Zürich: „L’Orfeo“, Claudio Monteverdi

Es sind keine von der Sonne bestrahlten Wälder und Wiesen, die wir hier zu Beginn von L´Orfeo sehen, keine Quellen und Bächlein – die Natur ist völlig tot, alles düster, schwarz. Die imposanten Felswände scheinen von Akt zu Akt höher, bedrohlicher zu werden. Chloe Lamford und Naomi Dabaczi haben diese Felsen für die Neuproduktion von Monteverdis Oper entworfen. Mich erinnern sie an die schwarzen Basaltsäulen des National Monuments The Devils Postpile, dass ich in der Nähe von Mammoth Lake in Kalifornien besucht habe. Diese unheimlichen und doch faszinierenden Felswände scheinen die innere Düsternis der Seele Orfeos zu spiegeln. Der Weiße Sarg mit Euridices Leiche steht von Anfang an auf dieser schwarzen, verbrannten Bühne, Orfeo hebt die Grabstätte aus. Die Fröhlichkeit des ersten Aktes scheint wie eine ferne Erinnerung hereinzuschweben, fast pervers dringt die aufgesetzte Heiterkeit der Hochzeitspaare auf die Bühne, eine entartete Gesellschaft, die sich verzweifelt fleischlichen und leiblichen Genüssen hingibt, wie wenn sie so das Ende abwehren könnte. Die sexuellen Handlungen der Paare haben etwas Triebhaftes, jenseits aller Sinnlichkeit.

© Monika Rittershaus

Der Regisseur Evgeny Titov hat das mit meisterhafter Hand inszeniert, zeigt klar die Außenseiter Rolle Orfeos, dessen Schwermut auch durch seine Freudengesänge im ersten und zu Beginn des zweiten Aktes dringt. Auf dem Sarg Euridices werden die Speisen aufgetischt, Champagner fließt in Strömen, übergroße Plastik-Früchte werden hereingetragen; doch auch wenn die Erdbeeren, Kirschen, Pfirsiche und Granatäpfel die einzigen Farbtupfer in der Düsternis sind, sie bringen das Paradies nicht zurück. Alles bleibt in Schwarz-Weiß gehalten, etwas Silber für die Messagera und La Musica.

Die Kostümdramaturgie von Annemarie Woods korreliert eindringlich mit der Düsternis der Bühne. Imposant ist das Tor zur Unterwelt mit dem singenden und Augen rollenden Kopf Carontes, des Wächters an der Schwelle zum Totenreich, der von Orfeo in den Schlaf gesungen wird, so dass Orfeo den Totenfluss Styx überqueren kann. Eiseskälte (und kein Höllenfeuer) strahlt das Zentrum der Totenwelt aus, wo Proserpina und Pluto in metallisch glänzenden Kostümen herrschen. So ausstaffiert würden die beiden auch ein passendes Gibichungenpaar in Wagners Götterdämmerung abgeben.

© Monika Rittershaus

Wie wir alle wissen, es kommt nicht gut für Orfeo und seine Euridice, da Orfeo zwar in die Hölle einzudringen vermag, seine innere Hölle – das mangelnde Vertrauen, das Nagen des Zweifels und die Kontrollsucht – jedoch nicht überwinden kann und durch den Blick zurück alles Glück zerstört.

Krystian Adam verleiht den Empfindungen Orfeos mit seiner imposanten Stimme eindringliche Wirkung. Es braucht für diese Gewaltpartie einen immensen Stimmumfang und ein sicheres Fundament in der Tiefe. Und die strömt bei Krystian Adam mit wohlklingender, unangestrengter Kraft. Wunderbar zarte Piani sind da zu erleben, ein Gesang von berührender Schönheit. Das Werk ist ja eigentlich eine One Man Show, wie Intendant Homoki anlässlich der Premierenfeier zu Recht anmerkte. Und da hat man mit Krystian Adam wirklich einen Sängerdarsteller gefunden, der die Spannung aufrechterhalten kann, Interesse und Anteilnahme an seiner psychischen Hölle zu erwecken vermag.

Das Orchestra La Scintilla webt einen erstaunlich dichten, satten Klangteppich, auf welchem Orfeo seine Gesänge erblühen lassen kann. Der Dirigent Ottavio Dantone lässt uns in Monteverdis intensive Klangwelt eintauchen, die zugegebenermaßen für an Wagner, Verdi, Puccini und Strauss gewöhnte Ohren manchmal auch etwas einlullend wirken kann. Doch das Pulsierende dieser Klänge, die zarten Melodien und Empfindungen, welche transportiert werden, der Klang historischer Instrumente wie Gambe, Theorbe, Laute und Barockgitarre, die filigranen Streicher, die exzellent gespielten Blechblasinstrumente Zink und Posaune entführen in eine faszinierende akustische Umgebung, in der man gerne verweilt.

Rund um die zentrale Figur des Orfeo bereichern im ersten Teil die wunderbaren Stimmen der vier Hirten das Geschehen: Die Tenöre Massimo Altieri und Luca Cervoni, der Countertenor Tobias Knaus und der Bassbariton Yves Brühwiler sind allesamt exzellente und stilsichere Sängerdarsteller. Als La Musica und Messagera (und im fünften Akt als Eco) begeistert Josè Maria La Monaco mit schöner, gerundeter Tongebung und vermag das Trauerumflorte der Messagera berührend zu intonieren. Euridice hat ja lediglich zwei Passagen zu singen: Bei der Hochzeit im ersten Akt, bevor sie von der Schlange gebissen wird, und im vierten Akt, nachdem sie endgültig in der Hölle bleiben muss, weil Orfeo sich entgegen der Vereinbarung mit Plutone umgedreht hatte. Miriam Kutrowatz verfügt über eine wunderschön weiche und hell timbrierte Sopranstimme, der man gerne in einer größeren Partie wiederbegegnen möchte. Als Höllenpaar Proserpina und Plutone machen Simone MacIntosh und Mirco Palazzi großen Eindruck. Simone MacIntosh singt auch La Speranza, die Orfeo in gequälter, von Schmerz verzerrter Körperhaltung zur Pforte der Hölle geleitet. Ahnt sie bereits, dass alle Hoffnung vergebens ist? Dem Kopf an der Pforte (Caronte) verleiht Mirco Palazzi seine herrlich sonore Bassstimme.

Im fünften Akt taucht dann noch Orfeos Vater, der Gott Apollo, auf, der seinen Sohn aus dem Tal der Tränen in den Götterhimmel zu Frieden, Freude (und Ambrosia?) entführen will. Mark Milhofer gleicht im rot-goldenen Glitzeranzug einem Conférencier im Cabaret und reüssiert als Deus ex machina überhaupt nicht, denn Orfeo blickt erneut zurück auf den weißen Sarg. Der Regisseur Evgeny Titov glaubt dem Happy End für Orfeo nicht. Im Zuschauersaal gehen die Lichter an, die Hirten und Nymphen singen aus den zwölf Proszeniumslogen von schmerzfreier Zeit und himmlischen Ehren im Himmel (wer unter Schmerzen säet, erntet Frucht mit Gewinn). Es wird stockdunkel. Päng!

© Monika Rittershaus

Nach dem Schockeffekt setzt der Applaus des Premierenpublikums leicht verzögert ein, steigert sich dann aber schnell zu warmer Dankbarkeit für eine gelungene Aufführung, mit der die Oper nach beinahe 50 Jahren Abwesenheit ins Haus am Sechseläutenplatz zurückgekehrt ist.

Kaspar Sannemann, 19. Mai 2024


L´Orfeo
Claudio Monteverdi

Oper Zürich

17. Mai 2024

Inszenierung: Evgeny Titov 
Musikalische Leitung: Ottavio Dantone 
Orchestra La Scintilla