DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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FRANK PIONTEKS OPERNSEITE

 

Ein Wiener Operngedicht

 

Zugegeben: die Wiener Oper kommt in diesem Langgedicht nur dreimal vor, ragt in diesem lyrischen Fall auch nicht heraus aus dem Konglomerat von Bauten, die im 19. Jahrhundert in Wien errichtet wurden. Macht nichts: als ich, nach drei heißen Sommerprobewochen, im Herbst 2000 an der Staatsoper saß, wo ich als Regiehospitant der Doppelproduktion Die Jakobsleiter und Gianni Schicchi arbeiten konnte, hatte ich genug Zeit, um wieder einmal das Naturhistorische Museum zu besuchen. So fiel mir im Monumentalbau an der Ringstraße die Idee zu einem didaktischen Gedicht ein. Von heute aus gesehen fiel es vielleicht ein wenig zu oberlehrerhaft aus, aber vielleicht sensibilisiert es den werten Opernfreund, beim nächsten Blick auf das wichtigste österreichische Kulturinstitut – deren Mitarbeiter, sollten sie diese Zeilen lesen, ich von Herzen grüße – den Zusammenhang von Kultur und Natur zu reflektieren. Wie sehr gerade wir „Kulturleute“ von der Natur abhängig sind, sehen wir ja in diesen Tagen.

 

 

Bau-Materiale Wien  (Saal I)

 

In den Vitrinen 101 bis 109 des grossen Museums am Ring

sieht man, zu Täfelchen geschnitten von Händen des letzten Jahrhunderts

die Steine der Stadt

Die Werksteine: zum einen den Kunststein

Der Nulliporöse Kalk Facade Säulen Rathhaus

Der Kreidekalk Stiegen Burgtheater, desgleichen Pfeiler, Pilaster Hofoper

Der Hofoper-Sockel aber besteht aus Oberem Jura-Kalk

desgleichen liest man Rathhaus Capitälchen & Consolen

Der Kalksandstein genügt den Hofmuseen, dem Burgtheater, dem Rathhaus, auch dem Justizpalast

an dem der Nulliporöse Kalk angesetzt wurde

wie dem Reichsrat, der Universität, der Votivkirche

Krystall Kalkbreccie häuft sich Facade Säulen Burgtheater

an dessen Thürverkleidungen Jurakalk beteiligt ist

Serpentin für den Justizpalast, Granit für die Börse

Fürs Goethemonument nahm man Decorations-Stein

            Syenit aus Piemont

Aus dem Salzburgischen jedoch den Lithodendronkalk

            Reichsrath Säulenbasen

            Säulchen am Rathhaus

 

Das Wachstum der Steine brauchte schätzungsweise zwei Äonen

vielleicht ein paar Minuten weniger

In wenigen Jahren wuchsen empor

Rathhaus Burgtheater Börse

            Abendkleider und Diplomatenfräcke an Vorzeitstufen

            Die Dinosaurier wachen wieder einen Stock höher

Als selbst die Steine zu brennen begannen, versammelte man sich im Keller

zuweilen verschüttet vom Kunst- und Decorations-Stein

Die Flammen, die schon zuvor Teile des Justizpalastes gefressen hatten

waren nur ein Vorgeschmack

Serpentin und Kalksandstein

friedliche Worte in steinernen Zeiten

die das Steinsein verlernten

Capitälchen & Consolen

Säulchen und Säulenbasen

die kein Gesetz mehr trugen

Hofoper Goethemonument

wurden vermutlich mit denselben Steinen errichtet

wie das Hofkriegsarchiv

 

Nie hat jemand beobachtet

daß Kalksandsteine einander strangulieren

Keiner war jemals dabei

als Serpentin den Gashahn aufdrehte

 

Rathhaus und Reichsrath

Justizpalast und Votivkirche:

schlechte Argumente gegen die Planlosigkeit

 

Fast wünscht man sich, daß die Betrachtung

der kleinen, zu Täfelchen geschnittenen Steine

das Aufregendste wäre

 

27.3. 2020

 

 

Ein Kasseler Operngedicht

 

Seltsam, dass die vorerst letzte Opernaufführung, die ich im geliebten Kassel sah, die Götterdämmerung war.

Wie entsteht ein Gedicht? Aus einem Ur-Eindruck. In diesem Fall saß ich im bekannten großen Café zwischen Oberer Königsstraße und Friedrichsplatz, also genau zwischen Spohr-Denkmal und Staatstheater. Als ich an meinem Eckplatz saß, fiel mein Blick unwillkürlich auf eine Werbeschrift am benachbarten Geschäftshaus. Und so konnte ich, nur wenige Stunden vor dem Beginn der Aufführung, folgende Verse notieren.

 

das macht SiNN in Kassel, der

Stadt der Dämmerung der Götter für

1 Tag & 1 langen Abend, da

die Götter jeden Sinn verloren, gut

genug für viereinhalb Stunden Musik

Macht Sinn

 

Von heute aus gesehen haben diese Verse eine Bedeutung, die man sich vor nur drei Wochen nicht vorstellen konnte.

 

27.3. 2020

 

Indirektes Prager Operngedicht IV

 

Ja, die Deutsche Oper Berlin – allein schon Jahrhunderte zuvor gab es Opern in der Gegend, d.h.: im alten Lietzenburg, das dann zu Ehren der Königin Sophie Charlotte in „Charlottenburg“ umbenannt wurde. Casanova sah hier, in der Orangerie des Schosses, im Juli 1764 Giuseppe Scarlattis Oper I portentosi effetti della natura, komponiert nach einem Libretto von Goldoni, das der Meister der Komödie 1752 geschrieben hatte. Über seine Berliner Tage gibt uns Casanova, der wie Goldoni ein Venezianer war, im 10. Band seiner Memoiren Auskunft, wobei er dem Opernbesuch jedoch nur eine kurze Erwähnung schenkt. In einem schönen wie dickleibigen Band, den Frau (!) mir 2002 in Venedig (!!) schenkte (Carlo Goldoni: Il teatro illustrato nelle edizioni del Settecento), entdecke ich aber den entzückenden Titel des Erstdrucks des Librettos. Damit bleiben wir übrigens in Prag, denn eine der komischen Opern Scarlattis (Dove è amore è gelosia) wurde seinerzeit fürs Theater Český Krumlov bestellt – und 2011 erlebte dieses Werk eine Wiederaufführung im Nationaltheater an der Moldau.

Anfang Juni 1998 entstanden also folgende Verse in Berlin:

 

Casanova in Berlin

 

Etwa am 10. Juli 1764

trifft er den König in Sanssouci

und besucht die Oper in Charlottenburg

200 Schritte vom Grab meiner Jugend entfernt

 

Er wohnt in der Poststraße

auf der Rückseite des Schlosses

und besichtigt das königliche Schlafzimmer

mit dem spartanischen Bettgestell

 

Er mischt sich ins Geschäft ein

Die Lotterie floriert und

verliert. Floriert und

verliert. Wen kümmert noch

der letzte, historische Bankrott?

Die Taler sind verrostet

 

Die Geschichte der Tänzerin Denis

entzückt uns noch heute

 

Frank Piontek, 26.3. 2020

 

 

Ein Prager Operngedicht III

Anfang Februar 2018 ging es in die Zauberflöte: eine wunderschöne Aufführung im schönen Ständetheater, in dem Don Giovanni uraufgeführt wurde. Es sieht drinnen und draußen zwar nicht mehr so aus wie in der Mozart-Zeit, denn im 19. Jahrhundert hat man das Gebäude aufgestockt und dekormäßig modernisiert. Macht nichts: spätestens seit dem Amadeus-Film ist es (wieder) das Mozart-Opernhaus.

Ich saß damals in einem Prager Vorort und machte mir Gedanken über Pamina und all die anderen. Dabei erinnerte ich mich unwillkürlich an ein Zauberflötengedicht von Hermann Hesse, das ich zum ersten Mal im Jahre 1978 las. Damals war es abgedruckt im Programmheft der Produktion der Deutschen Oper Berlin, also meiner Oper. Die ersten beiden Verse meines Gedichts spielen direkt auf Hesses Die Zauberflöte am Sonntagnachmittag an: ein schlechtes, also ein typisches Hesse-Gedicht, aber eines, in dem das Gefühl, das der Liebhaber dieser Oper immer wieder zu empfinden vermag, wenn er dem Werk begegnet, auf Hesses eigene Weise eingefangen wurde. Mein Gedicht ist keine Antwort auf Hesses Gedicht, nur eine neue Variante eines alten, aber immer aktuellen Themas.

Heute würde ich den Schluss vielleicht anders formulieren, aber ich kann ihn nur so stehen lassen.

 

Wieder mit der Eintrittskarte

in die Zauberflöte

 

Die schwarzen Damen, mehr als drei

erschrecken nur den dicken Prinzen

die spitzen Koloraturen der Königin

sind süßen Dolchstoßen gleich

die Prinzessin

(schöne Tochter der Nacht und des Tages)

sinkt in Ohnmacht, wer

möchte ihr nicht helfen

die Knaben sind Damen, weiß

schimmern ihre Gewänder

durchs Dunkelgold der köstlichen Initiationen

 

Die Pforten öffnen sich, das

Kind wird wieder Mensch, der

Mensch kann wieder Kind sein

und Mozart darf, so zart wie irgend möglich

die einzige Pamina sacht umarmen

 

Frank Piontek, 25.3. 2020

 

 

 

Prager Gedicht II

 

Don Giovanni hieß die eine Oper – die andere ist Die Zauberflöte.

Nicht Figaros Hochzeit, wie der Kenner vermuten könnte, der weiß, dass es der Erfolg dieser Oper war, die Mozart den Prager Auftrag verschaffte. Die Zauberflöte aber wird heute in einer wahrhaft zauberhaften Inszenierung auch im Ständetheater gespielt. Anfang Februar 2018 konnte ich sie dort sehen, einen Tag vorher den Lohengrin im Nationaltheater. So kam eines zum anderen, vermischt mit ein paar schönen Erinnerungen, die zwischen Bayreuth und Prag zwanglos vermittelten, und so entstanden damals diese Verse:

 

Du warst nie eine Pamina, eher

eine Königin der Nächte und der

freien Sonntage, doch

damals wie heute hieß die Oper

Lohengrin sitzt an der Moldau

und lässt seinen Blick am

Burgberg brechen

 

Frank Piontek, 22.3. 2020

 

 

Ein Prager Operngedicht

Einen Beitrag einsetzen? Über die Oper oder Anderes? In außergewöhnlichen Zeiten?

In außergewöhnlichen Zeiten muss man sich an Aufführungen erinnern können – und an Gedichte, die man mal geschrieben hat, weil in ihnen die Oper vorkam, in glücklichsten Fall die „Oper aller Opern“. So wurde Don Giovanni ja einmal genannt. Gekramt und geguckt im Gedichtefundus, und siehe da: Am 1. Juni 2009 schrieb ich, abends am Altstädter Ring sitzend, ein paar Verse, in denen auch die Oper vorkam, die in der Nähe eben jenes Rings uraufgeführt wurde.

 

Die Natürlichkeit

der Prager Wasserleitungen

harmoniert prächtig mit den Moldauuferwasserstellen

zuunterst des Bergs am

Rande des großen Flusses

Sechsachtelwellen von Klavier, Violine und Bariton – abends

In der großen Oper, statisch bewegt

 

Don Giovanni: ein Knochenmann tanzt

klappernd über die

Brücke, bewacht von den

Steinernen Männern

 

Wie Rabenvolk sitzen sie

auf den Balustraden der Kirchen

Plötzlich läuten die Glocken

dem Verbannten ein tausendstes,

vorletztes dünnes Gebet

 

Alle Pfeiler streben

natürlich nach oben

 

Keine Ahnung, was ich mir damals genau gedacht habe, als ich ein paar Prag-Bilder zusammensetzte, aber mit den Gedichten ist es vielleicht wie mit dem Tanz: Könnte man sie genau erklären, müsste man sie nicht schreiben.

Und auf die Libuše im Národni divadlo, irgendwann in der nächsten Spielzeit, freue ich mich jetzt schon wie ein Schneekönig – völlig unabhängig davon, dass ich genau diese Aufführung auf Youtube anschauen kann.

 

Frank Piontek, 20. März 2020

 

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