CD: „Nicht Wiedersehen“, Günther Groissböck

In mehrfacher Hinsicht ungewöhnlich und überraschend ist die 2022 bei Gramola erschienene CD „Nicht Wiedersehen!“ mit Liedern von Richard Strauss, Hans Rott und Gustav Mahler, gesungen von Günther Groissböck.

Die Einspielung mit dem österreichischen Baß biegt bewußt ab vom gewohnten Pfad der Sporan-, Tenor- oder höchstens mal Bariton-Wiedergaben der berühmten Lieder, neben denen auch echte Wiederentdeckungen zu hören sind. Bereits das Cover-Photo entspricht nicht den Sehgewohnheiten; man erwartet ja gerade bei spätromantischer Liedliteratur eher ein seelenvolles Bild des Interpreten bzw. der Sängerin. Der muskelbepackte Groissböck im knappen schwarzen T-Shirt steht eher da, als würde er gleich fragen, wo denn bitte der Wagenheber sei.

Ebenso massig wie der ganze Mann ist auch seine Stimme, mit der er vor allem als Ochs, Gurnemanz oder Fasolt die ganze Tiefe der Partituren auslotet. Vielleicht hat er bewußt den Habitus des Anpackers gewählt, um diese Produktion von den gängigen Interpretationen abzusetzen – Groissböck gibt sich ja ohnehin gerne als jemand, der gegen den Strom schwimmt, wie in der Corona-Zeit, als er sich mehr als deutlich gegen eine vorsichtige Gesundheitspolitik aussprach. Sei´s drum – diese CD ist es allemal wert, mit Aufmerksamkeit gehört zu werden.

Richard Strauss ist der erste Block gewidmet und gerade bei den sehr bekannten Liedern wie der „Zueignung“, „Allerseelen“ oder „Befreit“ hört man sich sehr schnell ein in die Wärme und angenehme Rundheit dieses Basses. In den Höhen klingt seine Stimme hier allerdings manchmal etwas metallisch und leicht gequetscht, als müßte Groissböck sich anstrengen, über seine gewohnte Lage hinauszusteigen.

Umso großartiger sind dagegen seine schon in den Profundo-Bereich ragenden Tiefen wie im Lied „Der Einsame“, zumal er die Töne hier sehr lang in ganzer Fülle hält. Der Hall des Salzburger Mozart-Saales, in dem die Aufnahme entstand, klingt tatsächlich mehr nach Konzertsaal als nach Studio, was durchaus zu begrüßen ist.

Deutlich mehr Variantenreichtum und Schattierungen als bei Strauss entwickelt Groissböck in vier Liedern von Hans Rott, dem unglücklichen Studienkollegen Gustav Mahlers. Von diesem sensiblen Komponisten, der Opfer seiner seelischen Angreifbarkeit und eines damals schon harten Musikbetriebes wurde, kennt man eigentlich nur seine Symphonie, die erst 1989 wiederentdeckt wurde. Die Lieder „Der Sänger“, „Geistesgruß“ und „Wandrers Nachtlied“ endlich einmal einzuspielen, wäre schon Grund genug, diese CD entsprechend wahrzunehmen. Gerade das letzte Lied so erfrischend anders als die berühmte Schubert-Vertonung zu hören, ist eine ganz neue Erfahrung, auch weil dem Klavier hier eine völlig andere Rolle zugestanden wird. Das spielt in dieser Aufnahme der schottische Pianist Malcolm Martineau und er tut das mit großer Finesse und Zartheit; überhaupt ist die Ausgewogenheit von Gesang und Begleitung auf der ganzen CD absolut gelungen.

Feingefühl ist vor allem bei den Mahler-Liedern gefragt und bereits beim titelgebenden „Nicht Wiedersehen!“, der tieftraurigen Geschichte einer durch den Tod vorzeitig beendeten Liebe, zeigt Groissböck, daß er die Höhen beherrscht, die hier warm und fein klingen, weil er dabei die Dynamik reduziert. Das gilt auch für „Zu Straßburg auf der Schanz´“, das ebenso den Abschied vom Leben in sich trägt.

Die Härte des Soldatenlebens in „Revelge“ gibt Groissböck sehr stark wieder und er gestaltet auch das Spukgeschehen der Geisterarmee mit angemessenem Ausdruck, um die unheimliche Atmosphäre greifbar zu machen. Die Trommel des „Tambourg´selln“ gibt Martineau erstaunlich plastisch wieder, beide treffen die wehmütige Stimmung dieses Liedes wirklich sehr empfindsam.

Das „Urlicht“ beschließt diese besondere Auswahl und die Luftigkeit der Wolken in diesem kindlich-naivem Himmelsgemälde bilden Pianist und Sänger leicht und voller angemessener Sanftheit. Eine wunderbare Abrundung dieser empfehlenswerten Einspielung.

Andreas Ströbl, 23. Januar 2023


„Nicht Wiedersehen!“

Richard Strauss

Gustav Mahler

Hans Rott

Günther Groissböck

Malcolm Martineau

CD erschienen bei Gramola

Artikel-Nr: 99280