Spagat zwischen Antike und Heute
Die Opera der Tenerife operiert seit seiner Eröffnung 2007 normalerweise in dem architektonisch avantgardistischen Auditorio Adán Martín des katalanischen Architekten Sebastian Calatrava Valls am Hafen der Inselhauptstadt Santa Cruz. Diesmal aber ging man für eine Produktion in das alte, ehrwürdige Teatro Guimerá im Stadtzentrum. Es ist das älteste Thater der Kanarischen Inseln. In diesem unter Königin Isabel II. 1851 eröffneten Haus sangen alle großen Stars der Oper in den letzten Jahrzehnten, wie Montserrat Caballé, Placido Domingo, José Carreras und natürlich Alfredo Kraus, der große Sohn der Hauptstadt der Nachbarinsel Gran Canaria. Das Guimerá ist ein wunderschönes kleines Theater, anmutig gestaltet mit guter Akustik – und es vermittelt eine fast familiäre Atmosphäre.

An diesem Abend wurde hier eine auf den Kanaren selten gespielte Oper aufgeführt, Händels Giulio Cesare in Egitto in der Regie von Bruno Berger-Gorski, der sehr viel in Spanien arbeitet. Dass er ein sehr guter, stets das Stück in den Mittelpunkt stellender Regisseur ist, bewies er mit einem interessanten Regie-Konzept für diese vordergründig nicht in den heutigen Mainstream passende Barock-Oper. Es wird hier gar nicht so viel inszeniert. Das Orchester steht sozusagen als Hauptakteur in der Mitte der Bühne. Ottavio Dantone spielt das Clavichord und dirigiert die exzellente Accademia Bizantina. Szenisch gespielt wird auf einem schmalen Streifen vor dem Orchester, aber ganz wesentlich auch in den jeweils drei Proszeniumslogen sowie in den Gängen des Parketts, also mitten im Publikum, dieses etwas einbeziehend.
Das Orchester war also, wenn man so will, das Epizentrum der Handlung und betonte damit auch die im Barock besondere Bedeutung der Musik. Darum herum spielten sich also die Szenen ab, auch mit ebenso phantasievollen wie zeitlich einen großen Bogen von der ägyptischen Antike zum Heute spannenden Kostümen von Leo Martínez. Mit den Frauenfiguren in den Proszeniumslogen wurde ein weiter Bogen geschlagen vom Ägypten der Pharaonen bis in die Neuzeit. Man sah also eine pharaonische Königin, dann eine Operndiva wie Maria Callas mit ihrem weißen Tuch, eine heutige Opern-Besucherin im schicken Hosenanzug mit dem Handy in Aktion und Ähnliches. In der Tat eine gelungener Spagat zwischen der Zeit der Oper und dem Heute, was diese Inszenierung auch aus heutiger Sicht sehr schlüssig machte.

Dazu kam eine einfache geometrische Struktur mit zwei Dreiecken an der Decke der Vorderbühne als Video-Fläche, die Pedro Chamizo, der auch für die exzellente Lichtregie verantwortlich zeichnete, mit Referenzen an die jüngere, vor allem politische Vergangenheit des Weltgeschehens bespielte, also die Aktualität ganz bewusst thematisierte. Da war dann Martin Luther King zu sehen, ebenso wie „Black life matters“ aus den USA, oder die jüngeren Flüchtlingsströme und einiges mehr, bisweilen etwas zu viel. Dazu konnte man sich aber weit über die Händel-Oper hinaus ein paar Gedanken machen. Später wurden vor einem blutrot erleuchteten Hintergrund auch sechs Kanonenrohre sichtbar, um die grausame Macht des Krieges zu zeigen.
Es waren drei ganz außerordentlich gute Countertenöre im sehr guten Sängerensemble auf der Bühne, und zwar Raffaello Pe, der den Giulio Cesare mit intensivem Spiel und einem geschmeidigen, ebenso kraftvollen wie facettenreichen Countertenor einnehmend interpretierte. Als Ptolomeo glänzte ähnlich stark Filippo Mineccia, und der junge, an diesem Abend einspringende Maximilano Danta sang mit gutem Counter den Sesto Pompeo. Marie Lys spielte und sang die Cleopatra großartig. Blendend aussehend gab sie eine gute Erscheinung, sehr lasziv erotisch und ausdrucksstark ihrer Darstellung bei guter Mimik und mit beeindruckenden Spitzentönen. Cornelia wurde von der Mezzosopranistin Delphine Galou interpretiert, Wirte des ermordeten Pompeo und Mutter des gemeinsamen Sohnes Maximiliano, die aus dem intensiv dargestellten Leiden nicht herauskam und die Rolle auch stimmlich eindrucksvoll gestaltete. Der sehr gute Bass Davide Giangregorio gab den Achilla.Otávio Dantone war äußerst souverän am Clavichord und Dirigent mit der wunderbar barock aufspielenden Accademia Bizantina.

Es war eine sehr gute Produktion aus einem Guss, und das Publikum war begeistert, ein sehr kenntnisreiches Publikum wie immer in Santa Cruz de Tenerife. Leider wird man nun für drei Jahre keine Oper mehr im Teatro Guimerá sehen können. Denn es wird in dieser Zeit renoviert werden. Aber auch diese Zeit geht vorbei, und es ist zu hoffen, dass die Ópera de Tenerife dann öfter mal vom Hafen hierherkommt mit der einen oder anderen ihrer interessanten Produktionen.
Klaus Billand, 2. April 2025
Giulio Cesare in Egitto
Georg Friedrich Händel
Teatro Guimerá, Sta. Cruz de Tenerife
Besuchte Vorstellung: 12. Februar 2025
Premiere: 12. Februar 2025
Musikalische Leitung: Ottavio Dantone
Accademia Bizantina