CD: „Orchesterwerke von Florence Beatrice Price“

(c) Naxos

Die Wiederentdeckung von Florence Price Musik ist ein faszinierendes Erlebnis! Die mutige Price war die erste afroamerikanische Komponistin im 20. Jahrhundert, deren Wirken erfolgreich verlief. Price war eine vollendete Musikerin – gleichzeitig eine virtuose Pianistin und Organistin, eine produktive Komponistin und eine angesehene Pädagogin. Ihr stilistisch umfangreiches Oeuvre umfasst fast vierhundert Werke.

Das Label Naxos hat mit dem amerikanischen Dirigenten John Jeter begonnen, die wichtigsten Werke von Price aufzunehmen. Erschienen sind bereits die Sinfonien. Die aktuelle Neuveröffentlichung umfasst Tänze, Konzert-Ouvertüren und Tondichtungen. Die beiden Konzert-Ouvertüren verarbeiten Elemente des Spirituals, sowohl episodisch als auch koloristisch. Die äußerst zugängliche Musik ist düster, dann aber auch ergreifend und überschwänglich.

Die Komposition „Songs of the Oak“ ist eine epische Tondichtung, während „The Oak“ mit bangeren Farben zu vernehmen ist. Das bekannteste Werk von Price ist die „Suite der Tänze“ – ursprünglich für Klavier komponiert, hier erstmals als Orchesterfassung zu hören. Die beiden Ouvertüren zeigen ihre tiefen Verbindungen zum Spiritual. Die Konzertouvertüre Nr. 1 (1939) besticht durch wechselnde Orchesterfarben und Harmonien. Eine schöne Choralmelodie und eine Bläserfanfare bieten deutliche emotionale Kontraste. Die erste Hälfte der Konzertouvertüre Nr. 2 (1943) präsentiert drei Miniaturszenen in rascher Folge. Basierend auf wiederum drei Spirituals ist der musikalische Charakter des Werkes sehr unterschiedlich, Düsternis trifft auf Enthusiasmus. Die zweite Hälfte kombiniert melodische Fragmente aus den drei vorherigen Abschnitten zu einem einheitlichen Porträt, das mit einer Rückkehr zum ersten Spiritual abschließt.

Obwohl sie gelegentlich als ein und dasselbe Werk verwechselt werden, sind Price’ Tondichtungen „Songs of the Oak“ (Lieder der Eiche) und „The Oak“ (Die Eiche), beide entstanden 1943, sehr unterschiedlich. Mit „Songs of the Oak“ schrieb Price ein stimmungsvolles Naturporträt mit Imitationen von Waldtieren, die mit der mächtigen Eiche interagieren. Feierliche Abschnitte werden mit der vollen Besetzung der Blechbläser gegeben. Glockenläuten und Orgelspiel beschließen das Stück, während die stoische Eiche für die Ewigkeit unerschütterlich zu stehen scheint.

Eine kompaktere Behandlung eines ähnlichen Bildes zeigt Price mit dem Werk „The Oak“. Dunkel dräuende Streicher, kraftvolle Blechbläser und flatternde Holzbläser entfalten unheilvolle Farben, die zu narrativer Größe entwickelt werden. Price hatte eine hohe Affinität für den Tanz. Sie sah diesen als integralem Bestandteil des afroamerikanischen Lebens.

Der „Colonial Dance“ ist eine ausgelassene Angelegenheit im Dreiertakt mit einer Melodie, die einen eckigen, treibenden Charakter erkennen lässt. Ein kontrastierender Mittelteil hebt Pizzicato-Streicher hervor, die auch hier von Glocken begleitet werden. Das wohl bekannteste Werk von Price, „Suite of Dances“, ist eine vollständige Orchestrierung ihrer charmanten „Three Little Negro Dances“ für Soloklavier. Als Erik Leidzén eine Version für Blasorchester arrangierte, wurde das Werk sogleich ein Hit und erfreute sich größter Beliebtheit. Price nutzte in ihrer Orchesterfassung ihre Instrumentationskunst für faszinierende Klangwirkungen.

Dirigent John Jeter, langjähriger Chefdirigent des Forth Smith Symphony Orchestra, zeigt bei der aktuellen Einspielung seine Kompetenz, die Musik von Price würdig zu gestalten. Gutes Timing und dynamische Feinarbeit verleihen den Werken Charme und Elan. Klar in den Akzentgebungen und der rhythmischen Pointierung arbeitet Jeter gekonnt vielfältige Nuancen heraus. Der musikalische Vortrag wirkt dazu mitreißend und kurzweilig.

Vermutlich ist es für die Württembergische Philharmonie Reutlingen eine Premiere, sich der Musik von Florence Price zu widmen. Ein gelungenes Debüt. Klangschön und volltönend mit Mut zur kraftvollen Offensive, empfehlen sich die Reutlinger für weitere Aufnahmen. Die viel geforderten Blechbläser haben den notwendigen Groove und die Streicher agieren im Verein mit den leuchtenden Holzbläsern klanglich ausgewogen. Präzise und stark in der Präsenz ist das viel geforderte Schlagzeug zu erleben.

Die dynamische Aufnahmetechnik verhilft dieser wichtigen CD-Einspielung zu prägnanter Wirkung. Die Musik von Florence Price ist eine lohnende Entdeckung, die auf dieser CD mustergültig vorgetragen wird.

Dirk Schauß, im November 2022


Florence Beatrice Price (1887-1953)

Concert Overture No. 1 (1939)

Concert Overture No. 2 (1943)

Songs of the Oak (1943)*

The Oak (1943)

Colonial Dance (date unknown)*

Suite of Dances (date unknown)*

Württembergische Philharmonie Reutlingen

John Jeter, Leitung

Naxos: 8559920