DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Mozarts „Entführung“ (2016) in Lyon

Eine TV-Ausstrahlung dieser maßstäblichen Inszenierung ging über einen lediglich „schönen Abend“ weit hinaus.

Es gibt immer wieder Opernaufführungen, welche das Optische ausschalten, weil man dem Werk keine Wirkung für das Heute zutraut. Natürlich ist zuzugeben, daß sich bestimmte Sujets dem modernen Geschmack entziehen, auch daß sich rezeptionelle Kriterien massiv verändert haben. Diesen Nachteil zu überwinden, ist für Szeniker andererseits eine besondere Herausforderung. Mal führt interpretatorischer Ehrgeiz zu überraschenden Erfolgen, manchmal geht die Sache aber auch den Bach hinunter, und das weitaus häufiger. Das sogernannte „Regietheater“ besitzt jedenfalls keinen sonderlich guten Ruf.

Seit langem werden zentrale Premierenereignisse (etwa Bayreuth und Salzburg) durch das Fernsehen vermittelt, sind mittlerweile auch in großen Kinos zu erleben. Verläßliche Eindrücke über eine Aufführung stellen sich auch bei filmischer Adaption ein, selbst wenn man es als leichte Einschränkung empfinden mag, daß die Kamera den Blickwinkel bestimmt. Dies gilt auch für Mozarts „Entführung“ in der Inszenierung von Wajdi Mouawad an der oft hochgelobten Oper von Lyon, am 8. September auf 3sat ausgestrahlt.

Fazit des Schreibers dieser Zeilen: eine der klügsten und aufregendsten Inszenierungen seit langem, worauf unbedingt hingewiesen werden sollte. Abgesehen davon, daß man sich endlich wieder mal an historischen Kostümen erfreuen konnte, bewies der Regisseur, daß selbst gravierende dramaturgische und szenisch-textliche Eingriffe einem Werk und seinen Intentionen dienlich sein können, wenn sie mit Geschmack, Respekt und Würde Anwendung finden.

Im Folgenden Walter Nowotnys Rezension der Premiere (18.7.2016) im Wiener „Merker“. Der ausführliche und klug abwägende Text ist so aussagekräftig, daß ihm keine weiteren Worte hinzuzufügen sind.

So weit zu sehen, wurde die Lyoner Aufführung nicht für kommerzielle Zwecke aufgezeichnet, was unbedingt nachgeholt werden sollte. Auf Youtube sind allerdings einige Dokumentationen zu finden:

https://www.youtube.com/watch?v=9KjPhLJJEAA

https://www.youtube.com/watch?v=-UmF-i3y7cE

https://www.youtube.com/watch?v=MpMD7qceqBs

https://www.youtube.com/watch?v=5fU_jJ1ek4I

 

Christoph Zimmermann (14.9.2018)

 

 

DIE ENTFÜHRUNG AUS DEM SERAIL“  

Opéra de Lyon, 15.7.2016

 

Die „Entführung aus dem Serail“ gilt als die erste echte deutsche Oper überhaupt und ebnete den nachfolgenden deutschen Komponisten wie C.M. von Weber den Weg. W.A. Mozart hat dieses Werk im Auftrag von Kaiser Joseph II. geschrieben, der damit ein Nationalsingspiel als Gegenstück zur italienisch geprägten Hofoper schaffen wollte. Warum aber haben die Regisseure heute so große Probleme mit diesem 1782 im Wiener Burgtheater uraufgeführten Werk? Die Zahl der misslungenen bzw. katastrophalen Inszenierungen dieser Oper in den letzten Jahren/Jahrzehnten ist kaum noch überschaubar. Gerade in letzter Zeit wurde diesem Werk wieder gar übel mitgespielt, ich denke da nur an die peinliche Inszenierung von Martin Kušej beim Festival von Aix-en-Provence 2015 oder die erst vor wenigen Wochen gezeigte Neuinszenierung am Grazer Opernhaus. (Die ebenfalls brandneue Produktion an der Deutschen Oper Berlin habe ich zwar nicht gesehen, dürfte den Berichten zufolge aber ebenfalls diese Negativliste ergänzen.) Und ich muss in meinem Gedächtnis tatsächlich lange zurückgehen, um mich an eine gelungene Produktion erinnern zu können. Die letzte interessante Inszenierung, die ich gesehen habe, war jene von Hans Neuenfels in Stuttgart, und die liegt nun auch schon mehr als 18 Jahre zurück. An der Wiener Staatsoper wurde diese Oper seit 16 Jahren (!) nicht mehr gespielt. Aber wenn ich daran denke, dass in der Direktionszeit von Dominique Meyer bisher sämtliche Mozart-Neuproduktionen schiefgegangen sind, dann kann man nur froh sein, dass der Direktor diesbezüglich eine Neuinszenierung gar nicht erst gewagt hat.

Serge Dorny, der Intendant der Opéra de Lyon, hat mir in einem Interview, das ich vor zwei Jahren mit ihm führen durfte, erklärt, dass er schon lange dieses Werk in Lyon herausbringen wollte, aber keinen geeigneten Regisseur dafür finden konnte. Nun hat er den seiner Meinung nach richtigen Mann gefunden: Wajdi Mouawad. Leider ist dieser 1968 im Libanon geborene Künstler im deutschen Sprachraum noch nicht allzu bekannt. Seine maronitische (christliche) Familie floh 1976 vor dem Bürgerkrieg zunächst nach Paris, wanderte dann aber 1983 nach Montréal aus, wo sich Wajdi Mouawad als einer der wichtigsten Autoren einer lebendigen Theaterszene etabliert hat. Bei uns ist vor allem sein Drama „Verbrennungen“ bekannt, das eigentlich nur der zweite Teil der großen Tetralogie „Das Blut der Versprechen“ ist. (2007 wurde dieses großartige Theaterstück auch im Wiener Akademietheater gezeigt; 2011 wurde die Verfilmung unter dem Titel „Incendies“, die im deutschsprachigen Raum unter dem Titel  „Die Frau, die singt“ zu sehen war, in der Rubrik Bester fremdsprachiger Film für den Oscar nominiert.) Seit 2009 ist Mouawad künstlerischer Berater des Festivals von Avignon und im April 2016 wurde er zum Direktor des Théâtre national de la Colline in Paris bestellt.

Mouawad hat das Libretto der „Entführung“ nun selbst bearbeitet. Aber im Gegensatz zu der Bearbeitung von Eva-Maria Höckmayr, die daraus an der Grazer Oper ein komplett neues Stück gemacht hat (ein Ehedrama à la Strindberg oder Ibsen) hat Mouawad Mozarts Werk nicht verändert, sondern nur ergänzt bzw. von verschiedenen Blickwinkeln aus beleuchtet. Zu diesem Zweck hat er zusätzliche Dialoge geschrieben sowie einen Prolog, der zeigt, was nach Ende der Opernhandlung geschieht.

Die vier Protagonisten sind in die Heimat zurückgekehrt. Der Vater Belmontes gibt ein rauschendes Fest zu Ehren seines Sohnes, der „heldenhaft“ die Gefangenen aus der Gewalt der „Barbaren“ befreit hat. Kein Wort des Dankes für die Großmütigkeit des Bassa, im Gegenteil, Belmontes Vater feiert sich selbst als Sohn der Aufklärung und macht sich über die Mohammedaner lustig. Zu diesem Zweck hat er eigens einen Türkenkopf anfertigen lassen, auf den die Gäste mit einem großen Hammer einschlagen können. (Solche Türkenköpfe gab es damals auf fast jedem Jahrmarkt in Österreich.) Hier setzt nun die Musik der Ouvertüre ein. Nur Konstanze und Blonde wollen nicht an diesem Spiel teilnehmen. Beide haben während der Zeit ihrer Gefangenschaft nicht nur Verständnis für die andere Kultur entwickelt, sondern auch eine gewisse Art von Zuneigung zu dem jeweiligen Mann aufgebaut, sodass sie sich nun nicht an diesem primitiven „Hau den Türken!“-Spiel beteiligen wollen. (Blonde: „Wie kann man schlagen, was man kennt?“) Die vier Protagonisten stellen fest, dass sie ihre jeweiligen Partner nicht (mehr) verstehen können. Konstanze schlägt daher vor, Belmonte möge seine Reise aus seinem Blickwinkel erzählen, während sie ihre Erlebnisse ihm darlegen möchte, um sich so vielleicht wieder näherkommen zu können.

Und so beginnt nun die Oper mit dem Auftritt Belmontes, der von den anderen drei Personen am Bühnenrand beobachtet wird. Immer wieder wird dann in die Erzählhandlung durch die zusehenden Partner eingegriffen. Die Personen beginnen plötzlich die Gefühle des jeweils anderen zu verstehen oder zumindest zu respektieren. Und hier folgt bereits die nächste große Überraschung: Osmin ist hier ein fescher, junger Mann, der vielleicht nicht allzu gebildet ist, aber ein gläubiger Muslim, und Blonde, die von Osmin schwanger ist, aufrichtig liebt, während Pedrillo im Serail allen Frauen nachstellt. (Osmin zu Pedrillo: „Für dich ist Liebe nur ein Spaß, für mich ist sie des Lebens Sinn.“) Die Dialoge sind so klug und so organisch angelegt, es gibt keine Brüche, Gegenwart und Vergangenheit fließen ineinander über. So ist zu Beginn des 2. Aktes die Szene zwischen Osmin und Blonde in Wahrheit ein Dialog zu Dritt, da sich die Auseinandersetzung über die Unterdrückung der Frauen nicht nur zwischen Blonde und Osmin sondern gleichzeitig zwischen Blonde und Pedrillo abspielt. Es stellt sich immer mehr heraus, dass die beiden Frauen sehr wohl wahre Gefühle zu Bassa bzw. Osmin empfinden. (Konstanze zu Belmonte: „Liebst du mich genug, um zu verstehen, dass ich einen anderen habe lieben können?“) Mouawad macht aus Konstanze und Blonde hier bereits Schwestern von Fiordiligi und Dorabella, Frauen, die mehrere Männer lieben können ohne dabei den jeweiligen Partner zu verraten. Im Finale bekommt dann noch ein Punkt, der im Originallibretto einfach untergeht, eine zentrale Bedeutung: Belmontes Mutter ist ja jene Frau, die der Bassa einst geliebt hat und um deren Liebe er von Belmontes Vater betrogen wurde. Hier erfährt der Bassa, dass diese Frau, die sein ein und alles war, bereits gestorben ist. (Es wäre natürlich interessant gewesen zu sehen, wie sich die Mutter im Prolog verhalten hätte, wäre sie zum Zeitpunkt von Belmontes Rückkehr aus dem Serail noch am Leben gewesen.) Bassa Selim verliert tief erschüttert diese Frau nun ein zweites Mal. Dennoch oder vielleicht gerade deshalb verzichtet er großmütig auf Konstanze, die er aufrichtig liebt. Oder vielleicht auch weil er in Belmontes Augen die blauen Augen jener Frau erkennt, die er vor langer Zeit so sehr geliebt hat. Belmonte hätte ja sein Sohn sein können.

Wajdi Mouawad ist eine wundervoll poetische Neubearbeitung des Textbuches gelungen (die Übersetzung ins Deutsche besorgte Uli Menke). Das Hauptaugenmerk ist auf Toleranz und Verständnis für andere Kulturen, andere Religionen, unausgesprochene Gefühle ausgerichtet. Hier ist nicht die christliche Welt die „gute“ und die islamische Welt die „böse“. Wie auch in seinen eigenen Werken zieht Mouawad den Zuseher hinein in einen Strudel der Gefühle, aus dem man sich nicht befreien kann. Er dringt in das tiefste Dunkel des Unterbewusstseins seiner Figuren ein und legt es schonungslos offen. Dadurch verschieben sich auch gewisse Schwerpunkte. So wird, wie bereits erwähnt, Osmin zu einer sympathischen Figur, während der „Held“ Belmonte plötzlich als purer Egoist dasteht. Durch die Rahmenhandlung wird das Ganze zu einer Art Paartherapie für Konstanze-Belmonte und Blonde-Pedrillo. Ob die beiden Paare in der wiedererlangten Freiheit tatsächlich glücklich werden?

Aber Mouawad hat nicht nur die neue Textfassung geschrieben, sondern auch zum ersten Mal überhaupt eine Oper inszeniert. Und das mit einer Detailgenauigkeit, mit einer Sensibilität, mit einer unglaublichen Musikalität, die begeisterte. Ich möchte nur ein Beispiel anführen: das Vorspiel zur Martern-Arie, das für die meisten Regisseure ein Albtraum ist. In diesem langen Orchestervorspiel bewegen sich nach der Androhung des Bassa, Konstanze habe nicht den Tod, sondern Martern aller Arten zu erwarten, die drei riesigen Wände auf die Frauen und die Kinder aus dem Serail zu und drohen sie zu zermalmen. Indem Konstanze die ängstlichen Kinder zu trösten versucht, bezwingt sie zugleich ihre eigene Angst, und dann plötzlich bricht es aus ihr heraus „Martern aller Arten mögen meiner warten …“  Großartig!


Von seinen Theaterinszenierungen weiß man, dass Mouawad die Bühne von allem leert, was nicht absolut erforderlich ist. Er hält sich nicht mit Bühnenbildern auf, sondern setzt auf die Intensität der Körper. Zu Beginn sehen wir einen dunklen Raum, von oben hängen mehrere große Lüster herab, die „bessere Gesellschaft“ im Hause Lostados ist in prächtige Barockkostüme (von Emmanuelle Thomas) des ausgehenden 18. Jahrhunderts gekleidet. Im Verlauf der Handlung werden die Kostüme immer schlichter, immer zeitloser. Wenn dann die Erzählhandlung einsetzt wird mit verschiebbaren grauen Wänden gearbeitet, nur gelegentlich wird der Blick auf eine Kugel freigegeben, die sich manchmal dreht und das Innere des Harems zeigt, in dem die Frauen und die Kinder leben (Bühnenbild: Emmanuel Clolus).

Die Sänger haben an diesem Abend nicht nur stimmlich, sondern auch darstellerisch und vor allem mit ihren langen Sprechtexten völlig überzeugen können, und das, obwohl einige Sänger nicht aus deutschsprachigen Ländern stammen. Jane Archibald konnte mit perfekten Koloraturen als Konstanze diesmal weit mehr beeindrucken als noch vor einem Jahr in Aix-en-Provence. Die polnische Sopranistin Joanna Wydorska war eine emanzipierte Blonde mit sicheren Höhen. Cyrille Dubois besitzt keine typische Mozart-Stimme, sondern einen eher hellen „französischen“ Tenor, überzeugte aber durch schöne Phrasierung und glaubhafte Darstellung. Über eine für diese Rolle eher ungewöhnlich kräftige Tenorstimme verfügt Michael Laurenz als Pedrillo. Der bayerische Bassist David Steffens verfügt zwar über einen hellen Bass und keine allzu große Stimme, besitzt aber die nötige Tiefe und hat uns einen ganz anderen Typ von Osmin nähergebracht, als wir das bisher gekannt haben. Es ist ungewöhnlich, dass der Schwachpunkt einer Opernaufführung nicht ein Sänger, sondern ein Schauspieler ist. Der auch von Film und Fernsehen bekannte Peter Lohmeyer (er spielt seit 2013 bei den Salzburger Festspielen den Tod im „Jedermann“) enttäuschte als Bassa Selim in jeder Hinsicht. Nicht genug damit, dass er mit reichlich übertriebenem Pathos wie ein alter Hofschauspieler seinen Text rezitierte, was überhaupt nicht zu dem natürlichen Sprachfluss der Sänger passte, er konnte auch in keinem Moment die knisternde Erotik zwischen Bassa und Konstanze glaubhaft machen. Das schafften die Sänger von Blonde und Osmin weitaus besser. Der Chor und das Orchester der Opéra de Lyon waren wie immer ausgezeichnet. Stefano Montanari forderte am Pult von allen Mitwirkenden stets höchste Präzision und sorgte mit flotten Tempi für einen exzellenten Mozart-Sound.  

Wajdi Mouawad ist bei seinem Debüt als Opernregisseur eine wahrhaft poetische, sinnliche und zugleich berührende Inszenierung gelungen. Das war wirklich eine der besten, wenn nicht sogar DIE beste Inszenierung der „Entführung aus dem Serail“, die ich je gesehen habe. Und mit dieser Meinung stand ich wohl nicht alleine da. Nach dreieinhalb Stunden Aufführungsdauer (die wirklich nicht einen Moment zu lang war) wollte der grenzenlose Jubel des Publikums nicht enden. Serge Dorny hat mit dieser Aufführung wieder einmal bewiesen, dass die von ihm geleitete Opéra de Lyon in Wahrheit das führende Opernhaus Frankreichs ist. Hoffentlich gelingt es dem Intendanten vielleicht wieder einmal Wajdi Mouawad zu einer Opernregie überreden zu können. Ein Theatermagier wie er könnte so manchem anderen Opernwerk neues Leben einhauchen. 

Vor Beginn der Aufführung wurde der 84 Todesopfer des Terroranschlages in Nizza am Vortag gedacht. Was hätte es für eine bessere Vorstellung danach geben können, als diese wundervolle Aufführung, die versucht zwischen der christlichen und der muslimischen Welt eine Brücke zu schlagen. In Lyon findet man unter den Zuschauern ja immer extrem viele junge Besucher. Erst im Frühjahr konnte ich in Lyon erleben, wie christliche, jüdische und muslimische Schüler gemeinsam die Oper „Der Kaiser von Atlantis“ des in Auschwitz ermordeten Komponisten Viktor Ullmann besuchten. Ich nehme an, dass viele junge Besucher auch diese elf Vorstellungen der „Entführung aus dem Serail“ besucht haben. Wenn die humanistische Aussage dieser Aufführung nur bei einigen dieser Jugendlichen erreicht sich später nicht zu radikalisieren, dann bewirkt das vielleicht mehr als alle Maßnahmen, die derzeit Politiker ergreifen. Vielleicht sind Kulturschaffende in Wahrheit doch die besseren Politiker.                                                     Walter Nowotny (MERKER-online)

 

 

DIE ZAUBERFLÖTE

Eine empathiefreie Wüste


Mauro Peter (Tamino) mit den drei Knaben). C

TV-Übertragung vom 4.8.2018

Dieses Ärgernis führt doch eine frappierende Übereinstimmung vor:

Musikalische wie szenische Leitung sind nicht in der Lage, sich Mozart zu näheren, beide bewegen sich in empathiefreier Wüste. Diese Wüste war wohl mehr als Spektakel und Profilierungssucht zweier Personen initiiert, denen Talentfreiheit in mangelhaftem Handwerk von der Leitung dieser Festspiele zugestanden wurde.

Das Dirigat wirkt überwiegend wie das Resultat eines Tarantelstichs, um danach immer mal trunken vor Selbstverliebtheit in Zerdehnung zu landen. Die eigentlich schöne Inszenierungsidee wird durch kognitiv akademisches Unvermögen zerbröselt und verblödelt. 

Das Besetzungsbüro der Salzburger Festspiele hat hier versagt. Es gibt keine lyrischen Stimmen. Tamino hat große Teile seiner früheren Klasse verloren, Pamina nähert sich wenigstens einer dramatischen Stimme, beim Sarastro kommen in der Mittelage durchaus brauchbare Töne, ansonsten zuviel nach unten wird gedrückt, nach oben gestemmt.  Die Vertretung für die erkankte Albina Shagimuratova war den Ansprüchen zum behaupteten besten Festival der Welt für die Königin der Nacht nicht gewachsen,  eigentlich funktioniert nur das exponierte oberste Register ganz ordentlich. Die einzige Weltklassestimme in meinen Augen und Ohren war Tareq Nazmi. Sie wird allerdings nur sehr unterqualifiziert eingesetzt.

Quo vadis Salisburgum tribuisti?????

 

Copyright: Ruth Walz/Salzburger Festspiele

Tim Theo Tinn 5.8.2018

Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online Wien

 

 

 

 

Zum Zweiten

Bayreuths „Lohengrin“ im Fernsehen

Übertragung/Aufzeichnung der Premiere auf 3-Sat am 28.7.2018

 

Der folgende Text beansprucht nicht, den klugen Rezensionen über die aktuelle Bayreuther „Lohengrin“-Premiere eine weitere solche hinzufügen zu können. Aber der Ereignischarakter der Neuproduktion und ihre mediale Verwertung (an dieser Stelle ist von der 3sat-Ausstrahlung am 28.7. die Rede) rechtfertigt jedoch, auch an dieser Stelle einige Worte darüber zu verlieren. Nicht geredet freilich sei über das Prominenten-Drumherum, zumal man außer bei der Bundeskanzlerin vermuten darf, daß er Besuch im Schwitzkasten Festspielhaus vorrangig eitler Selbstdarstellung dient.

Wie immer, wenn eine Bühnenrealisation auf Film festgehalten wird, sind Grenzen objektiver Begutachtung und angemessener Bewertung in Kauf zu nehmen. Die Tiefenwirkung von Neo Rauchs Ausstattung war auf dem Bildschirm fraglos nur zu erahnen. Das Konzeptionelle freilich wurde deutlich: Naturatmosphäre in tiefer Blaufärbung. Dieses Blau, von Rauch beim vorbereitendem Hören von Wagners Musik als Farbe ganz und gar dringlich erlebt, empfanden auch andere Dichter, Denker und Musiker als Stimulanz (etwa Franz Liszt und Thomas Mann). Man denkt in der Tat an Himmel und Gestirne oder Wagners „fernes Land, unnahbar Euren Schritten“, wo ein klösterlich geprägtes Männerkollektiv helfend eingreift, wenn irgendwo auf der irdischen Welt ein unauflösbarer Konflikt erkennbar wird.

Auf Montsalvat regiert Parsifal; von einstigen tumben Toren zum Gralshüter aufgestiegen. Er entsendet seinen Sohn Lohengrin auf die Erde, vielleicht ein Test für weitere Würdigkeit im Kreis der hochnoblen Ritterschaft. Es ist vorstellbar, daß Lohengrin seiner Aufgabe mit gewissen Ängsten nachkommt, weiß er doch nichts von außerirdischen Gepflogenheiten. Seine Forderung nach Anonymität ist also als Schutzmaßnahme zu werten. So sicher der Schwanenritter auch auftritt und moralische Forderungen stellt: seine Geheimniskrämerei führt zu Konflikten, weniger bei den ständig jubelnden Brabantern als bei Elsa, in die sich Lohengrin auf Anhieb verliebt.

Sie ist für ihrer Errettung vor Drangsal (in Bayreuth droht ihr gar die Hexenverbrennung) zunächst auf fast sklavische Weise dankbar, doch nagt das Frageverbot zunehmend an ihr. Aus der Lohengrin-Oper wird immer stärker ein Elsa-Drama. So sieht es auch der junge amerikanisch-jüdische Regisseur Yuval Sharon, welcher die Orange-Färbung von deren Welt in seine Inszenierung übernimmt. Sharon ist wie auch der Titelrollensänger Piotr Beczala in die Bayreuther Produktion eingesprungen. Das alles ist zur Genüge bekannt. Sharon hat sich an die bereits konzipierte Bilderwelt von Neo Rauch anpassen müssen, was dem Vernehmen nach aber in bester Atmosphäre geschah. Wie und ob er damit klar kam, daß Lohengrin vom Ausstatter als eine Art „Elektriker“ gesehen wurde und die Bauten blitzzuckende Trafostationen darstellen, kann von außen her nicht entschieden werden. Auch die Libellenflügel an den Kostümen der Protagonisten (Rosa Loy) sind nur schwer deutbar. Aber bei Aufgeschlossenheit für das Moment des Assoziativen kann man mit Rauchs Bilderwelt animiert leben.

Dies alles hätte freilich inszenatorisch ausgefüllt werden müssen. Der in Interviews so sympathisch wirkende Regisseur Yuval Sharon hat im Vorfeld konzeptionell Kluges verlauten lassen. Wenig davon ist auf der Bühne zu sehen. Eine Premierenstimme sprach vom „Charme eines Weihnachtsmärchens“. Eine nett formulierte Ablehnung. Was soll aber man auch dazu sagen, wenn Ortrud ihren Telramund mit Stricken umwindet (Bildchiffre für „Überzeugungsarbeit“), ebenso wie es Lohengrin bei Elsa tut, um sich ihrer Fragen nach seiner Identität zu entwinden. Geradezu grotesk wirkt die Chorführung, wo die Frauen in Rosa Loys Kostümierung überdies wie ein Ensemble von Krankenschwestern und Küchenhilfen wirken. Da wird altertümlich „agiert“ und „reagiert“, daß man den Blick abwenden muß. Und was soll der Schwerterkampf von Lohengrin und Telramund in luftiger Höhe?

An einigen wenigen Stellen wird die Inszenierung auf durchaus schmerzhafte Weise dringlich. Nach ihrer Begegnung mit Ortrud etwa geht Elsa ab, die Augen plötzlich wie magisch auf ihre Handflächen gerichtet, in deren Linien sich Ortruds fatalistische Bemerkungen eingegraben zu haben scheinen. Allein, was ist das für einen vierstündigen Abend

Dem Dirigenten Christian Thielemann merkt man an, daß ihn Wagners Musik wie eingestanden immer wieder Wonneschauer über die Rücken fließen lassen. Sein „Lohengrin“ läßt Herzenswonne und –schmerz gleichermaßen erleben. Wirklich hervorragende Vertreter des Baritonfaches sind mit Tomasz Koniecny (Telramund) und Egils Silins (Herrufer) zu Stelle. Bayreuth-Stütze Georg Zeppenfeld gibt den auch in extremer Höher baßpotenten König Heinrich, bei Anja Harteros erlebt man eine Elsa von femininer Standfestigkeit, über das rein Lyrische bereits hinausgehend. Waltraut Meier: ab 1983 Präsenz in Bayreuth für 17 Jahre. Dann ein bald wieder beigelegter Zwist mit Wolfgang Wagner. Doch erst jetzt, nach 18 Jahre, Rückkehr auf den Grünen Hügel mit Ortrud, ihrem Abschied von dieser Partie. Ganz großartig, trotz kritischer Spitzentöne. Sensationell: Piotr Beczalas‘ Lohengrin. Schöngesang, Wortdeutlichkeit und intelligente (wenn auch nicht voll ausgereizte) Darstellung vereinen sich zu einer optimalen Leistung.

 

Weitere Bayreuth-Splitte… Seinem „Parsifal“ hat Uwe Eric Laufenberg Positives hinzugefügt; problematisch wirkt seine Inszenierung jedoch offenbar weiterhin. Katharina Wagners „Tristan“ wurde noch stärker als im Vorjahr ausgebuht, begeistert angenommen hingegen neuerlich Barrie Koskys spritzig-kluge „Meistersinger“. Eigens für Placido Domingo als Dirigenten gibt es die „Walküre“ aus dem Castorf-„Ring“, ein nur bedingt zu tolerierendes Novum. Der immerwährende Künstler äußerte sich in einem Interview zu Inszenierungen (speziell in Bayreuth) mit dem Hinweis; daß die meisten Kritiker ständig auf Spektakuläres aus seien und das (historisch) handwerklich Solide einer Regie Arbeit nicht mehr zu würdigen wüßten. Hierzu kein Wort.

Christoph Zimmermann (29.7.2018)

 

 

"Selige Öde auf blau lichter Höh..."

Lohengrin bei den Insekten

3Sat-Übertragung der Bayreuth-Premiere am 28.7.2018

 

Zuerst das Positive: Es ist diesmal kein Sänger, sondern ein junger, gut präparierter und fachkundig parlierender sympathischer Sprecher namens Maximilian Maier. Bravourös füllt er die Pausen und spricht seine – in dieser Form nicht nervenden – Einführungstexte. Das Interview mit Waltraud Meier hinter der Bühne ist locker und auch die vorgestellten Lokalitäten sind originell. Hoffentlich behält man dieses Talent und er muss nicht wieder im Genderwahn der Öffentlich-Rechtlichen einem dumm daher schwadronierenden und plappernden ahnungslosen Weib – Namen brauche ich aus dem Elendskrug der Vergangenheit von ARD und ORF wohl nicht zu nennen – demnächst wieder weichen.

Und noch etwas Gutes: Lohengrin outet sich weder als Schwuler, Intersexueller noch als Drag-Queen. Auch nicht als Flüchtling ... Obwohl letzteres bei Wagners nationalistischem Libretto eine durchaus interessante politische Konstellation ergeben hätte. Apropos: Warum war eigentlich niemand von der AFD unter den eingeladenen Polit-Ehrengästen (Achtung: Ironie!)? Söder war doch auch da. Nur Roberto Blanco fehlte und der Kaiser Franz. Wo war eigentlich Özil?

Dass man uns, wie in der Tagesschau, den Aufmarsch der Politiker und D-Promis auch bei dieser Aufzeichnung nicht ersparte, ist mehr als peinlich. Hat sich da so wenig seit 1936 geändert? Nein. Verehrte Verantwortliche, das wollen wir nicht sehen, vor den Fernsehschirm saßen gestern garantiert keine Bildzeitungs-Leser oder die neue Zielgruppe der Bauer-sucht-Frau-Zuschauer.

Was soll diese merkwürdige Tradition überhaupt noch? Immerhin fehlten die üblichen „Hochrufe“ dieses Jahr bei Frau Merkel. Was zum Teufel hat dieser alljährliche, schon ans Absurde grenzende, hochnotpeinliche Aufmarsch eigentlich mit Wagners schönem Lohengrin zu tun? Präsentationen dieser Art machen vielleicht noch im Filmgeschäft wie in Hollywood, Berlin oder Cannes Sinn, denn danach sehen wir ja die Schauspieler in ihrem Kunstwerk. Aber weder hörte ich je, dass der greise Gottschalk, Kanzlerin Merkel oder Kampf-Ursula in der Oper präsent waren.

Erfreulich immerhin, dass es diesmal keinen Grund zum Ärger gab. Anja Harteros, Piotr Beczala, Georg Zeppenfeld, Tomasz Konieczny und die Grande Dame der Oper, Waltraud Meier, sangen wunderbar. Der Klangteppich von Thielemann war wie immer narkotisch und die Chöre wieder superb. Und nichts stört, aber auch gar nichts. Weder die Insektenflügel der Könige, noch die Pappbärte oder die Steinzeit-Gestik, Erinnerungen an die Entstehungszeit – wie die Flugapparate – gegen die die Inszenierungen von Wolfgang Wagner im Nachhinein geradezu exzesshaft wirken.

Auch die Bildregie hat im Laufe der Jahre gelernt – man arbeitet nicht mehr nach dem Eishockey-Prinzip „Kamera immer auf den Puck“. Das erfreut den Kinokritiker.

Fazit: Für Wagnerianer sicherlich sehenswert – eher hörenswert! Ansonsten: Szenischer Leerlauf, schöne blaue Prospekte, Mimik aus den 50-ern und holde Sinnlosigkeit im Ergötzen am hehren Wagner-Werke wie gehabt.

Böses ceterum censeo: Da stört es dann auch keinen mehr – immerhin gab es Untertitel – wenn Deutschlands wilde Horden metzelnd durch die Lande ziehen und das alles noch gelobpreist wird. Ja, so war er halt, unser Richie. Immerhin spielt man anstandshalber nicht die komplette Gralserzählung; noch nicht ...

Peter Bilsing 29.7.2018

 

 

 

LIVE AUS DER SCALA:

I DUE FOSCARI

im Servus-TV

am 25.2.2016


Franceso Meli, Placido Domingo, Anna Pirozzi, Chiara Isotton in „I due Foscari“ an der Mailänder Scala.                      Copyright: Brescia Amisano / Teatro alle Scala

Das Scala-Publikum ist weitaus gefährlicher als die eher harmlosen Wiener Opernfreunde. Die Sopranistin AnnaPirozzi wurde bei der gestrigen „Foscari“-Premiere heftig ausgebuht, die übrigen Sänger mit freundlichem Applaus bedacht (keineswegs stürmisch – trotz Placido Domingo). Einer üblichen Gepflogenheit zu Folge holt die Diva den Dirigenten zum Schlussapplaus auf die Bühne, was Michele Mariotti auch nicht gerade gut bekam. Ob die Buhrufe ihm oder noch immer der Sopranistin galten, vermag ich nicht zu sagen.

Relativ ungeschoren kam Regisseur Alvis Hermanis davon, er hat wirklich nicht viel angestellt, weder negativ noch positiv.


Anna Pirozzi. Copyright: Staatsoper Stuttgart

Wer ist Anna Pirozzi?. Ihre Biographie gibt Auskunft: Geboren in Neapel. Studium am Istituto Musicale Pareggiato in Valle d’Aosta und am Konservatorium Turin. 2013 Debüt bei den Salzburger Festspielen als Abigaille in »Nabucco« unter der musikalischen Leitung von Riccardo Muti. Mit dieser Partie auch an der Arena di Verona, dem Palau de les Arts Reina Sofia Valencia, NCPA Peking, der New Israeli Opera Tel Aviv, dem Sanxay Festival sowie den Opernhäusern Stuttgart, Bologna, Florenz, Parma, Palermo und Cagliari. In der Spielzeit 2015/16 Debüt an der Mailänder Scala als Lucrezia Contarini in »I due Foscari« und am Londoner Royal Opera House Covent Garden als Leonora in »Il trovatore«…

In Mailand sitzt scheinbar immer noch die Weltspitze der Claqueure, derart professionell hört man Buhs selten. Natürlich räume ich ein, dass der Standort der Saal-Mikrofone die Buh-Rufe verstärkt haben könnten (war der Tonmeister vielleicht auf der Toilette?)  und dass fünf bis zehn Leute schon deutliche Ablehnung signalisieren können, aber es wurde vom überwiegenden Teil des Publikums auch nicht wirklich dagegengehalten. Es gab Höflichkeitsapplaus, der Bei Placido Domingo und Francesco Meli leicht anschwoll, aber „Wiener Jubel“ war nicht angesagt.

Kaum Ablehnung erlebte das Regieteam um Alvis Hermanis, das Publikum schien eher etwa ratlos zu sein. Die Inszenierung war so ein „Wischi-Waschi“-Mittelding zwischen Steinzeitoper und Modernisierungsversuch – ich gebe zu, auch ich bin ratlos.

Gute Moderatoren scheint es auch nicht mehr zu geben. Eine Frau Löwenstein (oder so ähnlich) war zwar hübsch anzusehen, wirkte aber ansonsten eher naturbelassen. Mitten in die Buhrufe hinein beendete sie ihren Kommentar mit „Sie hören, grenzenloser Jubel, der noch lange anhalten wird“. Schön langsam muss ich der Frau Rett Abbitte leisten!

Anton Cupak 26.2.2016

 

 

Zur DERNIERE im Jahr 2015 und auch weil wir so viele Nachfragen begeisterter Leser hatten, haben wir diese alte TV-Besprechung noch einmal hervorgekramt

LOHENGRIN

Rattenscharfe Inszenierung von Hans Neuenfels 

ARTE Übertragung am 14.8.2011

1.Akt: Böse Hexen haben rote Haare

Während des Vorspiels schiebt Lohengrin die Rückwand eines weißen Zimmers mühselig nach hinten. Auch sonst ist alles weiß. Warum? Weshalb? Das schafft ihm Lebensraum und Luft. Ach so! „Sinnlose Plage, Müh ohne Zweck“ - denn am Ende des Vorspiels öffnet sich die eingebaute automatische Schiebe-Tür von selbst. Staunimann & Co....

Bläulinge führen einem verräterischen Rätterich, der kurz zuvor ein Messer gezogen hatte um Pappkronen-König-Heinrich zu erdolchen, den Rücken klopfend aus dem Saal. Leider wird das Ganze von oben gefilmt auch nicht besser, denn es sieht aus, als wenn man ihn wie ein Kind auf den Rücken klopft, dass sich verschluckt hat. Vermutlich trifft ihn die Todesstrafe: Beklopftwerden bis der Tod eintritt. Ausgesprochen kindisch...

Elsa ist mit jugendfreien Flitzebogen-Pfeilen gespickt, welche sie während ihrer Arie „Einsam in trüben Tagen…“ ohne Plopp der Saugnäpfe von ihrem weißen Kostüm entfernt. Die hinteren bleiben angeklebt  – logisch: da kommt sie nicht dran. Während sie singt wird sie von anderen Ratten mit Pfeil und Bogen bedroht, also weiteren Flitzebogenpfeilen bedroht und muss sich hinlegen.

Hoch oben läuft ein blöder Zeichentrickfilm über Ratten, als wären wir bei Kosky (Götterdämmerung Essen). Sieht aus wie Daumenkinozeichnungen. Aber Leute! Diese Inszenierung ist doch von Neuenfels! Warum klaut man immer die besten Einfälte?

Während sich Telramund unrasiert (ein auch optisch richtig fieser Möpp, dessen Friseur schon vor Jahren gestorben zu sein scheint) ein großes Schwert besorgt, bricht die Live-TV-Übertragung von ARTE, die ohnehin mit 75 minütigem Nachlauf (Welche Lachnummer! Zensur wie bei Stalin! Man hat den ernsthaften Auftrag Proteste und Buhs nicht zum Millionenpublikum durchdringen zu lassen! Das Geschwätz über die Pausen ist blanker Unsinn) gesendet wird, ab. Wie bitte? Das kann doch wohl nicht wahr sein.?

BOING – ob da der alte Richard aus dem Himmel dazwischen gefunkt hat, um seine ehernen Rechte zu wahren? Oder hat es sich Kathi doch noch überlegt und letztendlich den Stecker gezogen? Millionen Fernsehzuschauer sind entsetzt! Ist damit die weltweit erste TV Übertragung vom heiligen Hügel beendet. Wir sind auch entsetzt. Peinlicher geht es nicht mehr. Arbeitet man bei Arte ohne Sicherungen?

Es ist als befänden wir uns im der Frühsteinzeit des Fernsehens. Hallo! Huuhuh! Kommt noch was ???

Derweilen spielt ARTE Dosenkost aus dem Archiv ein. Frevel!! Unverschämtheit. Riesensauerei! Ihr Lümmel!

EIN WUNDER… Ja wir brauchen anscheinend das Wunder sofort! Oder straft so der sprichwörtliche „Liebe Gott“ den Regisseur Neuenfels für soviel "verquirlte Scheiße" und möchte verhindern, dass wir noch mehr dieses Unsinns sehen – heilige Maria!

Da !!! Hurra hurra das Bild ist jetzt nach gut 20 Minuten wieder da, was bedeutet, dass der Live-Nachlauf jetzt gut 100 Minuten beträgt. Als wäre nichts geschehen.

Wunderbar sehen wir (wieder von oben gefilmt!) wie die Choristenkostüme in die Oberbühne gezogen werden und dort verschwinden. Alle Ratten tragen jetzt gelbe Dinner-Jacketts. Heiliger Strohsack!

Lohengrin erscheint im Party-Outfit als „Wunder“. Hinter ihm ein riesiger Hirschhornkäfer, doch halt, bei mehr Licht sehen wir einen original Steiff-Knopf-im-Ohr Plüschtierschwan, den Schwarzummantelte über ihren Köpfen hereintragen als wäre es ein Sarg. „Nie sollst Du mich befragen!“

"Ich fühle das Herz mir vergehen!" Noch ein Wunder! Aus den Ratten sind Menschen geworden mit schönen Sommerhüten, die edel schauen. Ich meine natürlich die Menschen - nicht die Hüte! Nur Telramund und Ortrud schauen ausgesprochen bedeppert drein. König Heinrich stolpert ziemlich verwirrt in spastischen Bewegungen über die Bühne – ist er vielleicht bekifft? "Was ist ihm? Ist er entrückt?" Irgendwie scheint der Mann jedenfalls nicht sehr gesund zu sein.

Dem Heerrufer stehen die Haare nicht nur sprichwörtlich, sondern tatsächlich zu Berge!!

Der Zweikampf nähert sich: Ortud fletscht die Zähne, während Telli immer verbissener wirkt. Sieht aus wie eine Stummfilmparodie. Zack! Licht aus, alle Ratten fallen um. Der Zeichentrickfilm über Ratten läuft wieder an, während sich unten Lohengrin (Der Name „Lohengrins“ kommt mir aufgrund der Mimik des Hauptakteurs in den Sinn) und Telli bekämpfen - ganz furchtbar "realistisch".

Wieso der Kampf plötzlich endet wird nicht einsichtig für Laien. Lohengrin jedenfalls ist Sieger, sonst würde ja auch die Geschichte nicht mehr weiter gehen. Der Akt endet unter hochgereckten Händen der Choristen, die wackeln wie bei einem US-Musical – fehlen nur noch Stock und Zylinderhut. Von oben kommt der Schwan zurück. Er ist mittlerweile gerupft wie ein rohes Grillhähnchen – was König Heinrich nötigt panikartig und wild grimassierend den Saal zu verlassen.

Das Ganze sieht ziemlich dilettantisch aus, weil auch die Umgefallenen gerade wieder aufgestanden sind. PAUSE.

In der Pause:

Wer erschießt baldmöglichst diese Moderatorin? Es wäre eine echte Chance gewesen die verlorene Zeit einzuholen. Wir Kenner rätseln über die eingespielten Ausführungen vom Regisseur und dem großen Spezialisten der größten Opernzeitung der Welt. Die meisten Fernsehzuschauer sitzen derweil wohl auf dem Klo.

2.Akt: Ratte sich wer kann

Friedrich von Telramund und seine holde Ortrud – jetzt nicht mehr im ordinären Lederdress, sondern nun im Gary-Glitter-Partner-Look (die 68-er lassen grüßen – wie raffiniert) – haben eine Reifenpanne mit ihrer Kutsche. Zusätzlich haben wohl Verräter-Ratten ihre Pferde erschossen. Gute Gelegenheit beim Warten auf den Ratten-ADAC die Intrige zu planen. "Entsetzlich!" Ortrud legt sich auf das tote Pferd. Oh Grane! … Aber das ist eine andere Oper von Wagner! Obwohl? Stichwort: Wotan, Freia… Was für ein raffinierter Kerl ist dieser Regisseur!? Er hat das Textbuch wirklich gründlich gelesen; ihm Gegensatz zu uns – Idioten.

Wenigstens, Neuenfels sei Dank, wissen wir endlich, warum die beiden zu spät zum Hochzeitsgelage kommen… Schließlich streiten sich die Eheleute am Boden liegend, was Einsatzmöglichkeiten für neuere Kameraperspektiven bietet, die aber nur maßvoll genutzt werden. Im Prinzip gilt das Eishockey-Modell: Die Kamera ist immer da, wo der Puck ist oder wo die meisten singen.

„Wisst, dass für Euch das Unheil wacht!“ Zeit für ein unterkühltes Nümmerchen… Licht aus.

Szenenwechsel, oder doch nicht.? „Einsam in trüben Tagen“ Wie wahr werden viele Wagner-Fans vor ihrer Glotze denken! Elsa bewundert einen Marmorschwan im Museum – der mich persönlich aber irgendwie an eine moderne Kloschüssel erinnert. Wenn man den langen Schwanenhals bewegt, löst man wohl die Spülung aus...

Ortrud tritt auf und prompt müssen sich die Rivalinnen wieder auf den Boden legen und ihren Konflikt dort aussingen. Warum? Um „entweihte Götter!“ zu singen muss sich Ortrud sogar ihres Jacketts entledigen. Irgendwie stört es mich langsam, dass die Sängerin der Ortrud meistens die Hände rechts und links an den Körper gedrückt zu Fäusten ballen muss. Gesten, die ich eigentlich nur aus dem Kirov-Theater kenne. Oder aus Karl-May-Filmen.

„Es gibt kein Glück.“

Wann zeigt uns ein Regisseur endlich mal, dass diese Elsa eigentlich dumm wie Bohnenstroh ist. Prompt ist sie wieder auf ihre Feindin reingefallen. Wie oft eigentlich noch? kennen Sie den Witz von dem Blondinenkongress? Später!

An der Kloschüssel lässt sich der Schwanenhals tasächlich verbiegen. „So zieht das Unheil in dies Haus!“

OP-Helfer führen Telli weg und versuchen verzweifelt eine weiße Maus zu fangen, oder auch nicht. Die Mäuse bekommen dann eine Spritze und hüpfen fröhlich durch die Gegend. Endlich erschließt sich mir der tiefere Sinn dieser Oper!

Schwarze Ratten in Käfigen werden vom blauen Op-Personal freigelassen. Und dürfen alsbald ihre Rattenkluft gegen Dinnerjacketts tauschen. Damit auch jeder Chorist seine Größe findet, sind die herabgelassenen Anzüge mit Nummern versehen, was wir dank der brillanten Kameraführung auch deutlich in Großaufnahme sehen können. Toll!

Zwischenzeitlich hat sich Telli mit Zorro-Maske verkleidet, damit ihn keiner als Verräter erkennt und sucht… und sucht... und sucht... auch hat er wieder die fiesen Lederklamotten an.

Rosa Mäuse.

Rosa und hellblaue in bonbonfarbenen Partykleidern ausstaffierte Mäuse treten als Brautjungfern auf. Wahrscheinlich platzen sie wenn man dran zieht wie ein Sylvesterbonbon. Die darauf eintretenden Herren tragen Gott-sei-Dank ihre Schwänze nicht offen. Es kommt zur Begegnung Mannmaus & Fraumaus – Aufstellung wie beim Wiener Opernball.

Die Männermäuse ziehen nicht an den Bonbonkleidern und so platzen die weiblichen Mäuse auch nicht!

„Gesegnet sollt ihr schreiten!“ Elsa im Wunderland! Einsame Spitze ihr Fächer aus langen Schwanenfedern. Immer diese Sangesduelle; warum kriegt dieser Wagner das nicht kürzer hin?

Elsa im weißen Schwanenkostüm versus Ortrud im Schwarzen. Heureka!

Großes Mäuse-Wirr-Warr. Duell der Ballköniginnen! „nun sollt nach Recht ihr alle Fragen.“ Ortrud 12 Points! Sie singt Elsa förmlich nieder und dann noch der Judaskuss! Die weiblichen Mäuse peitschen plötzlich mit ihren Schwänzen, als Telli die Hochzeitszeremonie schon wieder stört. Mein Gott! Tumult im Mäuselabor! Aufstand der Versuchsratten! Elsa beißt sich verzweifelt auf die Fingernägel. Was für ein Genie ist dieser Regisseur Neuenfels? Von wegen Publikumsverarschung – das ist begnadete Wagnerregie! Regietheater at it´s Best. So etwas sah man noch nie…

Uns geht das Licht der wahren Wagnererleuchtung auf! „Welch ein Geheimnis muss dieser Held bewahren?“ selbst Heinrich hat seine Krone verloren. Alles auf der Bühne ergeht sich nun in sagenhaft filmischen Zeitlupeneffekte: „Du bist so hehr!“ Wir sind so leer. Bitte PAUSE! Bitte bitte!

„Gesegnet sollt ihr schreiten!“

Pause 2

Wenn jetzt jemand diese fürchterliche Moderatorin ausgesperrt oder entführt hat, können wir den dritten Akt noch live einholen…

Merde… Wieder erklärt uns die Moderatorin, wie doch diese Weltklasse-Inszenierung unter die Haut geht. „Was ist ihr – Ist sie entrückt?“ Es wird Zeit einen Joint in die Pfeife zu stopfen, damit wir den dritten Akt durchstehen. Im Interview fällt der Satz „Wir haben noch ein bisschen Zeit bis der dritte Akt anfängt.“ Wie kann man das Fernsehpublikum dermaßen verarschen? Weib! Der dritte Akt ist live bald zu Ende!!! Na wenigsten ein schöner Faut-Pas: „Neienfels!“ Und noch einmal zum 251. Mal die Formulierung „spektakuläre Inszenierung“. Gibt es für ein dermaßenes Geschwafel eigentlich Geld, oder ist das eine Therapie-Maßnahme. Ich schreibe gleich an ARTE.

3.Akt „Eint Euch in Treue…“

Ich rufe meinen Arzt an, denn ich sehe nur noch schwarz-weiße Mäuse. Verdammte Sauferei. Mit Erleichterung nehme ich plötzlivh die rosa Mäuse zur Kenntnis, oder sind es schwule Ratten?

Verdammt, es klingelt an der Tür. Unser Omma liebt Wagner und möchte mitschauen. Das ist zuviel! Ich kann ihr glaubhaft erklären, dass diese Übertragung nicht gut für ihr Seelenheil ist und verspreche ihr eine Karte in der Düsseldorfer Oper. Weiter geht´s... „atme ich Wonnen“. Die Bullaugen erwecken den Eindruck, als wären wir mittlerweile auf einem riesigen Kreuzfahrtschiff. Traumschiff Schlafgemach. Was hat dieser Bühnenbildner drauf. Respekt!

So langsam verstehe ich die Formulierung „Mir schwant Übles.“

Gerade hat Lohengrin eine riesige schwarze Ratte erledigt. „Allewiger! Erbarm Dich mein.“

Die Bullaugenfenster verdunkeln sich…

Ich glaub es nicht!! Zum Zwischenspiel des Szenenüberganges werden Bilder von der Hinterbühne aus der Schneiderei und den Werkstätten eingeblendet. Habt ihr Freunde von ARTE eigentlich noch alle beisammen? Wollt ihr neuenfelser sein, als der Regisseur?

„Habt Dank, ihr Lieben von Brabant!“ Das Herunterfahren der Leinwand lässt Schlimmes ahnen. Zum dritten Mal der Ratten-Comic – nein, bitte nicht! Ich schalte das Bild vom Fernseher ab. Einfach auf Teletext zappen, dann bleibt der Ton erhalten! Den Schluss möchte ich nur noch konzertant hören.

Bei „Im fernen Land“ muss ich die Lautstärke erhöhen, denn irgendwie habe ich zumindest den akustischen Eindruck Lohengrin sei beim Singen der ersten Zeilen eingeschlafen. „Sein Ritter ich bin Lohengrin genannt!“ Jaaa! Das ist es! So muss es klingen! Hoffentlich ist der arme Kerl nicht auch zwischenzeitlich zur Ratte mutiert. „Mir schwankt der Boden.“ Bestimmt muss Elsa wieder auf dem Boden liegend singen – nein, das will ich nicht sehen. Wir bleiben auf Teletext.

„Schon sendet nach dem Säumigen…“ Ich halt es nicht aus und schalte wieder auf Arte Bild zurück. Porentiefe Nahaufnahme des schwitzenden Tenors – Jungs an den Kameras: muss das sein!? Geht auf Halbformat.

Oh jeh! Ortrud generiert gerade zum Schwan und Lohengrin enthüllt das überbrütete Dinosaurier-Ei, welches einen schwangeren Fötus birgt! Hätte ich nur nicht mehr das Bild aufgeblendet.

BLÜHENDER BOCKMIST! *

aaaaaaaaaaaahhhhhhh !!! 

P.S. Eine ziemliche Blamage für ARTE – ohne Moderatorin wäre noch viel zu retten gewesen! Und bitte lasst allen Kameraleute in Sachen Oper und Aufnahmetechnik eine Fortbildung angedeihen, oder ist das Bier vor Ort zu billig? Im Gegensatz zur Schwafeldame habe ich doch einige Buh-Rufe gehört.

Peter Bilsing

 

aktuelles P.S.

* die Formulierung "verquirlte Scheisse" wurde von der internen Zensur damals gestrichen und ich bedauere heute am 22.8.15, schäme mich fast, diesen überhaupt je angedacht zu haben, da fast alle Kritiker heute im letzten Jahr dieser Produktiuon ausnahmslos von "Kult" sprechen. Ich habe eingesehen, daß Tiere (in diesem Fall Nagetiere) oft halt doch die besseren Menschen sind und mein Haushund "Wotan-Siegfried" (bild oben) stimmt sogar zu und kläfft nicht mehr die Ratten an

 

CAVALLERIA RUSTICANA & BJAZZO

TV-Übertragung auf 3-Sat am 12.4.15

"Habe in 40 Jahren keine schlechtere SICILIANA gehört..."

 
'Die Menschen auf der Bühne sind aus Fleisch und Blut.' (Leoncavallo)
 
Richtig: und die Musik ist es auch und sollte es mit Hilfe des Dirigenten auch sein.
Thielemann vermittelte eine Art keusches, leidenschaftsloses Musikbild. Das passt und gehört nicht zum Verismo Mascagnis und Leoncavallos. Bei Pagliacci wurde das Orchester allerdings besser.
 
Anders als im Fernsehen, wo immer wieder eines der sechs Garagentore, die allzu oft störend auf und zu gingen in Großaufnahme erschien, mußten die Zuschauer im Theater ständig bis zu sechs oder nur zwei einsam schwebende Bilder hinnehmen. Dadurch wird die Idee eines süditalienischen Dorfes mit seiner Auswegslosigkeit und bis in jedes Detail ausgeleuchteten Szene eines einzigen Platzes, auf dem alles auch gleichzeitig gelegentlich geschieht ad absurdum geführt. Das alles stört.
 
Schwarzweiß ist ok denn die Musik hat Farbe genug. Die Siciliana und Vorspiel sind explizit vor dem Vorhang bzw offstage darzubieten. Kaufmanns Siciliana, auf offener Bühne, mit dem Rücken zum Publikum war eine Katastrophe. Dieses leidenschaftlich-elegische Lied wurde kaum hörbar falsettiert und hatte nichts von dem was es sein soll. Kaufmann immer wieder unseliges gaumiges Singen wurde hier unerträglich. In 40 Jahren habe ich keine schlechtere Siciliana gehört.
 
Die einzige herausragende Sängerleistung war die der Santuzza. Alfio reiner Durchsnitt. Der gute Chor wirkte leblos, oft nur wie hingestellt und maniriert. Geht gar nicht. Völlig unausreichend die Leistung der Mutter und von der Regie eine Idiotie hoch 3. Keine Muttrer nimmt diese Szene derart, schon gar keine veristische italienische. Es sei denn der Regisseur hat Probleme mit der eigenen Mutter, die er hier verarbeitet.
 
Pagliacci
 
explizit auch hier, Prolog vor dem Vorhang. Das Spiel wird erläutert, die Kontraste zwischen Spiel und Wirklichkeit ohne Ablenkung. Warum wissen Regisseure besser was die Komponisten sehr richtig festschrieben. Absurd das ganze Gehampel. Der hohe Ton am Ende des Prologs, unerläßlich, verschenkt, wie auch der Kaufmanns am Ende von No Pagliacci non so...
 
Kaufmanns Leistung im Pagiacci ansonsten deutlich besser. Die Oper wirkte trotz der gleichen Guckkastenoptik nicht so zerrissen. 'Jonas Kaufmann in bester Belcanto-Manier'. Ja, das muss man sich noch einmal laut vorsprechen. Wenn Kaufmann eines nicht kann, dann ist es belcanto und der hat auch hier im Versimo absolut nichts zu suchen. Kaufmann konnte mal Mozart und seine frühe Stimmanlage, gehörig durch Rhodes und Metternich, Hotter und Konsorten beschädigt, schafft nur noch ein falsches piano. Hingehauscht falsettiert, ständig setzt er auch die Stimme zu tief an und zu weit hinten im Hals.
 
Dass der Bassbariton im Pagliacci im Prolog mit Si puo... sein ' heldentenorales Profil' vorführt gibt dieser Rezension nun den Rest.
 
Cordialmente, best wishes, Gruesse, amitiés
Giuseppe Campagnola*
(Voice agent)
12.4.15
 
PS
Im Fernsehen wurde die Applausordnung für Cavalleria komplett verschenkt, eine Todsünde für Opernliebhaber. Dafür musste man die unsägliche Barbara Rett ertragen, die nur noch von Annette Gerlach übertroffen wird.
 
Der Schreiber (*Real-Name der Redaktion bekannt) hat natürlich auch die Originalversion in Salzburg gesehen

Redaktions-PS
Der Herausgeber kann sich hier nur voll anschließen: selten so etwas Unerträgliches gesehen und gehört. Wenn das heuzutage der Salzburg-Standart ist, dann lobe ich mir die kleinen bis mittlerern deutschen Opernhäuser. Hier gibt es - zu einem Zehntel des Preises ! -oft bessere Sanges-Qualität, eine mitreissendere Orchesterleistung und spannende Inszenierungen - wobei ich mich frage: wie billig darf ein Bühnenbild eigentlich noch gefertig sein? Alles sah auch wie die vorläufigen billigen schwarz-weiß Scriptvorlagen bei Filmdrehbüchern, die mal eben schnell aus der Hand gezeichnet werden, damit der Regisseur sich eine Vorstellung vom zukünftigen Studioentwurf machen kann.                                              P.B.
 
 

 

 

 

 

Bayreuth 2013 Eröffnungspremiere-WA:

Ein Karton, ein Karton... Senta wir danken Dir

DER FLIEGENDE HOLLÄNDER

quasi live in der ARD am 25.7.13 - 22 15 h MEZ.

Zwei Stunden verschenkte Lebenszeit

Dies ist keine richtige Opernfreund-Kritik und legt deshalb auch keinen Wert auf Vollständigkeit, sondern es ist ein kurzer, schnell niedergeschriebener höchst subjektiver Eindruck. Geschrieben für alle Glücklichen, die das "live Ereignis" verpasst haben und noch einmal ein Kurzresumée für alle jene Unglückseligen, die diesen Quark gesehen haben.

Tschuldigung - ich soll ja immer nur noch "blühender Bockmist" schreiben statt "verquirlter Sch...."; aber so ein szenischer Müll und diese Art von Publikumsverarschung (ups, da ist das Wort schon wieder raus!) haben ja in Bayreuth fast schon Kultstatus - immerhin zählt man den "Rattenlohengrin"

http://www.deropernfreund.de/bluehender-bockmist.html

von Neuenfels mittlerweile dazu. Zu den "Kultveranstaltungen".

Mann oh Mann, ich hätte beim Regieteam auch bebuht. Mich hättet ihr aber schon gehört, als der Vorhang endgültig fiel, wie letztens bei der großen Düsseldorfer Rheinopern-Zemlinsky-Volksverdummung.

http://www.deropernfreund.de/duesseldorf.html

Des halb lädt man mich ja wohl auch so selten zu Festivalitäten, wie  den Bayreuther Eröffnungsvorstellungen ein; auch in Salzburg, wo sich wohl herumgesprochen hat, daß ich einer Dame des Elder Stateswomen eine Ohrfeige angedroht hatte, wenn sie weiter so penetrant in meinem Bühnengesichtsfeld mit einem Fächer herumwedeln würde. Ihr schwächlicher Begleiter traute sich, nachdem er mich gemustert hatte, nicht den Fehde-Handschuh aufzunehmen.

Selbst Tante Merkel schaute doch gestern Abend nicht so richtig begeistert, wenn ich das richtig einordne, als alter Märchentanten-Fan. Am schlimmsten im Zuschauerraum erschienen mir die - anscheinend Blagen von Prominenten - welche lustlos kaugummi-kauend wie depperte Kühe in die ARD-Kamera starrten. Was sind das für geladene Gäste da bei den Bayreuther Eröffnungs-Premieren - Beckenbauer habe ich diesmal sowenig erspäht, wie Roberto Blanco, meinen Lieblingssänger. Na wenigstens hätte mein Fußballidol Götze sich mal zeigen können - der war doch bestimmt eingeladen. Habt Ihr Yogi Löw gesehen? Aber die Ferres war da und der unvermeidliche Gottschalk und ...

Worum geht es auf der Bühne?

Im fernen Norwegen in der Manufaktur Daland fertigen, besser verpacken, Mädels in scheinbar heilpädagogischen Gruppen Tischventilatoren in Pappkartons. Am Ende hat sich die Produktion geändert – nun sind es Figürchen, die aussehen wie das altbekannte Liebepaar auf einer Hochzeitstorte. Wer kauft so etwas?

"Scheisse" (Zitat Schimanski)

Bei den Sängern kehrt man anscheinend zurück zu den gewichtigen 70-er Jahren. Fand nur ich allein Samuel Youn überfordert, der mich nur im Legato überzeugte? Die anderen kann man - besonders Senta - unter dem Aspekt "Kraft durch Freude" noch akzeptieren. Wie gesagt, zurück ins Schreialter des letzten Wagner-Jahrhunderts. Dabei gibt es doch mittlerweile soviele auch attraktiv und angenehm anzuschauende, sogar textverständliche Wagnerstimmen.

Einschränkung: Ich habe es aber nur durch meine billigen Fernsehlautsprecher gehört, denen ich nicht unbedingt trauen würde. Meine 1200 Watt 7.1. Anlage war mir für diesen Müll zu wertvoll, obwohl Chor & Orchester schon sehr gut waren und meine Anlage verdient gehabt hätten.

Und fairerweise muß ich sagen, daß ich live-zeitversetzt gestern Abend nur 20 Minuten geschaut habe, dann ging ich - mich absolut ver... fühlend - ins Bett und habe den ärgerlichen Rest der Geschichte, sozusagen als Bestrafung mit Sonnenbrille (!), erst heute morgen im Zeitraffer zum Spätstück, zu Ende geschaut.

Wer gibt für so etwas 300 Euro pro Karte aus?

So macht Oper, mir zumindest, keinen Spass mehr!

GsD, daß ich diesem Bayreuth für dieses Leben ADIEU gesagt habe; aber das liegt nicht unbedingt nur an der scheußlichen zunehmenden Regie-Unqualität, sondern an meinem sensiblen Alters-Sitzfleisch + den Sado-Maso-Holzbänken in Ritchies Opern-Tempel. Da lobe ich mir doch das wunderbare Sitzgestühl in meinen Essener Lieblingshäusern; der Philharmonie und dem Aalto - da geht man gesünder raus, als man reingekommen ist, alles ist vollklimatisiert! Und es werden noch richtig gute wiedererkennbare Opern geboten (meistens jedenfalls und tolle Konzerte.

Peter Bilsing 26.7.13

Danke Peter Klier für die schöne Karikatur

P.S.

Hier sind die Bilder weiterer "prominenter" Eingeladener

(Menschen, dir sich um Deutschland verdient gemacht haben, Prominente und solche die man dafür hält, weshalb ihre Luxus-Karten vom bayerischen Steuerzahler bezahlt werden - wichtige Menschen)

//youtube.com/watch?v=xba0y-SPsZw

 

 

                                 (C) P.Klier - "Im 3.Akt sind alle tot"

   

Massaker an der AIDA in Verona

                                    Sendung im ZDF am 16.6.13

gestern Abend war auf dem ZDF ein unverständlicher Verschnitt der AIDA aus Verona zu sehen. Die haben zumindest ein Drittel der Handlung und Musik für die Übertragung gestrichen. Wenn ich nicht wüßte und auch etwas davon verstehe, wie spannend, schön und interessant Oper auch bei einer Fernsehübertragung sein kann, hätte ich volles Verständnis, wenn Übertragungen von Opern komplett aus dem Fernsehen verschwinden würden. Der Dirigent war ein Fliegenfänger, war nie in der Lage den Apparat zusammen zu halten. Der sollte rasch sich nach einem 5 Jahresvertrag in Stadttheatern umschauen, um das Handwerk zu lernen. Talent zu haben und protegiert zu werden, reicht nicht aus, man muss es lernen.

Die AIDA (Hui He) war sehr gut, der RADAMES konnte singen, war aber nicht inszeniert, peinlich geschminkt und das Kostüm lächerlich, die AMNERIS konnte nicht singen, ihr Tremolo war größer als jedes Scheunentor. AMONASRO sah aus wie Ivan Rebroff, sang aber schlechter.

Die Bühnenregie der Katalanen LA FURA war wie üblich sinnlos, jeder kleine Wanderzirkus hat heute bessere Vorstellungen. Wann engagieren Intendanten endlich Regisseure, die die Musik und das Libretto Lesen und Verstehen können?

Die Bildregie war an Hilflosigkeit nicht zu übertreffen, ein fortwährendes Rein- und Raus-Zoomen von und in Totalen. Bilder von Bühnenarbeitern, die verzweifelt versuchten die lächerliche und scheinbar nicht funktionierende Deko im On zusammenzubauen.Die gesamte Bildregie gehörte zu der Kategorie: Kimme, Korn, Schuss. Alles schrecklich; auch das Augenzumachen half nicht.

Die schrecklichen Nachrichtenbilder aus den Überschwemmungsgebieten zeigen Soldaten, THW und freiwillige Helfer, da sieht man Professionalität.

Da das nicht Live war, war es unverständlich, dass man die Triumphmarsch Trompeten nicht aus einem besseren Durchlauf genommen hat. Die sind schwer zu spielen, aber es sollte sich besser als auf dem Ball einer Freiwilligen Feuerwehr anhören.

Bertold Buhmann, 17.06.13

 

 

DIE SOLDATEN

Fernsehübertragung (live zeitverschoben) aus der Felsenreitschule Salzburg am 26. August 2012

Über die Qualität einer Opernaufführung sind Kritiker selten einer Meinung, noch seltener, wenn sie aus Österreich kommen und eine dortige Aufführung begutachten. Dies war jetzt der Fall: Fast einstimmig wurde gelobt die Aufführung der vieraktigen Oper „Die Soldaten“ von Bernd Alois Zimmermann nach der gleichnamigen Komödie (!) des im 18. Jahrhundert lebenden Jakob Michael Reinhold Lenz bei den Salzburger Festspielen in der Felsenreitschule.

Die musikalische Leitung des Riesenorchesterapparats hatte zusammen mit einem Hilfsdirigenten Ingo Metzmacher, die Inszenierung besorgte Alvis Hermanis.

Für den zu Hause gebliebenen Opernfreund boten die diesjährigen Salzburger Festspiele erfreulich viele Fernsehübertragungen, die „Zauberflöte“ zur Eröffnung, dann „Bohème“ und – lange dauernd – die „Ariadne auf Naxos“ samt ursprünglich dazu gehörendem Schauspiel und am Samstag eben „Die Soldaten“

Wie bei allen diese Übertragungen sah der Fernsehzuschauer  Szenen mit kleinerer Anzahl von Mitwirkenden näher und wohl auch intensiver als es von den Zuschauerreihen her  auf die  riesige Bühne der Felsenreitschule  möglich ist. So konnte man nicht nur die dem Bürgertum des 19. Jahrhunderts zugehörigen Kostüme der Damen (Eva Dessecker)  sondern auch das eindringliche Spiel der Hauptpersonen aus der Nähe bewundern, was vor allem natürlich für die Marie der Laura Aikin und den Desportes von Daniel Brenna galt. Beide liessen auch stimmlich hervorragend vergessen, wie unheimlich schwierig ihre Gesangspartien wegen der extremen Intervallsprünge auch für den Zuhörer sind. Ihr Liebesduett im Heu war einfach begeisternd.  Dabei sang Daniel Brenna noch 2010 in Münster als Alternativbesetzung zu Norbert Schmittberg den Boris in „Katja Kabanova“ - so schnell kann Karriere sein – hoffentlich nicht zu schnell!

Großartiges Spiel zeigten neben entsprechender Gesangsleistung auch Alfred Muff als Vater Wesener und Wolfgram Ablinger-Sperrhacke als komischer Tenor in der Rolle des  des Hauptmann Pirzel,

Schwierig wurde es im Vergleich zum Besucher vor Ort immer dann, wenn die volle Breite der Felsenreitschule gezeigt wurde, die für die teils simultan an verschiedenen Schauplätzen spielende Handlung ja ideal ist. Es überfordert den Fernsehschirm, verschiedene Handlungsebenen etwa gleichzeitig mit im Hintergrund auf  lebenden Pferden reitenden Huren oder mit dem Marie-Double balancierend auf dem Seil zu zeigen.

Akustisch gut, nicht zu laut aber auch nicht als blosse Begleitmusik fungierend erreichte das Riesenorchester  der Wiener Philharmoniker den Fernsehzuhörer – die Balance zu den Singstimmen klappte, die auch vorkommenden Soli waren deutlich zu hören, die Herkunft der auch vorgeschriebenen Geräusche wie Marschrhythmus sah man natürlich nicht.

Mußte man als Opernfreund sich schon freuen, daß dieses schwierige Stück neben allerlei Populären überhaupt bei einem so renommierten Festspiel aufgeführt wurde, so noch mehr darüber, daß die Fernsehübertragung einem weit grösseren Kreis dies eindrucksvolle Erlebnis bot.. Daß auch die Zuschauer vor Ort beeindruckt waren, zeigte der starke Beifall.

Sigi Brockmann

 

Besprechung der Aufführung vor Ort: Salzburg: Festspiele

DVD – Empfehlung

„Die Soldaten“ Edition 2001 Staatsoper Stuttgart 1989 ML Bernhard  Kontarsky Regie Harry Kupfer (FSK ab 12 freigegeben!)

 

 

 

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