mit ihren Kindern um jeden Preis die von einer Todesmauer umgebene DDR zu verlassen, war 1979 so stark, daß sie einen aberwitzigen Plan faßten: Sie wollten in einem selbst genähten (!) Ballon in die Lüfte steigen und in der Bundesrepublik wieder Boden unter den Füßen finden. Was erst beim zweiten Anlauf gelang.

Den ersten unternahm die Familie Strelzyk allein und scheiterte. Ihr Ballon (wir erleben das handwerkliche und intellektuelle Geschick, mit dem er entsteht) stürzte ab, mit Mühe fanden sie den Weg nach Hause zurück und hatten nun die Stasi auf dem Hals, die diese „Republikflüchtlinge“ mit ihren ganzen bedeutenden Mitteln jagte – ein beängstigender Apparat, dem in der Verfolgung seiner Feinde nichts zu teuer war.

Und hier zeichnet der Film ein erstaunlich dichtes Bild eines erstickenden DDR-Alltags, in dem sich nur die Privilegierten wohl fühlten (vielleicht auch da nicht alle) – und nur jene, die der Stasi zu Diensten waren, mit gewissen Vorteilen zu rechnen hatten. Es war eine Welt, wo man selbst in der Familie nicht immer wagte, etwas auszusprechen, wo man nicht nur stetiger Überwachung, sondern auch stetigen Verratenwerdens gewärtig war. Das Drehbuch, das Herbig mit Kit Hopkins und Thilo Röscheisen geschrieben hat, zeigt das nicht nur anhand der betroffenen Familien und ihrer scheinbar so betulichen, aber bösartig wachsamen Umwelt, sondern auch am Beispiel des „Jägers“.

Der von Thomas Kretschmann außerordentlich vorzüglich gespielte Stasi-Oberstleutnant Seidel ist mit Abstand die interessante, am schärfsten umrissene Figur des Films: Denn intelligente Menschen wie er waren sich natürlich dessen bewußt, was sie da taten, obwohl auch er vorgeben mußte, bis in die Knochen ideologietreu zu sein. Doch wenn er einen Untergebenen fragt, ob man die Flüchtlinge, die offenbar die Vorzüge der DDR nicht zu schätzen wüßten, nicht einfach gehen lassen sollte … dann weiß er, daß er von niemandem eine ehrliche Antwort erhalten wird, sondern nur die vorgeschriebenen Treuesprüche zum System. Ohne diese gab es nichts, kein Leben, keinen Job, kein Fortkommen.

Das Bild der DDR, das sich hier im scheinbar so friedlichen Alltag einer sehr kleinen Stadt in Thüringen entfaltet, ist der beklemmendste und gelungenste Teil des Films. „Aber wenn jemand nun ins Grübeln kommt, was das Thema Flucht bedeutet, dann habe ich nichts dagegen“, sagte Michael Herbig in einem Interview auch, aber das „Warum“ der Fliehenden hat er im Grunde nur peripher bearbeitet.

Keine Freiheit, keine Möglichkeiten, ständige Bespitzelung – dem waren schließlich alle ausgesetzt, und prozentuell haben nur wenige dafür den tödlichen Wahnsinn der Republikflucht auf sich genommen.

Wenn wir die Stelzigs (Friedrich Mücke und Karoline Schuch) und die Wetzels (David Kross und Alicia von Rittberg) kennenlernen, beide Familien mit je zwei Kindern, drei davon noch klein, sind sie zu dem irrwitzigen „Abenteuer“ schon entschlossen. Als die erste Flucht der Stelzigs (allein unternommen) mißlingt und die Bluthunde der Stasi hinter ihnen her sind, setzt dann der Teil des Films ein, der unterhaltsam sein könnte, wenn da Harrison Ford ganz einfach kinogerecht von Tommy Lee Jones gejagt würde und bloß Kino stattfände. Aber es war Wirklichkeit, und das macht jede Minute beklemmend.

Und was Michael Herbig nun tatsächlich gelungen ist, ist ein Film über die DDR, der man sich von Seiten des geeinten Deutschland ja nun erst langsam nähert – man will die „Ossis“, die sich noch immer als solche fühlen, nicht verletzen, aber es geht auf die Dauer nicht an, alles, was damals geschehen ist, unter den Tisch zu kehren.

Renate Wagner 3.10.2018

(c) Studio Canal Deutschland

 

 

 

MACKIE MESSER

BRECHTS DREIGROSCHENFILM

TRAILER

 

 

 

Filmstart: 14. September 2018

 

Deutschland / 2018

Regie: Joachim A. Lang

Mit: Lars Eidinger, Tobias Moretti, Joachim Król, Hannah Herzsprung, Claudia Michelsen, Robert Stadlober u.a.

 

Kompetenz ist etwas Schönes. Sich in seinem Metier so souverän auszukennen, dass man damit „spielen“ kann. So, wie Joachim A. Lang bei Brecht und seiner Zeit zuhause ist. Als Filmemacher hat er bislang „nur“ (immerhin) den „George“-Film gedreht, wo Götz seinen Vater Heinrich George spielte und tief in das damallige Milieu eingetaucht wurde. Ähnliches ist nun mit Bert Brecht gelungen. Wobei es die beste Idee Langs war, nicht die „Dreigroschenoper“ an sich zu verfilmen – denn so gut, wie allgemein getan wird, ist das Werk nicht. Die besten Nummern „herauszupicken“ und dramaturgisch in eine Rahmenhandlung einzusetzen – das ist die Genieidee von „Mackie Messer – Brechts Dreigroschenfilm“.

1928 hatten Brecht und Weill unter größten Schwierigkeiten die „Dreigroschenoper“ herausgebracht, die dann ein Riesenerfolg wurde. Die Geschichte des Gangster-Königs Macheath, genannt Mackie Messer („Und der Haifisch, der hat Zähne“), und des Bettlerkönigs Peachum ist Kapitalismus-Parodie und –Kritik zugleich, vom damaligen Publikum mit Begeisterung, ganz ohne Selbstreflexion, aufgenommen. Wenig später kam es zur Verfilmung, die mit ungeheuren Turbulenzen und Streitigkeiten Hand in Hand ging, wollten die Produzenten doch einen reinen Unterhaltungsfilm machen, Brecht / Weill hingegen von ihrer politischen Aussage nicht weichen.

Das ist nun die so amüsante, ironische wie spannende Rahmenhandlung, die Joachim A. Lang rund um die originalen Figuren ausführt: Da ist Lars Eidinger als Bertolt Brecht locker zynisch und grimmig bissig zugleich, da zappelt Robert Stadlober den Kurt Weill, der sich aufregt, dass man seine Lotte Lenya (Britta Hammelstein) auf dem Original-Theaterzettel vergessen hat. Da ist Brechts „Harem“ mit Gattin Helene Weigel (Meike Droste), die in diesem Zusammenhang eine geringere Rolle spielt als Elisabeth Hauptmann (Peri Baumeister), deren Anteil an der „Dreigroschenoper“ immer zu gering angesetzt wird (Brechts rücksichtslose Ausbeutung seiner vor allem weiblichen Umwelt wird nebenbei durchaus thematisiert). Und dann sind da noch die Filmleute und Anwälte, mit denen Brecht leidenschaftlich aggressiv in jede Konfrontation ging, während er im Proletarier-Look das süßen Lebens im hektischen Berlin an der Wende der dreißiger Jahre und an der Riviera frönte…

Und in diese Handlung werden die Szenen des „Dreigroschenfilms“ hinein geschnitten, dramaturgisch punktgenau, in der Show-Üppigkeit, in der der Film damals gedreht wurde – ein perfektes Musical, brillant gespielt, und doch nicht eine Sekunde lang vergessend, dass es hier um Brechts Attacke geht: „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“.

So gut wie als Bettlerkönig Peachum hat man Joachim Król lange nicht gesehen, Claudia Michelsen ist herrlich als verlogene Frau Peachum, sie könnte nicht besser sein, Christian Redl wird als Polizeichef Tiger Brown von seiner eigenen Unehrenhaftigkeit gebeutelt, Hannah Herzsprung, in der „realen“ Handlung die Carola Neher, gibt hier die raffiniert „naive“ Polly – und da ist vor allem Tobias Moretti als Macheath, der Gangster im Maßanzug. Weit besser, als er diese Rolle live im Theater an der Wien verkörpert hat, ist Moretti hier die Idealbesetzung des eleganten, verlogenen Monsters, der die Welt grinsend ancharmiert… Und wenn dann noch Max Raabe die Moritaten singt, bleibt kein Wunsch offen, zumal man wieder Kompetenz „hört“, wenn schließlich „unser“ HK (Nali) Gruber für den musikalischen Teil des Unternehmens zuständig ist.

Tatsache ist, dass die „Dreigroschenoper“, hier als effektvolle Show-Stückwerk in die Brecht-Handlung hineingeschnitten, noch viel besser zur Wirkung kommt, als stellte man sie einfach als Aufführung hin: Denn nun kann man die Kommentare ihres Schöpfers dazwischen knallen – und merken, dass sich am Haifisch-Kapitalismus so wenig geändert hat wie an der wütenden, aber machtlosen Kritik daran…

 

Renate Wagner 25.9.2018

(c) Wild Bunch Germany

 

 

 

Filmstart: 14. September 2018

 

USA / 2017 
Drehbuch und Regie: Chloé Zhao
Mit: Brady Jandreau, Tim Jandreau, Lilly Jandreau u.a.

TRAILER

 

Sind nur die großen, lauten Persönlichkeiten für die Kinoleinwand interessant? Muss das Schicksal mit Karacho bekämpft werden, damit es uns interessiert, geht es nicht anders, als die Tragik vordergründig und anklagend aufs Butterbrot zu schmieren? Nun, im allgemeinen wohl schon – so, wie man heute Filme macht. Darum ist „The Rider“ der chinesisch-amerikanischen Regisseurin Chloé Zhao ein so besonderes Ereignis, weil sie eine ganz andere Geschichte ganz anders erzählt. Vielleicht, weil diese so echt ist. Der Hauptdarsteller selbst meint, es sei zu 85 Prozent sein eigenes Schicksal…

Selbst der Vorname stimmt, auch die Familienmitglieder: Brady Jandreau spielt Brady Blackburn, sein Vater ist sein Vater, seine mental leicht behindert Schwester ist auch dabei. Menschen, die im Pine Ridge Reservat in South Dakota leben, Nachfolger von Indianerstämmen, gesellschaftlich in den USA ganz tief angesiedelt. Aber es ist eine Welt, die einst – im Kino – der romantische „Wilde Westen“ war. Davon sind die Cowboys geblieben, die Rodeos – und vor allem die Pferde.

Es war die Geschichte des echten Brady Jandreau, der aus dem Stamm der Lakota kommt: ein Pferdeflüsterer, wenn es je einen gab, ein Mann, für die Pferde geboren, sie sind sein Lebensinhalt, er will nichts anderes tun, als mit ihnen zu leben und sie trainieren. Einzige größere Geldquelle in dieser Welt ist es, wenn man beim Rodeo einen Preis gewinnt. Aber Brady hatte Pech, ebenso wie sein Freund Lane Scott, der beim Bullenreiten so schwer verletzt wurde, dass er nun im Rollstuhl in einem Krankenhaus lebt, sich nur noch mit Zeichensprache verständigen kann.

Vergleichsweise hatte Brady „Glück“, als er vom Pferd fiel und sich „nur“ eine Kopfwunde und steife Hände zuzog. Die sind es allerdings, die ihm das Reiten und die Rückkehr in sein altes Leben verbieten…

Mit ungeheurer Ruhe und Langsamkeit schildert die Regisseurin (nach eigenem Drehbuch) nun Bradys Alltag. Der Vater, der das Geld durchbringt, die Schwester, um die er sich rührend kümmert, die Notwendigkeit, seinen Lebensunterhalt mit allen möglichen Arbeiten im Supermarkt zu verdienen. Als sein Vater sein Pferd verkauft, muss Brady das hinnehmen (eine unvergessliche Szene, wie er „Gus“ in den Wagen führt, der ihn wegbringt, und das Pferd sich fragend zu ihm umsieht, als er weggeht: Was machst Du da?).

Da er sich ein Leben ohne Pferde nicht vorstellen kann, kauft er sich unter schwierigsten Bedingungen ein anderes – und verliert es, als es sich an einem Stacheldraht verletzt. Sein Vater muss es für ihn erschießen, er kann es nicht. Wenn er am Ende doch noch einmal an einem Rodeo teilnehmen will, obwohl jeder davon abrät – da kämpft er nicht den Drehbuch-Kampf mit dem Schicksal und siegt oder unterliegt, wie pathetisch man es haben will: Er erkennt, was nicht möglich ist, wünscht seinen Freunden viel Glück – und geht.

Welch vordergründige, aufgeblasene Tragödie hätte man aus dieser Geschichte machen können. Welch wunderbare Erzählung über einfache Menschen, die mit Pferden leben, ist es geworden. Ist es pathetisch, wenn Brady sagt: Gott gibt jedem Menschen einen Zweck im Leben, und für einen Cowboy bedeutet das, zu reiten… Nein, es ist die schlichte Erkenntnis, sie hier meisterlich ausgebreitet wird.

Die Nicht-Helden, wie Brady einen spielt, übertreffen alle Helden bei weitem. Sicher, er wird kein Star mit diesem Film werden, und es werden auch keine Hunderte von Millionen Dollar damit eingespielt. Aber wer ihn gesehen hat, wird ihn nicht vergessen.

Renate Wagner 12.9.2018

Bilder (c) Sony Pictures

 

 

 

Filmstart: 9. August 2018


 

Deutschland / 2018 
Regie: Ed Herzog
Mit: Sebastian Bezzel, Simon Schwarz, Lisa Maria Potthoff, Enzi Fuchs, Eisi Gulp, Nora Waldstätten u.a.

TRAILER

 

Eigentlich kann einem der Franz Eberhofer fast leid tun. Da ist er als Polizist ein unverzichtbarer Bestandteil von Niederkaltenkirchen (das bayerische Dorf schlechthin, erfunden von Autorin Rita Falk und darum wirklicher als die Wirklichkeit), und dann freuen sich seine Vorgesetzten – der Bürgermeister (Thomas Kügel), der Dienststellenleiter (Sigi Zimmerschied) – offenbar diebisch darüber, dass er nach München versetzt wurde. München!

Und das ist nur ein Handlungsstrang in dem fünften „Eberhofer-Krimi“, die nun in schöner Regelmäßigkeit Jahr für Jahr auf der Leinwand erscheinen und eine feste Fangemeinde haben. Kein Wunder, so schlitzohrig, hinterfotzig und lebensecht, wie Ed Herzog diese Filme seit Jahr und Tag inszeniert.

Ja, die Ereignisse überborden diesmal. Also – München. Das gibt Nora Waldstätten Gelegenheit, als Kommissarin wieder zu kehren, allerdings nicht in einer richtigen Rolle (wie im vorigen Film), sondern nur eine Episode, wo sie sich wieder durch besondere Boshaftigkeit auszeichnet. Aber viel in München ist der Eberhofer Franz ohnedies nicht, wo er . bei seinem Freund Rudi (Simon Schwarz) in dessen schäbiger Bude einzieht und dieser beginnt sich aufzuführen wie ein besitzergreifender Teil des „Seltsamen Paars“…

Zuhause allerdings ist die Hölle los, denn dort wartet die Susi (Lisa Maria Potthoff) noch immer auf den Heiratsantrag vom Franz, und weil der vorläufig nicht kommt, will sie ihn mit dessen im schicken Auto zurückgekehrten alten Schulfreund eifersüchtig machen: Das ist Schönling Gedeon Burkhard, ja, genau der, der es (ebenso wie Alexander Pschill) nicht geschafft hat, Moretti bei Rex zu ersetzen und der nur noch selten in Film und Fernsehen aufscheint. Hier ist sein breites Lächeln gerade richtig.

Die Titel gebende Oma muss natürlich auch dabei sein, wenn Enzi Fuchs diesmal auch eher am Rande bleibt und es eigentlich Franz ist, der Rudi, weil er nicht bei diesem dauernd Raviolo aus der Büchse löffeln will, mit Sauerkraut (allerdings nach Omas Rezept) bekocht,– die Folgen kann man sich ausmalen: komatös… Sauerkraut bekommt auch die indonesische Familie von Leopold (Gerhard Wittmann), weil dieser Bruder von Franz ohne Gattin und Kind heimgekehrt ist: Sobald seine Frau Deutsch gelernt hat, haben ihr weibliche Geschlechtsgenossinnen Selbstbewusstsein beigebracht, und das ist nicht für jede Ehe gut. Da muss folglich ihre ganze Familie herbeireisen… (mit zwei bildschönen Schwestern).

Also, mehr als genug an Aktion, wenn auch selbstverständlich noch Wirt (Max Schmidt) , Fleischhauer (Stephan Zinner) und Installateur (Daniel Christensen), das anteilnehmende Freundestrio, da ist, und Fleischhauer Junior (Ferdinand Hofer) einen ganz törichten Ersatzpolizisten für den Franz abgibt. Wenn es eine höhere Verbrechensrate braucht, damit der Franz in Niederkaltenkirchen bleibt, dann säbeln die doch glatt den Maibaum um…

Braucht es bei so viel Handlung überhaupt noch einen Krimi? Na schon. Also findet der schräge Papa vom Franz (Eisi Gulp, ein absolut unersetzliches Juwel der Besetzung) im Kofferraum seiner Uraltkiste, die ihm gestohlen wurde, eine Leiche. Sie stellt sich als AuPair des Bürgermeisters heraus. Dort herrscht eine Haushälterin (Ulrike Beimpold, uns Österreichern wohl bekannt) als strenge Herrin. Und nun muss der Franz den Mordfall lösen, den hyperaktiven Rudi immer auf den Fersen…

Es gelingt ihm natürlich. Und nebenbei muss endlich bezüglich der Hochzeit Nägel mit Köpfen gemacht werden (samt sündteurem Ring und einer entsetzlich hochnäsigen Verkäuferin). Wenn man aber den Eberhofer kennt, dann weiß man, wie bindungsscheu er ist. Und wundert sich nicht, dass er zur Hochzeit nicht erscheint…

Danach hat die Autorin noch eine Menge unerwarteter Wendungen anzubieten (dass man die Filme gerne sieht, heißt ja nicht, dass man die Romane liest…). Da kann man nur hoffen, dass es künftig für den Eberhofer so unbeschwert weiter geht wie bisher.

Haben wir auf ihn vergessen? Ausgeschlossen. Für Sebastian Bezzel ist es zweifellos die Rolle seines Lebens. Ein gestandener, langsamer, sturer Bayer, der sich gerne blöd stellt und es so gar nicht ist. Vielmehr das Gustostück einer hochdifferenzierten und minimalistischen Darstellerleistung bietet. Ein Vergnügen, auf das man sich Jahr für Jahr freut.

Bilder (c) Constantin

Renate Wagner 8.8.2018

 

 


Filmstart: 20. Juli 2018


Deutschland / 2018 
Regie: Hans Weingartner
Mit: Mala Emde, Anton Spieker u.a.

TRAILER

Wir lernen Jule kennen, als sie an der Uni in Berlin ihre Biologieprüfung verpatzt. Aus einem Telefongespräch mit ihrer Mutter wird klar, dass diese meint, sie solle doch ihre Schwangerschaft abbrechen. Jan wiederum wird auf der Uni (er ist in der Politikwissenschaft daheim) bestätigt, dass er ein brillanter Student sei. Aber der Job, um den er sich beworben hat, den kriegt er leider nicht – er passe weltanschaulich nicht. Wie es mit der „Haltung“ sei, will Jan wissen. Ja, da zuckt sein Gegenüber nur mit den Achseln.

Zwei 24jährige, für die es im Moment sehr blöd aussieht. Großer Streß. Jule beschließt nun, mit ihrem geerbten, uralten, geradezu lächerlich riesigen Wohnmobil (Mercedes 303, was dem Film den nicht ganz überzeugenden Titel gibt) nach Portugal zu fahren, wo Kindesvater Alex in einer Kommune haust, und ihm die Neuigkeit selbst zu berichten.

Jan wiederum will auch losziehen, aber er hat ein anderes Projekt: Sein leiblicher Vater, den er nie gekannt hat, ist Spanier und lebt dort unten. Ihn will er kennen lernen. So richtig viel Geld hat er nicht (obwohl das im folgenden Film nie thematisiert wird), also als Rucksacktourist und Anhalter in den Süden…

So schafft es Regisseur Hans Weingartner, dass man a priori einen guten Begriff von den zwei jungen Leuten bekommt, die er in einem Road Movie zusammen spannt. Nun ist dieses Genre nahezu in der Krise, weil es so oft so mühselig und kitschig klischiert ausgefallen ist, dass einem die Lust vergeht, Leuten, die in einem Auto zusammengepfercht sind, beim Herumreisen und vor allem beim Herumlabern zuzusehen und zuzuhören.

Wenn es nun einem Regisseur gelingt wie dem Vorarlberger Weingartner, zweieinviertel wirklich spannende Kinostunden zu schaffen, die von den üblichen Beziehungskisten qualitativ Lichtjahre entfernt sind… ja, dann versteht man, dass es nach der Berlinale-Premiere hier den neu geschaffenen „Regiepreis Ludwigshafen“ gab. Freilich, die „romantische Reise“ durch Europa, die von der Werbung schon wieder postuliert wird (womit man dann ein falsches Publikum anlockt), ist es glücklicherweise nicht. Dazu hat Weingartner seine beiden Protagonisten als viel zu problematisch und beziehungsgeschädigt hingestellt.

Zwei 24jährige treffen auf einander, sie nimmt ihn mit, das Wohnmobil ist groß genug, sie streiten auf Anhieb (das Thema Selbstmord ist auch sensibel), sie wirft ihn wieder hinaus. Das an sich so logisch fließende Drehbuch von Weingartner leistet sich nur zwei Gewaltsamkeiten, die eben „Kintopp“ sind – dass Jan bei der nächsten Station gerade zurecht kommt, um Jule vor einer Vergewaltigung zu retten (so kann man die weitere Reise vertrauensvoll gemeinsam machen); und dass sie am Ende von dem Kind erlöst wird, das ja als Problem kaum zu bewältigen gewesen wäre. Aber Kino ist nicht Wirklichkeit, es muss auch erlaubt sein, sich zu helfen, wenn man eine Geschichte erzählen will.

Und es ist eine Geschichte, die durch Dialog bestritten wird. Zwei junge, intelligente, gebildete Menschen reden. Abgesehen von ganz wenigen Nebenfiguren, die gar keine Rolle spielen, ist man den Film hindurch mit ihnen allein – und ganz zuhause. Sie haben nämlich etwas zu sagen, und dass sie absolut nicht immer einer Meinung sind, macht die Sache umso lebendiger.

Zuerst geht es um Politik – sie als idealistische Linke, die aus ehrlichem Herzen gar nicht genug über den Kapitalismus fluchen kann, er als nüchterner Darwinist. Sie glaubt an Kooperation der Menschen, er an Konkurrenz. Aber deshalb muss man sich ja nicht den Schädel einschlagen. Schritt für Schritt wächst die – lange Zeit sexlose – Zweisamkeit im Bus. Sie fährt nach Portugal, da liegt Spanien am Weg. Sie bleiben zusammen, reden nach und nach mehr über Persönliches und Grundsätzliches in der so schwierigen Beziehungswelt zwischen Sex, Liebe und Partnerschaft.

Freilich, wenn sie dann beginnen, einander gewissermaßen zu psychoanalysieren (weil, wie richtig festgestellt wird, der Mensch das einzige Wesen auf der Erde ist, das ununterbrochen über sich nachdenkt), wenn dann weltweise Erkenntnisse über Beziehungen geäußert werden, dann verdickt sich der Dialog gelegentlich ins Kitschige, ins Geschwollene, ins Triviale. Aber man erträgt es.

Die Diskussionsrunde wird auch mehr und mehr zum „Urlaubsfilm“, die beiden reisen wie ein beliebiges glückliches junges Paar, sie kochen, essen Eis, besichtigen Klöster und Kirchen, schwimmen im Meer, gehen essen, gucken in Landkarten (es ist hübscher, da die Köpfe zusammen zu stecken, als auf das GPS im Handy zu starren…). Vorbei ziehen in landschaftlicher Schönheit Frankreich und Spanien, wo er sich scheut seinen Vater zu sehen und darauf verzichtet. Schließlich ist man an Jules Endziel, wo sie sich mit ihrem Freund Alex auseinander setzen muss – wir kennen ihn nur per Telefon, er hat sich in der Krise nicht bewährt, wir erfahren nichts von der finalen Auseinandersetzung. Und wissen doch, wie’s ausgeht…

Selbst wo der Film dramaturgisch oder im Dialog ein wenig zu schlittern beginnt, passiert nichts Schlimmes, denn die absolute Authentizität der Darsteller trägt alles und ist die unschlagbare Stärke der Geschichte. Mala Emde hat man schon in der Titelrolle von „Stella“ gesehen, das missbrauchte junge Mädchen in Julian Pölslers Verfilmung des Haushofer-Romans. Der blonde Anton Spieker ist bislang vor allem ein Fernsehgesicht. Beide steigen dermaßen in die Figuren hinein, dass jegliches „Spielen“ ausgeschlossen scheint – so viel Selbstverständlichkeit hat man lange nicht auf der Leinwand gesehen. Auch nicht so viel Ernsthaftigkeit. Und, sagen wir’s, wie es ist: auch nicht so viel Niveau. Ein Glücksfall.

Renate Wagner 26.7.2018

 

 

Filmstart: 15. Juni 2018

GB / 2018

Regie: Simon Curtis

Mit: Domhnall Gleeson, Margot Robbie, Kelly Macdonald, Will Tilston, Alex Lawther

TRAILER

Es ist eine mehr oder minder wahre Geschichte mit all ihrem emotionalen Auf und Ab, es geht um Vater und Sohn, es geht um Krisenbewältigung, es geht um Literatur, es geht um eine grausame Medienwelt – und das alles am Beispiel eines der berühmtesten Kinderbücher der Welt: „Pu der Bär“ (Winnie-the-Pooh).

Alan Alexander Milne (1882 – 1956), bekannt als A.A. Milne, von seiner Frau „Blue“ genannt, kehrte als gänzlich verstörter, gebrochener Mann aus dem Ersten Weltkrieg heim, immer wieder von seinen Fronterfahrungen heimgesucht, die ihn periodisch überfielen und lähmten. Seine elegante Frau Daphne hatte nicht wirklich Verständnis für ihn – am wenigsten für sein Bedürfnis, nun nur noch Anti-Kriegs-Bücher zu schreiben. Krieg würde es immer geben, sagt sie ihm realistisch. Sie wird recht behalten.

Als Daphne duldet, dass sie sich mit ihrem kleinen Sohn Christopher Robin Milne, genannt „Billy“, und dessen geliebter Nanny in Sussex in einem schönen Landhaus niederlassen, hält sie es in der Einsamkeit nicht lange aus. Als die Nanny weg muss, um ihre kranken Mutter zu pflegen, sind der verstörte Vater und der kleine Sohn allein in der schönen Landschaft und wandern durch die Wälder… Den Teddybären, der scheinbar sprechen kann, hat noch Daphne zurück gelassen.

Der liebenswerte, lockige, altkluge kleine Junge ist zwar ein Kino-Klischee erster Ordnung, aber es kommt darauf an, wie man es handhabt. Der Zwang, sich mit Billy zu beschäftigen, holt den Vater zwar nicht gänzlich aus seiner Depression, führt ihn aber in heilende Phantasie-Welten, als der Junge und der Papa sich in der Natur Geschichten um einen Buben und seine tierischen Freunde ausdenken. Das ist gänzlich glaubwürdig.

Aber weil Papa ja doch ein Autor ist, kann er es nicht lassen, aus dieser wunderbaren privaten Welt mit seinem kleinen Sohn – hier werden mit geschicktem Dialog und ausgewogener Regiekunst von Simon Curtis wundervolle Szenen gesponnen – ein Buch zu machen. Freund Ernest H. Shepard wird herangezogen, die Geschichte des Jungen „Christopher Robin“ und seines Bären zu illustrieren… der Rest ist ein Himalaya der Kinderliteratur.

Nach dem überwältigenden Erfolg von „Pu der Bär“ diesseits und jenseits des Ozeans kehrt zwar Daphne hoch erfreut zurück, endlich als Gattin eines Erfolgsautors und eines kleinen Sohnes, der plötzlich ein „Star“ ist, aber damit bricht auch alles auseinander und zusammen. Gibt es wirklich erst seit dem Internet und den Sozialen Medien eine alles beherrschende Medienwelt? So, wie der Film es schildert, bricht zumindest für den kleinen Billy die Welt zusammen – geschleppt zu Interviews, Fototerminen, in Spielzeugläden, Verwertung rund um die Uhr, selbst der Anruf des Vaters, den er für privat hält, wird von einer Radiogesellschaft live ausgestrahlt. Es war damals so widerlich, wie es heute ist.

Es ist eine geradezu klassische Geschichte über den Verkauf des Privaten an die Öffentlichkeit – und es war der kleine Junge, der es ausbaden musste. Einerseits als Bären-Held in den Himmel gehoben, andererseits beneidet, beschimpft und gemobbt, und am Ende (das ist der literarische Bogen, den die Geschichte schlägt) wie der Vater in einen Krieg geschickt. Das Happyend trieft, und dennoch ist man froh darüber, denn das ist natürlich eine Geschichte, die trotz der heiklen (und auch übersteigerten) Gefühlswerte ihre starke Wahrheit und Aussagekraft hat.

Domhnall Gleeson, Sohn eines berühmten Vaters (dem er wie sein Bruder in der darstellerischen Potenz nicht wirklich nahe kommen), ist der eigentlich den ganzen Film hindurch verstörte A. A. Milne, während Margot Robbie als die strahlende, oberflächliche Blondinen-Gattin mehr überzeugt – so einen Typ meint man zu kennen. Eine heikle Rolle hat Kelly Macdonald als liebende Nanny, die ihrem Brotherrn auch einige Wahrheiten sagt, und sie macht das großartig. Im übrigen ist es der Film des achtjährigen Will Tilston, dessen Altklugheit nie penetrant wirkt und dessen Gefühle stets ergreifen. Aber auch der ältere Billy, der in den Krieg zieht, ist mit Alex Lawther (der dann laut Drehbuch viel von der „Moral“ der ganzen Geschichte zusammen fassen muss) exzellent besetzt.

Kurz, ein Film, der so vieles abdeckt, möglicherweise leicht sentimental die Papa-Sohn-Geschichte, nachdrücklich die Frage, wie es so geht mit der Literatur und der Öffentlichkeit… Ein schöner Film jedenfalls, wie immer man ihn auch betrachtet.

Renate Wagner 2.7.2018

Bilder (c) 20. Century Fox

 

 

Filmstart: 8. Juni 2018

Dokumentarfilm / Frankreich / 2017

Regie: Tom Volf

TRAILER

 

Wenn wir „die Netrebko“ haben, kann man es vergleichen? Ist ein Superstar im Medienzeitalter das, was Maria Callas in einer analogen Welt gelang – der Inbegriff der Operndiva schlechthin zu sein? Durch Leistung. Durch Persönlichkeit. Durch ein Schicksal, das wie aus einem Trivialroman entsprungen scheint. Und doch – die Größte. Ungeschmälert durch andere, die nie dieselbe Faszination ausstrahlen konnten.

Maria Callas (1923-1977). Im Vorjahr hat sich bereits ihr 40. Todestag gejährt, ohne dass sie auch nur das Geringste von ihrem Nimbus eingebüßt hätte. Und das Interesse an ihr scheint nicht zu versiegen. Es gibt neben ihren Platten noch zahlreiche Bücher über sie, auch Dokumentationen, und dennoch ist der Film, den der Filmemacher Tom Volf (zwischen Oper und Mode unterwegs) über sie zusammen gestellt hat, etwas Besonderes.

Der Titel schon zeigt, worum es geht: die ganze Callas. „Die Callas“, die Sängerin, und Maria, die Frau. Beide werden vorgestellt, sie gehören zusammen. Die zahllosen Interviews, die Volf aufgestöbert hat, fragten nach der Künstlerin Callas gegeben – und erzählen immer etwas auch von ihr als Mensch Maria. Es ist übrigens Material, das man teilweise noch nicht gesehen hat – die Callas hat offenbar in englischer und französischer Sprache (die „Griechin“ war geborene Amerikanerin, zuletzt lebte sie lange in Paris) eine Unzahl von auch ganz ehrlichen Interviews gegeben.

Die berühmteste Sängerin der Opernwelt glänzte nur bis Mitte der sechziger Jahre auf den Bühnen (mit einer Tosca verabschiedete sie sich 1965 in London vom aktiven Opernleben, ging dann nur noch auf Tournee). Tom Volf ist eindeutig kein Opernfachmann, die Details der Karriere bleiben ausgespart (Zusammenarbeit mit Karajan, Bernstein, großen Partnern), auch über ihr Fach (Norma, Lucia, Amina, Tosca und Violetta, ihre Versuche als Carmen und Isolde) wird man wenig erfahren. Viel hingegen über den „Skandal“ der Skandale, über ihre „Katastrophen-Vorstellung“ als Norma in Rom, wo sie nach dem ersten Akt nicht weitersang. Was man ihr damals an Beschimpfungen angetan hat, muss in seiner Verständnislosigkeit für die Situationen unerträglich gewesen sein. Und da war es dann, das mangelnde Selbstvertrauen, das Ersticken in Angst, die unbeschreibliche Erschöpfung… „Die Seele verzehrt sich“, sagte sie einmal.

Die Callas weiß sehr viel darüber, was es in einem Frauenleben menschlich kostet, ein Superstar zu sein. Andererseits sieht man auch, wie das Publikum jubelte, als sie nach siebenjähriger Abwesenheit an die Met zurück kehrte… Auch diese Bewunderung muss man erleben.

Aber es gibt auch die andere Seite der Callas, die Maria, die sich immer der Künstlerin untergeordnet hat. Diese hat mit grausamer Ausschließlichkeit ihr Leben beherrscht, bis sie in Aristoteles Onassis ihre große Liebe fand. Und diese Erfüllung als Frau war ihr plötzlich wichtiger als der Ruhm als Opernsängerin. All die Leidenschaft, die sie bisher für die Bühne aufbewahrt hatte, brachte sie nun in diese Beziehung ein. Und vielleicht hatte es auch nach all den Jahren eiserner Disziplin seinen Reiz, an der Seite des Jet-Set-Millionärs das verpflichtungslose Luxusleben der Superreichen zu gleiten…

Ihr Auftreten in den Klatschspalten der Welt verdoppelte den Ruhm des unerreichten Opernstars Callas bis heute, jedermann hat in Erinnerung, wie Onassis sie behandelte, als er nicht sie (die wohl seine große Liebe war), sondern aus Geltungsbedürfnis Jacqueline Kennedy heiratete – was die Callas übrigens aus der Zeitung erfuhr, er war zu feig, es ihr selbst zu sagen …

Erstaunlich, wie offen sie in vielen Interviews auch über ihr Privatleben spricht, das sie letztendlich weniger gut gemeistert hat als ihre Karriere. „Musik ist die einzige Sprache, die ich wirklich beherrsche“, sagt sie einmal. Und immer wieder hört man ihre Stimme und weiß, was man immer wusste, warum man sie für die Ausdruckskraft und Sauberkeit ihres Gesanges so sehr bewundert…

Renate Wagner 6.6.2018

Prokino Filmverleih

Copyright Fonds de Dotation Maria Callas

 

 

 

Filmstart: 19. April 2018

USA / 2017

Drehbuch und Regie: Greta Gerwig

Mit: Saoirse Ronan, Laurie Metcalf, Laurie Metcalf, Timothée Chalamet u.a.

TRAILER

Sie heißt eigentlich Christine, aber das passt ihr nicht wie so vieles in ihrem Leben. Also ändert sie es eigenmächtig und will nur „Lady Bird“ genannt werden. Die Mutter hat eigentlich keinerlei Verständnis, wenn sich die Tochter wie verrückt benimmt, und meint, sie solle doch nicht so egozentrisch sein. Da reißt diese nur die Autotür auf und läuft wütend davon…

Was erzählt Drehbuchautorin / Regisseurin Greta Gerwig in diesem Film? Dass man mit dem Zufall der Geburt nicht rechten kann. Man kann es sich nicht aussuchen, ob man in einem Palast zur Welt kommt oder bei armen Leuten. Man kann sich nur dagegen wehren, dass das scheinbar vorgegebene Schicksal unausweichlich sein soll. Wer unter „White Trash“ in den USA geboren wird, hat gute Chancen, das sein Leben lang zu bleiben und es an die nächsten Generationen weiter zu geben. Bildung ist zweifellos ein Weg aus der Armutsfalle, aber je selbständiger man zu denken beginnt, umso mehr entfernt man sich aus der Welt, aus der man kommt. Und das sind Mechanismen, gegen die man fast nichts tun kann…

„Lady Bird“ versucht es. Und wenn man nicht fehl geht in der Annahme, dass Greta Gerwig wenn schon nicht ihr eigenes Schicksal geschildert, so doch eigene und fremde Erfahrungen ihrer Jugend verarbeitet hat (sie ist auch in Scacramento geboren, wo der Film spielt), dann ist sie selbst der Beweis dafür, was alles möglich ist – im Überwinden der scheinbar durch die Umwelt gesetzten Grenzen.

2002 in Sacramento. Man sieht Lady Bird bei ihrem Protest zu. Bei ihren Versuchen, aus der Welt herauszukommen, in der sie steckt. Da lässt man als wütende 17jährige die Nonnen in der katholischen Mädchenschule wissen, dass man nicht hierher gehört. Dass man unbedingt nach New York will. Die Klosterschwestern lächeln. Sie solle es doch beim Theater versuchen, meinen sie, der jugendliche Hang zur Theatralik ist evident.

Die Handlung setzt sich aus vielen Puzzleszenen des Alltags zusammen. Da wirkt man in einem Musical mit. Der irische Junge, den sie anspitzt, will nach Paris. Sie gibt ein bisschen an über ihre Familie, erfindet einen Vater in Brasilien, weil mit dem echten arbeitslosen Vater kein Staat zu machen ist. (Deshalb muss die Mutter im Krankenhaus Doppelschichten schieben, um die Familie zu ernähren.) Wenn Freund Danny sie zum Thanksgiving mit seiner Familie einlädt, lässt sie ihre Familie ohne weiteres sitzen – egal, wie traurig die Mutter darüber sein mag… Erfolgreich zu sein, bedeutet allein noch nichts, möchte die Mutter ihr sagen. Aber das kann Lady Bird nicht akzeptieren, schon gar nicht angesichts des arbeitslosen, deprimierten Vaters.

Die Mutter: Sie ist der Mensch, an dem man sich reibt, gegen den man anläuft, den man mit Wonne verletzt – aus Rache dafür, wofür die arme Frau nichts kann: Dass sie der Tochter keine bessere Chancen ins Leben mitgegeben hat. Freilich, leicht hat es niemand – Danny ist eigentlich schwul und schämt sich so dafür.

Vielleicht sollte auch Lady Bird sich schämen, wenn sie die Nonnen so lange provoziert, dass sie Gefahr läuft, aus der Schule zu fliegen. Eine Schule, die die Eltern bezahlt haben, weil sie die einzige Garantie war, dass dort keine Messer gezogen werden. Was immer wir Dir geben, es wird nie genug sein, weiß die Mutter. Ich werde es Euch zurückzahlen, und dann muss ich nie wieder mit Euch zu tun haben, schäumt die Tochter.

Wenn sie dem Musiker Kyle ihre Unschuld hingibt, in der Meinung, es sei etwas Besonderes, „I wanted it to be special“, erfährt sie, dass er routinemäßig herumschläft. Dann ist die Mutter gut genug dafür, sich bei ihr auszuweinen. Die Mutter, die die Tochter nie fallen lassen wird, egal, wie schlecht sich diese benimmt. Ja, und die Nonnen haben auch Humor – und behalten Lady Bird in der Schule.

Lady Bird weiß, dass das College wahrscheinlich der Ausweg ist, weiht aber ihre Mutter in ihre Bemühungen, aufgenommen zu werden, nicht ein. Letztendlich ist sie dann dort, am College in New York, und endlich innerlich ein gutes Stück weiter. Als man sie nach ihrem Namen fragt, sagt sie jetzt „Christine“. Und woher sie stammt: Scaramento. Und jetzt kann sie auch wieder in eine Kirche gehen. Die Welt, aus der sie kommt, ist weit weg und kann nun angenommen werden.

Es ist ein unglaublich starkes Ende, wenn „Christine“ zuhause anruft, niemand hebt ab und sie auf den Anrufbeantworter sagt: Ich bin’s, Christine, der Name, den ihr mir gegeben habt und der gut für mich ist. Mum, ich liebe Dich und danke.

Kitschig? Ja. Aber dieser Film war über weite Strecken so ehrlich schmerzlich, dass man dies als Selbsterkenntnis-Finale minimmt. Diese ehemalige Lady Bird wird es als Christine schaffen. Beim Theater? Oder beim Film?

Greta Gerwig, die man als Schauspielerin kennt und die hier Regiedebut gibt, trifft gleicherweise die Atmosphäre ihrer Unterschichts-Welt wie die Befindlichkeiten ihrer Figuren: Saoirse Ronan ist so herrlich sperrig und ruppig (und gar nicht um Sympathie bettelnd), wie man sich Lady Bird nur vorstellen kann, und Laurie Metcalf als Mutter weiß, dass man von seinem Nachwuchs nichts Gutes erwarten kann – und dass man doch liebt. Es ist über weite Strecken die Mutter-Tochter-Auseiandersetzung, die absolut jede Frau kennt (wenn auch in verschiedener Gewichtung und verschiedener Intensität). Greta Gerwig hat auch, wie man gelesen hat, ihr Drehbuch unter dem Arbeitstitel „Mütter und Töchter“ geschrieben… und hat den Kampf der Persönlichkeiten immer wieder verbal und emotional punktgenau zugespitzt.

So problematisch, wie das Leben ist, läuft es auch mit den anderen nicht rund, dem sanften, wohl meinenden Vater Larry (Tracy Letts), den gegeneinander ausgespielten Freundinnen (Beanie Feldstein und Odeya Rush), mit dem schwulen Danny (Lucas Hedges), mit dem ersten Sexpartner Kyle (Timothée Chalamet). Es stimmt eigentlich alles. Und wirkt unverfälscht wahr. Viel mehr kann ein Film nicht erreichen.

Bilder (c) Universal

Renate Wagner 3.5.2018

 

 

 

 

Filmstart: 30. März 2018

Frankreich, GB / 2017
Regie: Armando Iannucci
Mit: Steve Buscemi, Simon Russell Beale, Michael Palin, Jason Isaacs, Andrea Riseborough, Olga Kurylenko u.a.

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Politische Satire ist erlaubt, wenn sie auch nicht jedermann behagen wird. Man kann sich vorstellen, dass Putins Russland dem Diktator Stalin nicht übertrieben kritisch gegenüber steht. Und die Veräppelung der Nachfolger-Suche nach seinem Tod kann dem heutigen Staat nur unwürdig erscheinen. Mit dem Effekt, dass „The Death of Stalin“ in Russland nicht gezeigt werden darf (man nannte den Film „niederträchtig, abstoßend und beleidigend“). Im übrigen muss man sich wohl keine übertriebene Sorge machen, dass der Film im Westen ein übergroßer Erfolg werden könnte. Dazu ist er, kurz gesagt, zu konfus…

Zu Beginn lebt Stalin (Adrian Mcloughlin) noch, und man bekommt an einem relativ harmlosen Beispiel (aber doch) vorgeführt, was eine Diktatur vermag. Bei Radio Moskau wird ein Konzert gesendet, die schöne Pianistin Maria Yudina (Olga Kurylenko) sitzt am Flügel, alles bestens – oder nicht. Denn Genosse Stalin hört das Konzert im Radio und lässt den Wunsch nach einer Schallplattenaufzeichnung verlauten. Sein Wunsch ist normalerweise Befehl. Bloß – man hat das Konzert nicht aufgezeichnet. In fieberhafter Eile alles noch mal, für den mittlerweile erschöpft zusammen gebrochenen Dirigenten muss ein anderer aus dem Bett geholt werden, die sture Pianistin verlangt viel Geld – aber als man dem Diktator die Platte sendet, schreibt Maria eine Botschaft dazu. Er, Stalin, habe das Land ruiniert…

Nun, ob er davon seinen Schlaganfall bekommen hat, vielmehr von dem Lachanfall angesichts des Zettels? Immerhin beginnt nun die Katastrophe. Der Diktator liegt in seiner Datscha besinnungslos da, keiner weiß, was er tun soll, eigentlich wagt es keiner, irgendetwas zu tun, aber die Herren, die in rascher Folge eintreffen, wollen alle nur eines – den Sterbenden im Rang des mächtigsten Mannes beerben. Das ist wohl überall so (selbst in jeder Firma), aber in der Sowjetunion war es lebensgefährlich. Der Eiertanz, den die Kapazunder hier aufführen, wird allerdings in dem Film des schottischen Regisseur Armando Iannucci (er schrieb auch am Drehbuch mit) vor allem vordergründig brüllend komisch angelegt… wobei die Lebensgefährlichkeit des Ganzen nie in Vergessenheit gerät.

Zuerst muss man die noch vorhandenen Ärzte der Stadt zusammenfangen, die – vom Regime entweder in Lager geschickt oder aus ihren Berufen entfernt – im Park spazieren gehen oder in ihren Wohnungen kauern, in der Hoffnung, dass möglichst  niemand an sie denkt. Dutzendweise an das Krankenlager des Sterbenden gezerrt, will keiner die Verantwortung übernehmen. Aber Stalin stirbt dann am 5. März 1953 tatsächlich. Und nun muss nicht nur sein Staatsbegräbnis arrangiert werden – jetzt geht die Schlacht ums Erbe wirklich los.

Viele Namen der russischen Geschichte sind noch bekannt, etwa der Schlächter Beria (Simon Russell Beale), Malenkow (Jeffrey Tambor), hier als großer Zögerer dargestellt. Molotow (Michael Palin), Mikoyan (Paul Whitehouse), Bulganin (Paul Chahidi), Breschnew (Gerald Lepkowski). Alle Politiker. Georgy Schukow (Jason Isaacs) als Militär und mächtiger Chef der Roten Armee ist zum blutigen Eingreifen bereit, wer immer ihn dafür gewinnt. Eines jedoch – so richtig den Überblick zu behalten, wer eigentlich was tut, ist nicht leicht. Das war es in der Realität wohl auch nicht, aber das bedeutet nicht, dass man den Kinobesucher verwirren soll.

Das Problem des Films ist der Mann, den man am besten in Erinnerung hat: Nikita Chruschtschow. Denn dieser dickliche, äußerlich freundlich, jovial und bäuerlich wirkende Herr, der sich letztendlich an die Spitze hoch gearbeitet hat (also war er wohl nicht so freundlich, jovial und vor allem nicht naiv, sondern raffiniert), ist mit Steve Buscemi schon optisch gegen den Strich besetzt. Ein gefinkelter Intrigant, gewiss, aber kein Hauch von dem Chruschtschow, wie man ihn in Erinnerung hat.

Die beiden Stalin-Kinder sind damals noch relativ jung, Swetlana (Andrea Riseborough) war 27, ihr Bruder Wassili (Rupert Friend) 32, und beide ärgern die Politiker, die mit ihren Intrigen beschäftigt sind, durch zickiges Auftreten und die Behauptung, ihr Vater sei ermordet worden (was der Film nicht einmal als Möglichkeit andeutet). Ermordet werden allerorts Zeugen – alles geht zu schnell, um immer völlig durch zu sehen, wer letale Befehle gibt. Machtspiel folgt auf Machtspiel, Bündnisse werden unter der Hand geschlossen, die Hektik, das Chaos werden immer größer.

Es gibt – wie Molotow – noch echte Stalinisten, die an den Diktator und sein System geglaubt haben, aber die meisten sind Opportunisten, nach der Macht hechelnd. So versucht Beria Chruschtschow auszutricksen, indem er ihm die Organisation von Stalins Begräbnis auferlegt, was zu arbeitsaufwendig ist, um viel anderes zu tun… Aber, wie man weiß, Chruschtschow ließ sich keinesfalls aushebeln und machte mit Beria kurzen Prozeß (die Szene der Ermordung im winterlichen Hof ist von exzessiver Grausamkeit). Dass Swetlana ein Flugticket nach Wien annahm, hat ihr wohl das Leben gerettet…

„Lustig und wahr“ nannte der Regisseur seinen Film. Wahr möglicherweise. Lustig? Nein. Wenn einer der Beteiligten sagt: „Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wer noch lebt und wer tot ist“, kann man ja nur tief durchatmen.

Renate Wagner 28.3.2018

(c) Concorde Filmverleih

 

 

 

 

Filmstart: 22. Februar 2018

The Post / USA / 2017

Regie: Steven Spielberg

Mit: Meryl Streep, Tom Hanks, Bruce Greenwood u.a.

TRAILER

 

Filme über amerikanische Helden sind nötig – und das sind längst keine Cowboys mehr. Ist es Steven Spielbergs Antwort auf Trump, wenn er Journalisten als die Helden der Aufklärung – gegen alle politische Macht und Gewaltandrohung – wieder einmal preist? Er hängt es geschickt an seiner Zentralfigur auf: „Die Verlegerin“, wie der Film „The Post“ auf Deutsch heißt, hatte allerhand zu verlieren. Und sie riskierte metaphorisch Kopf und Kragen, als sie als Besitzerin der „Washington Post“ – die selbst in der Washingtoner Polit-Szene stark vernetzt war – 1971 die „Pentagon Papiere“ in ihrer Zeitung veröffentlichte.

Es gibt immer wieder Menschen mit einem Gewissen, das sich auf die Dauer nicht unterdrücken lässt. Auch wenn man eine zeitlang bei Schmutzereien mitgemacht hat – irgendwann wird es zu viel. Die amerikanische Politik hat in Bezug auf den Vietnam-Krieg die Bevölkerung stets bewusst und schamlos belogen, hatte behauptet, dass man (auf Grund eines Angriffs, ähnlich wie einst Pearl Harbour) in den Krieg gezwungen worden wäre. Vielmehr hatten die USA diesen selbst geplant und initiiert und in der Folge unaufhörlich Menschen und Material im Fernen Osten geopfert, obwohl man wusste, dass nichts zu „gewinnen“ war – nur um den Kampf gegen den Kommunismus weiterzuführen.

Bürokraten, die alles gern notiert haben wollen, sind angreifbar: Verteidigungsminister Robert McNamara ließ alle Details über den Vietnam-Krieg in den so genannten „Pentagon Papieren“ zusammen stellen, die streng geheim waren und dem, was die Öffentlichkeit wissen sollte, in vielem extrem widersprachen. Es war Daniel Ellsberg, Mitarbeiter im Ministerium, der aus Gewissensnot beschloß, dieses Dokument (7000 Seiten, die bis ins Jahr 1945 zurück gingen) öffentlich zu machen.

Das ist der Hintergrund der Geschichte, die Steven Spielberg nun eher süffig aufbereitet, wobei er zwei höchst wirkungsvolle Gestalten in den Mittelpunkt stellt. Meryl Streep spielt Kay Graham, deren Vater einst die „Washington Post“ gekauft und erfolgreich geführt hatte. Nach seinem Tod übernahm selbstverständlich nicht die Tochter, sondern der Schwiegersohn die Leitung – und erst nach dem Tod des Gatten setzte sich Kay Graham in wirtschaftlich schlimmen Zeiten selbst ans Steuerrad. Es geht natürlich auch darum, im Zeichen des Zeitgeists die Geschichte einer starken Frau zu zeigen, die Widerständen stark begegnet. Dabei bedient Meryl Streep – auch wenn sie manchmal überdeutlich über ihre persönliche Situation, die damals eine Rarität darstellte, philosophieren muss – wirklich kein Klischee. Man begegnet ihr durchaus als Society-Lady, die zu Washingtons Elite zählt und jeden kennt. Wenn über ihren Redakteursstab auf sie die Möglichkeit, eigentlich aber die moralische Forderung zukommt, die „Pentagon Papiere“ zu veröffentlichen, vollzieht man ihre Zweifel, aber auch ihren Akt der Courage nach – denn der Druck von Seiten der Politik war immens. Meryl Streep ist eine Schauspielerin, die nicht nur die äußere Erscheinung ihrer Figur bietet, sondern immer auch ihre inneren Motivationen klar macht – zweifellos ihre große Stärke, die sie über die meisten ihrer Kolleginnen hinaushebt.

Ähnliches kann Tom Hanks, der als Chefredakteur Ben Bradlee viel abzuwägen hat: das Risiko der Veröffentlichung für die Zeitung selbst und für ihn persönlich (sowohl die „Post“ wie auch er selbst hätten den Bach hinunter gehen können, abgesehen von drohender Gefängnisstrafe), zugleich aber auch die ungeheure journalistische Möglichkeit witterte, die darin steckte, wobei die „Washington Post“ mit der „New York Times“ gleich zog, was die faktische Gefährlichkeit des Unternehmens keineswegs verminderte. Die Regierung (mit einem tobenden Präsident Nixon) hätte durchaus am längeren Ast sitzen können… Dass dann am Ende, nach der Veröffentlichung im Sommer 1971, ein amerikanisches Gericht sich entschieden für die Pressefreiheit aussprach, ist bis heute ein glorioser Höhepunkt amerikanischer Gerichtsbarkeit. (Und dann war es wenig später die „Washington Post“, deren Journalisten Woodward und Bernstein den kriminellen Nixon mit „Watergate“ zu Fall brachten …)

Im übrigen sind natürlich auch die siebziger Jahre „Geschichte“, die einen gewissermaßen „historischen“ Film ergeben – in einer „analogen“ Welt war Zeitungmachen, Informationsbeschaffung, die faktische Arbeit (die Tausenden Seiten der Papiere, die Daniel Ellsberg kopiert hatte, durchzuarbeiten und zu verwerten) eine Welt für sich, wo man auf Schreibmaschinen tippte und die einzelnen Zeitungszeilen in Bleisatz gegossen wurden, wo man sich noch heimlich traf und wenig mehr hatte als Telefone, um zu kommunizieren – nur die Alten, die sich noch an solche Zeiten erinnern, können das wirklich nachvollziehen.

Spielberg holt aus dem Milieu hohen Reiz, ebenso aus einer Reihe von Nebenfiguren (Matthew Rhys als Daniel Ellsberg, Bruce Greenwood als Robert McNamara), aber natürlich vor allem aus seinen Hauptdarstellern, denen er Zweifel und Stärke genug gibt, um die Geschichte dann (bei fast zweistündiger Spielzeit) immer spannend bleiben zu lassen.

Er hat „Kino“ gemacht, wie er es so wunderbar kann, und dabei – wie so oft – eine moralische Geschichte erzählt. Über die Aufgabe einer freien Presse, sich von einer repressiven Politik nicht unterdrücken zu lassen – und die Wahrheit zu sagen, wo es nötig ist.

Bilder (c) Universal Pictures

Renate Wagner 4.3.2018

 

 

 

 

Filmstart: 16. Februar 2018

Deutschland, Niederlande, Österreich / 2018

Regie: Miguel Alexandre

Mit: Josef Hader, Hannah Hoekstra, Rainer Bock u.a.

TRAILER

 

Als man las, dass die „Wunderübung“ von Daniel Glattauer verfilmt werden sollte, war man unbesorgt – das hatte man auf der Bühne als gelungenes Stück gesehen. Bei „Arthur und Claire“ ist das anders – dieses Zwei-Personen-Stück von Stefan Vögel war bei der Aufführung an einer Wiener Kleinbühne mehr als mühsam. Zwei Darsteller, in ein „geteiltes“ Bühnenbild mit zwei Hotelzimmern gestellt, ununterbrochen zu flachen Witzen angehalten. Nun, ein paar flache Witze haben sich leider auch in den Film gerettet. Sonst aber glücklicherweise fast gar nichts…

Und so ist, dank des Regisseurs Miguel Alexandre (ein Deutsch-Portugiese) und dank des Hauptdarstellers, „unseres“ Josef Hader, die gemeinsam ein so gut wie neues Drehbuch geschrieben haben, glücklicherweise ein höchst ansprechender Film aus einem schwarzgeränderten Thema geworden. Die beiden Hotelzimmer spielen kaum mehr eine Rolle, die Handlung wurde ins nächtliche Amsterdam gelockt, und vom tragischen Ausgangspunkt entwickelt sich eine Beziehungsgeschichte, wie man sie sich (im Kino, im Leben passiert so was ja selten) kaum schöner vorstellen kann. Nur am Ende wird es dann märchenhaft (wie im Kino, dass man im richtigen Bus sitzt…) und im bemühten Dialog seltsam platt – aber da ist man als Zuschauer so froh, dass man die Menschen und Gefühle unter Dach und Fach gebracht hat, dass auch dies nichts mehr ausmacht.

Es ist wieder einmal eine Meisterleistung von Josef Hader. Wenn er nach Amsterdam fährt, um in der Klinik seines Freundes Dr. Hofer (zweimal kurz auftauchend und sehr anteilnehmend und berührend: Rainer Bock) seinem Kehlkopf- (oder ist es Schilddrüsen?)Krebs davon zu laufen und seinem Leben freiwillig ein schmerzloses Ende zu bereiten, dann ist dieser Mann so getränkt von Traurigkeit und Endzeit, dass man ihm nur gut zureden möchte. Dabei wird da keineswegs mit liebenswerter Sentimentalität herumgefummelt – wer morgen nicht mehr da ist, braucht heute nicht mehr nett zu sein. Schon gar nicht, wenn aus dem Nachbarzimmer des Hotels laute Musik (noch dazu solche, die er nicht mag) erklingt. Man will ja schließlich ausgeschlafen sein – für morgen.

Im anderen Zimmer ist die Holländerin Claire (die von sich selbst sagt, damit nicht ein Kritiker des Films es spöttisch vermerkt, dass sie „mit diesem schrecklichen Rudi-Carrell-Akzent“ spricht), und die will sich, wie Arthur an einer vollen Pillenflasche sieht, umbringen. Es ist logisch, dass der Mann, der sich für sein morgiges Ende vorbereitet, nicht einsieht, warum eine junge Frau das Leben wegwerfen will. Und nun schicken Miguel Alexandre (und Co-Autor) Hader die beiden in eine wilde Amsterdamer Nacht, die zart komisch ist, mit der obligaten gegenseitigen Kratzbürstigkeit beginnt und die obligate gegenseitige Annäherung nach sich zieht. Das gelingt auf ganz hohem schauspielerischem Niveau und hängt – in Bars, beim Kiffen, mit den nötigen Familien-Reminiszenzen – ganz selten durch.

Die Amsterdamer Nacht ist mit ein paar schönen Dialogen und ein paar gewaltsamen Pointen versetzt, und wenn es gar zu poetisch wird – ist halt Kino: Da sitzt Arthur allein in einer Bar, klimpert am Klavier, Claire, die davongelaufen war, kommt zurück und singt (perfekt im Text), was er spielt. Und was? Oh, Danny boy, the pipes, the pipes are calling / Oh, Danny boy, oh Danny boy, I love you so! Das schöne, traurige irische Volkslied vom Sterben. Sei’s drum, auch das trägt der Film.

Wer das Stück nicht kennt (und wer kennt es schon?), wird trotzdem den Verdacht des Happyends hegen, spätestens sobald sich herausstellt, dass das Schicksal von Claire (auch Hannah Hoekstra, die resolute Holländerin, umschifft einigermaßen die Sentimentalität) an Tragik auch nichts zu wünschen übrig lässt.

Also, wenn sich zwei Traurige zusammen tun, ist das ein Trost für alle, auch jene im Kinosessel, und wieder einmal erweist sich, dass schauspielerisches Können und filmischer Instinkt auch eine an sich schlicht-billige Geschichte in die Höhen absolut sehenswerten Kinoglücks heben können.

Bilder (c) Universum

Renate Wagner 16.2.2018

 

Filmstart: 18. Januar 2018

Darkest Hour / GB / 2017

Regie: Joe Wright

Mit: Gary Oldman, Kristin Scott Thomas, Lily James, Ben Mendelsohn u.a.

TRAILER

Winston Churchill ist jener britische Staatsmann, der während des Zweiten Weltkriegs einige Entscheidungen getroffen hat, die sich im Nachhinein als richtig erwiesen haben (darunter jene, mit Adolf Hitler um keinen Preis zu verhandeln). Schon das macht ihn zu einem nationalen Helden und zu einer großen Figur der Weltgeschichte. Aber wie sah die Realität hinter den Geschichtsbüchern aus? Das fragt dieser Film von Regisseur Joe Wright, und obwohl man ganz schön „Nachhilfeunterricht“ erhält (wogegen ja nichts zu sagen ist!), sind es letztendlich zwei geradezu unterhaltende Stunden Weltgeschichte geworden… gebrochen durch die Persönlichkeit eines großen Mannes.

Denn Churchill, der ewig Zigarren paffende Alkoholiker, der den Tag mit einem Glas Whisky begann, ist natürlich auch eine köstliche, gewissermaßen leinwandgerechte Figur, in seiner eher unappetitlichen Rundlichkeit und schnaubenden Schwerfälligkeit, vor allem in seiner Direktheit, ja Rücksichtslosigkeit im täglichen Umgang mit der Mitwelt. Er hatte zu Kriegsbeginn nichts zu verlieren, er war über 60 und einer der bestgehassten Männer seiner Zeit. Aus der englische Hocharistokratie stammend, dekorierter Militär, Journalist und Schriftsteller, hatte er es nie darauf angelegt, sich Freunde zu machen. Das Amt des Premierministers schob man ihm 1940 zu, weil der Vorgänger es vergeigt hatte und sich niemand um die Verantwortung riß, England gegen ein über die Maßen gerüstetes Drittes Reich durch den Krieg zu führen…

So politisch dieser Film in den gezeigten Abläufen auch ist, so erlebt man doch „Churchill privat“ – zuhause mit der liebenden, klugen Gattin (Kristin Scott Thomas ist ein intelligenter Goldschatz als jene legendäre „Clemmy“, mit der Churchill eine ebenso legendär gute Ehe führte), im Kriegsquartier mit jener Sekretärin an seiner Seite, die es als Einzige mit ihm aushielt und ihm in unerschütterlicher Treue diente (die bezaubernde Lily James, die sich durchaus am Puls der Weltgeschichte fühlt), schließlich in Auseinadersetzung mit seinen Politiker-Kollegen, die alle (mit Ausnahme von König George VI. – Queen Elizabeths stotternder Vater, nobel interpretiert von Ben Mendelsohn) dafür plädierten, mit Hitler zu verhandeln.

Churchill führte das Land durch die Katastrophe von Dünkirchen, wo es seine Idee war, alle verfügbaren privaten Boote Englands über den Kanal zu schicken, um die dort an der Küste zwischen Meer und deutschen Panzern eingekesselten alliierten Soldaten heimzuholen, und der Film endet mit einer seiner legendären Reden, die von seinem Hauptfeind achtungsvoll so charakterisiert wird: „He armed the English language and sent it into battle“ (Er bewaffnete die englische Sprache und sandte sie in die Schlacht).

Natürlich kann Geschichte nur so spannend sein, wenn man den Menschen auf der Leinwand glaubt. Gary Oldman hat sich dermaßen in Winston Churchill verwandelt, dass man ihn selbst (der Gary Oldman dahinter) so gut wie nicht erkennt – und ihm so amüsiert wie vergnügt zusieht, des tragischen Themas ungeachtet. Der „Golden Globe“ als bester Hauptdarsteller ist es geworden, der „Oscar“ in derselben Kategorie winkt, er wäre mehr als verdient, hat er doch nicht das Klischee eines Mannes hingeklackst, sondern sorglich einen Charakter gezeichnet.

Bilder (c) Universal

Renate Wagner 18.1.2018

 

 


Ôtez-moi d’un doute / Frankreich, Belgien / 2017
Regie: Carine Tardieu
Mit: François Damiens, Cécile de France, Guy Marchand, André Wilms, Alice de Lencquesaing, Estéban u.a.

TRAILER

Zu Beginn erfährt man nicht ohne Erstaunen etwas Neues: Dass es nämlich in der Bretagne immer noch Räumungskommandos gibt, die verbuddelte Sprengköpfe aus den Kriegen suchen und diese entschärfen. Diesem erstaunlichen Beruf geht unser Held Erwan nach – François Damiens ist alles andere als ein spektakulärer Typ, aber ein ruhiger, sympathischer Mann. Er hat einen ebenso sympathischen alten Vater (der großartige Guy Marchand) und eine quengelige junge Tochter – schwanger, aber sie weiß nicht, von wem, will es auch nicht wissen. Bei irgendeinem Fest hatte er halt eine Zorro-Maske auf… und das war’s dann.

In diesem Film von Regisseurin Carine Tardieu sieht man (leider) nicht allzu viel von der Bretagne, erfährt aber glücklicherweise viel über die bretonischen Menschen, die immer noch „anders“ sind. Was bedeutet „Familie“ heute, was bedeutet „Vater sein“? Im allgemeinen nicht viel in der modernen Gesellschaft und in den großen Städten. In den entlegeneren Landschaften ist es anders. Da hält man zusammen, da sind die Alten nicht quengelig, lästig und besitzergreifend und die Jungen nicht oberflächlich und unfreundlich. Und wenn es in der Familie drunter und drüber geht, dann ist das sehr, sehr wichtig…

Es beginnt damit, dass Papa Erwan mit der schwangeren Juliette (Alice de Lencquesaing) besorgt zum Arzt geht: Sein Vater hat eine Erbkrankheit, wird sich dieaufs Kind übertragen? Nun – schon deshalb nicht, weil sein Vater nicht sein Vater ist, wie DNA-Tests heute leicht beweisen. Da bricht allerdings eine Welt zusammen, weil dieser Vater von Erwan immer der beste war, den er sich nur wünschen konnte. Allerdings quält ihn die Idee, wer nun sein richtiger Vater gewesen sein mag…

Bis er am Ende herausfindet, dass es andere Bande gibt als Blutsbande, setzt er (man versteht ihn ja) eine Detektivin auf die Sache an, und die präsentiert in kurzer Zeit, sogar mit Fotos belegt, wer der Mann war, den Mama in der fraglichen Zeit gekannt hat. Ja, es gibt ihn noch, er wohnt im nächsten Ort…

Es ist schlechtweg hinreißend, wie Erwan diesen Joseph Levkine (anbetungswürdig: André Wilms) ausfindig macht, ihn umschleicht, mit ihm ins Gespräch kommt, ihn schließlich, als er ihn ein wenig kennt, mit der Vergangenheit konfrontiert. Der alte Herr ist liebenswürdig und verwirrt, er weiß nur, ja, dass er einmal bei einem One-Night-Stand, an den er sich kaum erinnert, seine Frau betrogen hat, er bedauert zutiefst, aber…

Nein, es wäre eigentlich kein Problem, zwei Väter von dieser Qualität verträgt man schon – wenn Erwan (und da verliert das Drehbuch seine Glaubwürdigkeit und hebt sich in wunderbar-luftige Komödienhöhen) nicht im Nebenort des richtigen Vaters die Ärztin Anna (Traumfrau Cécile deFrance) kennenlernte. Die ihm besonders gefällt. Die er zum Essen einlädt. Um ihr davor bei Joseph Levkine zu begegnen – als dessen Tochter.

Was nun? Nach und nach (die Verwirrungen sind possierlich) wissen dann alle, was los ist, und man leidet mit Erwan und Anna, die so offensichtlich wild in einander verliebt sind und nicht wissen, ob sie es dürfen! Dabei ist doch die Geschwisterschaft einstweilen nur eine Annahme ohne Beweis – und man möchte dauernd auf die Leinwand hinaufrufen: „Lasst doch einen DNA-Test machen, Ihr Idioten!“ Und wenn sie dann selbst darauf kommen – ja, es ist lächerlich, man bangt regelrecht mit ihnen, was das Ergebnis sein wird…

Und weil man sich nicht erinnert, seit ewigen Zeiten einen liebevolleren Film gesehen zu haben, regelt das Drehbuch auch noch die Dinge für Jacqueline (der Vater findet sich in Gestalt eines witzigen Outcasts: Estéban), und menschliche Zusammengehörigkeit wird auf einer Ebene der liebevollen Zuneigung besiegelt.

Mag sein, dass man hier im Wunschtraumland landet, dass Filme, wo schreckliche Menschen schreckliche Dinge tun, die realistischeren sind. Aber man möchte so gerne glauben, dass „eine bretonische Liebe“, wie sie hier herrscht, zumindest möglich wäre…

Renate Wagner 10.1.2018

Bilder (c) Arsenal Filmverleih

 

 

Filmstart: 28. Dezember 2017

GB, Polen / 2017

Regie: Dorota Kobiela, Hugh Welchman

Animation, Biographie

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Schon wieder ein Maler – was ja nicht erstaunt, sie sind ja allesamt interessante, skurrile Persönlichkeiten. In den letzten Jahren sind sie (von Turner bis Monet) im Dutzend billiger in „Biopics“ über die Kinoleinwand marschiert. Dass man sich Vincent van Gogh vorgenommen hat, ist schon lange her (1956, sehr eindrucksvoll mit Kirk Douglas als van Gogh und Anthony Quinn als Gauguin). Nun ist er erneut an der Reihe, aber in einem Film, der so gar nichts mit den üblichen Lebensgeschichten dieser Art zu tun hat. Inhaltlich nicht – und schon gar nicht formal. Imd darauf kommt es an.

Die beiden Filmemacher Dorota Kobiela und Hugh Welchman hatten für die polnisch / britische Co-Produktion „Loving Vincent“ eine noch nie da gewesene Idee: Es ist, auf der Basis eines mit Menschen gedrehten Spielfilms, dann am Ende doch ein „animiertes“ Kunstwerk geworden. Jedes Bild wurde – in der Arbeit von mehr als 100 Künstlern, die mit der Hand, nicht mit dem Computer unterwegs waren – im Sinne van Goghs „übermalt“, wobei man oft von berühmten Gemälden ausging, die jeder kennt. Und die dann zu „leben“ beginnen. Der Effekt ist verblüffend, auch wenn dem Zuschauer gelegentlich die Augen weh tun, weil van Goghs Farben in der Bewegung dann arg „flimmern“…

Was kann man auf diese Art erzählen? Nun, wann immer eine Berühmtheit unter nicht ganz geklärten Umständen gestorben ist, halten sich Gerüchte und Spekulationen über Jahre, Jahrzehnte, Jahrhunderte. Van Gogh, der sich selbst in den Bauch schoß und daran starb, ist so ein Fall. Ob der scheinbar eindeutige Selbstmord vielleicht ein Mord oder nur ein tragischer Unfall war – wer weiß es schon?

Das machen Kobiela und Welchman zum Ausgangspunkt ihrer erfundenen Geschichte, die auf zwei Ebenen läuft: Die scheinbare „Gegenwart“ spielt etwa ein Jahr nach van Goghs Tod und schickt einen jungen Postboten, dessen Vater mit van Gogh befreundet war, quasi aus, um die Frage nach dessen Tod zu stellen. Was man ihm im Lauf der Handlung erzählt, die Rückblenden also, erfolgen Grau in Grau (Schwarz/Weiß), was diesem Teil des Geschehens den Charakter eines Film Noir gibt, der es auch sein will: ein Krimi. Nur, dass die Autoren natürlich auch nicht wissen, was wirklich geschehen ist…

Immerhin, wenn Postbote Armand Roulin, dessen gelbe Jacke immer unverkennbar ins Auge sticht, nach Auvers kommt, die letzte Station in van Goghs Leben, da findet er viele Leute, die ihn gekannt haben und ihm vieles erzählen können. Hier hat man ihn nicht nur als den „verrückten“, sondern auch als den großen Künstler gekannt. Er schien so glücklich, sagt der Bootsmann, der ihm beim Malen zusah. Er war doch in die Tochter von Dr. Paul Gachet verliebt, erzählt die Kellnerin in dem Wirtshaus, wo er lebte und wo Roulin sich das Sterbezimmer ansehen darf. Aber warum leugnet die Tochter diese Beziehung…?

Kurz, es ist als Krimi gemeint, aber spannend wird es nie. Tatsächlich ist es nur eine respektvolle, liebevolle Huldigung von Leuten geworden, die sich viel mit van Gogh beschäftigt haben und vor allem Wissen über ihn vermitteln wollten. Wenn es nur ein „Film mit Menschen“ wäre (man kann die Schauspieler, die die Rollen spielen, nie erkennen, weil sie à la van Gogh „übermalt“ sind), könnte einem ein wenig langweilig werden.

Und doch passiert es nicht, weil man immer wieder auf die „farbigen“ Passagen des Films wartet – wenn die Gemälde des Vincent van Gogh quasi laufen lernen, wenn sie den lebendigen Hintergrund seiner Geschichte bieten. Er hat ja alles gemalt, seine Umgebung, die Menschen – von früh bis spät, wie man in dem Film erfährt. Wie er die Welt sah, so sieht man sie hier auch.

Übrigens: „Loving Vincent“ heißt, solange man es nicht besser weiß, „Vincent lieben“, und das stimmt auch. Tatsächlich hat er aber die Briefe an seinen Bruder stets so unterschrieben…

Bilder (c) Weltkino

Renate Wagner 3.1.2018

 

 

 

Filmstart: 15. Dezember 2017

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Deutschland /   2017

Drehbuch und Regie: Nicolas Wackerbarth

Mit: Andreas Lust, Judith Engel, Corinna Kirchhoff, Andrea Sawatzki u.a.

 

„Casting“, das tägliche Brot im Schauspielerberuf. Selbst die Großen entgehen dem nicht – „der Regisseur will Dich sehen, will ein bisschen was hören.“ Man muss doch auch schauen, ob die Chemie stimmt, nicht wahr? Und alle kommen, die Jobs liegen schließlich nicht auf der Straße, am allerwenigsten für Frauen über 50. Eine solche wird gesucht für ein Fernseh-Remake von Fassbinders „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“.

Die Regisseurin ist offenbar schon tagelang dabei, ein Gesicht nach dem anderen zu verschleißen, ohne sich entscheiden zu können. Für den verantwortlichen Redakteur wird die Zeit knapp, zumal der Sender ohnedies schon einer „Promi“-Lady die Rolle so gut wie versprochen hat. Aber die Regisseurin will ihren Status als Entscheiderin behaupten…

Regisseur Nicolas Wackerbarth hat in seiner Eigenschaft als Drehbuchautor meisterliche eineinhalb Stunden geschrieben und dann auch inszeniert. Über Hoffnungen und Ängste, über Machtmißbrauch und Demütigung, über das „Spielen“ nicht nur vor der Kamera, sondern auch im Leben. Über das Sich-Verkaufen-Müssen, als Person, mit Haut und Haar. Keine Distanz, an die Haut, unter die Haut, meisterlich.

Besonders meisterlich, weil er jeder einzelnen Figur ein ganzes Schicksal gibt – und weil jeder einzelne Darsteller brillant genug ist, um das auszuschöpfen. Wobei einerseits die Regisseurin, andererseits der arme Nobody, der nur als „Anspielpartner“ der gecasteten Damen engagiert ist, im Mittelpunkt stehen.

Judith Engel ist die Regisseurin Vera. Nicht mehr jung, in jeder Hinsicht ein Spätzünder – mit ihren schätzungsweise gut 50 ist es erst ihre dritte Regie, und ein Baby hat sie auch. Dabei hält sie sich zurück, die anderen die Doppelbelastung merken zu lassen – das Kind wird erst am Ende einmal mitgebracht, wenn offenbar gar kein Babysitter zur Verfügung steht. In der Arbeit ist sie fordernd, es macht ihr Spaß, die Schauspielerinnen zu reizen, ihnen emotional zu begegnen, um ihnen in den Szenen dann auch emotional etwas abzuverlangen. Das verträgt nicht jede, die Situation rund um sie ist immer spannungsgeladen, eigentlich negativ geprägt.

Sie manipuliert auch – ihre zunehmend nervöser werdende Assistentin, von der sie so viel Loyalität verlangt, bis der Sender sie hinauswirft (eine glänzende Studie des Versuchs, sich mit sprudelnder Präsenz auch in der zweiten Reihe der Hack-Ordnung zu behaupten: Milena Dreissig), vor allem aber Gerwin, den armen Ex-Schauspieler, der es zwar leugnet, aber dessen Sehnsucht, wieder einmal zu spielen, geradezu mit den Händen zu greifen ist. Es gibt eine Szene, wo die Frauen (Regisseurin, Assistentin, Maskenbildnerin) ihn unter dem Vorwand, er spräche nun als er selbst für die Rolle des jungen Liebhabers vor, lustvoll und sadistisch demütigen: Das schmerzt geradezu. #metoo andersrum: Wahrscheinlich würde er, der Schwule, sich die Rolle auch erschlafen, so begierig ist er danach.

Aber diese Vera hat ja selbst ihre Ängste, vor allem hat sie einen ungeduldigen Redakteur im Nacken (mehr als überzeugend: Stephan Grossmann), der zwar ein Künstler darin ist, letztendlich nichts ernst zu nehmen, was diese Verrückten da treiben (und zu entscheiden meinen), der aber einen Film auf die Beine stellen muss – jenseits des Gezickes, das hier ausbricht…

Auf der anderen Seite, machtlos, aber doch selbstbewusst, agiert auch noch die Maskenbildnerin (Nicole Marischka): Sie muss nicht schön sein, sie kann sie selbst sein, aber sie hat auch ein paar Wörtchen mit zu reden, sie steckt in all dem Schlamassel der anderen, ohne selbst betroffen zu sein, und sie genießt es – samt eigener großer Szene, wenn sie angeblich alles hinwirft, um am nächsten Tag natürlich wieder da zu sein.

Und da kommen sie nun, die Damen „entre deux ages“, die für die Petra von Kant vorsprechen. Keine Frage, alle wollen die Rolle, viele von ihnen brauchen sie dringend, aber es gilt, Souveränität, Selbstbewusstsein, Überlegenheit vorzuspielen.

Die erste Kandidatin (Ursina Lardi) tut es, indem sie schlechte Laune als Machtmittel einsetzen möchte – sie habe doch schon viermal vorgesprochen, wie oft noch? Und warum darf sie nicht blond sein, sondern soll eine dunkle Perücke nehmen? Und warum soll sie noch einmal geschminkt werden? Sie gebärdet sich, als hätte sie die Freiheit, die Sache hinzuwerfen – und als sie dann beim Vorspielen nicht in den Tritt kommt, macht sie den Partner dafür verantwortlich. Nein, danke.

Dass es mit der nächsten Kandidatin (Marie-Lou Sellem) nichts wird, ist schnell klar, die Regisseurin tut ihre Antipathie fast kund, provoziert private Tränen, klar, dass man nicht miteinander kann.

Die dritte ist offenbar ein großer Star: Corinna Kirchhoff versteckt weder ihre grauen Haare noch ihr Alter, sie ist souverän, herablassend, Komplimente wischt sie geradezu beleidigend weg. Beim Vorsprechen macht sie klar, wer sie ist, wie groß ihre Erfahrung, ihr muss man nichts sagen. Dann aber… als die Regisseurin nichts zusagen will und auch gar nicht kann (weil ihr der Redakteur geflüstert hat, der Sender habe sich schon entschieden), da wird es dann wirklich tragisch. Da bettelt die große Schauspielerin, die in ihrem Alter sich gar nichts mehr aussuchen kann, geradezu um die Rolle, setzt ihre ganze Kraft und Persönlichkeit ein, um die Regisseurin zu beschwören und zu einer Zusage zu bewegen… da läuft es einem als Zuschauer kalt über den Rücken.

Aber der Star ist schon da, die Nr.5: Andrea Sawatzki schwebt strahlend herein, man hat ihr die Rolle ja schon zugesagt, sie meint, es ginge nur darum, die Crew kennen zu lernen. Zu der ältlichen Regisseurin, die noch nicht so viel Erfahrung hat, ist sie geradezu gönnerhaft: Das machen wir schon! Dass sie jetzt ein Casting machen soll, erwischt sie kalt und fassungslos – und als die Regisseurin nein sagt, versteht sie die Welt nicht mehr. Und auch sie kommt, nach Abzug hoch erhobenen Hauptes, zurück, um ein paar Sätze aus dem Drehbuch zu sagen und zu zeigen, wie gut sie ist… Aber nein, die Regisseurin will nicht.

Und nun scheint die ganz Sache zu platzen, die Entscheidung muss her, jetzt, eine Schauspielerin von Format, oder wir vergessen das ganze Projekt. Gerwin, der herumgestupste Anspielpartner, erinnert sich an eine Kollegin, mit der er Theater gespielt hat (und wenn man seine bedeutungsvolle Miene richtig deutet, dann auch etwas mehr) – und tatsächlich ist, als letzte Chance für alle und letzte Möglichkeit für die Regisseurin, dann diese am Set (Victoria Trauttmansdorff ). Wie tpyisch und wie zu erwarten, dass sie sich an Gerwin überhaupt nicht erinnert… (oder wenn sie es nicht will, dann verbirgt sie das glorios). Aber man kann endlich mit den Dreharbeiten beginnen…

Und in diesem ganzen Frauenreigen war Gerwin, besetzt mit dem Österreicher Andreas Lust (der wahrlich mehr sein kann als nur der gequälte TV-Gatte von Ursula Strauss), immer im Zentrum des Geschehens. Immer da, die Luft des Studios atmend. Die Lüge verbreitend, er wolle das alles nicht mehr. Und wie er erwacht, aufblüht, als die Regisseurin ihm die männliche Hauptrolle anbietet! Sie spielt nur mit ihm, er merkt es nicht. Merkt nur, dass ihre Zusage keinen Cent wert ist, wenn der Redakteur die andere Besetzung für die Rolle bringt (Tim Kalkhof), primitiv, aber natürlich ideal für den Strichjungen in Fassbinders Geschichte. Nun darf Gerwin nicht zeigen, dass eine Welt zusammenbricht, dass er geglaubt hat, was man ihm sagt, dass er eine Sekunde für möglich hielt, er bekäme noch eine Chance…

Eine kurze Szene lang erlaubt sich Nicolas Wackerbarth eine Anleihe bei Hollywood (oder deutschen Fernsehschmarrn) – wenn der enttäuschte Gerwin in ein einsames Zimmer läuft, dort das einsam abgelegte Baby der Regisseurin findet und in den Arm nimmt. Wenn sie kommt und (sie hat ja genügend Filme gesehen) das Schlimmste befürchtet (wir tun es ja auch), Erpressung, das Baby an die Wand geschmettert, wenn nicht… nein, Gerwin gibt das Kind zurück. Er ist das, was unsere gnadenlose Gesellschaft einen „Loser“ nennt. Aber auch Loser haben Träume.

Die letzte Szene zeigt, wie man sich bei ihm bedankt: Er darf einen Postboten spielen. Liefert der Petra von Kant in Gestalt der Kollegin, die sich nicht an ihn erinnert, ein Päckchen. Er macht das gut, danke, die Szene ist abgedreht, wir können uns von Gerwin verabschieden. Kann er sich von seinem Traum verabschieden? Bitte, machen wir die Szene noch einmal. Bitte. Man tut ihm den Gefallen. Er stellt sich in Positur… Aber da wird nun bekanntlich „beim Happy End im Kino immer abgeblend’t.“

Wer ein bisschen Ahnung von der Branche hat, weiß, dass Nicolas Wackerbarth hier unendlich viel Wahres hineingepackt hat. Und wer die Schauspieler am Bildschirm auf der Leinwand nicht nur bewundert, sondern auch beneidet, bekommt eine Ahnung davon, wie schwer sie für ihren Ruhm arbeiten müssen – nicht nur als Darsteller, sondern auch als Menschen.

Bilder (c) Piffl Medien GmbH

Renate Wagner 14.12.2017

 

 

 

Filmstart: 1. Dezember 2017

GB / 2016

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Regie: William Oldroyd

Mit: Florence Pugh. Cosmo Jarvis, Naomi Ackie u.a.

Zuerst gesagt: Es ist nicht die Lady Macbeth von William Shakespeare, vielmehr die in der Literatur- und auch Opernwelt bekannte russische Ausgabe von Nikolai Leskow, dessen Novelle wir auch komponiert als die Katerina Ismailowa von Dmitri Schostakowitsch kennen. Und sie spielt, da wir einen britischen Film vor uns haben, auch nicht im Russland des 19. Jahrhunderts, sondern 1856 in England. Die Voraussetzung bleibt dieselbe – dass eine Frau, um sich aus den Ketten zu befreien, die die Gesellschaft ihr anlegt, auch vor Mord nicht zurückschreckt. Und dass sie sich als stärker erweist als alle Männer…

Dazu pinselt der Film von Regisseur William Oldroyd (meist am Theater tätig und folglich besonders für Schauspielerführung zuständig) zuerst das beengende Milieu, das für die Frauen der „besseren Kreise“ noch drückender war als für die armen Leute (die dafür weniger Zeit hatten). Man sieht von Anfang an, was die der Katherine der Florence Pugh von ihrem Ehemann hält: Die 20jährige britische Schauspielerin, ein unbeschriebenes Blatt davor, hoch gerühmt seit diesem Film, ist Angelpunkt des Geschehens. Ihr muss man glauben, wozu sie imstande ist, und ihre düstere Verhaltenheit bestimmt das Geschehen.

Gut, der Gatte (Paul Hilton als Alexander Lester) ist alt und benimmt sich mit Absicht (oder einfach ganz selbstverständlich) widerlich, wie Männer es so lange in der Welt ungestraft tun durften – sowieso kein Interesse an Sex mit ihr, höchstens an aufreizenden Machtspielchen, aber Kontrollzwang, also sperrt man die junge Frau am besten ins Haus ein. Erstickend, demütigend, unerträglich. Dazu kommt der Druck des Schwiegervaters (Christopher Fairbank als Boris Lester), der Nachwuchs verlangt. Dafür wurde sie schließlich „gekauft“ (ihr Vater hat sie tatsächlich für ein Stück Land an den alten Lester „verhandelt“).

Viele, zu viele Frauen sind unter solchem Druck einfach still leidend oder sich selbst den Tod gebend zugrunde gegangen. Diese Katherine wehrt sich, und da man für Mord Hilfe braucht, holt sie sich den jungen Arbeiter am Gut des Gatten, als sie einmal unbeobachtet ist: Cosmo Jarvis als Sebastian muss die naive Brutalität des einfachen Mannes ausstrahlen (was dem Ganzen auch einen Hauch von „Lady Chatterley“ verleiht und die Macht zügelloser Sexualität aufzeigt), aber dann auch wie ein wimmerndes Bündel zusammen brechen – denn seine Mithilfe an Morden steckt er gar nicht so leicht weg. Dabei ist es doch Katherine selbst, die den widerlichen Schwiegervater vergiftet – und an den Gatten legt sie auch selbst Hand. Da bietet der Film wirklich harte Szenen, die die Entschlossenheit und Skrupellosigkeit einer Frau zeigen, die sich – wehrt. In der Folge kommt sie nur mit ihren Verbrechen durch, wenn es Sebastian, der seine Mittäterschaft nicht ertragen kann, auch opfert…

Die Gefahr bestünde grundsätzlich darin, dass man der „armen, unterdrückten“ Katherine ihre Gewalttaten verzeiht, aber das kann angesichts der coolen Verbrecherin, zu der sich Florence Pugh so überzeugend wandelt, nicht wirklich geschehen: Schritt für Schritt testet sie aus, was möglich ist, und erweitert skrupellos ihre Macht. Dennoch wird die „Verbrecherin“ nicht entschuldigt, bloß wenn man weiß, wie es dazu kam – aber ein Quentchen Verständnis dafür, dass man sich nicht alles bieten lässt, wird jede Frau im Zuschauerraum des Kinos aufbringen…

Der Film zeichnet – wobei Drehbuchautorin Alice Birch (auch in Deutschland, etwa an der Schaubühne, bekannt) einiges über Leskov hinausgeht – Milieu, Charaktere und Tat schlicht im historischen Gewand, und fügt auch noch Figuren ein, die besondere Akzente setzen, etwa die farbige Dienstmagd Anna (stark: Naomi Ackie), die alles ahnt und nicht weiß, was sie tun soll und schließlich an dem Geschehen zerbricht. Auch ist die Geschichte mit den Morden und dem Einzug Sebastians ins Herrenhaus noch nicht zu Ende – Katherine stellen sich weitere Probleme in den Weg, und es ist klar, dass sie den Weg des Mordes weitergehen kann. Und dass sie alles und alle opfert, um selbst zu überleben… so wird’s zum schaurigen Psychothriller. Und was bedeutet am Ende schon Katherines Überleben, wenn rings um sie grauenvoll tabula rasa herrscht?

Bilder (c) Koch Media

Renate Wagner 8.12.2017

 

 

 

 Filmstart 10. November 2017

Deutschland, Österreich / 2017

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Regie: Barbara Albert

Mit: Maria Dragus, Devid Striesow, Maresi Riegner, Stefanie Reinsperger u.a.

 

In Wien hat man sie nicht vergessen – nicht nur der Paradisgasse in Döbling wegen (Betonung auf dem zweiten A). Aber man denkt an Maria Theresia Paradis ((1759-1824), die damals so berühmte blinde Pianistin der Mozart-Zeit, doch vor allem im Zusammenhang mit Franz Anton Mesmer (1734-1815), dem Zauberer und Scharlatan der Epoche (dessen „magnetische“ Behandlungsmethode Mozart bekanntlich in „Cosi fan tutte“ parodiert hat, wenn Despina sich als Arzt verkleidet). Um die Geschichte der versuchten „Heilung“ der jungen Frau durch Mesner ranken sich die bösen Gerüchte, dass er sie auch missbraucht haben soll – eine seltsame Geschichte voll Ungewissheit.

Der romantische Plüsch des 18. Jahrhunderts, der diese real-historische Episode in konventioneller Weise einrahmen würde, wird in dem Film „Licht“ von Barbara Albert höchst kritisch eingesetzt: Es ist keine reizvolle Welt, die sie pinselt, so üppig Rokoko-Kostüme und Perücken auch wogen. In dieser Umgebung wird die junge, fast grotesk hässliche blinde Pianistin vorführt, die von ihren unangenehmen Eltern herumgeschleppt und wie ein Ausstellungsstück vorgeführt wird und an der nur fasziniert, wie sie das Klavier beherrscht. Da wird das unsichere halbe Kind zur bewunderten Meisterin. Von Anfang an stellt die Regisseurin klar, was hier vorgeht: ein junges Mädchen als hilflose Marionette, als Opfer ihrer Umwelt, von gierigen Eltern, die sie vermarkten, und einer gierigen Gesellschaft, die sich an ihr wie an einer Jahrmarktskuriosität weidet…

Und da ist Franz Anton Mesmer, den man heute wohl als Guru oder Alternativheiler betrachten würde, der behauptet, er könne dieses Mädchen von seiner Blindheit befreien. Also wird die 18jährige 1777 in das Schloß gebracht, wo er residiert und wohin man ihm schon andere Kranke (vor allem Nervenkranke) hin- und abgeschoben hat. Eine Heilanstalt, die kläglich und armselig anmutet, nichts von dem Glanz vermittelt, den Mesners Name damals umstrahlt haben muss.

Barbara Albert zeigt nach dem Drehbuch, das Kathrin Resetarits nach Alissa Walsers Roman „Am Anfang war die Nacht Musik“ geschrieben hat, nicht wirklich, was Mesner nun mit dem armen Geschöpf angestellt hat, außer hypnotisch beschwörend auf sie einzureden und seine Idee vom magnetischen Fluidum zu beschwören, und man erfährt auch nicht, ob ihre Bestätigung, nach und nach etwas zu „sehen“, einfach nur eine Schutzbehauptung war. Es spielt sich auch nichts besonders Spannendes zwischen den beiden ab. Wenn die Regisseurin etwas darstellt, dann die Glanzlosigkeit des ganzen Unternehmens und die Armseligkeit des Schicksals dieser jungen Frau. Die dann, als sie vielleicht tatsächlich Schatten sieht, die atemberaubende Sicherheit verliert, mit der sie früher die Klaviertasten bearbeitete…

So, wie Maria Dragus (einst in Hanekes „Das weiße Band“ als eines der Kinder dabei) diese „Resi“ spielt, gelegentlich fast ein wenig debil wirkend, in hohem Maße hilflos jedenfalls, sich durch die Welt tastend, entfaltet sich kaum eine Ahnung ihrer Genialität, selbst wenn sie sich ans Klavier setzt – und wenigstens das hätte man ihr nicht schuldig bleiben sollen. Und auch Devid Striesow als Franz Anton Mesmer hat nicht die geringste Ausstrahlung eines Wunderdoktors, ja, nichts Besonderes haftet ihm an. Und das scheint dann doch etwas wenig für die Geschichte, sie ist irgendwie rund um die berühmten Protagonisten zu klein geraten.

Interessant, wie weit eher Nebenfiguren zu genuinem Leben erwachsen, vor allem Maresi Riegner als die Magd Agnes, neugierig um die Blinde herumstreichend, später – auch sie ein klassisches Opfer – weggeschickt, weil sie sich von einem Patienten verführen ließ und schwanger geworden ist. Oder Stefanie Reinsperger als die Köchin Johanna, Mutter eines debilen Kindes, die demütig hinnehmen muss, als es ums Leben kommt.

 Doch nicht alle Frauen sind Opfer – sowohl die stets betriebsame, die Tochter gnadenlos vorschiebende, an ihr herumzupfende und herumbessernde Mutter von Resi (Katja Kolm) wie auch die Gattin von Mesmer (Johanna Orsini-Rosenberg) behaupten ihren Platz, ebenso wie einzelne Männer (Lukas Miko als Resis angeberischer Vater, der auf einen Adelstitel besteht, den er nicht besitzt) oder Hermann Scheidleder als der Professor, der Mesner nach Möglichkeit erniedrigt und Resis Heilung anzweifelt – sie alle auf Kosten der Schwachen.

Man will nicht denken, was ein konventioneller Fernsehfilm aus dieser Geschichte Spektakuläres gemacht hätte, die Barbara Albert hier so gnadenlos und zweifellos absichtsvoll trocken anpackt. Aber etwas mehr dramatischer Grip hätte dem Film nicht geschadet, der sich allerdings auf seinen ehrlichen Zugang zum Geschehen berufen kann. Dass diese Maria Theresia Paradis nach dieser Behandlung noch zu einer Weltberühmtheit ihrer Zeit wurde und an Fürstenhöfen konzertierte – man würde es diesem Geschöpf, das dieser Film zeichnet, nicht zutrauen…

Bilder (c) Farbfilm

Renate Wagner 21.11.2017

 

 

Filmstart: 10. November 2017

USA / 2017

Drehbuch: Ethan Coen, Joel Coen

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Regie: George Clooney

Mit: Matt Damon, Julianne Moore, Noah Jupe, Karimah Westbrook, Leith M. Burk, Oscar Isaac u.a.

 

Es gibt sie nicht oft, aber doch: Jene Filme, die ihre „Macher“ geradezu herausschreien. Man sieht „Suburbicon“ und weiß – Coen Brothers, Coen Brothers! George Clooney, der sicher ein ambitionierter Mann ist und diesen Film inszeniert hat, hat sich ein altes, bis dahin unverfilmtes Drehbuch der beiden hergenommen und teils daran mitgeschrieben. Aber die Handschrift des Ganzen zeugt vor allem von der Lust der Coens, ein scheinbar ganz durchschnittliches Amerika in seinem Wahnsinn mit allerschwärzestem Humor zu durchleuchten.

Freilich, grundsätzlich Neues ist ihnen dazu nicht eingefallen, wenn sie eine Muster-Kleinstadt namens Suburbicon erschaffen, ganz USA der fünfziger Jahre (der gewisse Doris-Day-Look in allem), eine selbstzufriedene weiße Gesellschaft, die sich unheimlich gut vorkommt – und empört rebelliert, als die „schwarze“ Familie Myers (Karimah Westbrook und Leith M. Burke) es wagt, hier einzuziehen. Die will man nun einmal gar nicht hier haben, und ein starkes (und allzu zeigefingerhaft deutliches) Segment des Films besteht darin, was die guten Bürger alles tun, um die tapfere kleine Familie samt Sohn Andy (Tony Espinosa), die standhaft durchhalten, zu terrorisieren… Das hat voll grausame, starke Momente – ist aber in jedem Detail so schrecklich auf der Hand liegend.

Aber das ist eigentlich nur die Nebenhandlung. Diese Myers sind die Nachbarn der Familie Lodge, um die es eigentlich geht und die auf den ersten Blick so verlogen perfekt scheint. Ein starr braver Papa, wie es scheint (Matt Damon, in anderen Filmen durchaus smart, ist hier dicklich und stockig), mit einer Gattin im Rollstuhl und ihrer Schwester im Haushalt (beide – die eine blond, die andere braunhaarig – gespielt in ironischer Meisterschaft von Julianne Moore). Und der kleine Sohn Nicky (meisterlich, wie er kritisch in die Welt schaut: Noah Jupe), der mehr begreift, als den Eltern lieb ist – und mit dem schwarzen Nachbarjungen die selbstverständliche Freundschaft von Gleichaltrigen pflegt.

Nun, die Rollstuhl-Mama gibt es bald nicht mehr: Auch in einer idealen Welt werden brave Familien überfallen (Glenn Fleshler und Alex Hassell sind beängstigend wie aus dem Bilderbuch), und dabei stirbt die Mutter. Die Schwester muss sich natürlich um Schwager und Neffen kümmern – sie erblondet, und Nicky merkt bald, dass das Interesse der Erwachsenen verdächtig einander gilt.

Ja, es ist kein Spoiler, es zu verraten, denn es wird ohnedies klar – in dieser scheinbar ach so braven Welt werden auch Morde bestellt, wird nach Kräften gelogen, um alles zu verschleiern, und Kinder, die das durchschauen, geraten in Lebensgefahr. Papa sieht sich unter Erpresserdruck genötigt, selbst mörderisch Hand anzulegen. Ein Onkel (Gary Basaraba), der den Neffen retten will, bezahlt das teuer. Desgleichen ein Versicherungsbeamter (Oscar Isaac), der wittert, was der Zuschauer längst weiß: Die Sache mit der kürzlich aufgestockten Lebensversicherung für die Ermordete stinkt zum Himmel…

Freilich, wie die Coens dann den Lauf der Handlung drehen, dass sich die Bösen in ihren eigenen Netzen fangen – das ist die Hohe Schule dieser Art von Filmen. Gar nicht Hohe Schule ist es, dass hier eigentlich die tausendfach repetierte Geschichte über die Abgründe der braven Bürger wieder einmal mehr oder minder nach Schema F erzählt wird – auch wenn es schwer sein mag, dem Thema noch eine neue Facette abzuringen, denn es ist in seiner Wohlfeilheit oft genug gedreht und gewendet worden.

Jedenfalls kommt hier eigentlich nichts wirklich Bemerkenswertes heraus, so stylish Regisseur George Clooney das Milieu zu pinseln vermag – auch wenn man es als Attacke auf speziell die Selbstgefälligkeit (und notabene Verlogenheit) des Trump-Amerika nehmen kann. Was auch abgegriffen genug und absolut keine Neuigkeit ist.

Bilder (c) Concordia

Renate Wagner 11.11.2017

 

 

 

 

Filmstart: 10. November 2017

 

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Regie: Kenneth Branagh

Mit: Kenneth Branagh, Michelle Pfeiffer, Penelope Cruz, Johnny Depp, Willem Dafoe, Judi Dench, Derek Jacobi u.a.

 

Wahrscheinlich wurde kaum ein Agatha-Christie-Roman so oft verfilmt wie „Mord im Orient Express“ – bisher dreimal, davon 1974 so exemplarisch und glanzbesetzt unter Regisseur Sidney Lumet, dass man jedem neuen Versuch nur skeptisch entgegen sehen musste. Nun, alle Befürchtungen sind unbegründet – der neue „Orient Express“ von 2017 ist ein Gustostück für sich, und das verdankt man dem Hercule Poirot des Kenneth Branagh, der auch Regie führte. Und dabei hat er seine Figur sehr, sehr gut bedacht und ganz gezielt in den Mittelpunkt gestellt. Aber wer ein so großartiger, witzig-ironischer Schauspieler (und ein so geschickter Regisseur) ist wie er, der darf das…

Alle bisherigen Verfilmungen sind recht frei mit dem Original umgegangen, haben einzelne Figuren verändert und umgetauft, aber das grundlegende Konzept bleibt dasselbe: Edward Ratchett, ein wahrer Schurke, wird ermordet, und 12 Passagiere des Orient Express, der irgendwann in den dreißiger Jahren in einer Schneekatastrophe im Balkan stecken geblieben ist, sind tatverdächtig. Ein Fall für Poirot…

Bis es dazu kommt, wird die Handlung noch ein wenig ausgebaut: Sie beginnt an der Klagemauer in Jerusalem, lässt einen kleinen Jungen mit Eiern zweimal durch die Stadt in ein Luxushotel laufen – warum? Weil Monsieur Poirot seine Frühstückseier auf ganz bestimmte Weise wünscht und sie zurückschickt, wenn sie nicht passen… Der ganze Mann wird in seinem exzentrischen Charme und seiner reizvollen Zickigkeit umrissen, „schlanker“ als Peter Ustinov (der übrigens nicht im „Orient Express“ spielte, aber in seiner Epoche „der“ Poirot schlechthin war) und so anders, dass Branagh keinen Vergleich scheuen muss, weil es keinen gibt: Er ist so unikat, wie es sein Vorgänger war…

Wenn er sich auf den Orient Express begibt, blättert der Film nach und nach seine Mitreisenden auf, die man alle in Konfrontation mit ihm erlebt. Vielleicht war die Besetzung 1974 um einiges stärker, etwa wenn das junge Grafenpaar Andrenyi damals mit Jacqueline Bisset und Michael York besetzt war, während es diesmal mit Lucy Boynton und Sergei Polunin so gut wie unter den Tisch fällt. Aber es gibt auch hier genügend starke Besetzungen. Schön, dass sich für die unverändert attraktive Michelle Pfeiffer doch noch Rollen finden, auch wenn sie (eine unverzeihliche Sünde in Hollywood) auf die 60 zugeht: Sie kann immer noch sexy, süffisant und leinwandfüllend sein (so wie einst Lauren Bacall in dieser Rolle). Und wenn Johnny Depp auch nicht kraftvolle Ausstrahlung eines Richard Widmark hat – dass er ein Bösewicht ist, glaubt man dieser halbseidenen Erscheinung ohne weiteres – und verurteilt ihn glatt zum Tode. Passiert auch. Erstochen. Oftmals.

Ungemein witzig ist Willem Dafoe in der Rolle eines Detektivs diesmal in der deutschen Fassung, weil er sich als Wiener ausgibt und einen hinreißenden Kunstdialekt hinlegt (muss auf Englisch auch ganz lustig sein, aber nicht so wie diesmal in der Synchronisation). Der gute Mr. Arbuthnot, einst als Sean Connery ein grundsolider Colonel, ist hier (politische Korrektheit) ein farbiger Arzt (Leslie Odom junior) geworden, wieder in Mary Debenham verliebt. Einst war das eine junge Vanessa Redgrave, nun erlebt man die junge, frische Daisy Ridley, die man bisher nur aus der letzten „Star Wars“-Verfilmung kannte. Ein zwielichtiger Sekretär konnte einst nicht besser besetzt werden als mit Anthony Perkins – nun gibt sich der Sonst-Komiker Josh Gad ernsthaft.

Branagh hat ein paar der kostbarsten englischen Schauspieler mitgebracht – Judi Dench überstrahlt in ihrer trockenen Art als alte Prinzessin Natalia Dragomiroff sämtliche (auch berühmte) Vorgängerinnen, und Derek Jacobi liefert als todkranker Kammerdiener des (bald) Toten eine wunderbare Leistung.

Nicht zu vergessen ist die Rolle, die Ingrid Bergman (für eine Charge, wie man offen sagen muss) einst den Nebenrollen-„Oscar“ einbrachte: Die gibt es hier nicht. Sie ist zu einer Latina namens Pilar Estravados geworden, gespielt von der köstlichen Penélope Cruz, die sich allerdings darstellerisch nicht ganz so weit aus dem Fenster hängen darf wie die Vorgängerin in derselben Rolle (mit anderem Akzent…).

Branagh begnügt sich als Regisseur nicht damit, diese Figuren (und Darsteller) lustvoll aufzubereiten, er hat auch Sinn für das Ambiente und das Flair der dreißiger Jahre, dann erst für den Orient, später für den Luxuszug und für die zunehmend verschneiten Umwelt (bald ist man ja von Istanbul kommend im Balkan), und er lässt Kameramann Haris Zambarloukos die köstlichsten Kunststücke vollbringen, etwa dem Geschehen immer wieder auf den Kopf sehen, was durchaus als zynische inszenatorische Schräglage zu begreifen ist. Und er führt die Handlung immer wieder auf Poirot zurück. Logisch. Bei ihm laufen ja alle Fäden zusammen…

Dieser wird übrigens, nachdem er den Fall gelöst hat, schnell abberufen: Er müsse sich sofort nach Ägypten begeben, dort hätte es einen rätselhaften Mord auf dem Nil gegeben. Ja, wir freuen uns auf „Tod auf dem Nil“ und andere weitere Poirot-Filme, wenn das schöne Niveau dieser hier so hoch vergnüglichen Unterhaltung auch sicher gehalten werden kann…

 

Renate Wagner 9.11.2017

Bilder (c) FOX

 

 

 

Filmstart 6. Oktober 2017

USA / 2017

Regie: Denis Villeneuve, Ausführender Produzent: Ridley Scott, Mit: Ryan Gosling, Harrison Ford, Ana de Armas, Robin Wright, Jared Leto, Sylvia Hoeks u.a.

TRAILER 1

TRAILER 2

Als der erste „Blade Runner“ 1982 in die Kinos kam, spielte er in scheinbar ganz ferner Zukunft – im Jahre 2019. Das ist uns ja nun schon sehr nahe gerückt, und ungeachtet der Digitalisierung stellen wir fest, dass wir doch noch nicht von „Replikanten“ (künstlichen Menschen, von uns kaum zu unterscheiden) überschwemmt sind. (Oder erkennen wir sie bloß nicht?)

Das war die Grundidee des Klassikers von Ridley Scott, nach einer Geschichte von Philip K. Dick, und er zeigt uns die seit langem schwelende, nun viel näher gekommene Sorge der Menschen, dass sie eines Tages von den „Maschinen“, in welcher Form auch immer, abgelöst, verdrängt, ausgerottet werden…

Der neue Blade Runner, der nun 35 Jahre nach dem ersten in die Kinos kommt (in dem gelungenen Bestreben, „die Geschichte weiter zu erzählen“), spielt 30 Jahre nach dem ersten, basiert wieder auf den Ideen von Dick, hat sich der Beratung von Ridley Scott versichert. Denis Villeneuve ist dem neuen „Blade Runner“ ein ingeniösen Regisseur. Das Problem der Geschichte ist inetwa dasselbe geblieben, nur dass es eine neue Generation von Replikanten gibt, die „braver“ und fügsamer sind als die alten – und ausersehen, unkontrollierbare frühere Modelle, vor denen man sich fürchtet, aus dem Weg zu schaffen.

So lernt man „K“ kennen („K“ wie Kafka, kommt dem Europäer unweigerlich in den Sinn), und es hat sich gelohnt, einen Film nicht auf eines der leeren neuen Star-Gesichter, sondern auf einen Schauspieler zu bauen: Ryan Gosling trägt die zweidreiviertelstündige Handlung fast allein, in Auseinandersetzung mit einer harten (menschlichen? Jedenfalls unmenschlich coolen) Vorgesetzten (Robin Wright), begleitet von seiner digitalen Traumfrau: Diese „Joi“ kommt auf Knopfdruck aus einem Computerprogramm, ist ein Hologramm, das sich in Sekundenschnelle verwandeln kann (anderes Kleid, andere Frisur, Traumfrau auf Abruf), die aber – da liegen die Probleme – offenbar wirklich Anteil an „K“ nimmt, den sie Joe nennt, um ihn zu vermenschlichen, und die selbst so gerne wirklich leben würde… Das macht die schöne Puppe Ana de Armas zu einer faszinierenden Figur.

Eine geschätzte halbe Stunde vor dem Ende trifft „K“ auf ein Relikt von damals, sprich: Harrison Ford, der so verwittert aussehen darf, wie er ist (er ist schließlich legitim gealtert). Er lebt als der aus dem ersten Film bekannte Rick Deckard einsam in einem verfallenen Casino von Las Vegas und weiß nicht, was aus seinem Kind geworden ist.

Dieses hat „K“ die ganze Zeit auf Anordnung der „Bösen“ (Jared Leto als perverser Replikanten-Produzent Niander Wallace, Sylvia Hoeks als Luv, die wirklich beängstigende Killerin) gesucht und gejagt: Denn wenn die Kunstmenschen echte Kinder gebären – wo kommen wir da hin? Und damit sind wir wieder und jede Minute lang beim Thema des Films, bei dem Problem vom Selbstverständnis der „Maschinen“, bei der Frage, was man noch aufhalten kann – wenn wir nicht davon abgelenkt sind, einfach „Bilder“ zu schauen.

Denn Denis Villeneuve, der natürlich eine ganz andere technische bzw. digitale Möglichkeiten zur Verfügung hat als Ridley Scott vor ihm, zaubert phantastische optische Visionen, wo eine heruntergekommene, dystopische Welt zu einem eigenen Faszinosum wird, und lässt sich keine Sekunde verführen, billige Sci-Fi-Action auf die Leinwand zu bringen. Im Gegenteil: Indem der über die fließenden Grenzen zwischen maschinenkalt agierenden Mensch und vermenschlichter Maschine reflektiert, ist das ein echtes Stück Leinwand-Philosophie, ungemein poetisch, ungemein stark in der Wirkung.

Und nur die Jungen im Kinosaal werden es erleben, wenn in drei Jahrzehnten und mehr dann der nächste Blade Runner kommt? Auch das macht nachdenklich...

Bilder (c) Sony & Warner

Renate Wagner 7.10.2017

 

Ergänzung des Herausgebers

Bitte schauen Sie sich den Film UNBEDINGT (wenn verfügbar) in einem möglichst großen Kino in 3-D an. Ich habe nie einen perfekteren 3-D-Film gesehen - vor allem, weil hier diese Technik hoch-künstlerisch zur Bildgestaltung mit beiträgt. Sie ist nicht nur purer Effekt, sondern trägt und gestaltet den Film mit, der übrigens im Original sogar im hochaufwendigen IMAX gedreht wurde (dabei ist das Negativformat noch erheblich größer als bei einem alten 70 mm Film).

Wichtig erscheint mir - der ich den Film auf meiner ewigen Science Fiction Liste meiner Filmgeschichte der letzten 100 jahre unter die Top Ten setzen würde, die man als Science Fiction Fan UNBEDINGT im Leben gesehen haben muß. Wichtig noch der Hinweis auf die grandiose Filmmusik von Hans Zimmer, der hier stellenweise die Ur-Musik von Vangelis (Bladerunner 1982) mit ihren schwebenden Synthesizer Klängen perfekt mit eingebaut hat. Ich hoffe, daß man diesmal bei der Oscar Verleihung auch Zimmer mit diesem mehr als verdienten Preis honoriert.

Für mich ist dieser Film ein monumentales Kunstwerk - auch filmtechnisch das Maaß der Dinge, was heute machbar ist - welches durchaus mit einer Oper verglichen werden kann. Unglaublich phantasiereiche Bühnen/Szenebilder und optisch brillant durch-choreographiert. Fast erschlagen den Zuschauer die langen Kamerafahrten, die man so noch nie gesehen hat. Die opulenten Aufnahmen - man gerät schon fast in einen Bilderrausch - sind so gewaltig, daß man danach erst einmal eine Weile braucht um das alles zu verkraften. Ein Film, der erschlägt. Auch die Philosophischen Hintergründe sind nachdenkenswert. Man wird über diesen Film noch lange und viel reden können.

Es ist absolut kein Film fürs Popcorn-Kinovolk, daher bezweifele ich den ganz großen Kassenerfolg; aber Bladerunner 1982 war ja auch zuerst ein Flop und wurde viel später dann als erst hypergenialer Kultfilm erkannt.

Peter Bilsing 10.10.17

 

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OPERNFREUND FILMTIPP: BLADE RUNNER 1982

Da es mittlerweile fünf verschiedene Versionen und Bearbeitungen gibt:

  • Die Arbeitsfassung [105:27 Min.]

    10,97%
  • US-Kinoversion (1982) [112:34 Min.]

    21,94%
  • Internationale Kinoversion (1982) [112:49 Min.]

    2019,42%
  • Director's Cut (1992) [111:49 Min.]

    76,80%
  • Final Cut (2007) [112:48 Min.]

gilt diese letzte als besonders empfehlenswert:

 

 

 

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de