Gießen: „Caterina Cornaro“, Gaetano Donizetti

Gaetano Donizetti hat der Nachwelt vierundsechzig vollendete Opern hinterlassen, wenn man Umarbeitungen und Neufassungen nicht mitzählt. Gerade einmal eine Handvoll davon sind im Standardrepertoire der Opernhäuser verblieben. So kommt es immer wieder zu Ausgrabungen von verborgenen Schätzen aus dem reichen Oeuvre des zu seinen Lebzeiten gefeierten und vielbeschäftigten italienischen Belcanto-Komponisten. Das Theater Gießen kann aktuell mit Caterina Cornaro immerhin eine „deutsche szenische Erstaufführung“ für sich reklamieren, nachdem das Konzerthaus Dortmund bereits im Juni dieses Jahres in einer konzertanten Aufführung das Stück zum allerersten Mal überhaupt einem deutschen Publikum präsentiert hatte. Dabei handelt es sich bei Caterina Cornaro keineswegs um ein verschollenes Frühwerk, sondern um eine der letzten vollendeten Opern Donizettis. Er schrieb an dem Stück parallel zu drei weiteren Opern, darunter dem auch heute noch vielgespielten Don Pasquale. Die Uraufführung im Januar 1844 in Neapel war ein Mißerfolg. Bereits nach sechs Vorstellungen wurde die Produktion wieder abgesetzt. Die Oper verschwand weit über ein Jahrhundert lang in der Versenkung. Dafür mag man vor allem dramaturgische Schwächen eines holzschnittartigen Librettos mit einer nur mäßig interessanten Handlung verantwortlich machen. In der Musik jedoch zeigt sich Donizetti auf der Höhe seiner Kunst, was die Gießener Neuproduktion nun beeindruckend unter Beweis stellt.

Der junge armenischstämmige Dirigent Vladimir Yaskorski gibt seine Visitenkarte als neuer Erster Kapellmeister ab und verhilft der Partitur mit einem gut aufgelegten Orchester zu ihrem Recht. Die Musiker entfalten deren dramatisches Potential vollmundig mit nie nachlassender Spannung. Die Streicher scheinen unter Strom zu stehen, die stark geforderten Holzbläser spielen farbig auf, Blech und Schlagzeug setzen punktgenaue Akzente. Der von Jan Hoffmann bestens vorbereitete Chor steht dem Orchester an Intensität und Klangfülle in nichts nach. Dazu wird eine Sängerbesetzung aufgeboten, die bis in die Nebenpartien hinein kaum Wünsche offen läßt. Staunenswert, wie die junge Julia Araújo in der Titelpartie mit ihrem angenehm timbrierten, jugendlich-frischen Sopran die belcantotypischen Vokalkunststücke mit geradezu beiläufiger Selbstverständlichkeit präsentiert. Ihre dynamische Bandbreite reicht von fein schwebenden Piani bis hin zu dramatischer Expansion ohne Schärfe. Um dieses neue Ensemblemitglied darf manch größeres Haus das mittelhessische Stadttheater beneiden.

Julia Araújo inmitten des Chores / (c) Rolf K. Wegst

Als weiterer Glücksgriff erweist sich Clarke Ruth, der ebenfalls seit dieser Spielzeit die Gießener Stammkräfte verstärkt. Der Baßbariton verfügt über eine kernige und gut geführte Stimme, die er für die Rolle des Bösewichts Mocenigo mit angemessener Schwärze einzufärben weiß. Schon seit einigen Jahren gehört Grga Peroš dem Gießener Ensemble an. Sein bronzen getönter Bariton hat mit den Jahren an Sonorität gewonnen, ohne an Eleganz zu verlieren. Das paßt ausgezeichnet zur Partie des edelmütigen Königs Lusignano. Das Quartett der Protagonisten wird von Younggi Moses Do abgerundet, der als Gerardo den obligatorischen Tenorliebhaber gibt. Dazu versucht er, seiner an sich lyrisch angelegten Stimme mit einigem Druck Spinto-Töne abzugewinnen, um den landläufigen Vorstellungen von einem „italienischen“ Tenor zu entsprechen. Das gelingt ihm in der Mittellage recht gut, wird jedoch gerade im ersten Aufzug durch ein Dauerforte erkauft. Auch merkt man gerade der Höhe mit manch engem Ton die Kraftanstrengung an. In den Nebenrollen machen neben dem in Gießen vielfachbewährten Tomi Wendt als Caterinas Vater Andrea zwei weitere junge Tenöre auf sich aufmerksam: Yoseph Park nutzt eine Chorszene, um in der Rolle des Strozzi mit hellem Metall aufzutrumpfen, während Aleksandr Bogdanov als Kavalier mit warmer Tongebung gefällt.

Grga Peroš (Lusignano), Younggi Moses Do (Gerardo) und Clarke Ruth (Mocenigo) zerren an der Titelfigur / (c) Rolf K. Wegst

Das Produktionsteam setzt dieses Belcanto-Fest geschickt in Szene. Vor der Ouvertüre erläutert eine Erzählstimme aus dem Off mit einem launigen Text die realen Hintergründe der Titelfigur. Dazu werden Bilder eingeblendet, die mit popkulturellen Assoziationen von „Game of Thrones“ bis zur „Muppet Show“ ironische Kommentierungen liefern. Die historische Caterina Cornaro wurde im 15. Jahrhundert als venezianische Patriziertochter im Alter von vierzehn Jahren mit dem König von Zypern zwangsverheiratet, um den Inselstaat unter den politischen Einfluß der Lagunenstadt zu bringen. Der Gatte wurde bald vergiftet (in der Oper stirbt er den Heldentod im Kampf gegen die Venezianer), der gemeinsame Sohn und Thronfolger in jungen Jahren ebenso, Caterina zunächst zur Königin von Zypern gekrönt, um dann jedoch von ihrer Heimatstadt zur Abdankung gezwungen und zurück nach Norditalien beordert zu werden.

Das Opernlibretto dichtet ihr noch einen französischen Geliebten hinzu. Die erste Szene der Oper zeigt die Hochzeitsfeier des glücklichen Paares, die durch den Botschafter Venedigs jäh unterbrochen wird. Dieser erzwingt unter Todesdrohungen gegen den Bräutigam das Ende der Beziehung, um Caterina stattdessen aus Staatsräson mit dem zypriotischen König zu verheiraten. Regisseurin Anna Drescher läßt diese von Donizetti als „Prolog“ bezeichnete Eingangsszene in der Gegenwart spielen. Caterina und ihr Verlobter Gerardo treten in legerer Alltagskleidung auf. Gezeigt wird eine Hochzeitsgesellschaft in übermütiger Partystimmung. Der venezianische Botschafter Mocenigo bereitet der guten Laune schnell ein Ende. Die Regie zeichnet ihn als schwarz gekleidete, mephistophelische Figur, welche sadistisches Vergnügen daran empfindet, das Liebesglück des jungen Paares zu zerstören. Die ansonsten schwarze Drehbühne wird schnell von Partyutensilien freigeräumt. In ihrem Zentrum steht nun eine überdimensionale Vitrine, von deren Decke ein prachtvolles Damastgewand am Kleiderbügel baumelt (Kostüme und Bühnenbild von Tatjana Ivschina).

Historisches Gewand als Zwangskorsett / (c) Rolf K. Wegst

Mocenigo legt es der verstörten Caterina wie eine Zwangsjacke an. Von nun an wird sie als Repräsentationsobjekt in der Vitrine ausgestellt, die vom kalten Licht einer nackten Neonröhre ausgeleuchtet wird. Das ist ein ebenso starkes wie überzeugendes Bild. Die Titelfigur bleibt hier für die gesamte restliche Dauer des Stückes präsent, gefangen in Konventionen und zur Passivität verdammt. Julia Araújo gelingt es mit ihrer enormen Bühnenpräsenz und ausdrucksstarker Mimik, eine äußerlich erstarrte Figur auch dann zum Mittelpunkt des Geschehens zu machen, wenn sie nicht singt. Die Inszenierung bedient sich für die Aktionen der übrigen Beteiligten aus dem Baukasten bekannter Regiemittel von stilisierten, synchronen Massenchoreographien über Bewegungen in Slow-Motion bis hin zum Einsatz von Bühnennebel. Man muß das Rad schließlich nicht ständig neu erfinden. Es zeugt vielmehr von sicherer Beherrschung des Handwerks, daß hier mit bewährten Mitteln jede Szene und jede Personenkonstellation konzentriert und treffsicher charakterisiert wird. Die wirkungsvolle Lichtregie von Jan Moritz-Bregenzer modelliert aus der schwarzen Bühne prägnante Bilder heraus. Im Verbund mit den vorzüglichen Gesangsleistungen und dem spannungsgeladenem Orchesterspiel stellt sich schnell ein unwiderstehlicher Sog ein, der den Abend zu einem kurzweiligen Vergnügen werden läßt.

Das Publikum ist hingerissen, feiert am Ende alle Beteiligten und erklatscht sich schließlich zwei Extra-Vorhänge. Das kleine Gießener Haus hat seine Bordmittel zielsicher eingesetzt und eine Produktion aus einem Guß auf die Bühne gestellt, für die sich auch eine längere Anreise lohnt.

Michael Demel, 28. November 2022


„Caterina Cornaro“, Tragedia lirica von Gaetano Donizetti

Stadttheater Gießen

Premiere am 26. November 2022

Inszenierung: Anna Drescher

Musikalische Leitung: Vladimir Yaskorski

Philharmonisches Orchester Gießen

Trailer

Weitere Vorstellungen: 4., 10. und 25. Dezember 2022, 6. und 28. Januar, 5. Februar, 4., 12. und 30. März 2023