Frankfurt, Konzert: „Sebastian Weigle“ – the last one

Sebastian Weigles letztes Museumskonzert

Am 19. Juni 2023 fand in der Alten Oper Frankfurt ein denkwürdiges Ereignis statt – das Abschiedskonzert des hochgeschätzten und langjährigen Generalmusikdirektors der Oper Frankfurt, Sebastian Weigle. Nach 15 Jahren intensiver musikalischer Zusammenarbeit wurde dieser Abend zu einem schönen Moment, um Weigles außergewöhnliches Wirken zu würdigen. Gut 270 Mitwirkende waren aufgeboten, um ihn gebührend musikalisch zu verabschieden.

(c) Wolfgang Runkel

Sebastian Weigle, der selbst eine erfolgreiche Karriere als Hornist in der renommierten Staatskapelle Berlin hatte, zeichnete sich während seiner Amtszeit in Frankfurt durch seine tiefe Verbundenheit und sein Verständnis für das Orchester aus. Seine Erfahrung als Orchestermusiker ermöglichte ihm eine einzigartige Perspektive auf das Zusammenspiel und die Dynamik eines Orchesters. Dies spiegelte sich in der engen Beziehung zwischen Weigle und dem Frankfurter Opern- und Museumsorchester wider, das unter seiner Leitung zu immer neuen Höhenflügen aufstieg.

Als Dirigent zeigte Weigle ein außergewöhnliches Gespür für die Feinheiten der Musik. Als Meister der Interpretation verstand er es, die Emotionen und Botschaften der Komponisten auf subtile und gleichzeitig kraftvolle Weise zum Ausdruck zu bringen. Seine Aufführungen waren geprägt von einer hohen musikalischen Sensibilität, einer präzisen Gestaltung der musikalischen Phrasierung und einer beeindruckenden Beherrschung der dynamischen Palette. Durch seine Dirigate verlieh Weigle den musikalischen Werken eine ehrliche Tiefe und Intensität. In den 15 Jahren seiner Amtszeit präsentierte Weigle ein breites Spektrum sinfonischer Programme in der Alten Oper Frankfurt, gut 150 Werke von 50 Komponisten. Besonders hervorzuheben ist seine besondere Leidenschaft für die Werke von Gustav Mahler, Richard Strauss, Peter Tschaikowsky und Anton Bruckner. Weigles Interpretationen von Bruckners Sinfonien waren zeigten seine Affinität zu dessen Werk und eroberten die Herzen der Zuhörer. Sein tiefes Verständnis für die Musik Bruckners und seine Fähigkeit, die komplexen Strukturen und die spirituelle Dimension dieser Werke zum Leben zu erwecken, machten seine Bruckner-Aufführungen oft zu besonderen Erlebnissen.

Im Abschiedskonzert wählte Weigle nochmals Bruckners neunte Sinfonie, gekoppelt mit dessen Te Deum. Diese Sinfonie, von Bruckner selbst als „dem lieben Gott gewidmet“ bezeichnet, stellt ein monumentales Werk dar, das den Zuhörer auf eine kraftvolle und intensive Reise mitnimmt. Die neunte Sinfonie von Anton Bruckner ist eines seiner bekanntesten und zugleich rätselhaftesten Werke. Sie wurde zwischen 1887 und 1896 komponiert, aber Bruckner konnte den letzten Satz nicht vollständig abschließen. Die neunte Sinfonie ist in Bruckners charakteristischem sinfonischen Stil geschrieben, der von großen, majestätischen Klanglandschaften, einem reichen harmonischen Vokabular und monumentalen Orchesterklängen geprägt ist. Ein herausragendes Merkmal der neunten Sinfonie ist die Verwendung von kontrastierenden musikalischen Themen und Motiven, die oft in verschiedenen Abschnitten der Sinfonie wiederkehren und in Variationen präsentiert werden. Bruckner drückte in dieser Sinfonie eine tiefreligiöse und spirituelle Dimension aus. Die Sinfonie vermittelt dessen Ehrfurcht vor dem Göttlichen und spiegelt seine tiefe persönliche Gottesliebe wider. Der unvollendete vierte Satz, auch als „Finale“ bezeichnet, wurde von Bruckner nur in Fragmenten hinterlassen. Dieses Fragment besteht aus mehreren kurzen Skizzen und musikalischen Ideen, die verschiedene Möglichkeiten für den abschließenden Satz andeuten. Einige Dirigenten haben versucht, den vierten Satz anhand dieser Skizzen zu rekonstruieren, aber es gibt keine einheitliche Version des Finales, die allgemein akzeptiert ist. Als Kompromiss für ein Finale wird immer wieder einmal das Te Deum an die neunte Sinfonie angefügt.

Das Te Deum von Bruckner ist eine monumentale geistliche Komposition für Chor, Solisten und Orchester. Es wurde zwischen 1881 und 1884 komponiert und ist eines von Bruckners bekanntesten Vokalwerken. Das Te Deum basiert auf dem gleichnamigen liturgischen Text des Te Deum laudamus, einem Loblied auf Gott, das seit dem Mittelalter in der katholischen Liturgie verwendet wird. Bruckners Te Deum ist von großer klanglicher Pracht und einer beeindruckenden Orchesterbesetzung geprägt. Die Komposition zeigt Bruckners charakteristischen sinfonischen Stil mit ausgedehnten Orchesterpassagen, mächtigen Chorpassagen und solistischen Einlagen. Das Werk enthält auch einige intime und lyrische Abschnitte, in denen die Solisten die Möglichkeit haben, ihre stimmliche Virtuosität zu zeigen und die musikalische Ausdruckskraft des Textes hervorzuheben. Das Te Deum ist eine feierliche und erhebende Komposition, die Bruckners tiefe Religiosität und seinen Glauben widerspiegelt.

Die Interpretation von Weigles Bruckner-Konzert war zweifellos von einer tiefen Ernsthaftigkeit geprägt, jedoch unterschied sie sich diesmal deutlich von seiner Aufführung im Mai 2014 an gleicher Stelle. Damals präsentierte er eine schroffe, wilde und vergleichsweise ungebändigte Interpretation, während er sich bei seinem (vorerst) letzten Konzertauftritt in der Alten Oper deutlich zurückhielt und kleinere Gesten wählte. Dadurch entstand eine sehr abgeklärte Lesart, die vor allem im klar gegliederten ersten Satz überzeugte. Allerdings war das anschließende Scherzo seltsam verwaschen und erstaunlich unsicher im Zusammenspiel. Es mangelte ihm erheblich an Kontur und klang zu weichgespült. Diese Schwäche war bedauerlich und trübte das Gesamtbild. Auch der dritte Satz litt unter einer ambivalenten Gestaltung. Die Musik schien oft auf der Stelle zu treten und konnte keinen Sog entwickeln. Dadurch zerfaserte das Adagio zu häufig in Einzelsegmente, ohne den großen Bogen zu schlagen. Erst mit dem angehängten Te Deum fand Weigle wieder zu einer offensiven Energie zurück, und die Zuhörer konnten sich über ein effektvolles Finale freuen. Das Frankfurter Opern- und Museumsorchester unter Weigles Leitung bot eine fabelhafte und stilsichere musikalische Darbietung. Das Orchester spielte mit großer Hingabe und Entschlossenheit, sodass Bruckners Komposition letztendlich in all ihrer Pracht erstrahlte.

Ein besonderes Lob gebührt den vier großen versammelten Chören der Stadt Frankfurt: dem Cäcilienchor Frankfurt, dem Figuralchor Frankfurt, der Frankfurter Kantorei und der Frankfurter Singakademie. Ihr kraftvoller und harmonischer Gesang bereicherte das Konzert um eine weitere Dimension. Die Chöre verliehen den Chorpassagen in Bruckners anschließenden Te Deum eine eindrucksvolle Klangfülle und sorgten für erhabene und bewegende Momente. Aus dem Solistenquartett ragte die Sopranistin Monika Buczkowska mit obertonstarkem Gesang heraus, Zanda Svede, AJ Glueckert und Kihwan Sim komplettierten solide.

Herzliche lang anhaltende Ovationen für Sebastian Weigle und die Mitwirkenden.

Sebastian Weigles Wirken als Dirigent und seine Verdienste für die Frankfurter Musikszene sind von großem, bleibendem Wert. Seine Fähigkeit, jedes Konzert individuell zu gestalten und zu einem Erlebnis zu machen, wird den Zuhörern noch lange in Erinnerung bleiben. Mit seinen präzisen und leidenschaftlichen Dirigaten hat er das Frankfurter Opern- und Museumsorchester immer zu überzeugenden, oft auch außergewöhnlichen Leistungen inspiriert und die Stadt Frankfurt um unvergessliche sinfonische Programme bereichert. Adieu und DANKE, Sebastian Weigle!

Dirk Schauß, 20. Juni 2023


Abschiedskonzert Sebastian Weigle

 in der Alten Oper Frankfurt

am 19. Juni 2023

Anton Bruckner

Sinfonie Nr. 9 und Te Deum

Monika Buczkowska, Sopran

Zanda Svede, Mezzosopran

AJ Glueckert, Tenor

Kihwan Sim, Bassbariton

Cäcilienchor Frankfurt

Figuralchor Frankfurt

Frankfurter Kantorei

Frankfurter Singakademie

Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Sebastian Weigle, Leitung