Düsseldorf: „Iwein Löwenritter“ Moritz Eggert

Im Rahmen des Projektes „Junge Oper Rhein-Ruhr“, eine Kooperation der Deutschen Oper am Rhein mit dem Theater Dortmund und dem Theater Bonn, entstanden in den letzten Jahren viele sehenswerte neue Familienopern. Anfang des Jahres fand am Theater Bonn in diesem Zusammenhang die Uraufführung von „Iwein Löwenritter“ statt, eine neue Oper die derzeit in Düsseldorf zu sehen ist. Auf der Grundlage des Epos „Iwein“ von Hartmann von Aue schuf Felicitas Hoppe 2011 einen Roman, der die Geschichte von Freundschaft und Liebe neu erzählt. Iwein ist Ritter am Hof von König Artus, allerdings ist die Welt dort sehr langweilig. So zieht er eines Tages los, um neue Abenteuer zu erleben. Hierbei trennen sich nicht nur (vorerst) seine Wege von denen seines Freundes Gawein, mit seinem forschen Auftreten macht Iwein sich nicht überall beliebt. An der Gewitterquelle kommt es zu einer Konfrontation mit dem Burgherrn vom Land Nebenan, den Iwein im Kampf tötet. Anschließend überschlagen sich die Ereignisse regelrecht. Iwein verliebt sich in Laudine, die Witwe des Burgherren, die seine Liebe durchaus erwidert. Sie tauschen ihre Herzen, doch auch im Land Nebenan wird es Iwein trotz seiner Liebe zu Laudine irgendwann zu langweilig. Da kommt sein alter Freund Gawein gerade recht, der ihn dazu ermuntert, mit ihm neue Abenteuer zu erleben. Widerwillig lässt Laudine ihren Geliebten ziehen, wenn dieser verspricht innerhalb eines Jahres zurückzukehren. Die beiden Ritter brechen auf und vergessen im Siegesrausch die Zeit. Lunete, Laudines Hofdame, verflucht Iwein daraufhin zur Strafe, so dass Iwein vergisst wer er ist. Nachdem er irgendwann langsam wieder klar sieht und die Erinnerungen zurück kommen, will er sich erneut beweisen. Er rettet einen Löwen vor einem gefährlichen Drachen. Der Löwe wird daraufhin Iweins neuer Freund und verleiht ihm den Titel „Löwenritter“. Nach weiteren großen Siegen über den Riesen Harpin und den doppelten Ritter, wird Laudines Herz langsam ungeduldig. Wir erinnern uns, dieses Herz wurde ja vor langer Zeit getauscht und schlägt seitdem in Iweins Brust. Es fordert Iwein zur Rückkehr auf, so dass es an der Gewitterquelle, an der damals alles begann zu einem großen Wiedersehen der beiden Liebenden kommt.

(c) Jochen Quast

Man merkt bereits an dieser kurzen Zusammenfassung, vieles ist märchenhaft dargestellt und für Kinder gibt es einige Abenteuer mit Iwein zu erleben. Dennoch ist die Geschichte nur bedingt empfehlenswert für Kinder, was schon damit beginnt, dass Iwein den Burgherren einfach mal so das Schwert durch den Körper sticht. Natürlich sind Märchen oft nicht zimperlich, allerdings ist dabei die Rollenverteilung nicht unwichtig. Wenn das wirklich abgrundtief Böse durch den edlen Ritter besiegt wird, ist das für Kinder sicherlich als Märchen zu verarbeiten. Hier kommt Iwein aber als Eindringling in das Land des Burgherren, tötet diesen und zur „Belohnung“ gibt es die Liebesgeschichte von Iwein und Laudine? Das ist durchaus fragwürdig. Allgemein bietet die Geschichte sehr oft übergeordnete Fragen zum wahren Verständnis von Ehre, von Liebe und von Freundschaft, die dann aber durch die Regie auch aufgeworfen, nicht aber wirklich beantwortet werden. Wahrscheinlich liefert die eigentliche Geschichte schon genug Stoff für zwei Opernstunden, doch dann hätte man auf diese übergeordnete Ebene besser komplett verzichten sollen. So hangelt sich Aron Stiehl mit seiner Inszenierung von Szene zu Szene. Das ist alles durchaus nett, aber es will sich kein märchenhafter Zauber einstellen, wie bei vielen vorherigen Opern der „Junge Opern Rhein-Ruhr“. Durchaus gelungen ist dagegen die Klammer des Abends, da Iwein und Gawein zu Beginn durch die beiden Brüder Leon und Gereon „zum Leben erweckt werden“. Die beiden langweilen sich bei einem Zoobesuch mit der Familie, als plötzlich der Löwe zu ihnen spricht und sie mitnimmt in die sagenhafte Welt des Immerwaldes. Am Ende sind die beiden wieder vor dem Käfig und berichten ihren Eltern und ihrer Schwester begeistert von den Abenteuern in der fremden Welt. Besagter Löwe führt auch als Erzähler durch den ersten Akt, dies ist hilfreich, damit man der komplexen Geschichte folgen kann. Magda Lena Schlott übernimmt hierbei die Sprechtexte, gesanglich interpretiert Stefan Heidemann den Löwen.

(c) Jochen Quast

Besonders eindrucksvoll sind die Passagen, bei denen beide zusammen den Körper des Löwen bilden und geschickt miteinander verschmelzen. Da der Löwe im 2. Akt mehr in die Handlung eingebunden ist, übernimmt nach der Pause Morenike Fadayomi als Lunete die Rolle der Erzählerin. Das funktioniert famos, sowohl gesanglich wie auch vom ausdrucksstarken Schauspiel wirklich sehenswert und das Highlight des Abends. Leider kommt diese Rolle etwas aus dem Nichts, es wäre schön gewesen, wenn man dem Zuschauer die Rolle der Lunete auch schon im ersten Akt etwas näher gebracht hätte, man wünscht sich fast man hätte sie durchgängig als Erzählerin genutzt. Aber auch die Aufteilung der Erzählerrolle ist soweit gelungen. Nicht ganz gelungen ist im zweiten Akt die deutliche Fokussierung auf das Schachspiel als zentrales Bühnenelement, hier dürften Kinder so gar nicht verstehen, warum der Zauberwald nun zu einem Schachspiel wurde. Man muss allerdings auch erwähnen, dass das vielseitige Bühnenbild von Thomas Stingl und die teilweise fantasievollen Kostüme von Sven Bindseil den Abend stark aufwerten.

Musikalisch ist die Komposition von Moritz Eggert durchaus gelungen. Sie führt die jungen Zuschauer in Welt der Oper ein, liefert immer wieder große Orchesterklänge, geht ins Ohr und lässt auf der anderen Seite auch Raum für die Sänger. Dennoch sind Andrei Danilov als Iwein und Jorge Espino als Gawein leider oftmals nur sehr schwer zu verstehen. Wenn dann zu Beginn der Oper auch noch die Übertitel ausfallen und sich mittelalterliche Sprache und eine Art Fantasiesprache mischen, bei dem die Wörter auch mal rückwärts gesprochen werden, ist das nicht unbedingt förderlich für den Einstieg in den Abend. Gerade die rückwärts gesprochen Passagen sind sicher schwierig einzustudieren und bringen die älteren Zuschauer im Saal auch hörbar zur Erheiterung (nachdem die Übertitel verspätet doch zugeschaltet wurden), aber ob jedes Kind hier weiß, was da gerade passiert?

(c) Jochen Quast

Vom Textverständnis deutlich besser ist Torben Jürgens, der in den Rollen der verschiedenen Gegner von Iwein glänzt, mal als Riese, mal als Drache, mal als wilder Mann. Das macht durchaus Freude. Ganz nett auch die Idee, die beiden Herzen von Iwein (Mara Guseynova) und Laudine (Verena Kronbichler) optisch darzustellen. Gesanglich können beide Damen überzeugen, den Herzschlag mit dem Tamburin nachzustellen ist ebenfalls passend eingesetzt. Abgerundet wird das Ensemble durch Chorong Kim als Laudine und dem Chor der Deutschen Oper am Rhein.

Insgesamt hinterlässt „Iwein Löwenritter“ einen etwas zwiespältigen Eindruck und in meinem ganz persönlichen Ranking der „Jungen Oper Rhein-Ruhr“ reiht sich die Produktion auch am Ende der Liste ein. Dennoch spendeten die anwesenden Zuschauer, davon viele Kinder, begeisterten Applaus. So bleibt die Hoffnung, dass man mit „Das fliegende Klassenzimmer“, ab Mitte Mai 2023 im Theater Duisburg zu sehen, wieder an die vorherigen Produktionen anknüpfen kann.
Markus Lamers, 26.11.2022


„Iwein Löwenritter“ Moritz Eggert

Deutsche Oper am Rhein Düsseldorf

Premiere: 16.11.2022, besuchte Vorstellung: 24.11.2022

Inszenierung: Aron Stiehl

Musikalische Leitung: Harry Ogg / Düsseldorfer Symphoniker

Weitere Vorstellungen: 16.12.22 / 20.12.22

Trailer