Frankfurt, Konzert: „Academy of St. Martin in the Fields“

Im Rahmen der Pro Arte Konzerte war die traditionsreiche Academy of St Martin in the Fields zu Gast. Nach dem Ableben seines Gründers und langjährigen Leiters, Sir Neville Marriner, leitet der Geigenvirtuose Joshua Bell das Ensemble. Und es war ein besonderes Konzerterlebnis, diesen fabelhaften Musikern zu lauschen. Mit sicht- und hörbarer Spielfreude beschenkten sie die Zuhörer im ausverkauften Saal der Alten Oper mit Beiträgen der Sonderklasse! Eine musikalische Glücksbombe wurde effektvoll gezündet, um mit einem Feuerwerk der Seligkeit das Auditorium zu begeistern.

Zu den bekannten Werken von Johann Sebastian Bach zählt dessen Chaconne aus seiner zweiten Partita. Im Jahr 1720 war Bach vorrangig mit der Komposition von Partiten und Violinsonaten beschäftigt. In diese intensive Schaffensperiode ragte der Tod von Bachs Frau wie ein gewaltiges Mahnmal in sein Leben. Daher wird dessen Chaconne häufig auch als Grabesmusik für Bachs Frau verstanden. Andere vermuten geheime religiöse Codes in dieser Musik. Rätsel über Rätsel….

© Phillip Knott

Mit endlosen Arpeggi und feinsten Flageolett Effekten demonstriert Joshua Bell seine Ausnahmestellung als einer der größten Geiger der Gegenwart! Wie aus dem Nichts entwickelte Bell mit größter Subtilität die feinen musikalischen Linien der Chaconne. Kaum hörbar begann das Orchester ihn sorgsam einzurahmen. Zu erleben war ein faszinierendes Zusammenfinden von Solist und Orchester. Eine Klangverschmelzung zu einem einzigen Orchesterinstrument. Was für ein wunderbarer Beginn!

Es ist kaum ein größerer Kontrast denkbar, als es nun hier mit dem äußerst virtuosen Violinkonzert Nr. 1 von Nicoló Paganini zu erleben war. Ungewöhnlich ist in dieser Komposition der intensive Gebrauch des Schlagwerks in allen drei Sätzen. Kein Zweifel, hier ist die Solo-Violine ganz unzweifelhaft die kapriziöse Primadonna, die genüsslich ihren eigenen Auftritt zelebriert. Jeder Geiger ist hier mit den endlosen Doppelgriffen und gewagten zugespitzten Tempi äußerst gefordert. Und als wäre dies nicht schon genug der Schwierigkeiten, schrieb sich Joshua Bell eine höllisch schwere Solo-Kadenz für den ersten Satz, dass einem der Atem stocken konnte bei derart diabolisch anmutender Virtuosität! Triller, zugespitzte Tempi, Doppelgriffe, das volle Programm für maximale Brillianz! Als wäre dies nicht genug der Anforderung, so zeigte sich Bell sehr nervenstark als ausgerechnet in eben jener schweren Kadenz ein Telefon enervierend ausdauernd zur Störattacke ansetzte. Schrecklich! Doch Bell ließ sich davon überhaupt nicht beeindrucken. Das Publikum geriet bereits nach dem Feuerwerk des ersten Satzes in große lautstarke Begeisterung. Auch in den beiden Folgesätzen blieb Joshua Bell dem Werk keine Nuance schuldig. Mit größter Ausdauer und maximaler Leichtigkeit spielte er sich in einen virtuosen Rausch, ohne dabei die hochwache Interaktion mit dem Orchester zu vernachlässigen.

Großartig war die Begleitung durch die Academy of St Martin in the Fields.  Diese so besondere Gruppe von exzellenten und führenden Londoner Musikern demonstrierte mustergültige Klangqualität bei großer Einfühlung in die Partitur. Die Musiker wirkten sehr inspiriert und hoch motiviert. Hier trafen sich Virtuosen an allen Pulten, um ein Maximum an musikalischer Spielfreude zu demonstrieren.

Riesige Begeisterung eines hingerissenen Publikums für einen außergewöhnlichen Konzertbeitrag.

1846 erblickte die zweite Sinfonie von Robert Schumann das Licht der Öffentlichkeit. Schumann war am emotionalen Tiefpunkt angekommen. Die Depression war unermesslich stark fortgeschritten und zeigt sich auch in den vielen Stimmungsambivalenzen seiner Sinfonie. Der hypernervöse zweite Satz ist klangliche Manie, die niemals zur Ruhe kommt. Und mit dem darauf folgenden Adagio espressivo  gelang Schumann ein Geniestreich in der gefühlvollen Ausformulierung einer musikalischen Klage, die tief zu Herzen geht. Schumann fühlte sich während der Entstehung dieses Werkes stark von der Musik Johann Sebastian Bachs beeinflusst. Er sei der Nothelfer in seiner Depression. Was vielleicht ein wenig naiv anmutet, findet seine tief überzeugende Entsprechung im finalen Allegro molto vivace. Hier warf Schumann den seelischen Ballast gekonnt über Bord und ließ dazu am Ende die Pauke gewaltig donnern. Jeder Schlag ein Ausrufezeichen! So als wolle Schumann zeigen, dass er nicht unter dem Eindruck seiner Depression zerbricht.

Joshua Bell saß nun als Konzertmeister im Kreise des Orchesters. Auch wenn er für die musikalische Einstudierung verantwortlich war, so war das mitreißende gemeinsame Musizieren das Zentrum des Interesses. Ein Dirigent hätte diese so besondere Harmonie gestört. Bell spielte und musizierte mit maximalen Körpereinsatz und sorgte gemeinsam mit dem Orchester für eine außergewöhnlich dichte Interpretation. Mitreißend und hoch expressiv im Ausdrucksgehalt zeigten die Musiker eine außergewöhnliche Hingabefähigkeit, die keinerlei Risiko scheute, im Gegenteil. Bei diesem Vortrag ging es um alles. Schumann erklang in einer Dringlichkeit, als gäbe es eben nur diesen einen Moment am Abend des 13. Januars 2023. Wahrlich eine Sternstunde und ein großes Geschenk für alle Zeugen dieses bewegenden Konzertereignisses. Stehende Ovationen!

Dirk Schauß, 15. Januar 2023


Alte Oper Frankfurt

13. Januar 2023

Johann Sebastian Bach/Robert Schumann 

Ciaccona aus Partita Nr. 2 d-Moll für Violine solo BWV 1004

(arr. für Violine und Orchester von James M. Stephenson)

Nicolò Paganini – Violinkonzert Nr. 1 D-Dur op. 6

Robert Schumann – Sinfonie Nr. 2 C-Dur op. 6

Academy St Martin in the Fields

Joshua Bell, Violine und Leitung