Köln: „Der fliegende Holländer“, Richard Wagner

Der Zuschauer blickt während der Ouvertüre auf die Spielfläche, bestehend aus sich links und rechts türmenden Schiffscontainern, in der Mitte sitzt im Graben – vielleicht erinnert es an den Frachtraum eines Schiffes? – das Orchester. Darüber zwei Stege, Paletten, Tische und Ölfässer. Bühnenbildnerin Adeline Caron lässt es maritim anmuten, ohne eine klare Definition zuzulassen. Einzig das Programmheft vermittelt im Interview mit der Regie, dass man sich in einem „osteuropäischen Staat nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion“ befinde. Was das dem Stück und dem Abend bringen soll, erzählt sich – das sei jetzt schon verraten – zu keiner Sekunde. Der Abend beginnt auch nicht mit der Ouvertüre, sondern mit der Einspielung eines inneren Monologs von Senta, in dem sie scheinbar selbst diejenige ist, die wiederkehrt, die Erlösung erwartet. Und genau mit dem ersten Satz beginnt das Hauptproblem des Abends, dass die Regie zig Einfälle hat, die mehr oder weniger schlecht ins Leere laufen. Die Idee des Spiegelns und Zurückblickens aus Sicht von Senta ist interessant, löst sich aber überhaupt nicht ein. Dies scheitert nicht zuletzt daran, dass die Regie keine plausible Antwort darauf findet, wer der Holländer nun ist. Ist er wirklich nur ein etwas tapsiger Waffenhändler, dessen „Schätze“ peinliche Plastik-Requisitenwaffen sind? Oder ist der doch untot? Kennen er und Senta sich? Man würde gerne über diese Fragen nachdenken, jedoch zeigt sich die Regie oftmals dilettantisch in der Divergenz zwischen dem, was sie vielleicht sagen möchte, und dem, was sie wirklich sagt. Dabei entstehen zeitweise Bilder, die den Zuschauer nur mit dem Kopf schütteln lassen. So tritt da, wo die Musik das Erscheinen des Holländer-Schiffes vorsieht, Senta auf und schaut bedeutungsschwanger.

(c) Karl und Monika Forster

Der Holländer wird von einer Handvoll finster dreinschauender Statisten (merke: trägst du eine Lederjacke und rauchst, dann bist du ein finsterer Geselle!) begleitet, die in ihrem Tun haarscharf an ambitioniertem Schultheater vorbeisegeln und in der Chorszene des dritten Aktes von Dalands Matrosen verprügelt werden. Eine große Gallionsfigur, die im zweiten Akt zusammengesetzt wird und die im dritten Akt in Flammen aufgeht (das Programmheft verrät hier, dass es sich um den osteuropäische Brauch der Masleniza handelt – der sich natürlich auch überhaupt nicht erzählt und auch nur wenig Sinn macht), Zeitungsartikel, die von Senta immer wieder gesammelt, gelesen und von Mary zerknüllt werden, lassen den Verdacht zu, dass Senta diejenige ist, die vielleicht immer wieder die Männer ins Unglück stürzt, aber nichts in der Inszenierung lässt diesen Schluss wirklich zu oder findet sich in konsequenter Erzählung wieder. Letztlich bleiben unendlich viele Fragen offen, wenn Senta den Holländer am Tisch sitzen lässt, ihre Jacken nimmt und… einfach geht. Ja, sie geht einfach. Da mag man sich fragen, ob dies nicht ein tolles oder klares Statement ist – ja, das mag es sein, aber letztlich macht auch das die zahlreichen Ansätze von Erzählsträngen nicht plausibler, nein, es macht die Regie von Benjamin Lazar zu einem echten Ärgernis, und man fragt sich, warum in diesem absurden Wirrwarr nicht wenigstens ein klarer dramaturgischer Strang zu Ende erzählt wird. Dabei würde man dem ein oder anderen Ansatz gerne folgen – das misslingt jedoch gründlich, denn zu wenig Fleisch ist am Konzept.

(c) Karl und Monika Forster

Die musikalische Seite ist sicher das große Plus des Abends. Dabei ist der von Rustan Samedov einstudierte Chor der absolute Star des Abends, und man muss diesem meisterhaften Klangkörper bescheinigen, dass man die teils komplexen Chorparts (wie etwa den Frauenchor im zweiten Akt bei Rückkehr der Männer oder den gesamten dritten Akt) selten so akurat, klanglich ausgewogen und verständlich erlebt hat. Der Jubel des Publikums ist verdient. Über den sehr zarten Klang des Orchesters mag man streiten. Das ist kein wuchtiger, kein gewaltiger und auch kein düsterer Wagner den Maestro Roth musiziert, und hier offenbart sich eine echte Geschmacksfrage. Man wähnt sich zeitweise in einer heiteren Spieloper, glaubt charmanten Lortzing zu hören. Das ist ungewöhnlich und gerade in den leichten, heiteren Passagen wie Dalands „Mögst du mein Kind“ klingt es nahezu perfekt, in den großen Chorszenen fehlt es aber an Dramatik und beherztem Zugriff. Dazu passt der Holländer von James Rutherford. Die Regie gibt ihm freilich wenig zu spielen, und so konzentriert sich Rutherford aufs Singen, was er auch vortrefflich tut. Sein Holländer ist aber von einer Delikatheit geprägt, die der Figur nicht guttut. Rutherford singt sauber, wunderbar weich, lässt aber das Bedrohliche, das Düstere vermissen. Die Regie tut auch nichts, um die Figur auch nur im Geringsten klar zu konturieren. Ihm gegenüber steht eine emanzipierte Senta, mit der Ingela Brimberg in burschikosen Posen kraftvoll den Ton angibt. Brimberg legt viel Dramatik in die Partie und zeigt sich in Bestform.

(c) Karl und Monika Forster

Die beiden Tenorpartien überzeugen ebenfalls. Seung Jick Kim mag hier vielleicht als positive Überraschung des Abends genannt werden. Vor kurzem noch im Opernstudio der Kölner Oper legt er jetzt in seinem Rollendebüt einen ausdrucksstarken Steuermann mit strahlendem Tenor und einer ungeheuren Textverständlichkeit hin. Maximilian Schmitt als Erik ist die vielleicht am schlüssigsten erzählte Figur des Abends. Dabei ist sein Erik nicht der weiche, mitleidserregende Sentimentale, sondern er ist wütend, er will Klarheit und zieht die Notbremse. Dabei steht ihm das weniger Lyrische, sondern mehr Heldenhafte sehr gut zu Gesicht. Karl-Heinz Lehner zeigt einen soliden Daland, der ebenfalls mit einer gewissen Leichtigkeit daherkommt. Auch Lehner zeichnet sich durch ungeheure Akkuratesse im Text aus, spielt den Daland schlitzohrig, berechnend, ja fast etwas unangenehm. Die Mary von Dalia Schaechter bleibt in der Gesamtheit etwas hinter den anderen sängerischen Leistungen zurück, vermag im Spiel aber zu überzeugen.

(c) Karl und Monika Forster

Letztlich bleibt von dieser Produktion ein gemischter Eindruck zurück. Die Regie verstrickt sich in ihren Gedanken und vermag den Abend zu keinem zufriedenstellenden Ergebnis zu bringen. Die musikalische Seite beeindruckt, wiewohl die Leichtigkeit der gesamten Anlage des Abends sicherlich ein Aspekt ist, über den man geteilter Meinung sein kann – wobei sich bekanntlich über Geschmack ja nicht streiten lässt.

Anmerkung: Es gibt in nahezu allen Partien Zweitbesetzungen. Eine vorherige Information über die tagesaktuelle Besetzung ist zu empfehlen.

Sebastian Jacobs, 3. April 2023


Der fliegende Holländer

Richard Wagner

Oper Köln

Besuchte Premiere: 2. April 2023

Inszenierung: Benjamin Lazar

Musikalische Leitung: Francois-Xavier Roth

Gürzenich Orchester Köln