DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Vorstellung der Saison 2020/21

 

Mit einer Verspätung von zehn Tagen im Hinblick auf den ursprünglich angekündigten Termin hat die Oper Frankfurt nun ihren Spielplan für die neue Saison präsentiert. Auf den ersten Blick könnte man den Eindruck gewinnen, Intendant Bernd Loebe sei nach der Öffnungsorgie der vergangenen Tage zuversichtlich, daß es nun im Wochentakt so weitergeht mit den Lockerungen der Schutzmaßnahmen und daß bis zum Spätsommer alle Beschränkungen aufgehoben sein könnten. Jedenfalls wurde die schon vor dem Lockdown fertiggestellte Broschüre offensichtlich beinahe unverändert herausgegeben. Das Vorwort ist noch Corona-frei. Die erste Vorstellung soll bereits am 30. August stattfinden, obschon eine reguläre Opernaufführung mit Sicherheitsabstand auf und hinter der Bühne sowie im Orchestergraben bei den derzeitigen Auflagen undenkbar ist. Und in den Zuschauerraum passen bei 1,50 Meter Abstand nach allen Seiten keine 200 Besucher.

Das weiß natürlich Bernd Loebe. In seiner Videobotschaft zur Präsentation gibt er zu erkennen, daß er ein Realist ist und daß ein Plan B existiert: Man sei auf etwaige Veränderungen des Spielplans vorbereitet. Im Interview mit der FAZ am heutigen Tage wird er konkreter. Dort skizziert er bereits als Alternative zum offiziellen Spielplan Aufführungen mit wenigen Musikern und Sängern, großen Abständen im Orchestergraben, Statik auf der Bühne und sehr reduzierter Zuschauerzahl. Pausen könne es dann nicht geben. Pausenbetrieb mit Getränkeausschank sei tabu.

In dem Video gibt sich der Intendant nüchtern und aufgeräumt: „Eigentlich können wir momentan nur abwarten.“ Diese Haltung zeigt Verantwortungsbewußtsein und hebt sich wohltuend von irrlichternden Wutkünstlern ab, die anderenorts ihren privaten medizinischen Sachverstand herausposaunen, vulgärphilosophisch über die Bedeutungslosigkeit von Menschenleben gegenüber der Kunstfreiheit schwadronieren oder politischen Widerstand beschwören.

Loebe allein zu Haus

Nichts lenkt also vom neuen Programm ab. Und das hat es in sich. Gleich zu Beginn soll mit Ligetis Anti-Anti-Oper Le grand macabre ein Ausrufungszeichen gesetzt werden. Auf die Avantgarde-Groteske folgen Die Banditen von Jaques Offenbach im Oktober und Donizettis Don Pasquale im November (im Bockenheimer Depot) – eine reizvolle Serie von Werken, welche die Bandbreite von Humor im Musiktheater ausmißt.

Ende November wird es ernst mit Zemlinskys erst 1980 post mortem uraufgeführtem Traumgörge. Das Stück hat derzeit, wenn wir es richtig sehen, kein deutsches Opernhaus im Repertoire. Zuletzt wurde es vor fünf Jahren in Hannover inszeniert. Auch die darauffolgende Premiere im Januar 2021 ist eine Mega-Rarität (wie unser Herausgeber sagen würde): Fedora von Umberto Giordano. Die Produktion stammt von der Oper Stockholm und wird von Star-Regisseur Christof Loy für Frankfurt neu einstudiert.

Was dann im Februar 2021 als Premiere auf die Bühne kommen soll, ist nur auf den ersten Blick Standard-Repertoire, für die Oper Frankfurt aber eine künstlerische Herausforderung: Verdis Aida. Lange hatte Bernd Loebe um dieses Stück einen großen Bogen gemacht und dies mit der legendären Inszenierung von Hans Neuenfels begründet. 1981 hatte dieser mit seiner radikalen Modernisierung des alten Ausstattungsschinkens im seinerzeit noch frischen Regietheater-Stil einen der gewaltigsten Theaterskandale des 20. Jahrhunderts provoziert, mit Tumulten im Zuschauerraum und einer Bombendrohung vor der Premiere. So etwas Schönes bekommt man natürlich kein zweites Mal hin. Andererseits war die Aida allmählich mal wieder fällig, nachdem in der Ära Loebe nahezu das vollständige Opernschaffen Verdis samt seinen ersten Gehversuchen einmal auf die Bühne gebracht worden ist, und sei es in konzertanter Form.

Ebenfalls fast vollständig durchmessen hat Loebe inzwischen das Bühnenwerk Benjamin Brittens. In seiner Video-Botschaft behauptet er, daß bloß noch Gloriana fehle. Tatsächlich aber ist auch noch der Midsummer night‘s dream offen. Über letzteren hatte sich Loebe schon vor einigen Jahren reserviert geäußert, so daß mit dem Füllen dieser bedauerlichen Lücke wohl in seiner Intendanz nicht mehr zu rechnen ist. Stattdessen gibt es im März zwei Werke aus der von Britten erfundenen Gattung der Kirchenparabeln: The Burning Fiery Furnace - Die Jünglinge im Feuerofen und The Prodigal Son - Der verlorene Sohn. Die erste der insgesamt drei Kirchenparabeln, Curlew River, hatte Loebe bereits zu Beginn seiner Intendanz im Jahr 2005 herausgebracht.

Mit einigem Stolz behauptet der Intendant, Frankfurt habe sich zur „Barock-Stadt“ entwickelt. Tatsächlich hat die Oper in den vergangenen Jahren eine Serie von Händel-Produktionen hingelegt, die ausnahmslos brillant inszeniert und hinreißend besetzt waren. Nach dem aufregend-experimentellen Tamerlano in der vergangenen Spielzeit im Bockenheimer Depot kommt nun Orlando im März auf die Bühne des Großen Hauses.

Schließlich erfüllt die Oper Frankfurt uns noch zwei Herzenswünsche mit Werken, auf die wir schon lange gewartet haben: Endlich ein neuer Boris Godunow von Mussorgski (Mai 2021) und endlich die Dialogues des Carmélites von Poulenc (Juni 2021).

Schließlich wird Ende Juni 2021 noch im Bockenheimer Depot die Uraufführung des Auftragswerks Inferno mit Musik von Lucia Ronchetti nachgeholt, die dem Lockdown zum Opfer gefallen ist.

Die Regie wird überwiegend Regisseuren anvertraut, die sich mit herausragenden Produktionen am Haus bereits empfohlen haben. Drei international begehrte Regie-Stars, deren Inszenierungen die Säulen des Frankfurter Repertoires bilden und deren Arbeiten prägend für den Stil des Hauses sind, wurden erneut engagiert: Christof Loy präsentiert wie schon erwähnt seine Fedora, Keith Warner kehrt für Boris Godunow zurück, und die Dialogues des Carmélites wird Claus Guth interpretieren.

Katharina Thoma darf sich nach ihrer quirligen Martha und dem etwas blutarmen Tristan nun mit den Banditen erneut am komischen Fach beweisen. Die hauseigene Regisseurin Caterina Panti Liberovici kommt bei Don Pasquale nach der gelungenen Gazetta in der vergangenen Spielzeit erneut am Bockenheimer Depot mit Belcanto-Buffa zum Zuge. Tilmann Köhler, dessen Xerxes-Inszenierung uns als hervorragend produziertes Video via Stream die Zeit der coronabedingten Abstinenz ein wenig versüßt hat, wird den Traumgörge inszenieren. Lydia Steier, die in Frankfurt zuletzt mit dem Doppelabend Oedipus Rex/ Iolanta überzeugen konnte, hat den Mut, sich bei Aida mit Hans Neuenfels zu messen. Ted Huffman, dessen außerordentlichem Rinaldo eine der seltenen Wiederaufnahmen am Bockenheimer Depot gewährt wurde, darf sein Talent für ausdrucksstarke Personenregie nun auf der Bühne des Großen Hauses mit Orlando beweisen.

Den Saisonauftakt bestreitet aber ein Frankfurter Regie-Debütant: Vasily Barkhatov (Ehemann von Asmik Grigorian, die zuletzt Frankfurts überwältigende Manon war) inszeniert den Grand macabre. Wir haben von ihm insbesondere die Uraufführungsproduktion von Aribert Reimanns L’invisible an der Deutschen Oper Berlin in Erinnerung: Bildmächtig, zwingend, eindringlich - für Ligetis grotesken Bilderbogen eine ausgezeichnete Wahl.

Zu der Konstruktion eines typischen Frankfurter Spielplans gehört es, daß die vielen Raritäten und Wagnisse unter den elf Neuproduktion durch Publikumslieblinge und Selbstläufer bei den Wiederaufnahmen abgefedert werden. In der kommenden Saison sind das: Mozarts Figaro und Entführung aus dem Serail, Puccinis Manon und Tosca, Hänsel und Gretel zur Weihnachtszeit, Eugen Onegin, Fliegender Holländer und auch der bereits erwähnte Xerxes. Die Wiederaufnahme des Ring-Zyklus wird mit Siegfried vor erwartbar ausverkauftem Haus fortgesetzt. Auch die wegen Corona abgebrochene Aufführungsserie der Salome geht in die zweite Runde, ebenso Lady Macbeth von Mzensk. Erwartbares Kassengift ist das Totenhaus von Janáček. Bei Bellinis Puritani und Massenets Werther könnte die jeweilige Besetzung der weiblichen Hauptpartien für größeren Publikumszuspruch sorgen: Das ehemalige Ensemblemitglied Brenda Rae kehrt als Elvira in den Puritani zurück. Die Charlotte in Werther übernimmt Gaëlle Arquez, die diese Partie zum Jahresende auch an der Wiener Staatsoper geben wird.

Ansonsten bleibt Bernd Loebe seiner Besetzungspolitik der vergangenen Jahre treu: Mit dem leistungsstarken Stammensemble läßt sich das Gros der Partien gut abdecken. Hinzu kommen ehemalige Ensemblemitglieder, die international Karriere gemacht haben, dem Haus aber verbunden sind:

Etwa die bereits erwähnte Brenda Rae, Daniel Behle, der als Belmonte in Mozarts Entführung mit einer seiner Glanzpartien zurückkehrt, Elza van den Heever, die als Senta im Fliegenden Holländer besetzt ist oder James Rutherford, der erneut den Wanderer im Siegfried geben wird.

In die Kategorie „aus dem Ensemble herausgewachsen“ fällt künftig auch Vincent Wolfsteiner, der „in die freiberufliche Tätigkeit“ wechselt. So richtig überzeugt hatte er uns eigentlich nur im Wagner-Fach. Und so ist es eine gute Nachricht, daß er auch in der kommenden Spielzeit in seiner Signature-Role als Siegfried besetzt ist.

Vincent Wolfsteiner als Siegfried (mit Peter Marsh als Mime)

Lediglich für eine Spielzeit „beurlaubt“ sind zunächst Andreas Bauer Kanabas, der sich zum herausragenden Baßbariton sowohl für Verdi (König Philipp in Don Carlo) und mehr noch für Wagner entwickelt hat (zuletzt mit einem mustergültigen König Marke in Tristan), und Iurii Samoilov, dessen saftiger Bariton mit tenoralem Höhenglanz noch zu Beginn der Spielzeit als Lescaut begeistern, aber leider nicht mehr im Prinz von Homburg am Ende der Saison zum Einsatz kommen konnte. Es bleibt die Hoffnung, daß beide künftig recht häufig nach Frankfurt zurückkehren mögen.

Doch nicht völlig im Urlaub ist entgegen den Ankündigungen der letzten Spielzeitpressekonferenz Gordon Bintner. Immerhin ist er mit seinem attraktiven Bariton für einen größeren Einsatz als Albert in Werther vorgesehen, während zwei winzige Nebenrollen in Xerxes und Manon Lescaut eher wie kurzfristige Verlegenheitslösungen wirken.

Die Lücken bei den tiefen Männerstimmen sind sofort durch Neuzugänge aufgefüllt worden. Der junge Baßbariton Nicholas Brownlee wechselt vom Staatstheater Karlsruhe ins Frankfurter Ensemble und darf gleich als Jochanaan und Holländer beginnen. Die von ihm verfügbaren Youtube-Videos sind vielversprechend.

Nicholas Brownlee

Der ebenfalls blutjunge Bariton Domen Križaj dürfte Bernd Loebe beim Wettbewerb „Neue Stimmen“ aufgefallen sein, dessen Jury der Frankfurter Intendant angehört. Die Videoaufzeichnungen von den Auftritten Križajs dort wecken Vorfreude auf seine künftigen Einsätze in Frankfurt als Lescaut, Figaro und Eugen Onegin. Im von Bauer Kanabas bislang bespielten Rollenfach dürfen sich zudem zwei junge Ensemblemitglieder beweisen: Kihwan Sim, eine der besten Escamillo- und Figaro-Besetzungen seit Jahren, erweitert sein Repertoire mit Verdis Ramfis und Wagners Daland, Thomas Faulkner darf sich am Osmin in Mozarts Entführung versuchen.

Nach vielen künstlerisch fruchtbaren Jahren verläßt Tanja Ariane Baumgartner das Ensemble. Sie wolle sich verstärkt ihrer Gesangsprofessur in Bern widmen. Künftige Engagements in Frankfurt werden in Aussicht gestellt. In der kommenden Spielzeit gibt es jedoch keine. Dafür bleibt Frankfurt die zweite große Mezzo-Sängerin mit überregionaler Ausstrahlung erhalten: Claudia Mahnke erweitert ihr breites Repertoire um die Amneris in Aida.

Gerard Schneider, der zuletzt als Herzog im Rigoletto mit stimmlichen Indisponiertheiten zu kämpfen hatte, bleibt Intendant Loebes Favorit für das jugendliche Tenorfach mit Drang ins Heldenhafte. Ihm sind die Hauptrollen in den Banditen und im Werther anvertraut sowie der Lenski in Eugen Onegin und erneut der Narraboth in Salome.

Keine Vorfreude jedoch kommt im Hinblick auf einen Gastsänger auf: Stefano la Colla, ein Schreihals von einem Tenor mit unterentwickeltem Differenzierungsvermögen, ist uns entschieden zu häufig in wichtigen Partien besetzt (Radames in Aida, Cavaradossi in Tosca).

Die Auswahl der Neuproduktionen, die Zusammenstellung der Regieteams und beinahe alle Besetzungen sind so verheißungsvoll, daß wir entgegen alle Wahrscheinlichkeit feste daran glauben möchten, dieses fürchterliche Virus könnte wie durch ein Wunder im Sommer verschwinden, uns könnten trotz der demonstrativen Unvernunft eines Teils unserer Mitbürger, denen Abstandsregeln und Vorsichtsmaßnahmen sonstwo vorbeigehen, eine zweite Infektionswelle und ein dann unweigerlich folgender zweiter Shut-Down erspart bleiben, oder es würden plötzlich doch Heilmittel und Impfstoffe massenhaft schon im Herbst zur Verfügung stehen. Denn um jede dieser Produktionen wäre es jammerschade. Und wenn denn nicht bereits im Herbst wieder ein uneingeschränkter Spielbetrieb möglich sein sollte, dann kann vielleicht das letzte Drittel der Spielzeit in einem Jahr gerettet werden. Das wären dann immer noch Boris Godunow und Dialogues des Carmélites, Werther, Onegin und Holländer, schließlich auch Liederabende mit Marlis Petersen, Johannes Martin Kränzle und Quinn Kelsey. Wir drücken der Oper Frankfurt und mehr noch uns selbst beide Daumen.

 

9. Mai 2020, Michael Demel

 

(c) der Bilder: Barbara Aumüller/ Fay Fox (Porträt Brownlee)

 

 

Spielzeit 2020/21 im Überblick:
 

Saisonbroschüre zum Download
 
11 Premieren:
 
György Ligeti Le Grand Macabre (Frankfurter Erstaufführung), Sonntag, 13. September 2020, Musikalische Leitung: Sebastian Weigle, Regie: Vasily Barkhatov, Bühnenbild: Zinovy Margolin, Kostüme: Olga Shaishmelashvili
 
Jacques Offenbach Die Banditen (Frankfurter Erstaufführung), Sonntag, 18. Oktober 2020, Musikalische Leitung: Karsten Januschke, Regie: Katharina Thoma, Bühnenbild: Etienne Pluss, Kostüme: Irina Bartels
 
Gaetano Donizetti  Don Pasquale  Freitag, 6. November 2020 (Bockenheimer Depot), Musikalische Leitung: James Hendry / Simone di Felice, Regie: Caterina Panti Liberovici, Bühnenbild: Sergio Mariotti, Kostüme: Raphaela Rose
 
Alexander Zemlinsky  Der Traumgörge (Frankfurter Erstaufführung), Sonntag, 22. November 2020, Musikalische Leitung: Markus Poschner / Nikolai Petersen, Regie: Tilmann Köhler, Bühnenbild: Karoly Risz, Kostüme: Susanne Uhl
 
Umberto Giordano Fedora (Frankfurter Erstaufführung), Sonntag, 17. Januar 2021, Musikalische Leitung: Carlo Montanaro. Regie: Christof Loy, Bühnenbild und Kostüme: Herbert Murauer

Übernahme einer Produktion der Königlichen Oper Stockholm, Premiere 10. Dezember 2016
 
Giuseppe Verdi Aida Sonntag, 14. Februar 2021, Musikalische Leitung: Jader Bignamini, Regie: Lydia Steier, Bühnenbild: Katharina Schlipf, Kostüme: Siegfried Zoller
 
Benjamin Britten The Burning Fiery Furnace / The Prodigal Son (Frankfurter Erstaufführung), Samstag, 13. März 2021 (Bockenheimer Depot), Musikalische Leitung: Mario Antonio Marra, Regie: Manuel Schmitt, Bühnenbild: Bernhard Siegl, Kostüme: Dinah Ehm
 
Georg Friedrich Händel Orlando, Sonntag, 21. März 2021, Musikalische Leitung: Simone Di Felice, Regie: Ted Huffman, Bühnenbild und Kostüme: Johannes Schütz
 
Modest P. Mussorgski Boris Godunow,   Sonntag, 9. Mai 2021, Musikalische Leitung: Sebastian Weigle, Regie: Keith Warner, Bühnenbild: Boris Kudlička, Kostüme: Kaspar Glarner
 
Francis Poulenc Dialogues des Carmélites (Frankfurter Erstaufführung), Sonntag, 20. Juni 2021. Musikalische Leitung: Giedrė Šlekytė, Regie: Claus Guth, Bühnenbild: Martina Segna, Kostüme: Anna Sofie Tuma
 
Lucia Ronchetti Inferno (Uraufführung), Sonntag, 27. Juni 2021 (Bockenheimer Depot), Musikalische Leitung: Tito Ceccherini, Regie: Kay Voges, Marcus Lobbes, Video Art: Robi Voigt, Bühnenbild: Pia Maria Mackert, Kostüme: Mona Ulrich 
 
 
15 Wiederaufnahmen:
 
Vincenzo Bellini I puritani Sonntag, 30. August 2020, Musikalische Leitung: Oksana Lyniv, Regie: Vincent Boussard
 
Wolfgang Amadeus Mozart  Le nozze di Figaro  Freitag, 18. September 2020, Musikalische Leitung: Rory Macdonald / Florian Erdl,  Regie: Guillaume Bernardi
 

Dmitri D. Schostakowitsch Lady Macbeth von Mzensk Sonntag, 27. September 2020, Musikalische Leitung: Takeshi Moriuchi / Sebastian Weigle, Regie: Anselm Weber
 
Georg Friedrich Händel Xerxes Freitag, 23. Oktober 2020, Musikalische Leitung: Roland Böer,  Regie: Tilmann Köhler
 
Giacomo Puccini Manon Lescaut Samstag, 31. Oktober 2020, Musikalische Leitung: Sesto Quatrini, Regie: Àlex Ollé
 
Engelbert Humperdinck Hänsel und Gretel Sonntag, 29. November 2020, Musikalische Leitung: Michael Sanderling, Regie: Keith Warner
 
Wolfgang Amadeus Mozart Die Entführung aus dem Serail Freitag, 4. Dezember 2020, Musikalische Leitung: Giedrė Šlekytė, Regie: Christof Loy
 
Georges Bizet Carmen Samstag, 12. Dezember 2020, Musikalische Leitung: Benjamin Reiners / Giedrė Šlekytė, Regie: Barrie Kosky
 
Richard Strauss Salome Samstag, 23. Januar 2021, Musikalische Leitung: Thomas Guggeis, Regie: Barrie Kosky


Leoš Janáček  Aus einem Totenhaus Freitag, 19. Februar 2021, Musikalische Leitung: Lothar Koenigs, Regie: David Hermann

 

Giacomo Puccini Tosca Freitag, 26. März 2021, Musikalische Leitung: Pier Giorgio Morandi, Regie: Andreas Kriegenburg
 
Richard Wagner Siegfried Samstag, 17. April 2021, Musikalische Leitung: Sebastian Weigle, Regie: Vera Nemirova, Bühnenbild: Jens Kilian
 
Jules Massenet Werther Freitag, 14. Mai 2021, Musikalische Leitung: Francesco Lanzillotta, Regie: Willy Decker
 
Peter I. Tschaikowski Eugen Onegin Samstag, 22. Mai 2021, Musikalische Leitung: Sebastian Weigle / Finnegan Downie Dear, Regie: Dorothea Kirschbaum, Konzeption: Jim Lucassen 
 
Richard Wagner Der fliegende Holländer Samstag, 26. Juni 2021, Musikalische Leitung: Alexander Prior, Regie: David Bösch 
 

 

8 Liederabende:
 
Jack Swanson Tenor Dienstag, 6. Oktober 2020
 
John Osborn Tenor Dienstag, 17. November 2020
 
Tamara Wilson Sopran Dienstag, 15. Dezember 2020
 
Konstantin Krimmel Bariton  Dienstag, 9. Februar 2021
 
Maria Agresta Sopran Dienstag, 16. März 2021
 
Marlis Petersen Sopran Pfingstmontag, 24. Mai 2021
 
Johannes Martin Kränzle Bariton Dienstag, 15. Juni 2021
 
Quinn Kelsey Bariton Montag, 12. Juli 2021

 

 

 

Spielplanpressekonferenz 2019/20

Die Vorstellung des neuen Spielplans ist an der Oper Frankfurt über die Jahre zu einem Ritual geworden, das mit wenigen Abweichungen immer nach demselben Muster abläuft: Intendant Bernd Loebe lobt sein Haus und läßt dabei keine Sparte aus. Dann versichern sich Generalmusikdirektor Sebastian Weigle und der Intendant ihrer gegenseitigen künstlerischen Liebe. Der Generalmusikdirektor muß anschließend leider wegen anderer Termine vorzeitig gehen. Schließlich blättert der Intendant durch das neue Programmheft und läßt die versammelten Journalisten an den Gedanken teilhaben, die ihm dabei so durch den Kopf gehen. Fragen haben die Journalisten danach üblicherweise nicht.

Intendant Bernd Loebe und Generalmusikdirektor Sebastian Weigle

Dramatischer Appell an die Stadtpolitik

Dieses Mal jedoch haben sich Intendant und Generalmusikdirektor vorgenommen, eine Botschaft an die Verantwortlichen in der Stadtpolitik zu senden. Sie lautet: Das Haus, welches Jahr für Jahr in allen Sparten wieder und wieder die national und international angesehensten Auszeichnungen für seine künstlerische Arbeit erhält, werde finanziell stiefmütterlich behandelt. Erfolge würden von der Stadtpolitik wenn überhaupt, dann allenfalls beiläufig zur Kenntnis genommen. Eine Wertschätzung, die sich in angemessener Finanzausstattung zeigen müßte, gebe es nicht. Ganz im Gegenteil. Die beiden künstlerischen Leiter haben sich mit Zahlen bewaffnet, die tatsächlich sehr eindrucksvoll sind. Seit den 1990er Jahren habe die Stadt die Anzahl der Orchesterplanstellen von 130 auf nun 115 reduziert. Dabei spiele man im Vergleich zu den 1990er Jahren inzwischen die doppelte Anzahl an Vorstellungen. Mit der ausgedünnten Orchesterstärke stehe man in Deutschland nur noch auf Platz 13 und damit weit hinter Häusern mit geringerem Renommee und schwächerer künstlerischer Strahlkraft. Im Hinblick auf die Vergütung der Musiker sehe es noch schlimmer aus. Hier befinde man sich im Vergleich zu anderen deutschen Opernorchestern nur auf Platz 27.

Man erlebe daher eine stetige Abwanderung von Musikern zu anderen Orchestern. Allein elf Musiker habe man zuletzt an das bayerische Staatsorchester verloren. Obendrein habe die Stadt den Etat der Oper in den vergangenen Jahren mehrfach belastet. So habe man die letzte Tarifsteigerung im öffentlichen Dienst aus dem vorhandenen Budget alleine stemmen müssen. In allen vergleichbar großen Städten seien Tarifsteigerungen dagegen ganz selbstverständlich aus dem städtischen Etat aufgefangen worden.

Zu allem Überdruß müsse man nun auch noch zusätzlich mit einer Etat-Kürzung um 1,5 Millionen Euro pro Jahr kämpfen, die so kurzfristig beschlossen worden sei, daß man die lange im Voraus aufgestellte und mit Verträgen unterlegte Spielzeitplanung nicht mehr anpassen könne. Dafür müsse man nun Rücklagen aufzehren.

Mehr als ein Viertel der gesamten Dauer der Pressekonferenz nimmt dieses Thema ein. Für die Dramatik der Situation finden Intendant und Generalmusikdirektor starke Worte. Loebe: „Die Belastung unserer Musiker liegt an der Grenze des Zumutbaren.“ Weigle: „Diese Dinge wurmen mich.“ Der Frust der beiden ist spürbar groß. Daß sie einen derart ungewöhnlichen und konzertierten Auftritt im Rahmen einer Spielzeitpressekonferenz gewählt haben, erklärt sich aus der Enttäuschung über die Unbeweglichkeit der Stadtpolitik. Selbstverständlich hatte man die Finanzierungsfragen dort bereits hinterlegt und war offenbar auf Granit gestoßen. Loebe bitter: „Die ersten Reaktionen der Stadt waren nicht positiv.“

Der neue Spielplan

Daß die Hausleitung auf finanzielle Restriktionen der Vergangenheit durchaus geschickt reagiert hat, zeigt sich auch am aktuellen Spielplan. Man hat aus der Not, zu wenig Geld für Gastsänger zur Verfügung zu haben, die Tugend gemacht, eines der international größten und besten Ensembles von festangestellten Sängerinnen und Sängern aufzustellen.

Alle mittleren und kleinen Rollen lassen sich daraus auf hohem musikalischem Niveau besetzen. Und auch bei vielen Hauptpartien bietet das Ensemble neben arrivierten und auch außerhalb Frankfurts begehrten Sängerinnen wie Claudia Mahnke und Tanja Ariane Baumgartner junge Talente, die am Beginn einer erfolgversprechenden Karriere stehen. Hier darf man sich etwa auf Iurii Samoilov als Prinz von Homburg und Lescaut freuen, auf Zanda Svede als Carmen und Zenobia (in Händels Radamisto), auf Kateryna Kaspar als Martha und Gilda, auf Gordon Bintner als Plumkett (in Martha), Escamillo und Don Giovanni oder auf Gerard Schneider als Lyonel (Martha) und Herzog von Mantua (Rigoletto).

Die ein oder andere Besetzung wichtiger Rollen mit Ensemblemitgliedern scheint der Intendant aber für rechtfertigungsbedürftig zu halten. So begründet er die Vergabe der Titelpartie im Tristan an Vincent Wolfsteiner recht ausführlich. Auch Daniel Barenboim habe Wolfsteiner für eine ganze Aufführungsserie des Tristan an der Staatsoper Berlin engagieren wollen, habe aber angesichts der Frankfurter Ensembleverpflichtungen das Nachsehen gehabt. Loebe lobt Wolfsteiners Zuverlässigkeit und Treue zu seinem Stammhaus und findet warme Worte zu dessen vergangenem Einsatz als Peter Grimes, den der Sänger auch in der geplanten Wiederaufnahme singen wird.

Auch die Besetzung der Salome mit Ambur Braid scheint der Intendant nicht für selbsterklärend zu halten. Er betont, daß diese Rolle für die Sängerin eine besondere Herausforderung sei (aber: auf welche Sängerin träfe das nicht zu?). Den Ausschlag hat wohl der Regisseur der Neuproduktion, Barrie Kosky, gegeben, der nach einem Treffen mit Braid am Rande der Bayreuther Festspiele entzückt ausgerufen haben soll: „Die ist genauso verrückt wie ich!“

Wer nach den großen Namen des internationalen Musikbetriebs sucht, wird aber auch im neuen Spielplan vereinzelt fündig. Die phänomenale Asmik Grigorian kehrt nach ihrer überwältigenden Jolantha mit Puccinis Manon zurück, die wunderbare Maria Bengtsson gibt erneut die Rosenkavalier-Marschallin, Johannes Martin Kränzle erneut den Schwarzen Geiger in der fabelhaft geglückten Produktion von Delius‘ Romeo und Julia auf dem Dorfe. Mit Spannung darf man das Debüt von Christopher Maltman als Jochanaan in der neuen Salome-Produktion erwarten. Außerdem gibt er noch den Rigoletto. Und bei der geplanten Lady Macbeth von Mzensk ist Loebe davon überzeugt, daß sie international mit jedem bedeutenden Haus mithalten könne: Die Titelpartie ist mit Anja Kampe besetzt, der Boris mit Dmitry Belosselskiy, nach Loebes Worten „einer der drei besten Bässe weltweit“.

Für die Wahl der Neuproduktionen und die Präsentation von Raritäten bei den Wiederaufnahmen gilt, was wir schon seit Jahren feststellen: Es handelt sich, schon wieder, um einen der abwechslungsreichsten und ambitioniertesten Spielpläne der Republik. Wie üblich werden zwölf Neuproduktionen präsentiert, davon eine konzertante Aufführung mit Ambroise Thomas‘ kaum je gespielter Mignon. Mit der spartenübergreifenden Auftragsarbeit Inferno wird eine Uraufführung geboten, viermal verzeichnet der Spielplan Frankfurter Erstaufführungen.

Mit drei Rossini-Opern gibt es einen Schwerpunkt, der anderenorts wohl als „Festival“ oder rote Linie verkauft würde. In Frankfurt gesteht der Intendant aber freimütig ein, daß sich das eben so ergeben habe: Die Eröffnungspremiere der Spielzeit, Otello, habe ihm als Produktion des Theaters an der Wien so gut gefallen, daß er sie gekauft habe. Die andere Rossini-Oper am großen Haus (Bianca e Falliero) enthalte einfach „traumhaft schöne Musik“. Und die Auswahl einer weiteren Rossini-Rarität im Bockenheimer Depot (La gazzetta) wird gar nicht weiter begründet. Immerhin gibt es dieses Mal mit Puccinis Manon Lescaut, Schostakowitschs Lady Macbeth, dem Tristan und der Salome vier Kernwerke des Repertoires. Auch Hans Werner Henzes Prinz von Homburg ist auf den Spielplänen der Republik präsent genug, um von einem Klassiker der Moderne sprechen zu können. Arrondiert wird diese Reihe prominenter Werke mit Gabriel Faures selbst eifrigen Operngängern unbekannter Pénélope und einer Produktion von Händels Tamerlano im Bockenheimer Depot. Dort soll als Uraufführung auch eine Gemeinschaftsproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt zu Dantes Inferno in der Vertonung von Lucia Ronchetti herauskommen.

Der Reigen der Wiederaufnahmen präsentiert ausnahmslos gelungene Produktionen, darunter so maßstabsetzende Regietaten im Kernrepertoire wie Claus Guths Rosenkavalier, Barrie Koskys Carmen und Christof Loys Don Giovanni. Zahlreiche exemplarisch aufbereitete Raritäten werden erneut präsentiert: Julietta von Martinů, Drei Kurzopern von Křenek, Romeo und Julia auf dem Dorfe von Delius, Jeanne d’Arc von Honegger (erneut mit der großartigen Johanna Wokalek) und Das schlaue Füchslein von Janáček. Mehrere dieser Produktionen wurden bereits mit dem OPERNFREUND-Stern ausgezeichnet.

Reges Interesse an der Präsentation des Spielplans

Unter den Gastdirigenten sticht der Name Joana Mallwitz heraus. Die Nürnberger Generalmusikdirektorin betreut gleich zwei Neuproduktionen, Pénélope und Salome. Bei letzterer ist sie allerdings eingesprungen. Ursprünglich sollte das Dreamteam Carydis/Kosky nach dem genialen Doppelabend Dido/Blaubart und der fulminanten Carmen mit einer neuen Salome einen weiteren Coup landen. Dann jedoch hat Constantinos Carydis das Dirigat zurückgegeben. Das ist nicht das erste Mal. Vor Jahren hatte Loebe ihm den Tristan angedient, dem der skrupulöse Dirigent sich vorerst nicht gewachsen sah, weswegen er kurzfristig ersetzt werden mußte. Dann stand er als musikalischer Leiter für die Neuproduktion von Aus einem Totenhaus bereits in der Saisonbroschüre, stellte jedoch kurzfristig fest, daß er mit der tschechischen Sprache nicht hinreichend vertraut war und warf hin. Jedes Mal reagierte Loebe mit Verständnis und wurde für seine Geduld mit einer schwierigen Künstlerpersönlichkeit durch musikalisch hinreißende Aufführungsserien von Carmen und Xerxes unter Carydis‘ Leitung belohnt. Nun aber scheint das Ende der Geduld erreicht zu sein. Der Intendant verhehlt nicht sein Unverständnis für den als Begründung der neuerlichen Absage angegebenen Grund: Carydis habe zuletzt mit Opernproduktionen derart schlechte Erfahrungen gemacht, daß er beschlossen habe, „in den nächsten fünf Jahren“ nur noch Konzerte zu dirigieren. Es fällt das Wort „Verbitterung“ als Reaktion auf diese Entscheidung, sogar wiederholt: Auch Barrie Kosky sei als Regisseur der geplanten Salome über die Absage „verbittert“. Da ist etwas zerbrochen.

Starke Regiehandschriften versprechen neben Barrie Kosky die in Frankfurt bewährten Namen Damiano Michieletto (Rossinis Otello), Àlex Ollè (Manon Lescaut), Anselm Weber (Lady Macbeth von Mzensk), Tilmann Köhler (Bianca e Falliero) und Jens Daniel Herzog (Prinz von Homburg). Gleich drei Eigengewächsen wird die Regie für weitere Neuproduktionen anvertraut: Die ehemalige Frankfurter Regieassistentin Katharina Thoma hatte zuletzt mit Martha Publikum und Kritik derart überzeugen können, daß Loebe ihr nun den neuen Tristan gegeben hat. Mit Corinna Tetzel inszeniert eine weitere ehemalige Frankfurter Regieassistentin die Neuproduktion von Pénélope. Die rührige Caterina Panti Liberovici schließlich, die vielen Wiederaufnahmen als szenische Leiterin neues Leben einhaucht und wunderbare Produktionen der Reihe „Oper für Kinder“ verantwortet, darf ihr Gespür für Komödien bei Rossinis La Gazetta im Bockenheimer Depot unter Beweis stellen.

 

Michael Demel

 

© der Bilder: Barbara Aumüller

 

Die Spielzeit 2019/20 im Überblick:

Premieren

Gioachino Rossini: Otello (Frankfurter Erstaufführung)

Sonntag, 8. September 2019

Musikalische Leitung: Sesto Quatrini/ Regie: Damiano Michieletto

 

Giacomo Puccini: Manon Lescaut

Sonntag, 6. Oktober 2019

Musikalische Leitung: Lorenzo Viotti /Regie: Àlex Ollé

 

Dmitri Schostakowitsch: Lady Macbeth von Mzensk

Sonntag, 3. November 2019

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle/ Regie: Anselm Weber

 

Georg Friedrich Händel: Tamerlano

Donnerstag, 7. November 2019 (Bockenheimer Depot)

Musikalische Leitung: Karsten Januschke/ Regie: R. B. Schlather

 

Gabriel Fauré: Pénélope (Frankfurter Erstaufführung)

Sonntag, 1. Dezember 2019

Musikalische Leitung: Joana Mallwitz/ Regie: Corinna Tetzel

 

Richard Wagner: Tristan und Isolde

Sonntag, 19. Januar 2020

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle/ Regie: Katharina Thoma

 

Gioachino Rossini: La gazzetta (Frankfurter Erstaufführung)

Sonntag, 2. Februar 2020 (Bockenheimer Depot)

Musikalische Leitung: Simone Di Felice/ Regie: Caterina Panti Liberovici

 

Richard Strauss: Salome

Sonntag, 1. März 2020

Musikalische Leitung: Joana Mallwitz/ Regie: Barrie Kosky

 

Gioachino Rossini: Bianca e Falliero (Frankfurter Erstaufführung)

Sonntag, 5. April 2020

Musikalische Leitung: Giuliano Carella/ Regie: Tilmann Köhler

 

Ambroise Thomas: Mignon (Konzertante Aufführungen)

Freitag, 17. April 2020

Musikalische Leitung: Benjamin Reiners

 

Lucia Ronchetti: Inferno (Uraufführung)

Samstag, 18. April 2020 (Bockenheimer Depot)

Musikalische Leitung: Tito Ceccherini/ Regie: Kay Voges, Marcus Lobbes

Koproduktion mit dem Schauspiel Frankfurt

 

Hans Werner Henze: Der Prinz von Homburg

Sonntag, 7. Juni 2020

Musikalische Leitung: Jonathan Darlington/ Regie: Jens-Daniel Herzog

 

 

Wiederaufnahmen

Georg Friedrich Händel: Radamisto

Sonntag, 25. August 2019

Musikalische Leitung: Simone Di Felice/ Regie: Tilmann Köhler

 

Wolfgang Amadeus Mozart: Idomeneo

Samstag, 31. August 201 9

Musikalische Leitung: Rasmus Baumann/ Regie: Jan Philipp Gloger

 

Bohuslav Martinů: Julietta

Freitag, 13. September 2019

Musikalische Leitung: Alexander Prior/ Regie: Florentine Klepper

 

Ernst Křenek: Drei Kurzopern

(Der Diktator / Schwergewicht oder Die Ehre der Nation / Das geheime Königreich)

Freitag, 11. Oktober 2019

Musikalische Leitung: Lothar Zagrosek/ Regie: David Hermann

 

Friedrich von Flotow: Martha

Freitag, 8. November 2019

Musikalische Leitung: Sebastian Weigle/ Regie: Katharina Thoma

 

Giuseppe Verdi: Don Carlo

Samstag, 7. Dezember 2019

Musikalische Leitung: Stefan Soltesz/ Regie: David McVicar

 

Giuseppe Verdi: Rigoletto

Freitag, 24. Januar 2020

Musikalische Leitung: Pier Giorgio Morandi/ Regie: Hendrik Müller

 

Georges Bizet: Carmen

Freitag, 31. Januar 2020

Musikalische Leitung: Stefan Blunier, Nikolai Petersen/ Regie: Barrie Kosky

 

Frederick Delius: Romeo und Julia auf dem Dorfe

Freitag, 6. März 2020

Musikalische Leitung: Elias Grandy/ Regie: Eva-Maria Höckmayr

 

Claude Debussy: La damoiselle élue/ Arthur Honegger: Jeanne d’Arc au bûcher

Samstag, 14. März 2020

Musikalische Leitung: Titus Engel/ Regie: Àlex Ollé

 

Benjamin Britten: Peter Grimes

Samstag, 11. April 2020

Musikalische Leitung: Lawrence Foster/ Regie: Keith Warner

 

Wolfgang Amadeus Mozart: Don Giovanni

Freitag, 24. April 2020

Musikalische Leitung: Titus Engel, Nikolai Petersen/ Regie: Christof Loy

 

Leoš Janáček: Das schlaue Füchslein

Freitag, 1. Mai 2020

Musikalische Leitung: Ryan Wigglesworth/ Regie: Ute M. Engelhardt

 

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Sonntag, 10. Mai 2020

Musikalische Leitung: Stefan Soltesz, Sebastian Weigle/ Regie: Claus Guth

 

Giuseppe Verdi: La forza del destino

Sonntag, 21. Juni 2020

Musikalische Leitung: Carlo Montanaro/ Regie: Tobias Kratzer

 

Liederabende

Jakub Józef Orliński Countertenor

Dienstag, 3. September 2019

 

Pretty Yende Sopran

Dienstag, 29. Oktober 2019

 

Stanislas de Barbeyrac Tenor

Dienstag, 26. November 2019

 

Maria Bengtsson Sopran

Dienstag, 14. Januar 2020

 

Jiddische Operettenlieder mit Barrie Kosky Klavier, Alma Sadé Sopran, Helene Schneidermann Mezzosopran

Dienstag, 4. Februar 2020

 

Florian Boesch Bassbariton

Dienstag, 25. Februar 2020

 

Gaëlle Arquez Mezzosopran

Dienstag, 31. März 2020

 

Peter Mattei Bariton

Dienstag, 12. Mai 2020

 

John Osborn Tenor

Dienstag, 23. Juni 2020

 

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