CD: „Parsifal Suite“ unter Andrew Gourlay

Dirigent Andrew Gourlay ist fasziniert von Richard Wagners letztem Musikdrama „Parsifal“. Diese Faszination blieb nicht folgenlos.

Wie kann es möglich gemacht werden, dass Orchester in der Welt an einem Abend die wesentlichen Abschnitte der wunderbaren Musik der „Parsifal“-Welt spielen können?

Gerade im Oeuvre von Richard Wagner gab es hierzu vielerlei Versuche. Der große Erich Leinsdorf stellte vor vielen Jahren Orchesterfassungen vom „Parsifal“ und der „Götterdämmerung“ zusammen. In den 1990ziger Jahren arrangierte der Niederländer Henk de Vlieger Orchesterversionen der „Meistersinger“, „Tristan und Isolde“ und „Parsifal“. Diese Fassungen wurden ausgezeichnet eingespielt von Edo de Waart und dem Netherlands Radio Philharmonic Orchestra. De Vliegers „Parsifal – an orchestral quest“ dauert knapp eine Stunde und folgt dabei chronologisch dem Stückverlauf der Oper.

Bei der aktuellen CD-Ersteinspielung der „Parsifal-Suite“ geht Andrew Gourlay, Dirigent und Arrangeur dieser Fassung einen eigenen, anderen Weg. Seine Suite ist in sieben Sätzen untergliedert und dauert etwas mehr als eine Dreiviertelstunde.  Seine Reihenfolge wirkt auf den ersten Blick befremdlich:

1.) Vorspiel – 1. Aufzug,

2.) Karfreitagszauber,

3.) Verwandlungsmusik – 3. Aufzug,

4.) Vorspiel – 3. Aufzug,

5.) Vorspiel – 2. Aufzug,

6.) Verwandlungsmusik – 1. Aufzug, 

7.) Finale

Ob die Reihenfolge überzeugt, wird jeder Musikfreund unterschiedlich bewerten. Natürlich ist für den kundigen Hörer der abrupte Wechsel vom ersten Vorspiel direkt in den Karfreitagszauber hinein sehr befremdlich. Aber diese Verstörung währte nur kurz, weil Gourlay und das London Philharmonic Orchestra bezwingend musizieren. Und trotz mancher Vorbehalte sind die Anschlüsse zwischen den gewählten Auszügen sehr gut gelungen. Es ist und bleibt die Musik Richard Wagners, die hier zu hören ist, ohne weitere „Beigaben“.

Mit großer Spielfreude und hörbarem Engagement bietet das traditionsreiche London Philharmonic Orchestra einen erlesenen Orchesterklang. Der große Streicherapparat spielt geschmeidig und tonschön. Herrlich eingebunden ertönen die kantablen Holzbläser und die Blechbläser liefern die notwendige, strahlende Feierlichkeit. Sehr geheimnisvoll sind die Gralsglocken eingefangen. Mystik im Orchesterklang, hier ist sie zu erleben!

Wie nähert sich der Dirigent Andrew Gourlay als Interpret dem „Parsifal“?

Ehrfurcht und Weite kennzeichnen seine Lesart. Er gibt der Musik viel Raum zur Entfaltung. Mit feiner Agogik können so die Holzbläser ihre berührenden Soli ausmusizieren. Gourlay wählt ruhige, fließende Tempi. Sehr klar vermittelt er, dass er seine Suite als einen großen musikalischen Erzählstrang beschreitet. Und es ist schon beeindruckend, mit welcher Sonorität das stets nobel tönende London Philharmonic Orchestra Wagners Musik ehrt und in den Verwandlungsmusiken gewaltige Klangsteigerungen ausmusiziert.

Sehr genau trifft Gourlay die kontemplative Potenz dieser so besonderen Musik. In der Ruhe liegt die Kraft…., das weiß der Dirigent gut zu vermitteln. Mögliche Schärfen oder harmonische Zuspitzungen, wie z.B. im Vorspiel zum zweiten Aufzug, sind nicht seine Sache. Gourlay bettet Wagners Musik in helles Licht. Und genau in diesem Sinne entschied Gourlay völlig richtig, die erste Verwandlungsmusik mit dem Finale der Oper als Schlusspunkt seiner Suite zu wählen. Für diese Stelle hat Gourlay sich die größte Überraschung in seiner Suite aufgehoben…..

Zum besonderen Hörerlebnis wird diese CD durch die fabelhafte Aufnahmetechnik, die jedes Detail in warmer Raumakustik und hoher Dynamik bestens abbildet.

Eine hörenswerte CD mit informativem Booklet.

Dirk Schauß, 6. November 2022


Richard Wagner

Parsifal Suite

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Andrew Gourlay

London Philharmonic Orchestra