DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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OPER FRANKFURT

 

DER RING DES NIBELUNGEN

Kompletter Zyklus

besuchte Vorstellungen: Rheingold am 2. Juni, Walküre am 7. Juni, Siegfried am 10. Juni, Götterdämmerung am 17. Juni 2012

Die Quadratur der Scheibe

Der Ring des Nibelungen ist in zyklischer Aufführung nicht nur in Bayreuth ein Ereignis, das über herkömmliche Opernbesuche weit hinausgeht. Fast 19 Stunden inklusive Pausen beansprucht das Gesamtwerk. Wer soviel Freizeit der Kunst opfert, geht mit einer besonderen Gestimmheit zur Oper. Er befindet sich im Ausnahmemodus, ist aufnahmebereiter und damit auch begeisterungsfähiger als üblich. Wenn der letzte Ton der Götterdämmerung verklungen ist, hat man einen musikalisch-dramatischen Marathonlauf hinter sich. Man ist erschöpft, aber glücklich, ganz besonders in diesem Jahr in Frankfurt.

Die einzelnen Teile des Frankfurter Rings wurden allesamt im „Opernfreund“ bereits besprochen und sind nun in einer eigenen Rubrik zum Nachlesen versammelt. Die ausführlichen Beschreibungen der Inszenierung müssen hier nicht mehr wiederholt werden. Die Erfahrung der Gesamtschau innerhalb weniger Tage hat die positiven Einzeleindrücke bestätigt und den zwingenden Beweis geboten, daß ein als Ganzes gedachtes Werk auch als Einheit realisiert werden muß. Die Entscheidung des Produktionsteams, alle vier Teile des Ringes auf derselben Grundfläche spielen zu lassen, war so naheliegend wie in der Umsetzung heikel. Bei über 15 Stunden reiner Spieldauer scheint in einem Einheitsbühnenbild Langeweile vorprogrammiert. Die von Jens Kilian entworfene Frankfurter Scheibe leistet daher nicht weniger als die Quadratur des Kreises. Nun in der zeitlich gedrängten Abfolge erkennt man die Genialität dieser Konstruktion noch besser. Durch die Zerlegung der Scheibe in einzelne Ringe, die sich mit- und gegeneinander bewegen lassen und so immer neue Landschaften und Flächen schaffen, ist dem Bühnenbild alles Statische genommen. Es wird vielmehr zu einer raumgreifenden und belebten Skulptur, die als solche bereits so viel Faszination ausstrahlt, daß der Besuch dieser Produktion sich allein dafür schon lohnte. Das kongeniale Lichtdesign von Olaf Winter und einige sparsam eingesetzte Videoeffekte lassen die Scheibenringlandschaften zu Flüssen, Gebirgshöhen, Wiesen, Höhlen und geschlossenen Räumen werden. Mit traumwandlerischer Sicherheit changiert die Bühne zwischen Abstraktem und Konkretem. Eine ganze Welt, ein ganzer Kosmos werden hier heraufbeschworen.

Das Rheingold

Zur Einheitlichkeit trägt in Frankfurt auch die einheitliche Besetzung der die Ringteile übergreifenden Figuren bei. Alberich, Rheintöchter, Wotan, Fricka, Fafner, Erda, Brünnhilde und Siegfried haben durchgehend die selbe Körper- und Stimmgestalt, sogar die Figur der Waltraute ist sowohl im Chor der Walküren des zweiten Teils als auch im Soloauftritt des vierten Teils personenidentisch besetzt. So hat die Regie mehr als eine Oper lang Zeit, die wichtigsten Charaktere zu entwickeln, unterschiedliche Facetten der jeweiligen Persönlichkeit zu beleuchten und Wandlungs- und Entwicklungsprozesse plastisch zu machen. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für Wagners Idee vom Gesamtkunstwerk. Besonders eine über alle Ringteile einheitliche Besetzung vermag den Grad an Empathie des Publikums mit einer Figur zu wecken und zu steigern, durch den Singen und Darstellen miteinander verschmelzen, die Produktion von Gesangstönen als selbstverständliche Äußerungsform einer Person aus Fleisch und Blut erscheint, so daß man die künstlerischen Leistungen der Sänger unter einem besonderen Blickwinkel erfaßt. Besonders augenfällig wird dies bei den zentralen Rollen der Brünnhilde und des Siegfried.

Susan Bullock verkörperte die Brünnhilde drei Opern lang derart intensiv und glaubwürdig, daß die in den Kritiken der einzelnen Ringteile schon beschriebenen problematischen Aspekte ihrer Stimme fast völlig in den Hintergrund traten. Unverändert überzeugte sie vor allem in den dynamisch zurückgenommenen Bereichen, etwa in der eindringlichen Todverkündungsszene der „Walküre“. Selbst in der von Wagner endlos gedehnten Schlußszene im „Siegfried“ war die Erinnerung an ihre gute Leistung in der „Walküre“ noch so präsent und war ihre Darstellung einer ihre Liebe entdeckenden Frau wieder so überzeugend, daß es scheinen wollte, als klängen auch die exponierten Höhenlagen weniger scharf und kaum noch so schrill, wie man sie vom vergangenen Herbst nach der Einzelpremiere in unangenehmer Erinnerung hatte. Vollends nahm sie in der „Götterdämmerung“ für sich ein. Auch hier zeigte Bullock wieder eine hochprofessionelle Leistung, schonte sich nicht in der Verabschiedung Siegfrieds zu Beginn, bebte stimmlich schier vor Zorn bei der Eidesszene und hatte am Ende noch genügend Reserven für den langen Schlußgesang, den sie klug dynamisch abstufte.

Die Walküre

Professionalität und große vokale Kraftreserven sind auch die hervorstechenden Merkmale von Lance Ryan, an dem derzeit scheinbar kein Besetzungsbüro eines überregional wahrgenommenen Opernhauses vorbeikommt. Egal ob München, Bayreuth oder Berlin, allenthalben verkörpert er den Siegfried. Ausnehmend schön ist seine Stimme nicht, in Konversationspassagen sehr kopfresonanzlastig und mit teilweise häßlich verfärbten Vokalen, wie man sie immer wieder bei Sängern aus dem anglo-amerikanischen Raum hören kann, wenn sie sich an der deutschen Sprache versuchen. Gleichwohl: die anstrengenden Schmiedelieder im „Siegfried“ besaßen Saft und Kraft, auch die zahlreichen „Hoiho!“-Rufe wurden eindrucksvoll geschmettert. Dieses Mal gelang ihm in der Götterdämmerung sogar die Imitation des Waldvogelgesangs, mit der er im Frühjahr bei der Premiere noch seine liebe Not hatte.

Die geradezu zwingende Notwendigkeit der einheitlichen Rollenbesetzung erkennt man dort, wo sie ungeplant durchbrochen werden mußte. Terje Stensvold war im Rheingold und in der Walküre wieder ein in Stimme und Gestalt idealtypischer Göttervater – bis ihm ausgerechnet vor der Schlußszene der „Walküre“ erkältungsbedingt die Stimme versagte. Den Feuerzauber konnte er nur noch mit leiser und belegter Stimme herbeibeschwören. Im Siegfried mußte er dann kurzfristig ersetzt werden. Mit Tomasz Konieczny konnte zwar ein rollendeckender Ersatz gefunden werden, der trotz der Kürze der Vorbereitungszeit passabel mit den Regieanweisungen zurechtkam. Trotzdem war es eben nicht „der“ Wotan, den man kannte. Jünger, bulliger und vor allem in der Stimme grobschlächtiger konnte Konieczny trotz guter Leistung eben nicht mehr sein als ein Platzhalter.

Siegfried

Auch fast alle übrigen Rollen entsprachen der jeweiligen Premierenbesetzung. Für sie gilt, was die seinerzeitigen Kritiken im „Opernfreund“ schon ausführlich gewürdigt haben: Jochen Schmeckenbecher war mit kraftvoll-jugendlichem Bariton eine faszinierend unkonventionelle Besetzung des Alberich, Martina Dike mit klarem, runden Mezzo eine auch stimmlich attraktive Fricka, Kurt Streit ein quecksilbrig-gleißender Loge, Meredith Arwardy mit dunklem, vibrato- und resonanzreichem Alt eine intensive Erda, Ain Anger ein bedrohlich-brutaler Hunding mit satter Baßstimme, Peter Marsh ein agiler Mime, der stimmlich kräftig genug war, um dem jungen Siegfried Paroli zu bieten. Johannes Martin Kränzle erreichte darstellerisch und stimmlich eine Aufwertung der meist nur blassen Figur des Gunther, Anja Fidelia Ulrich gab mit blühendem, runden Sopran ein Vollweib, dessen Verführungskraft auf Siegfried nachvollziehbar war, Claudia Mahnke war eine hochdramatische Waltraute, die auf ihre Sieglinde in der Ring-Wiederaufnahme zu Beginn des kommenden Jahres neugierig machte.

Steigern konnte sich im Vergleich zur Premiere Gregory Frank als Hagen, dem diesmal auch das Herbeirufen der Gibichsmannen eindrucksvoll gelang. Zunehmend problematisch ist die stimmliche Verfassung von Frank van Aken. Er posierte als Siegmund stimmlich gerne an exponierten Stellen (regelrechte Kraftmeierei bei den „Wälse“-Rufen), kassierte dafür auch heftigen Applaus, bekam seine Stimme aber immer öfter nur noch mit großer Anstrengung in den Griff. Er kämpfte immer wieder mit Ansatz und Stütze und klang mitunter etwas heiser. Das war auch schon bei seinem Tristan vor einem Jahr so und jüngst auch wieder bei seinem Maurizio in Adriana Lecouvreur. Dort gab es manche Aussetzer, die er beim Siegmund glücklicher Weise vermeiden konnte. Schön ist es trotzdem nicht, wenn man bei jeder längeren oder höheren Passage Sorge darum haben muß, ob sie auch unfallfrei zu Ende gebracht wird.

Götterdämmerung

Die einzige Umbesetzung einer Hauptrolle barg auch die größte Überraschung: Amber Wagner, eine junge Amerikanerin, gab ihr Deutschlanddebüt mit der Sieglinde. Es geriet ihr zum Triumph. Gerade diese Rolle war in der Walküren-Premiere in besonderer Weise von Eva Maria Westbroek geprägt worden, von der viele Kritiker sagen, sie sei derzeit international die beste Sieglinde. Westbroek und van Aken sind zudem im wirklichen Leben verheiratet, so daß beide seinerzeit ein Wälsungenpaar von selten gesehener Leidenschaft und Innigkeit gaben. Darstellerisch nun war Amber Wagner anfangs ein wenig reserviert, auch das Zusammenspiel mit Frank van Aken war zwar adäquat, gelangte aber nicht zu der aus der Premiere bekannten ekstatischen Überhitzung. Was die junge Sängerin allerdings gesanglich leistete, war schlicht atemberaubend. Eine solch üppig-warme, runde und doch gewaltige jugendlich-dramatische Stimme hat man schon lange nicht mehr gehört. Zu Recht belohnte das Publikum sie am zweiten Ring-Abend mit dem größten Applaus von allen Darstellern.

Großartig wie schon in den Premieren war auch wieder die Leistung des Orchesters: farbig, üppig, differenziert, plastisch und mit berückenden Soli. Sebastian Weigle am Pult führte aufmerksam durch die Partitur, legte manches bisher unterbelichtete Detail frei, verzettelte sich jedoch nie, sondern behielt souverän die Gesamtdisposition im Blick. Die Sänger wurden auf Händen getragen, bei den reinen Orchesterpassagen drehen die Frankfurter Musiker mächtig auf, am Ende des „Siegfried“ und in der „Götterdämmerung“ vielleicht mitunter für die akustischen Verhältnisse des Frankfurter Zuschauerraums etwas zu stark. Welche geradezu symbiotische Beziehung sich mittlerweile zwischen Dirigent und Orchester entwickelt haben muß, zeigte sich am Ende der Walküre. Die plötzlich durchbrechende Indisposition von Terje Stensvold wurde sofort von Weigle aufgefangen. Er dimmte den Orchesterklang gleichsam so zurück, daß Stensvold Wotans Abschied noch unter Wahrung seiner sängerischen Würde absolvieren konnte. Der Klang blieb dabei dicht und ausgewogen zwischen allen Orchestergruppen. Es war lediglich so, als habe man den Lautstärkenregler einer High-End-Stereoanlage etwas nach unten gedreht.

Vera Nemirovas Inszenierung hat auch beim wiederholten Betrachten nichts von ihrer Eindringlichkeit und Plausibilität verloren. Die Handlung wird in großer Klarheit ausgebreitet und spannend erzählt. Die Regisseurin läßt die Ringskulptur des Bühnenbildners souverän bespielen, arrangiert immer wieder wirkungsvolle Tableaus, scheut auch vor Pathos nicht zurück und würzt alles mit einer kräftigen Prise Humor. Diese Inszenierung eignet sich gut für Ring-Neulinge, denn es wird eine ungemein frische Verlebendigung des Stoffes geboten, die mit klugen Einfällen spielend-spielerisch über die berüchtigten Längen hinweghilft, ansteckende Freude am Erzählen hat und stimmige Bilder für die mythischen und tragischen Anteile findet. Gleichwohl kommen auch Wagner-Kenner auf ihre Kosten, deren Verständnis für den elaborierten Text vertieft und erweitert wird.

Michael Demel (Juni 2012)

 

Bilder: Monika Rittershaus

 

 

Einzelkritiken:

 

 

GÖTTERDÄMMERUNG

besuchte Vorstellung: 26. Februar 2012 (Premierenserie)

 

Ein starkes Ende

Die vorangegangenen Teile des Frankfurter Rings hatten hohe Erwartungen geweckt. Neugierig und ein wenig bang war man beim Besuch der Götterdämmerung. Um viertel vor elf in der Nacht ist dann klar: Diese Inszenierung hält nicht nur das Niveau von Rheingold, Walküre und Siegfried, Vera Nemirova erreicht in scheinbarer Mühelosigkeit sogar noch eine Intensivierung. Daß ihr die Szenen menschlicher Interaktion gelingen würden, war nach den vorangegangenen Teilen zu erwarten. Von der Ankunft Siegfrieds in der Gibichungenhalle, der betrügerischen Überwältigung Brünnhilds bis zum großen Racheterzett zeigt Nemirova mit ihrem perfekten Regiehandwerk spannendes und nuanciertes, mitunter ironisch gebrochenes Theater erster Güte. Daß die Regisseurin allerdings mit scheinbarer Mühelosigkeit die mythischen Anteile wie die Nornenszene zu Beginn und den Weltenbrand am Ende ebenso ernsthaft wie unverkrampft, ebenso eindringlich wie unpathetisch präsentieren kann, hebt diesen Abschluß des Frankfurter Rings aus dem bisher Geleisteten heraus.

Der Kern dieser durch und durch gelungenen Regiearbeit ist neben der Musikalität Nemirovas ihre exzellente Textkenntnis. Die Konwitschny-Schülerin hat mit Genauigkeit und visueller Intelligenz das vielgeschmähte „Regietheater“ zugleich rehabilitiert und überwunden, indem sie seine Stärken wie die ausgefeilte Personenführung und psychologische Individualisierung noch verfeinert, die Schwächen wie die oft penetrante Thesenlastigkeit und die mitunter unerträglich holzhammerhaften Provokationen aber beiseitegelassen hat. Frei nach Odo Marquard: „Interpretation ist die Kunst, aus einem Text herauszulesen, was nicht drin steht – wozu brauchte man sie sonst, wo man doch den Text hat?“ Nemirova genügt es in erster Linie, den Text zu haben. Sie denunziert ihn nicht wie etwa Barrie Kosky in Essen und Hannover, sie liest nicht heraus, was nicht drin steht. Sie liefert keine jener inzwischen zur abgestandenen Masche gewordenen szenischen Überschreibungen. Vielmehr entfaltet sie den Text – in all seinen Nuancen. Wie schon in den anderen Ringteilen hat man auch in dieser Inszenierung den Eindruck, man nehme viele Textstellen zum ersten Mal wahr – und entdeckt ihre Genialität.

Für die mythischen Rahmenszenen findet Nemirova auf der inzwischen schon legendären „Frankfurter Scheibe“ des Bühnenbildners Jens Kilian einleuchtende und starke Bilder. In diesen Rahmenszenen vor allem verknüpft sie die Regieeinfälle der drei vorangegangenen Teile mit dem Endspiel. Auch hier nimmt sie zunächst einfach die Bilder des Textes visuell auf: Die Nornen spinnen Schicksalsfäden und überziehen damit nach und nach das auf der Bühne stumm präsente Personal des Rheingolds mit einem immer dichter und verworrener werdenden Netz, während sie einander die bisherigen Ereignisse erzählen. Die auf dem Scheibenrand sitzenden Rheintöchter lassen sich teilnahmslos verstricken. Nicht aber Alberich. Er zerschneidet schließlich den Schicksalsfaden. Ein genialer Regieeinfall: Alberichs Raub des Rheingolds hatte den Ausgangspunkt gesetzt, seine Verfluchung des Rings eine steigende Zahl von Todesopfern hervorgerufen. Nemirova zeigt ihn als Anarchist und mephistofelischen Unruhestifter. So bleibt Alberich auch das ganze Stück über präsent. Er taucht nicht nur wie üblich in Hagens Traumszene auf, um seinen Bastard zu instrumentalisieren. Er ist es auch, der Siegfried zu Beginn des letzten Aufzugs während der Jagd in einem Bärenkostüm in die Irre leitet. Wieder hat hier Nemirova Wagners Text genau gelesen: „Ein Albe führte mich irr.“ Schließlich überläßt die Regisseurin Alberich  – und das ist ihr einziger Eingriff in Wagners Text – die Schlußworte des Stücks. Selbst dieser kleine Eingriff, so überraschend er ist, wirkt nicht aufgesetzt, sondern konsequent entwickelt. Und das funktioniert so: Nach Gutrunes Wehklagen um den getöteten Siegfried betritt Brünnhilde würdevoll und abgeklärt die Scheibe zu ihrem Schlußgesang. Sie singt ihn an der Rampe – das kennt man von Carsen in Köln und Kosky in Essen als Verlegenheitslösung. Nemirova nimmt dies aber zum Ausgangspunkt ihres in dieser Inszenierung größten Regiecoups. Zu den Worten „So werf ich den Brand in Wallhalls prangende Burg“ schleudert Brünnhilde den Ring in das Publikum, welches zugleich von einem grellen Lichtblitz aus einer Batterie von Scheinwerfern geblendet und regelrecht überwältigt wird. Auf der Weltenscheibe versammelt sich das Ringpersonal aller vier Teile. Das Licht im Zuschauersaal geht an. Die bisherigen Protagonisten haben ausgespielt und blicken das Publikum an: Jetzt seid Ihr dran! In der rechten Proszeniumsloge haben die stark gealterten Götter Platz genommen, genau dort, wo die Regie sie zum Ende des Rheingolds zurückgelassen hat. Rechts aber räkelt sich Alberich. Schließlich springt er auf, stürzt vor die erste Publikumsreihe, schaut entsetzt in den Zuschauerraum und warnt: „Zurück vom Ring!“ Was für ein starkes Ende!

Die musikalische Seite bildet mit der Szene eine Einheit wechselseitiger Verstärkung und Durchdringung. Sebastian Weigle fächert die Partitur gewohnt farbig und detailreich auf. Dieser Interpretationsansatz ist da am stärksten, wo die Musik am leisesten und nachdenklichsten ist. Die sonst oftmals quälend zähe Nornenszene gelingt in großer Dichte und Eindringlichkeit bei nie nachlassender Spannung. Das Orchester folgt mit großem Einsatz und leistet sich bei netto viereinhalb Stunden Musik wenige Unkonzentriertheiten. Lediglich der Solotrompeter hatte gelegentlich mit seinem Ansatz zu kämpfen.

Weigle trägt wie immer die Sänger auf Händen, so daß keiner zum Stemmen von Tönen und Überforcieren genötigt wird. Es wird wieder vorbildlich textverständlich gesungen. Die darstellerischen Leistungen sind ausnahmslos vorzüglich. Nur so konnte Nemirovas Regieansatz aufgehen. Besonders eindrucksvoll ist die von Johannes Martin Kränzle bewirkte Aufwertung des Gunther. Eine großartige Charakterstudie, die ihren Gipfelpunkt im Trauermarsch findet: Viel zu spät wird Gunther von Reue über den geplanten Mord an Siegfried gepackt. Er kann ihn nicht mehr verhindern. Seine Erschütterung hierüber teilt sich dem Publikum mit. Dieser Moment geht unter die Haut. Stimmlich ist der „Sänger des Jahres“ ohnehin über jeden Zweifel erhaben. Auch die übrige Besetzung wird hohen Maßstäben gerecht, von den sonoren Nornen, den wohlklingenden, aber zickigen Rheintöchtern, der von Anja Fidelia Ulrich mit rundem, satten Sopran als Vollweib gegebenen Gutrune bis hin zur großartigen Claudia Mahnke, die sich mit ihrer Waltraute nachdrücklich für weitere Wagnerrollen empfiehlt. Gregory Frank zeichnet den Hagen meist eher hintergründig als brutal. Sein Kriegsruf („Ihr Gibichsmannen, machet euch auf“) führt ihn jedoch an stimmliche Grenzen. Er ist hier – an diesem Abend unter allen Sängern eine Ausnahme – zum berüchtigten „Bayreuth-Barking“ gezwungen.

Die Hauptpartien der Brünnhilde und des Siegfried adäquat zu besetzen, ist seit Jahrzehnten auch an den führenden Häusern ein Problem. Daß Frankfurt mit Lance Ryan hierbei einen der derzeit international beinahe konkurrenzlosen Siegfried-Sänger gewonnen hat, sieht man daran, daß Ryan in derselben Rolle auch für den neuen Ring in München und den Jubiläumsring in Bayreuth gebucht ist. Die Zumutungen der Partie besteht er, indem er auf Kopfresonanz setzt und in die Maske singt. Das führt zu mitunter sehr häßlichen offenen Vokalen und klingt insgesamt mehr nach Charakter- als nach Heldentenor. Zu seinem Rollenporträt als unerschrockener Hinterwäldler paßt das aber wie schon im Siegfried recht gut. Die Gesamtbetrachtung von Darstellung und Gesang läßt auch das Urteil über Susan Bullocks Brünnhilde letztlich positiv ausfallen. Dabei beginnt sie in der Götterdämmerung, wie sie im Siegfried aufgehört hat: mit zu heller, beinahe schriller Stimme, die zudem bereits ältlich klingt. Doch schon in der Waltrauten-Szene nimmt ihre Darstellung mehr und mehr für sich ein, so daß die unleugbaren stimmlichen Defizite in den Hintergrund treten. Völlig eins mit der Figur wird sie in den nun folgenden Szenen der Erniedrigung. Die Defizite an vokaler Strahlkraft kann sie – wie schon in der Walküre – durch Nuanciertheit im Leisen und Nachdenklichen mehr als ausgleichen. Ihre Wandlung von der liebenden zur gebrochenen und schließlich rachsüchtigen Frau wird schauspielerisch beeindruckend entwickelt. Den großen Schlußgesang schließlich bewältigt sie wacker. Auch hier sind es die nachdenklichen, abgeklärten Töne, die für den Mangel an stimmlichem Stahl entschädigen.

Das Konzept des „Rings aus einem Guß“ ist aufgegangen. Die variable Welten-Scheibe hat sich als fabelhafter Spielort für Nemirovas einfallsreiche Regie erwiesen. Sängerdarsteller und Orchester musizieren spannungsreich und intensiv. In Frankfurt ist man Wagners Traum vom Gesamtkunstwerk sehr nahe gekommen. Bühne, Regie, Darstellung und Musik greifen ineinander über, durchdringen und verstärken einander wechselseitig zu einem größeren Ganzen. Die Vorfreude auf die zyklische Aufführung im Sommer ist groß.

Michael Demel

 

 

SIEGFRIED

Vorstellung am 19.11.2011 (Premierenserie)

Aufregend unaufgeregt

Der Frankfurter Ring hat den Siegfried erreicht und damit den für die Regie undankbarsten Teil der Tetralogie. Über weite Strecken passiert im Libretto rein gar nichts: Man erzählt einander auf der Bühne lang und breit Dinge, die bereits alle wissen. Zum Schmieden eines Schwerts singt der Protagonist zwei lange mehrstrophige Lieder und tut dabei nichts anderes, als im Rhythmus der Musik auf einen Amboß einzuschlagen. Und wenn dann endlich doch etwas passiert, sind es Ereignisse von der Qualität eines Kampfes mit einem Drachen, was auf der Bühne eigentlich immer nur peinlich aussehen kann.

Daß es in der Inszenierung von Vera Nemirova zweieinhalb Aufzüge lang keine Minute langweilig und obendrein nie peinlich wird, ist daher eine nicht zu unterschätzende Qualität. Dabei reichert die Regisseurin die Szene mit nichts an, was nicht im Text Wagners angelegt wäre. Nemirova verzichtet auf platte Aktualisierungs- und Politisierungsattitüden, verfällt aber auch nicht in altbackene Ausstattungsorgien mit Rampensteherei. Was hier gezeigt wird, ist handwerklich gekonntes Musiktheater. Bewegungen, Gesten und Blicke folgen bei aller Originalität im Einzelnen letztlich doch der Musik. Auf der Bühne stehen keine regietheaterhaften Thesen, sondern Personen aus Fleisch und Blut. Jede Rolle ist typgerecht besetzt, jeder Sänger ein glaubwürdiger Darsteller einer individuell-charakteristisch gezeichneten Figur.

Lance Ryan ist als Prachtexemplar von einem naiven-draufgängerischen Junghelden zwar ein direktes Zitat aus Fritz Langs Nibelungen-Stummfilm. Die Entwicklung vom großen Kind zum Mann ist jedoch nuancenreich herausgearbeitet. Stimmlich dürfte Ryan derzeit konkurrenzlos sein. Die kraftraubenden Schmiedelieder bewältigt er scheinbar mühelos. Es spricht für die Sorgfalt der Einstudierung, daß er in Frankfurt auch ungewöhnlich viele leise Töne zeigen darf. Eine Klasse für sich ist der sensationelle Terje Stensvold als Wanderer. Mit sattem und gereiftem Heldenbariton präsentiert er ein faszinierendes Wotan-Porträt zwischen Würde, überlegener Abgeklärtheit und Resignation. Jochen Schmeckenbecher als in Stimme und Erscheinung ungewohnt jugendlicher und wohltönender Alberich hält tapfer dagegen. Er liefert keine Karikatur ab, sondern einen virilen und von Ehrgeiz getriebenen Schurken. Ebenfalls ungewohnt jugendlich in Stimme und Gestalt kommt der Mime von Peter Marsh daher. Ein ewig zu kurz gekommener, verklemmter Nerd, der zum Opfer seiner verdrucksten Machtphantasien wird. Mit sattem, dunkel eingetöntem Alt gibt Meredith Arwardy ihre Erda in der aus dem Rheingold bereits bekannten Gestalt einer Venus von Willendorf im Eigenhaarpelz. Magnus Baldvinssons Fafner klingt in technischer Verstärkung hinter der Szene angemessen bedrohlich, später auf offener Bühne auf das Normalmaß eines überraschend wohltönenden Basses zurückgestutzt, was wiederum zur Optik paßt, zeigt ihn doch die Ausstattung als Gehäuteten, der aussieht wie ein lebendes Plastinat des Gunther von Hagens.

Die Idee, den Waldvogel von einem Tänzer darstellen zu lassen, wird von Alan Barnes derart überzeugend umgesetzt, daß man es sich künftig gar nicht mehr anders wird vorstellen können. Und wenn die in Siegfrieds Ohren durch Drachenblutgenuß enttarnten Verlogenheiten Mimes in den Übertiteln im scheinheiligen Originaltext ablaufen, während auf der Bühne die bösartige Übersetzung erklingt, ist das so einleuchtend, daß man sich fragt, warum da vorher noch keiner drauf gekommen ist.

Als wandlungsfähig erweist sich erneut Jens Kilians bühnenfüllende Scheiben-Plastik. Nach dem Wasser-Blau im Rheingold und dem Baumring-Braun in der Walküre ist nun ein Waldmoos-Grün die bestimmende Oberflächenfarbe. Wie schon in Rheingold und Walküre entstehen durch Drehen des Gesamtapparats sowie durch Öffnen und Gegeneinanderbewegen seiner Einzelringe immer neue Raumgebilde. Mit Hilfe der Beleuchtung gelingen stimmungsvolle Bilder. Das Waldweben wirkt ebenso schlicht wie schön, wobei dem Regieteam das Kunststück gelingt, Lindenblätter von der Bühnendecke regnen zu lassen, ohne daß es kitschig aussieht. Der Feuerring, der sich am Ende der Walküre über Brünnhilde gesenkt hat, verfehlt auch dieses Mal seine Wirkung nicht. Man ist gespannt, welche Facetten die „Frankfurter Scheibe“ in der Götter-dämmerung zeigen wird.

Nemirova verwebt den Siegfried unaufdringlich mit den vorangegangenen Inszenierungen von Rheingold und Walküre. Das Wälsungen-Wolfsfell wirft sich nun der Wälsungen-Sohn Siegfried um, nachdem es zuvor die zerborstenen Stücke von Nothung geborgen hat, Brünnhildes Kleid aus der Walküre hat Wotan als Kopftuch um sein Haupt geschlungen – was erst klar wird, als er es zur Erinnerung an die gemeinsame Tochter in der Erda-Szene abnimmt und wehmütig ausbreitet. Auch die Idee, den Inhalt der Abfragerei zwischen Wanderer und Mime schultafelhaft mit Kreide an die schwarze Wand zu malen (und damit mild zu karikieren), hat Nemirova in der Walküre bereits anderweitig eingesetzt.

Musikalisch ist das Orchester der neben Terje Stensvold und Lance Ryan dritte große Hauptdarsteller des Abends mit einem Klang, der zugleich farbig-dicht, wo nötig kraftvoll, wo möglich hauchzart und transparent ist. Sebastian Weigle am Pult breitet Schönheit, Komplexität und Farbenreichtum der Partitur in meist mäßigen Tempi aus, hält jedoch traumwandlerisch sicher die musikalischen Spannungsbögen. Die Sänger haben dadurch die Gelegenheit zur sorgfältigen Textausdeutung. Es wird durchweg gut artikuliert, so daß man fast jedes Wort versteht. Es ist eine weitere herausragende Qualität dieser Aufführung, daß es ihr bei allem musikalischen Glanz gelingt, gerade auch dem Text zu seinem Recht zu verhelfen. Musik und Regie befinden sich im Einklang. Eine Produktion aus einem Guß.

Nur die Schlußszene nach Brünnhildes Erwachen ist so langwierig wie ehedem. Susan Bullocks teilweise doch sehr angestrengter Gesang macht es nicht besser. Für die Götterdämmerung läßt dies nichts Gutes ahnen. Sicher, das Orchester spielt immer noch so nuanciert wie die fünf Stunden zuvor und Lance Ryan schlägt sich nach dem Heldengesangsmarathon auch auf dem letzten Kilometer noch achtbar. Das kann aber nicht davon ablenken, daß es sich hier um Wagners schwächsten Opernschluß handelt.

Insgesamt ist das Team Nemirova/Weigle den Weg eines unaufgeregt aufregenden, entspannt spannenden Rings auch im Siegfried konsequent, mit größter Sorgfalt und allerhöchster Qualität weitergegangen. Die Meßlatte für die Götterdämmerung haben sie nun selbst denkbar hoch gelegt. Weißt du, wie das wird?

Michael Demel

 

 

 

DIE WALKÜRE

Besuchte Aufführung: 5.5.2019 (Premiere: 31.10.2010)

Menschendrama auf Wieland Wagners Scheibe

Richard Wagner hätte seine helle Freude gehabt. Das war ein Opernabend, wie man ihn nicht so schnell wieder vergisst. Diese „Walküre“ ist schon etwas ganz Besonderes! In der Tat dürfte es sich bei der Inszenierung von Vera Nemirova im Bühnenbild von Jens Kilian und den Kostümen von Ingeborg Bernerth um eine der gelungensten Deutungen des Werkes handeln. Ungemein beeindruckend ist schon die Gestaltung der Bühne. Sie wird von vier konzentrische Kreise bildende Ringen bestimmt, die mit Hilfe der häufig eingesetzten Drehbühne gegeneinander verschoben werden können und in immer neuen Formationen die unterschiedlichen Handlungsorte bilden. Oftmals nehmen die Ringe auch die Gestalt einer riesigen Scheibe an. Hier fühlt man sich nachhaltig an Wieland Wagner erinnert. Wenn diese Produktion der Walküre eine der bedeutsamsten Interpretationen der Gegenwart ist, dann nicht zuletzt wegen dieser ausgezeichneten Anknüpfung an den genialen Wagner-Enkel, dessen Stil das Regieteam hier gekonnt aufgenommen und beeindruckend weiterentwickelt hat. Das war ein Labsal für das Auge.

Für diesen an Neu-Bayreuth gemahnenden Ansatzpunkt ist Vera Nemirova nicht genug zu loben. Ihr ist eine grandiose, zeitlos gültige Deutung von hoher Aussagekraft gelungen, die sich nachhaltig in das Gedächtnis einprägte. Die ungemein packende, abwechslungsreiche und stringente Führung der Personen zeugt ebenfalls von den Qualitäten der Regisseurin, die hier eine Sternstunde ihres großen Könnens abgeliefert hat. Im Aufzeigen von ausgeprägten Emotionen und zwischenmenschlichen Beziehungen ist sie ganz groß. Behutsam werden die Sänger/innen von ihr an die Hand genommen und zu größtenteils darstellerischen Höchstleistungen animiert. Frau Nemirova weiß, auf was es bei spannendem Musiktheater ankommt. Sehr einfühlsam schildert sie die Beziehung zwischen den Wälsungen-Geschwistern, die von Anfang an von großer Zuneigung und Zärtlichkeit bestimmt wird. Aus gegenseitigem Mitleid erwächst eine große Liebe, die Siegmund und Sieglinde voll ausleben. Der emotionale Faktor wird hier ganz groß geschrieben.

Prägnant stößt die Regisseurin bis an die archaischen Grenzen des Geschehens vor, die sie prägnant auslotet. Dabei legt sie auf den humanen Faktor großes Gewicht. Ihr geht es um Menschenschicksale, nicht um eine Göttertragödie. Konsequenterweise erscheinen auch die Asen als Menschen. Wotan stellt ein ziemlich heruntergekommenes Exemplar der Gattung homo sapiens dar, dessen unvorteilhafter schwarzer Anzug und das zu Beginn des zweiten Aufzuges mitgeführte Sektglas nur noch als schwache Erinnerungen an seine längst vergangene Glanzzeit zu verstehen sind. Die Fallhöhe des Göttervaters wird überdeutlich. Bereits zum jetzigen Zeitpunkt kann er sein Schicksal nicht mehr ändern. Da ist es auch nicht hilfreich, wenn er einen mit Kreide an die Wand gezeichneten Stammbaum aller Beteiligten von Rheingold und Walküre nach seinem Gutdünken verändert. Auch die recht modern und burschikos gezeichnete Brünnhilde und die damenhafte Fricka, die am Ende des zweiten Aufzuges noch einmal auftreten darf - ein treffliches Tschechow’sches Element - nehmen ihnen genehme, letztlich aber ebenfalls ins Leere gehende Variationen an dem Wandbild vor. Das war alles sehr überzeugend.

Darüber hinaus gelingen Frau Nemirova äußerst eindrucksvolle und stimmungsvolle Bilder. Wunderbar mutet bereits der von ständigem Schneetreiben geprägte erste Aufzug an. Erst bei den Winterstürmen lässt der Schneefall allmählich nach. Gleichzeitig beginnt der Horizont in strahlendem Rot zu glänzen - eine herrliche Impression von enormer Poesie. Hier wird mit einfachen Mitteln eine große Wirkung erzielt. Ein guter Regieeinfall war es, dass Sieglinde während der Todesverkündigung im zweiten Aufzug einmal aus ihrer Ohnmacht erwachen darf. Einen mächtigen Eindruck hinterließ auch der von etlichen Särgen gesäumte Heldenfriedhof des dritten Aufzuges. Rührend ist das Ende gestaltet: Brünnhilde schläft im Zentrum der Scheibe ein. Wotan legt ihr ihren Brustpanzer wieder um, den er ihr zuvor mitsamt ihrem Kleid abgenommen hatte, und setzt ihr ihren Flügelhelm wieder auf. Dann deckt er die Tochter mit seinem Mantel zu. Diese Aktionen atmen ganz große väterliche Liebe. Vom Schnürboden senkt sich ein gewaltiger naturalistischer Feuerring herab, der die Schlafende einschließt. Ein Bravo für die gelungene Regie! Die szenische Leitung der Wiederaufnahme lag bei Hans Walter Richter.

Auch mit den Sängern/innen konnte man zufrieden sein. Gut gefiel James Rutherford, der mit kräftigem, sonorem, bestens gestütztem und differenziert eingesetztem Heldenbariton einen trefflichen Wotan sang, dem er auch darstellerisch voll gerecht wurde. Die Brünnhilde von Christiane Libor war bei den einleitenden Hojotoho-Rufen intonationsmäßig noch nicht ganz lupenrein, bekam dieses Problem aber schnell in den Griff und vermochte in der Folge mit einem nuancenreichen und warm eingesetzten hochdramatischen Sopran für sich einzunehmen. Übertroffen wurde sie von Amber Wagner, die als Sieglinde eine phänomenale Leistung erbrachte. Eine satte Alt-Tiefe steht der Sängerin in gleichem Maße zur Verfügung wie strahlende, vorbildlich fokussierte Spitzentöne. Die Jubelausbrüche der menschlichen Wotans-Tochter gehörten zu den Höhepunkten der Aufführung. Das war eine ganz große Leistung! Seit ich ihn das letzte Mal in Karlsruhe mit der Rolle gehört habe, hat sich der Siegmund von Peter Wedd beachtlich gesteigert. Er sang kräftig, mit guter Körperstütze und solider baritonaler Grundlage. Großen stimmlichen Glanz verbreitete Claudia Mahnkes äußerlich sehr elegante Fricka. Ein solider Hunding war Taras Shtonda. Zu dem homogen singenden, bestens aufeinander abgestimmten Ensemble der kleinen Walküren gehörten Irina Simmes (Gerhilde), Elizabeth Reiter (Ortlinde), Nina Tarandek (Waltraute), Katharina Magiera (Schwertleite), Ambur Braid (Helmwige), Karen Young (Siegrune), Stine Marie Fischer (Grimgerde) und Judita Nagyová (Rossweise).

Den Vokalsolisten/innen ein umsichtiger Begleiter war GMD Sebastian Weigle am Pult. In oft recht bedächtigen Tempi wies er dem versiert aufspielenden Frankfurter Opern- und Museumsorchester den Weg durch Wagners anspruchsvolle Partitur und setzte insgesamt auf gute Differenzierungen und eine Vielfalt an Farben. Daraus resultierte ein sehr abwechslungsreicher Klangteppich, der sich obendrein durch große Dramatik, aber auch schöne Pianissimi auszeichnete. Dabei behielt der Dirigent nicht nur den großen Bogen stets im Auge, sondern verstand sich auch ausgezeichnet auf feine Detailarbeit. Zu Recht erhielt auch er am Ende großen Applaus.

Fazit: Eine in jeder Beziehung phantastische Aufführung, die jedem Opernfreund aufs Wärmste empfohlen wird!

 

Ludwig Steinbach, 6.5.2019

 

DAS RHEINGOLD

Besuchte Aufführung: 6.5.2018 (Premiere: 2.5.2010)

Hommage an Wieland Wagner

Das war ein gelungener Opernabend! Die Aufführung von Wagners „Rheingold“ an der Oper Frankfurt gestaltete sich zu einem großen Erfolg für alle Beteiligten. Insbesondere die Inszenierung von Vera Nemirova konnte wieder einmal nachhaltig beeindrucken. Die durchweg phantastische Produktion fasziniert in erster Linie durch ihre die Archaik des Stoffes betonenden Bilder. Den von Jens Kilian geschaffenen Bühnenraum dominieren vier saturnähnlich angeordnete Ringe sowie eine Scheibe als Mittelstück. Die Ringe sind miteinander und gegeneinander drehhbar. Mal bilden sie eine gerade Fläche, mal eine zerklüftete Landschaft. Insbesondere wenn die Scheibe in ihrer originalen Gestalt zum Vorschein kommt, wird offenkundig, dass die Regisseurin hier Wieland Wagner huldigt. In genialer Art und Weise beschwört sie die Erinnerung an den genialen Wagner-Enkel herauf, dessen Stil sie auf faszinierende Weise aufnimmt, fortführt und modifiziert. Frau Nemirovas Bezugnahme auf Neu-Bayreuth ist ausgesprochen reizvoll und gibt dem Ganzen eine sehr persönliche Note. Auch die gelungenen Kostüme von Ingeborg Bernerth gemahnen an das Bayreuth der 1950er Jahre. Nicht zuletzt sie lassen die Handlungsträger zu Archetypen werden. Ein Extralob gebührt dem Beleuchtungsteam, das die erhabene Ästhetik des Bühnenbildes noch intensivierte.

In diesem sehr schön anmutenden Ambiente spielt sich die Handlung spannend, lebendig und energiegeladen ab. In Sachen ausgefeilter, intensiver Personenregie ist Vera Nemirova eine wahre Meisterin. Bei ihr gibt es keinerlei Leerläufe. Alles wirkt wie aus einem Guss. Ihr geht es nicht um vordergründige Aktualisierungen. Vielmehr beschränkt sie sich darauf, die Handlung einfühlsam und ohne Schnörkel zu erzählen, ohne deren Kern anzutasten. Dabei wartet sie mit zahlreichen gelungenen Regieeinfällen auf. In Erinnerung bleibt insbesondere das Ende des zweiten Bildes, in dem die gealterten Götter durch einige betagte Statisten gedoubelt werden. Diese Alter Egos sind es auch, die zum Schluss in die unsichtbar bleibende Burg Walhall einziehen. Deutlich wird, dass die Götterdämmerung bereits jetzt stattfindet. Währenddessen begeben sich die nun in moderne Abendanzüge und schicke Kleider gewandeten Götter/innen in die erste Reihe des Zuschauerraums. Zu guter Letzt ziehen sie sich in die Seitenlogen des Parketts zurück und feiern dort eine ausgelassene Sektpartie. Die Götter sind Menschen wie Du und ich. Walhall ist kein abgehobener mythischer Ort, sondern mitten unter uns. Die Götterburg ist überall. Präzise wird hier ein fragwürdiges Bild der modernen, kapitalistischen Gesellschaft kreiert, die die Regisseurin mit den Bewohnern Walhalls identifiziert und sie damit als ebenso eitel und machtkorrumpiert wie die Götter entlarvt.

Diese Vorgehensweise von Vera Nemirova beschränkt sich aber nicht nur auf die Asen. Ihre Kapitalismuskritik wird auch an anderer Stelle deutlich: So kommt Alberich im ersten Bild als moderner Geschäftsmann im dunklen Anzug daher. Dieser wird ihm von den grausamen Rheintöchtern, die die Regie als Pinup-Girls sieht, aber schnell genommen. Den Mädchen macht es sichtbar Freude, den Nibelungen zu quälen.  Das Rheingold entwendet der Zwerg in Unterhosen - hier eine deutliche Trotztat. Ebenfalls mit heruntergelassenen Hosen verflucht er später den Ring, nachdem er im dritten Bild als neureicher Snob im goldenen Anzug aufgetreten ist. Nibelheim ist ein unterhalb der „Ring“-Scheibe erscheinendes Bergwerk, die von Kindern dargestellten Nibelungen werden als Kumpel vorgeführt. Der Hort besteht aus Geldsäcken.

Gelungen ist auch die Charakterisierung der Personen. Die angebliche Klugheit der Götter wird von der Regisseurin augenzwinkernd mit einem riesigen Fragezeichen versehen. Diese scheint in der Tat nicht sonderlich ausgeprägt zu sein. Schlau ist hier lediglich das einen flammenden Bastrock über einer Lederhose tragende Zwitterwesen Loge. Bei seinem ersten Auftritt schwebt er auf einer Schaukel vom Schnürboden herab und entschwindet am Ende auf dieselbe Weise wieder nach oben. Die Riesen interpretiert Frau Nemirova als brutale Bergarbeiter, die indes auch komödiantische Züge aufweisen. Fasolt nennt aber auch eine weichere Seite sein eigen. Seine große Liebe zu Freia wird einfühlsam beleuchtet. Auch die als Teenager gezeichnete Göttin der Jugend entwickelt für Fasolt tiefe Gefühle. Auf seine Ermordung durch Fafner reagiert sie betroffen. Dass Freia ein Stockholm-Syndrom entwickelt, ist nicht mehr neu, aber immer wieder effektiv. Erda wird in Frau Nemirovas Interpretation von ihren drei minderjährigen Töchtern, den Nornen, begleitet. Auch das war ein ansprechender Einfall der Regisseurin. Insgesamt konnte man mit der Inszenierung sehr zufrieden sein.

Bei den Sängern hielten sich Positiva und Negativa die Wage. James Rutherford sang den Wotan mit kräftigem, voluminösem und höhensicherem Bariton sicher und ausdrucksstark. Auch darstellerisch bot er ein überzeugendes Portrait des hier noch jungen Göttervaters. Eine schauspielerisch ausgezeichnete Leistung erbrachte Jochen Schmeckenbecher als Alberich. Gesanglich verlieh er seinem Part mit maskiger Tongebung eine recht analytische Seite, war indes auf große Differenzierung bedacht. Auch der Loge von Kurt Streit überzeugte darstellerisch mehr als sängerisch. Sein heller Tenor wirkte reichlich flach. Äußerlich gab er sich sehr agil, beweglich und akrobatisch. Mit wunderbar fokussiertem Mezzosopran machte Claudia Mahnke in der Rolle der Fricka offenkundig, warum sich Wotan einst in seine spätere Frau verliebte. Geradlinig und mit schönem Legato sang Tanja Ariane Baumgartner eine imposante Erda. Sara Jakubiak ging voll in der Partie der Freia auf, der sie auch vokal mit gut sitzendem, farbenreichem Sopran ein treffliches Profil verlieh. Etwas eleganter hätte Alfred Reiters sich vor allem in der Mittellage wohl fühlender Fasolt klingen können. Ein robuster Fafner war Andreas Bauer. Dünn und überhaupt nicht im Körper sangen Michael McCown den Mime sowie AJ Glueckert den Froh. Lediglich mittelmäßig war die Leistung von Brandon Cedel als kehliger und diktionsmäßig oft verwaschener Donner. Bei Elizabeth Reiter (Woglinde), Jenny Carlstedt (Wellgunde) und Katharina Magiera (Floßhilde) waren die Rheintöchter in soliden Händen.

GMD Sebastian Weigle zelebrierte Wagners Werk zusammen mit dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester in recht langsamen Tempi, was ihm andererseits ermöglichte, die verschiedenen Facetten der vielschichtigen Partitur genau auszuloten. Seine Auffassung von Wagners Werk war recht romantischer Natur und in keiner Weise von einem Konversationston geprägt, wie ihn andere Dirigenten bei diesem Stück bevorzugen. Zielsicher steuerte er die vielfältigen Höhepunkte an, war aber auch auf Differenzierung und Durchsichtigkeit des Klangbildes bedacht.

Ludwig Steinbach, 7.5.2018

 

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