„Lady Magnesia “, Mieczysław Weinberg und „Zweimal Alexander“, Bohuslav Martinů
Mit einem Doppelabend über Eifersucht verabschiedet sich die Wiener Kammeroper womöglich nicht nur in die Sommerpause, sondern aus einer Zeit, in der man ihr noch eine Zukunft zutraute. Weinbergs „Lady Magnesia“ und Martinůs „Zweimal Alexander“ erscheinen an diesem Abend wie die letzte Erinnerung daran, wofür dieses Haus stand: für Neugier statt Sicherheit, für das Schräge, Unbequeme, Unverbrauchte. „Für den Fall, dass wir uns in dieser Welt nicht wiedersehen …“, haucht Lady Magnesia — und selten hat ein Opernsatz in so unheimlicher Weise über sich selbst hinausgesprochen. Denn über der Kammeroper, für deren Fortbestand inzwischen eine Petition kursiert, liegt der Schatten des Vorläufigen. Offiziell spricht man von einer für eine Saison „fixierten“ Pausierung. Tatsächlich ist vor allem die Ungewissheit fixiert. Was aus dem Haus werden soll, welche Sanierungen nötig wären und ob sie finanzierbar sind, wird bis auf weiteres „evaluiert“ — abhängig vom Budget 2027. Die Wiederaufnahme 2027/28 bleibt vorerst eine Beschwörungsformel. Ebenso gut könnte dieses Haus für Jahre verstummen… Weinbergs „Lady Magnesia“, 1975 komponiert nach George Bernard Shaws Farce Passion, Poison and Petrification, wurde erst 2009 in Liverpool konzertant und 2012 in Erfurt szenisch uraufgeführt. 2014 erfolgte die österreichische Erstaufführung am Mozarteum Salzburg. Das Stück nimmt ein Othello-Motiv auf und treibt es aus der Tragödie hinaus ins Absurde: Sir George (Peter Kirk) will aus Eifersucht seine Frau, Lady Magnesia (Josefine Göhmann), töten, doch bei Weinberg kippt der mörderische Ernst in eine grell lackierte Kunstkomödie.- Martinůs Opera buffa „Alexandre bis“ aus dem Jahr 1937, deren österreichische Erstaufführung 1980 ebenfalls an der Kammeroper stattfand, treibt dieses Spiel noch weiter. Ein Ehemann verkleidet sich als sein eigener Vetter, um die Treue seiner Frau zu prüfen — und schon dieser Einfall trägt den ganzen Wahnwitz einer Welt in sich, in der Begehren nur noch als Maskerade auftritt. Mit dem Verehrer Oskar wird daraus endgültig ein Spiel, in dem die Realität nur noch Dekor ist. Das lustvolle Stöhnen von Armande zu Beginn der Oper erinnert an Erwin Schulhoffs Sonata erotica für Solo-Müttertrompete von 1919. Regisseurin Anna Bernreitner begegnet diesen beiden Stücken mit jenem Vertrauen in das Groteske, das sie verlangen. Sie illustriert den Aberwitz nicht, sie setzt ihn aus. Die Figuren bewegen sich wie aufgezogene Puppen, die Bilder sind kalkuliert schief, das Timing sitzt. In „Lady Magnesia“ wird der Kammerdiener Adolphus Bastable (Jacob Phillips) mit Wand Gips zur singenden Statue, in „Zweimal Alexander“ belehrt ein singendes Porträt (Timothy Edlin) den Gatten moralisch — Einfälle, die das Lächerliche nicht entschärfen, sondern in seiner ganzen Künstlichkeit glänzen lassen. Freilich kippt der Abend bisweilen ins bloß Routiniert-Überdrehte; nicht jeder Gag hat Fallhöhe, nicht jede Überzeichnung schon Format. Aber immer dann, wenn die Inszenierung ihren Mut zum Unsinn wirklich ernst nimmt, entfaltet sie Sog. Das leicht variierte Einheitsbühnenbild mit zwei Betten auf rosa auslaufenden Füßen trifft den Ton genau: halb Kinderzimmer des Unterbewussten, halb Boudoir einer aus der Form geratenen Operettenwelt (Ausstattung: Manfred Rainer und Hannah Öllinger). In Martinůs Stück schafft ein großes Hintergrundbild Raum für das singende Porträt; in Weinbergs Stück lassen barockisierende Kostüme und Perücken ein von Shaw karikiertes, leicht verzopftes Britentum aufscheinen. Noch entschiedener stürzt Martinů ins Surreale, bis hin zu Brillen mit übergroßen schwarzen Pupillen. Wenn sich bei Weinberg plötzlich eine riesige Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger von der Decke senkt, blitzt für einen Moment jene wirklich halluzinierende Komik auf, die man sich an diesem Abend viel häufiger gewünscht hätte. Choreografisch wurde der Abend von Steffi Wieser aufbereitet, sowie durch die sensible Beleuchtung von Franz Tscheck. Musikalisch ist der Abend glänzend gehalten. Irene Delgado-Jiménez führte das Wiener Kammerorchester mit sicherer Hand durch zwei Partituren, die ihre Eigenarten scharf behaupten dürfen, ohne je auseinanderzufallen. Bei Weinberg mischen sich Swing-Anklänge, spätromantischer Schmelz und Bandeinspielungen zu einer grell schimmernden Kunstkomödie; Martinů antwortet mit impressionistischer Farbe und einem folkloristischen Zug, der das Leichte nie ganz harmlos werden lässt. Das junge Ensemble wirft sich mit Verve in diese Zumutungen. Josefine Göhmann gibt zweimal die untreue Gattin, Wilma Kvamme zweimal das intrigante Dienstmädchen; Peter Kirk wechselt vom eifersüchtigen Ehemann des ersten Stücks zum Liebhaber des zweiten, Jacob Phillips übernimmt die Gegenfigur. Timothy Edlin als das Porträt (Alexander II) und der Tänzer Johann Ebert als Alexander III bleiben in Martinůs Einakter Randpersonal, aber auch das gehört hier zur Mechanik des Spiels. Gerade weil dieser Abend mit ungewöhnlicher Klarheit zeigt, was die Kammeroper einmal war und bei etwas weniger kulturpolitischer Erfindungskraft im Organisieren des Mangels noch sein könnte, wirkt ihr institutioneller Zustand umso sprechender. Zu besichtigen ist nicht einmal die große Geste eines Abschieds, sondern deren sachbearbeitete Fassung: ein Haus im Provisorium, auf Sicht betrieben und einstweilen so lange evaluiert, bis sich das Problem womöglich von selbst erledigt hat. Dass ausgerechnet eine so spielfreudige und eigensinnige Doppelpremiere unter diesem Vorzeichen steht, gibt dem Abend jene besondere Melancholie, in der das Theater verlässlicher Auskunft erteilt als die kulturpolitischen Sprachregelungen, die seine Zukunft derzeit verwalten. Angesichts dieser düsteren Perspektiven fiel der Schlussapplaus nach beiden Einaktern mehr als überschwänglich aus.
Harald Lacina, 9. Juni 2026
Lady Magnesia / Zweimal Alexander
Mieczysław Weinberg / Bohuslav Martinů
MusikTheater an der Wien in der Kammeroper
Premiere am 2. Juni 2026
Regie: Anna Bernreitner
Musikalische Leitung: Irene Delgado-Jiménez
Wiener Kammerorchester