Prag: „Die Zauberflöte“

Premiere: 5.2.2015., besuchte Vorstellung: 8.2.2018

Eine besonders zauberhafte Zauberflöte

Prag ist bekanntlich eine Mozartstadt, auch wenn die Villa Bertramka immer weiter verfällt, weil sich die Verantwortlichen der Stadt Prag und der tschechische Staat nicht im Geringsten für das kostbare Haus interessieren, in dem Mozart zu Gast war und am „Don Giovanni“ schrieb. Schöne „Mozartpflege“, denkt sich der Musikfreund.

Eine wirklich gute Mozartpflege kann der Opernfreund jedoch im Ständetheater erleben, wo innerhalb von drei Jahren Vladimir Moráveks Inszenierung der „Zauberflöte“ über 50mal auf dem Programm stand. Frage: Gibt es, abgesehen von Ingmar Bergmans kongenialem Film, eine „schönste“ Inszenierung der „Zauberflöte“? Natürlich nicht, aber in einem Wettbewerb um die zauberhafteste „Zauberflöte“ der Gegenwart hätte die Prager Aufführung die besten Chancen, auf Platz 1 zu gelangen. Denn hier paaren sich Poesie und Analyse, Charme und Witz, historischer Hintergrund und Verspieltheit, die Schönheit der Nacht und des Tages, das Licht und die mystische Finsternis auf eine Weise, die, glaube ich, jeden Besucher begeistert hat. Und wenn mit Jana Sibera eine Königin der Nacht ihre unglaublich perfekten Spitzentöne produziert (und dabei noch extrem gut aussieht, weil Kostüm und Maske, also Tomás Kypta und die Herren und Damen aus den hinteren Gefilden, herrlich gearbeitet haben) und die Pamina der Marie Fajtová nicht nur wie eine standesgemäß erzogene Königstochter agiert, sondern auch noch in diesem Sinne gut, also gesegnet mit einem vergleichsweise dunklen wie betörenden Sopran herzbewegend singt, so agiert und so ausschaut, ist das Glück von Opernfreund- und -freundin vollkommen. Denn ohne die guten Sängerinnen wäre auch eine szenisch vollkommene „Zauberflöte“ nur die Hälfte wert.

Kommt hinzu das Orchester des Ständetheaters, das unter der Leitung von David Švec mit einem nicht abreißenden Fluss den Abend vom Orchestergraben her trägt: meist schnell, doch nicht zu schnell, immer mit der imaginären Vortragsbezeichnung „vivo“ versehen, immer klangschön und dramatisch bewusst bei der Szene. Voilá, ein Mozartorchester. Die Hallenarie habe ich beispielsweise mit dem glänzenden, weil tief tief unten und in der ungewöhnlichen Höhe profunden Sarastro namens Jan Šťáva selten so bewegt gehört, ohne dass man den Eindruck gehabt hätte, dass hier ein Dirigent zu Gunsten irgendeines Aktionismus den Duktus der Musik verhetzt. Nur eine Einschränkung muss gemacht werden: Musikalisch mag der Abend nicht durchwegs erstklassig sein, weil der Tamino des Jaroslav Březina seine Partie im ersten Akt wie ein Heldentenor angeht – verwunderlich, da doch das Ständetheater nicht die Ausmaße der Staatsoper oder des Nationaltheaters besitzt, doch mäßigt sich Sigmund Tamino im zweiten Akt deutlich und lyrisch. Mit dem Papageno des Jiří Brückler, den drei Damen Petra Nôtov, Jana Horáková Levicová und besonders der Altistin Kateřina Jalovcová hat man die „leading roles“ anständig besetzt. Bleiben Lenka Pavlovič als entzückende Papagena und Aleš Voráček als Monostatos.

Der Rest ist Szene. Alle paar Minuten geht ein neuer Prospekt herunter, betreten fantastische Gestalten die Bühne und den Zuschauerraum, fängt sich der Blick des Zuschauers an den vielen vielen Details der Hänger. Wie in einem „richtigen“ Theater des 18. Jahrhunderts verbirgt sich hinter dem ersten, schlichten Vorhang des Ständetheaters ein Schmuckvorhang, der auf typisch tschechische Weise – also als surrealistisches Cappriccio – in Mozarts und Schikaneders mystisch-musikalische Zauberflötenwelt einführt. Verwirrend – und herrlich wie ein Paradies- und Höllenbild von Breughel. Miroslav Huptych hat zusammen mit dem Ausstatter Martin Ondruš dem Opernkosmos einige Bilder beigegeben, die zwischen Karel Zemans fantastischen Filmwelten und dem allegorischen Theater des Spätbarock vermitteln. Wir entdecken gleich zweimal den Autor, den Schikaneder spielte, wir sehen Mr. „Shakespeare“ – einmal als Pferd mit dem Kopf des Droeshout-Stichs, daneben als Dichterporträt aus dem 19. Jahrhundert. Wir sehen auf Vögel und Mozartengel, auf Tempeltore und heilige Berge mit fantastischen Architekturen, wir sehen auf Allegorien der Weisheit und der Liebe, auf lustige Skelette, siebenköpfige Drachen und Luftschiffe. Mozart bläst die Zauberflöte, Flammen schießen aus den Schalllöchern heraus. Immer wieder grinsen uns unmögliche mehrköpfig gestaffelte Löwen an, während alchemistische Symbolbilder sich mit Tierkreiszeichen paaren und schöne nackte, sich bespiegelnde Frauen, auch mal mit einem Papageienkopf, den Wanderer durch die Unterwelten locken. Wir laufen durch die gemalten und collagierten Landschaften wie Kinder durch ein Panoptikum – und bekommen schon während der Ouvertüre einen Vorgeschmack auf die Bildwelten, die uns zwei Akte lang begleiten werden. Fliegende Fische, schwarze heidnische Könige, die Pyramiden Altägyptens und die Eingänge Thebens, ein unübersehbares Labyrinth, die Apparate der Laterna magica und der frühen Fotografie, technisches Wunderwerk und Spielerei für Groß und Klein, Totenköpfe und bärtige Philosophen in Betrachtung derselben, eine Himmelsleiter mit einem einsamen Kletterer, Astrolabien und Armillarsphären: so verschwistern sich die Kulturgeschichte und der geistige Raum der „Zauberflöte“, die tschechische Kunst und die Lust am ewigen Wundertheater. Als der Mozartliebhaber, Theaterdirektor und „Der Zauberflöte zweyter Teil“-Autor Goethe im Vorspiel des Faust den Theaterdirektor sagen ließ, dass man doch weder an Prospekten noch Maschinen sparen solle, dachte er an Mozarts Oper. In Prag wäre er schon vor den Prospekten vor Neid erblasst.

Goethe wäre, obwohl er auch im Theater sehr auf Anstand hielt, sicher auch von den Damen begeistert gewesen – von den mehr als Drei Damen. Diese Welt ist eine Welt, in der die Frauen selbstverständlich auftreten: doch nicht allein allein oder im Dreierpack. Wenn sich Tamino, gewandet wie ein nobler Herr von Anno 1780, vor einer Schwarzen Dame erschrickt, die die Oper bis zum Schluss durchlaufen wird, bekommt die Idee vom „Drachen“ eine ganz eigene Couleur – doch dass der Mann vor der maskierten Frau in Ohnmacht fällt, hat schon seinen Sinn. Den drei Schwarzen Damen stehen später, derart Parität wahrend, drei blütenweiß gewandete Damen aus der himmlischen Sphäre gegenüber, also keine Knaben in Pudelmützen. Doch engelhaft sind sie alle: so wie die Gestalten aus dem fantastischen und bisweilen irdischen Circus, die zu den Pforten des Zuschauerraums hineinkommen und in den Rängen stehen, um die Handlung zu beobachten und manchmal mit seltsamen Tierlauten zu kommentieren. Dass Sarastros Leute nicht sonnenhell, sondern nachtschwarz gekleidet sind und die Königin der Nacht in Sarastros spätbarockem Symbolpalast offensichtlich ein und aus gehen kann, wie sie lustig ist, weist darauf hin, dass es mit der strengen Trennung von Gut und Böse, Mann und Frau, Tag und Nacht nicht so einfach zu sein scheint. Isis bleibt eine nachtschwarze, im Hintergrund vernebelte Groß- und Muttergöttin. So korrigiert die Regie die Macher dieser Oper auf zarte, nicht auf harte Weise. Ideologiekritisches „Regietheater“? Gewiss – aber auf welchem ästhetischem Niveau! Dafür sorgt auch die zweite Sphäre, die der Regisseur dem Stück eingezogen hat. Wir sehen den späten, schon ziemlich fertigen Mozart sein Stück entwerfen, fürs tschechische Publikum spricht er die deutschen Dialoge nach (eine wunderbare Lösung), und wir sehen: dieser zart dirigierende und albträumende Mozart leidet mit seinen Figuren, insbesondere mit Pamina mit. Ein zweiter Mozart betritt die Bühne: das Kind im roten Galarock, die Flöte spielend. Er wird im zweiten Akt gleich zwei weiteren Kindern gegenüberstehen: der Tochter der Königin der Nacht und einem anderen Jungen. Sind das nicht die Königin der Nacht als Kind und ein sehr junger Sarastro? Bevor der Krieg zwischen ihnen begann? Oder schauen wir aufs „Wolferl“ und aufs „Nannerl“? Die Zauberflöte, ein Werk von und für Kinder? Der Mensch in seiner (fast…) unschuldsvollen Phase? Die Utopie eines friedlichen Zusammenlebens zwischen Mann und Frau, die ein kindlicher Traum ist?

Alles ist möglich, nichts ist falsch. Auch darin besteht die Magie dieser Aufführung: in der Freiheit der Deutung sinnvoller Inhalte. Das Glockenspiel ist, wir sind bei den Freimaurern, eine Pyramide, die, wir sind in der Commedia dell’arte, mit einem Fleischspieß angeschlagen wird. Ein Engel betritt den Raum, Stelzenläufer (vom Long Vehicle Circus) sind dem Himmel schon ein wenig näher, Monostatos ist der alte, blutrotgesichtige Teufel aus dem Kasperle- oder Pawlatschentheater, wie man im alten Böhmen sagte, das Licht geht im Zuschauerraum zart wellenförmig an und aus, noch ist der Kampf zwischen Sonnengott und Mondgöttin nicht entschieden. Papageno schlägt die Schergen des Monostatos in die Flucht, und schon beginnt das Duett von den Männern und Frauen, welche Liebe fühlen: ohne Vordialog und -warnung: die zarteste Annäherung an die ängstliche Prinzessin, die nur möglich ist. Im Übrigen hat Pamina eine Haltung, wie sie nur Prinzessinnen haben können: gestrafft, konzentriert, standesbewusst, nicht privat. Man sieht das sonst nie so deutlich. Vogelwesen streifen vor dem Tempel herum, die Priester sind sowohl schwarz als auch weiß gekleidet – links und rechts: streng kubistisch, wenn man so will; das kubistische Caféhaus für die Herren ist gleich am Platz (der gute Café für 95 Kronen. Der weise Sprecher ist in Wahrheit Sarastro, zwei Damen schlecken derweilen Eis: Was ist die Sonne? Nichts. Ein Affe, ein Frosch und ein Krokodil hüpfen fröhlich zum Flötenspiel auf die Bühne, und manchmal bläst ein Engel einen Goldregen aus seiner Posaune.

O Isis und Osiris… Nebel wallen, ein Genius führt Pamina, die Augen verbunden, auf die Szene, ein Vogelwesen sinkt in Ohnmacht. Später wird Pamina zu Boden sinken: die Prüfungen, nie geahnt, waren einfach zuviel für die junge Frau. Die einsame Schwarze Dame geht mit der Pyramide durch den Raum, die Königin schaut sich um, überreicht – nach der überaus brillanten und temporeichen Rachearie (noch einmal der Name der phänomenalen Sängerin: Jana Sibera) – der Tochter einen riesigen Dolch, später wird die Tochter noch einmal der Pamina überreichen. Versucherinnen fangen früh an… Die g-Moll-Arie der Pamina, der emotionale Höhepunkt dieser Rolle, gleich dicht neben dem herzbewegenden „Tamino mein —“, diese Trauerarie kann frau gar nicht besser singen als Marie Fajtová: mit den letzten, schmerzvoll in die Länge gezogenen Todes-Vokalisen. Der Knabe im roten Galarock wird wieder kommen, die Begegnung Taminos und Paminas vollzieht sich in seinem Zauberflöten-Zeichen, die drei Weißen Damen begleiten die Szene. Papagena muss sich, vor einem erotischen Prospekt, der nur für diese Szene gebaut wurde, nicht verkleiden, ihr Sexappeal wirkt direkt auf Papageno ein: eine tänzelnde Frau, sexy und selbstbewusst – umso schlimmer der schnelle Abgang, der Interruptus dieses ersten Treffens. Pamina will sich umbringen, die Mutter schaut zu, auch Sarastro ist Zeuge ihrer Verzweiflung, doch hält es ihn nicht auf dem Sitz: er verschwindet schnell, zuviel ist ihm der Schmerz. Die Mutter aber scheint ernüchtert auf das Drama ihrer Tochter: Selber schuld, kein Mitleid ist hier möglich. Ein Regieeinfall? Ja, sicher – aber redet nicht Pamina ihre Mutter direkt an? „Mutter, durch dich leide ich…“. Die Mutter sitzt an der richtigen Stelle, der Eindruck ist erschütternd. Und Mozart selbst rettet die Verzweifelte.

Er wird sie auch umarmen. Ist Tamino unfähig, sich nach den Prüfungen mit Feuer- und Wasserschwertengel adäquat um die in Ohnmacht Gesunkene zu kümmern, und will er sich selbst – in Parallelaktion zu Papagenos Suizidversuch – umbringen, so interessiert der Prinz am Ende nur noch als Repräsentant des Sonnenordens: eine mit einem üppigen Kostüm augestattete Riesenpuppe. Pamina aber bleibt beiseite, denn Mozart ist viel interessanter. Die Annäherung ist zärtlich und vorsichtig, fast scheinen sie sich zu küssen, aber nein, das wäre zu banal – und so umarmt sie der Mann, dem sie ihr wahres Leben verdankt: sie, vielleicht eine Wiedergängerin der Anna Gottlieb, der ersten Pamina. Und so bleiben sie stehen, sich umarmend, während der letzte Vorhang hinter ihnen fällt.

Was für ein wunderbares, intimes, bewegendes Finale. Und was für eine szenisch herrliche und musikalisch meist sehr gute Aufführung, die sehr liebevoll und informiert gezeigt hat, dass „die Prager“, die Mozart schon damals mehr als die Wiener geliebt haben, mit „ihrem“ Mozart halten.

Frank Piontek, 11.2.2018

Fotos © Hana Smejkalová.

PS

Für die, die sich die fantastische Jana Sibera und ihre Rachearie anschauen- und -hören wollen, bitte hier klicken