CD: „Harfenkonzerte von Glière und Mosolov“ mit Xavier de Maistre

Eine wunderbare CD ist bei SONY Classical erschienen. Im Mittelpunkt steht Xavier de Maistre, der Doyen der gegenwärtigen Harfenspieler im internationalen Konzertgeschehen. Zwei Konzerte für Harfe und Orchester sind die zentralen Werke dieser Einspielung. Reinhold Glière, der Russe mit deutsch-polnischen Wurzeln, war kein Erneuerer. Er sah sich als ein Vollblutromantiker – und das im Jahr 1938, kurz vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs. Glières Musik sucht die Schönheit im Klang und keine modernistischen Experimente. Als Traditionalist steht seine Musik in der Nähe zu Tschaikowsky und Rachmaninow.

Ein träumerischer Beginn, der wie eine innige Umarmung den Zuhörer umfängt und sogleich kann der Solist des Harfenkonzerts mit vielen Akkordabfolgen brillieren. Reminiszenzen an die Tonsprache früherer russischer Meister sind allgegenwärtig. Der Mittelsatz ist eine Oase der Ruhe, während im Finale viele Folklorismen russischer Prägung Verwendung fanden. Eine äußerst geschickte Instrumentierung und ein eher kleines Orchester stellen den Solisten in den Mittelpunkt. Glière nutzte gekonnt die vielfältigen Spieltechniken der Harfe, so dass dieses kostbare Meisterwerk die Harfe neu entdecken lässt.

Spannend und eine äußerst rare Begegnung gibt es sodann mit dem Harfenkonzert von Alexander Mosolov, ein Schüler Glières. Mosolov begann musikalisch als Traditionalist, ehe er der tonalen Musik drastisch abschwor und sein Glück in atonaler Musik fand, welche im Duktus sehr stark von Maschinenklängen beeinflusst war. Er galt in dieser Periode als einer der avantgardistischen Vorreiter der russischen Musik des 20. Jahrhunderts. Eine längere Inhaftierung veränderte jedoch komplett seine kompositorische Ausrichtung. Von nun an schrieb er bis zu seinem Tod (1973) stark traditionalistische Musik, welche vielfach Volksmusikelemente verarbeitete.

In dieser Stilrichtung ist sein einziges Harfenkonzert (1939) komponiert. Harmonisch, zugänglich und durchaus folkloristisch eingefärbt. Es zeichnet sich durch wunderschöne eingängige volksliedhafte Melodien aus, die von der Harfe mit Figurationen und Arpeggien umspielt werden. Der Solist kann vor allem im ersten Satz mit seinen anspruchsvollen Soli und virtuosen Kadenzen glänzen. Ergänzt wird diese CD durch zwei Auszüge aus der Ballett Literatur. So wählte Xavier de Maistre das bezaubernde Stück „Prélude et La Romanesca“ aus Alexander Glasunovs (1865-1936) „Raymonda“ aus. Zum Schluss ist ein Evergreen aus Tschaikowskys „Der Nussknacker“ zu erleben, der „Tanz der Zuckerfee“. Xavier der Maistre hat hierfür eigens eine eigene Bearbeitung erstellt.

Mit Xavier de Maistre wurde einer der besten Virtuosen seines Faches für diese CD verpflichtet, der aus seinem Instrument jeden Effekt herauszaubert. Mit perfekter Technik und tiefem Stilempfinden demonstriert er seine Meisterschaft im hinreißenden Vortrag. De Maistre spielt mit einem endlosen Reichtum unterschiedlichster Nuancen. Faszinierend ist seine dynamische Bandbreite vom intensiven Forte bis zum fein ausschwingenden Pianissimo. Die Arpeggien sind zauberhafte Tonvorhänge, die den Zuhörer umschmeicheln. In der Artikulation ist er äußerst genau, so dass bei aller Verzauberung stets der Stimmenverlauf der jeweiligen Werke bestens nachvollzogen werden kann.

An seiner Seite begleitet ihn das WDR Sinfonieorchester in perfekter dynamischer Balance. Dirigentin Nathalie Stutzmann, die einstige famose Sängerin, weiß sehr genau um die kantablen Momente der Kompositionen, so dass der Zuhörer sich auf einen intensiven Dialog zwischen Solisten und Orchester freuen kann. Stutzmann, die zurecht derzeit als Dirigentin weltweit mit ihrer Karriere durchstartet, hat mit dem WDR Sinfonieorchester gute Vorarbeit geleistet. So geraten die verschiedenen Solobeiträge, etwa in den Holzbläsern, besonders schön und edel. Berührend ebenso das Solo der Violine in der Nocturne des Konzertes von Mosolov. Stutzmann ist eine sehr gute Wahl für diese CD, denn sie agiert als aktive Impulsgeberin gleichberechtigt und hörbar mit erkennbar eigener interpretatorischer Handschrift.

Alles in allem eine vorzüglich gelungene CD in warm und weiträumig tönender Aufnahmetechnik.

Dirk Schauß, 21. Dezember 2022


Reinhold Glière „Harfenkonzert Op. 74“

Alexander Glasunov „Prélude et la Romanesca aus „Raymonda” Op. 57“

Alexander Moslov „Harfenkonzert“

Pyotr Tschaikowksy „Tanz der Zuckerfee aus “Der Nussknacker“ Op. 71“

Xavier de Maistre, Harfe

Dirigat: Nathalie Stutzmann

WDR-Sinfonieorchester

Sony Classical: 1943 991 3812