DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Der Opernfreund stellte die nachstehenden Fragen an  Persönlichkeiten der internationalen Theaterwelt

1.) DAS REGIETHEATER

Georges Delnon,     Intendant der Staatsoper Hamburg

Stephan Märki,        Intendant Staatstheater Cottbus Spielzeit 2020/2021

Barbara Mundel       Intendantin Münchner Kammerspiele Spielzeit 2020/2021

Giuliano Betta          Dirigent, erster Kapellmeister Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

Rolf Romei                Tenor

Calixto Bieito           Regisseur

Olivier Py                   Regisseur, künstlerischer Leiter Festival d’Avignon

 

OF: Viel ist die Rede vom Regietheater. Im Musiktheater war früher oft der Dirigent der Vorherrschende, heute scheint es der Regisseur zu sein. Im Sprechtheater führt allem Anschein nach das Regietheater oft zu Verstümmelung und extremen Kürzungen der Texte und/oder der Musik.  Halten solche Mechanismen nicht oft das Publikum vom Theaterbesuch ab? Oder haben die Theater Angst, lange Aufführungen könnten das Publikum vom Besuch abhalten?

 

Olivier Py: Abhalten?! Aus welchem Grund? Ich glaube nicht. Das Publikum kommt ins Theater, in die Oper weil sie eine neue Generation Regisseure, Dirigenten erleben wollen. Auch ändert sich natürlich der Zuschauer, die Zuschauerin. Und ich glaube auch, dass das neue Publikum Interpretationen sehen will, welche mit der modernen Welt verbunden ist, der neuen Welt einen Spiegel vorhält. Wenn das Publikum fehlt, ist der Grund meiner Meinung nach der Eintrittspreis, welcher doch oft sehr hoch, zu hoch erscheint! Wobei anzumerken ist, dass eher das Sprechtheater unter dem Zuschauerschwund leidet. Musiktheater kommt meiner Erfahrung nach sehr gut an und verkauft sich auch gut. Regietheaterismus ist schlussendlich eine journalistische Sichtweise. Jeder Künstler, Regisseur, Dirigent, Sänger oder Sängerin ist ein Original, nie eine Kopie und hat seine eigene Sichtweise auf eine Rolle, ein Werk. Ich bin überzeugt, dass ein Regisseur zum Beispiel nicht bewusst schockieren will, sondern an seine Sichtweis als ein schönes Kunstwerk glaubt. Es kommt vor, dass ich ein Stück traditionell, originalgetreu inszeniere und damit den grossen Skandal hervorrufe. Wieso? Ich weiss es nicht.

Georges Delnon: Nein, dies ist sicher nicht der Fall. Nicolas Stemann hat 2011 in Salzburg einen achtstündigen Faust inszeniert und auch Frank Castorf scheut sich nicht vor langen Inszenierungen und beide haben damit Erfolg, das heisst Publikum. Man hat zum Teil die Texttreue aufgegeben, um den Drang nach neuen Formen, neue Interpretationen ausleben zu können. Regisseure wollen nicht unbedingt den Text inszenieren, sondern übernehmen die Strukturen oder die Personen. Ich habe den Eindruck, dass es im Schauspiel extrem darum geht, den Zeitgeist zu bedienen, neuen Zeitgeist zu provozieren. Dies funktioniert beim Sprechtheater, bei der Oper ist dies nicht so einfach zu bewerkstelligen. Es gibt Möglichkeiten, die relativ starre Form der Oper aufzubrechen und Christoph Marthaler hat dies in seiner Inszenierung "La Grande-Duchesse de Gérolstein" auch gemacht. Ich bin überzeugt, dass man heute eine Zauberflöte zum Beispiel modern inszenieren kann, mit Sorgfalt und historischem Bewusstsein, so dass sehr unterschiedliche Altersklassen, unterschiedliches Publikum angesprochen wird. Eines der Probleme besteht darin, dass ein guter Teil unserer Zuschauer in den letzten Jahren einfach weggeblieben ist. Diese Leute kommen ohne Diskussion einfach nicht mehr ins Theater. Dieser fatale Mechanismus muss durchbrochen werden. Dies ist meine Aufgabe als Intendant, dies sollte die Aufgabe aller Theaterintendanten sein. Ich wünsche mir ein Theater als Plattform, auf welcher sich Theaterfreunde, Theaterbegeisterte aller Altersklassen treffen.

Barbara Mundel: Dies ist durchaus ein Thema. Wenn Inszenierungen schlecht sind und diese Art von Regie nur noch als Mode ohne Hintergrund daherkommt, so schadet dies der Institution Theater. Regietheater, modernes Theater ganz allgemein, lebt von der intelligenten Interpretation! Regietheater gibt es aber schon lange. So inszenierte 1981 Hans Neuenfels in Frankfurt "AIDA". Am Pult: Michael Gielen. Auch dies war Regietheater, eine Neuinterpretation, ohne das Werk als Oper zu verstümmeln, welche nicht mehr in Ägypten spielte. Eine wirkliche spannende, aufregende Inszenierung. Schlussendlich aber wurde dies einer der grossen Opernskandale, weil das Publikum eine ganz andere Aufführung erwartete. Das Problem für uns heute ist die "Erwartungslosigkeit" der Besucher. Natürlich gibt es immer noch Theaterliebhaber, welche erwarten, dass Aida in Ägypten und "THE MERCHANT OF VENICE" in Venedig spielt. Aber es gibt wesentlich mehr Leute, für welche die Reibungen, die Unterschiede zum Original gar keine Aufregung, Enttäuschung mehr bedeuten. Dazu kommt, dass sich durch die zunehmende Migration die Frage stellt, welches Theater für ein Publikum mit einem komplett anderem kulturellen Hintergrund zu machen ist

Stephan Märki: In jeder Premiere versuchen wir, Neues auszuprobieren. Aber was ist denn Regietheater? Das heutige Theatersystem basiert in seinem Wesen auf Goethe und Schiller, die in Weimar den Begriff des Theaters als moralische Anstalt geprägt haben. Das bedeutet aber nicht, Moral von der Bühne herunter zu predigen. Goethe und Schiller haben gefragt: „Was ist der Mensch? Was kann der Mensch? Wo will er hin?“ So ist jenes Theater entstanden, wie es heute im deutschen und europäisch orientierten Sprachraum existiert. Das System hat sich seitdem nicht wesentlich verändert. Man könnte sagen, dass Schiller und Goethe die ersten Regietheaterautoren waren – Schiller und Goethe haben viele ihrer Werke selbst auf die Bühne gebracht. Regietheater ist Interpretation der dramatischen Vorlage. Es hat die Aufgabe, bestehende Texte aus heutiger Sicht zu untersuchen, ihren heutigen Gehalt zu finden und dies zur Diskussion zu stellen. Weder Goethe noch Schiller oder Shakespeare werden uns aus dem Grab die Hand reichen und uns mitteilen, wie es damals gemeint war. Selbst wenn dies möglich wäre, müssen wir heute anders, neu interpretieren, auf die Bühne bringen. Theater hat die Aufgabe, mit seinen ästhetischen Mitteln Interpretationen der Werke zur Diskussion zu stellen. Ein reines vom Blatt spielen würde nicht zu Diskussionen darüber führen, ob das Theater seine Aufgabe erfüllt hat, Texte auf ihre heutige Relevanz zu befragen. Je höher das Risiko bei einer neuen Interpretation, desto grösser die Fallhöhe. Das Theater und auch das Konzert müssen sich aber immer der Frage stellen, wie das Publikum erreicht wird. Zuschauen und Zuhören muss sich genauso weiterentwickeln wie das Produzieren. Diese Interaktion zwischen Bühne und Zuschauerraum ist wesentlich für Theater. Theater von heute ist immer ein Spiegel der heutigen, facettenreichen Gesellschaft. Allerdings existiert das Publikum nicht, mit einer Produktion kann man nie das gesamte Publikum ansprechen. Verglichen mit den neuen Medien ist das Theater eine langsame Institution und hinkt hinterher, ist dafür aber nachhaltiger und beständiger, kann mehr in die Tiefe gehen. Die vornehmste Aufgabe für das Theater ist dadurch, die Vielfältigkeit des Publikums in den Blick zu nehmen. Dies gilt für Musiktheater, Tanz, Konzert und Schauspiel, für alle Kulturinstitutionen. Das Publikum muss in frühester Jugend abgeholt werden. Auch die Formen müssen sich ändern. In unserer von Migration geprägten Gesellschaft ist es wichtig, die Heterogenität der heutigen Welt zu spiegeln, unseren westeuropäischen Kulturbegriff zu weiten, Partizipationsprogramme anzubieten, etc., etc. Das darf sich nicht nur auf Erwachsene beschränken. Theater, Musik, Kunst überhaupt sind ein wichtiger, ja wesentlicher Bestandteil von Integrationsprozessen. Dieser Schulungsprozess müsste mindestens eine Generation voraus angedacht werden. Eigentlich sind wir damit gesellschaftlich weit hinterher.

Giuliano Betta: Das Wichtigste in einer Musikproduktion ist das Team. Der Regisseur, der musikalische Leiter, die Sänger und Sängerinnen müssen zusammenarbeiten, einen Konsens finden. Speziell schwierig wird es, und das kommt oft vor, wenn die Ideen der Regie stark, zu stark von den musikalischen/dramaturgischen Vorgaben eines Komponisten abweichen. Wichtig ist, dass der Inhalt "richtig", was immer dies heisst, wiedergegeben wird. Dann bin ich offen für alle Arten von Regieführung. Theater soll und muss sich entwickeln. Ich freue mich über die neuen kreativen Ideen, welche junge RegisseurInnen und ChoreographInnen in die Produktionen eingebringen. Interpretation ist wichtig, sei es dramaturgisch, sei es musikalisch. Carlos Kleiber und Leonhard Bernstein zum Beispiel, haben die Art der Interpretation weiterentwickelt, modernisiert. Man muss seine eigene Auffassung ohne Angst, ohne Zweifel, aber mit Herz und Intelligenz einbringen, aber dabei darauf achten, dass diese neuen Gedanken dem Werk dienen. Entweder gefallen diese Ideen oder sie gefallen nicht! Nur so kann sich das Musiktheater, das Theater ganz allgemein weiter entwickeln.

Rolf Romei, Tenor: Als ich jung war, habe ich weder grosse Aufführungen gesehen noch grosse Sänger gehört. Ich stamme als Bauernsohn nicht aus einem künstlerischen Umfeld, daher kann ich das heutige Musiktheater nicht aus "historischer " Sicht beurteilen. Ich arbeite in Basel am Basler Theater, hatte hier durch Maya Boog, die ich noch aus Studienzeiten kannte, auch schon einige Aufführungen gesehen, bevor ich selber hierher kam. Das Theater Basel war für mich immer mein Wunschtheater, da Basel bekannt ist für aktuelle, für mich spannende, zeitgerechte Umsetzungen der Opernliteratur. Ich bin kein Freund von nicht werkgerechten Inszenierungen, bei welchen ein Konzept einfach über den Stoff gelegt wird. Dies kann nur in Teilbereichen eines Werkes funktionieren, wird das dann aber aus Prinzip durchgezogen, und endet in einer Aufführung, welche insgesamt nicht überzeugen kann. Aber: `Ich liebe es, mich mit dem Stoff, mit den Emotionen welche mit einem Werk geweckt werden können, auseinander zusetzen`. >Es ist wichtig, dass mit den Inszenierungen Geschichten erzählt werden. Wenn dies nicht passiert, wird es für mich schwierig, zu arbeiten. Wenn das Publikum nicht nachvollziehen kann, was auf der Bühne vor sich geht, wenn die "Story" unklar ist, dann ist die Arbeit auf der Bühne verfehlt. Ich durfte hier in Basel in vielen Produktionen, teils sehr spannenden Inszenierungen, mitarbeiten, bei welchen ich mich immer voll einbringen konnte<.

Calixto Bieito, Regisseur: Ich bin ein Verfechter des reinen Textes, wie er vom Autor verfasst worden ist! Das heisst für mich, dass ich zum Beispiel Richard III so inszeniere wie es vom Text, von einer anerkannten Übersetzung vorgegeben wird, und zwar ohne wesentliche Kürzungen oder Veränderungen. Natürlich interpretiere ich, als Regisseur, auf meine Weise die Personenführung, die Inszenierung. Ich werde zwar als Skandal-Regisseur wahrgenommen und meine Regieführung gibt immer wieder zu Diskussionen Anlass, eigentlich aber bin ich sehr altmodisch, humanistisch. Ich bin ein grosser Verehrer von Shakespeare's Texten. Zu bedenken dabei ist, dass in den Originalschriften Interpunktionen weitgehend fehlen und aus diesem Grunde unterschiedlich interpretiert werden können. Regisseurinnen und Regisseure sind heute Spielleiter. Und das Spiel kann eben sehr unterschiedlich aussehen oder angeleitet werden. Mal ist es eher der Narration, ein andermal dem Diskurs verpflichtet. Ich persönlich interessiere mich mehr für Erzählungen als für Lehrveranstaltungen auf dem Theater. Ich denke, dass Dokumentationen im Film oder in anderen Medien pointierter sein können. Aber ich lasse mich immer gern überraschen und vom Gegenteil überzeugen – gutes Theater überrascht einen doch immer und es ist gut so, wenn es die eigenen Erwartungen überwältigt, denn das ist eine Aufgabe der Kunst. 

 

2.) Stadttheater und Grossanlässe

Georges Delnon,     Intendant der Staatsoper Hamburg

Stephan Märki,        Intendant Staatstheater Cottbus (Spielzeit 2020/2021)

Barbara Mundel       Intendantin Münchner Kammerspiele (Spielzeit 2020/2021)

Giuliano Betta          Dirigent, erster Kapellmeister Musiktheater im Revier Gelsenkirchen

 

OF: Es fällt mir auf, dass Aufführungen wie z.B. Aida in Pfäffikon, Classic Open Air Solothurn oder Opera Basel, trotz sehr stolzen Preisen, verglichen mit z.B. Freiburg, Basel oder Bern gut besucht sind, auch wenn die künstlerischen Leistungen bei Weitem nicht dasselbe Niveau erreichen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

 

Georges Delnon: In der heutigen Event Kultur wird das Zusatzgeschäft als Einnahmequelle zur Querfinanzierung zunehmend wichtiger, zum Teil sogar unverzichtbar. Als Intendant staune ich, dass einerseits der Publikumszustrom zum Beispiel nach Salzburg so zugenommen hat, dass Alexander Pereira meldet, dass die Warteschlangen noch nie so lang waren wie 2013. Ich glaube, dass Pereira als guter Geschäftsmann spürt, dass es eine Sehnsucht für das Theater von gestern gibt und dieses "Nachtrauern" ausnützt. Aber in der Kunst, und nicht nur im Theater, herrscht ein Bestreben Neues zu erfinden. Ich fühle den Zwang, anscheinend im Gegensatz zu Pereira, immer neue Sachen zu versuchen, neue Formen zu entwickeln, entwickeln zu lassen. Und es ist für mich auch spannend, den Bogen zwischen Tradition und Avantgarde zu schlagen.

Barbara Mundel: Vielleicht das vermeintlich Spektakuläre, der moderne Trend zum "Event-Besuch"! Ich habe diesen Sommer in St. Gallen die Freilichtaufführung "ATTILA" von Giuseppe Verdi gesehen. Ich kann einer Inszenierung mit Mikrofonen und Verstärkung nichts abgewinnen. Dies ist, obgleich eben spektakulär, gar nicht mein Ding. Ich möchte aber die Event-Kultur nicht einfach abwerten. Nein! Wenn wir hier in Freiburg den Ring-Zyklus machen und diesen dann innerhalb einer Woche aufführen, ist das natürlich auch ein Ereignis, etwas Besonderes, neuhochdeutsch ein "Event"! Es ist wichtig und richtig, dass Leute an diesen "Events" mit Opern in Kontakt kommen. Bloss bin ich der Meinung, dass das gewachsene Theater als Institution, als Kulturzentrum einer Stadt nachhaltiger ist. Woher diese meine Hoffnung kommt, weiss ich nicht, aber ich bin zutiefst davon überzeugt.

Stephan Märki: Diese Veranstaltungen sind abhängig von einem sehr hohen Eigenfinanzierungsgrad und können sich daher keine Experimente erlauben. Das ist aber auch nicht ihre Aufgabe. Solche Festivals haben Eventcharakter und sind auf die besondere Einmaligkeit ihres Ereignisses angewiesen. Dadurch sind sie auch für grosse Sponsoren interessant.

Giuliano Betta: Eine Oper wurde immer für das Publikum geschrieben, ihre Aufführung war immer auch ein gesellschaftliches Ereignis. Die Zuschauer möchten eine Oper, aber auch das Ereignis geniessen. Dazu gehört das gemeinsame Erleben von Musik, ein spezieller Ort, Kulinarik etc. "Genuss" ist immer eine individuelle Sache, aber meiner Meinung nach kann nur ein Dirigent, der sich auch der übrigen Faktoren bewusst ist und diese nachempfinden kann, ein guter Dirigent sein. Erst dann kann er dem Publikum die Musik näherbringen. Ich, Giuliano Betta, geniesse das Leben! Obwohl ich ein Purist der Musik bin, kann ich nachvollziehen, dass auch künstlerisch nicht perfekte Produktionen grossen Erfolg haben können. Vielleicht ist unser künstlerischer Anspruch oft zu hoch. Vielleicht vergessen wir als Perfektionisten gelegentlich, was dem Publikum gefallen könnte. Alle Theater sind aber gezwungen, immer wieder neu, anders zu inszenieren, zu versuchen, dem Publikum neue Horizonte zu eröffnen. Vielleicht versuchen wir das des Öfteren in zu grossen Schritten. Die Schulung des Zuhörens, des Zusehens sollte in kleinen Schritten, in homöopathischen Dosen geschehen! Natürlich gibt es im Theater auch Traditionen, welche abgeschafft gehören. Zum Beispiel das Da-Capo Singen nach Szenenapplaus, wie das in der Mailänder Scala immer noch verlangt wird. Ich bin der Auffassung, dass es wichtig ist, in einer Oper die Katharsis nach Goethes Muster, also den Ausgleich der Leidenschaften bei den Protagonisten, zu erreichen. So kann auch der Eindruck entstehen, dass feste Theaterinstitutionen zu wenig Wert auf den Eventcharakter legen, dass dieser Aspekt zu stark dem künstlerischen Anspruch untergeordnet, im Endeffekt gar nicht beachtet wird? Ein Besuch im Theater, in de Oper ist, darf und muss für die Besucherin, den Besucher ein Erlebnis, Event sein!

 

 

3.) Theater und Politik

Georges Delnon      Intendant der Staatsoper Hamburg

Stephan Märki         Intendant Städtisches Theater Cottbus             ab Spielzeit 2020/2021

Barbara Mundel       Intendantin Münchner Kammerspiele               ab Spielzeit 2020/2021

Andreas Beck          Intendant Residenztheater München

 

Theaterproduktionen werden in den Augen aussenstehender oft sind sehr aufwändig produziert und als elitär bezeichnet. Die Politik fragt bei der Finanzierung von Kulturaktivitäten oft nach dem wirtschaftlichen Nutzen!“ Dazu kommt auch immer wieder politische Forderungen, dass Theater- Kulturinstitutionen ganz allgemein eine wesentlich höhere Eigenwirtschaftlichkeit aufweisen sollten. Ist Kultur und Bildung, Theater ist ja auch Bildung, in jeder Form nicht eine Pflicht, ein Muss, der öffentlichen Hand ohne die Frage nach der Wirtschaftlichkeit?

 

Andreas Beck: Sie haben völlig Recht, grundsätzlich sollte – nein: muss – Kultur, denn sie wird ja darum öffentlich finanziert, allen zugänglich sein. Das ist übrigens mein Credo, und so versuche ich nicht nur ein Programm für alle Bevölkerungsschichten zu gestalten, sondern auch beim Ticketing nach und nach und immer weiter neue Angebote zu erstellen. Der Kauf einer Theaterkarte darf nicht am Geldbeutel scheitern. 

Das andere Extrem, also dass Theater eben Geschäft – nennen wir es Showbiz – ist, finden Sie im angelsächsischen Raum; dort können Sie erleben, dass Theater sich weitgehend selbst tragen. Nur was das bedeutet, können Sie dort auch sehen: Da ist Theater nämlich ausserhalb der grossen Metropolen nicht mehr vorhanden. Wenn Theater rein wirtschaftlich verstanden wird, werden nicht nur nicht nur Standorte riskiert, sondern auch die Möglichkeit, dass Theater für jedermann zugänglich ist – lokal wie preistechnisch. In kleineren Stadtregionen wird es wahrscheinlich keine Theater mehr geben wird, weil diese wirtschaftlich nicht mehr tragbar, lies interessant, wären. Man schaue nur auf die Musicaltheater. Daran erkennt man sehr schön, dass in den Nicht-Metropolregionen grosse Produktionen oder A-Produktion überhaupt nicht gezeigt werden.  Ich denke aber auch: Kunst- und Kultur-Institutionen sind besonders für kleinere Stadtregionen wichtige Aushängeschilder, die nicht nur den Wirtschaftsstandort, sondern auch den Lebensort interessant machen – und sicher wettbewerbsfähiger. Theater geben immer wieder eine schöne Visitenkarte für die jeweiligen Städte und die Regionen ab.

Zu bedenken ist auch, dass Theater nicht nur einen Unterhaltungswert, sondern auch einen Bildungsauftrag hat. Als Beispiel der Arbeiterbildung nenne ich Die Freie-Volksbühnen-Bewegung in Berlin zu Beginn des 20. Jahrhunderts, die vor allem durch Theater stattfand. Interessanterweise sind es heutzutage gerade national-konservative Kreise, die den Bildungsauftrag des Theaters oder der Kulturinstitutionen überhaupt gefährden, da sie für starke Kürzungen im Kulturbereich einstehen – früher waren es eher linke Gruppierungen, die sich gegen die vermeintlich elitären Kulturbetriebe stellten. 

Andreas Beck war 2016 Intendant des Theater Basel

Barbara Mundel: Solche Gespräche auf politischer Ebene gibt es immer wieder. Daraus ergibt sich natürlich nicht nur die Frage nach der Zukunft eines Theaters. Auch die Zukunft der Stadt, der Gesellschaft wird hinterfragt. Wollen wir in einer Stadt leben, in welcher Mann/Frau nicht mehr einfach ins Theater gehen kann? Diese Sätze werden nie formuliert, sie sind nur unterschwellig präsent! Ich habe das Gefühl, dass recht verlogene Debatten geführt werden. Niemand hat den Mut, ehrlich zu kommunizieren:' Wir wollen diese Art von Theater nicht mehr'! Man verlangt, dass ein Theater spart, viele Vorstellungen zu einem günstigen Preis anbietet und erst noch eine hohe Eigenwirtschaftlichkeit aufweisen muss. Mit den von mir unbestrittenen Tarifverträgen und anderen personalrechtlichen Vorgaben sind Sparmöglichkeiten sehr beschränkt. Natürlich könnten wir hingehen und einen anderen Betrieb aufgleisen. Gastspieltheater und ähnliche Gedanken aus der Politik werden immer wieder an uns herangetragen. Keine dieser Ideen hat landesweit zu wirklichen Einsparungen geführt. Subventionen sind dazu da, ein Theater bei relativ günstigen Eintrittspreisen gut zu führen. Wenn ich träumen könnte, wurde ich die Preise senken. Schön wäre es, wenn Theater nicht viel teurer wäre als ein Kinobesuch. Doch: Tiefere Eintrittspreise bedingen höhere Subventionen oder würden eine Reduzierung des Betriebes erzwingen. Dabei ist zu anzumerken, dass europaweit Honorare und Saläre ungefähr 80% der jeweiligen Budgets ausmachen. Das Theater Freiburg ist, wie Theater in vielen Städten Europas und weltweit, Ausbildungsbetrieb für viele Berufe!

Barbara Mundel war 2014 Intendantin des Theater Freiburg

 

Georges Delnon: Für sehr viele Politiker gehört Kultur nicht in die erste Priorität, vor allem nicht für Investitionen oder Subventionen. Viel wichtiger, und da herrscht ein Konsens in der Mehrheit der Bevölkerung sind Gesundheit, Verkehr, Wirtschaft. Dagegen hat Kultur in den Diskussionen einen schwachen Stand. Auch habe ich den Eindruck, dass in allen politischen Gremien immer mehr Leute sitzen, für welche der Begriff Kultur, wie er uns Theaterleuten wichtig ist, nicht mehr eine so wichtige Rolle spielt. Aus diesem Grunde haben wir keine starke, kämpferische Lobby in den Entscheidungsgremien. Das führt dann auch immer wieder zu kulturnegativen Vorstössen. Nur in den Theatern wird immer wieder gespart während in anderen Bereichen Millionen investiert werden.

Der Begriff Kultur hat sich in den letzten Jahren sehr stark geändert hat. Der Begriff wird breiter angewandt, das Internet wurde immer wichtiger und aus diesem Grund wird es für Institutionen wie Oper, Schauspiel und Ballett nicht einfacher, sich breit und prominent zu profilieren. Politiker und Politikerinnen fordern wesentlich höhere Eigenwirtschaftlichkeit. Der politische Trend sollte eigentlich eher umgekehrt liegen: Tiefere Preise mehr Zuschauer? Dies würde wahrscheinlich einen höheren Subventionsgrad bedingen. Preise senken um mehr Zuschauer und ein heterogeneres Publikum ansprechen jedoch kann nie eine direktoriale Entscheidung sein. Hier müssen sich alle verantwortlichen Gremien einig sein. Nicht vergessen darf in allen Finanz-Diskussionen, dass ein Theater auch Arbeitgeber ist. Alle Theatermitarbeiter und Mitarbeiterinnen sind immer auch Steuerzahler und Konsumenten.

Die Politik hat in der Kulturpolitik und nicht nur in der Kulturpolitik die Tendenz Äpfel mit Birnen zu vergleichen, zu verwechseln. Es wird zu oft nicht wahrgenommen, dass es um Arbeitsplätze, Steuerzahler geht. Und dies nicht nur im Theater, sondern auch in vielen auswärtigen Betrieben, welche mit den Theatern, für diese arbeiten. Auch sind wir ein Ausbildungsbetrieb für viele Berufe. Daher kann man ein etabliertes Theater nicht mit einem Festival vergleichen. Natürlich könnten Theaterintendanten auch als Festivalorganisatoren arbeiten und aus aller Welt die besten Künstler einladen. Dann aber verlieren die Stadttheater wie das Theater Basel ihren Sinn als Pfeiler der etablierten Stadtkultur.

Georges Delnon war 2014 Intendant des Theater Basel

 

Stephan Märki: Diese Erfahrung habe ich in Bern nicht gemacht. Ich bin auf einen breiten gesellschaftlichen und politischen Konsens gestoßen, das neue Konstrukt „Konzert Theater Bern“, den Zusammenschluss des Stadttheaters Bern mit dem Berner Symphonieorchester zu einem Vierspartenhaus, zu unterstützen. Die Stadt Bern ist ein komplexes Gebilde, ist Kantonshauptstadt und Bundesstadt. Auch die Subventionierung der Kulturinstitutionen und der sehr starken freien Szene Berns ist komplex. Unsere Subventionen kommen zu 50% aus dem Kanton Bern, zu 39% aus der Stadt Bern und zu 11% aus den 80 Regionsgemeinden.

Diese Unterstützung wird alle vier Jahre neu verhandelt, von den politischen Gremien abgesegnet und muss vom Souverän in einer Volks-Abstimmung gutgeheissen werden. Ein Vierspartenhaus muss entsprechend mit einer eigenen Identität auftreten und lebendig spürbar sein. Dieser Anspruch führt immer wieder zu vielfältigen Diskussionen, aber eine solche Institution muss eben für seine Daseinsberechtigung einstehen. Ich kämpfe gerne, das ist mir lieber, als ein Haus von meinem Vorgänger zu übernehmen und mehr oder weniger auf die gleiche Weise weiterzuführen.

Konzert und Theater als öffentliche Institutionen sind nicht dazu da und sind auch nicht dazu geeignet, im kommerziellen Sinn zu wirtschaften. Kultur muss, wie Bildung und Straßen, für jedermann erschwinglich sein. Eine Ausrichtung auf ökonomische Rentabilität macht diesen Kulturgenuss kostspieliger und wird schlussendlich nur noch für eine gutbetuchte Elite zugänglich sein. Ich spreche auch nicht gern von Subventionierung, sondern von öffentlicher Finanzierung. Diese Finanzierungsart ist dazu da, durch ein kontinuierliches künstlerisches Angebot mit den Ensembles, also mit fest angestellten künstlerischen Mitarbeitern, eine Identität vor Ort mit dem Ort zu schaffen. Das heißt: Konzert Theater Bern ist ein Repertoiretheater, das, im Gegensatz zu einem Event, ein (Aus-)Bildungsbetrieb in allen Bereichen ist – mit der künstlerischen Perspektive, unsere kulturelle Herkunft, unser gesellschaftliches Miteinander, unsere politische Kultur aus heutiger Sicht dauernd neu zu untersuchen. Um dies zu erreichen, muss man alles zur Diskussion, in Frage stellen und auch mal daran scheitern können. Dies ist nur möglich dank der öffentlichen Finanzierung, die nur begrenzt ökonomische Komponenten im Sinne der Eigenrentabilität beinhaltet.

Wir behalten aber natürlich unseren Eigenfinanzierungsgrad im Auge. Zum einen, weil der wirtschaftlich verantwortungsvolle Umgang mit öffentlichen Geldern zu den edlen, also selbstverständlichen Pflichten eines Intendanten gehört; zum anderen ist der Eigenfinanzierungsgrad, der wesentlich über die Eintrittsgelder erwirtschaftet wird, auch ein wichtiger Gradmesser dafür, ob man mit dem künstlerischen Programm auch die Interessen des Publikums trifft.

Stephan Märki war 2015 Intendant des Konzerttheater Bern

Die Gespräche führte Peter Heuberger in den Jahren 2014 bis 2018

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de