„Am Ende einer Bruckner-Sinfonie erleben wir ein Gefühl der Vollkommenheit, ein Gefühl, durch alles gegangen zu sein“ (Sergiu Celibidache).
„Mahler dokumentiert in seinen Sinfonien seine Krisen, Bruckner überwindet sie“ (Herbert Blomstedt).
Als Anton Bruckner im September 1883 in St. Florian seine 7. Sinfonie vollendet, ist er 59 Jahre alt. Er ist Professor für Kontrapunkt und Tonsatz am Wiener Konservatorium und ein international hoch geschätzter Organist – vor allem glänzt er als großer Meister der Improvisation – als Komponist ist er jedoch weitgehend unbekannt.
An der Musik Anton Bruckners scheiden sich lange die Geister. Er schätzt Richard Wagner und gerät ohne eigenes Zutun in die aggressive Auseinandersetzung der „Neudeutschen“ um Wagner und Liszt mit den Konservativen um Brahms und Schumann. In Wien, wo einige seiner Sinfonien erstaufgeführt werden, schlägt ihm die hämische und abfällig wortgewaltige, meinungsbildende Kritik des von Eduard Hanslick vertretenen konservativen Lagers entgegen, und außerhalb Wiens, geschweige denn im Ausland, ist man noch nicht auf ihn aufmerksam geworden. Aber auch Wagner und Liszt interessieren sich kaum für die Musik Bruckners. Der von ihm hoch verehrte Richard Wagner, dem er seine 3. Sinfonie widmet und dem er im Adagio seiner 7. Sinfonie ein grandioses Denkmal setzt, behandelt ihn mit herablassender Arroganz. Die Äußerung Wagners „Bruckner! Er ist mein Mann!“ erweist sich als selbstgefällige Worthülse. Hans von Bülow, eng mit Wagner verbunden und später erster Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, hat nie eine Note von Bruckner aufgeführt.

Es ist das Gewandhausorchester Leipzig, das am 30. Dezember 1884 im Neuen Theater unter dem 29-jährigen Arthur Nikisch die 7. Sinfonie von Anton Bruckner uraufführt. Dieser berichtet stolz, dass „…zum Schluss eine viertel Stunde applaudiert wurde“. Zum endgültigen Triumph wird die Münchener Aufführung im Jahr darauf unter Hermann Levi. Sie bringt für den Komponisten den lang ersehnten internationalen Durchbruch. Bereits für 1886 sind Aufführungen der „Siebten“ in Boston, New York und Chikago dokumentiert, während Hanslick nach der Wiener Erstaufführung am 21. März 1886 der Philharmoniker unter Hans Richter noch kritisiert: „Wie jedes größere Werk Bruckners enthält die E-Dur Symphonie geniale Einfälle, interessante, ja schöne Stellen…zwischen diesen Blitzen dehnt sich aber unabsehbares Dunkel, bleierne Langeweile und fieberhafte Überreizung“. Von allen Sinfonien Bruckners ist die „Siebte“ die klassischste, was Themenbildung, Form und Dramaturgie angeht, ein Meisterwerk, gekennzeichnet durch eine Fülle melodischer Gedanken, durch den von der Orgel geprägten Stil Bruckners der dynamischen Abstufungen, durch kühne Harmonik und virtuose kontrapunktische Arbeit. Viele Zeitgenossen bewundern ihn nach diesem Werk als großen Sinfoniker, so Hermann Levi: „…die bedeutendste Komposition seit dem Tod Beethovens“. Die „Siebte“ ist bis heute die meistgespielte Bruckner-Sinfonie im Konzertsaal und auf den unterschiedlichen Tonträgern.
Das Leipziger Gewandhausorchester und Arthur Nikisch, führen in der Saison 1919/1920 den ersten Zyklus aller Bruckner- Sinfonien in der Konzertgeschichte auf. „Ich halte es für mich von nun an für meine Pflicht, für Bruckner einzutreten“ (Arthur Nikisch). Es ist kein Wunder, dass diese Tradition von den nachfolgenden Gewandhaus-Kapellmeistern fortgeführt wird, sich so der für das Orchester typische, für mich einzigartige Bruckner-Klang herausbildet. Die Sinfonien des Komponisten stehen folgerichtig auch in der Jubiläumssaison 2024/2025 im Gewandhaus besonders im Focus.
Seit der ersten Drucklegung der Partituren der Sinfonien gibt es die Suche nach der „richtigen Fassung“. Die von Robert Haas und Alfred Oertel 1929 edierte Gesamtausgabe wurde seit den 1950-er Jahren von Leopold Nowak fortgeführt.
Während Robert Haas noch die Meinung vertritt, dass Änderungen im Erstdruck der Partituren gegenüber den Manuskripten Bruckners von ihm nicht gewollt bzw. von „wohlmeinenden“ Freunden vorgenommen seien, stellt Nowak fest, dass viele der Korrekturen durchaus beifällig und mit Einverständnis des Komponisten erfolgt seien. Seit 2016 erscheint die von Paul Hawkshaw im Musikwissenschaftlichen Verlag herausgegebene „Neue Anton Bruckner Gesamtausgabe“. Umfangreiche Forschungen, nach dem Tod Leopold Nowaks aufgefundene Handschriften, eine Vielzahl neu entdeckter Fakten, die in der Österreichischen Nationalbibliothek bewahrten Manuskripte, die Erstdrucke, alle bekannten Quellen werden genutzt, um die zahlreichen Ungereimtheiten bei der Darstellung von Leben und Werk Anton Bruckners zu beseitigen.

Am heutigen Konzertabend kehrt der langjährige Gewandhauskapellmeister und Ehrendirigent Herbert Blomstedt – für mich der kenntnisreichste und erfahrenste Dirigent der Werke Bruckners – nach der umjubelten Aufführung der 8. Sinfonie im September des vorigen Jahres als Gast nach Leipzig zurück, um nun die „Siebte“ zu dirigieren. Vom Publikum geliebt, empfängt den 97-jährigen
enthusiastischer Beifall. Mit dem Orchester verbindet Blomstedt eine tiefe Vertrautheit. Es gibt in seiner Darstellung nichts Zufälliges, das Folgende ergibt sich auf natürliche Weise aus dem Vorangegangenen. So entsteht eine beeindruckende Interpretation: klar in der Dramaturgie, transparent und innig im Ausdruck, dynamisch sorgfältig differenziert und ohne unnötigen romantischen Weihrauch. Herbert Blomstedt hat sich in bewundernswerter Weise gründlich mit der neuen Ausgabe beschäftigt und führt die 7. Sinfonie heute nach neuer Lesart auf. Eine Vielzahl von Tempo- und Taktwechseln in den Ecksätzen, Änderungen in der Orchestrierung sorgen bei Kennern für ein in Teilen überraschendes Hörerlebnis. Der Dauerstreit um Triangel und Beckenschlag auf dem Höhepunkt des langsamen Satzes konnte zweifelsfrei beigelegt werden, Bruckner selbst hat beides in das Autograph der Partitur eingetragen.
Am Beginn des ersten Satzes Allegro moderato entwickelt sich aus dem für Bruckner typischen Tremolobeginn im Pianissimo der Streicher in E-Dur ein über 21 Takte weit gespanntes, herrlich melodisches Hauptthema. Ein Seitenthema und das folgende dritte Thema sind bestimmt durch den lyrischen Charakter des Anfangs. Seiten- und Hauptthema erscheinen im Durchführungsteil in ihrer Umkehrung. Die Reprise führt in die Coda, die über einen Orgelpunkt eine der klanglich großartigsten Steigerungen der Brucknerschen Sinfonik aufbaut. Den zweiten Satz Adagio: sehr feierlich und sehr langsam in cis-Moll komponiert Bruckner unter dem Eindruck des Sterbens Richard Wagners, eine Hommage an den von ihm hochverehrten Meister. Dieser Satz ist das Zentrum der Sinfonie. Die Erweiterung der Orchesterbesetzung um vier Wagnertuben geschieht nicht zufällig. Tuben und Bratschen, untersetzt von den tiefen Streichern und der Kontrabass-Tuba, beginnen den Satz mit einem ergreifenden Gesang, in den der Komponist ein choralartiges Selbstzitat aus seinem „Te Deum“ einfügt: Non confundar in aeternum – Nicht werde ich zuschanden werden in Ewigkeit. Mit einer zweiten Gruppe, einer expressiven Melodie der Streicher, bestimmt der erste Themenkomplex den Satzverlauf. Immer wieder variiert, steigert sich die Intensität im Ausdruck und erreicht mit dem harmonischen Durchbruch nach C-Dur und Beckenschlag und Triangel den glanzvollen, monumentalen Höhepunkt des Satzes, ja, der Sinfonie. In der abschließenden Coda zitiert Bruckner noch einmal das Thema des Anfangs in Tuben und Hörnern.
Nebenbei: Bedauerlicherweise wird Musik oft für politische Zwecke missbraucht: Diesen Satz sendet der nationalsozialistische Reichsrundfunk auf Hitlers persönlichen Wunsch nach der Nachricht seines Todes.
Der dritte Satz Scherzo: sehr schnell – Trio: etwas langsamer
wird bestimmt durch ein kämpferisches, fanfarenartiges Thema der Trompete, im Verlauf des Satzes kunstvoll verändert, unterbrochen von einem idyllisch beschaulichen Trio. Der thematische Hauptgedanke des vierten Satzes Finale: bewegt, doch nicht schnell ist verwandt mit dem ersten Satzes, jetzt aber ins Energische gewendet, gefolgt von einer Art Choral, der in einen dritten kämpferischen Unisonogedanken führt. Nach einem sehr komplexen Durchführungsteil erscheint in der Reprise zunächst das dritte Thema, erst dann kontrapunktisch verarbeitet das Hauptthema. Mit der Wiederaufnahme des Anfangs der Sinfonie am Schluss entsteht eine wunderbare formale Geschlossenheit der Komposition.
Eine etwa dreißig Sekunden währende, atemlose Stille! Dann bricht ein Sturm der Begeisterung los. Standing Ovations!

Blomstedt ist ein Dirigent, der mit den Musikern auf Augenhöhe musiziert. Mit sparsamer, aber energiegeladener Zeichengebung, immer auf den Fluss der Musik bedacht, leitet und fordert er das Orchester. Dieses folgt ihm wach und konzentriert im gegenseitigen Aufeinanderhören. Liebevoll werden die thematischen Phrasen ausgespielt, selbst im Fortissimo bleibt der Klang immer durchsichtig, oft von Mozartscher Klarheit, oft lyrisch, dann wieder mit großer Wucht.
Das Orchester spielt hinreißend. Vom Konzertmeister Sebastian Breuninger mit vollem körperlichen Einsatz angeführt, überträgt sich diese Freude am Musizieren auch auf das Publikum. Tolle Streicher, blitzsaubere Wagnertuben, glanzvoll homogene Blechbläser, hervorragende Einzelleistungen vom 1. Horn und von den Holzbläser-Solisten: von Anfang bis Ende, ein Genuss!
Bernd Runge, 3. April 2025
Anton Bruckner: Sinfonie Nr. 7 E-Dur WBA 107 (Fassung Paul Hawkshaw)
Gewandhaus zu Leipzig
3. April 2025
Dirigent: Herbert Blomstedt
Gewandhausorchester Leipzig