CD: Violinkonzerte von Schönberg und Brahms

Brahms und Schönberg, was für eine Welt der musikalischen Kontraste! Unterschiedlicher können Violinkonzerte kaum sein! Auf der einen Seite die große harmonische Klanggeste und auf der anderen Seite das rätselhaft Unzugängliche. Doch der Schein trügt.

Im Mittelpunkt dieser CD steht der britische Geiger Jack Liebeck, begleitet vom BBC Symphony
Orchestra
unter der Leitung von Andrew Gourlay.

Liebeck errang viele Auszeichnungen und war vielfach zu Gast in der Welt. Sein Repertoire umspannt einen weiten Bogen über viele Jahrhunderte der Musikgeschichte bis hin zur Neuen Musik.

Das Schönberg-Konzert ist sehr anspruchsvoll und Liebeck nimmt sich hinreichend Zeit, im ruhigen Tempo Klarheit und Überblick zu gewährleisten. Dem düsteren Hauptthema begegnet er wirkungsvoll und setzt dazu im Wechselspiel mit dem aufmerksamen Orchester klare Akzente. Hoch präzise bedient er souverän die Anforderungen und nutzt dazu ebenso sensibel gestaltete Momente für effektvolle Abschattierungen. Dirigent Andrew Gourlay ist ein präsenter, gestaltender Partner, der überzeugend Solist und Orchester ausbalanciert.

Im zweiten Satz entfaltet Jack Liebeck eine leuchtende Kantabilität in das zugängliche Hauptthema des Satzes. Vergessen sind die aufwühlenden Kämpfe des ersten Satzes. Der Klang der Violine ist volltönend und warm in der Tongebung. Doch es ist eine trügerische Episode.

Im Finale kehren Unruhe und düster eingefärbte Konflikte zurück. Liebecks Ausdrucksspektrum ist breit und er wagt viel. Gelegentlich wirkt sein Spiel hier nun ruppig und harsch, ebenso wiederum schnell in der Umstellung in einen kapriziösen oder auch lyrischen Grundton.

Das BBC Symphony Orchestra spielt in allen Spielgruppen präzise und immer erkennbar verbunden mit den Anforderungen der Partitur.

Das Violinkonzert aus der Feder von Johannes Brahms ist überaus reich dokumentiert in zahllosen Einspielungen.

Wie begegnet Jack Liebeck diesem Werk? Mit Zeit und Ruhe! Da ist zunächst einmal die lange, kantable Einleitung, die Andrew Gourlay bedeutungsvoll erklingen lässt, fein gearbeitet in den rhythmischen Pointierungen des Orchesters. Dies erzeugt bereits eine deutliche Vorfreude auf das Kommende. Und der Zuhörer wird nicht enttäuscht!

An keiner Stelle sucht Liebeck den schnellen virtuosen Effekt. Aufmerksam und mit Bedacht gestaltet er die Melodieverläufe mit Temperament und virtuoser Sicherheit in diesem langen ersten Satz. Der Solist versteht sich dabei ganz als musikalischer Lyriker und gibt der Sehnsucht deutlichen Raum zur Entfaltung. In der Kreisler Kadenz liefert Liebeck eine intensive Zwiesprache der Themenverarbeitung. Wunderbar.

Der Höhepunkt dieser CD-Einspielung ist der hoch romantisch dargebotene Mittelsatz. Hier glänzen die famosen Holzbläser des BBC Symphony Orchestras, allen voran die Oboe. Liebeck spielt und zelebriert seinen Part mit sonniger Wärme, wie ein musikalisches Gedicht.

Kraftvoll und herrlich zupackend gestalten Orchester und Solist das wirkungsvolle Finale. Liebeck und Gurlay geben diesem musikalischem Schlusspunkt Größe und Rhythmus. Überzeugende Rubati und feine Transparenz in den Orchester-Tuttiklängen. Auch hier sind Strukturen und Themenverläufe gut herausgearbeitet.

Alles in allem eine gelungene Einspielung in fabelhafter Klangqualität und ungewöhnlicher Werkzusammenstellung.

Dirk Schauß, 28. Oktober 2022


Arnold Schoenberg, Violinkonzert (1936) & Johannes Brahms, Violinkonzert in D-Dur, Op. 77 (1878) / Erschienen am 20.03.2020

Jack Liebeck (Violin) / BBC Symphony Orchestra, Andrew Gourlay

Label: Orchid Classics

Art. Nr.: ORC100129