CD: „Larmes de couteau / Comedy on the Bridge“ von Bohuslav Martinů (2. Besprechung)

Zwei kleine Meisterwerke

Er schrieb 20 kleinere und große Opern – aber präsent, falls man das Wort angesichts des Randrepertoires überhaupt benutzen darf, ist bei uns lediglich seine späte Oper Julietta. Selten genug, dass einmal die Griechische Passion – auch ein Spätwerk – auf unseren Bühnen gespielt wird. Dass eines seiner vielen frühen Bühnenwerke, zu denen auch nicht wenige Ballette zählen, das Licht der deutschsprachigen Theaterwelt erblicken, ist so selten, dass der Freund der Kunst des Bohuslav Martinů schon dankbar ist, wenn eines seiner musikdramatischen Werke auf einem Tonträger verewigt wird.

Von beiden Werken, die nun vom Staatsorchester Stuttgart unter der Leitung des chronologisch jüngsten Bayreuth-Debütanten Cornelius Meister eingespielt wurden, existieren bereits Aufnahmen. Die Komödie auf der Brücke kam als Veselohra na mostě 1973 ins tschechische Studio, 1999 die Messertränen – ebenfalls in einer tschechischen Fassung, die sich der posthumen Brünner Premiere des Jahres 1969 verdankt. Die Besonderheit der Neueinspielungen liegt v.a. darin, dass man auf die Originale zurückgegriffen hat, was im Fall der Slzy noze heißt, dass die Messertränen nun korrekterweise Larmes de couteau sind (weil das Libretto von Georges Ribemont-Dessaignes geschrieben wurde) und die Comedy on the Bridge nicht in ihrer ersten, 1935 komponierten und 1937 vom Tschechoslowakischen Rundfunk uraufgeführten und 1948 in Ostrava szenisch realisierten Erstfassung erklingt, sondern in der US-Amerikanischen Version von 1951.

Woran aber liegt es, dass die beiden entzückenden wie stilistisch und textlich denkbar unterschiedlichen Kammeropern bei uns keine Heimstatt gefunden haben? Liegt‘s im ersten Fall am bewusst kruden Plot, den der Franzose den Larmes de couteau angeschneidert hat? Er ist so beschaffen, dass sich jeder Feinschmecker und jeder Liebhaber der Kunst der 20er Jahre die CD zulegen müsste. Ribemont-Dessaignes machte sich damals einen Spaß daraus, zugleich den Surrealismus wie den aus der Mode gekommenen Symbolismus zu parodieren. Der Dichter hatte einen ausgeprägten Sinn für Absurditäten, der es verständlich macht, dass er sich 1929 aus den Klauen des Surrealismus, d.h.: seines autokratischen Hohepriesters André Breton entwand – ein Jahr zuvor schrieb er das Libretto, das den Surrealismus derart übertrieben auf die Spitze treibt, dass Ribemonts Kritik an Breton, die er Ende 1929 äußerte, nicht mehr allzu verwundert: Nachdem Breton sein zweites surrealistisches Manifest veröffentlicht hatte, in dem er das wahllose Schießen in eine Menge als reinsten Akt des Surrealismus propagiert hatte, nannte Ribemont ihn einen Heuchler, Polizisten und Pfarrer. Die Messertränen aber fließen nicht angesichts von sinnlos dahingestorbenen Toten, sondern eines Gehenkten, in den die Heldin des Stücks verliebt ist, bevor sich am Ende der Leibhaftige, der vorgibt, auch die Mutter des Mädchens, das sich zwischendurch umbringt und schnell wiederaufersteht, zu lieben, als eben dieser Gehenkte entpuppt – und natürlich entschwindet. Das alles wird, klanglich stets durchsichtig und trocken, von Martinů mit schnellem Witz, mit scheinbar pathetischen Liebesbekundungen und dem Varieté-Sound der Endzwanziger, also mit Banjo, Akkordeon und Klavier erzählt. Der Satan ist eine kleine Bombenrolle; Adam Palka füllt sie mit mephistophelischem wie bassbaritonalem Schwefeldunst aus. Elena Tsallagova und Maria Riccarda Wesseling spielen Tochter und Mutter, die dem akustischen Vergnügen der 22 Spielminuten so aufhelfen, dass sich im Inneren des Hörers unversehens die Szene auftut.

Von anderer Qualität ist die Comedy on the Bridge. Mag sein, dass Martinů, wie‘s im Büchelchen zur Einspielung heißt, nicht über einen, sondern über mehrere Stile verfügte. 1935 waren die Zwanziger vorbei; das Werk, das nach einem Stück des 1859 gestorbenen Vaclav Klipcera komponiert wurde, erhielt zunächst seine Form aufgrund der Tatsache, dass es fürs Radio konzipiert wurde – die Tonsprache ist verbindlich, heiter und sprudelnd, die Sprechpassagen sind umfangreich. Nachdem die Comedy 1951 von der Mannes School of Music am Hunter College in New York (in einer englischen Übersetzung von Walter Schmolka) inszeniert worden war, sah man, wie bühnentauglich das 40 Minuten kurze Stück doch ist, ja: der New York Music Critics Circle nannte es „die beste Oper des Jahres“. Und Martinů bekannte, dass sie „tschechisch, volkstümlich, einfach und ungezwungen“ sei, auch „den Menschen etwas zu sagen“ scheine. Klar, denn das heitere Sujet ist, leider, zeitlos. Konnte Martinů 1935 damit rechnen, noch Gelächter zu ernten, dürfte die dramatische Situation spätestens seit Hitlers Überfall auf die tschechoslowakische Republik im Frühjahr 1939 seine Unschuld verloren haben. Worum gehts? Da treffen sich jeweils zwei Paare auf einer Brücke, die an jeder Seite von jeweils einem Posten bewacht wird. Sobald Josephine und Johnny und Eva und der Brauer die Posten passiert haben, haben sie keine Chance mehr, die Brücke zu verlassen, weil ihr Passierschein eben nur für eine Richtung gilt. Die absurde Situation erinnert ein wenig an den Iraner Merhan Karimi Nasseri, der 1988 bis 1999 als Staatenloser im Pariser Flughafen, später freiwillig wieder dort lebte und erst vor wenigen Tagen als „Terminal Man“ dort starb. Comedy on the Bridge erzählt uns eine Kriegs- und Eifersuchtsgeschichte, bringt auch einen Schoolmaster ins Spiel, der das Rätsel nicht zu lösen weiß, wie es ein Reh schaffen könne, über eine hohe Mauer zu springen, um zu entkommen. Antwort: „He doesn‘t“. Martinů aber hat eine Partitur geschrieben, die trotz der radiophon perfekten Schüsse und Explosionen niemals daran zweifeln lässt, dass am Ende der Sieg bei den Guten bleibt und sich die lustvoll bekriegenden Pärchen wieder zusammenraufen, weil sie alle etwas leicht Erotisches auf dem Kerbholz haben. Dem Komponisten gelang hier ein musikalisch weniger schräges (als die Larmes de couteau) Miniatur-Juwel der Opernunterhaltungskunst, das auch bei uns mal wieder gespielt werden sollte – in Tschechien ist es so etwas wie ein Hit. Hier darf man es nun dank den beherzt agierenden und schön artikulierenden Sängern Esther Dierkes (als junge Josephine), Björn Bürger (als eifersüchtiger Johnny), Andrew Bogard (als heiterer Brauer) und Stine Marie Fischer (als ebenso eifersüchtige Eva) genießen.

Mag sein, dass die „kleinen“ Werke in Vergleich zu den „großen“ Stücken, auch den abendfüllenden Werken eines Bohuslav Martinů leichtgewichtig erscheinen. Wie er das so schwer zu Machende herstellte und wie das Staatsorchester Stuttgart und das sehr gut aufgelegte Sängerensemble seine Kunst vergegenwärtigt: das hat eine Klasse, die auch bei den sog. Petitessen den größten tschechischen Meister in der unmittelbaren Janáček-Nachfolge am Werk sieht.

Frank Piontek, 9. Dezember 2022


Zweite Besprechung

Bohuslav Martinů: Larmes de couteau / Comedy on the Bridge
Staatsorchester Stuttgart.
Dirigent: Cornelius Meister
Label: Capriccio

Erste Besprechung