DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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SERVUS liebe Mitleser, SERVUS liebe Kollegen! Impresario Peter Bilsing hat netterweise angeregt, daß ich mich bei Euch Opernfreunden bisserl produziere über nicht tagesaktuelle, aber dennoch interessante Themen. Viel Spass.

 

 

'Beethovens Neunte und London'

Die Entstehung von Beethovens letzter Sinfonie ist eng mit der damaligen Welthauptstadt verbunden (deren Einwohnerzahl bereits um 1800 die Millionenzahl überstiegen hat!) Johann Peter Salomon - Beethovens Bonner Nachbar und später der Anreger von Joseph Haydns letzten Sinfonien - hatte dort 1813 die Philharmonic Society gegründet, zu deren Direktionsmitgliedern ab 1815 auch (Beethovens ehemaliger Klavierschüler) Ferdinand Ries gehörte. 1817 beauftragt Ries Beethoven mit der Komposition von zwei Sinfonien - letzterer scheint die 'Bestellung' später auf 'eins' heruntergehandelt zu haben, entspr. Briefe sind allerdings nicht erhalten u./od. nicht einsehbar.

Auch im Lebenslauf des Ignaz Moscheles spielt Beethovens Neunte eine gewisse Rolle. Zumindest um 1814 herum - als er den ersten Klavierauszug des 'Fidelio' erstellt - scheint auch eine engere Beziehung zwischen beiden bestanden zu haben. Ab 1825 ist er gleichfalls in London ansässig und dort hauptsächlich als Klavierlehrer tätig.

Hier zunächst einige Sätze aus Robert Eitners Lexikonartikel zu Moscheles aus dem Jahr 1885, dann ein paar wenige briefliche Äußerungen Beethovens aus der Sammlung des Beethovens-Hauses.

 

Der Vater war Tuchhändler und ein großer Musikfreund, verständig genug, den Sohn dem damals berühmten (A)Dionys Weber in Prag vorzustellen. (Dieser) erkannte das treffliche Talent und nahm ihn als Schüler auf. Mozart, Clementi und später Bach waren die einzig erlaubten Meister; Beethoven war verpönt; Weber hat erst in späteren Jahren (dessen) Größe erkannt. Als M. seinen geliebten Vater schon im 14. Jahre (d.h.1808) verlor, stand er bereits auf eigenen Füßen. Die Mutter, obgleich sie selbst mit Nahrungssorgen zu kämpfen hatte, setzte doch durch, daß Ignaz nach Wien ging, um sich weiter forzubilden. Er nahm Unterricht bei (B)Albrechtsberger, der schon 1808 ausstellt, daß der I. M. durch einige Monate die Musikalische Satzkunst so gut erlernet hatte, daß er im Stande ist - indem er auf dem Fortepiano und der Orgel meisterlich spielt - sein Brod mit beiden Künsten überall zu verdienen. Nun glaubte M., er sei ein fertiger Mann. Ein Besuch bei Salieri belehrte ihn eines anderen. (Er) wurde dessen Schüler und drei Jahre sein Adjunkt in der Oper. Es war ein heiteres vielbewegtes Leben in dem lieben Wien schreibt er selbst über diese Zeit.

Vom Jahre 1814 ab besitzen wir ein Tagebuch von M., 1872 von seiner Frau nebst Briefen herausgegeben. Es ist werthvoller als manche Selbstbiographie, deren Schreiber nur immer sich selbst beleuchtet. Es ist ein Genuß, dort die Frische seines Geistes zu bewundern und die treffenden Urteile über andere Künstler zu lesen.

(1815) gibt er im Vereine mit Hummel ein Concert und er hat die Freude, daß Salieri sich unter den Zuhöreren befindet und mit seinen Leistungen zufrieden ist. Zwischen Hummel und M. selbst bestand das schönste Einverständniß. (Beide) waren damals die Spitzen der Pianisten. Hummels Anschlag war weicher, man sagte, er habe Sammet unter den Fingern, während M. durch übersprudelnde Bravour Alles mit sich fortriß. M. selbst eifert Hummel in der Composition fleißig nach. Das Hummel'sche Septett(C) war in seinen Augen dessen schönste Leistung. Als ihm der ehrenvolle Auftrag...?...wurde, (den) Fidelio im Clavierauszuge zu bearbeiten, trat er mit Beethoven in nähere Verbindung. Sein bescheidenes und liebenswürdiges Wesen half ihm auch hier, dem menschenscheuen Meister näher zu treten.           

1824 besucht er zum ersten Mal Berlin und lernt Felix Mendelssohn kennen, eine Bekanntschaft, die sich trotz des Altersunterschiedes bis zur innigsten Freundschaft steigerte. Am 22. November schreibt er in sein Tagebuch Ich bin stolz darauf, daß (Felix') ausgezeichnete()Eltern mir diesen Sohn anvertrauen und glücklich ihm einige Winke geben zu können.

(1825) richtet er sich in London häuslich ein. In der Saison ist er von Schülern umlagert, schafft sich schließlich Pferd und Wagen an und fährt wie die Aerzte von Patient zu Patient. Er sagt einmal mißmuthig, die Finger meiner vornehmen Schülerinnen kann ich wol curiren, doch ihre Ohren nie. Als Componist ist er gezwungen, viel Tageswaare zu schreiben, die ihm wenig Vergnügen macht. Immer ist er bemüht, sich ((als solcher)) fortzubilden, doch die eigene Erkenntniß bewahrt ihn vor Ueberschäzung. Schon 1825 entstehen einzelne der, 'Studien für    das Pianoforte', später als op.70 in Leipzig erschienen. Klar in der Form, die Motive prägnant durchgeführt, wurden sie von Allen hochgehalten; Chopin, Liszt, Thalberg spielten sie mit demselben Eifer, als sie von Schülern geübt wurden...

M. (mußte sich) gestehen, daß jedes gemeinsame Zusammenwirken bei Orchester- und Chorwerken Stückwerk war, da man sich stets nur mit einer einzigen Probe begnügen mußte, theils der unerschwinglichen Kosten halber, theils wegen der Unmöglichkeit, so große Massen in dem weitläufigen London zum öfteren gemeinsamen Ueben zusammen zu bringen. Selbst die so berühmten philharm. Concerte litten unter diesem Uebelstande, und als man 1824 die 9.Sinfonie Beethovens's aufführte, die (dieser) der philharm. Gesellschaft dedicirt hatte, fiel sie jämmerlich der geringen Proben halber durch. Erst 1837, als man M.                   mit der Direction betraute, errang sie einen durchsclagenden Erfolg.

Leichten Herzens nahm (dieser) 1846 Abschied von London. In Leipzig wird er in der ehrenvollsten Weise empfangen. Auch die englischen Eleven sind ihm nachgereist.              Die Gewandhaus-Concerte waren unter Mendelssohns Direction zu einer Vollkommenheit gediehen, die alle Welt in Staunen setzte. Leider war das Zusammenleben mit (diesem) nur von kurzer Dauer, doch sie haben das ihnen zugemessene Jahr reichlich benützt.                  Als Mendelssohn auf seinem letzten Lager lag, schrieb M. in sein Tagebuch köstliche Worte der Klage um den verlorenen Freund. (Er) empfand es als seine doppelte Verpflichtung, seine Stellung in (dessem) Sinne fortzuführen. Oeffentlich trat er fortan nicht mehr auf. Er studirte fleißig die Chopin'schen Werke, stößt sich aber stets an den frappanten Modulationen.            Die letzten Sonaten (Beethovens) sind ihm wohlbekannte Freunde.   

 

PS (A) geb.1766, ab 1792 Schüler bei Abbe Vogler (bei dem u.a. auch Franz Danzi u. C.M. v.Weber* Unterricht nehmen); 1811 Gründungsdirektor d.Konservatoriums in Prag (B) geb. 1736; seit 1793 Wiener Domkapellmeister; Lehrer u.a. von Czerny, J.N.Hummel u. Ferd.Ries! (C) hier müßte dessen erstes Septett op.74 (ersch. 1816) gemeint sein, von dem auf jpc.de derzeit immerhin vier Einspielungen erhältlich sind!

 

 

15.09.1787 Das verlangen meine kranke Mutter noch einmal zu sehen, half mir die gröste beschwerniße überwinden; sie hatte die schwindsucht und starb nach vielen überstandenen leiden. o! Wer war glüklicher als ich, da ich noch den süßen namen meiner mutter aussprechen konnte.... Ich habe noch wenige vergnügte stunden genoßen; die ganze Zeit bin ich mit der engbrüstigkeit behaftet gewesen; dazu kömmt noch melankolie, welche für mich ein fast eben so großes übel, als meine krankheit selbst.

 

16.11.1801 das sausen und brausen ist etwas schwächer als sonst -, indem ich mich mehr unter menschen gemacht; wie ein Gespenst ist mir überall mein schwaches Gehör erschienen... du(D) kannst es kaum glauben, wie öde ich mein Leben seit 2 Jahren zugebracht. Ich will dem schicksal in den rachen greifen, ganz niederbeugen soll es mich gewiß nicht; für ein stilles stilles Leben bin ich nicht gemacht, wäre mein Gehör nicht, ich wäre schon die halbe Welt durchgereißt.

 

(vermutl Apr. 1802) lieber Rieß! Vorwürfe muß ich ihnen denn doch machen, daß sie sich nicht schon lange an mich gewendet, warum verbargen Sie mir ihre Noth, keiner meiner Freunde soll darben, so lange ich etwas hab.

 

(c. 08.-12.11.1805) Verzeihen Sie Durchlauchtigste Fürstin! Wenn Sie in ein unangenehmes Erstaunen gerathen - Der armeRieß mein schüler muß in diesem unglückseeligen Krieg die Muskete auf die schultern nehmen - er hat nichts, gar nichts - die Gelegenheit zu einer Akademie ((= Konzert)) ist ihm in diesen Umständen gänzlich abgeschnitten - Er muß seine Zuflucht zur Wohlthätigkeit nehmen - Ich empfehle ihnen denselben -

 

02.05.1810 obschon (D)du keine schriftlichen Beweise hast, bist du doch bey mir im lebhaftesten Andenken - seit ein 2 Jahren ward ich mit gewalt in das Weltleben gezogen - Vielleicht wäre ich einer der Glücklichsten Menschen, wenn nicht der Dämon in meinen Ohren seinen Aufenthalt aufgeschlagen - hätte ich nicht irgendwo gelesen, der Mensch dörfe nicht freywillig scheiden, so lange er noch eine gute Tat verrichten kann, wär ich längst nicht mehr...

 

08.05.1816 Lieber Rieß ich fange schon an zu glauben, daß auch die Engelländer nur in England großmüthig sind, so auch mit den Prinzregenten von dem ich für meine schlacht(E) nicht einmal die Kopiaturkosten erhalten, ja nicht einmal einen schriftlichen noch mündlichen Dank... Mein Gehalt beträgt 3400 fl. in Papier - 1100 bezahle ich mein bedienter mit seiner Frau, dabey habe ich meinen kleinen Neffen ganz zu versorgen, bis jezt ist er im Institute, u. dabey doch schlecht, so daß ich eine Ordentliche Haußhaltung einrichten muß, um ihn zu mir zu nehmen....

übrigens sollte sich mein lieber Schüler Rieß hinsezen u. mir was tüchtiges dediziren, worauf der Meister gleiches mit gleichem vergelten wird(F) - alles schöne an ihre Frau, leider habe ich keine, ich fand nur eine, die ich wohl nie besizen werde, bin aber deswegen kein weiberfeind... >v. Mai 1819: Komponiren sie fleißig, mein liebes Erzherzöglein Rudolph u. ich spielen ebenfalls von ihnen, u. er sagt, daß der gewesene Schüler dem Meister Ehre macht.<

 

05.02.1823 Mein lieber guter Ries! wär ich nicht so arm, daß ich von meiner Feder leben müste, ich würde gar nichts von der P. Gesells. nehmen, so muß ich freylich warten, bis das honor. angewisen ist - um aber einen Beweiß meiner liebe und Vertrauens zu geben, so habe ich die neue overture(G) - Ich bitte sie sobald sie selbe erhalten, sogleich zu schreiben, ob die P. Gesell. solche nimmt... beßert sich meine gesundheit durch eine im künftigen Sommer zu nehmende Badekur, dann küße ich 1824 ihre Frau in london.

 

05.09.1823 Mein lieber (Rieß)! Sie sagen ich soll mich um jemand umsehen der meine Sachen besorgt, nun war dies jezt der Fall mit den Variat. - die erst, nachdem sie in london herausgekommen wären, hier erscheinen sollten, allein alles schief - nur der hiesige verl. Diabelli (hat sie) von mir erhalten alles gieng durch (H)Schindler, ein erz schuft, dem ich den Laufpass gegeben... hier(K) sehr übel angekommen, denn meine Gesundheit steht noch immer auf schwachen Füßen - du lieber Himmel, andere erlustigen sich beym Badegebrauch, meine Noth fordert, daß ich alle Tage schreibe - antworten sie bald sehr bald - alles schöne ihrer Familie.

 

PS (D) der Adressat ist Franz G. Wegeler, Mediziner u.Förderer des jugendl. Beethoven!      (E) B. hatte eine Abschrift d. Schlacht bei Vittoria op.81 an Georg v. England geschickt!         (F) Ries wird ihm seine (schon 1814 geschr.) 2.Sinfonie op.80 widmen - eine 'Rück-Widmung' kommt nicht mehr zustande! (G) gem. Die Weihe des Hauses op.124 (H) B.s Privatsekretär seit Herbst 1822; lt. Wikip. (gilt) seine Beeth.-Biographie v. 1840 als sehr unzuverlässig!       (K) B.s dritte Kur in Baden bei Wien innerh. v. 3J.!                                                                                       29.5.2021

 

 

Vor 190 Jahren:

Felix Mendelssohns Reise nach Italien

 

Die Adressaten der i. F. (wiederum sehr auschnittsweise!) zitierten Reise-Briefe aus den Jahren 1830 u. 31 sind Carl Fr. Zelter* (22.06./18.12.) sowie M.s Leipziger Angehörige    -  i. A. (27.04./17.05. ) bzw. die Eltern (06.06.) u. die Schwestern Fanny u. Rebecca (28.05./25.06.)

 

*Zelter dürfte zumindest kurzzeitig Kompositionslehrer des jungen Felix gewesen sein.   Seine Verdienste um die Entwicklung des Chorgesangs sind unbestritten: vor der von ihm 1809 gegründeten (Ersten) Berliner Liedertafel war - jed.falls lt. Robert Eitners Eintrag in  der Leipziger Dt. Biographie v. 1900 - der a capella Gesang völlig verloren gegangen. Zelters Zugang zu neuerer Musik nennt ders. Rob. Eitner dann allerdings (wohl nicht zu Unrecht) beschränkt und enge - notierte dieser doch z. B. über den 1821 in Berlin uraufgeführten Freischütz: von eigentlicher Leidenschaft habe ich vor (lauter) Gebläse wenig gemerkt...

 

''München, 22.06. Schriftliche Danksagungen kommen mir immer so kalt und förmlich vor, während das, wofür ich mich erkenntlich zeigen möchte, mir noch so lebendig vor Augen steht. Als Sie mich vor neun Jahren im Goethe'schen Hause einführten, wußten Sie, welch ein Glück das für mich sei; ich konnte Ihnen aber nicht genug dankbar für ein Geschenk sein, dessen Wert mir noch zu unbekannt war; jetzt weiß ich's wohl zu schätzen und kann eben darum wieder nicht recht danken. Immer merke ich, daß die Worte hinter dem rechten Sinn zurückbleiben. Nun, sie werden es ja wissen, wie ich's fühle.

 

Oft habe ich dem Goethe vorspielen müssen. An den Beethoven wollte er nicht heran;     da er aber hören wollte, wo es jetzt ''mit den Tönen sich hingewendet habe'', konnte ich   es ihm nicht ersparen - und spielte das erste Stück der (fünften) Symphonie, das ihm auch sehr gefiel. Ueber die Ouvertüre von Seb. Bach aus D dur mit den Trompeten ((vermutl.   der 1.Satz der Suite BWV.1069)) hatte er eine große Freude; ''im Anfange gehe es  so   pompös und vornehm zu, man sehe die Reihe ordentlich geputzte Leute,

die von einer Treppe herunterstiegen''.

 

Recht gefreut habe ich mich ueber die Orgel der ((dortigen)) Stadtkirche. Man sagte mir,   daß auch Sie ein Gutachten abgegeben hätten, und es ist damit besser geglückt, als mit irgend einer andern reparirten Orgel, die ich kenne. Der Organist gab auf mein Bitten (denn für die Leute müsse man leichte Sachen componiren) was Gelehrtes; es war aber nicht viel an dem Dinge; er modulirte hin und her, bis man schwindlig wurde. Als ich was spielen sollte, ließ ich die D moll Toccata von Sebastian los ((also BWV.538 od. 565)); aber kaum hatte ich angefangen, so schickte der Superintendent seinen Bedienten und     ließ sagen: man möchte gleich aufhören, da es Wochentag sei, und der Lärm ihn im Studiren störe. Über die Geschichte hat sich Goethe sehr erbaut.

 

Hier in München meinen die Musiker, gute Musik sei allerdings eine Gottesgabe, aber nur so in abstracto; denn sobald sie etwas spielen, so ist es das Abgeschmackteste, was sie nur finden können, und wenn das den Leuten nicht gefällt, so meinen sie, es läge nur daran,   daß es noch zu ernsthaft wäre. Selbst die besten Clavierspieler wußten kaum, daß Mozart und Haydn auch für das Clavier geschrieben (hatten); Beethoven kannten sie nur vom Hörensagen. Als ich aufgefordert wurde, spielte ich die Beethoven Sonate ((op,27,2)). Wie ich fertig bin, sehe ich, daß es den größten Effect gemacht hat.                                   

Am folgenden Morgen verlangte die Gräfin von ihrem Klavierlehrer eine Ausgabe wirklich guter Musik, von Mozart, Beethoven und Weber. Diese Geschichte ist nun in München herumgekommen, und es macht den gutgesinnten Musikern viel Spaß, daß ich mich          zum Prediger in der Wüste aufgeworfen.

 

Rom, 18.12. Täglich habe ich die päpstliche Kapelle gehört; sie sangen nicht besonders, andächtig waren die Leute auch nicht, und das Ganze that doch eine göttliche Wirkung.    Das kam davon her, weil sie sich in das Schiff von St. Peter stellen; nun hallen die Töne in allen Ecken und in der Höhe wieder, vermengen sich, verklingen, und woran kein Musiker   zu denken wagt, das bringt die Peterskirche zu Stande. Es geht damit, wie es in allen Dingen hier ist: sie mögen die schlechtesten Häuser bauen, die geschmacklosesten Gärten anlegen, mittelmäßige Musiken aufführen, so ist Natur und Vorzeit so reich, daß Alles schön und bewundernswerth wird; auf die beiden stützt sich dann aber auch Alles, und wenn man nicht die nöthige Gegenwart sich selbst mitbringen kann, so fehlt es freilich an allen Ecken.

                                                                                                                                       

Neapel, 27.04. Pompeji ist halb wie eine Brandstätte, halb wie eine eben verlassene Wohnung. Für mich war der Eindruck der traurigste, den ich bisher in Italien gehabt.     Es ist, als seien die Menschen eben ausgegangen - doch zeigt wiederum fast Alles         auf 1700 vergangene Jahre hin; und dazu klettern dann Franzosen und Engländer munter drauf umher: es ist das alte Trauerspiel von Vergangenheit und Gegenwart, über das ich  in meinem Leben nicht wegkomme. Das lustige Neapel macht sich darauf ganz gut, aber     die Bettler, die Einen auf allen Wegen und Stegen verfolgen, den Wagen im Haufen einschließen, sobald man anhält, thun mir wehe, denn eine solche Masse von Elend kann man sich gar nicht denken.

 

Das Theater ist jetzt für mehrere Wochen geschlossen. Was ich vorher gehört, war der Mühe des Hingehens nicht werth. Man muß jetzt nach Paris oder London gehen, um italienische Oper zu hören - ich bitte Gott, daß es nicht mit der deutschen Musik ebenso werden möge! 

 

Neapel, 17.05. Ungefähr ein Jahr war es, daß ich abgereist war. Ich habe (es) fleißig benutzt, bin an Eindrücken und Erfahrungen viel reicher, aber Äußerliches ist nichts geschehn, und    es wird auch wohl dabei bleiben. Die Zeit ist mir darum aber nicht weniger lieb. Die Kunst von Italien - da wird Unsereins zu lernen und zu bewundern finden, so lange der Vesuv stehen bleibt, und so lange die milde Luft, das Meer und die Bäume nicht vergehen.

 

Trotz dessen sehne ich mich herzlich nach einem Orchester, oder einem vollen Chor. Solchen Klang giebt's hier nicht - hier sind (beide) roh und unsicher, ohne den geringsten Geist, ohne Feuer und Lust. Der 1.Violinist schlägt, die ganze Oper hindurch, die vier Viertel des Taktes auf einen blechernen Leuchter - es klingt etwa wie obligate Catagnetten -, sodaß man es zuweilen mehr hört, als die Stimmen. Es ist ja auch natürlich; beim grenzenlosen Elend, das man überall sieht - wie soll sich da ein Boden zur Erhaltung eines Theaters finden? Und die Zeit, wo jeder Italiener geborener Musiker war, ist, wenn sie jemals gewesen, lange vorbei.               

 

Neapel, 28.05. Im einzigen Wirtshaus (von Ischia) was Alles besetzt, so daß wir uns entschlossen, noch bis zu Don Tomasso zu gehen. Das Ding wäre langweilig geworden,    hätte Don Tomasso nicht den niedlichsten Hühnerhof, den es in Europa geben kann.

An der Thür steht ein gewaltiger Orangenbaum, unter dessen Ästen die Treppe nach der Wohnung hinaufführt. Der Flur besteht aus einer weiten offenen Halle, wo man aus einem Bogen heraus den ganzen Hof mit Orangenbaum, Treppe, den Strohdächern, Weinfässern und Krügen, den Eseln und Pfauen übersehen kann. Damit es am Vorgrunde nicht fehle, steht unter dem Bogen ein indischer Feigenbaum, so üppig, daß man ihn mit Stricken an der Mauer hat festbinden müssen. (Wir) zeichneten uns den ganzen lieben Tag den Hof ab, so zierlich es gehen wollte. Ich habe mich überhaupt nicht genirt, sondern immer mitgezeichnet und glaube auch, etwas profitirt zu haben.

 

Capri hat schon was Morgenländisches an sich, mit der glühenden Hitze, die von den weißen Felswänden abprallt, mit den Palmen, mit den Kirchen, die wie Moscheen aussehen. Der Scirocco war brennend, und nach Anacapri hin 537 Stufen hinauf zu steigen, ist eine Pferdearbeit. Aber das Meer nimmt sich von den kahlen Felsen hinunter   - und zwischen den tollen Zacken hindurch - ganz wunderbar aus.               

 

Vor allem aber muß ich von der blauen Grotte erzählen, den die kennt nicht ein Jeder,      weil man nur bei stillen Wetter (oder schwimmend) hineinkann. (Deren ganzer) Boden füllt das Meer, und nur ein kleines Stück der Öffnung ragt unter dem Wasser hervor, und durch (diese) fährt man nun mit einem schmalen Kahn, auf dessen Boden man sich ausstrecken muß. Die ganze ungeheure Höhle liegt nun über Einem, und man kann frei, wie unter einem Dome, darin umherrudern. Das Licht fällt nun unter dem Wasser hinein, wird durch das (Grün des Meerwassers) gebrochen und gedämpft, und daher kommen die zauberischen Erscheinungen. Im Dämmerlicht sind die ganzen hohen Felsen himmelblau und grünlich, doch sieht man deutlich alle Ecken und Vertiefungen. Ist aber das Meer durch und durch von Sonnenlicht erhellt (sodaß der schwarze Kahn auf einer hell-gänzenden Fläche schwebt), ist es das blendendste Blau, das ich je gesehen habe, wie eine Scheibe des hellsten Milchglases. Dazu hallt es ganz wunderlich von jedem Ruderschlage wieder, und wie man an den Wänden umherfährt, so kommen neue Gestalten zum Vorschein. Ich wollte, Ihr könntet das sehen, denn es ist ganz sonderbar zauberhaft.

 

Rom, 06.06. Es ist, als wolle Einen die Luft (in Neapel) nicht zum Nachdenken kommen lassen; wenigstens ist es mir nur sehr selten gelungen, mich dort zu sammeln. Jetzt bin   ich kaum ein Paar Stunden wieder hier, und das alte römische Behagen und die heitere Ernsthaftigkeit haben sich wieder ganz über mich ausgebreitet. Die Leute sagen, Rom sei monoton und einsam; es ist auch wahr, daß Neapel lebendiger, verschiedenartiger ist;     - ich glaube aber nicht recht an das Kosmopolitische. 

 

Florenz, 25.06. Solch eine Reise, wie die meinige nach hierher, ist wahrhaftig kein Spaß. Der römische ('Lohnkutscher') gönnt Einem keinen Schlaf, läßt hungern und dursten; Abends weiß er's so zu karten, daß man gegen Mitternacht ankommt, wo man froh ist, wenn sich noch ein Bett findet. Morgens um Vier fährt er fort, und bleibt zu Mittag seine fünf Stunden liegen, aber gewiß in einer einzelnen Schänke, wo nichts zu haben ist. Täglich macht er etwa sechs deutsche Meilen, und fährt piano, während die Sonne fortissimo brennt.

 

Hier war ein Festtag gestern, und so war heute der Palast degli Uffizii voll Leuten, die nach der Stadt gekommen waren, um's Pferderennen zu sehen. Ich konnte mich still durch all die Leute schleichen und recht einsam sein, weil ich gewiß keine Bekannten darunter hatte. Ich weiß nicht, ob ich heute besonders empfänglich war, aber die Gesichter (v. Mitgliedern der Medici-Dynastie) erfreuten mich ungemein: sie sahen so nobel aus, so fein, und glücklich stolz. Dann ging es nach der Tribüne.

Das Zimmer ist so prächtig klein; mit fünfzehn Schritten geht man hindurch, und doch ist  gar viel Unendliches darin. Ich ließ es mir ein Paar Stunden wohl sein.

 

In einem Blick hat man die Madonna del Cardellino (ein Frauenpotrait v. Raphael; auch gen. 'Mad. mit dem Stieglitz'' /WW), darüber einen schönen Perugino ((Raffaels Lehrer!));       dicht neben sich die Venus Medicis, darüber die von Tizian; vor den Raphaels den lustigen griechischen Faun, der ein täppisches Vergnügen an gräulicher Musik hat, denn der Kerl     hat eben Becken zusammengeschlagen und tritt mit dem Fuß noch auf eine Art Kuckukspfeife zur Begleitung; das ist ein Rüpel! Das Alles in einem kleinen Halbkreise,  wie Eine von Euren Stuben. Man kommt sich da besonders klein vor, und wird bescheiden!''                                                 12.5.2021

 

 

 

 

Nicht nur ein politischer Journalist

Carl von Ossietzky

Verstorben am 04.05.1938, an den Folgen fast 4jähriger Lagerhaft!

 

''Die Linden sind noch heute, trotz der modernen Geschäftshauser, eine beliebte Promenade - hingegen dient die Friedrichstraße der Arbeit: wer von der Linden hinüberwechselt, mit ''offensiv bereiten'' Ellenbogen die Friedrichstraße hinuntereilt, drückt damit aus, daß er (des Müßigganges satt) entschlossen ist, dem ''Ernst des Lebens'' die Stirn zu bieten. Der kritische Leser kann einhaken, auf den Charakter der Friedrichsstraße als ''Mittelpunkt des Amüsierviertels verweisend - aber das ist eben das vertrackte an diesem Berlin, daß hier selbst das Vergnügen zur Schwerarbeit ausartet. Amüsement (in München ein ''leichter Falter'', der in das Häusermeer eine Ahnung von Blütenduft trägt, selbst im prosaischen Hamburg ein trikotiertes Frauenzimmerchen auf Narren-Schellen) ist in Berlin längst das Opfer einer weitgehenden Industrialisierung geworden...

 

Charleys Tante hat das Luxustheater ebenso erobert wie das Matrosentheater kleinster Hafenstädte - ein Lustspielchen, voll von kleinbürgerlichen Humoren, von echter rechter Harmlosigkeit: ein so blühender Blödsinn ist manchmal eine Art Reinigungsbad für das vollgepumpte Gehirn! Ganz Berlin drängt sich in den Vestibülen, der Einzelne versinkt in Farbe und Licht, Reflektoren werfen magisches Silbergeriesel. Der Triumph der Organisation bedeutet den Tod der Behaglichkeit. Amerika ist Vielfalt und Tempo...

 

Einen Platz gibt es in diesem turbulenten Berlin, der - ungemein sympathisch - sicher umfriedete Enge mit Ausblick in unendliche Weiten vereint: der Wartessal Erster Klasse im Bahnhof Potsdam! Ein nicht großer Raum mit wenigen Tischchen und verschlissenen Polstermöbeln aus der Zeit der Entenpest. Durch die matten Fensterscheiben eilfertige Schatten, Geschrei, Abschiedsrufe. Schließe die Augen, und zwischen Gestampf und Gelärm sinken die Gipfel und Klüfte Deiner Gedanken, glätten sich die seelischen Landschaften: das ist wohltuend, ist jener alles egalisieren-de Stumpfsinn, der höchst wahrscheinlich identisch ist mit kompletter Seligkeit...''

 

Nahezu einhundert Jahre alte Berliner (Pardon: Berlin-Potsdamer) Erkundungen...

Carl von Ossietzky, 1889 geboren, in Hamburg in bescheidenen Verhältnissen aufwachsend, hat schon als Heranwachsender wesentlich mehr Interesse an Schiller und Hölderlin, am Besuch von politischen Versammlungen und Theatervorstellungen als an seinen schulischen Fächern: dass er aufgrund mangelnder Intelligenz zweimal an der ''mittleren Reife'' scheitert, kann wohl nicht ernsthaft angenommen werden...

 

1919 verschlägt es ihn (seit 1913 mit der Frauenrechtlerin Maud Lichfield-Woods verheiratet) nach Berlin, wo er ab 1922 zum Redaktionsstab der ''Weltbühne'' gehört - als deren Herausgeber er ab 1927 größtenteils fungieren wird. Seine über achthundert erhaltenen Artikel und Essais sind überwiegend aktuell-politisch gehalten, Schilderungen wie die oben (sehr ausschnittsweise!) wiedergegebenen          finden sich erheblich weniger - und noch seltener Texte, die sich ausdrücklich mit Literatur und Film beschäftigen!

 

Nach letzteren hatte ich mich vor einem Jahr ausgiebiger auf die Suche gemacht - hier einige der damaligen Fundstücke! An Zufall mag ich übrigens so recht nicht glauben, wenn da gleich (im Zusammenhang mit Courts-Mahler) von einem Volkserziehungstiger die Rede ist: dass die Beziehung Ossietzky-Tucholsky alles andere als spannungsfrei gewesen (etwa der behende ''Tucho'' und der eher schüchtern-grüblerisch veranlagte Ossietzky manches Mal aneineinander geraten sein dürften), ist schließlich ein offenes Geheimnis - und Theobald Tiger ist eines der Pseudonyme, unter denen Tucholsky veröffentlicht hat!   

 

''Frank Wedekind hat in Deutschland noch nicht die verdiente Anerkennung gefunden. Zwar ist er berühmt, aber man sieht in ihm eher ein Kuriosum, bestaunt ihn wie ein Wundertier in der Menagerie.

 

Man hat Wedekind viel mit George Bernard Shaw verglichen - hat man hat sich von Äußerlichkeiten täuschen lassen: gemeinsam haben (sie) ein großes ''satirisches Temperament'', nach Form und Absicht sind beide grundverschieden! Shaw maskiert seine Satire, seine Stücke sind ''geschliffen'' wie edle Kristalle, Wedekind ist ein ''Dichter der Leidenschaften'', alles ist unstät bei ihm, willkürlich die Form, zerfahren die Technik: er ist Impressionist, der nur das bringt, was ihn interessiert, ihm ''wesentlich'' erscheint! Shaw ist ein kritischer Geist, Wedekind ein Nachkomme der deutschen Romantik: mit einem ''Zauberspiegel'' möchte er festhalten, was ihn umschwebt - die großen Rätsel will er darstellen, nicht erklären.

 

Im Ironiker Shaw finden sich Voltaire und Aristophanes wieder, im grotesken Wedekind kämpft Shakespeare mit Swift. Shaws ''kultivierte Form'' bändigt alle Leidenschaften, Wedekind kennt diese Decenz nicht. Shaw führt die sittlichen Anschauungen unserer Zeit geistreich ad absurdum, Wedekind vergröbert und übertreibt, will ein Gleichnis finden für das ''Gären und Drängen'' der Seele.

 

Shaw ist der bedeutendere Mensch, Wedekind der stärkere Dichter: Brüder sind sie nicht, aber gewiß Vettern! ((1915))

 

Neue Richtungen sind gekommen und vergangen, jüngere Wettbewerber stürmten vor und verschwanden: keiner war da, der Arthur Schnitzler den Ruf des repräsentativen Dichters Deutsch-Österreichs streitig gemacht hätte! Dieser sensitiv dichterische Mensch hat zuerst den Rhythmus jener von Melancholie überschatteten Wiener Heiterkeit in eine noch heute zwingende Form gebracht. Diese Melodie verleiht seinen epischen und dramatischen Werken ihren diskreten Zauber - und rettet, wenn er sich auf den abgetretenen Boden des ''Gesellschaftstückes'' begibt, vor Banalität. Wir haben stärkere Dramatiker, aber keinen, dem so viele lebensechte Frauengestalten gelungen wären!

 

Morgen wird (er) 60 Jahre alt. Entweihen (wir) seinen Geburtstag nicht mit biographischem Kleinkram. Wünschen wir ihm einen Strauß leuchtender Frühlingsblumen, keine gelehrten Abhandlungen und erst recht keine Ehrendoktorhüte! ((Mai 1922))

 

Hans Reimann, der Leipziger Satiriker, führt seit eingen Jahren eine erbitterte Fehde gegen jene Romanschreiberin, deren Produkte heute von Hunderttausenden deutscher Frauen wie eine Himmelsgabe erwartet werden, gegen Frau Hedwig Courths-Mahler. Nunmehr hat er alle Parodien und Pamphlete in einem kleinen Bändchen gesammelt.

 

Reimann formuliert seine Anklage präzise - er sieht nicht einfach nur die schlechte Schriftstellerin, sondern eine ''epochale Gefahr'': ''Courts-Mahler ist die verkörperte Phantasiearmut, aber - und das ist der dunkle Punkt! - sie ist es mit Bewußtsein.'' Hans Reimann bekämpft sie, weil sie eine - von Grund auf! - verlogene Empfindungsweise repräsentiert, weil sie der Gedanken-Faulheit Vorschub leistet, weil sie die Wirklichkeit mit schäbigem Flitterzeug verhängt!

 

Es gibt unendlich viel harmlosen Kitsch: wenn man nicht gerade ein ''Volkserziehungstiger'' ist, lächelt man darüber - und gönnt ihn jenen, die sich daran delektieren. Der Fall Courts-Mahler liegt ernsthafter: nicht nur, daß sie ein Deutsch schreibt, daß es einen Hund jammern kann und daß ihre Unkenntnis des sozialen Milieus, in denen ihre Romane sich abwickeln, zum Himmel schreit - sie verdirbt ihre Leserinnen mehr als es ein bewußter Pornograph tun kann!

 

In Arbeiterfamilien ist sie ebenso beliebt wie beim sogenannten besseren Mittelstand! Was kümmern die Frauen und Töchter des arbeiteten Volkes u n d des (um seine Existenz ringenden) Kleinbürgertums die schlecht erfundenen Schicksale irgendeiner blonden Pute - die vielen interessanten Anfechtungen ausgesetzt ist und dabei doch so furchtbar anständig bleibt? Was sollen sie mit den breiten (und an und für sich völlig abwegigen!) Schilderungen der Opulenz einer erlesenen Oberschicht?

Mag so eine Geschichte noch so miserabel erzählt, die faust-dick-triefende Moral noch so plump sein: bei jugendlichen Leserinnnen bleibt eine Sehnsucht nach diesen unerreichbaren ''schlaraffischen Regionen'' zurück, ein Kitzel, der das natürliche Empfinden pervertiert! ((Oktober 1922))

 

 

Die lustigen Weiber von Windsor gehört zu denjenigen Shakespeare-Komödien, die selten gesehen werden. An der alten Anekdote, der große Brite habe das Stück auf besonderen Wunsch seiner königlichen Gönnerin Elisabeth gexhrieben, mag insofern ein wahrer Kern sein, als man dem Werk die bestellte Arbeit ansieht: das Stück entbehrt der innern Musikalität, geht (ausschließlich!) in bürgerlicher Sphäre von sich. Es fehlt der Ausflug ins Phantastische, der Dichter rührt nicht ans ''Elementare'', - und der Elfenspuk bleibt ein Schabernack: ein ''Sommernachtstraum'' projiziert ins Kleinstädtische. ((Mai 1923))

 

 

Der Blaue Engel hat mit Heinrich Mann so wenig zu tun wie ein amerikanischer Film über die Sintflut mit der richtigen Sintflut! Die ersten deutschen Tonfilme hatten nur den Reiz der technischen Sensation, hier war mehr gewollt worden: ein großer Stoff, ein bedeutender Regisseur, einer unser vorzüglichsten Darsteller - das Resultat hätte nicht ärger werden können!

 

 

 

 

Es hätte den Verfilmern darauf ankommen müssen, die geistige Essenz des Romans zu retten! Der ''Unrat'' ist - obwohl er seine Motive aus bürgerlichem Mileu holt! - kein realistischer Roman, ebensowenig der ''Professor Unrat'' ein Mensch von Fleisch und Blut (sondern eine Konstruktion, ein ''Demonstrations-Objekt'', an dem alle Krankheiten des Schulbetriebs aufgezeigt werden.) Der Roman ist voltairisch, nicht nur in seinem spitzen boshaften Geist, in der verwegenen sprachlichen Stilisierung, sondern auch in der Entschlossenheit, das Geschehen auf eine Ebene jenseits aller Realität zu treiben!

 

Bei der Ufa ist aus der funkelnden Satire eine sentimentale Katastrophe geworden!

Nichts ist geblieben von der stickigen Luft des alten humanistischen Gymnasiums, nichts von der muffigen Pubertäts-Lüsternheit der Schülerschaft - dafür wird uns Unrat ''menschlich näher gebracht'': ein wunderlicher Herr, der einer späten Passion verfällt, und von Kleinstadt-Klatsch und Dummejungen-Sadismus zu Tode gehetzt wird. In dieser kümmerlichen Welt wandelt Emil Jannings wie ein Centaur, den man in eine Zwei-Zimmerwohnung gesperrt hat - welch ein absurder Einfall, diesen ''ausladendsten'' unsrer Filmkünstler ein hektisches Knochengerüst spielen zu lassen!

 

Das Ereignis bleibt Marlene Dietrich: dieses herrlich lascive Gesicht, diese hagere stelzende Gestalt mit den schäbigen Seidenhöschen verteidigt allein den Geist Heinrich Manns in diesem Film gegen Heinrich Mann! ((April 1930))''

 

 

 

 

17.04.1882 - Geburtstag von Artur Schnabel

Zwar mag er die Klaviersonaten Ludwig van Beethovens nicht in dem Sinne erst bekannt gemacht haben wie Pablo Calals die Bach'schen Cellosuiten - zweifellos ist er aber der erste gewesen, der sich wirklich ernsthaft mit ihnen auseinandergesetzt hat. (Noch sein Lehrer Theodor Leschetitzky hatte ihn mit der Ansicht konfrontiert, Beethovensonaten seien 'nutzlos'.) Als ihn der Ullstein - Verlag 1927 mit einer textkritischen Gesamtausgabe beauftragt, arbeitet er ganze fünf Jahre daran, mehr und mehr entdeckend, wie fehlerbehaftet fast sämtliche bisher erhältlichen Noten sind.

 

Dass er sich, seit 1933 im englischen, ab 1939 im amerikanischen Exil, spätestens dort 'aus der Zeit gefallen wähnt' ('lustlos' würde er spielen müssen, käme er den Wünschen der amerikanischen Konzertgänger mehr entgegen; den Geiger Fritz Kreisler nennt er einen 'Charmeautomaten'), muss man den zahllosen Briefen an seine Frau (der Altistin Therese Behr-Schnabel) entnehmen: ebenso wie er auf dem Podium sich einer jeden Selbstdarstellung verweigert, hält er auch sein Privatleben konsequent unter Verschluß - keine Memoiren, keine Anekdoten.

 

Besonderheiten seiner ab 1933 in den legendären Londoner Abbey Road Studios entstandenen Beethovenaufnahmen werden bis hier und heute immer mal wieder herausgestellt, jedenfalls vermutlich häufiger als sämtliche anderen hörenswerten verrauschten Tondokumente von Anno Dazumal. Im Capriccio Forum schreibt user Erzherzog, 'nie' habe er die 'Appassionata' - Sonate 'spannender und verstörender' gehört, user Zwielicht konstatiert (die späten Sonaten betreffend) 'wunderbare Nuancierungen im p-Bereich' und (der ehemalige ARD - Preisträger) Christian Köhn rühmt Artur Schnabels 'breite Palette an Klangfarben' - und dass sein 'kraftvolles Forte' niemals in 'Härte' umschlage... 

 

Doch genug der Einleitung, hier die (verknappten) Ergebnisse von drei kurzen Hörvergleichen, wie ich sie (gestern) vor zwei Jahren für das Capriccio Forum niedergeschrieben habe: 

 

Sonate op.31,2 - 3.Satz: AS (London, Apr. 1934) vs. Murray Perrahia (N.Y., 1986); Spieldauer: 5'40'' vs. 6'46''  

 

Während des ersten Durchgangs bei MP auf einmal der Gedanke (derart figurativ, wie er manche Phrasen gestaltet) Das ist Mozarts Geist aus … CPE Bachs Händen! Mit Verve drängt er dann freilich - übrigens genauer das vorgebene Allegretto beachtend als der eher Allegro moderato spielende AS - solche Reminiszenen wieder beiseite - um es in der linken Hand mitunter derart krachen zu lassen, dass Gedanken an Schubert (und beinahe noch Brahms) nicht mehr sehr fern sind. Es wird mir nach einigen Minuten ein bisschen zuviel MP und zuwenig der ihm vorliegende Notentext, während AS sich zu sagen scheint Letzterer ist wahrlich Eigensinn genug - wozu da den meinen noch hinzugeben...

 

Ein Viertelstündchen später - und ich finde, dass Beethoven für die ersten knapp hundert (der insgesamt fast 400) Takte nicht eilen, für deren Wiederholung geradezu ein träumerisch hätte notieren müssen, so wie MP diese vorträgt. Höchst mißtrauisch gegen jede Art von Beinamen, ist mir inzwischen doch eingefallen, dass ja auch diese Sonate mit einen solchen (''Der Sturm'') versehen ist. Und stürmisch scheint AS in der Tat als Vortragsbezeichnung zumindest im Hinterkopf zu haben, so wie er erstens diverse Phrasen in der linken Hand verwischt – und zweitens sein Allegro moderato erst nahezu in ein Allegro con fuoco verwandelt, um letztendlich mit dem von Beethoven notierten Allegretto zu schließen. Kaum einmal 50 Takte lang dürfte er in ein- und demselben Tempo verbleiben: Beethovens Energie und Eigensinn sprechen zu lassen scheint ihm erheblich wichtiger zu sein als das genaue Befolgen von Tempoangaben

 

3. Klav.konzert op.37 - 2.Satz, Takt 1-12 (Klaviersolo): AS (London, 1933) vs. Svjatoslav Richter (Prag, 21.06.1962); 1'26'' vs. 1'14''

 

AS dürfte sich in etwa an das vorgeschriebene Largo halten, während ich bei SR eher ein Molto Adagio höre. 1962 in Prag klingen die wenigen Takte tatsächlich nur wie eine Einleitung - während AS daraus geradezu eine kleine Szene baut, indem er nicht nur die Phrase in den Takten 9 und 10, sondern auch die Zweiunddreißigstel-Triolen des Schlußtaktes (hier ein von Beethoven gar nicht notiertes Ritartando einfügend) als Miniatur-Ariosi gestaltet. Letztere sind bei SR lediglich der lange Auftakt zu den beiden (dann allerdings berückend von ihm hingetupften) Schlussakorden. 

 

Sonate op.53 - 2.Satz: AS (London, Apr./Mai 1934) vs. Maurizio Pollini (Wien, Febr. 1997); 5'10'' vs. 3'54''

 

Hier befolgt MaP das vorgegebene Molto Adagio, während AS, Beethoven'sches Erschauern geradezu zelebrierend, nehezu ins Largo gerät. Einen Tag vor der damaligen Hörsitzung (gestern vor zwei Jahren) ist Notre Dame in Paris nahezu ausgebrannt gewesen - und die schauerlichen Nachrichtenbilder einschließlich eines leichenblassen französischen Premierministers steckten einem noch gehörig in den Knochen. Und während ich dann (AS lauschend) das Gefühl hatte Hier gruselt es jemanden - nach Wochen die Kirche wieder betreten dürfend - im Angesicht des Ausmaßes der Zerstörungen, hörte ich bei MaP eher nur die Betroffenheit eines Zuhörers, der sich von einem Augenzeugen entsprechendes schildern lässt.

 

Auch mag ich MaP einen gewissen 'Pädagogen-Gestus' einfach nicht absprechen. Innerhalb dieser gerade einmal 29 Takten (die eigentlich ja nur eine Introduzione in das abschließende Rondo sind) scheint er uns demonstrieren zu wollen, wovon Beethoven u. a. inspiriert worden ist: Gluck'sche Arien, Mozart'sche Fantasien, Wohltemperiertes Klavier. Demgegenüber gestaltet AS die pure pianistische Schönheit und Erhabenheit, dabei durchaus ureigende Akzente setzend: im aus vier Akkorden bestehenden Takt 8 spielt er zwei dort gar nicht notierte Bindebögen - und vier Takte später zwar das dort notierte Sforzato, allerdings an anderer Stelle als von Beethoven vorgegeben. Die stockende Überleitung in die wenigen Schlusstakte schließlich (von MaP lediglich als solche gestaltet) läßt AS geradezu verdämmern - um dann den aufmerksamen Hörer mit letzteren förmlich zu überfallen!

 

  

12.04.1814 – Todestag von Charles Burney

Vorweg etwas zu meiner Biografie:

So begehe ch begehe demnächst meinen 60. - bereits einige Jahre in Frührente. Und nach gut 20 Jahren im Ruhrgebiet wieder in meiner unterfränkischen Heimat gelandet. Bin großer Jazzfan (Pseudonym ist eine 'Collage' aus drei Jazzmusikern). Seite meinem 12.Lebensjahr erklärter Opernfan. Schlüsselerlebnis für meine Musiktheater-Karriere war die Oper Bluthochzeit von Fortner - Inszenierung von Kurt Horres Ende der 80er an der Rheinoper gewesen; geleitet vom damaligen GMD Hans Wallat mit keiner geringerem als Martha Mödl. Und wer sich betrachten mag, wie die Mödl wenige Jahre später die Pique Dame in Wien gestaltet hat, wird dieses wohl nachvollziehen können... 

 

Mein Tinnitus, der mich schon Jahrzehnte begleitet, hat in den letzten Jahren noch mal um einiges zugelegt. Kreativ – auch schreibend – ist mir nicht mehr viel möglich; aber z.B. kann ich manches nach-schöpfen, also etwa interessante Rundfunkfeatures nacherzählen oder ausgreifende literarische Texte ebenso couragiert wie  respektvoll zusammen-kürzen! Seiten wie zeno.org oder archive.org (und ein paar andere) sind schließlich nicht weniger anregende und spannende Fundgruben als you Tube!!

 

Die hiesigen Gedenkblätte werden nicht selten – mal mehr, mal weniger – revidierte Beiträge sein, die bereits mal für das Kulturforum Capriccio verfasst worden sind. Es dürfte aber auch mal die eine/andere Premiere geben. Zunächst ein paar erste zusammengeklaubte und fleissig durchgeschüttelte Passagen aus den – bereits 1772/3 erstmals deutsch übersetzten Reisetagebücher des englischen Historikers Charles Burney, lt. Perlentaucher.de eine wesentliche Quelle zum Musikleben um 1770.

 

Hamburg besitzt gegenwärtig ausser dem Herrn Kapellmeister, Carl Philip Emanuel Bach, keinen hervorragenden Tonkünstler, dagegen aber gilt dieser auch für eineLegion! Seineeleganten und original Kompositionen hatten ein so heftiges Verlangen in mir gezeugt, ihn zusehen und zu hören, daß es keiner andern musikalischen Versuchung brauchte, mich nach dieser Stadt zu locken.

 

Man kommt (nach Hamburg) ohne examiniert zu werden. Der Reisende wird an dem Thore bloß um seinen Namen und Stand befragt. Aus den Mienen und Betragen der Einwohner leuchtet eine Geschäftigkeit und Zufriedenheit hervor, die man an andern Orten Deutschlands nicht häufig zu sehn bekömmt.

 

(Diese Stadt) ist lange wegen ihrer Opern berühmt gewesen, und aus dem Verzeichnisse, das Mattheson in seinem musikalischen Patrioten davon anführt, erhellet, daß die Anzahl derer, welche zu Ende des vorigen und zu Anfange des gegenwärtigen Jahrhunderts aufgeführt worden, grösser ist, als die in irgend einer andern Stadt im deutschen Reiche. Eben in (Hamburg) wars auch, daß Händel seine Laufbahn als Komponist antrat, ob er gleich anfangs mit der Stelle eines zweyten Violinisten im Orchester vorlieb nehmen mußte. Dadurch daß er fleissig Opern gehört, gesteht Mattheson, habe (er) seinen Styl – er hielt sich fünf bis sechs Jahre (hier) auf – um ein merkliches gebessert.

 

Von Mattheson seh' ich mich genöthigt, etwas umständlicher zu seyn, weil er lange in dem dreyfachen Charakter, als Sänger, Komponist und Schriftsteller Figur gemacht hat. Er machte sich einen Ruhm daraus, daß er eben so viel Bücher über die Musik geschrieben habe, als er Jahre alt geworden, und daß er eine gleiche Anzahl zum Gebrauche für die Nachwelt hinterlassen würde. Nicht allein war (er) spitzfindig und scharf, sondern er zankte sich auch beständig mit seinen Lesern herum. Indessen war er fleissig, Thatsachen aufzusuchen und setzte sie genau ins Licht.

 

Von Händel sagt Mattheson, daß er auf der Orgel im Fugen und Contrapunctstyle noch stärker gewesen, als der berühmte Kuhnau zu Leipzig, der damals als ein Wunder angesehen ward. Als 1703 in Lübeck (Mattheson war zwey und zwanzig Jahr alt und Händel neunzehn) eine Organistenstelle besetzt werden sollte – man wollte Buxtehude einen Nachfolger aussuchen -, reiseten sie zusammen dahin, und komponirten auf dem Wagen viele Doppelfugen. Von dem Vorhaben, sich um diese Stelle zu melden, traten (beide) ab, wegen einer dabey verknüpften Nebenbedingung, welche keine andre war, als daß das Amt und eine Braut zugleich empfangen werden sollte. Also reiseten sie geschwind wieder nach Hamburg zurück.

 

Herr Bach empfing mich sehr gütig, sagte aber, daß er sich schämte, wenn er daran dächte, wie wenig mir meine Mühe belohnt werden würde. Funfzig Jahre früher, sagte er, da hätten sie kommen sollen!' Er bespielte ein neues Fortepiano, und mit einer Art, als ob er kaum ans Spielen dächte, warf er seine Gedanken und solche Sachen hin, worauf sich ein jeder andrer hätte etwas zu gute thun können. Seinen Ruhm möchte ich auf seine Arbeiten für sein eignes Instrument, das Clavier und Fortepiano, gründen; denn hier steht er ohne einen Nebenbuhler. Unser Gespräch lenkte auf die gelehrte Musik. Er sprach mit wenig Ehrerbietung von Canons, und sagte, es wäre elendes, pedantisches Zeug, das ein jeder machen könnte, der seine Zeit damit verderben wollte.

 

Des Abends war Herr Magister Ebeling – Vorsteher einer 1768 errichteten Handlungs-Academie – so gütig, so viel hamburgische Musiker und Liebhaber zusammen zu bringen, als ihm möglich gewesen, um mich mit einem Concert zu tracktiren. Herr Bach hat ein deutsches Passionsoratorium in Musik gesetzt, und (daraus) wurden einige Stellen gemacht. Besonders ward ich von einem Chor entzückt, welches in Ansehung der Modulation, der Ausarbeitung und der Wirkung, es wenigstens dem besten Chore in Händels unsterblichen Messias gleich that. Eine Adagioarie, da Paulus innig weint, als ihn der Hahn zur Reue weckt, war so innig rührend, daß fast alle Zuhörer den Jünger mit ihren Thränen begleiteten.

 

Post Scriptum

((CPE Bach war seit 1768 als Nachfolger seines Paten G.P.Telemann Hamburgs ''städtischer Musikdirektor''. Beim der erwähnten Passionsmusik handelt es sich entweder um das Lukas- oder das Johannesoratorium – die Vertonungen nach Matthäus und Markus entstanden erst später! // Johann Kuhnau war seit 1701 JSBs unmittelbarer Vorgänger als Leipziger Thomaskantor! /// Christoph Daniel Ebeling übersetzte den ersten Teil von Burney's (insgesamt dreiteiligem) Reissetagebuch schon bald nach Erscheinen des Originals, wird 1784 (gleichfalls in Hamburg) Professor für Geschichte und griechische Sprache – und später ein enger Vertrauter von Friedrich Klopstock. /// ...u. auf Joh.Mattheson werde ich sicher noch einmal zurückkommen!))

 

13.4.2021

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de