DVD: „La forza del destino“, Giuseppe Verdi

Um das Fazit vorwegzunehmen: Die vorliegende DVD von Verdis La Forza del Destino ist in hohem Maße empfehlenswert. Szene, Musik und Gesang formieren sich hier zu einer phantastischen Symbiose von hoher Eindringlichkeit. Das beginnt schon bei der gelungenen Inszenierung von Carlus Padrissa von La Fura dels Baus im Bühnenbild von Roland Olbeter und Chu Uroz‘ Kostümen. Sie sind schon höchst beeindruckend, die opulenten, farbenfrohen Bilderwelten, die das Regieteam hier so genial auf die Bühne bringt, und auch die gefälligen abstrakten Kostüme sind vollauf gelungen. Diese Produktion mutet nicht nur modern an, sondern macht einen ausgesprochen futuristischen Eindruck.

Eine gute Idee ist es bereits, die Ouvertüre zu bebildern. Wir befinden uns augenscheinlich im Weltall. Das Ganze beginnt mit Projektionen von fliegenden nackten menschlichen Körpern, die von einem Schwarzen Loch sogartig verschlungen werden. Dieser Vorgang erzeugt mannigfaltige Gravitationswellen. Das Grundkonzept von Padrissa ist klar: Das Schicksal wird als Schwarzes Loch gedeutet, das Leonora und Alvaro zuerst mächtig anzieht, nur um sie dann gnadenlos wieder voneinander zu trennen.

Der erste Akt spielt in einem hellen Raum. Mit Hilfe von Projektionen kann dieser von jetzt auf gleich sein Erscheinungsbild ändern, so von farblicher Opulenz in ein tristes Grau übergehen. Beeindruckend sind bereits die vielfältigen Schattenspiele, mit denen der Regisseur aufwartet. Aber auch Leonores von aufgenähten Augen bedecktes Kostüm ist ein Blickfang. Alvaro erscheint als Glatzkopf mit Bart und Stiernacken. Der Marquese von Calatrava bedroht die Liebenden mit einem Gewehr. Auch sonst bleibt das Regieteam effektvolle visuelle Effekte nicht schuldig, so beispielsweise die brennenden Busen Preziosillas im zweiten Bild. Dieses ist anscheinend im All auf einem fernen Planeten angesiedelt.

Auch über das Kriegsbild hat sich Padrissa tiefschürfende Gedanken gemacht. Eine Schriftprojektion informiert darüber, dass der hier ausgetragene Krieg ein noch gar nicht stattgefundener, nämlich ein imaginierter Vierter Weltkrieg ist, in dem laut Albert Einstein mit Stöcken und Steinen gekämpft wird. Das mag ja sein, aber Don Carlo ist mit einem Maschinengewehr bewaffnet. Einen prägenden Eindruck hinterlässt hier ein maroder, mit Stangen verzierter abstrakter Baum. Das Kloster ist ein simpler Holzbau, der mit Hilfe der Drehbühne und einiger Statisten in die unterschiedlichsten Stellungen gebracht werden kann. Zu Leonoras Einweihung senkt sich ein riesiges Kreuz herab. Während ihres Aufnahmerituals liegt sie in einem in den Boden eingelassenen Kreuz. Sie ist hier nicht die einzige Frau. Auch andere weibliche Gestalten sieht man unter den Ordensbrüdern. Frauenfeindlich ist diese Gemeinschaft jedenfalls nicht, sondern dem anderen Geschlecht gegenüber durchaus aufgeschlossen. Im Schlussakt sind sämtliche Handlungsträger sichtbar gealtert. Es ist klar ersichtlich, dass viel Zeit vergangen ist. Alvaro erschlägt Don Carlo mit einer Keule. Ein trefflicher Einfall seitens der Regie ist es, dass sich das Schwarze Loch am Ende wieder schließt. Das Schicksal hat sich erfüllt.

Auf hohem Niveau bewegen sich die gesanglichen Leistungen. Sehr beeindruckend ist bereits Saioa Hernández, die mit bestens italienisch fokussiertem, glutvollem und üppigem dramatischem Sopran in der Rolle der Leonora brilliert. In nichts nach steht ihr Amartuvshin Enkhbat, der mit ebenfalls herrlichem, vorbildlich italienisch geführtem, edel timbriertem und dunklem Prachtbariton den Don Carlo di Calatrava vorzüglich singt. Einen gut gestützten, hellen Tenor bringt Roberto Aronica in die Partie des Alvaro ein. Mächtig ins Zeug legt sich der voll und rund klingende, dabei recht aparte Mezzosopran von Annalisa Stroppas Preziosilla. Über immer noch beträchtliche Bass-Reserven verfügt der Padre Guardiano von Ferruccio Furlanetto. Markant gibt Nicola Alaimo den Fra Melitone. Allessandro Spina macht aus seinem zwei kurzen Auftritten als Marchese de Calatrava mit imposanter Bassstimme viel. Valentina Corò(Curra), Leonardo Cortellazzi (Tabuco) und Roman Lyulkin (Chirurg) klingen solide, während der dünn und nicht im Körper singende Tenor Roman Lyulkins als einziger der hier aufgebotenen Sänger nicht zu befriedigen vermag. Gut gefällt der von Lorenzo Fratini einstudierte Coro del Maggio Musicale Fiorentino.

Am Pult überzeugt Zubin Mehta, der das prächtig disponierte Orchestra del Maggio Musicale Fiorentino zu einem inhaltsvollen, spannungsgeladenen und farbenreichen Spiel voller schöner Italianita animiert.

Ludwig Steinbach, 14. Dezember 2022


Dynamic 2022

Best.Nr.: 37930

2 DVDs