Wien: „Aida“, Giuseppe Verdi

Verdis Aida ist eine Oper, die nun wahrlich nicht durch ihr Libretto überzeugt: in 7 Tableau artigen Bildern setzt Verdi eine Auftragsarbeit um, die er nur annahm, da man ihm drohte, den Auftrag andernfalls an seinen Konkurrenten Richard Wagner zu geben. Entsprechend der Zielsetzung des Auftraggebers, dem Khediven von Ägypten, Ismail Pascha, setze Verdi eine Oper im „ausschließlich ägyptischen Stil“ um. Auf gut Deutsch bedeutet das: Aida lebt von epischen Bildern und das wird wohl auch der Gedanke bei dieser Besetzung gewesen sein: Bringen wir die epischsten Namen der Oper gemeinsam auf die Bühne, um epische Bilder in Szene zu setzen und der Staatsoper einen epischen Abend zu bereiten. Klingt gut, lässt sich als gigantischer Erfolg für Bogdan Roščić verkaufen, annonciert waren also: Elīna Garanča, Jonas Kaufmann und Anna Netrebko. Letztere wurde tatsächlich erst nachträglich gesetzt, jedenfalls standen Frau Garanca und Frau Netrebko das erste Mal seit 11 Jahren wieder gemeinsam auf einer Bühne.

(c) Pöhn

Und es muss gesagt werden: Das hat wohl seinen Grund! Was Anna Netrebko an diesem Abend als Aida auf der Bühne brachte, war das Gegenteil von episch. In den Höhen schreiend, häufig sirenenhaft jaulend, regelrecht kreischend. „O patria mia“ ist dann auch mehr eine Tortur, denn ein Genuss. Lediglich in den leisen Partien lässt Frau Netrebko durchschimmern, wie facettenreich und schimmernd ihre Stimme einst gewesen, aber auch wie wenig davon übriggeblieben ist. Im Spiel ohnehin sehr statisch, kommt bei ihr auch keine Interpretation der Rolle zum Vorschein. Hier ist weder eine Leidenschaft für das äthiopische Vaterland Aidas oder innige Liebe zu Radamès zu erkennen, von einem inneren Konflikt ganz zu schweigen. Theatralische Gesten hier und da, eine pseudo-laszive Andeutung von Verführung gegenüber Radamès in der Nil-Szene – das war’s. Für Textsicherheit ist Frau Netrebko ja sowieso nicht bekannt, auch an diesem Abend lässt sie diese mehrmals auf längen Teilen vermissen. Die Fanboys und -girls auf der Galerie jubeln, der Rest des Hauses spendet eher verhaltenen Applaus. Man muss sich ehrlich fragen, wer sich das noch freiwillig antut. Wahrscheinlich ist die Provinzialität an der Staatsoper so weit fortgeschritten, daß man meint, es muss ja gut sein, weil es Netrebko ist und man absurde Preise gezahlt hat. Besonders amüsant war der Kommentar aus dem hinteren Bereich der Loge „Das gefällt Ihnen nicht? Wahrscheinlich, weil sie Russin ist?“ – das lässt schon tief blicken. Nun denn, ein nicht getroffener Ton bleibt ein nicht getroffener Ton und gleich mehrere weckten Assoziationen zur Sirene eines Rettungswagens. Autsch.

Nahezu schockiert waren wir von KS Jonas Kaufmann. Fast durchgängig war dieser so leise, daß er in lauteren Passagen kaum hörbar war und sowohl vom Staatsopernorchester als auch allen anderen auf der Bühne befindlichen Sängern zu hören war. Gleich zu Beginn nach „Celeste Aida“ bleiben wir mit einem „oh, das war jetzt aber schwach“ zurück und die zu erwartenden Bravi blieben aus. Das erstaunt doch: Gerade Herr Kaufmann ist doch für seine Intensität bekannt und geschätzt. Zumal er den Radamès auch des Öfteren sehr bravourös gesungen und volle Häuser damit überzeugt hat. Nein, selbst an einzelnen Stellen wirkten hohe Töne dieses Hal hart erarbeitet und ließen die sonst übliche Leichtigkeit seines warmen und eleganten Timbres vermissen. Hat sich Herr Kaufmann in letzter Zeit übernommen? Schon in seiner Paraderolle als Andrea Chénier musste er die Seria krankheitsbedingt abbrechen, hoffentlich handelt es sich hier nur um späte Nachwirkungen. Klanglich ist seine Stimme nach wie vor wunderschön, dennoch lässt dies Sorge aufkommen und auch der Radamès konnte an diesem Abend nicht das Charisma versprühen, wie wir es dem sympathischen Münchner zutrauen. Es bleibt zu hoffen, daß Herr Kaufmann sich in den nächsten Monaten etwas Ruhe und Erholung gönnt und zu alter Form und Größe zurückfindet. Schade.

(c) Pöhn

Am Ende retten vor allen Dingen drei Faktoren den Abend, den wir sonst als völligen Reinfall bewerten würden: Der erste davon ist KS Elīna Garanča. Natürlich ist die Amneris ein Charakter, der ihr perfekt liegt: Zerrissen zwischen Liebe und Eifersucht, dazu noch die Loyalität zu ihrem Land – solche Rollen kann Frau Garanča einfach am besten und da bringt sie unfassbare Grandezza auf die Bühne. So auch an diesem Abend. Als einzige bringt sie ein leidenschaftliches Spiel auf die Bühne, weiß echte Laszivität genauso wie Eifersucht, Wut und Verzweiflung greifbar darzustellen, bringt uns dazu mitzufühlen. Wenn sie dann zu singen beginnt, schweben verführerisch, fast magisch die Töne durch den Saal und es wird einem wieder bewusst, was Oper doch für eine wunderbare Kunstform ist. Ihre Amneris bedarf vielleicht noch an der einen oder anderen Stelle ein wenig des Feinschliffs, aber das ist für ein Rollendebut vollkommen in Ordnung. Zunächst liebreizend und lockend, ja verführend besingt sie im 3. Bild ihren geliebten Radamès, nur im gleich darauf Aida als Rivalin zu erahnen, später zu enttarnen, ihr den Krieg zu erklären um schließlich mit „Chi ti salva, sciagurato“ wirklich den Glanzpunkt des Abends zu setzen. Ja, die Amneris ist eine „echte Bitch“ (so formuliert es das Bühne Magazins im Interview mit ihr) und Frau Garanča gelingt es das mit einer solchen Klasse zu spielen und zu singen, daß wir uns voller Hingabe vor Ihre Füße werfen und hingeben wollen. Als finale Rolle hat Frau Garanča die Amneris beschrieben, wenn sie die habe, könne sie aufhören. Wir hoffen, daß wir diese Rolle und auch zahlreiche andere noch sehr oft von ihr sehen werden. Brava, bravissima la diva, ganz großes Opernkino! 

Der zweite Punkt, der den Abend rettet sind – natürlich – die Wiener Philharmoniker. Pardon, das Orchester der Wiener Staatsoper. Bereits teilweise warm gespielt vom Kammerkonzert am Vormittag, führt Maestro Nicola Luisotti diesen einmaligen Klangkörper mit Lust und Wonne durch den Abend, so daß die ganze Fülle von Verdis Komposition zum Tragen kommt. Die Lautstärke stimmt, die farbige Vielfalt der Verdischen Komposition und der „ägyptische“ Touch sind exzellent herausgearbeitet und selbst die schweren Partien kommen leicht und eingängig ins Ohr. Das fetzt! Man muss es wieder einmal sagen: Ohne dieses Orchester wäre die Wiener Staatsoper völlig in der Irrelevanz versunken und schon so manchen Abend hat es bravourös gerettet. Es sollte der Direktion bewusst sein, daß die Staatsoper dieses Orchester dringend braucht. Nicht andersherum. Bravi tutti, Maestro Luisotti und Orchester der Wiener Staatsoper.

Zuletzt ist es die epische Opulenz der Inszenierung Nicolas Joels, die den Abend rettet: Das macht schon einiges her und bei manch einem neuen Bild denken wir uns: Oha! Ja, das mag ein wenig kitschig und unoriginell sein. Aber Aida IST kitschig und unoriginell. Und gerade hier hat Regietheater nichts verloren, das gibt das Libretto einfach nicht her. Und gerade an so einem Abend will das auch niemand sehen. Offenbar hat Herr Roščić das mittlerweile verstanden, sicher sind wir uns aber in Hinsicht auf die kommenden Premieren mitnichten. An diesem Abend jedenfalls wirken altägyptische Bilder und Kostüme in voller Pracht, da steht jede Menge Statisterie und entfaltet ihre Wirkung. Allein das Ballett enttäuscht hier, was fast schon wieder überrascht: Abgehackte Figuren, die man sonst von Martin Schläpfer kennt, wären hier passend. Doch weder diese noch Synchronität sehen wir auf der Bühne. Leider sind die Ballett-Partien auch zu lang, um wegschauen zu können, und so ist das Mittelmaß, welches sich mehr und mehr an der Wiener Staatsoper auch hier ausbreitet, leider unübersehbar. Sei es drum, wenn es nur das wäre, wären wir bereits glücklich und so schauen wir auf Löwenköpfe und Darstellungen des Gottes Anubis. Das ist an der Staatsoper heutzutage ja schon eine ganze Menge…

Zum Rest des Ensembles kann nichts Schlechtes gesagt werden, Luca Salsi fühlt sich in der Rolle als Amonasro sehr wohl, Anna Bondarenko als Priesterin und Alexander Vinogradov als Ramphis leisten tadellose Arbeit, bravi tutti. Zuletzt sei noch Ilia Kazakov erwähnt, der als Pharao wirklich Spaß macht, eigentlich wie jedes Mal, wenn man ihn auf der Bühne erleben darf. Hier wünscht man sich deutlich mehr tragende Rollen für dieses Ensemble-Mitglied, bravo Herr Kazakov!

Was bleibt also als Fazit: Wie immer hat Bogdan Roščić mangels künstlerischen Konzeptes vor allen Dingen mit Name Dropping gearbeitet. Das mag in der Provinz funktionieren, an ein Opernhaus wie die Wiener Staatsoper gehört das nicht.

Die harten Netrebko-Anhänger wird es nicht davon abhalten, dennoch in die Staatsoper zu stürmen, allen anderen empfehlen wir die Karten abzugeben und lieber ein Konzert von Frau Garanča mit den Wiener Philharmonikern zu besuchen. Nach Schluss zahlreiche Bravi von der Netrebko-Fan-Gemeinschaft auf der Galerie, aber auch vereinzelt Buhs von den Opernliebhabern im restlichen Haus.

Eric A. Leuer, 16. Januar 2023

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online Wien.


„Aida“ Giuseppe Verdi

Wiener Staatsoper

Regie: Nicolas Joels

Dirigat: Nicola Luisotti

Wiener Philharmoniker