DVD: „Strawinsky: Mavra & Tschaikowsky: Iolanta“ an der Bayerischen Staatsoper

Live vom Münchner Cuvilliés Theater kommt der vorliegende DVD-Mitschnitt der beiden Operneinakter Mavra von Igor Strawinsky und Iolanta aus der Feder Peter I. Tschaikowskys. Aufgenommen wurde eine Aufführung vom Juli 2019. Hierbei handelt es sich um eine interessante Angelegenheit. Zunächst einmal  in Anlehnung an das informative Booklet einige kurze Worte zum Inhalt: In der Iolanta sucht die blinde Prinzessin Iolanta nach den Gründen für ihre Traurigkeit und findet in dem Ritter Vaudémont ihre große Liebe. In dem neoklassischen Buffa-Einakter Mavra hat Parasha, eine erfinderische junge Frau, einen riskanten Einfall und schmuggelt ihren Geliebten, den Husaren Vassili, als Köchin Mavra verkleidet in das Haus ihrer Mutter.

Gelungen ist die Inszenierung von Axel Ranisch im Bühnenbild, den Kostümen und dem Video Design von Falko Herold. Laut Booklet verwebt der Regisseur beide Werke zu einem Coming-of-Age-Märchen über Familie, Liebe, Erkenntnis und Selbstbestimmung. Aus Mavra und Iolanta wird Mavra/Iolanta. Ranisch hat beide Opern in phantastischer Art und Weise miteinander verwoben. Diese Verzahnung von Mavra und Iolanta, das Neben- und Ineinander der beiden Werke macht im konkreten Fall großen Sinn. Die Iolanta stellt die Haupthandlung dar. In diese eingebettet ist die Geschichte von Mavra. Das Bühnenbild besteht aus einem stählernen Gerüst, das das Haus von Iolanta darstellt. In diesem sitzt die blinde Prinzessin hinter einem gleichsam ihr Gefängnis symbolisierenden vergitterten Fenster und spielt immer wieder mit ihren Puppen. Dieses Puppenspiel stellt das heitere Geschehen um Mavra dar. Es wird von Sängern mit riesigen Puppenköpfen gespielt. Während das Orchester von Iolanta im hoch liegenden Orchestergraben sitzt, befinden sich die ein Kammerensemble bildenden Musiker der Mavra auf der Bühne – ein trefflicher Regieeinfall. In beiden Stücken wartet Ranisch mit einer ausgewogenen, flüssigen und stringenten Personenregie auf, sodass es an keiner Stelle langweilig wird. Mit Hilfe der Drehbühne ist ein rascher Wechsel der Handlungsorte möglich. Die zwischenmenschlichen Beziehungen werden eindrucksvoll herausgearbeitet. Auch die Zeichnung der einzelnen Personen ist vollauf gelungen. Verfremdet wird hier nichts. Alles bewegt sich eng an den Libretti. Insgesamt gelingt Ranisch eine ansprechende Gratwanderung, die sowohl für modern eingestellte als auch für konventionelle Gemüter etwas bereit hält. Das bereits oben erwähnte stählerne Gerüst mutet modern an, im Großen und Ganzen ist die Bühnenästhetik sehr gefällig. Dazu tragen auch die gelungenen Kostüme bei. Zum Schmunzeln hält der Regisseur ebenfalls etwas bereit, so beispielsweise wenn während der zweiten Mavra-Szene der offenbar große Wagner-Verehrer Bertrand am rechten Bühnenrand sitzt und eifrig in einem Götterdämmerung-Reclam-Heft liest. Der alten Patriarchin ordnet Ranisch einen Rollstuhl zu, in dem sie rege auf das Geschehen reagiert und sich einmal sogar aus diesem erheben darf. Geändert hat der Regisseur das Ende: Bei Ranisch tut Iolanta nur so, als ob sie wieder sehen kann. In Wirklichkeit ist sie immer noch blind. Nur Vaudémont erkennt die Wahrheit. Er tut es der Geliebten gleich und blendet sich selbst. Daraufhin machen sich Iolantas Puppen Parasha und Vassili selbständig. Schließlich finden sie das vom Sturm der Begeisterung hinweggefegte Liebespaar (Ranisch im Booklet). Jetzt kommt es zu einem Tausch. Parasha und Vassili entkleiden sich, nehmen ihre Puppenköpfe ab und setzen diese Iolanta und Vaudémont auf. Dadurch werden letztere sehend und können sich zum ersten Mal anblicken. Alle vier fliehen zum Schluss in die Freiheit. Das ist alles sehr überzeugend und gut umgesetzt.

Das Gesangsensemble setzt sich aus Mitgliedern des Opernstudios der Bayerischen Staatsoper zusammen. Es ist zum Erstaunen, über was für größtenteils phantastische Stimmen die noch jungen Sänger verfügen. Fast durchweg kann man mit den gesanglichen Leistungen vollauf zufrieden sein. Von diesem hochkarätigen Ensemble steht wohl so manchem eine große Karriere bevor. An erster Stelle ist in der Iolanta Markus Suihkonen zu nennen, der mit wunderbarem, hervorragend italienisch geschultem und sehr sonorem Bass einen erstklassigen König René singt. Das ist eine ganz große Leistung! Einen ebenfalls bestens fokussierten, ebenmäßig geführten und zur Höhe hin schön aufblühenden Sopran bringt Mirjam Mesak in die Partie der Iolanta ein. Feines, sauber dahinfliessendes lyrisches Tenormaterial nennt Long Longs Vaudémont sein eigen. In nichts nach steht diesen beiden das andere Liebespaar aus Mavra: Mit volltönendem, intensivem und trefflich fundiertem Sopran legt sich Anna El-Khashem als Parasha mächtig ins Zeug. Und der kraftvoll und viril singende Freddie De Tommaso übertrifft in der Rolle des Vassili sogar seinen Tenorkollegen Long noch. Die tadellos intonierenden Noa Beinart (Mutter und Marta) und Yulia Sokolik (Nachbarin und Laura) sind in beiden Opern zu erleben. In Iolanta ist Boris Prygl ein markant singender Robert. Eine angenehm klingende Tenorstimme bringt Caspar Singh für den Almerik mit. Oleg Davydov gibt einen solide klingenden Bertrand. Die kleine Partie der Brigitta wertet Anais Mejias mit gefälliger Stimme auf. Gegenüber seinen Kollegen ab fällt Ogulcan Yilmaz, dessen Ibn-Hakia es noch etwas an der erforderlichen Körperstütze der Stimme fehlt. Abgerundet wird das homogene Ensemble durch Nora Bollmann in der stummen Rolle der Patriarchin. Trefflich gefallen Chor und Kinderchor der Bayerischen Staatsoper. Die Einstudierung besorgte Stellario Fagone.

Am Pult des Bayerischen Staatsorchesters nimmt  die junge Dirigentin Alevtina Ioffe starkfür sich ein. In Mavra entlockt sie den – wie oben schon gesagt – auf der Bühne sitzenden Musikern herrlich zarte und filigrane Töne. In der Iolanta dreht sie dagegen den Orchesterapparat manchmal ganz schön auf. Hier wartet sie zudem mit herrlichen Lyrismen und einem gehörigen Schuss Dramatik bei sauberer Linienführung der Orchesterstimmen auf.

Fazit: Eine in jeder Beziehung lohnenswerte DVD, deren Anschaffung sehr zu empfehlen ist!

Ludwig Steinbach, 6. Dezember 2022


Igor Strawinsky, Peter Tschaikowsky: Mavra/Violonta

München 2019                                                       

Dirigat: Alevtina Ioffe, Axel Ranisch

Bayerische Staatsoper Recordings 2022      

Best.Nr.: LC96744