München: „Die Entführung aus dem Serail“

Besuchte Aufführung: 1.6.2015 (Premiere: 30.1.2014)

Hübsch ansehen, aber harmlos

Aus dem intimen Charakter des Cuvilliéstheater, in dem vergangene Spielzeit die Premiere stattfand, wurde die Wiederaufnahmeserie von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ in das Prinzregententheater verlegt. Und erneut stieß die Aufführung bei dem zahlreich erschienenen Publikum auf große Zustimmung. Und das, obwohl diese eher mittelmäßig anmutete.

Daniel Prohaska (Pedrillo), Csilla Csovari (Blonde), Elena Gorshunova (Konstanze), Bernhard Berchtold (Belmonte)

Das lag in erster Linie an der harmlosen, nahe am Libretto bleibenden Inszenierung von Stephanie Mohr, die nicht wirklich aufregend war. Immerhin versteht sich die Regisseurin trefflich auf die Führung von Personen und hatte zudem eine gute Ader für heitere Situationen. Das Stück in einen modernen zeitkritischen Kontext zu stellen und auf seine Bedeutung für die Gegenwart hin zu hinterfragen, war ihre Sache dagegen nicht. Sie ging auf Nummer sicher und näherte sich dem Ganzen von einer traditionellen Warte aus, wobei sie an einigen Stellen gekonnt Tschechow’sche Elemente in ihre Regiearbeit einbrachte. So ließ sie im zweiten Akt den total betrunkenen, eingeschlafenen Osmin während des Quartetts der beiden Liebespaare in einem Sessel über der Szene schweben und auch einmal aufwachen. Was er da kurz sieht, hält er für einen Traum und schläft sofort wieder ein. Auch dem oftmals philosophierenden Bassa Selim ordnete Frau Mohr im dritten Akt diesen Platz in luftigen Höhen zu.

Erwin Windegger (Bassa Selim), Elena Gorshunova (Konstanze)

Das Geschehen dieser „Türkenoper“ weist in der Inszenierung keine örtliche Verankerung auf, sondern spielt sich als Sinnbild des Fremden in einem von Miriam Busch kreierten, exotisch wirkenden Raum mit vom Schnürboden herabhängenden bunten Lampions und einer reflektierenden blechernen Rückwand ab. Dieser stellt in Brecht’scher Manier ein barockes Theater auf dem Theater dar, von dessen Seitenlogen aus das von Alfred Mayerhofer mit Kostümen der Mozart-Zeit ausgestattete Bühnen-Auditorium zu Beginn die Vorstellung verfolgt. Auch im weiteren Verlauf des Abends werden die Logen oftmals in die Aktionen der Protagonisten einbezogen. Unter diesen ist Belmonte neben dem schillernd bunt gekleideten Janitscharenchor der einzige, der der Mozart-Ära entsprungen ist. Die weiteren Handlungsträger muten etwas zeitgenössischer an, wobei sich Konstanze und Blonde noch auf der Grenzlinie befinden. Sehr modern wirken Bassa Selim und Osmin, denen die Regisseurin einen mafiösen Anstrich gibt.

Bernhard Berchtold (Belmonte), Stefan Cerny (Osmin), Daniel Prohaska (Pedrillo)

Der Bassa ist bei Stephanie Mohr ein einsamer Mensch, der den Kontakt und die Auseinandersetzung mit anderen Leuten sucht, letztlich aber scheitern muss. An der Liebe der anderen Handlungsträger kann er nicht teilhaben, was ihn schon mal aus der Haut fahren lässt. Dieser Herrscher ist nicht immer berechenbar. Aber er verzeiht Konstanze die Backpfeife, die sie ihm einmal verpasst. Hier werden die verschiedenen Erscheinungsformen der Liebe beleuchtet, sowohl positive als auch negative. Einfühlsam versucht sich die Regisseurin an einer Neudefinition dieses Begriffs und wirft die Frage auf, was ein Mensch um ihretwillen zu wagen bereit ist. Dieser Ansatz ist zwar durchaus diskutabel, aber er macht die Inszenierung nicht interessanter. Hier haben wir es mehr mit einem Ausstattungsstück als mit spannendem Musiktheater zu tun. Zeitgemäß ist diese eher biedere, geistig-innovativ anspruchslose Produktion wirklich nicht. Um eine in hohem Maße gelungene, aufregende und hochkarätige „Entführung“ zu erleben, fährt man derzeit am besten nach Coburg, an dessen Landestheater ein wahrlich preisverdächtiges Schmuckstück von Inszenierung zu sehen ist.

Ensemble

Lediglich auf durchschnittlichem Niveau bewegten sich auch die sängerischen Leistungen. An erster Stelle ist Elena Gorshunova zu nennen, die als Konstanze alle ihre Kolleginnen weit hinter sich zurückließ. Diese prachtvolle russische Sopranistin nennt erlesenes, tiefgründiges Stimmmaterial ihr eigen, das eine hervorragende tiefe Fokussierung aufweist, warm und gefühlvoll geführt wird und noch bei den eklatanten, ihr sicher aus der goldenen Kehle strömenden Spitzentönen der Martern-Arie – dem Höhepunkt des Abends – nichts an Glanz einbüßte. Bravo! Neben ihr fiel die Blonde von Csilla Csovari deutlich ab. Darstellerisch mit frischem, munterem Spiel durchaus ansprechend war sie vokal mit ihrem ziemlich dünnen, kein solides tiefes Fundament aufweisenden Sopran nicht in gleichem Maße überzeugend. Einen tief fundierten Stimmklang und ein schönes appoggiare la voce vermisste man auch bei dem allzu flachstimmigen Belmonte von Bernhard Berchtold, den man noch von seiner Zeit in Karlsruhe her nicht gerade in bester Erinnerung hat. Trotz eines manchmal etwas variablen Stimmsitzes war nicht zu überhören, dass sich Daniel Prohaska in der Rolle des Pedrillo seit der Premiere weiterentwickelt hat. Und darstellerisch schnitt der über eine gute schauspielerische Ader verfügende Tenor vorzüglich ab. Von den Herren am meisten zu überzeugen vermochte Stefan Cerny, der einen klangvollen, obertonreichen hellen Bass für den Osmin mitbrachte. Die unterschiedlichen Stimmungen des Bassa Selim wurden von dem Schauspieler Erwin Windegger trefflich ausgelebt. Solide präsentierte sich der von Felix Meybier einstudierte Chor des Staatstheaters am Gärtnerplatz. Indes war beim Janitscharenchor ein doch arg dünnes Chorsolo kaum zu hören.

Am Pult erzeugte Oleg Ptashnikov zusammen mit dem gut gelaunt aufspielenden Orchester des Staatstheaters am Gärtnerplatz einen frischen, munteren Klangteppich, dem es sowohl an spritzigen als auch emotionalen Tönen nicht fehlte und der sich zudem durch eine reichhaltige Farbscala auszeichnete.

Ludwig Steinbach, 2.6.2015

Die Bilder stammen von Thomas Dashuber